Sonntag, 30. Januar 1927.
Fuldaer Zeitung
2. öTefL
Ocntf der Auidaer «cflenhiodetfl. ffutba
Die Wirtschaftspariei.
Charakteristisch für den Zwiespalt in der Wirt- schaftsponei ist ein Vorgang, der sich in der Biens» tagsitzuctg des Reichstags abgespielt hat. Bei der D-'aiung über die Aufhebung von Beschränkungen im Verkehr mit Vieh und Fleisch sprach sich, wie das „B. T." berichtet, die Wirtschastspartei in einem Antrag für Aushebung dieser Beschränkungen aus. Denselben Antrag hatten bereits einmal früher andere Parteien eingebracht; er war aber zu Fall gebracht worden, da die Wirtschastspartei g e- g e n ihn stimmte. Dies hinderte sie aber nicht, diesen Antrag, gegen den sie s-'bft gestimmt hatte, ihrerseits später erneut wieder einzubringen. Im volkswirtschaftlichen Ausschuß stimmte dann der Vertreter der Wirtschaftspartei gegen den 2In- tra" feiner ^««tipn und im Plenum zeigte sich am vergangenen Dienstag das gleiche Bild. Abgeordneter Drewitz, der Führer dieser Partei, suchte bti merkwürdige Haltung seiner Fraktion zu rechtfertigen, indem er daraus hinwies, daß seine Partei aus drei Fraktionen bestehe, ein Umstand, der solche Differenzen erklärlich erscheinen lasse.
* Deutschland — das Reisevolk. Gewaltige Zif- !em erieiujte der deutsche Personenverkehr in den ehten Jahren. Den Löwenanteil bewältigte natürlich die Reichsbahn. Sie beförderte 1924 zirka 1907, 1925 zirka 2106 Millionen Reisende. Beachtlichen Verkehr wiesen auch die Kraftwagen der Reichspost a-f pr-n denen aeaenmärtig zirka 2500 Stück aus 1240 Linien mit 24 000 Kilometer Streckenlänge» laufen. Sie fuhren 1924 rund 9 Millionen, 1925 rund 25 Millionen Passagiere. Das jüngste Der» kehrsunternehmen, der Luftverkehr, wies die ver- ffHftnhmUr-iq nrör-f» Steigerung auf Während 1924 sich nur 12 600 Personen dem Flugzeug an» vertrauten, waren dies 1925 bereits 85 000 Personen.
• Die Türken besteuern die Gesundheit. Die türkische Regierung will gesetzlich von allen Bewohnern der türkischen Republik, die sich ihrem Aeußern nach und gegebenenfalls ans Grund ärztlicher Untersuchung als gesund erweisen, einen Steuerabzug von 20 Prozent auferlegen. Der Ertrag kommt der staatlichen Krankenpflege zugute.
weltllberflutz an Jucker.
Der Zuckerpreis ist im Vergleich zu anderen Nahrungsmitteln nicht übermäßig hoch zu nennen. Gleichwohl würden die Verbraucher auf Grund des Preises nicht auf eine Ueberproduktion schließen. Dis Teuerung während des Krieges war jedoch ein derartiger Anreiz zur Zuckerkultur, daß heute von diese'- Produkt größere Mengen vorhanden sind, «'s nut Vorteil verkauft werden konnlc Große Zuckerraffinerien in England wurden in letzter Zeit stillgelegt. Kuba, das ein Drittel der Welt.'rzeuaung von Rohrzucker bervorbringt, er. rri*‘- im Ernteiol'r 1925/26 einen Rekord mit über fünf Millionen Tonnen. 3m laufenden Jahre würde der Zustand noch verheerender (für die P-c- duzenten!) geworden fein, wenn nicht ein vom Kongreß angenommenes Gesetz den Präsidenten ermächtigt hätte, Einschränkungen in Anbau uird Nusfuhr durchzuführen. In Brcrfikft'N-^vlN' der Ertroo fo bock', daß die brastlianMs' ZoMdssNippe den Beschluß faßte, auf den euronäischen Märkten sechzigtausend Tonnen zu jedem Preis zu verkaufen. Einer Melterzeuoung an Rohr- und Rübenzucker von fast 24,3 Millionen Tonnen steht ein Derbrauchsbedarf von rund 20 Millionen To"n<-n v-genü^r. Die Pflanzer von Havanna haben Präsident Coolidge ersucht, erneut eine tnternntien'c Zuckerkonferenz einzuberusen. Die geringen Resultate der vorigen, in Brüssel abgehaltenen Kon» ierenz gestatten jedoch keinen Optimismus wie es ich denn auch fragt, ob derartige internationale Zuckerkonventionen im Intersse der Verbraucher liegen werden.
Rund um die Woche.
An Kaiserin Charlotten« Gr b. — Chrisieaverfolgung in China. — Etwas von RegerNndera. — Ein interessanter Brief. — Große Koalition.
Ueber so manches Schicksal gehen wir achtlos hinweg, wie ein Spaziergänger über die grasbewachsenen Hügel alter efeuumrankter Kirchhöfe. Aber am Grab der Kaiserin Charlotte lohnt es sich doch, eine Weile stille zu stehen. Wie war sie einst so stolz. Wie riß sie ihren jungen Gatten aus der träumerischen Schönheit von Miramare hinaus in das mittägliche Land Montezumas. Wenn Marimilian verzweifelt, bann richtet sie ihn auf, und ihre ganze Seele ist in dem Zwiegespräch wie Franz Werfel es formt:
Maximilian:
Ich bin nicht mehr zu retten.
Charlotte:
Jetzt, wenn du so redest, entschwindest du mir, bist klein, bist niedrig! Wegwerfen die Souveränität, die goldene Lust der Gipfel? Du willst noch leben, wenn man nicht mehr „Majestät sagt? Ich nicht! fitinn ein Sonnenstrahl abzidieren?
Maximilian:
Er kann erlöschen.
Charlotte ginn nach Europa. Vergebliche Bit» ten um Hilfe in Pa^', in Rom, beim Bruder des Gatten in Wien. Und end'ich die grauenhafte Szene im Vorzimmer bei Napoleon, wo rote ein Zufall die Nachricht nom Todesurteil Maximilians hereinflattert. Ein Schrei, markerschütternd, und dann der Wahnsinn der über sechzig Jahre lang ;m einsamen Schlosse Bonmot ein ergreifendes Schicksal in Narbt hüllt. Nur hier und da blitzt ein Stern der Erinnerung auf, und dann spricht die Kaiserin Marimilian, dem vergötterten Gatten, und von Nnnaleon. dem ehrlosen Verräter . . . Und nun ist sie erloschen, wie Marimilian es sagt. Wir aber sind schon weitergestürmt In dieser Zeit, die Schicksale hämmert und uns selbst.
China, bas Wort, bas einst einen gemütlichen Mandarin vorstllte, einen Riesenwpf und eine Riesenmauer, einen Gelben Fluß und endlose Reisfelder daneben, ein paar Kulis den Philosophen der Höflichkeit Kungfutse und seinen mnftifrfi"ten Landsmann Laotse, das Land des patriarchalischen Familienlebens und der Pietät, in neuerer Zeit des Borerausttandes und K'autscho"s mit her darüber drohenden gepanzerten Faust. China ist heute der Schrecken aller europäischen Kabinette, es ist ein Wort das wie ein Drandbimmel loht. Der Krieg und alle apokalyptischen Reiter jaaen darüber hin, und vertriebene Kla"ben<--boten irren durch das Land den rettenden Schiffen zu. Ich fefje immer die Hundert- von Waisenkindern vor mir. die, der Obhut her Schwestern enormen. verschenkt rochen . . . So wechseln auf Erden Himmel und Hölle und wir werden ganz still und schauen stumm und traurig fragend zu den Sternen.
Wo wir einmal an d-n Missionen sind, auch darüber noch ein Wort. Er hat mich ein allerliebster Brief erreichst Der Schreiber hatte gelesen daß bei mir die ^"nfmarkscheine etwas locker sitzen. Da hat er gl.ich an seine Reger gedacht, für deren Bekehrung er fein Led-m onf’rn will. Wie schön ist das, daß es noch solche Menschen gib*. Nebenbei gesagt, haben wir nach der neuesten Statistik in Deutschland viel zu viel Man- ner und v-chältnismäßig zu wenig Frauen. Sollen diese Männer doch Negermissionäre werden! Wird sich mancher in einem Hottentottendorf rooh- ler fiihl-n als in mancher hochzivilisierten Ehe daheim. Mein guter Freund, der Negermissionör, rechnet mir vor. wieviel Fünfma'-kschünchen er brauchen kann. Ich setze die ganze Stelle aus dem
wunderhübschen Brief hierher: „Da sind zunächst die Negerkinder, Buben wie Mädels. Ihr Lendenschürz ist schon arg zersetzt und zeigt bedenkliche Löcher. Da dürfen diese armseligen Geschöpfe bloß erfahren haben, daß ich aus Europa komme, sofort bin irfi für sie her reiche Onkel. Darf ich sie ab- weisen? 0 nein! Das wäre beschämend mit grausam. Ein Missionar darf so Hartherzig nicht fein; er muß immer ein warmes Herz und eine offene Hand haben. — Aber woher nehmen und nicht stehlen? Also bitte recht schön — um einige Fünfer zum Ankauf von recht viel Daumroollstof- fen für die schlechtgekleideten Negerkinder. . . Die Anschaffung einer geeigneten Apotheke mit Verbandstoffen, aller Art Salben Tabletten ufro. ist unerläßlich, denn der Negerkranken muß sich der Missionär besonders annehmen . . . Nicht minder arm sind die Negermütter. Bekanntlich tragen sie ihre Lieblinge auf dem Rücken. Der Kinderwagen ist ihnen tml'efannt. Diese echt afrikanische Wiege ist aber für das Kind nicht immer ein Ort der D'lustigung oder der Ruhe, sondern meiften« teüs ein Ort unsanfter Bewegung. K-in Wunder, daß es manchmal mit Händchen und Füßchen be>- waßen herumftrampelt, daß das Tragtuch dabei über kurz oder lang in Fetzen gerät. In ihrer Bestürzung -ilt die Negermutter zum Tliffinna*1 und zeigt Ihm das zerrißene Tragtuch. „Herr Tater*, sagt sie offenmutig, „ich kann doch bas Kind nicht auf dem Boden lasten. Du hast mein Kind getauft, also bist auch Du dessen Va^er. Ditte, besorge mir ein neues Traatuch* . . . Leicht gesagt doch woher nehmen und nicht stehlen? Also auch hier wieder um Ueh-rsastuna einiger Fünfer, damit ich die herzlichen Bit'-n dieser Negermüi- ter erfüllen kann.....So könnt- ich noch weiter,
fahren, hat doch mein guter Missionär noch viele Sorgen. Lieber Leser und liebste Leserin, du siehst rro™ ein, daß mein- Fünfer hier nicht reichen. Willst du etwas h"Een. so Mr* es nur an deine Zeitung, für den Mann im Monde. Es kommt schon an. denn untere Redaktionen sind sc weit forta-schritten, daß sie auch aus dem Mondorientiert sind. Dae märe eine Freude, ro-nn ich das nächttemal erzäb'-n könnte, bah es auch heute noch Menschen gibt, bie für Regerkinber etwas übrig h iben . . .
Wenn ich boch nur noch ein Gelchichtch-n wüßte, um nicht über bie positische Lage sprechen zu müssen «e mich niet"- ärgert wie ein ganzer Keller voll Ratten ... Ah so, ba ist sa noch die-Geschichte von ben Schneiberinnen. Es sind zwei vornehme Damen, bie b-mte von di-sem rf l-b"N
Gleich nach Weihnachten fangen sie schon wieder an, Flicken und Stoffreste zu sammeln, die sie in all-r Ruhe und Geduld bis zum nächsten W ih- nacht-feste zu Kind-rkleidchm perarbePm. Das Schönfte ist nun folgendes: Die b-ihen sind Pro- festant-n. Sie haben aber in der Nähe ein katholisches Kloster kennen gelernt und diese und jene Schwester noch ganz besonders. Wenn en nun Weihnachten wird dann muß immer eine Schwester aus dem Küster kommen und alle bie Kleidchen ahMm Daraus sieht man. wie doch di- große ßi-be alle sog-nannten konfessionellen Gegensätze überbrückt. Diese Frauen denken alle zusammen nur daran, wie sie den armen Kindern helfen können, und so haben sie keinen Streit mehr untereinander und sind sozusagen eine wundervolle große Koalition der Liebe ... Nun ja ihr Herren in Berlin, sie zeigen allenfalls, wie man aus großer Liebe zum Volke zu einer großen Einmütigkeit kommen kann.
Der Mann im Monde.
Bus dem Huldaer (and.
- fiarmm bei Fulda. Der hiesige Einwohner Karl Nöll und Ehefrau, Anna geb Schleicher!, feiern am 30 Januar ihr Silberns Ehejubiläum.
--- Detersberg bei Fulda. Am Samstag, den 22. Januar, abends 1% Uhr versammelten sich die Mitglie- der des Gesangvereins Gemütlichkeit Petersberg, nebst Angehörigen zu einer schlichten Familienfeier nut Thcateroorführungen. Zuerst wurden einige Oore unter Leitung ihres bewährten Dirigenten. Herrn. Havp>Mitda oorgetragen. Nachdem fand eine gegenteilige Verlosung statt; sie lies sehr gut ab. Ewige Ulkgegensiande fehlten nicht. Alsdann überreichte Berfreter I Baenen- Fulda von der Neuruppiner Yahneniabrik Paul «ob lert, Neuruppin, dem Gesangvereine eine neue »ohne. Diese Fahne ist am Sonntag, den 30. Januar, bet Herrn Gärtnereibesitzer Ries, Fulda, Friedrichstraße
26 ausgestellt.
— Langenbieber. Der noch sunge Turnverein, gegründet 1922, veranstaltete alljährlich durch seine Iheaterabteilung um die Weihnachtszeit Theaterabende, die sich eines allseitigen Zuspruches erfreuten. Dieser seiner Ucberlieferung ist der Verein auch in diesem Jahre treu geblieben; für Sonntag den 23. d M. hatte er in den Stehlingschen Saal eingeladen. Tiefe Tragik (ajj über dem ersten Stück: „Der Glockenguß zu Breslau , im Anschluß an das bekannte Gedicht. Wohin die Leidenschaft den Menschen treiben und reißen kann, was die letzten Folgen unbeherrschter Leidenschaft — es handelt sich bei diesem Stück um den Zorn — für den Menschen sein können, daß es des Menschen unermüdlich Ringen sein muß, Herr über sich selbst und seine Leidenschaften zu werden, wurde hier in ergreifgiber Weise an dem tragischen Untergang eines sonst ehren- werten Mannes, des Glockengießers, gezeigt; manche Szenen, so die Gerichtssitzung und die Abschiedsszene, werden tiefen Seelen noch öfter vor das geistige Auge treten und ihre Mahnung zurufen. Das zweite Stück, ein Lustspiel: „Der verhaftete Turnverein setzte man- ches Zuschauers Lachmuskeln tüchtig in Bewegung. Am kommenden Sonntag findet eine Wiederholung der Vorführung statt. Wer die Lehren des ersten Stückes tiefer in seine Seele aufnehmen und einen genußreichen Abend verleben will, versäume die Vorstellung nicht! Dem Turnverein aber und allen Spielern, die ihr Bestes
einsetzten und Vorzügliches leisteten, auch an dieser Stelle Dank für diese Gabe!
von den Hochschulen.
= Besprechung zwischen Vektoren und deulfcher Sfn- benlenschast Die Aussprache zwischen Rektoren der preußischen Hochschulen und dem Hauptausschuß der Deutschen Studentenschaft ergab eine vollkommen einmütige Haltung in der Auffassung, daß der Vorwurf, den der preußische Minister Dr. Becker den preußischen Studentenschaften in feinem Brief vom 24. Dezember 1926 machte, daß diese „gegen Geist und Wortlaut" der staals- minifterieUen Verfügung vom 18. September 1920 verstoßen hätte, unzutreffend sei. Zum zweiten wurde zum Ausdruck gebracht, daß das verlangen des Ministers Becker, daß die preußischen Einzelstudentenschaften das Studentenrecht der auskandsdeutschen Studentenschaften ändern sollten, insofern unmöglich sei, als den preußischen Studentenschaften keinerlei Machtmittel zur Erfüllung dieser Forderung zur Verfügung ständen.
Oetker*
Marmeladen
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Das Rätsel des Hewegrabes.
Roman von E r n e ft Decher.
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„Endlich!" seufzte er erleichtert auf, als die Ruder in Ben schäumenden Gischt tauchten. Er beruhigte sich etwas und starrte nun stumpfen Blickes In den Nebel.
Das Boot flog dahin, von kräftigen, gleichmäßigen Ruderschlägen getrieben. Die Männer arbeiteten freu- big: so reichen Verdienst hatten sie sonst nicht in Jahren, wie heute in einem einzigen Tage, freilich auch nie einen sonderbareren Fahrgast. Der saß dort auf feiner Bank, die Wogen, welche das Boot hoben und senkten, spritzten ihm den Schaum ins Gesicht, er achtete " nicht, er schien es nicht einmal zu spüren. Starr hielt *r ben Blick hinausgerichtet in das Nebelmeer und seine Lippen bewegten sich unaufhörlich, als spräche er mit jemandem.
Unb er sprach wirklich mH semand. Die Schemen, die ihn In der Nacht oecsolgt, sie hatten ihn doch nicht verlassen, sie waren ihm auch auf das Meer nachgezogen. Den beiden Ruderern blieben sie verborgen, er aber sah h nJ’V’ genau und erkannte sie. Nichts 'nützte as tut)! bet 6onne, nichts die Gegenwart der Soots-
, — 6le ö'inhe, sie ließen sich nicht schrecken, nicht verscheuchen. Noch stiegen sie nicht zu ihm In das Fahr- jeug, aber sie waren draußen aus dem Meere und husch- ten um das Bot herum. Der riesengroße graue Reiter Da, Ber eben drohend die Faust ballte und dessen Roß seine Mahne schüttelte. Das war Skive, der Mann mit dem eisernen -Willen, der ihn verfolgte und nicht ließ von ihm. Dort rechts stand Eaistens, feine ®e- [talt war verschwommen, aber deutlich sah Götrik, wie der Arzt mit der Hand winkte, als wolle er grüßen unb nicht dem Fliehenden drohen. Links kam Eiseid gelaufen, er schwebte über den, Wasser und hinter ihm schnitt Gustav Fons eine abscheuliche Grimasse. , „Ja, schneide nur Gesichter, du Tor! Ihr erwischt mich doch ®1d)t, ich bin schneller als ihr!"
Unb Götrik lachte hell auf, ein wahnsinniges, ent- setzliches Gelächter, daß die beiden Ruderer schaudernd Rsiammenfuhren.
„Was habt Ihr, Herr?" fragte der alte Fischer scheu, •tchlt Euch etwas?"
-g6r. bekam keine Antwort, Götrik hatte die Frage sich!'ld?t g°b°rt. Denn während er noch lachte, hatten unb*' H°nbe von rückwärts her um seinen Hals gelegt er , ”tc6ten ihm benfelben zusammen. Entsetzt roanbte Uänif ,Um’ bie Augen traten ihm aus den Höhlen; linau ; anb hinter ihm und winkte, Götrik möge ihm meift °!®en uufs Meer. Abwehrend hob der Bürger- ausack' 6ic Hönde, doch Jänike lächelte und wies mit ®ötrif f Zeigefinger gegen die Mitte des Bootes. Rieieno/n f,erum' er stieß einen gellen Angstschrei aus:
-* *°m, in lange, wallende Gewänder gekleidet, stand
I Helga Elfeld dort, den furchtbaren Blick auf ben zit. ternben Bürgermeister gerichtet. Sie kam näher, immer näher, schon streckte sie ben Arm aus, ihn zu fasten, schon legte sich ihre Hanb auf seine Schulter — da sprang Götrik aus unb taumelte ein paar Schritte nach rückwärts.
„Zum Teuf-l, Herr, was treibt Ihr? Bleibt sitzen, sag ich. bleibt sitzen!" schrie ber Fischer. „Herrgott!"
Er ließ bie Ruder fahren unb sprang nach vorne.
Zu spät! Draußen auf ben Wellen trieb ber ver-' sinkenbe Körper Götriks, bald oerschwindenb, bald wieder auftauchend. Mit aller Kraft legte sich der jüngere der Bootsleute in die Riemen, daß sie sich bogen. Umsonst — die Wogen waren stärker als er; bas letzte, was bie beiben Männer sahen, war ein Arm, ber sekundenlang aus ben Mastern zum Himmel wies unb bann ebenfalls versank in bie rauschenbe Tiefe.
Niklas Götrik war dem Gericht seiner Brüder nur entflohen, um dem Gerichte ber ewigen Gerechtigkeit zu verfallen.
16. '
Die welke Heide war mit Schnee bedeckt. In blendender Weiße erglänzte er, so daß den müden Wan- derer, der aus ber Landstraße mühsam seines Wcges Ziehen mußte, bie Augen schmerzten von ber Helle, welche bie Schneebecke ausstrahste. Auch ber Himmel bot dem halbgcblenbeten Auge keinen Ruhepunkt, er war mit einförmigem, lichtem Grau überzogen. Grim- m ge Kälte herrschte im ßanbe, mit voller Strenge führte ber Winter sein Regiment, ber Gismonat neigte sich seinem Ende zu.
Ueber den Marktplatz von Gselstedt glitt ein Schiit- ten, lustig klingelten die Glöckchen ber Pferbe. Das Gefährt hielt oor bem Haus des Wasfenhänblers, Skive unb (eine Tochter entfliegen bem Korbe.
„Kommst du bald, Vater?" fragte das Mädchen.
„Das hängt davon ab, was für Arbeit mich erwartet. Ich werde mich zusammennehmen und mein Möglichstes tun, damit mein Töchterchen mit mir zufrieden ist," scherzte der Wassenhändler.
„Mußt du denn alles selber machen? Laß die andern auch etwas tun und komm halb — ja, Later? So leb inzwischen wohl!"
„Leb wohl, mein Kinb!"
Währenb Inge ins Haus trat und der herbeigeeilte Knecht sich der Pferde unb bcs Schüttens annahm, schritt Skive auf bas neben seinem Heim liegenbe Rathaus zu. Er trat in das Amtszimmer des Bürgermeisters, ber Ratsbiener begrüßte ihn mit tiefem Bückling unb nahm ihm ben Pelz ab.
„Was Neues?" fragte ber Waffenhändler dem Schreibtisch zuschreilen.
„Nicht viel, Herr Bürgermeister! Zwei Schreiben aus Kopenhagen unb ein Telegramm,"
„Es ist gut, Ihr könnt gehen. Vorderhand wird niemand vorgelasten."
Der Diener zog sich zurück, während Skive an dem Schreibtisch Platz nahm. Die Regierung hnMe ihn zum Bürgermeister ernannt, nachdem Götriks Tod amtlich festgestellt war; schon an zwei Monate führte ber Was. fenhändler die Geschäfte Gjelstedts. Auch der Vorsitz in ber Kreisleitung bes Bundes war ihm angeboten worden, aber ben hatte er abgelehnt. Es sollte nicht ben Anschein haben, daß er Götrik beshalb oor bas Bun- besgericht gebracht, um sich der Stellen zu bemächtigen, die dieser innegehabt. Infolgedessen hatte die oberste Bundesleitung Carstens bie Führung bes Gjelstedter Sektors übertragen.
Ueber ben jähen Tod Götriks hatten bie Leute mancherlei gemunkelt, ohne indesten ber Wahrheit auch nur nahezukommen. Schließlich hatte man sich mit ber Lesart begnügt, welche vom Rathaus aus verbreitet worben war; Götrik sei In Amlsgeschäften nach Kopenhagen gereift und bei der Fahrt über den Belt verunglückt.
Skive riß bie Hülle bes ersten Schreibens auf unb las. Die Regierung forderte die Stadtverwaltung unter Angabe eines Termines auf, eine bestimmte Menge von genau bezeichneten Lebensmitteln an bie Armee abjuliefern, welche bas Danewerk oertelbigte. Der zweite Erlaß enthielt bie Vorschrelbung einer Kriegssteuer. Das Telegramm endlich lautete:
„Zirkular — geheim! Berget fofort Kassen unb Archiv vor oorbringenbem Feinb!"
Mißmutig warf Skive bas Blatt auf ben Schreibtisch unb starrte zum Fenster hinaus.
Es mußte schlimm stehen, baß bie Regierung biefen Befehl gab! Diese verdammten Preußen! Aller Bor- aussichl zum Trotz hallen sie sich mit Oesterreich geeinigt unb mit diesem gemeinsam ben Krieg an Dänemark erklärt, nachdem ber brutsche Bunb schon früher die Herzogtümer Holstein unb Lauenburg besetzt halle. Run slanben 72 000 Mann feinbliche Truppen im Lande, England aber unb Rußland zögerten mit ber Hilfe. Wars ein Wunber, baß bie Berteibiger bes Danewerks der Uebermachl nicht hallen standhallen können? Denn das ging aus dem Telegramm hervor. „Bor oordrin- gendcm Feinde" stand darin — vordringen konnte der Feind nur, wenn das Danewerk verloren war.
Es war also gefallen, bas Danewerk, bas bei so vielen feinblichen Änstücmen ein Bollwerk gebildet halte! Nun waren Schleswig unb Iüllanb bem Feinbe preisgegeben; benn baß bas bänische Heer in offener Feldschlachl ber Uebermacht ber vereinigten Preußen unb Oeflerreicher slanbhallen ober sie gar besiegen konnte, war nicht anzunehmen. Daher bie Depesche.---
Damit war ber Auftrag zur Lieferung von Lebensrnitteln hinfällig geworben. Zuminbest mußte zuerst
angefragt werden, wohin nun die Lieferung zu senden war.
Das war das Dringendste und Skive machte sich unverzüglich an die Arbeit; er zog einen Bogen Papier hervor uno begann zu schreiben.
x Wie ber Baler in seiner Amtsstube, fo hing Ingt in ihrem Stübchen trüben (Bebauten nach. Auch ihr»- erste Frage war gewesen:
„Was Neues, Mutti?"
Betrübt hatte Frau Skive verneint. Da war das Mädchen still aus dem Zimmer gegangen unb hatte sich auf [ein Stübchen begeben. Dort faß Inge nun an bem Fenster unb blickte hinaus in ben verschneiten Garten. Ein trübes Weihnachlsfest war es gewesen, bas sie verlebt! Zwar bas Christkind Halle sich glänzend eingestellt, reichlich war ihr von Baler und Mutter befeuert worben, aber die Freude, bie sie darüber geäußert war geheuchelt gewesen. Denn das, was ihr am liebsten gewesen, bas hatten ihr bie Ellern nicht schenken können: Friedel war nicht zum Weihnachlssesle gekommen. Roch bitterer aber war, daß Inge von ihrem Verlobten [eit jenem verhängnisvollen ersten Briefe nicht eine einzige Nachricht erhalten Halle. Wenn er schon nicht, wie er oor seiner Abreise versprochen, zum Weihnachlsscste gekommen war, warum Halle er nicht wenigstens geschrieben?
Und nun ging schon der Januar zur Neige und no<f immer war von Friedel keine Bolschosl gekommen. Wac halte das zu bedeuten? War er erkrankt, war ihm |on| etwas zugestoßen? 6 i e konnte ihm nicht schreiben konnte nicht fragen, wie es ihm gehe, benn sie halte feine' Kenntnis, wo ber Verlobte weilte unb wohin sie feinen Brief (enben könnte.
Ach, sie wußte wohl, was es war, daß Friedel nichts von sich hören ließ! Der Vater schrieb es ber burch die Kriegswirren unterbrochenen Postoerbindung zu; aber damit wollte er sie wohl nur trösten. Halte er nicht seinerzeit selbst gesagt, Friedel würde sich von ihr wenden, wenn er die damals erst geplant gewesene Reise wirklich unternehmen würde? Nun war einge« troffen, was ber Vater vorhergefagt. Frieöel wollte nichts mehr von ihr roiffen. Er buchte wohl gar nicht mehr an sie, ober doch nur litt Groll. Denn zu dem alten Unrecht, bas ber Vater damals angebeutet, war neues gekommen, bie Schanblai bes abscheulichen Götrik. Daran war ber Vater unbeteiligt, er Halle Götrik sogar zur Verantwortung gezogen, ihn in bie Flucht getrie- ben. Aber bas konnte Friebel nicht wissen, er warf wohl Götrik, den Vater unb besten Freunde in einen Topf. Sein Brief bewies es, dort, wo er von ber Mörderbande sprach, an deren Spitze Nikolaus Götrtt stand. —
(Fortsetzung folgt.)