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FuldaerZertung

Anzeiger für die Sfaöf und den kreis Fulda. AmMches kreisblakl.

Nr. 42.

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilage: Illustrierte Beilage" ttiw „Buchendlütter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Brtiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Rr. S. •x Monatlicher Bezugspreis 1.50 9HL x

Sonntag, 20. Jebruar 1927.

Anzeigen-Dretie! Aleinzeil, (Colonel) lokal 0,15 ÄJt, auswärts 0,20 JÜL Reklamezeiltt lokal 0,60 JLÄ, auswärts 0,80 JUL. Bel Wiederholungen Rabatt, x Postscheckkonto Frankfurt a. M. Rr. 405L x

Zahrg.54.

Die weitwiltschastrdeiegation. ,

Die Zusammensetzung der deutschen Delegation für die am 4. Mai in Genf zusammentretende Welt» Wirtschaftskonferenz steht, der „Dosf. Ztg." zufolge, nunmehr fest. Wie das Blatt hört, nehmen als Delegierte teil: Staatssekretär Trendelenburg, Reichstagsabgeordneter Lammers, der Vorsi­tzende der Enquetekomission, Karl Friedrich v. Sie­gens, als Vertreter der Industrie, Gewerkschafts­sekretär Eggers, von dem Allgemeinen Deutschen Gewerkschäftsbund, als Vertreter der Arbeitneh­merschaft und der frühere Reichsfinanzminister Dr. Hermes als Vertreter der Landwirtschaft.

* Unterzeichnung des amerikanisch-türkischen Uebereinkommens. Aus Konstantinopel wird ge­meldet: Das amerikanisch-türkische Uebereinkom- men, in dem, wie s. Zt. gemeldet, u. a. die sofortige Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Ländern bestimmt wird, ist unterzeichnet worden.

klus dem besetzten Gebiet.

Keine Verlegung des belgischen Hauptquartiers.

wtb. Paris, 19. Febr. (Gig. Funkm.) Wie havas aus Brüssel meldet, wird die in verschie­denen Blättern verbreitete Nachricht, daß das bel­gische Hauptquartier für die Besatzungsarmee aus Sparsamkeitsrücksichten von Aachen nach L i'i t t i ch verlegt werden soll, dementiert.

Rücktritt Stephens.

Aus Saarbrücken wird gemeldet, daß der Präsident der Regierungskommission, Stephens, zurückgetreten ist. Dazu schreibt die „Saar­zeitung": Die Bevölkerung des Saargebiets ver­nimmt diese Kunde mit tiefem Bedauern. Man­ches ist anders geworden, seitdem Stephens vor Jahresfrist sein Amt als Präsident übertragen wurde, und das ist ganz gewiß nicht auf die Aen- derung der allgemeinen politischen Konstellation zurückzuführen. Es ist zum größten Teil unmit­telbar der Persönlichkeit des Präsidenten Stephens zu danken. Daß der Saarbevölkerung noch starke Wünsche übrig bleiben, weiß jeder­mann. Trotzdem aber hat Stephens durch seine besonnene und überlegene, vom wahren Völker­bundsgeist getragene Amtsführung manches zum Wohle der Bevölkerung vollbringen können, was um so anerkennenswerter ist, als sich gewiß nicht in einem Jahre die Mißgriffe der sechs vorher­gehenden Jahre wiedergutmachen lassen. Aber das Wirken Stephens hat viel dazu beigetragen, daß aus dem Mißtrauen gegen die Regierungs­kommission Vertrauen geworden ist, soweit seine Persönlichkeit in Frage kommt. Wir hoffen, daß sich ein Weg finden läßt, um Stephens im Amts zu halten. _______________

Griechenland nach der Diktatur.

Griechenland atmet dieselbe Sonne, wird von der gleichen ewigen Bläue des südlichen Himmels beschienen, wie sie Italien und Spanien zu eigen sind, die mit Griechenland die gleichen Brei­tengrade teilen. Das feurige Temperament seiner Bewohner, der ewige Drang nach neuer Siedehitze 'st also nicht der Hauptgrund ,daß in Hellas das Abenteuer der Diktatur so schnell zu Grabe ge­tragen wurde.

Dem Namen nach war Griechenland neun Mo­nate Sklave des Diktators, von den ersten Tagen des Januars 1926 an bis Ende September des gleichen Jahres; tatsächlich riß jedoch Pangalos das Regime bereits im Juni 1925 an sich. Es ist au­ßerordentlich schwierig, zu dem griechischen Diktator ein Gegenstück zu finden. Der Mann, der es ver­suchte, ein ganzes Volk unter seine Gewalt zu bekommen, einem ganzen Volke seinen Willen auf- zndrängen, hatte nicht die persönliche Gabe, um für einen Diktator reif zu fein. Diese Gabe der Persönlichkeit, die immerhin einem Mussolini, elnem Mustapha Kemal zu eigen ist, fehlte dem Griechen Pangalos vollkommen. Und so erdrückte ihn sein eigenes Ich, seine persönliche Machtlosig- reu und Leere, wenn er auch immer die Macht- fülle der Armee, die Stütze der Waffen sein eigen nennen konnte. Aber mehr besaß der Diktator nicht. Heute sieht man in Griechenland ein, daß die festeste Stütze eines Regimes nicht brutale Ge­walt, diktatorischer Wille ist, sondern die Waffe des bestimmenden Geistes, des positiven Erfolges und der Schlagkraft ideeller Natur.

Etwas Wahrheit liegt auch in Griechenland in •li -e' ^ß da, was man Militarismus nennt, nicht nnmer voll mit identisch ist. Allzu leicht verwechselt man bei der Beurteilung griechischer Verhältnisse die Partei mit der Armee, das Heer mit den Persönlichkeiten, die im Rock des Offi­ziers, mit dem Degen des Generals den Militaris­mus in dre Politik hineintragen. Unbestritten soll zwar sein, daß auch in Griechenland das Militär zur Erreichung gewisser Ziele in Tätigkeit gesetzt wurde; unbestritten bleibt aber auch, daß dieser Mißbrauch nicht aus dem Heere heraus erwuchs, sondern das Werk einzelner Führer darstellt. Grie- chenland besaß einen General, der sich sämtliche Krästefaktoren anmaßte; das Land besaß Offiziere, die chrem militärischen Ehef und politischen Partei- Sänger hierbei sogar eine Pratorianergarde, die 'ederzeit bereit war, für dieses System auch ihr Leben einzusetzen. Alles dies sind Faktoren mit rein militärischem Hintergründe, dem Ganzen jedoch den Begriff Armee aufzuprägen geht aber doch kaum an. Indessen leistete das griechische Heer dem General Gefolgschaft ohne Einwand dagegen zu erheben, daß sein Name als Mittel zum Zwecke Anwendung fand. Was waren hier nun die Gründe, die es verhinderten, daß während der gan­ten Zeit der Diktatur keine energische Anstrenguna. *

kein ernst gemeinter Versuch gemacht wurde, aus dem Heere heraus einem solchen Mißbrauch Ein­halt zu gebieten? Legte man dem General Fähig- feiten bei, die ihm ein Recht gaben, über Nacht zu einer Größe zu werden, die alle anderen Persön­lichkeiten und Bürger Hellas weit in den Schatten stellte? Seins von diesen Argumenten dürfte zu­treffen. Vielmehr waren Gleichgültigkeit des grie­chischen Volkes und grenzenlose Entmutigung der griechischen Armee nach der Niederlage in Klein­asien die ausschlaggebenden Faktoren, die auch jeder anderen Diktatur zu dieser Zeit, ganz gleich welcher Parteirichtung und wessen Geistes, Lorbeerzweige gestreut hätten, bis eben der Nächste kam. Dieser Zug ist es, der dem Griechen Pangalos auch den letzten Schein der Verklärung, des Uebermenschen, des Diktators nimmt und ihn zur kleinen ganz klei­nen Null prägt. Auch das griechische Volk re­gierte nicht mehr. Mit passiver Stellungnahme er­trug es zuerst den Sturz eines verfassungsmäßi­gen und gesetzlichen Kabinetts, und später war es zu einer derartigen Teilnahmslosigkeit an den Ge- schehnissen des politischen Lebens gekommen, daß es ruhig zusah und keine Miene verzog, wie auch dem letzten Schatten einer Dersasiungsmäßigkeit in seinem Staate das Garaus gemacht wurde.

Das griechische Volk machte bereits unmittelbar nach dem Kriege eine weitgehende Krise bitterster Enttäuschung mit, als das System des Par­lamentarismus in zwei nacheinander folgenden Kammern es auf das ärgste betrog und an der Nase herumführte. Die dritte Nationalversamm­lung beschäftigte sich ausschließlich mit der Leere des Vichts. In diese Zeit fallen die Drohnoten der exalliierten Mächte an das Kabinett, die Verhän­gung der Finanzblockade über Griechenland, der Zerfall der kleinasiatischen Armee. Von Tag zu Tag häuften sich die Anzeichen, die zur Katastrophe führten. Als kurz darauf die folgende National­versammlung ihr Amt antrat, zeigte es sich, daß ihr der Schatten ihrer Vorgänger anhaftete. Denn unter anderen Umständen wäre die Bildung der Merten Nationalversammlung mit weniger ge­fährlichen Konsequenzen verbunden gewesen, selbst wenn man ihre unnützige Weitschweifigkeit, ihre innerliche Zerspaltenheit, ihre Unfähigkeit, der Re­gierung zu Köpfen zu verhelfen, die eine Garantie für die Erreichung gesteckter Ziele boten, in Kauf nimmt. Und so kann man es verstehen, daß ge­rade sie, die Nachfolgerin der Kammer vom Jahre- 1920, den Kopf im parlamentarischen Regime ver­lor und so die Atmosphäre schuf, die für einen Handstreich gerade die dazu geschaffene und ge­eignetste war. Und auf diese Art und Weise be­

kam auch Griechenland den bitteren Kelch zu ko­sten, den eine Revolution und die mit ihr im Ge­folge befindlichen Unregelmäßigkeiten braut.

Zuerst glaubte man nach dem gelungenen Hand­streich Pangalos, daß der Parlamentarismus in­nerhalb weniger Monate seinen verlorenen Kredit zurückerstattet bekäme. So kam es, daß Griechen­land bereits zu Beginn des Jahres 1926 die An­zeichen sich mehren sah, daß der zu Grunde rich- tende Absolutismus gebannt und an seine Stelle ein völlig neugeborener, an Erfahrungen und Leh­ren reicher, moderner Parlamentarismus treten wüste. Die Ereignisse ließen zwar auf sich warten, aber sie traten dennoch ein, und noch eh» sich das Jahr 1926 zur Wende anschickte, konnte Griechen­land, das Land nach der Diktatur, ordnungsmäßige Wahlen abhalten.

Wie jedes Böse auch seine guten Seiten, wie jeder Mißerfolg den Weg zum Reckten zeigt, hat die griechische Diktatur auch dem Lande Lehren gegeben, die wohl von ihm beherzigt werden dürs­ten, um in Zukunft nicht wieder in die alten Feh­ler zu verfallen. Ohne Pangalos wäre sicherlich die Realisierung der griechischen Einheitspartei ein Ding der Unmöglichkeit gewesen, und es sind An­zeichen vorhanden, daß die Uneinigkeiten der letz­ten Jahre, die jeder Kritik spottende Administra­tion, die schlechte Finanzlage des Landes endlich überwunden werden. ________

Das deutsche (Eigentum in Amerika.

Die Aussichten des Freigabegesehes.

Nach einer Meldung aus Washington herrscht dort die Auffassung vor, daß durch die Abände­rungen, die der Finanzausschuß des Senats an dem Gesetz für die Freigabe des deutschen Eigen­tums vorgenommen hat, die formale Opposi­tion gegen das Gesetz größtenteils erledigt ist. Es könne nicht vorausgesagt werden, in wel­cher Form das Gesetz im Senat Annahme finden werde. Falls der Senat die Vorschläge des Aus- schustes annimmt, müßte die Vorlage von einem aus Mitgliedern beider Häuser gebildeten Aus­schuß beraten werden.

* Vertrauensmänner für die Zusammenarbeit zwischen Justiz und Presse. Der Preußische Richter­verein hat dem „Lokalanzeiger" zufolge für die drei in Moabit tagenden Landgerichte je ein B e r - trauens mann ernannt, der als Bindeglied zwischen Justizverwaltung, Richterkreisen und der Presse gelten, das Vertrauen zwischen Preste und Justiz stärken und der Preste ihre Arbeit soweit wie möglich erleichtern soll.

Englischer Bruch mit Rußland?

Das Verhältnis Englands zu Rußland ist im Augenblick eine der aktuellsten Fragen in der eng- lischen Politik. Es sind nicht nur die Vorgänge in Ehina, welche diese Frage so sehr zugespitzt haben, weit wichtiger erscheint in dieser Bezie­hung die Sorge der englischen Wirtschaft, die in dem Generalstreik des vorigen Sommers und in dem fast sechs Monate währenden Bergarbei­ter ft reif den Einfluß der Moskauer Regie­rung recht unmittelbar verspürt hat. In diesen Tagen hat sich das englische Kabinett über die Beziehungen zur Sowjetunion unterhalten müssen, weil einige der impulsiven Kabinettsmitglieder den Abbruch der Beziehungen mit Rußland verlang­ten. Sie fordern eine schnelle Entscheidung, die aber wohl nicht zu erwarten ist, weil man sich im übrigen Teile des Kabinetts weder über die Mei­nung des Volkes noch über die Folgen einer sol­chen diplomatischen Trennung völlig im klaren ist. Immerhin sind diese Kabinettsunterhaltungen so wichtig, daß sie auch das deutsche Interesse sehr lebhaft in Anspruch nehmen dürfen, denn die Ent- scheidung, die vielleicht das Kabinett demnächst irgendwie fällen wird, hat nicht nur innenpoli­tische, sondern europäische Bedeutung.

Die Frage des Abbruchs der englischen Bezie­hungen zu Rußland spielt zunächst in den Streit hinein — und somit ist sie eine innerenglische Angelegenheit —, der im Unterhause über die Ab­sicht der englischen Regierung ausgebrochen ist, ist, ein Verbot des Generalstreiks zu erlassen. Die englischen Konservativen bemühen sich, in der Pro­klamierung eines Generalstreiks mehr zu sehen als nur eine gewerkschaftliche Angelegenheit und eine Erscheinungsform des Wirtschaftskampfes. Sie stellen sie als eine das Leben der Nation bedro­hende politische Handlung hin, die weil sie angeb­lich von der Regierung eines ausländischen Staa­tes, das ist die Sowjetregierung in Moskau, immer veranlaßt ober ausgenutzt wird, direkt den Cha­rakter eines Hochverrates in sich trage. Es besteht allerdings kein Zweifel, daß der englische Bergarbeiterstreik von Moskau her in intensivster Weise unterstützt worden ist, und wenn die Berg­arbeiter trotzdem unterlegen sind, so weiß Moskau doch, daß die Folgewirkungen dieser Niederlage den Einfluß der kommunistischen Internationale stärken muß. Das weiß aber auch die konservative englische Regierung und sucht jetzt durch ein euer- gisches Generalstreikverbot dem Moskauer Einfluß einen Damm entgegenzusetzen. Der Kampf ist im Unterhause noch nicht ausgekämpft. Wie er zu Ende gehen wird, ist leicht auszurechnen, da die konservative Partei in ihrer starken Mehrheit die Entscheidung fällen kann, wie sie will. Es müßte denn fein, daß es der Arbeiterpartei gelänge, die Entscheidung einem besonderen Plebiszit des Vol- kes zu unterwerfen, d. h. über diese Frage Neu­wahlen vornehmen zu lassen. Die letzten Stich­wahlen in England waren durchweg Erfolge der Arbeiterpartei. Trotzdem sind die Konservativen optimistisch, well sie darauf spekulieren, daß die

Maste der Wähler für ein Verbot des General­streiks sein wird, falls ihr nämlich genügend klar­gemacht werden könnte, daß der Generalstreik heute nicht mehr, eine Angelegenheit der englischen Ar­beiter ist. sondern ein diplomatisches Werkzeug der bolschewistischen Sowjetregierung, mit dem sie nach Belieben die Ruhe des englischen Bürgers und der englischen Wirtschaft störe. Hier liegt also das innenpolitische Motiv vor, das für gewisse englische Kabinetsmitglieder die Frage eines Abbruchs der diplomatischen Beziehungen zu Moskau so dring­lich gemacht hat.

Das außenpolitische Motiv hat seinen Ursprung in den Kämpfen in China. In dem Vordrin­gen der südchinesischen Kantontruppen und in dem Boykott des englischen Handels durch die Chinesen fühlt England die bolschewistische Hand. Es ist besorgt, daß der bolschewistische Ausdehnungsdrang in Asien noch weitere englische Interessen gefähr­den wird, ohne daß es möglich würde, tatkräftige und durchschlagende Gegenmaßmahmen zu ergrei­fen. Diese Schwierigkeiten kommen zu den inneren englischen hinzu.

Es ist klar, würden die an und für sich lockeren Beziehungen zwischen London und Moskau abge­brochen, so würde hier nicht etwa ein leerer Raum entstehen, sondern es würde eine Verschärfung der Gegensätze eintreten, wobei England traft seines großen Einflusses in Europa und im Völkerbund Bundesgenossen suchen würde. Mit seiner bekannten Zähigkeit würde es alle Möglichkeiten auszunutzen suchen, um eine europäische Front ge. gen Rußland zustande zu bringen. Es fehlt nicht an natürlichen Bundesgenossen. Dazu gehört Po­len, hinter dessen unnachgiebiger Politik gegen Deutschland gewiß bereits englische Einflüsse vermutet werden dürfen. Auch Rumänien steht zu Rußland wegen der bestarabischen Frage in sichtbarer Frontstellung und Italien, das lange Zeit hindurch mit der russischen Diktatur auffallende Freundschaft pflegte, schwenkt merklich ab, bedenkt die Rumänen mit seiner Sympathie und hält dich- teste freundschaftliche Tuchfühlung mit England. Es gehört ganz in den Rahmen solcher englischen Einkreisungspolitik, wenn die neue deutsche Re­gierung das offen gezeigte Mißfallen der konser­vativen Londoner Preste gefunden hat. Denn das neue deutsche Kabinett gilt als russenfreund- l i ch, weil die Deutschnationale Volkspartei in ihm ein schwerwiegendes Wort zu sagen hat. Wenn also im englischen Kabinett über die Frage des Abbruchs der Beziehungen mit Moskau verhandelt wird, so darf gang Europa aufmerken, vor allem aber Deutschland, dem es in dem zunächst stillen Wettkampf der beiden Großmächte alsdann sicher nicht leicht fallen wird, sich mit seinem politischen Eigenwillen zu behaupten. In Rußland ist man übrigens auf tiefgreifende Auseinandersetzungen mit England gefaßt, obwohl man dort gewiß alles andere eher wünscht, als den Ausbruch von mili- täriftben Feindseligkeiten.

Generalstreik in Schanghai.

wtb. Schanghai, 19. Febr. (Gig. Funkm.) Der Allgemeine Gewerkschaftsbund hat heute den Ge­neralstreik ausgerufen, um seiner Forderung nach Räumung Schanghais durch die Truppen Suntschuangsungs und durch die britischen Trup­pen Nachdruck zu verleihen. Heute vormittag leg­ten alle Angestellten der Post, der Straßenbahnen und der Omnibuslinien in der französischen Kon­zession die Arbeit nieder. Die Zahl der Streiken­den beträgt 40 000.

3um deutsch-polnischen Streit.

Neue Erklärungen Zaleskis.

2(us Warschau wird gemeldet: Der polnische Minister des Aeußern Zaleski empfing die Ver­treter der Presse und legte ihnen nochmals den Standpunkt der polnischen Regie­rung zu dem Abbruch der deutsch-polnischen Han­delsvertragsverhandlungen dar. Der Minister schilderte zunächst den Verlauf der deutsch-polni­schen Meinungsverschiedenheiten und setzte sodann nochmals die polnische Auffassung zu der Auswei- sungsfrage auseinander, wobei er betonte, daß sich nach Ansicht der polnischen Regierung. die Aus­weisungsfrage als ein Bestandteil der inneren Ge­setzgebung des Staates darstelle und nach dem pol­nischen Standpunkt eine Bindung in der Auswei­sungsfrage durch internationales Recht aus Grün­den der Rechtssouveränität zwecklos und unange­bracht sei und zudem Anlaß zu ständigen inter­nationalen Streitfällen bieten würde. Die pol­nische Regierung ist bereit, die Verhandlungen über den Gesamtkomplex der Wirtschaftsfra- g e n jederzeit wieder aufzunehmen. Soll bei Wiederaufnahme der Verhandlungen künftig die Möglichkeit bestehen, sie rasch zu Gnde zu füh­ren, so wäre es zweckdienlich, den Arbeiten an dem Vertragsentwurf dadurch konkrete Formen zu ge­ben, daß man zunächst die allgemeinen Grundsätze umreißt, die sich auf die wichtigen Probleme — nämlich Zollfragen und die Rechte der physischen und juristischen Personen — beziehen. Diese Grundsätze müßten dann die Grundlagen für den Vertrag bilden. Die Richtlinien der polnischen Po­litik ist der Wunsch, die deutsch-polnischen Beziehungen immer günsti­ge r zu gestalten und hierzu kann nach unserer Meinung in erster Linie die wirtschaftliche Ver­ständigung führen. Die polnische Regierung wird aus der Unterbrechung der Handelsvertragsver­handlungen weder politische noch wirtschaftliche Konsequenzen ziehen. Sie wird nach der Präzi­sierung ihrer Stellung zu diesen Fragen die wei­tere Gntwicklung in vollster Ruhe abwarten.

Aus den Parlamenten.

Reichstag.

Auch die F r e i t a g s s i tz u n g des Reichstags war der ersten Beratung des Haushalts für 1 927 gewidmet. Von den Rednern bezeich­nete der Abg. Bredt (Wirtsch. Vgg.) die Ginnahme­schätzungen im Gtat als viel zu hoch. Seine Par­tei könne die Verantwortung für den Etat nicht übernehmen. Der Abg. Best, der bekannte Füh­rer der Aufwertungsbewegung, verlangte eine Re­vision der Aufwertungsgesetze zu Gunsten der Gläubiger. 2(m Schlüsse der Sitzung wurde von den Kommunisten noch ein Gesetzentwurf einge­bracht, wonach der § 52 des Mieterschutzgesetzes gestrichen und der Reichsarbeitsminister beauftragt werden soll, seine Zustimmung zur Verordnung des preußischen Ministers Hirtsiefer über die ge­werblichen Mieträume sofort zurückzuziehen. Gin Antrag, die Beratung auf die Samstags-Tages­ordnung zu setzen, wurde abgelehnt. Am Sams­tag steht neben der Fortsetzung der Gtatsberatung das Handelsprovisorium mit Frankreich auf der Tagesordnung.

Preußischer Landtag.

Unter großen Tumultszenen, an denen sich insbesondere auch die Tribünenbesucher betei­ligten, wurde am Freitag über die Anträge zur Verordnung des Wohlfahrtsministers über die Lockerung der WohnungsZwangs­wirtschaft beraten. Besonders bei den kom­munistischen Angriffen gegen den Wohlfahrtsmini­ster mußte der Präsident wiederholt mit der Räu­mung der Tribünen drohen. Bei den Abstimmun­gen wiederholten sich die Tumulte, und als von den Tribünen laute Schmährufe gegen die Rechtsparteien ertönten, ordnete der Prä­sident die Räumung an, der sich die Besucher je­doch widersetzten. Infolgedessen mußte die Sitzung abgebrochen und auf Samstag vertagt werden. Im übrigen wurde der sozialdemokratische Antrag betreffend Aufhebung der Verordnung mit 222 ge­gen 142 Stimmen abgelehnt. Auch der demokra­tische Antrag, daß sich die Verordnung nur auf die Vorschriften des Wohnungsmangelgesetzes be­ziehen solle, wurde mit 204 gegen 163 Stimmen abgelnht. Die heute abgebrochene Debatte wird morgen fortgesetzt.__________________

Tarifwesen.

--- Der Lohnschiedsspruch in der Rheinisch-Westfäli­schen Meta. Bei den unter dem Vorsitz deS staat­lichen Schlichters Dr. Jütten in Essen abgehalte- nen Verhandlungen zur Beilegung der Lohnstreitigkeiten in der Rheinisch-Westfälischen Metallindustrie wurde gegen die Stimmen der Arbeitgeber ein Schiedsspruch gefällt, nachdem die Stundenlöhne der Tagarbeiter von 70 auf 76, die der Hilfsarbeiter von 55 auf 59 Pfg. erhöht werden. Der feste Zuschlag für Akkordarbeiter erfährt eine Erhöhung von 14 und 16 auf 19 Pfen­nigen. Kinder- und Hmlsstandsgeld blieben unverändert. Dre übrigen Bestimmungen des Tarifvertrages bleiben wesentlich unverändert. Die Erklärungsfrist läuft bis MM 22. Februar 1927.