Anzeiger für die Skadk und den Kreis Fulda. Amtliches Lrelsblakk.
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Samstag, 5. Alärz 1927
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In der Einigkeit liegt die Kraft
Am Schluffe der Nnterhausfißung wurde ein liberaler Abänderungsantran, das Gehalt Chamberlains zum Ausdruck des Mißtrauens um 100 Pfund zu kürzen mit 271 gegen 146 Stimmen abgelehnt.
* Faschistische Auszeichnungen für Ausländer. Die Leitung des Faschismus im Ausland, die ihren Sitz in Rom hat, beschloß, Ausländer, die sich um den Faschismus verdient gemacht haben, eine besondere Ausweiskarte auszustellen.
* Die amerikanischen Einwanderungsgesehe vor dem Repräsentantenhaus. (Eig. Funkm.). Das Repräsentantenhaus nahm die Senatsvorlage an, die das I n k r a f t t r e t en der Abstammungs- tldufel des Einwanderungsgesetzes um ein Jahr verschiebt. Es ist wahrscheinlich, daß Eoolidge die Vorlage genehmigen wird.
Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilage: „Illustrierte Beilage" und „Buchenblätter*. Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Sir. S. x Monatlicher Bezugspreis 1,50 ML x
Die IKiegsschul-frage.
Line Rede des Reichskanzlers Dr. Marx.
Der Arbeitsausschuß Deutscher Verbände veranstaltete gemeinsam mit dem Deutschen Frauenausschuß zur Bekämpfung der Schuldlüge im Ple- narsitzungssoal des Reichstags eine Feier aus Anlaß des Abschlusses der Aktenpublikation des Auswärtigen Amts über die Vorgeschichte des Krieges. Gouverneur Dr. Schnee begrüßte die zahlreich Erschienenen. Dann sprach der Reichskanzler Dr. Marx.
Wir dürfen, so führte er aus, es ohne Anmaßung mit einem berechtigten Stolz aussprechen: Wir Deutschen waren die e r st e n, die den Weg zur Enthüllung der Wahrheit betreten haben. Wir haben ohne Rücksicht auf uns selbst die Schleier vor unfern Geheim- Nissen gelüftet und drei einwandfreien Gelehrten die bisher sorgfältig verschlosienen Archive geöffnet, um alle Urkunden, die irgendwie ein Licht auf unsere Politik in der Epoche von 1871 bis 1914 werfen könnten, der Oef- fentlichkeit unterbreiten zu lassen. Wir wollen der Welt die Möglickkeit geben, die Wirklichkeit klar zu sehen. Wir dürfen wohl heute schon feststellen, daß auf Grund der von uns veröffentlichten Akten niemand mehr an den Beschuldigungen festhalten kann, die eine haßerfüllte Kriegspropagada gegen uns über die ganze Welt verbreitete. Auch andere Regierungen haben jetzt beschlossen, unferm Beispiel zu folgen und ihre Archive zu öffnen. Soeben ist der erste Band der englischen Sitten« Publikationen erschienen, der die Krisentage des Jahres 1914 behandelt, und wie verlautet, werden noch bessere ähnliche Unternehmungen geplant. Dadurch hat unser Kampf um Wahrheit und Verständigung immer wachsendere Aussicht auf endgültigen Sieg. In diesem Sinne heiße ich den Abschluß unserer Publikation als ein bedeutungsvolles und freudiges Ereignis willkommen.
Im Anschluß an Reichskanzler Marx gab der Mitherausgeber der Aktenpublikation, Geheimrat Prof. Dr. Mendelssohn-Bartholdy eine Würdigung des nunmehr abgeschlossenen Aktenwerkes. 16 000 Dokumente mußten aus den Archiven ausgewählt werden. Wir müssen, so fuhr der Redner fort, das Unheil eines Krieges ändern können, dessen Erinnerung uns um so furchtbarer wird, je sicherer wir beim Vergleich der Zeugnisse davon überzeugt werden, daß die Regierung ihn nicht gewollt und nicht berechnend zur günstigen Zeit herbeigeführt haben. Sie machten es sich zu leicht, als sie in Paris vor acht Jahren die deutsche Offensive gegen Westen in einen lang vorbereiteten Angriff und in einen frevelhaften Ueberfall umdeuteten und den Zentralmächten die Schuld am Kriege aufluden. Mit einem Mahnwort der Frau Rrichstagsabgeordneten Mende vom Frauenausschuß zur Bekämpfung der Schuldlüge fand die Feier ihren Abschluß.
Amerika und Mexiko.
wtb. Dashiaglon, 4. März. (Eig. Funkm.) Die Rote der Vereinigten Staaten an Mexiko, über deren Inhalt bisher nichts verlautete, die aber als „ungewöhnlich wichtig" bezeichnet wurde, enthüll, wie jetzt bekannt wird, einen Protest gegen die „organisierte Propaganda gegen die Vereinigten Staaten" durch den mexikanischen Botschafter in Washington, T e l l e z, und den mexikanischen Generalkonsul in Rewyork, Elias» einen Halbbruder des Präsidenten Calles. Botschafter Tellez ist gestern abend aus Washington abgereist.
Die Russenbebatte in London.
vergeblicher Ansturm der Opposition gegen Chamberlain.
Im englischen Parlament, im Unterhaus und im Oberhaus, wurden der englisch-russische Roten- wechsel eingehend erörtert. Die Vertreter der Li- beralen und der Arbeiterpartei traten für eine versöhnliche Politik Englands mit Sowjetrußland ein, während die Konservativen forderten, daß gegen Rußland Folgungen gezogen werden und die Handelsverträge gekündigt werden sollen. Der Außenminister Chamberlain, der aus die Kritik der Opposition antwortete, brachte indirekt zum Ausdruck, daß die diplomatischen Beziehungen mit Rußland nicht abgebrocheii werden. Er erklärte, er habe der britischen Regierung dringend Geduld und Nachsicht anempfohlen, angesichts einer fortgesetzten Herausforderung, wie sie Großbritannien niemals zuvor vonseiten irgend einer Nation zu ertragen hatte, und für die es keine Parallele gebe. Er anerkenne jedoch, daß es Grenzen gebe, über die hinaus diese Geduld nicht ertragen werden könne. Die Regierung behalte sich vor, die Zweckmäßigkeit irgend eines Schrittes als auch den Zeitpunkt, wann er zu erfolgen habe, zu beurteilen. Er habe bei jeder Gelegenheit, bei der er die Sow- letvertreter in England empfangen habe, deren Aufmerksamkeit auf die Tatsache gelenkt, daß das, worüber sich die britische Regierung zu beklagen habe, nicht eine gelegentliche Handlung hier oder dort ist, oder irgend ein Bruch des Abkommens vonseiten vielleicht eines unbotmäßigen und unkontrollierten Beamten, sondern eine fortdauernde und allgemeine Mißachtung des ersten und hauptsächlichsten Zwecks des Abkommens^ Chamberlain bat M a c d o n a l d, der die Verhältnisie kenne, nicht die Sowjetregierung in irgend einem Zweifel darüber zu lasten, daß er dieselben Forderungen wie die gegenwärtige Regierung stellen würde. Chamberlain erklärte, es handle sich bei dem Vorgehen Rußlands nicht um eine Rede hier und dort, es handle sich nicht um Ausbrüche irgend einer Person, sondern um eine vorsätzliche Anstiftung der Weltrevolu- t i o n und die vorsätzliche Einmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Nationen.
Die slufwertungsfrage.
«, Reichskabinett hat sich der „Voss, sig. zufolge mit den verschiedenen Anträgen auf der Aufwertungsgesetze Grundsatz ist, wie das Blatt meldet, MWW worden, daß eine umfassende der Gesetzgebung der Aufwer- könne, um nicht die privat- ?isft?u nschüttem? ^"^unrtschaftlichen Verhält-
bracht, und hier handelt es sich in der Tefji um Dinge, die, wie wir ja schon bei der Bildung der neuen Regierung gesehen haben, ihren Eindruck auf gewiße Kreise nicht verfehlen. Komisch wirkt es, daß auch die sozialdemokratische Presse sich an diesem Spiel beteiligt. Das „Berliner Tageblatt" schließlich glaubt der politischen Bedeutung dieser Angelegenheit gerecht werden zu können, wenn es von Dr. Brauns „neuesten Schachzug" spricht und dem Minister Dr. Brauns ganz merkwürdige Absichten dabei unterstellt. Es soll sich nach diesen Darlegungen um die Auseinandersetzung zwischen Wirth und Brauns handeln, bei der Brauns im Vorteil wäre. Es wird die merkwürdige Ansicht vertreten, daß die Rede Dr. Scholz in Insterburg, die den Anstoß zum Sturz des vorigen Kabinetts Marx gegeben hat, in Inhalt und Form „durch Einflüsse von 3entrums- seite" bestimmt gewesen sei. Was sind das für merkwürdige Entdeckungen! Schließlich heißt es, daß Dr. Brauns und die hinter ihm stehenden Greife zunächst einmal nichts anderes wollen, als eine mögliMt rasche und möglichst erfolgreiche Durchführung der Kulturpolitik des Zentrums. Um dazu zu kommen, soll die jetzige Koalition mit allen Mitteln gesichert werden und eines der Mit- tel fei die Arbeitsgemeinschaft. Die Bayerische Volkspartei werde nicht nur zwei, sondern drei Schritte auf Berlin zumachen müssen. Je starker die „bayerischen Belange" betont würden, desto unmöglicher werde es, in der Arbeitsgemeinschaft republikanische Reichspolitik zu treiben. Das würde sich aber bis auf weiteres nicht umgehen lasten und darum solle man in Ruhe abwarten, welche- Tragweite der neueste Schachzug Dr. Brauns' nun tatsächlich für die Dauer haben wird.
Diese und ähnliche Gedankengänge beherrschen die gegenwärtige Presseerörtungenen in der demokratischen sind liberalen Presse und man beschäftigt sich auch bereits mit Personalfragen, wobei das Gerücht hervorstechend ist, daß nach Bildung einer Arbeitsgemeinschaft im Reichstage in den Vorsitz der Zentrumsfraktion sich die Abgeordneten von Gu 6 rard und Prälat Leicht teilen sollen.
Bemerkenswert ist insbesondere, wie diese Erörterungen auf die Deutsche Volkspartei wirken. Hier sind immer wieder die Aengste wegen der
Reue Seit?
Unsere Kölner Landsleute haben nach einer schwer zu tragenden und schwer ertragenen dreizehnjährigen Pause in dieser Woche zum ersten Male wieder in alter Weise mit feuchtfröhlichem Ulk und buntestem Mummenschanz ihren Rosenmontag begehen können. Und unerbittlich, wie ihr Humor nun einmal ist, haben sie als Motto ihrer „Kappenfahrt" die „Neue Zeit" gewählt. Da sind so manche repräsentativen Personen und Einrichtungen der Nachkriegsaera, der großen Hoffnung aller Idealisten und Märtyrer in der Kriegszeit, im hohen Narrenschiff dem Spott ausgeliefert worden, wenn auch mit rheinischer Gutmütigkeit, mit einer gemütlichen Duldung und einer gutgemeinten Mahnung zur schnellen Einkehr. Wahrlich, unsere „neue Zeit" verdient den Spott und bedarf auch sehr der Karikatur, ihr lautes Getön ist ja noch so ' furchtbar hohl, und wenn wir jetzt in der Besinnung des Aschermittwochs leben, so ist es kaum ein Aschermittwoch für vorwitzige Spötter, das Opfer ist auch jetzt eher die „neue Zeit". Man kann über sie lachen und muß über sie meinen. Sie steht uns zu nahe.
Soll man die Hoffnungen der Reihe nach aufzählen, mit denen wir Menschen in Deutschland, in Europa, in der ganzen Welt über die Schwelle der Nachkriegszeit traten. Was sollte uns nicht alles der Frieden bringen, der Bölkerbund und die deutsche Republik! Und was ist anders geworden? Die Organisationen haben sich zum Teil geändert, zum Teil auch die Menschen. Aber in den neuen Organisationen sitzen die alten Menschen und in den alten Organisationen werden die hier und dort vielleicht mühsam einbrechenden Kinder und Künder einer neuen Generation unbarmherzige Trottel einer verknöcherten Struktur alter Arbeits- und Denkweise. Im übrigen erben sich Gesetz und Recht wie eine ewige Krankheit fort.
Vielleicht sind wir in der politischen Befreiung der Menschen weiter gekommen, in der wirtschaftlichen aber bestimmt nicht, und was besonders im Argen liegt, das ist die Entfaltungsfreiheit der Gemeinschaftszellen, die sich überall in Deutschland neu aufgetan haben. Bisher haben sie unser politisches Gesamtleben nirgendwo merklich befruchten können. Die deutsche Jugendbewegung hat vielleicht ihren „heroischen" Höhepunkt überschritten, aber wo ist sie in der Struktur des öffentlichen Lebens mit ihrem positiven Niederschlag, neues Leben weckend und formend, durchgedrungen, wo hat ihr vielfältiges neues Lebensbild Reflexe einer neuen Ordnung geworfen? Und weshalb konnte ihre so tiefe Ursprünglichkeit nicht fühlbar werden in unserer Gesellschaft?
Es ist an der Zeit, nachdenklich zu werden, auch wenn man grundsätzlich gewillt bleibt, in Jahrzehnten, nicht in Jahren zu denken. Vielleicht liegt alles Unheil und alle geistige Trägheit daran, daß wir zuviel „Beamte" geworden sind. Das gute liebe Deutschland hat sich seit Jahrzehnten überorganisiert, es hat aus jedem kleinen Einzelwollen ein Organisationserlebnis zu machen sich bemüht. Nicht nur feine Kirchen und - Religionen sind ihm zum Erlebnis geworden, — sie allein haben das Recht dazu — sondern auch seine Unterhaltungsmethoden als Methoden, es organisierte seine „Stimmung", es organisierte den Privatverkehr jedes Staatsbürgers, ließ Stammtischgewohnheiten „erleben" und setzte jedes politische Urteil, fei es noch so unwichtig, in den festen Rahmen einer — Weltanschauung. Der Deutsche urteilt nicht mehr aus den Voraussetzungen seines Lebens und Handelns, wie sie ihm Natur, Milieu, Lebensauffassung und Lebensziel eingeimpst haben, sondern aus Voraussetzungen, die zu unabänderlichen Maximen für jede Art seiner geistigen Regungen geworden sind und jeden Naturlaut, den er von sich gibt, bewußt und hart, kantig und kalt durchorganisieren. Jeder Deutsche ist heute der Beamte seiner selbst geworden, der Beamte seines Geschäftes, der $e= ®«te feines Vergnügens, der Beamte feiner Par- r;' "e.r Beamte feiner Religion. Das ganze Le- ^l.9«.?Erbürokratisiert und jeder Nachbar ist Ne- ?5?°uhler und Feind. Er ist im Abstand zu halten.
üi das Signum unseres Zeitalters. Wer feiner Gewinnsucht, wer lockert ihn uni) Jei cr der Höchste, daß er 8™ sondern Helfer, wer lockert
S” (Kffnn» huti?0'*61, sie ihm diene, nicht er mmfrntaÄ toer macht den Deutschen wieder 'twer ?rin0t ihn seinem nächsten nahe, daß sie sich verspüren als eines Blutes und eines Landes mer ffifct in w'°d« ® ,ch" Lch" fen und werden?
^Ar alle die ihr diese große Frage der „neuen horn Organisationen, son
dern nach dem Mittel, sie zu überwinden fnmoit wenigstens, daß sie nicht mehr das neue Lebens das immer wieder aufwachsen und sich befruchtend entfallen will, sich verkrusten lasse, sondern ihm diene, ihm immer neue Wege und Kanäle öffne daß es sich ergieße in alles, was aufgeschlossenen Herzens ist. Die Nachkriegszeit hat Gemeinschaftsformen gezeitigt, die umfassender sind als die Familie, die auch geistig tiefer in sich verbunden find als die Familie, wenn sie auch deren natürliche In- nigteit gewiß nicht ereichen konnten. In diesen Gemeinschaften, sei es der jugendlichen Selbsterziehung oder des sozialen Wohlfahttsdienstes oder der freiwilligen Arbeitspflicht und des Wehrdienstes, stecken volksordnende Aufbaukeime von viel versprechender Fruchtbarkeit. Wo sind nun die Verantwortlichen, die diese Menschen in die erstarrte Ordnung unsere politischen Lebens einfügen und rote steht es um die geistige Technik des neuen Staates? Wird er bald der Herr der Organisationsformen werden oder nicht oder ist ihm das ueue Jahrhundert gleichgültig.
Don besonderer Selle wird uns geschrieben:
Dieses Motto beherrscht die deutschen Katholikentage. Sie sind eine großartige Demonstration für den Gedanken der religiösen Einheit und Einigkeit des deutschen Katholizismus.
Die politische Einheit und Einigkeit des deutschen Katholizismus hat aber in den letzten Jahren zu wünschen übrig gelassen. Die Verhaud- hingen, die gegenwärtig zwischen Bayerischer Volkspartei und dem Zentrum schweben und die zunächst sich auf die Schaffung einer Arbeits- gemeinschast der beiden Parteien im Reichstage zum Zwecke des gemeinschaftlichen Vorgehens in politischen und parlamentarischen Fragen richten, verfolgen den Zweck, diese Einigung des deutschen Katholizismus auch auf politischem Gebiete zu voll- ziehen.
Die gewaltige polittsche Bedeutung dieses Ereignisses kann niemand verborgen bleiben. Sie wird umso stärker in die Erscheinung treten, je mehr das Formale, das Organisatorische dieses Zusammenschlusses in den Hintergrund tritt und die innere geistige und politische Annäherung sich vollzieht.
Das ist das Entscheidende. Das Hauptziel des Zusammenschlusses kann nur fein die politische Einigung der deutschen Katholiken, und dies hinwiederum erschöpft sich nicht in äußeren Formen, sondern muß einen nachhaltigen Ausdruck finden auch in der inneren Gemeinschaft. Darum ist es eigentlich selbstverständlich, daß der Arbeitsgemeinschaft der beiden Parteien alsbald auch der engere Zusammenschluß, die Verschmelzung folgen müsse. Die große Aufgabe liegt also darin, eine Regelung des Gesamt Verhältnisses zwischen den beiden Parteien zu finden.
Nun wird in der Nichtzentrumspresse außerordentlich viel orakelt über die Beweggründe und die angeblichen Hintergründe dieser Entwicklung. Es ist ganz besonders bemerkenswert, wie man sich dabei in der liberalen und demokratischen Presie gegenseitig die Bälle zuwirft. Den liberalen, in der Deutschen Volkspartei gesammelten Kreisen wird gruselig gemacht vor angeblichen schwarzen Kulturplänen des Zentrmns. Die Frage des Reichsschulgesetzes und des Reichskon- kordats werden wieder in die Debatte hineinge-
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Gegner der Konkordats.
Der Lutherbund Dr. Döhrings.
^Dr- Döhring, der frühere Präsident des Evangelischen Bundes, ist mit fernem von ihm neu gegründeten Lutherbund zum ersten Male m Berlin in die breite Oeffentlichkeit getreten. Er hat in den KriegervereinssäM eine große Kundgebung abgehalten. Nachdem Herrn Döhring vom Evangelischen Bund sozusagen der Stuhl vor die Tür gesetzt wurde, hat sich der ehemalige Hofprediger im Lutherring, worüber wir damals ausführlich berichteten, ein neues Betätigungsfeld geschaffen. Das erste Thema, das sich Herr Döhring im neuen Bund zur Behandlung aussuchte, war das „römische" Konkordat.
. Wenn Herr Döhring diesmal erklärt, er und fein Kreis wollten mit den katholischen Mitbürgern in Frieden leben, so sind solche Motte von dieser Seite neu. Herr Döhring will nur, wie er selber sagt, die Gleichberechtigung aller evangelischen Chri- sten gegenüber römischen Aspirationen gewahrt wissen. Damit wird auch die Stellung gegen das Konkordat begründet. Mr sind solchen Schalmeien des Friedens gegenüber außerordentlich skeptisch, zumal wenn sie von einer Persönlichkeit ausgehen, Die das Schlagwort: „An Rom sterben die Völler" ausgegeben hat. Wir haben kein Vertrauen dazu, daß hier ehrliche Ueberzeugung zu uns spricht, denn Herr Döhring hat oft genug ganz Gegenteiliges vertreten und ist nun einmal kvmpromitiett. Daß der größte Teil der Protestanten Deutschlands mit der katholischen Bevölkerung friedlich auf den verschiedensten Gebieten des Lebens zufammen- arbeiten will, glauben wir. Herrn Döhrings Posaunen überzeugen uns nicht.
Was übrigens zur Konkordatsfrage gesagt wurde, muß von uns zurückgewiesen werden. Der Leitgedanke der Ausführungen Döhrings ging dahin, das Schreckgespenst päpstlichen Machtstrebens an die Wand zu malen und seinen Hörern begreiflich zu machen, daß, wenn er sich gegen das römische Konkordat wehre, er sich gegen den Papst wehre. Die Gedankengänge Döhrings sind immer dieselben. Luther müsse gedankt werden, daß er den Anspruch des Papstes, der Stellvertreter Christi auf Erden zu fein, zerschlagen habe. Da der Papst „im urchristlichen Sinne" keine reFigiöfe Potenz fei, so könne er mir als politischer, und zwar von Deutschland aus beurteilt, als außenpolitischer Faktor angesehen werden. Durch das Konkordat wolle der Papst auf innerdeutsche Angelegenheiten maßgebenden Einfluß gewinnen. Er wolle seine Machtstellung auf diese Weise verankern. Das Konkordat fei ein Bestandteil der Gegenreformation und verstoße gegen die Parität.
Mit den religiösen Irrtümern von Herrn Döhring brauchen wir uns nicht zu beschäftigen. Sie sind hundett und aber hundertmal widerlegt. Angriffe auf das Konkordat als solches weisen wir sachlich und politisch mit Entschiedenheit zurück. Die Katholiken wünschen in Deutschland nichts anderes als das ihnen zustehende Recht der freien Elaubensbetätigung und der Gewährleistung einer ungehinderten Glaubensentfaltung und -entwicklung. Wir wollen als voll gleichberechtigt angesehen und behandelt werden. Das bedingt auch die Anerkennung unserer Eigenart. Der Katholizismus ist niemals Staatskirche, er ist universal, und fein Oberhirt ist, organisatorisch gesprochen, der höchste autoritative Vertreter in allen Angelegenheiten der katholischen Kirche. Er muß also auch das Recht für sich in Anspruch nehmen, über die Belange der von ihm vertretenen kirchlichen Organisaftonen ver- ttagliche Staatsvereinbarungen abschließen zu können.
Das Bestreben des katholischen Vollstells und des Katholizismus überhaupt, gewisse Fragen mit dem Staat geregelt zu sehen, ist selbstverständlich. Deshalb hat das katholische Volk nicht nur ein Interesse daran, sondern auch den dringenden Wunsch, daß notwendige ^Regelungen auf dem Konkordatswege erfolgen. Wir glauben, daß auch der Staat seinerseits em Interesse daran hat. Mr meinen, es sei gerade eine Pflicht der Parität, hier dem einen Teil aus feiner Eigenart heraus das Verständnis entgegenzubrrngen, das er allein schon aus der geschichtlichen Tradstion heraus verlangen kann.
Preußen und das ttonkordat.
. Die Vorbesprechungen über den Abschluß emes Dettrages zwischen dem Päpstlichen Stuhl und dem preußischm Staat sollen nach der „Voss. Ztg." zu einer gewissen Klärung gefühtt haben. Nach Auffassung des preußischen Staates müsse eines der Hauptziele der Vettragsverhandlungen darin gesehen werden, daß die preußische Regierung ein Mitwirkungsrecht bei der Ernennung der Bischöfe erhält, da besonders an der östlichen und an der westlichen Grenze Preußens den Bischöfen hervorragende politische Bedeufling zukomme, und zwar vor allem deshalb, weil die Grenzen der bischöflichen Diözesen nicht mit der Reichsgrenze zusammenfallen.
* Der deutsch-estnische Schiedsgerichtsvertrag. Aus Reval wird gemeldet: Die Staatsversammlung ratifizierte den deutsch-estnischen Schiedsge- richts- und Vergleichsvertrag.