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FuldaerZertung

Anzeiger für die Skadk und den Kreis Fulda. Amtliches Kreisblakk.

Dienstag, 25. Januar 1927.

Nr. 19

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ve pflicht ruft!

Vom ReickStapkabdeordneten Andre-Stuttgart.

Mit Schlagworten kann man Menschen auf- peitschen, aber keine praktische Politik machen. Die Zentrum: fraktion des Reichstages hat auf Grund ihrer M i t t e l ft e l l u n g die Aufgabe, den Er­fordernissen des Tages und der deutschen Republik Rechnung zu tragen, indem sie dasür sorgt, baß eine ordnungsgemäße Regierung vor­handen ist. Erst das Reich, dann das Parteiinte- resse!

Rückblickend ist festzustellen, daß die letzte Re­gierungskrise vom Führer der Deutschen Dolkspar- tei verursacht und von der Sozialdemokra- tie praktisch herbeigeführt worden ist. Die sozialdemokratische Fraktion hat seinerzeit das Ka­binett Dr. Wirth gestürzt und sie war es auch, die gegenüber dem letzten Kabinett Marx den M i ß - trauensantrag eingebracht hat. Sie mußte dabei In Rechnung stellen, daß die Deutschnatioua- len für diesen Mißtrauensantrag stimmen wer­den. Ob nach dem Verlauf dieser Regierungskrise die sozialdemokratische Fraktion dieselbe Taktik noch einmal einschlagen würde (Scheidemann-Rede und Mißtrauensantrag!), darf füglich bezweifelt werden. Wer vom Ratshaus herunter kommt, ist in der Regel gescheiter, als vor dem Heraufgehen. Das Regierungsstürzen ist leichter, als eine neue Regierung aus die Deine zu stellen.

Die Zentrumsführung hat sich in den letzten Wochen und Tagen ehrlich und entschlossen bemüht, «ine den Anforderungen der deutschen Republik «ntsprechende Regierung zustandezubringen. Sie Hat ein Kabinett Dr. Curtius abgelehnt, weil da­mit einer starken Rechtsentwicklung in der politi­schen Führung der Weg geebnet worden wäre. Si« hat sich sodann bemüht, ein Kabinett der Mitte mit sozialdemokratischer Unterstützung zustandezu­bringen. Der Versuch ist nicht an der Sozialdemo, kratie, sondern an den anderen Mittelparteien ge­scheitert. Desgleichen scheiterte der weitere Ver­such, unter stiller Duldung der Rechten ein neues Kabinett der Mitte zu schaffen; hierauf gingen die Deutschnationalen nicht ein. Das Bemühen, ein reines Kabinett der Mitte ohne Bindung nach links oder rechts zustandezubringen, mußte von Marr ebenfalls aufgegeben werden.

U? ÄXÄ !ÄbeSteto'.w KixiüHnn mit h.r Oki» t*rtle1en- daß nur e.ne unb daß sich das JTa3e kommen dürfe der «Rechten koalieren könne.berartia'oontifch efngeftenteä Zentrum würde damit als Mittelpartei selbst preisgeben uÄmKSeid d« Idee, daß die politische Mitte staatsrettÄ Aufgaben zu erfüllen hat, zerschlagen.

Auch die Frage verdient einmal beantwortet zu werden, ob denn die deutsche Sozialdemo, kratie wirklich ein unbedingt zuverlässiger Trä- ger der heutigen bürgerlich-demokratischen deutschen Republik ist. Die Ärzialdemokratie der Weimarer Koalition war eine andere Partei, als die heu- töge Sozialdemokratie. Seit Weimar und darin liegt die Wurzel deS mnerpolitischen Uebels hat sich die Mehrheilssozialdemokratie mit den früheren Unabhängigen Sozialdemo­kraten vereinigt; d. h. die Abgeordneten der bei­den Fraktionen haben sich zu einer Fraktion zu­rammengeschlossen; die Wählerschaft derUnab­hängigen" ist aber weitgehend zu den K o m m u -. A i st e n a b g e s ch w e n k t. So kommt es, daß ein recht erheblicher Teil der deutschen Sozialdemokratie kn der heutigen Republik nur eine Ueberrangsstation «ns dem Wege zum sozialistischen Staat ffreht. So ist es z. D. in den letzten Jahren wie­derholt vorgekommen, daß bei sozialdemokratischen Etraßenkundgebungen zu Gunsten der Republik oder

parlamentarische Handlungen sich brauchbare Reg' gen.

Nach all dielen vergeblichen Bemühungen ist Reichatanzler Marx erneut in dem vielumstrittenen Schreiben des Reichspräsidenten aufgefordert wor­den, unter Führung des Zentrums ein Kabinett zu bilden, das sich auf eine Mehrheit der bürgerlichen .Parteien stützen soll.

E D?r Brief des Reichspräsidenten hat, je nach der Parteistellung, Kritik oder Zustimmung ersah- ren; Bedenken verfassungsrechtlicher und allgemein politischer Art wurden dagegen geltend gemacht. Es ist nun gewiß nicht notwendig, jedes Wort des Briefes des Reichspräsidenten auf die Goldwage zu legen, richtig freilich ist, daß man etwas verwun­dert ist, daß der Reichspräsident nur an das Zentrum die Aufforderung richtet, mit rechts zp arbeiten, während eine gleiche Aufforderung ffioor an die Deutsche Volkspartei nicht ergangen ist. Eines Appells an das vaterländische Empsin- den des Zentrums bedarf es sicherlich auch nicht. Das Zentrum hat in den letzten acht Jahren seit dem Zusammenbruch Tag für Tag oaterlän - bifd) gehandelt. Dessen ist ganz Deutschland ./'"dererseits muß man sagen, daß, wenn der Reier »Präsident diese mehr auffadenbe oder mehr fec.-rliche Form gewählt hat, dies wohl des- halb geschah, um zu erreichen, daß Herr Marx, nachdem er mit seinen bisherigen Versuchen einer Kabinettsbildung gescheitert war, einen Resonanz- »oöen für weitere Verhandlungen be» ram. Dabei kann man wohl anerkennen, daß der Ausdruckbürgerliche Parteien" besser unterblie­ben wäre. Schließlich ist aber auch der Reichs­präsident mit dazu berufen, dafür zu sorgen, daß "f^'^fähige und starke Regierung vorhanden in c?xL beiten Massen des werktätigen Volkes LUnm ?anb "erden sich weniger an dem dieses des Reichspräsidenten stoßen, »arlimTn'I; ^nn d-r Reichstag im Zeitalter des Handlungen^ skk" Systems in wochenlangen Ver- Lu*bnr7 m.2ler±rf r?b<h er,?ifenr s°ltte, eine terung überhaupt zustandezubrin-

Die Deutschnationalen bei Dr. Marx.

wtb Berlin, 24. Jan. (Eig. Funkm.) Wie das Wolf-Büro aus parlamentarischen Kreisen erfährt, hat Dr .Marx Montag vormittag die offiziellen Verhandlungen über die Bildung einer bürger­lichen Mehrheitsregierung begonnen. Er empfing um 10 Uhr im Reichstag den Berhandlungsaus- fchuß der deutschnationalen Bolkspartei und legte ihm die bekannten Fragen vor, die sich aus der Kundgebung des Zentrums ergeben. An der Be­sprechung nahmen auch Dr. Stresemann und Dr. Brauns teil. In parlamentarisch»!! Kreisen rechnet man damit, daß Dr. Marx später auch mit der bayerischen Dolkspartei verhandeln wird. Er dürfte weiter auch den Führern der Sozialdemo­kratie von den Richtlinien des Zentrums Kenntnis geben. Die Ausdeutung eines Berliner Montags­blattes, daß diese Besprechung den Zweck habe, die Möolichkeit eines Eintritts der Kozialdemokratie in die Regierung zu prüfen, ist nach Ansicht gut un­terrichteter Kreise vollkommen abwegig, weil der Auftrag, den Dr. Marx vom Reichspräsidenten er­halten hat, ausdrücklich die Bildung einer bürger- lichen Mehrheitsregierung vorsieht.

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Aus Berlin wird uns geschrieben:

Es hat kn den letzten Tagen aus den ver­schiedensten Part^iecken heraus nicht gefehlt an Ver­suchen, das Zentrum auSeinand erzumanö - netteren. Man hat die unsinnigsten Gerüchte erfunden, sie in die parteivokitiscke Debatte ge­schleudert mtt dem offensichtlichen Ziele, dem Zen­trum immer wieder neue Schwierigkeiten zu machen und dort Gegensätze hervorzurrcken. Andererseits hat man mit solchen Gerüchten aber auch von rechts nach links sich die Bälle zugeworfen mit dem Be­streben, die taktische Situation des Zentrums zu erschweren. Man brw'cht nur an das von uns bereits zurückgewiesene törichte Geschwätz zu erinnern, wonach der Nuntius Pacelli auf die Stel­lung des Kanzlers Marr eine Einwirkung ver­sucht habe. Man muß schon lange zurückgehen in der politischen Geschichte, um eine ähnliche dumme und zugleich dreiste Maulwurfstaktkk zu finden. Run hat dieKreuzzeitung" die Bedeutung der Zentrumskundgebung dadurch abzuschwächen ver­sucht, daß sie davon redete, daß in der Fraktion zwei Entwürfe vorgelegen hätten, der eine von Wirth und Joos, der andere von Brauns, und sie wirst die Frage auf, welcher von beiden nun angenommen worden sei. Wit erklären dazu auf das bestimmteste, daß es sich nur um einen einheitlichen gemeinsamen Entwurf handelte,, daß man lediglich aus politischen und sachlichen Gründen die allgemeinen Richtlinien der Zentrumsvolitik voran stellte und das soziale und wirtschaft­liche Programm anfügte. Die Aufstellung und die Annahme dieses einen Entwurfes geschah voll­kommen einmütig.

Die Demokraten.

In der demokratischen Fraktionsfitzung am Samstag wurde die Kundgebung der Zentrums- staktion begrüßt. Man sähe aber den vollen Wert dieses Communiques erst dann gegeben, wenn es nicht die Erklärung einer einzelnen Partei ist, sondern als Mindestprogramm von allen für die Bildung einer Regierung überhaupt in Frage kommenden Parteien ausdrücklich anerkannt und gebilligt ist. Die Fraktion hat deshalb ihren Dor- sttzenden beauftragt, der Zentrumsstaktion anheim zu geben, daß sie von den Verhandlungen über die parteipolitische und persönliche Zusammenfe'-ung des Kabinetts allen diesen Parteien einschließlich der Sozialdemokraten und der Deutsch- nationalen das Dokmnent zur Erklärung und Zustimmung unterbreitet

hört, hört!

Die oben zurückgewiesenen Gerüchte übet das Eingreifen des päpstlichen Nuntius hat die national- liberale Kölnische Zeitung aufgegriffen und hinzu- gefügt, daß diesen Vorgängen innerhalb der Zen- rrumsparttei ganz bestimmte Verhandlungen und Abmachungen zugrunde lägen, die zwischen hervor- ragenden Zentrumsabgeordneten und Abgeordneten der Deutschnationalen Volkspartei gepflogen wor­den seien. Die in der Meldung der Kölnischen Zeitung erwähnten Herren, Minister Brauns und Prälat KaaS, hoben zu der ErNärunq ermächtigt, daß Verhandlungen zu keinem Zeitpunktund an keinem Orte eS war Breslau genannt stattgefunden haben, und daß infolgedessen auch die weitere Behauptung, Reichskanzler Marx sei über daS Ergebnis unterrichtet worden, voll­ständig unmöglich und unwahr ist.

Die Tendenzmeldung der Kölnischen Zeitung über Konkordatsverhandlungen zwischen Abgeord­neten des Zentrums und der Deutschnationalen Bollspartei wird auch von deutschnatio­

naler Seite entschieden und bestimmt demen­tiert.

Der politischen Wkrkrmg, die durch die Aus­streuung dieser unwahren Behauptungen erzielt wer­den sollte, bürrte damit, so schreibt dazu die Köl­nische Volkszeitung, der Boden entzogen fern. Gibt es überhaupt volkspartetliche Steife, die sich, nach­dem sie jahrelang das bürgerliche Mehrheitskabinctt verlangt und gefordert und das Kabinett der Mitte mit ihrer Taktik zerschlagen haben, jetzt wieder nach der andern Seite drehen und die beginnenden Verhandlungen durch eine leichtfertige Gerüchtbildung erschweren wollen? Dieser Eindruck mußte durch die Meldung der Kölnischen Zeitung erweckt werden. Oder hört man nicht davon spre­chen, man habe sich in gewissen Kreisen der Deut­schen Dolksvartei den Verlaus der Krise so gedacht, daß es möglich sein werde, die Alleinschuld am Scheitern einer bürgerlichen Mehrheitsregierung auf das Zentrum abzuwälzen?

Sind wir zutreffend unterrichtet, so sollte bann j von der Deutschen Volkspartei die Mittelrerierung mit der leichten Anlehnung nach rechts vroklamiert | werden, eine Kombination, die der Deutschen Volks­partei eine vorherrschende Stellung verleiht. Dieser Plan scheint zunächst an der Haltung der Deutschnationalen gescheitert zu sein, die un­bedingt von Koalitionswegen an bet Regierung beteiligt sein wollen unb alle anderen Pläne ab- lchnen. Auch das Zentrum läßt sich nicht aufs Glatteis führen. Wir find der Meinung, baß, wenn es möglich ist, die bon uns geäußerten Bedenken zu erheben, nur eine feste Koalitionsregierung mit Rechts in Frage Kimmen kann. Unterhöh- lungsversuche würden wir also im Falle einer sachlichen Verständigung zu bekämpfen wissen. Kommt keine Einigung zustande, dann könnten wir uns nur den anderen Weg denken, baß bie Ver­handlungen wieder zur M'tte unter Anlehnung an die Sozialdemokraten zurückfließen. Die falschen Behauptungen der Kölnischen Zeitung wer­den, wie man in parlamentarischen Kreisen zu wissen glaubt, auf ein prominentes Mitglied der deutschvolksparteilichenFraktion zurück- geführt. Es ist Nicht ohne pikanten Reiz, baß sich gerabe bie Kölnische Zeitung, bie Wortführerin der bürgerlichen Mehrhe'.tsregierung, zum Träger eines Gerüchtes gemacht hat, bas wir nicht anbers zu interpretieren vermögen, als baß eS störenb auf die jetzt angebahnten Derhanblungm wirken muß unb wahrscheinlich auch soll. (!) Will bet Liberalismus durch falsche Gerüchte auf ben s e n - sus pr otestanticus im eigenen unb im deutschnativnalen Lager einwirken, um eine künst­liche Erregung zu erzeugen, für die kein Grund vorliegt? Wir glauben nicht, baß solche Mittel bei ernsthaften unb besonnenen Leuten, die hüben und brühen ben konfessionellen unb politischen Frieden wollen, irgendwie verfangen werden, um so weniger, als solche Mittel als unsauber entlarvt würden.

5lngtt vor demschwarz-blauen" Bio ck

Die Deutsche Dolkspartei, die immer so begei­stert schien von der Rechtsregierung, hat offenbar damit gerechnet, daß vom Zentrum diese angeb­lich so geliebte Rechtsregierung unmöglich gemacht und die Dolkspartei weiterhin im Glanze von Schwarz-weiß-rot" gestrahlt hätte, ohne Folgerun­gen ziehen zu müssen. Aber es tarn anders und jetzt herrscht Beunruhigung.Sie Tägliche Rund­schau" schreibt nämlich das Folgende:Bedenken könnten entstehen, ob die kulturpolitischen Fragen in diesem kommenden Kabinett eine einmütige Lö­sung zu finden vermögen, namentlich, wenn man das letzte Stadium des Zustandekommens dieses Kabinetts mit den heimlichen Verhandlungen zwi. fchen Zentrum und Deutschnationalen sich Über­denkt. Die Deutsche Dolkspartei tritt in dieses Ka­binett jedenfalls als liberale Partei ein und wird dafür zu sorgen haben, daß bei der Aufstellung des Regierungsprogramms keinerlei Abmachungen und Bedingungen in die Aufgaben des neuen Ka­binetts hineingeschmuggelt werden, die ihrer li­beralen Anschauung zuwiderlaufen. Wir wissen nicht, ob das Zentrum mit den Deutschnationalen über die Schule und über das Reichskonkordat schon Derhandlungen gepflogen ober sich etwa schon mit ihnen geeinigt hat, aber wir wissen, daß die Deutsche Dolkspartei einseitigen konfessionellen und reaktionären Plänen schärfsten Widerstand ent- f;egensetzen würde. Das neue Ministerium wird einer Dauerhastigkeit am besten dienen, wenn es über diese kulturellen und religiösen Fragen vor seiner Bildung volle Klarheit schafft."

Man kann sich denken, daß in der Redaktion deTöglischen Rundschau", in der der frühere Hofprediger unb Evangelische-Bundesführer Düh­ring sitzt, über das Gelingen derRechtsregierung" nickt eitel Freude herrscht.

am ersten Mai auch rote Fahnen herumge­tragen wurden, so zwar, daß das Banner Schwarzrvtgolb" direkt in ben Hintergrund trat.

Damit haben sozialdemokratische Kreis« m ihrer Art unb von ihrem sozialdemokratischen Stcmbpunkt aus basselbe getan, was sie dem Grafen Westarp zum Dorwurf machen.

. Die Rebe bes Grafen Westarps in welcher er seine Sehnsucht nach der früheren Staats- form Ausdruck gab, war ebenso verfehlt, wie bie Haltung jener Sozialdemokraten falsch ist, die gleich­zeitig Träger und Beschützer der Republik sein wollen und dabei die rote Fahne schwenken. Wenn daher eine andere Regierungsbildung nicht möglich ist und bie Not bet Zeit und parlamentarische Lage ein Zusammen gehen mit der Rechten notwen­dig machen sollte, so kann die Rede Westarv poli­

tisch auch nicht mehr bewertet werden, als die Red« Scheibemanns. Ausfallenb ist freilich, baß bie Deutsche Volkspartei mit den Sozialdemo­kraten nicht gehen zu können erllärt wegen bei Rebe Scheibemanns, während die Rede Westarps für sie schon garnicht mehr existiert. Wir müssen uns indessen doch wohl auch daran gewöhnen, baß bie Rebe eines Parteimannes noch lange nicht die Partei als solche feftydegert braucht. Wenn man diesen Grundsatz aufstellt, muß man chn aber auch nach beiden Seiten ge'ten lassen. Das Zen­trum wirb nur einer Regierung vertrauen, bie im Rahmen des bestehenden republikanischen Staates dem Volksganzen zu dienen gewillt und fähig ist. Eine akute 'Gefahr für bie Republik besteht zur Zeit überhaupt nicht. Wenn aber bie Regierungs­krise sich noch weiter längere Zeit hinziehen sollte,

* Das Urteil gegen die katalanischen Verschwö­rer wurde in Paris gefällt. Oberst Macia und Riciotti Garibaldi erhielten wegen verbotenen Waffenbesitzes je zwei Monate Gefängnis unb je 100 Franken Geldstrafe, die übrigen Angeklc^ten wegen gleichen Vergehens sämtliche Katalonier mit Ausnahme des Italieners Rizzoli je einen Monat Gefängnis und je 50 Franken Geldstrafe gelten als durch die Untersuchungshaft verbüßt. Die Angeklagten werden demnächst in Freiheit ge­fetzt werden. In der Urteilsbegründung wird er­klärt .daß Garibaldis Teilnahme an dem Komplott nicht erwiesen sei und er deshalb in diesem Punkte freizusprechcn sei. Wie die Blätter melden, hat Rizziotti Garibaldi, der am Donnerstag Frankreich verlassen muß, die Absicht, sich unter polizeilicher Begleitung nach Le Havre zu begeben, um von dort nachArnerika zu reifen, wo er mit feinem Bruder Peppino Garibaldi jufammenarbeiten will, '

so schabet efrn solcher Zustand dem Ansehen des Reichstags, dem parlamentarischen Synem unb bet Republik mindestens so viel ober noch mehr, a!8 bie Einbeziehung bet Deutschnationalen M verant­wortlichen Mitarbeit im Dienste der Republik, vor- ausgesetzt selbswerstänbsich, baß bie Deutschnatio- nalen sich zu biesem Staate unb zu seinem Schutze bekennen unb sie Willens sinb, ehrlich die bisher geführte Politik nach innen unb namentlich nach außen fortzuführen.

Die sozialbemokratische Gefetzge- bung bet letzten Jahre, insbesondere der W.e- beraufbau bet sozialen Verficherungsoe'etze, ist zu- bem weitgehend mit ben Rechtsparteien gemacht worben. Jebewalls ist nicht baran zu benfen. daß burch bas Zusammengehen bes Zentrums mit der Rechten bie beiben großen Sozial gesetzent- würfe (Arbeitslosenversicherung unb Arbeitsschutz- gesetz) etwa zurückgestellt werden könnten;, genau st> liegen bie Verhältnisse auf anderen Gebieten.

So steht bie Zentrumsfraktion von ben Fragen: 1. Soll ben Rechts Parteien allein die Regie- rungsbildung übertragen werben? 2. Ist es nicht besser unb nützlicher, wenn bas Zentrum bet einer politischen Orientierung nach rechts die Füh­rung in der Hand behält. 3. Würde eine Reichs­tagsauflösung eine solche Aenderung in der Zusammensetzung der Fraktionen bringen, daß nach- her die Regierungsbildung erleichtert oder etwa dre Weimarer Koalition wieder hergestellt werben könnte?

Die letztere Frage wirb allseitig verneint; burch eine neue Reichstagswahl würde fein e Erleich­terung der politischen Lage geschallen. Würde aber eine Rechtsregierung ohne Zentrum gebildet, so müssen wir doch die politische Verantwortung mit- tragen. Deshalb ist es besser, wenn die politische Führung beim Zentrum verbleibt. Selbstverständlich muß die Zentrumsfraktion vor der Koalierung mit bet Rechten sich bie erforderlichen politischen Siche­rungen verschaffen; werben biese gegeben, so muß bie Fraktion auf Grunb bes parlamentarischen Systems bie nvtwenbi-gen Konseguenzen ziehen. Die beutsche Republik muß eine leistungsfähige Regie­rung haben. An biefer Tatsache kommt kein ver­nünftig benfenber Mensch vorbei. Diese Regierung kann nut mit bem Zentrum zustande kommen. Eine Regierung mit Zentrurnssührung bietet bie Gewähr für eine sachliche Politik auf sozialem innen- unb außenpolitischem Gebiet. Mit ber Ueberroinbung bet großen außen- und innenpolitischen Fragen und Nöten wird bie republfilanische Staatsform! erst recht gefestigt unb für bie Zukunft sichergeftellt. Unser Volk will in seiner überwiegenden Mehrheit von bet Wiederherstellung der Monarchie nichts wissen; eS erwartet, daß unter der heutigen Stacrtsflorm die wirtschaftliche Wiebergesundung er­strebt unb durchgeführt wirb. Das Zentrum als staatserhaltmbe und staatsrettenbe Partei darf sich aber dieser Arbeit bestimmt nicht entziehen.

Die Entwicklung Dstasrikas.

Einige Zahlen aus offizieller Quelle, in der in Amsterdam erscheinenden ZeitschriftZuid-Afrika' veröffentlicht, geben einen treffendes Bild ber Ent­wicklung ber verschiedenen Gebiete Ostafrikas wäh­rend der letzten fünfundzwanzig Jahre. Im Jahre 1925 betrug b<>r W»^ her An fuhr, im Vergleich zu 1901, aus Ryasfaland 11,28 Millionen Mark gege 740 000 Mark, der Einfuhr 11,82 Millionen Mark gegen 2,68 Millionen Mark. Die Ausfuhr Ugandas stieg von 640 000 auf 100 Millionen Mark (Baumwolle!) unb bie Einfuhr von 1,26 Millionen auf 51,66 Millionen Mark. Die Zahl für das heute von ben Engländern in Kenya um­getaufte Deutschostafrika lauten für die Ausfuhr: 1.42 Millionen unb 54,5 Millionen Mark; für die Einfuhr 2,68 Millionen unb 11,82 Millionen Mark.

Diese Zahlen reden eine nur zu deutliche Sprache unb zeigen, welche zukunftsreichen Gebiete uns das Versailler Diktat in Ueberjee entrissen hat.

Der chinesische Hexenkessel.

Wie die Agentur Indo Pacific aus Hongkong berichtet, sind zehn M i s s i o n a r e und 18 kath. Schwestern, darunter sechs Französinnen, au« F u t s ch a u kommend in Hongkong eingetroffen. Das Waisenhaus und die Mifsionsstation von Fut- chau sei vollkommen vernichtet. 300 Waisen seien fortgeführt und auf ber Straße teils für drei Dollar verkauft oder an Bordelle abge­geben worden.

Ein Privattelegramm aus Hankau besagt, daß die Lage eine gefährliche Verschärfung erfuhr. Tausend Engländer und Amerikaner sind bisher abgeschoben worden.