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Nr. 48.

Sonntag, 27. Februar 1927.

8 0,80 JUL Bet Wiederholungen S Postscheckkonto Frankfurt a. M. Nr. 4051

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilage: „Illustrierte Beilage" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei tu Fulda. Fernsprecher Nr. 9. :< Monatlicher Bezugspreis 1,50 9RL ;<

uldaerZertung

Anzeiger für die Stabt und den Kreis Fulda. Amtliches Krelsblatl.

Die deutsch-französische Verständigung.

kleutzerungen vriands. — Deutsche Politiker zur slutzenpolitik.

wtb. Paris, 26. Febr. 1927. (Eig. Funkm.) Der ftauzösische Zlutzenminister Briand hat dem „Petit Parisien" über die französische Politik gegen­über Deutschland Erklärungen abgegeben, die im wesentlichen folgendes besagt: Die Friedenspolitik, die mit Zustimmung des Parlaments fortgesetzt wird, wird in vollem Einvernehmen mit unseren ehemaligen Alliierten und unseren Freunden betrie­ben. Die will nicht nur zwischen Deutschland und Frankreich alte Konfliktgefahren beseitigen, sonder auch durch politische und wirtschaftliche Abkommen beide Länder so eng und dauerhaft wie möglich einander näherbringen und nach und nach einen Zustand der moralischen Solidarität und der materiellen Abhängigkeit zu schaffen. Es handelt sich um einen natürlichen Lauf der Dinge in den lebendigen Beziehungen der bei­den grasten Nachbarstaaten, die sich beide bekämpfen und doch nicht voneinander trennbar sind, eine Neuorientierung herbeizuführen. Ich habe immer gesagt, daß dies ein Werk auf lange Sicht sein wird, das viel Geduld, viel Mut und viel Dnkt von beiden Seiten erfordert und daß der M beschreitende Weg mit Hindernissen besät ist. Ich bin diesen Weg gegangen trotz dieser Schwierig­sten. Haben wir, so fragt Briand, nicht einen guten Teil des Weges bereits zurückgelegt, und sind die erzielten Resultate nicht schon sehr beach­tenswert? Man muß zurückdenken an den Aus­gangspunkt, an den Versailler Vertrag.Man muß sich daran erinnern, wieviel Schlechtes man trott ihm in Deutschland noch mehr als in Frankreich gesagt hat.

Heber die deutsche Kampagne zur

vorzeitigen Räumung des Nheinlandes mMrte Briand: Ist das etwas Anormales, baß die Deutschen die Freiheit ihres Bodens for- bern? Würden wir nicht das gleiche tun? Für die Beurteilung des neuen deutschen Kabinetts würde ed das beste sein, seine Handlungen abzuwarten.

v. Guerard und Dr. Noch.

nach Berlin entsandte Sonder-Berichter- ftatter des radikalen „Svir" berichtet über Unter­redungen, die er mit den Reichstagsabgeordneten v- Auerard und Koch gehabt hat.

Abgeordneter v. Guörard erklärte: Locarno er- fd,ttnt mtr als die Charta unserer Außenpolitik und bicie Jßolihf hat beträchtliche Rückwirkungen auf Zum ersten Male scheint das deutsche Volk sich darüber einig zu sein, diese Poli- r rrfn^Tte^mPTT" Gewiß gibt es eine Rechte, aber teils die Rechte ihre Opposition kund tun würde, wurden wir uns ohne weiteres aus der Koalition $cr Schatten, den man be- r1« ’ rl - . Rheinlandbesetzung, die ganz zweck- r£ könnte doch die französische öffent-

lufte Meinung hiervon überzeugt werden und könnte

sw doch Briands Bemühungen um die deutsch-fran­zösische Verständigung billigen.

Reichstagsabgeordneter Koch erklärte: In un­serer Außenpolitik ist nichts anders geworden. Sicher ist, daß die Nationalisten heute nicht versuchen wer­den, die Aktion Stresemanns zu konterkanieren, sonst würden ihnen weder die Demokraten, noch die Volksparteiler noch die Freunde des Reichskanzlers auf diesem Wege folgen. Der Gedanke der deutsch­französischen Annäherung kann nur Fortschritte machen. Dazu diente auch der demokratische Frie­denskongreß vor einigen Wochen in Karlsruhe. Ein Zwischenfall zwischen französischen Soldaten und deutschen Staatsangehörigen im besetzten Ge­biet kann immer wieder monatelange Friedensbe­mühungen zunichte machen. Die wirkliche Pazi- fierilng wird nur endgültig durch die Räumung er­zielt werden. In diesem Wunsche ist unsere öffent­liche Meinung konferm. Was das Regime in Deutschland anbetrifft, so ist keine Befürchtung zu beben. Die Republik ist endgültig konsolidiert/Auf die deutsch-polnischen Beziehungen eingehend, er­klärte Koch: Die polnische Nation ist weit davon entfernt, sich friedliebend zu verhalten. Sie weist unsere Staatsangehörige zu Hunderttausenden aus, sodaß wir uns tatsächlich die Frage vorlegen müssen, ob Polen wirklich den Frieden will.

Zur Nri'egsschuldsrage.

wtb. Berlin, 26. Febr. (Eig. Funkm.) In einer Schrift „Im Dienste der Wahrheit", die der Ar­beitsausschuß deutscher Verbände zum Abschluß der Aktenpublikation des auswärtigen Amtes dem­nächst herausgibt, befinden sich folgende Aeußerun- gen der Reichsleitung über die Besprechung des abgeschlossenen Werkes:

Reichspräsident Hindenburg: Wir haben die politischen Geheimakten unserer Vergangenheit enthüllt, um der Wahrheit über die Entstehung des Weltkrieges zum Siege zu verhelfen. Unsere Aktenpublikation ist ein offenes Bekenntnis an die Welt. Wir erwarten heute eine ebenso offene Antwort der Welt auf dieses Bekenntnis.

Reichskanzler Dr. Marx: Der hohe Gedanke der Völkerverföhnung kann auf geistigem Gebiete durch nichts so stark und nachhaltig gefördert wer­den als durch unbedingte Au f r i ch t i g k e i t über jene Vergangenheit, die Europa in zwei feindliche Sager gerissen hat. Wir sind durch unsere Akten­publikation auf dem Wege zur geistigen Annähe­rung der Rationen vorangegangen.

Reichsaußenminister Dr. 'Stresema nn: Wie ich auch schon erklärt habe, sind wir Deutschen be­reit, uns dem unparteiischen Gerichts­hof zu stellen, der die Ursache des Weltkrieges untersucht. Die Aktenpublikation des auswärtigen Amtes enthält das Material für den Gerichtshof. Die Welt wird die Ueberzeugung gewinnen, daß Deutschland keineswegs den Krieg böswillig be­trieben ober absichtlich entfesselt hat.

Das deutsche Luftfahrwesen.

Eine Ausstellung geplant.

, für das Lustfahrwesen, der unter

1 , *?®8 Reichsverkehrsministers Dr. Koch

2 befaßte sich mit der zur-

f ^rage einer Verbände deut-

1 o er£ h A h ?^eU9 ^lftrier(er Nr veranstaltenden

U n/ /Abstellung, die für Mürz 1928 ,r* genommen worden ist. Der Beirat "klarte sich mit dem Zeitpunkt und mit dem i n - e_Ln ° nJs .n Charakter der Ausstellung ein­verstanden und setzte zur Erörterung von Art, Zweckbestimmung der Ausstel- Ausschuß eiw ®erQtun9 über den Ort einen

* 3entrnm nnb Bayrische Dolkspartei. Schon leit einiger Zeit sind Vorerörterungen inoffizieller Art gepflogen worden über die Bildung einer ^Arbeitsgemeinschaft zwischen Zentrum und kDayrischer Dolkspartei im Reichstag. Die Fraktion bat nunmehr einmütig gebilligt, daß nun auch offi­zielle Verhandlungen mit der Bayrischen Volks- battei über die Wiederherstellung einer Arbeits­gemeinschaft gepflogen werden sollen. Die endgül- tifle Entscheidung wird von der Fraktion selbst ge- hoffen werden. Der Beschluß selbst und die Ein- nrütigkeit, mit der er gefaßt wurde, haben einen starken Eindruck gemacht.

* Der Wechsel im Preußischen Justizministerium. IS Rücktritt des

Z°hflhoff wird nun» "lehr, wie das „V -T. erfahren haben will end­gültig am 4. März erfolgen. Die ?on Är an­deren Seite verbreitete Meldung, daß Senatsvräsi- Aü Dr. Schmidt bereits zum Nachfolge Am Aehnhoffs ernannt worden sei, treffe nicht zu . * Mr deutsche Reichsangehörigkeit. Die dem»- ■ ^tische Reichstagsfraktion hat auf Antrag des ^aktionsvorsitzenden Koch beschlossen, dem Reicks- einen Antrag vorzulegen, in dem die Reicks- Mlerung ersucht wird, einen Gesetzentwurf ciniu- "trngen, der für alle Deutschen anstelle der S t a a t s 5"gehörigkeit eine deutsche Reichsana e v °rr gkeit setzt. B

Die Tanger-Frage.

Die spanisch französischen Verhandlungen.

wtb. Paris, 26. Febr. (Eig. Funkm.) Wie das „Journal" aus Madrid meldet, hat die Zen- fur die Zeitungen daran gehindert, die franzö- stlchen Pressekommentare zu dem spanischen Tan­ger-Memorandum zu veröffentlichen. In dem gestern abgehaltenen Ministerrat sei die Note der französischen Negierung geprüft und die Ant­wort festgelegt worden, die heute den spanischen Delegierten in Paris übermittelt werden soll.

* Wiederaufnahme der deutsch-französischen Han­delsvertragsoerhandlungen. Havas berichtet, daß die deutsch-französischen Verhandlungen zwecks Ab­schluß eines endgültigen Handelsvertrages in Paris wieder ausgenommen werden.

* Der Kampf in Mittelamerika. Wie Associa­ted Preß aus Puerto Vab^as in N icaraaua meldet, hat Sacasg erklärt: Wenn die amerikanischen Streitkräfte zur Unterstützung Diaz' an die Libera­len das Ansinnen stellen sollten, die Waffen zu strecken, dann werden sie, wie ich fürchte, sich ge­nötigt sehen, zu kämpfen.

* Der Kampf um den Kreuzerbau in Amerika. Der Senat in Washington hat den Zusatzantrag des Repräsentantenhauses zur Marinevorlage an­genommen, der 450 000 Dollar für den Bau dreier leichter Kreuzer vorsieht.

— probuffionseinfrfjränfung des Stahlkartells. Wie aus Brüssel gedrahtet wird, sollen die belgischen und französischen Teilnehmer am Internationalen Rohstahl- kartell für die Sitzung am 3. März einen Antrag auf t-,rß lgung der Produktionsquate um 2% Mill. Tonnen beabsichtigen.

, r,~ deutsche Magner-Festspiele in paris. 3m März sollen unter Leitung des Grafen Fred Colloredo, der als Kammersänger Westsried auf deutschen Bühnen und im Auslande bekannt geworden ist, im Grand Theatre des Champs-Ely ees deutsche Wagner-Festspiele stattfinden. Es sind zwölf Abende vorgesehen, der Zyklus soll am 5. Marz beginnen und „Walküre", „Siegfried", „Tannhäu- fer", „Lohengrin" und „Meistersinger" bringen. 3n die musikalische Leitung sollen Kleiber und Walter teilen. Als mitwirkende Künstler kommen nur die hervorra­gendsten Magner-Sänger, die in deutscher Sprache sin- gen, in Betracht, unter anderem: Ochmann, Leider Nemeth, Andersen, Fritz Kraus.

Das neue Litauen.

... Gme im Sejm abgegebene Erklärung der neuen litauischen Regierung betont nach Blättermeldungen aus Kown o, daß das Ziel der litauischen Au­ßenpolitik m erster Linie ein unabhängiges Litauen mit Wilna als Hauptstadt sei. Die Regierung strebe die völkerrechtlich garantierte Neutralität Litauens an. Die sogenannte Kriegs» $one gegen Polen müsse unter eine Art interna­tionaler Verwaltung gestellt und auf diese Weise besonders neutralisiert werden. Die Durchführung eines derartigen Programms werde natürlich län­gere Zeit erfordern, aber Litauen werde Verhand- ungen mit Polen nicht ausweichen. Im übrigen ei es Grundsatz der Regierung, zu keinem der sroßen Nachbarn Litauens engere Anlehnung zu uchen. Hinsichtlich der angeblichen Pläne, Litauen als Austausch gegen den Korridor Polen zuzuteilen, sagte die Regierungserklärung, diesen Plänen würde Rußland kaum ruhig zusehen, und ba sie zu sehr die Gefahr eines europäischen Krie­ges in sich berae, seien sie nicht ernst zu nehmen. Innerpolitffch kündigt die Regierung die Notwen­digkeit einer Reihe von Verfassungsänderungen an, die auf Stärkung der R e g i e r u n g s g e- walt und Schwächung des Parlamentseinflüfses hinzielen.

*

Die „Tribuna" in Rom meldet, daß Mfgr. Schioppa zum Internuntius in Litauen, das die diplomatischen Beziehungen zum Vatikan aufge­nommen hat, ernannt worden ist. Schioppa/der auch Jnternuntius in den Niederlanden ist, behält jedoch feinen Sitz im Haag bei.

Das Befinden des Beichstags- präsidenten.

wtb. Berlin, 26. Febr. (Eig. Funkm.) Prä­sident Lobe hat eine ruhige Nacht verbracht. Das Befinden des Patienten ist weiterhin zufrie den- stellend.

Unterdrückung des Kommunismus in Chile. Aus Santiago de Chile wird gemeldet: Alle anar­chistischen und kommunistischen Führer sind verhaf­tet und ihre Zeitungen verboten worden. Der Premier, Oberst Carlos Ibanez, erklärte, er werde die rote Fahne nicht dulden und werde das Land vom Anarchismus und Kommunismus befreien.

Gegen das rote China.

Reuter meldet aus Schcmhai: General Tschangtsungtschang hat eine Proklama­tion veröffentlicht, in der er dem Kommunis­mus die Schuld an dem Chaos zuschreibt. In der Proklamation wird der kantonesische Oberbefehls« hader Tschiangkaischek als ein „mitleidslos e; Räuber und eine brutale Bestie" be­zeichnet.

In einer Meldung des Lokalanz. aus Schang­hai heißt es, daß Ttschangtsolin, der durch die Besetzung Schanghais durch die Schangtung- truppen einen wichtigen politischen Trumpf in die Hand bekommen hat, beabsichtgt, demnächst auf dem Wege über die Pekinger Regierung eine d i» plomatische Offensive gegen England zu eröffnen und das gesamte Problem der Kon­zession aufzurollen. Für die internationale Nie­derlassung in Schanghai dürfte eine Regelung ver­langt werden, die den von den Engländern für Hankau gemachten Zugeständnissen entspricht. Kämpfe zwischen der Schantungarmee und den Kantonefen würden für die nächste Zeit nicht er­wartet. Schwer bewaffnete Truppenteile der Schangtungarmee haben sich den englischen Trup­pen gegenüber, die außerhalb der internationalen Siedlung Stellung haben, gelagert.

*

Reuter meldet aus Hankau: Tausende von Arbeitern veranstalteten anläßlich des 24stündigen Streiks eine Kundgebung gegen die Zusammenzie- hung britischer Truppen in Schanghai. In der Eingeborenenstadt und in der britischen Konzession wurden abermals antibritische Plakate angeschla­gen. Die Kundgebung verlief ruhig.

Saargebiet.

Der Vorsitz der Saarregierungskommission

- wtb. London, 26. Febr. (Eig. Funkm., „Daily Telegraph" meldet aus Genf, in Völker- bundskreifen wird erklärt, daß der Nachfolger des Kanadier Stephans als Präsident der Regierungs- kommiffion des Saargebiets der Kanadier Herbert Ames fein werde, der Finanzdirektor des Völ­kerbundes bis Ende Juni war.

* Zur Reise Skresemann. Havas meldet aus Nizza: Außenminister Strefemann hat einige Stunden in Nizza verbracht.

Bor Neuwahlen in Oesterreich.

Aus Wien wird uns von einem besonderen Mitarbeiter geschrieben:

Die Entscheidung bezüglich des Themas: „Herbstwahlen oder Frühjahrswahlen" ist nunmehr zugunsten letzterer entschieden; Oesterreich wird i m M a i wählen.

Für jeden sachlich denkenden Menschen ist die­ser von Dr. Seipel herbeigeführte Entschluß eine Erlösung; schließlich und endlich war alles, was etwa seit November 1925 in Oesterreich geschah, mit dem Signum „Wahlbewegung" zu werten ge­wesen. Alle die größeren und kleineren Skandale und Skandälchen in den verschiedenen Lagern stan­den an erster Stelle, während tatsächliche Errun­genschaften, so zum Beispiel R a me k s Erfolg in Genf bezüglich endgültigem Erlöschen der Völker­bundskontrolle (September 1926) sang- und klang­los unter den Tisch fiel. Dr. Seipel hat es wohl noch verstanden, das in vollkommenen Mißkredit gekommene östereichische Parlament eine Zeit lang zu ätherisieren; auf die Dauer war natürlich dieser Versuch unmöglich; nachdem das Budget 1927 un­ter Dach und Fach war, war es ganz klar, daß nun­mehr hemmungslos Wahlwerbung einsetzen werde.

Objektioerweise muß man sagen, daß darin die sozialdemokratische Partei meilenweit vor­aus ist; das ist ganz klar, weil man als Opposition immer leichter Wahlbewegung betreiben kann, denn als Regierungspartei. Für die sozialdemokratische Partei gilt es daher sediglich, den Wind des Früh­jahrs und des Sommers nunmehr zum Wahlsturm 3» steigern. Sie treten als geschlossene Masse mit dem Ziel der Machtergreifung im Staat auf. Manche sagen, daß das Ziel nicht ernst gemeint sei, daß sie sich sogar viel wohler fühlen und ihre Wer­bekraft beibehielten, wenn sie als noch gestärkte Minorität in den neuen Nationalrat zurückkehren würden; Demgegenüber steht jedoch, daß die Sozial­demokraten von ihrem Verwaltungstalent inzwi­schen sich selbst überzeugt haben — schließlich regie­ren sie mit % Majorität seit acht Jahren in Wien; und wenn auch Wien selbstverständlich ausschließ­lich unter sozialistischen Gesichtspunkten regiert, d. h. versteuert wird, so bezeigt der stets volle Geld­beutel der städtischen Verwaltung, daß die antikapi­talistische Partei den Besitz des Kapitals sehr wohl zu schätzen weiß. Während die übrigen bürgerlich regierten Bundesländer (mit Ausnahme Vorarl­bergs) schwere Defizite im Landeshaushalt aufwei­sen und mühsam durch Anleihen ihren Geldbedarf decken, verzichtet Wien nicht nur auf irgendwelche Anleihen, sondern konnte erst vor wenigen Tagen im Wege der Wiener Sparkasse (sozialdemokratische Domäne) der Stadt Linz eine Schilling-Millionen- Anleihe gewähren.

Es kann sonach die Ansicht nicht unterdrückt werden, daß die sozialdemokratische Partei die „Machtergreifung im Staat" nicht bloß als wer­bendes, sondern als tatsächliches Wahlziel vor Augen hat.

Demgegenüber steht das bürgerliche Lager in gegenseitiger Kritik und ziemlich zerklüftet da. Den einzigen wirklich bürgerlichen Wahlblock bildet die christlich-soziale Partei, über deren Wahl­

chancen dermalen natürlich schwer ein Prognosti- tum abzugeben ist, weil einmal noch nicht die Frage der sogenannten bürgerlichen Einheitsfront, d. h. eine gemeinsame Wahlliste mit den Großdeutschen entschieden ist und ferner sehr viel wohl von den Kandidatenlisten abhängen wird, d. h. ob neue Männer herausgestellt werden ober ob sehr viele der alten, zwar nicht persönlich belasteten, aber im> merhin gerade das Angriffsziel abgebenden Man­datare wieder kandidieren werden. Die christlich- soziale Partei ist im übrigen ein derartig geschlos­sener Block, daß ihre Wahlchancen — objektiv ge­nommen — durchweg günstig stehen.

Die größte Schützenhilfe für die Sozialdemokra­ten bedeutet unzweifelhaft der Umstand, daß sich in letzter Zeit eine Reihe von Partei-Neubil­dungen aufgemacht haben, die vielleicht ein ober zwei Mandate da ober bort erreichen können, viel­leicht aber nicht einmal es bazu bringen, svbaß zur Stimmenzerklüftung auch noch hinzukommt, baß bie Möglichkeit besteht, baß eine Unzahl von Stim­men mandatslos unter den Tisch fallen. Diesbe­züglich steht die in sich zerrüttete großdeutsche Partei obenan. Die großdeutsche Partei erhielt im letzten Wahlgang dreihunderttausend Stimmen; man kann schätzen, daß sich diese im jetzigen Wahl­gang um ca. 80 000 Stimmen verringern werden; ob die großdeutsche Partei ein Urmandat durch­bringen kann, wenn sie allein in den Wahlkampf geht, bleibe dahingestellt — von sämtlichen objek­tiven Beurteilern wird diese Aussicht verneint. Damit aber würden die großdeutschen Mandate er­löschen, sämtliche Reststimmen unter den Tisch fallen und dadurch etwa 200 000 bürgerliche Wahlstim­men im Parlament nicht vertreten fein. Würde dies aber eintreten, so würde zweifellos eine wei­tere Verschiebung des Kräfteverhältnisses im Na­tionalrat stattgefunden haben, gleichgültig, wer die Stimmenmajorität besitzt. Man kann daher immer nur darauf Hinweisen, daß das Problem eines bür­gerlichen Wahlerfolges kurzerhand mit dem einzi­gen Satz zu kennzeichnen ist: was geschieht mit den rund 200 000 Stimmen der großdeutschen Partei!

Daß einer der wichtigsten Gegner des bürger­lichen Wahlerfolges die Absti.nenz bürgerlicher Wähler sein wird, muß auch betont werden. Nach bekannten Vorgängen wird die sozialdemokratische Partei eine fast hundertprozentige Wahlbeteiligung ihrer Mitglieder erreichen. Das Gleiche gilt ringe-" führ von der christlich - sozialen Partei. Sagest* wird der Rest der bürgerlichen Wähler vielfach elf» sehr flaue Wahlbeteiligung aufweisen; sollte die großdeutsche Partei sich für eine Einheitsliste mit der christlich-sozialen entscheiden, so werden — wie­derum nach objektiver Schätzung — ca. 50 Prozent ihrer Anhänger bestimmt nicht wählen.

Durch diese Umstände: Wahlabstinenz groß- deutscher Wähler bei eventueller Einheitsliste und Möglichkeit der Mandatslosigkeit und damit Aus­fall von ca. 200 000 bürgerlichen Stimmen schließt sich der Cirkulus, der für den gesamtbürgerlichen Erfolg schwer ins Gewicht fallen kann, vielleicht aber auch den Grabstein darstellt für eine einst hoff­nungsfähige nationale Partei, die im Augenblick nur mehr als Rest von Wählern auferscheint-.