Beilage zur Fuldaer Zeitung
Für unsere Frauenwelt.
Feierabendglocken.
Don Erna Altenhofer.
Komm' ich am Samstag von der Wochenfron nachhause. Streck' ich die Glieder aus zur Ruhepause, hin auf das Lager mich und lausch' dem Abendläuten Und sinne nach, mir seinen Klang zu deuten--
War schön der Tag und duft'ge Wölkchen zieh'n Am Himmel unter letztem Sonnenglüh'n,
VH! hcll und klar die Glockentöne schallen, Und freudig sie im Herzen widerhallen.
Doch ist verhänget rings mit grauen Schleiern Der Himmel, stöhnt der Klang so dumpf und bleiern, Ach! Muh ich ernster, düstrer Dinge denken, In trübe Zukunft meinen Blick versenken . . .
So trostlos dünket mich mein elend Leben, Mir ist, als wollt' die Sorge um mich weben Ein dichtes Netz mit abertausend Schlingen, Die immer wieder mein gequältes Herz umfingen.
Zerschlagen, müde, spüre ich die Glieder, Bis sich erbarmend senkt der Schlaf hernieder — Doch seh' am Morgen ich die Sonne lachen Folgt bösem Traum ein wundervoll Erwachen!
Das „wie" -er Frauenkleidung.
Don B. N o r t H-Paderborn.
Gut angezogen zu sein, verleiht der Frau Sicherheit und ein gcwisies Selbstgefühl. Aus dieser Sicherheit wiederum entspringt Ungezwungenheit, die Hebens- würdigen Eigenschaften zur Geltung verhilft. „Gut" angezogen braucht nicht notwendig „teuer“ angezogen zu sein. Es besteht auch nicht im gedankenlosen Nachäffen aller Modeneuheiten. Tut man das, so ist man meist schlecht angezogen, denn nicht Mode soll herrschen, sondern Geschmack. Und wirklich guter Geschmack trifft immer das Richtige und wird es andererseits auch stets vermeiden, durch allzustarke Betonung der Eigenart aus der herrschenden Moderichtung so herauszufallen, daß es unliebsam wirkt. Im Rahmen des Gegebenen wird jede Feinfühlige sich ihren eigenen Stil felbst schaffen.
Jede Mode ist für einen bestimmten Frauentyp erdacht, und folglich nur für diesen Typ verwendbar. Aber gerade dieses Gebot ist es, wogegen am meisten gefehlt wird. Das Exzentrische und Auffallendste wird am meisten nachgeahmt, sodaß manch flüchtiger Gedanke der Mode, der int Einzelnen eine liebenswürdige Kaprice wäre, mißverstanden zur vulgären Dutzendware herabsinkt, dadurch indezent und plump wird und jedem fraulichen Feingefühl hohn spricht. Was eine Pariser Weltdame auf dem Rennplatz trägt, steht einer rundlichen Hausfrau nicht an. Man darf eben das Gefühl für Unterschiede nicht verlieren. Die Tirolerkleidung der Städter in der Stadt ist ebenso falsch am Platze.
Der erste Eindruck, den wir auf andere machen, wird durch unsere äußere Erscheinung mitbestimmt. Und einen guten Eindruck, nicht wahr, möchten wir doch alle machen, — wenn wir es auch nicht zugeben. Nichts ist aber geeigneter, den guten Eindruck zu verwischen, als ein irregeleitetes Empfinden im Hinblick auf die Kleidung der Frau. Der Andere beurteilt unser ganzes Ich im ersten Augenblick nur nach dem Aeußern, darum seien wir darauf bedacht, daß dieses fo sei, daß es wenigstens nicht abstoßend wirkt.
Körperfülle verträgt sich weder mit Karos noch mit Querstreifen, noch mit sehr Hellen Farben und vielen Dolants. Durch solche Verstöße wird die Korpulenz nur unterstrichen. Auch sehen diese Frauen in zu kurzen Kleidern nicht gerade hübsch aus. Kurze, enge Röcke, kurze Aermel, breite weiße Gürtel oder Einsätze machen breit. Magerkeit fällt durch Längsstreifen und Längs- garnituren unliebsam auf. Große Füße, plumpe Fes- seln wirken noch schlechter durch Helle Strümpfe und Shimyschuhe. Ein sehr dickes Gesicht wirkt unter einem Topfhut lächerlich. Ein sehr schmales sieht unvorteilhaft unter einer dunklen Schute aus. Rotblondes haar und Ziegelfarbe ist eine undelikate Zusammenstellung. Die „interessante“ Marmorblässe eines Gesichts wird in Verbindung mit einem starkrosa Kleid grün. So gibt es tausend Dinge, die zu beachten sind, damit der gute Eindruck gewahrt bleibt. Es würde zu weit führen, sie alle aufzuzählen. Das sollte der Frau im Gefühl liegen. Und wo dies nicht der Fall ist, sollte sie, um keine groben Fehler zu machen, immer bei neutralen Farben und unauffälligen Formen bleiben, um nicht die Zahl unliebsamer Modeentgleisungen zu vermehren.
Das Aeußere ist nicht „gänzlich Nebensache“, wie man zuweilen sagen hört, wir sind nicht allein Geist und es kann manchmal viel von einem passenden oder unpassenden Kleid abhängen, weil es eben mit Ausdruck der Persönlichkeit ist.
Mit alledem ist nicht gesagt, daß man allzuviel Zeit, Gedanken und Geld auf die Kleidung verwenden soll.
Das Rätsel des Heidegrabes.
Roman von Ernest Becher.
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„Das Tatsächliche gibst du zu?“
Der Bürgermeister nickte kaum merkbar.
„Skive, hast du deiner Klage noch etwas hinzuzu- fügen?"
„Nein. Ich habe alles gesagt und heische nun Ge- rechtigkeit.“
„Gerechtigkeit soll der Klage werden. Wer von den Schössen hat etwas zu sagen?“
Thorhus stand auf.
„Dor allem bemerke ich, daß wir nicht vollzählig und daher nicht berechtigt sind, zu richten.“
„Wie meinst du bas?" fragte Carstens verwundert.
„Nach Elkeborgs Tode gehören unserem Rate noch sieben an; wir aber sind nur sechs."
.Zänike ist der siebente," rief Danske. „Es ist doch klar, warum er fehlt!“
„Noch steht nicht fest, daß er tot ist,“ versetzte Thorhus, „und darum dürfen wir ohne ihn nicht richten.“
„Falsch!" rief Eikeborn. „Die Bundesverfassung stellt ausdrücklich fest, daß bei schwerer Erkrankung eines Mitgliedes der Rat doch beschlußfähig ist."
„3ft Jänike wirklich schwer krank"“
Alle sahen den Notar erstaunt an.
„Du zweifelst, daß Elfeld die Wahrheit geschrieben hat?" fragte Carstens.
„Es ist immerhin möglich, daß fein Bericht der Wahrheit nicht entspricht! Man müßte sich erst überzeugen.“
„Zu welchem Zwecke sollte er die Unwahrheit geschrieben haben? Er kennt unsere Satzungen nicht und weiß nichts von unserem Gerichte.
Thorhus zuckte die Achseln.
„Vielleicht hat er in gutem Glauben geschrieben,“ antwortete er. „Doch er kann sich geirrt haben — Länikes Wunde ist vielleicht gar nicht lebensgefährlich.“
.Und der Ausspruch der Aerzte?"^ t ‘ -
Wer das tut, beweist großen Mangel an Geist und Gemüt, wer jahraus, jahrein nur an (eine Kleider denkt, kann nur oberflächlich und gewöhnlich fein. Das Wort vom goldenen Mittelweg ist auch hier zu beachten.
Ist das eine Extrem in Bezug auf die Kleidung die Modepuppe, fo ist es das andere die schlampige Frau. Aermlichkeit ist nicht zu verurteilen — aber Schlampigkeit ist niemals zu entschuldigen. Reine Wäsche und ein reiner Wappenschild haben Beziehungen zu einan» der. Eine Frau, die zuerst mit abgerissenen Knöpfen und fleckiger Kleidung herumläuft, wird bald gleichgültig dagegen fein, ob ihr Haar in Unordnung ist. Vom Haar zum Gesicht ist nicht weit — und auch nicht zum übrigen Körper. Bald wird die ganze Kleidung schmuddelig, zerrissen, unvollständig sein. Diese Frau wird es fertigbringen, in einem schmierigen Morgenrock oder einer schmutzigen Nachtjacke mit unordentlichem -Haar, grauer Haut, schmutzigen Nägeln, alten Pantoffeln in der Wohnung umherzugehen, ja sich vor die Flurtür zu wagen, zum Unbehagen der Umwohnenden und vor allem — der eigenen Familie. Solche Mädchen dürfen sich nicht wundern, wenn sie keinen Mann bekommen, derartige Frauen dürfen nicht erstaunt fein, wenn ihr Gatte seine freie Zeit lieber wo anders zubringt, als zu Hause, wenn er verschlossen, brummig, zornig usw., wird. Der Mann hat im allgemeinen mehr Empfinden dafür, als er zugibt. An dieser Stelle ist er verwundbarer als die Frau mitunter annimmt. Und wie dem Manne, so geht es auch den Kindern, denen die Achtung vor der Mutter allmählich abhanden kommt, wenn sie diese stets in schlampigem Zustand sehen. Anständige und einfache Steibimg ist durchaus erschwinglich. Und in dieser Einfachheit liegt der Zauber. Nichts ist verkehrter als zu glauben „fürs Haus" ist alles gut genug. Es ist wichtiger, wie eine Frau zu Hause aussieht, als wie ihre gesellschaftliche Erscheinung ist. Kein Mensch wird behaupten wollen, daß es Tugend fei, schäbig, unordentlich und geschmacklos umherzugehen.
Aus Gründen der Sparsamkeit sollte man unbedingt Wert auf gute Stoffe legen; sie sind immer am billigsten, wenn sie auch teuer bezahlt werden, denn sie halten lange Zeit, gestatten Aenderungen der Machart, Reinigung, Wenden, Färben usw. und sehen, abrett verarbeitet, immer gut aus. Ich kenne Frauen, die es verstehen, mit einer lächerlichen Summe Kleibergeldes immer hübsch, vorteilhaft und durchaus geschmackvoll angezogen zu sein.
Es sollte mit zur Erziehung der Kinder gehören, daß man sie lehrt, sich gut, zweckmäßig, geschmackvoll und vorteilhaft zu kleiden. Dadurch, daß die Mutter Wert legt auf Gefälligkeit, Sitz, harmonische Farbenzusammenstellung usw., erzieht sie ganz unmerklich das Kind zu Ordnung, Sauberkeit, Geschmack, Farbensinn, Schönheitsgefühl, die wieder zu Selbstbeachtung und Reinlichkeitsgefühl in allen Dingen anleiten.
Dies ist auch eine Mitgift. Sie zu sorgen und zu hüten sei ein besonderes Augenmerk der Hausfrau und Mutter.
-Nervöse Kinder.
Von Meta K a r st e n.
Mau gewöhne seine Kinder schon früh daran, körperlichen Schmerz mutig zu ertragen, ohne gleich zu jammern und nach Mitteln zu verlangen. Man lehre sie mutig fein, sich selbst zu beherrschen, aber man gehe ihnen hier mit gutem Beispiel voran, ertrage auch selbst Schmerz, ohne gleich nach Opium, Morphium und Kokain zu verlangen. Es geht mit unserem Nervensystem wie mit allem anderen; man kann es verwöhnen und gewöhnen. Wenn wir uns selbst erlauben, jeder geringen Regung von übler Laune nachzugeben, jedem physischen Unbehagen, gleichviel wodurch es erzeugt wird, eine zu große Bedeutung zuschreiben, genau jedes unbedeutende Symptom, betrachten und besprechen und uns wunder wie sensitiv und zart Vorkommen, weil wir bei grauem Himmel uns weniger wohl fühlen als bei Sonnenschein, dann müssen wir uns nicht wundern, wenn wir mit der Zeit ein wahres „Bündel Nerven" werden und unsere Kinder unserem guten Beispiel folgen. „Es ist ja so interessant, nervös zu sein“ und jede Kleinigkeit anders zu empfinden als die große Herde, die gar keine Nerven hat. Junge Mädchen suchen manchmal eine wahre Ehre darin, ein so sensitives Nervensystem zu haben, daß sie die geringste Anstrengung oder Ermüdung sofort angreift, sie können kein Blut, keine Wunde sehen;, eine Schnittwunde ober ein Loch im Kopfe, bas sich ber Bruder durch einen Fall ober unvorsichtiges Hantieren mit dem Taschenmesser zugezogen hat, greift ihre Nerven so an, daß sie in Ohnmacht fallen oder zu meinen anfangen, anstatt die Wunde einfach festzudrücken und das Kind vor Verblutung zu bewahren. Man verwechselt nämlich oft das ewig Weibliche mit alberner Nervosität und vergißt ganz, baß bie wahre edle Weiblichkeit darin besteht, jede Handlung, jede Hilfeleistung ruhig und liebevoll zu ver
richten, tröstend und helfend bei der Hand zu fein, nur auf bas Wohl ber anberen bedacht.
Wenn jemand aber unglücklicherweise teils von Geburt an, teils durch schlechte Erziehung nervös ist ober burch Krankheit wirklich neroenleibenb würbe und gern wieder gesund werden möchte — läßt sich hier etwas ohne ärztliche Hilfe und Arznei tun? Oder muß man fein Leben du.ch bie Dual eines zerrütteten Nerven- systems schleppen?
Die Frage ist schwer zu beantworten. Ein wirklich zerrüttetes Nervensystem läßt sich schwerlich vollkommen roieber Herstellen, am wenigsten ohne ärztlichen Rat. Es ist hier viel weniger Arznei nötig, als ein nach ben Regeln ber Hygiene geführtes Leben, in bem Nahrung, Bewegung, Beschäftigung usw. bem Organismus in bestimmten Quantitäten zugemessen wirb. Wenn ber Arzt seinen Patienten genau kennt und letzterer ihm folgt, jebe Vorschrift genau ausführt, bann ist eine Besserung möglich, vielleicht auch Heilung. In leichteren Fällen genügt ein fester Wille, gegen feine Schwächen anzukämpfen und ein hygienisches Leben. Ist schon ein un- dezwingloses Verlangen nach gewissen Mitteln, ent« weber spirituösen ober betäubenben vorhanben, fo versuche man bagegen anzukämpfen. Nichts schadet den Nerven mehr und jerrüttet ben Organismus schneller, als biefe Mittel. Daneben sucht man hauptsächlich darauf hinzuwirken, baß sich roieber etwas Reservekapital für bas Nervensystem aufsammelt. Die Lebensweise soll für einige Zeit ruhig fein, mit guter Kost, reich an Kohlehydraten, die sich im Organismus aufspeichern lassen und dem Bankerott zuvorkommen, ber sich ebenso leicht im Organimus als außerhalb abspielt. Eine Nervenkranke braucht viel Schlaf, 10—12 ©tunben täglich, bie Bewegung soll nicht zu stark fein, ein Spaziergang, ber den Kräften angemessen, viel Aufenthalt in freier, sonniger Luft, aber ohne Ermüdung. Bäder, besonders Meersalzbäder, sind sehr zu empfehlen, man kann sie warm ober kalt nehmen, je nach bem persönlichen Behagen.
Junge Mäbchen in ben Entwicklungsjahren sind be- sonders dazu geneigt, nervös zu werden. Leider sind solche mit Schularbeiten überhäuft und haben wenig Bewegung und frische Luft. Dazu kommt noch jene physische und moralische Aenderung in ihrem Organismus, bie besonders auf Stadtmädchen einen großen Eindruck macht und ihr Nervensystem, das ohnehin nicht ganz im Gleichgewicht ist, manchmal vollständig erschüttert. Hysterische Lach- und Weinkrämpfe sind häufig, das früher sanfte, liebenswürdige Mädchen ist mürrisch und unwillig geworden; sie gibt unfreundliche Antworten und wird launenhaft. Es gehört viel Takt und Geduld dazu, hier den richtigen Weg zu finden, um bas Mädchen vor einem völlig zerrütteten Nervensystem zu bewahren, ßanbluft, gute Kost, weniger Schularbeiten, ernste, aber liebevolle Vorstellungen und Ermahnungen vermögen viel. Man stelle ihr vor, daß es ihrer unwert ist, sich so gehen zu lassen, lehre sie Selbstbeherrschung und gehe auch mit gutem Beispiel voran. Ist bie erste gefährliche Zeit vorüber, hat man ihr begreiflich gemacht, baß es durchaus keine Ehre ist, nervös zu fein, sondern daß im Gegenteil Leute, die widerspenstige Nerven haben, zu bedauern sind, aber daß es eine Ehre ist, Herr über diese Nerven zu sein, bann kann man auf Erfolg hoffen. Es ist Zeit, baß unsere Frauen, bie schon gegen so vieles gekämpft und in mehr als einer Angelegenheit ben Sieg bavon getragen haben, sich mutig gegen ben alten Feind wappnen, der droht, Gesundheit, Familienglück und Lebenslust zu untergraben. (a)
Kinder und Dienstboten.
Von Elisabeth Huber, Freiburg i. B.
„Emma, Sie sollen mir sofort die Schuhe schnüren, die Mutter hats gesagt." — In diesem Ton hörte ich kürzlich ein kleines Mädchen von sechs Jahren einem älteren Dienstmädchen einen nicht mißzuverstehenden Befehl erteilen. Der Befehl des kleinen Fräuleins als solcher setzte mich nicht so sehr in Erstaunen, als gerade der Zusatz: „Die Mutter hats gesagt.“ Im Augenblick war ich nahe daran, dem kleinen Mäulchen einen Klaps zu versetzen, besann mich aber bann rasch wieder auf den Zusatz: „Die Mutter Hais gesagt.“ Nach kurzem Ueber- legen tarn ich zu ber Auffassung, baß In biesem Falle ber Klaps also richtiger der Mutier zukommt.
Kinder haben niemals in Befehlsform zu sprechen, auch einem Dienstboten gegenüber nicht. Kinder Haden den erwachsenen Dienstboten eben als erwachsenen Menschen zu achten und ihr Benehmen entsprechend einzu- richte». Jedenfalls Haden sie Dienstboten niemals einen Befehl zu geben, das ist allenfalls Sache der Erwachsenen und selbst hier kann es zuweilen nicht schaden, wenn der Befehl mehr den Anstrich einer höflichen Bitte erhält, er dürfte darum nicht weniger prompt ausgesührt werden. Es ist hauptsächlich Pflicht ber Mutter, ben Kindern auch den erwachsenen Dienstboten gegenüber die nötige Achtung beizubringen.
„Auch Aerzte können irren!"
.Das müßte man jedesmal gelten lassen und wir wären im Falle einer Erkrankung nie beschlußfähig," rief Danske.
„Wer sollte den Grund einer Erkrankung ober Verletzung bestimmen können, wenn nicht bie Aerzte?" fragte Eikeborn. „3rren können sie in jedem einzelnen Fall, aber doch müssen wir ihnen als ben Berufensten glauben."
„Ich weise ben Einspruch unter Hinweis auf mein Gelöbnis zurück," sagte Carstens nach kurzem Nachden- ke». „Denn selbst wenn Jänike hier wäre, könnte er in biefer Sache nur als Kläger unb nicht als Richter unter uns weilen."
„Dann wäre bie Zahl ber Richter burch Skive ver- stärkt,“ rief Thorhus hartnäckig.
„Skives Ansicht ist uns bekannt,“ versetzte Carstens gelassen. „Wenn er von ber Gerechtigkeit ber Klage nicht überzeugt wäre, hätte er sich nicht zu ihrem Anwall gemacht."
„Aber wir sind unser vier! Wenn bei bem Urteil Stimmengleichheit erzielt werben würbe--"
„Bei Stimmengleichheit gibt nach ber Bunbesoersas- sung ber Vorsitzenbe ben Ausschlag," unterbrach ihn der Arzt. „Ich weise nochmals den Einspruch zurück — hast du sonst etwas oorzubringen, Thorhus?"
„Ich halte die Klage für übertrieben," antwortete der Notar. „Niklas Götrik hat ohne unser Vorwissen und unsere Zustimmung gehandell, bas ist richtig. Aber es steht fest, daß er im Bundesinteresse zu handeln glaubte. Ebenso steht fest, daß bie Tat bem jungen Elfeld galt unb nicht Christian Jänike. Was die Rache kkes jungen Burschen betrifft, von bem Skive gesprochen, so waren wir derselben schon früher ausgesetzt; Götrik ist in Metern Punkt nicht schuldiger als jeder von uns. Und endlich: Daß die Tat die Verlobung Jngeborg Skives stört, gebe ich zu; aber bas ist eine Sache, bie mit bem Bunbe nichts zu tun hat.“
Der Waffenhänbler wollte etwas einwerfen, aber Carstens winkte ihm, au schweigen.
„Bist du zu Ende, Thorhus?" fragte er, da der Notar sich gesetzt hatte.
„Ich habe nichts mehr hinzuzufügen.“
„Wünscht noch einer ber Schöffen etwas ziz sagen?" Fragenb sah ber Arzt Eikeborn unb Danske an.
„Ich habe mir meine Meinung gebilbet, antwortete ber Rebakteur, indes ber Apotheker bloß ben Kopf schüttelte.
„Bann erteile ich Skive bas Wort."
„Ich kann Thorhus nicht beipflichten, daß die Klage übertrieben ist. Ich gebe zu, daß Götriks Tat nicht, wie ich zuerst glaubte, Jänike galt, doch ber Beklagte hatte auch nicht bas Recht, ben jungen Elfeld töten zu lassen. Dies ist Diorb, bas kann Thorhus nicht bestreiten. Ich kann auch nicht zugeben, baß Götrik bie Absicht hatte, im Bundesinteresse zu handeln. Zum Mindesten war dies nicht sein ausschlaggebender Beweggrund, sonst häte er uns seine Absicht wissen lasten können. Thorhus behauptet ferner, wir seien auch bisher schon der Rache Elfelds ausgesetzt gewesen. Das ist nicht richtig, denn der junge Mann schreibt in seinem Briefe ausdrücklich, daß er bisher /eine Rachegedanken gehegt habe. Endlich ist im vorliegenden Fall die Verlobung meiner Tochter keine Privatangelegenheit. Ist sie einmal Elfelds Gattin, bann wird der junge Mann wohl nimmer gegen den Vater feines Weibes auftreten. Schont er aber diesen, bann muß er auch bie anbern schonen, bie Vergangenheit würbe nicht mehr aufgerollt werben unb bas i ft Sunbesintereffe. Somit halte ich an bem Inhalt meiner Klage fest."
„Wünscht noch jemanb zu sprechen?"
Es meldete sich niemand jfragenb sah Carstens den Bürgermeister an:
„Götrik?"
Ein hilfloses Achselzucken war die ganze Antwort, bie der Arzt erhielt. Da sagte er:
„Ich stelle fest: Götrik gibt zu, seinen Knecht Sten zur Lötung Gottfried Elfelds aufgefordert zu haben. Der junge Mann ist bem ihm zugebachten Schicksal entgangen, boch unser Bundesdruder Christian Jänike ist
Wie man es nicht machen soll.
Es sind kleine ’Relfeerlebniffe, von denen ich erzählen will.
Ich sitze an der einen Fensterfeite eines Eisenbahnabteils. Auf der anderen Fensterseite sitzt eine Dame, eine Mutter mit ihren zwei Buben. Der jüngere — er mag ungefähr vier Jahre alt fein — ist recht ungezogen. Die Mutter wird nicht mit ihm fertig; ba droht sie, wie Mütter gern zu drohen pflegen: Wenn du nicht folgst, dann kommt der Mann. — Der Bub schaut feine Mutter einen Augenblick an, bann dreht er sich um und ist fast noch ungezogener als vorher.
Was ist von solcher Erziehungsmethode zu halten?
Erstens: die Mutter hat gelogen, denn es kommt kein Mann. (Eine Lüge ist unter allen Umständen kein geeignetes Erziehungsmittel; sie wirkt immer verderblich.
Zweitens: der Bub weiß, daß die Mutter gelogen hat; er fürchtet ihre Drohung nicht, er hat solche schon oft genug gehört, darum tut er auch, was er will.
Drittens: die Mutter hat sich in ber Erziehung des vierjährigen Buben bankerott erklärt, unb zwar vor dem Buben selbst. Sie selber wird mit dem Vierjährigen nicht fertig. Ob diese Mutter bann wohl einmal mit, dem Vierzehn- unb Dierunbzwanzigjährigen fertig wird?
Viertens: die Mutter hätte nicht sagen dürfen, der Mann kommt, sondern: ich bin da, unb ich bin Manns genug, um mit einem Büblein fertig zu werben.
So manche Frauen beklagen sich über bie Männer unb besonders über ihre Männer. Sie sagen so gern: So sind die Männer. — Die Männer sind immer so, wie sie von den Frauen gemacht worden sind, vor allem von der eigenen Mutter. Nicht bie Mutter sollte sich zur Magd ihres Sohnes machen unb ihm bienend die Sttefel wichsen, sondern der Sohn der Mutter. (Stoetfle, S. I.: „Unsere Kinder". Verlag K. Ohlinger- Mergentheim.)
Die Frau als Erzieherin.
f. Redensarten. Kinder sollten nie mit Redensarten abgefpeift werden. Man versündigt sich an Kindern durch nichts mehr, als wenn man sie mit Worten be- schwichtigt, hinter denen nichts zu suchen ist. Einmal gewöhnen sich Kinder daran, später ebenfalls mit Phra- fen zu wirtschaften, und bann werden gerade Kinder durch Enttäuschungen verbittert unb geschäbigt.
Die Frau als Hausarzt.
f. Halsentzündungen mit stechendem Schmerz, der bas Schlucken verhindert unb mit Fieber auftritt, finb eine Entzünbung ber Mandel ober ber Rachenhöhle — des weichen Gaumens ober der (Baumenbögen. Als einfaches unb wirksames Hausmittel empfiehlt sich da laues, leichtes Salzwasser mit etwas Essig ober Zitrone beigemischt zum Gurgeln. Man fühlt badurch sofort Erleichterung beim Schlucken. Bettwärme und leichter Schweiß, solange Fieber vorhanben ist, sind sehr wichtig zur schnellen Hellung. Ist ber Schmerz aber ein bren- nenber mit Wunbheitsgefühl und Heiserkeit, bann empfiehlt es sich, mit milden warmen Mitteln zu gurgeln. Eidifchtee, Kamillen mit Milch ufro.
praktische Winke.
f. wenn bie Wasserleitung tropft Das Tropfen der Wasserleitung kann manche Hausfrau, die bas liebel nicht sogleich abstellen lassen kann, mitunter nervös machen. Um ben sich ftänbig wieberholenben Tropflaut zu beseitigen, binbet man einen Streifen alte Leinwand ober sonst einen Stoffstreifen um ben Hahn ber Wasserleitung und läßt ben Streifen in bas Ausgußbecken hinein hängen. Die Tropfen rinnen lautlos an ben Streifen hinab, und bas unliebsame Geräusch ist verschwunden. Der herunterhängende Streifen hindert bei der Wasserentnahme nicht im geringsten.
Die Frau in der Küche.
f. Laibsnieren mit Lahne und Paprika. 6 Personen. 2 Stunden. Die Kalbsnieren werden in leichter Fleischbrühe weichgekocht und, erkaltet, in recht feine Scheiben gefchnitten. Dann zerläßt man einen Löffel Butter und 75 Gramm würflig geschnittenen Speck in der Kasserolle, fügt eine Messerspitze Paprika unb zwei feingehackte Zwiebeln dazu, läßt letztere gelblich braten, gibt bie Nieren hinein, läßt sie 8—10 Minuten darin durchdünsten, fügt 2 Lössel Sahne, evtl, auch nur Milch, dazu, kocht noch einmal auf, schmeckt ab, verfeinert mit 6 Tropfen Maggis Würze unb richtet an.
bem Anschlag zum Opfer gefallen. Ich frage nun die Schöffen: Ist Klaas Götrik schuldig an Iänikes Tode? — Ich bitte Euch um schriftliche Beantwortung meiner Frage!“
Danske stand auf und brachte Schreibmaterialien. Jeder der Schöffen schrieb sein Urteil nieder, ebenso Carstens. Die zusammengefalteten Zettel wurden Car- ftens übergeben, der sie einer raschen Durchsicht unter« zog und dann verkündete:
„Drei Schuldig, ein Unschuldig!"
Er zerriß die Zettel und fuhr fort:
,Lch frage weiter: Ist Klaas Götrik schuldig, Gott- fried Elfelds Tod geplant zu haben, ohne sich bei dieser Absicht auf einen Rechtsspruch stützen zu können?"
Wieder schrieben die Männer und Carstens gab das Ergebnis bekannt:
„Drei Stimmen wurden für „Schuldig" abgegeben, das vierte Gutachten lautet: Elfelds Tob war geplant, boch nicht widerrechtlich! — Ich frage Euch zum Dritten: „3ft Klaas Götrik schuldig, durch seine Tat bas Bundes Interesse verletzt zu haben?"
Diese Frage würbe mit drei „Schulbig" und einem „Unschuldig“ beantwortet. Nachdem Carstens auch dies Ergebnis mttgeteilt hatte, stellte er die letzte Frage:
„Ist Klaas Götrik schuldig, die Bundessatzungen dadurch verletzt zu haben, daß er den Rat, der ihm bei- geordnet war, in Unkenntnis feiner Absicht ließ?"
Diesmal ergab die Beantwortung vier „Schuldig". Nun standen Carstens unb bie Schöffen auf unb ber Arzt sagte:
„Niklas Götrik. bas Bundesgericht hat mit drei Stimmen gegen eine Stimme zu Recht erkannt, daß du ben Tod unseres Bundesbruders Christian Jänike verschuldet, einen Mord an Gottfried Elfeld geplant unb badurch die Bundeslnterefsen verletzt hast. Einstimmig wurde zu Recht erkannt, daß du die Bunbessatzungeu gebrochen hast.“
Götrik wurde noch um einen Schatten bleicher, er stützte sich schwer auf die Lehne des neben ihm stehenden Stuhls. (gort, folgt.)