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Fulda er Zertung

Anzeiger für die Stabt und den Kreis Fulda. Amtliches Kreisblakt.

Mittwoch, 2. März 1927.

Nr. 50.

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zeftgefahren?

In der für diplomatische Gepflogenheiten außer­ordentlich kurzen Frist von drei Tagen ist auf die jRote Chamberlains an die russische Regierung in Moskau die Antwort erfolgt. In der englischen Presse heißt es, sie sei u n v e r s ch ä m t und frech, im übrigen hätte man keine andere erwarten kön­nen. Litwinow, der die Antwortnote unterschrie­ben hat, geht die einzelnen Punkte der englischen Vorwürfe durch, untersucht sie im Einzelnen, höhlt sie innerlich aus oder sagt schließlich, „wenn an uns etwas auszusetzen ist, dann an Euch noch viel mehr." Das heißt ins Volkstümliche übertragen: wir können uns nicht ausstehen, wir müssen uns miteinander zanken, aber nicht ich, sondern Du bist der Schuldige. Und damit es wirklich so ausklinge, bietet Rußland am Schluß einmal wieder die Ver­söhnungshand an und bemerkt, listig-treuherzig: ich habe mich doch immer mit Dir vertragen wollen!

Dieser Art Noten könnten noch eine ganze Reihe gewechselt werden, zumal sich Rußland auf den Standpunkt stellt, daß es sich nicht bange machen lassen darf, aber auch genau weiß, daß England, wenn es auch im Augenblick die militärisch stärkere Macht darstellt, diese Uebermacht nur besitzt, um sie zu verlieren. Denn mit Rußland gäbe es kei­nen Krieg nach den alten herkömmlichen Regeln, sondern einen Krieg gegen einen Feind, von dem man nie weiß, wo er sitzt und der, wenn man gerade glaubt, ihn an der Gurgel gepackt zu haben, in neuer Frische hinter dem eigenen Rücken wie­der auftaucht. Es heißt jetzt, daß man in führen­den konservativen Kreisen Englands die Annullie­rung des Handelsvertrags durchsetzen wolle, um Rußland zu zeigen, daß man nicht ohne Waffen ist, aber Litwinow hat auch darauf bereits die Ant­wort gegeben, indem er sagte: „Wenn die derzei­tige britische Regierung glaubt, daß der Abbruch der englisch-sowjetrussischen Handels- und aller son­stigen Beziehungen durch die Bedürfnisse des eng­lischen Volkes bedingt wird, und dem britischen Reich und der Sache des allgemeinen Friedens zum Vorteil gereichen wird, so wird sie naturgemäß die volle Verantwortung für die dadurch ausgelösten Wirkungen übernehmen. Ein Abbruch der Han­delsbeziehungen wäre für Rußland gewiß nicht angenehm, aber Rußland hat schlimme Zeiten durchgemacht und überstanden, die russische Re­gierung hat bewiesen, daß sie sich keine große Sorge macht, wenn es dem russischen Volke einmal schlecht ergeht. Dann aber zeigt der unverkennbare H o hn in dem zitierten Satz der russischen Antwort, daß man in Rußland sehr gut weiß, wieviel England verlieren kann, wenn zwischen Rußland und Eng­land offene Feindschaft ausbricht. England ist sich dann sein es eigenen Volkes nicht si­cher. Es ist außerordentlich bemerkenswert, daß die fast leidenschaftliche Mobilisierung der öffent­lichen Meinung Englands gegen den Moskauer Bolschewismus und zwar vor allem mit Rücksicht auf die Unterhausdebatten über die Frage eines Perbots des Generalstreiks, es noch nicht verhütet hat, daß der 21 b ft r om der Wähler ins Lager der Arbeiterpartei ständig wächst. Die letzten Nachwahlen haben den Konservativen an ihren vermeintlich sichersten Punkten harte Schlap­pen beigebracht.

England kann auch nicht wissen, ob seine S i - tuation in Asien nicht noch schlimmer würde. Am russischen Bolschewismus hat sich nun einmal der nationale Freiheitswille der Kolonialvölker entzündet und die russische Diplomatie ist nicht mehr so unklug, daß sie die Grundsätze des Bolschewis­mus, soweit sie über das politische Freiheitsprinzip hinaus und ins Sozialwirtschaftliche hineindringen, den Kolonialvölkern der imperialistischen Mächte aufzudrängen sucht. Den Bazillus der bolschewisti­schen Lehre hat sie für die kapitalistischen Staaten selbst konserviert, für die Kolonialvölker hat sie den „Bazillus" des nationalen Befreiungsgedankens in Reinkultur vorbehalten.

So ist Rußland bei den unterjochten Staaten Asiens beliebt geworden und zu einer außerordent­lichen moralischen Kraft ausgewachsen. Die rus­sische Regierung gibt offen zu, daß ihr für ihre di­plomatischen Ziele j e d es M i tt e l r e ch t ist, auch Die Lüge und der Betrug. Aber diese Offenheit hat ihr nur die Anerkennung einer größeren Ehrlichkeit verschafft. Alle Welt weiß, wie sie mit den Russen daran ist.

Auch die Engländer wißen es. Die russische Antwortnote zeigt die englische Politik in einer festgefahrenen Situation. Sie wird die moralische Uebermacht der russischen Diplomatie irgendwie demnächst anerkennen müssen. Es ist Möglich, daß England dazu nicht leicht bereit sein wird, daß es nach Mitteln suchen wird, um seine Macht gegen­über Rußland zu vermehren. Vielleicht wird P o* len, vielleicht wird Deutschland, vielleicht wer­den noch einige andere Staaten die Wirkungen eines solchen Versuchs demnächst zu spüren bekom­men. Es wird ein falscher Versuch sein. Er wird vor allem den Kampf zwischen England und Ruß­land nicht beendigen, der dann in eine ganz neue Phase kommen kann, wenn China tue sozialwirt­schaftlichen Ideen des Bolschewismus in eine neue lebendigere konstruktive Form umzumodeln sich an­schicken wird. Die geistige Kraft Chinas und die Weisheit zweier Welten, die in dem Lande lebt, der morgenländischen und der abendländischen, wäre dazu wohl in der Lage. Die festgefahrene engllsche Diplomatie zeigt Perspektiven in eine neue Welt, die wir noch nicht kennen.

Großbritannien wird die Sowjetnoke nicht beantworten.

Chamberlain erklärte, daß die englische Re­gierung die Note der Sowjetregierung nicht be­antworten werde. . v v ' - -

Deutschland und polen.

Gelegentlich des Empfanges der Abordnung des deutschen Volksbundes durch den polnischen Außenminister Z a l e s k i überreichte der Präsident des deutschen Volksbundes, Graf Henkel-Donners­mark, dem Minister ein Memorandum, in dem neben der Schulfrage auch die Beeinträchtigung der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte der deutschen Minderheiten behandelt wird, unter Her­vorhebung der Nichtbestätigung der Gemeinde­wahlen.

Ein Ausweisungsbefehl korrigiert.

Nach einer Nachricht aus Kattowitz meldet die „Polonia", daß der im November vorigen Jahres erlassene Ausweisungsbefehl gegen den General­direktor der Verwaltung der Graf Henckel-Donners- mark'fchen Werke, Schulz, berichtigt worden ist. Generaldirektor Schulz behält seinen Wohnsitz in Ost-Oberschlesien noch ein halbes Jahr bei und er­hält dann die Genehmigung, so oft er will nach Ost-Oberschlesien zu fahren und dort sein Amt aus­zuüben. Der Ausweisungsbefehl war erfolgt, weil auf den Gräflich Henckcl'schen Werken Anschläge erschienen waren, daß die fälligen Löhne der Ar­beiter nicht ausgezahlt werden könnten, weil das hierfür bestimmte Geld von der Steuerbe­hörde beschlagnahmt worden sei. Die Zeitung teilt ferner mit, daß gegen die für den Aushang verantwortlichen Direktoren der Henckel'schen Werke ein Strafverfahren eingeleitet worden sei, indem sie beschuldigt werden, in unzulässiger Weise gele­gentlich der Gemeindewahlen für die deutsche Seite Partei ergriffen zu haben.

Völkerbund im März.

Die Vorbereitun^n für den Völkerbundsrat, der am nächsten Montag in Genf zusammentritt, find von deutscher Seite bereits in vollem Gange.

Staatssekretär v. Schubert begibt sich nach einer Meldung der „Germania" voraussichtlich bereits am Dienstag nach San Remo, um von dort aus gemeinsam mit dem Reichsanhenminister nach Genf zur Tagung des Völkerbundsrats zu fahren. Der Völkerbundsreferent des Auswärtigen Amts, Ge­heimrat Below, wird wahrscheinlich am Freitag abend nach Genf abreisen.

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Der deutsche Botschafter in Rom, v. Neurath, ist in San Remo eingetroffen.

„Stegerroalö als Erzieher".

Unter diesem Titel veröffentlicht der „Sozial­demokratische Pressedienst" einen Artikel, der Herrn Stegerwald in Versammlungen allerlei Ungereimt­heiten sagen läßt, und dann dagegen Stellung nimmt. In Wahrheit hat Stegerwald noch zuletzt in Neustadt a. d. H. mit Bezug auf Koalitionsfra­gen folgendes ausgeführt:

„Dis Sozialdemokratie ist seit mehr als dreißig Jah­ren und auch heute noch als eines der Kernprobleme der deutschen Politik anzusehen. Nach wie vor lautet ihr gegenüber die Aufgabe: entweder die Sozialdemo­kratie muß entscheidend geschwächt oder die ihr anhän­genden Massen müssen in ein anderes Verhältnis zu Volk und Staat gebracht werden.

Einer der großen innerpolitischen Fehler seit der Staatsumwälzung war die Verschmelzung der Mehrheits­sozialdemokratie mit der Unabhängigen sozialdemokratt- schen Partei. Der Schlüssel für diesen Fehler liegt im Oktober 1921. Ende August 1921 wurde Erzberger ermordet. Damals drohte das deutsche Volk in zwei Lager auseinanderzufallen. Persönlich war ich in dieser Zeit preußischer Ministerpräsident. Anfang September 1921 ging ich zum Herrn Reichspräsidenten Ebert und sagte ihm, daß auf ihm und mir gegenwärtig eine große Verantwortung ruhe. Persönlich sei ich nicht willens, mit dem parteizerrissenen Zustand, mit einer Minder­heitsregierung in Preußen und im Reiche mich abzusin- den; ich würde bei Zusammentritt des Landtages Ende September eine große Rede halten und ungeschminkt aussprechen, was ist. Ebert stimmte mir zu und be­wirkte, daß der Görlitzer Parteitag der Mehrheitssozial­demokratie, der Mitte September tagte, den Beschluß faßte, daß die Mehrheitssozialdemokratie grundsätzlich mil« lens'sei, mit der Deutschen Dolkspartei sich zu koalieren. In Preußen hätte nach dem Görlitzer Parteitag der So­zialdemokratie die Große Koalition in wenigen Tagen geschaffen werden können. Das lehnte ich ab. Für mich war das Wesentlichste, durch den Druck von Preußen her stabile Verhältnisse im Reich zu schaffen. In Preu­ßen waren Mehrheitssozialdemokratte und Deuffche Volkspartei bei einer Koalition die Nehmenden; sie wol­len beide teilnehmen an der preußischen Verwaltung. Im Reiche dagegen mußten beide Parteien die Gebenden sein: Die Deutsche Volkspartei mußte Besitzsteuern, die Sozialdemokratie indirekte Steuern genehmigen. Diese Situation wurde im Oktober 1921 im Reich nicht aus­reichend ausgenützt. Im November 1921 kam dann die Austeilung Oberschlesiens durch das Genfer Diktat, wel­ches die Deutsche Volkspartei, noch in Opposition stehend, nicht anerkennen wollte. Und so waren meine Bemü­hungen, feste Mehrheitsoerhällnisse in Preußen und im Reiche zu schaffen, zerschlagen. Ich trat zurück. Ein halbes Jahr später wurde R a t h e n a u erschossen, womit der Anstoß zur Verschmelzung der Mehrhcitssozialdemo- kratie mit der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei gegeben wurde. Ebert war entschiedener Gegner dieser Verschmelzung. Durch sie wurde die Gesamtsozial­demokratie radikalisiert, und der E n d p u n k t dieser Ent­wicklung, die über das Kabinett Cuno und den Ruhrein­bruch gegangen ist, ist die Äoalitton, die in den letzten Wochen gebildet worden ist. Im November 1922 hätte diese Entwicklung noch umgebogen werden können, statt dessen hat die inzwischen verschmolzene Sozialdemokratie Herrn Wirth gestürzt. Die Väter der gegenwärtigen Koalition sind in Wahrheit die Republikaner, die im Oktober 1921 und November 1922 die Stunde nicht ge­nützt haben. Im August 1923, mitten im Ruhreinbruch, also in der ungünstigsten Stunde, die man sich vorstel- len konnte, kam bann die Große Koalition, die im Ok­tober 1921 hätte kommen müssen. Sie konnte in dieser Stunde gar nicht von Dauer sein."

Diese Darstellung hat Hand und Fuß, mit leien ist ihr bestimmt nicht beizukommen.

Politik in Preußen.

Aus parlamentarischen Kreisen schreibt man uns:

Die jüngsten Abstimmungen im Preußischen Landtage über die sog. Hirtsiefe r-Verordnung haben das Bild der Uneinigkeit der Koalitionspar­teien geboten. Die Demokraten sowohl wie die So­zialdemokraten haben den Wünschen des Zentrums­ministers nicht zugestimmt und haben, wenn man so sagen soll, Oppositionsstellung bezogen. Bei den Sozialdemokraten war das noch verwunderlicher als bei den ewig schwankenden Demokraten, die auf einmal alle ihre Versprechungen wegen der Aufhe­bung der Zwangswirtschaft vergessen zu haben schienen und eben Agitationspolitik machten. Im­merhin, es gelang, einen Eklat zu verhindern, und auch der einzige Antrag, der durchkam und die Hirt- sieferverordnung auf einen späteren Termin ver- schob, fand eine nur schwache Mehrheit und ist nicht einmal ausführbar.

Es war nicht merkwürdig, wenn an diese Dinge gewisse Vermutungen sich knüpften, die auf eine Möglichkeit der Veränderung der gegen­wärtigen Regierungsbasis hinausliefen. Aber es war doch von vornherein sicher, daß die Rechte in diesem Falle mit dem Zentrum gehen würde, wobei wir noch besonders hervorheben wol­len, daß sie es nur erst auf energischen Druck hin tat. Aus dieser Tatsache Schlüsse ziehen zu wollen, geht entschieden zu weit. Es ist übrigens nicht das erste Mal, daß auch das Zentrum mit der Rechten gegen die eigenen Koalitionsgenossen zusammengeht. Das war z. B. bei der Frage der Jnstruierung der Provinzialstimmen im Reichsrat der Fall, das ist in den Schulfragen immer der Fall gewesen und das wird auch gelegentlich noch in anderen Dingen der Fall fein.

Aber schließlich ist doch eine Koalition eine Zu­sammenfassung von verschiedenen Parteien in der Absicht, eine gewisse politische Linie zu verfolgen. Auf diese Absicht kommt es an, dann ist natürlich innerhalb der Koalition die Möglichkeit zu einzel­nen Sondermaßnahmen gegeben. Nimmt man diese nicht als koalitionsstörend, so können sie hin- gehen, obwohl sie natürlich kein Ideal sind. Nur so, und nicht anders, muß auch die Lage im Land­tage gesehen werden. Daß gewisse Spannungen unter den Koalitionsparteien vorhanden sind, ist unleugbar, aber die entscheidende Frage ist, ob sie verhindern wollen, daß daraus mehr entsteht. Und das glauben wir durchaus.

Wir können uns nicht vorstellen, daß die Sozial­demokraten den Wunsch haben, sich in Preußen aus der Regierung hinausmanöverieren zu lassen, wir können nicht glauben, daß dies der Wunsch der Demokraten ist. Wir können aber ebenfalls nicht annehmen, daß es der Wunsch der Zentrumsfrak- tiotr des preußischen Landtages ist. Seitdem im Reich die Regierungsänderung vor sich gegangen ist, haben wir ein doppeltes Interesse daran, die Fühlung nach links nicht ohne weiteres fallen zu lassen.

Nimmt man also die Sage einmal nüchtern, so wird man nicht umhin können zu sagen, daß die gegenwärtige preußische Regierung keine Veranlas­sung hat, sich selber Schwierigkeiten zu ma­chen. Geradezu sonderbar wirkt das übrigens bei den Demokraten, die innerhalb der Koalition ohne­dies viel zu stark vertreten sind, also den stärksten Anlaß haben, keine Krisen hervorzurufen, die ihnen am ehesten noch die Stellung kosten könnte, wäh­rend für das Zentrum diese Befürchtung nicht be­stehen kann, da es jederzeit in der Lage ist, eine neue Regierung zu bilden.

Wir glauben daher, daß die vorhandenen Span­nungen sich wieder legen werden und daß, wenn einmal das agitatorische Moment, das in der Hirt- sieferverordnung steckt oder künstlich hineingetra­gen ist, überwunden sein wird, dann auch die Dinge in Preußen wieder den ungestörten Verlauf von Tüljer nehmen werden. Daß die drei Regierungs- mrteien die Absicht haben, sich zu verständigen, ist icher, und daß sie nicht etwaigen Störungen zum Opfer fallen, ist noch sicherer. Inzwischen hat sich ja auch schon gezeigt, daß das preußische Schiff wieder ruhigen Kurs nimmt und ohne Schwankun­gen weiter fährt.

Die Monarchisten.

Der weitere Vorstand der Deutsch-Konservativen Partei, der in Berlin unter dem Vorsitz von D. Graf Seidlitz-Sandrevzki zusammentrat, billigte einstimmig eine Entschließung, in der es heißt: Wir Konservativen stehen in unbeirrter Treue zum monarchistischen Gedanken und zum angestammten Herrschllhaus. Wir bekennen den Willen zur Be- freiungninb zu einer Außenpolitik, die durch Würde und Lichtung gewinnt. Die Deutsch-Konservative Partei hat sich bei ihrer selbsüosen Mitarbeit in der Deutschnationalen Volkspartei volle Selb­ständigkeit vollständig bewahrt.

Die Entschließung fordert schließlich die konser­vativen Kreise auf, sich in den Vereinen der Deutsch-Konservativen das Machtmittel zu schaffen, um bei kommenden Wahlen die konservativen For­derungen zur Geltung zu bringen.

Die Missionen in China.

Reuter meldet aus Futschau: Die Kuormlntang- behörden in Kienningfu (in der Provinz Fukien) haben zwei christliche Organisationen aufgelöst und die Schließung a 11 er Missionss ch u 1 e n bis zur Wiedereröffnung der Eingeborenenschulen angeordnet. Sie drohen ferner mit der Beschlag­nahme der Missionsgrundstücke. In der a n g l i- konischen Ki rche, die beschlanahmt werden

Witze- I soll, veranstalten die Kuorrnintangbehörden eine

* Theatervorstellung.

Das Wettrüsten.

Von unterrichteter Seite geht uns folgende Mit­teilung, die sich auf zuverlässige Orientierung gründet, zu:

Vergleicht man den Effekt der Abrustungsbe- rnühungen mit den Tatsachen des allgemeinen Wettrüstens in der Welt, so kommt man bald zu der Ueberzeugung, daß der Weltfrieden nach wie vor ernstlich b e d r o h t ist.

Betrachtet man den Rüstungsumfang im Be­reiche der Großmächte, so erscheint die finanzielle Seite des Problems besonders bemerkenswert. Rechnet man beispielsweise die militärischen Aus- gabenetats Frankreichs, Italiens und der Bereinig­ten Staaten zu fammen, so ergibt sich, daß ihre gesamten militärische Ausgaben, die im Jahre 1913 993 Millionen Dollar ausmachten, im Jahre 1926 auf 1768 Millionen Dollar gestiegen waren. Das Marinebudget der Vereinigten Staaten, das 1913 mit 294 Millionen Dollar beziffert war, ist für 1926-27 mit 323 Millionen Dollar veranschlagt. In derselben Zeit wurde das japanische von 48 auf 100 Millionen Dollar hinaufgeschraubt. Das Kriegs­budget der Randstaaten (Finnlands, Estlands, Lett­lands, Polens und Rumäniens) das 1913 insge­samt 185 Millionen Dollar betragen hatte, machte 1926 214 Millionen Dollar aus.

Auch die Ziffern der st e h e n d e n H e e r e wur­den in der letzten Zeit stark erhöht. Die Frie­densheere Frankreichs, Englands, Italiens und der Vereinigten Staaten zählt 1913 zusammen 1 613000 Mann, heute aber 1 821 000 Mann. Die Rand­staaten, die 1913 479 000 Mann unter den Waffen hatten, haben es auf 533 000 Mann gebracht. Mit der Erhöhung der Heeresstände geht eine Vermeh­rung der Kriegskaders Hand in Hand. In F r a nk- reich beträgt die Zahl der waffenfähigen militä­risch Dorgebiibeten Männer bereits 80 Prozent, in der Tschechoslowakei sind es sogar schon 85 Pro­zent, in Großbritannien immerhin 75 Prozent. Aber nicht nur quantitativ, sondern auch qualita- tiv wird gerüstet. Nicht nur der Gesamttonnenge­halt ist größer geworden, nicht größere Schiffs- tnpen allein sind gebaut worden, sondern vor allem ihre Gefechskapaziiät hat eine bedeutende Steige­rung erfahren. Nachstehend folgende Vergleichs­tabelle:

Ionogen der Kriegsflotte 1922.

Vereinigten St-mttn 664 000

England 667 000

Japan 180 000

Progr ' C ’ c 1930.

Bereinigten S!: n 776000

England 775 000

Japan 423 000

Also wird nicht nur England nicht mehr die größte Kriegsflotte der Welt besitzen, was noch wichtiger ist, der Konflikt bereitet sich gegen den Stillen Ozean vor. Auch in der Mandschurei und Korea wird eine leistungsfähige Kriegsrüstungs- Industrie eingerichtet.

Es gibt heute Linienschiffe mit 42 000 Register­tonnen während die Wasserverdrängung vor dem Kriege ungefähr 27 000 Registertonnen betrug. Die Schlachtkreuzer sind heute fast doppelt so groß, wie vor zwölf Jahren: die Torpedoboote mehr als doppelt so groß, und die U-Boote dreimal so groß. Die Unterseedreadnought ist Wirklichkeit geworden. Die Pferdestärke eines Linienschiffes vor dem Kriege betrug 80 000, jetzt bereits 144 000. Die Maschinen eines Panzerkreuzers sind fünfmal so stark als vor dem Kriege, ein Unterseeboot ist reich­lich viermal stärker als 1913. Die Besatzung ist um 50 bis 100 Prozent gestiegen, die Unterseeboote von 27 auf 104 Mann.

Folgende Tabelle veranschaulicht die Entwick­lung der Landartillerie:

Auf tausend Kombattanten entfielen Geschütze:

Frankreich England

1913 5,2

1913 4,9 Mascbinenaei

1925 1925 vehre:

7,2

7,7

Vereinigte Staaten

«wr V X* I t • 1V tVy

1913 3,9

1925

8,3

leichte

Frankreich

1913 —

1925

49

England

1913 —

1925

33

Bereinigte Staaten

1913 —

1925

14,2

schwere

Frankreich

1913 2,4

1925

10,7

England

1913 1,5

1925

10

Bereinigte Staaten

1913 5,8

1925

8,2

Die Luftflotten sollen bis 1932 folgende Zahlen auf weisen: (die eingeklammerten Ziffern bestimmen den gegenwärtigen Besitzstand an Flugzeugen, ein­schließlich Hydroplane): Frankreich 2600 (1500), England 900 (600), Italien 1400 (1000), Vereinigte Staaten 950 (600), Japan 700 (400).

Dazu kommen noch die ganz enormen, meist geheimen Rüstungen zum künftigen Giftgas- krieg, dessen Dimensionen sich gar nicht abschätzen lassen. So sehen die Tatsachen aus, die kraß gegen die Worte von „Abrüstung" stehen . . .

• Feier zum Abschluß der Aktenpublikation des Auswärtigen Amtes. Im Hause des Staatssekre­tärs v. Sdyubert in Berlin fand anläßlich des Ab­schlusses der Aktenpublikation des Auswärtigen Amtes zu Ehren der Herausgeber Dr. Thimme und Prof. Mendelssohn-Bartholdy eine Festlichkeit statt, zu der u. a. Staatssekretär Meißner, die Direktoren des Auswärtigen Amtes, der Leiter des Schulrefe- rats Dr. Stieve, Exz. Rosen, Gouverneur Schnee, Prof. Delbrück und Graf Monteglas erschienen wa­ren. Staatssekretär v. Schubert überreichte den Her­ren Dr. Thimme und Prof. Mendelssohn je ein Dankschreiben des Herrn Reichspräsi­denten. Außerdem erhielt Dr. Thimme als be­sonderes Zeichen dankbarer Anerkennung eine Bronzeplakette.