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Anzeiger für die Stabt und den kreis Fulda. AmMches äretsbtatt
Nr. 44.
ni .Buchenblätter*. Rotationsdruck und Verl t Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Sir. Monatlicher Bezugspreis 1,50 Ml.
Mttwoch, 23. Februar 1927.
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Mussolini an Loolidge.
wtb. Rom, 22. Febr. (Eig- Funkm.) Die gestern dem amerikanischen Botschafter überreichte ttalte- nische Antwort auf die amerikanische Note über die Beschränkung der See- rüftungen ist in Form emes Memorandums gehalten und besagt nach längeren Ausftlhrungen über die besondere Lage Italiens als Seemacht, daß Italien ZU fernem Bedauern dem in dem Memorandum vom 19. Febr. enthaltenen Vorschlag nicht beitreten kann. Die italienische Antwort spricht die volle Würdigung für die Gesinnung aus, von der sich Präsident Cookidge bei seinem Vorschlag leiten ließ, betont, daß Italien sich beharrlich jeder internationalen Aktion angeschlossen hat, die darauf ausging, die Ruhe und den Frieden der Welt auf festere Grundlagen zu stellen und glaubt, daß bei einem Marinebudget Jtallens von jährlich 300 Millionen Lire die „weitreichenden Bauprogramme", auf die Coolidge in seiner Botschaft anspiele, sich nidjt auf Italien beziehen können.
Nach einem fiinroeis darauf, daß die Konferenz von Rom zur Ausdehnung der Grundsätze des Vertrags von Washington auf die kleineren Seemächte keinen Erfolg hatte, macht die italienische Antwort auf die unzureichenden Seerüstungen Italiens und auf seine ungünstige geographische Lage aufmerksam. Sie erinnert ferner an die gewaltige Ausdehnung der italienischen Küste mit ihren stark bevölkerten und lebenswichtigen Städten und ihren wichtigen Verbindungslinien zu Sizilien und Sardinien und fügt schließlich hinzu, daß Italien außerdem auch die anderen Nationen in Rechnung stellen müsse, die sich am Mittelmeer befinden ober am Mittelmeer einstellen können, viele Schiffahrtseinheiten verschiedenen Typs in Bau haben und außerdem gegenwärtig Schiffsbauprogramme von großer Bedeutung 'ausarbeiten.
Das Srbeitszeitnotgesetz.
lieber die Sitzung der Unterkommission des interfraktionellen Ausschusses der Regierungsparteien über das Arbeitszeitnotgesetz weiß das Berk. Tageblatt* mitzuteilen, daß Reichsarbeitsminister Dr. Brauns sich für das Verbot der freiwilligen Mehrarbeit überhaupt eingesetzt Hobe. Im Sinne der Ausführungen des Reichs- arbeitsminipers soll dann auch Uebereinstimmung erzielt worden sein, allerdings sollen nach der„Doss. Ztg." in das Gesetz Ausnahmebestimmungen hineingearbeitet werden, die für bestimmte Gewerbe und Industriezweige die freiwillige Mehrarbeit als Ausnahme gestatten.
Amerika und China.
wtb. Washington, 22. Febr. (Eig. Funkm.) Das Repräsentantenhaus hat mit 259 gegen 44 Stimmen eine Entschließung angenommen, in der Coolidge mrfgefotbert wird, unabhängig von den anderen Staaten mit China in Verhandlungen "zutreten. Die Entschließung wird dem Senat übermittelt werden.
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In Schanghai ist die Streiklage unverän - b" t- Die Zahl der Aufständischen beläuft sich auf W8000. Der Verteidigungskommissar Sunt- schuanfangs ersuchte die Behörden der Konzessionen um die Auslieferung von etwa 50 Chinesen, die toegen Verstößen gegen die öffentliche Ordnung testgenommen wurden. Der chinesische Richter ver- tagte alle Prozesse, da es wahrscheinlich ist, daß me Gefangenen geköpft werden, wenn sie den Behörden Suntschuanfangs ausgeliefert werden. Das Heer suntschuanfangs zieht sich nach Sunkiang zu- nrck und räumt die Provinz Tschekiang. In Krei- !en der Ausländer glaubt man, daß Suntschuan- tang keinen Widerstand mehr gegen die Kanton- .™ec stiften werde, da seine 'Soldaten trotz der Hüten Löhnung und Bewaffnung demoralisiert find.
finÄÄÄ1 3nbo Pacific berichtet aus Tokio, der bnrf .tion 300 Mann Marinetruppen
Mwn w rapmnscken Kriegsschiffe bereit
notwendig sein sollte. ^Jn^Iapan stchst?ind^weitere Abteilungen alarmbereit W *mb f
Wie Reuter zu den enqlif(f1.TI,r(Hrf,»n Beziehungen erfährt, ist noch keine snLV IShu Sowjetregierung abgefaßt worden da bSöan! kauet Abkommen einen neuen ®runh hiJLi dürfte, keine weiteren Schritte zur Waffu™ solchen Note zu tun, bis sich herausgestellt das Hankaue? abfor^me^^^tet ml;b^^nVt^S
Aus Lateinisch-Kmerika.
Luan Campaisteguy wurde zum P r ä s i. °«nten von Uruguay gewählt.
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inten will an der vom Präsidenten ^°-f.dge votgeschlagenen Konferenz über Ein- hnml- 2.bw Seerüstungen nicht teilnehmen, son- abtoaiten^196611*^ bct ®cnfer Abrüstungskonferenz ac.p^.^ington, 22. Febr. (Eig. Funkm.) Wie au a rinJ? ri>’ hat der Präsident von Nicara- q.:a uno c ”"len Vertrag zwischen Nicara- dem besiim^.. ^reinigten Staaten vorgeschlagen, in Staaten den » soll, daß die Vereinigten
Angriffe unbn^,u festen raguaä gegen äußere vention ein» k? "^Eere Wirren, die die Jnter- könnten, gewährleZett" zur Folge haben
Lollcheur über Zeutschland und den Völkerbund.
wtb. Paris, 22. Febr. (Eig Funkm.) Der bekannte französische Abgeordnete und Wirtschaftsführer L o u ch e u r hat gestern in Brüssel vor der Universitätsvereinigung für den Völkerbund einen Vortrag über Deutschland und die wirtschaftlichen Aufgaben des Völkerbundes gehalten. Er erinnerte an die Bedingungen, unter denen Deutschland in den Völkerbund eingetreten ist und drückte sein Erstaunen darüber aus, daß ein so liberaler Geist wie Dr. Wirth habe sagen können, daß Deutschland damit ein großes Opfer gebracht habe. Zum Völkerbund übergehend erklärte Lou- cheur, das Ziel sei die Au f r e ch t e r h a ltu n g des Friedens durch politische Mittel (Abrüstung und Schiedsgerichtsverfahren) und durch wirtschaftliche Mittel. Diese Mittel würden auf der Weltwirtschaftskonferenz des näheren geprüft werden. Hinsichtlich des Programms der Weltwirtschaftskonferenz müßten zwei Punkte besonders berücksichtigt werden: 1. Zollpolitik, 2. die industrielle Organisierung Europas. Was den ersten Punkt betreffe, so müsse man fragen, ob man die Vereinigten Staaten von Europa verwirklichen könne, indem man kurzer Hand die die Völker trennenden Zollschranken niederreiße. Aus polittschen Gründen wie aus Gründen der Sicherheit sei eine so einfache Formel unmöglich zu verwirklichen. Da aber Europa mit den gegenwärtigen prohibittven Tarifen nicht weiterbestehen könne, müffe eine Aenderung erfolgen. Was die industrielle Organisierung Europas betreffe, so fei der Wert von Kartellbildungen nicht abzustreiten. Jedoch bergen sie Gefahren für die Arbeiterklasse und für die Verbraucher. Infolgedessen sei eine Kontrolle notwendig. Diese Kontrolle müsse nötigerroeife der Völkerbund übernehmen. Bei der wirtschaftlichen Reorganisation der Welt spielten Deutschland und Amerika eine hervorragende Rolle.
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Nach der „D. Z." gilt es nunmehr für sicher, daß Dr. Stresemann bei der bevorstehenden Ratstagung in Genf den Vorsitz führen wird.
Was Reichskanzler Marx sagt.
Das radikale Pariser Abendblatt „Le Soir" hat einen Sonderberichterstatter nach Deutschland entsandt, der die Ausgabe durchführen soll, eine objektive Enquete über diepolitischeLagein Deutschland anzustellen. Dieser Versuch wird zum ersten Male von einem ausgesprochenen linksstehendem Blatt durchgeführt, das aufrichtig für die deutlch-französische Verständigung arbeitet. Der Sonderberichterstatter beginnt feine Veröffent- lichungen mit einem Interview, das Reichskanzler Dr. Marx ihm gewährt hat. Der Reichskanzler erklärte auf die Bemerkung, daß ge- roiffe Kreise der öffentlichen Meinung in Frankreich über den Eintritt der Deutschnationalen in das neugebildete Kabinett beuruhigt seien: „Ich begreife sehr wohl, daß in geroiffen französischen Kreisen die Erweiterung der Koalition des Zentrums nach rechts Beunruhigung hinsichtlich unserer
Außenpolitik hat aufkommen lassen können. Aber das legt Zeugnis von einer vollkommenen Verkennung der Tatsachen ab. Die unabweisbare Notwendigkeit einer friedlichen Zulammenarbeit der europäischen Völker ist heute von der großen Mehrheit der verschiedenen Richtungen in- nerhalb der deutschnationalen Partei anerkannt worden." Reichskanzler Marx erwähnte alsdann die Grundlage der Verständigung des Zentrums mit den Deutichnationalen, indem er hinzufügte, daß der Entschluß der Deutschnationalen, in die Regierung einzutreten, die sich auf die Politik von Locarno stütze, der VerstänM- gung zwischen Deutschland und Frankreich nur dienlich fein könne
Auf den deutlch-polnischenZwif chen- fall hinweisend, erklärte der Reichskanzler, es handle sich nicht um einen Abbruch der deutsch- polnischen Handelsvertragsverhandlungen, sondern vielmehr um eine provisorische Unterbrechung, die zum Ziele habe, von vornherein eine ziemlich heikle Frage zu regeln, nämlich die Frage des Aufenthaltsrechtes der Deutschen in Polen. Es fei vollkommen abwegig, diese Unterbrechung als die Folge der Umbildung des Kabinetts zu bezeichnen. Seit Monaten habe man mit steigender Beuruhigung die Haltung der polnischen Behörden gegenüber den Deutschen feststellen müssen. Die Ausweisung von vier deutschen Ingenieuren aus Polnisch-Oberschlesien habe die Regierung gezwungen, Maßnahmen zu ergreifen, die Polen hätte verhindern können, wenn es mit mehr Aufmerksamkeit die wiederholten Proteste Deutschlands gegen die Verletzung des Völkerrechtes durch Polen aufgenommen hätte. Noch unberechtigter fei es, wenn man in der Haltung Deutschlands die Anzeichen für einen aggressiven Geist erblicken wollte. Wenn er, der Reichskanzler, polemisieren wollte, könnte er leicht zeigen, auf welcher Seite der Mangel an Herzlichkeit zu suchen -ei. Deutschland habe ein Interesse daran, zu einem modus vivendi mit Polen zu kommen. Diesem Ziele habe die deuffche Politik immer zugestrebt, und niemand bedauere mehr als die deutsche Regierung dett schlechten Willen des östlichen Nachbarn, der es verhindere, das gesteckte Ziel zu er* reichen.
Nochmals auf die Grundlagen der deutschen Politik im allgemeinen zurückkommend, betonte der Reichskanzler zum Schluß, daß Deutschland sich immer bemüht habe, die deutlch-französi- schen Schwierigkeiten zu beseitigen und aus der Vereinigung der beiden Länder Frankreich und Deutschland den Mittelpunkt einer großen europäischen Defriedungsaktion zu machen. Mit der Billigung des Reichspräsidenten v. Hindenburg hätten sich die deuffchen Delegierten nach Locarno und G e nf begeben. Der Reicbs- kanzler habe die absolute Ueberzeugung, daß man den Frieden erreichen werde. Die deutschen Länder wollten den Frieden. Für Frankreich und Deutschland gäbe es keine andere Zukunft als die der Verständigung. Beide wieder ausgesöhnten Länder würden durch die Westzivilila- t i o n vor den bedrohlichen Katastrophen bewahrt werden.
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... .Ein neuer italienischer Tauchboottyp. In Spezia >st das erste U-Boot des neuen itafienischen Tauch- voottyps vom Stapel gelassen worden. Das U- 45°ot, bas bis zu einer Tiefe von 100 Meter tauct}en kann, verdrängt 1400 Tonnen, ist 87 Meter lang und har sechs Lanzierrohre.
™. bes spanischen Außenministers. Der
Minister für auswärtige Angelegenheiten, 9)an« guas, hat fern Rücktrittsgefuch eingereicht. Sein Gesuch wurde genehmigt.
* Austritt Stoehrs aus der völkischen Frefhetts- parfet Von der deutsch-völkischen Freiheitspartei wird mitgeteilt: Nachdem die Abgg. Graf Revent- low und Kube von der Partei geschieden sind, hat sich auch der Abgeordnete S t o e h r von der Partei getrennt und sich der national-sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands angeschlossen. Außerdem ist Theodor Frisch, der Herausgeber des „Hammer", aus der Reichsleitung ausgeschieden.
* Branntweinstenererhöhung abgelehnt. Der Arbeitsausschuß des Reichswirtschaftsrats zur Beratung der Erhöhung der Branntweinsteuer hat die Vorlage behandelt und ist zu dem Entschluß gekommen, dem Hauptausschuß die Ablehnung der Branntweinsteuererhöhung zu empfehlen. Der Arbeitsausschuß für die Beratung des 2. Teiles der Regierungsvorlage, nämlich der Ermäßigung der Zuckerfteuer, wird in der nächsten Woche zusam- "lentreten.
(Eine Friedenskonferenz.
Der Vorstand der interparlamentarischen Friedensunion, in der Deutschland durch Profeffor Schücking und Frankreich durch Senator Merlin vertreten ist, hat in Paris getagt, um die Tagesordnung für die nächste interparlamentarische Friedenskonferenz, die in Berlin vom 25. bis 30. August stattfinden soll, festzulegen. Zunächst soll eine allgemeine Aussprache über d i e W e l t p o l i t i k stattfinden. Die Hauptfragen, die außerdem behandelt werden sollen, betreffen 1. die Schaffung einer europäischen Zollunion, 2. Die Herabsetzung der Bewaffnung, 3. internationalen Schutz gegen Rauschgifte und 4. Me Kodifizierung des internationalen Rechtes. Soweit bis jetzt bekannt geworden ist, werden etwa 300 Delegierte, die 35 Parlamenten angehören, an der Tagung teilnehmen.
Die Ostfestungen.
Das Reichswehrministerium hat, der „Voss. Ztg." zufolge, an die Festungskommandanten Befehle herausgehen lassen, denen zufolge die Sprengung jener Befestigungen vorzunehmen, ist, deren Beseitigung in den Pariser Vereinbarungen zugestanben wurde. Zu einem Teile sind diese Befehle befriftet . Insgesamt soll die Sprengung im Laufe von vier Monaten durchgeführt fein. Innerhalb dieser Zeit muß auch das Kriegsgerät ege setz vom Reichstag angenommen werden.
• Eine Aktion des Zentrums in der Schulfrage. Nach Zeitungsmeldungen hat die Zentrumsfraktion beschlossen, beim interfraktionellen Ausschuß der Regierungsparteien einen Schritt zu unternehmen in dem Sinne, daß die Anregung an die Regierungsparteien ergeht, das Reichsschulgesetz mit möglichsterBeschleunigung vor den Reichstag zu bringen.
(Ein Kriegs«preöiger.
Der „Reichsbote" hält es für gut, eine Predigt des Pfarrers Dietrich Johann Rump zu veröffentlichen, die dieser Prediger Ende Januar ausgerechnet in der Friedens kirche in Potsdam gehalten hat. Zum Schluß dieser Predigt heißt es:
Gemeinde, das ist unsere Art, immer noch und immer wieder „Kaiser-Geburtstag" zu begehen. Jrn Gedenken der ruhmreichen und ehrenwerten Vergangenheit (lagen wir um unser Vaterland: „Wie bist du vom Himmel gefallen, du schöner Morgenstern!" (Jes. 14, 12). Iw Erleiden einer Gegenwart, die uns immer wieder pre- bigt: „wehrlos — ehrlos" straffen wir uns aus allem Klagen zu mannhaftem Wollen: „Krieg fei das Losungswort, Krieg allem unpreußifchen, allem undeutschen Wesen, Sieg!" hallt es weiter fort! — Im Blick auf die dunkle Zukunft rufen, wir einander zu: „Immer aufs neue empor, nur nicht erliegen! Wer sich nicht selbst verlor, muß einmal siegen!"
Als Preußen aber, die Christen fein wollen, und als Christen, die preußisch fühlen, werfen wir Panier auf:
Dem Kaiser treu bis in den Tod!
Wir schwören laut mit freuö’gem Mute.
In Friedenszeit, in Kriegesnot
Treu bis zum letzten Tropfen Blute!
Amen!
Eine schöne Predigt!
Wilna uiiö Memel.
Von Dr. Reinhold Z e n z - Königsberg.
Der alte Satz „Unrecht Gut gedeihet nicht" findet in der Nachkriegszeit sein bestes Beispiel am Wilna- und am Memelgebiet, die beide widerrechtlich anektiert worden sind, über deren Besitz die Gewaltherrscher Polen und Litauen aber nicht froh werden können. Seit das Unrecht geschah, wird die Politik der baltischen Staaten immer wieder von hier aus beunruhigt, sobald sich einmal Ansätze zu einer Festigung der Verhältnisse zeigen. Die Beziehungen unserer nächsten östlichen Nachbarn untereinander sind ohne Kenntnis der Wilna- und Memelfrage kaum verständlich.
Als im Jahre 1918 der litauische Staat wieder- erstand, konnte er auf Grund historischer Verhältnisse Wilna als seine alte Hauptstadt und damit auch das Gouvernement Wilna für sich in Anspruch nehmen. Es stieß dabei auf den Widerspruch des ländergierigen Polen, das auch dieses Gebiet mil feinen 43 000 Quadratmetern und seinen anderthalb Millionen Bewohnern verschlucken wollte. Zunächst gelang es Litauen jedoch, sich in Wilna fest- zusetzen In den Friedensr.erhandlungen zu Riga, die den russisch-polnischen Krieg abschließen sollten, sollte ihm dieser Besitz garantiert werden, denn anläßlich des fast gleichzeitig abgeschlossenen litauischpolnischen Waffenstillstandsvertrages von Suwalki hatte die polnische Regierung in einer Note erklärt, sie wolle im Wilnagebiet keine Eroberungen machen. Schon zwei Tage später wurde der Waffenstillstand durch den polnischen General Zeli- gowski gebrochen, der angeblich eigenmächtig über die Demarkationslinie vorrückte und die Stadt Wilna besetzte. Die polnische Regierung bezeichnete das Vorgehen des Generals und seiner Truppe als Meuterei. Dies war ein plumpes Komödienspiel, zu dem man sich dem Völkerbund gegenüber verpflichtet fühlte. Wenige Wochen später erklärte die polnische Regierung jede Verständigung mit Litauen über das Wilnagebiet für unmöglich. Obwohl der Völkerbund seinerseits den Versuch machte, eine Volksabstimmung durchzusetzen, verliefen seine Bemühungen im Sande. Das Wilnagebiet war polnisch geworden.
Litauen suchte bald eine Möglichkeit, sich für den Verlust des Wilnagebietes schadlos zu halten. Diese sah es an feiner Nordostgrenze gegeben, wo die früheren deutschen Landkreise Memel, Heydekrug und Ragnit, die im Versailler Vertrag abgetreten werden mußten, als „Memelgebiet" bis auf weiteres unter französischer Verwaltung standen. Dieses Memelgebiet mit seinen 142 000 Einwohnern, von denen die Litauer oder litauisch Gesinnten laut Abstimmung vom 19. Oktober 1924 höchstens den vierundzwanzigsten Teil ausmachen, war von Deutschland losgerissen worden, weil die Mehrzahl der Einwohner angeblich aus Litauern bestehe. Unter diesem Vorwand rückten im Jahre 1923 genau an dem gleichen Tage, als die Franzosen ins Ruhrgebiet einmarschierten, die litauischen freiwilligen Schutzenverbände ins Memelgebiet ein. Die französischen Truppen, die im Auftrage des Völkerbundes anwesend waren, rückten ab, ohne einen Schuß abzugeben. Auch in diesem Fall war eine vollendete Tatsache geschaffen, mit der sich die Botschafterkonferenz und der Völkerbund noch schneller abfanden als mit der Einverleibung von Wilna. Litauen mußte allerdings dem Memelgebiet eine gewisse Selbstverwaltung zuge- stehen, die durch das Memelstatut garantiert werden sollte.
Beide Staaten haben an ihrem Raube wenig Freude erlebt, weil sich die eingesessene Bevölke" rung mit der Vergewaltigung nicht abgefunden hat und niemals abfinden wird. Im Wilnagebiet liegen die Verhältnisse besonders schwierig, weil das Gros der Bevölkerung, über sechzig Prozent, aus Weißrussen besteht, während die Litauer 17,6 die Polen dagegen nur 8,2 Prozent ausmachen. Dei Rest von 12,8 Prozent fällt auf die Juden. Die weißrussische Bewegung ist seither immer stärker geworden, sodaß die Polen ihrer kaum Herr zu werden vermag, während sich die Weißrussen mit den Litauern eher vertragen würden. Aus diesem Grunde ist der polnische Diktator Pilsudski seit längerer Zeit bemüht, die alte polnisch-litauische Staatsunion wieder zu verwirklichen, ohne allerdings bei Litauen viel Gegenliebe zu finden. Das hat sich feit der Dezemberumwälzung in Litauen geändert und auch feit England, um einen Baltenblock gegen Rußland zustande zu bringen, dem wirtschaftlich fast zufammenbrechenden Litauen eine Anleihe in Aussicht gestellt hat, falls es sich den polnischen Wünschen gefügig zeige. Ob die polnisch-litauische Staatsunion wirklich wieder auflebt, steht freilich noch dahin.
Das Memelgebiet ist bisher bei allen Beschwerden vom Völkerkunde im Stich gelassen worden. Litauen kümmert sich so gut wie gar nicht um die Memelübereinkunft, sondern sucht durch alle möglichen Druckmittel das Land zu litauisieren, um seine Selbstverwaltung zu beseitigen. Auf die Wünsche des ersten memelländischen Landtages, zu dem die Bevölkerung am 19. Oktober 1925 bei starker Wahlbeteiligung 27 deutsche Abgeordnete und nur 2 Großlitauer gewählt hatte, wurde so gut wie keine Rücksicht genommen. Als Landespräsidenten, die vorn Vertrauen des Landtages abhängig sind, wurden von den litauischen Gouverneuren im Memellande nur Großlitauer ernannt, so daß eine stetige Regierung unmöglich wurde. Der Memel zustehende Finanzanteil wurde ihm vorenthallen, um die Memelländer durch wirtschaftlichen Druck gefügig zu machen. Schließlich wurde der Landtag im Januar dieses Jahres unter einem willkürlichen Vorwande aufgelöst. Litauen verspricht sich viel von den Vorwahlen, die unter immer noch bestehendem Belagerungszustände, unter Pressezen - für und bei behinderter Versammlungsfreiheit vor