Einzelbild herunterladen
 

Die cnMchcnDokumcnte MN Weltkrieg.

Die 677 Dokumente enthaltende Neuausgabe der englischen Akren zum Kriegsausbruch *) ermöglicht ein Urteil darüber, ob die im englischen Blaubu h vom 6. August 1914 abgedruckten 159 Stücke (in spaterer Ausgabe auf 161 vermehrt) geeignet wa­ren, der Oeffentlichkeit ein zutreffendes Bild über den Ursprung und den Verlaus der diplomatischen und militärischen Krise zu geben. In der Neuaus­gabe befinden sich selbstverständlich viele Berichte von geringer Wichtigkeit, die seine^eit ohne Be­denken weggelossen werden konnten; eine große Anzahl der neuen Stücke bezieht sich ferner auf den im ersten Blaubuch nicht behandelten Zeitraum vom 28. Juni (Tag des Attentats) bis 20. Juli, endlich ist es begreiflich, daß man bei Kriegsaus­bruch Privatbriefe, die im englischen diplo­matischen Verkehr eine wichtige Rolle spielen, noch nicht preisgeben wollte. Andererseits sind jedoch im B^aubuch auch viele amtliche Dokumente über den Abschnitt vom 20. Juli bis 4. August ganz oder teilweise in der offenkundigen Absicht unter­drückt worden, die öffentliche Meinung zugunsten des Dreiverbandes zu beeinflussen.

Die wichtigsten Tatsachen, die nunmehr nach zwölf Iabren von englischer Seite osfizell zugegeben werden, sind:

Bei seinem Besuch in Petersburg in der zweiten Hälfte Juli 1914 hat der Präsident der französi­schen Republik dem russischen Außenminister ein Versprechen unbedingter Solidarität im Falle eines österreichisch-serbischen Konflikts ge­geben.

Der britische Staatssekretär hat am 25. Juli die Petersburger Regierung wissen lasten, daß E n g- land keine Einwendung gegen eine russische Mobilmachung gegen Oesterreich haben werde.

Don verschiedenen diplomatischen Vertretern Englands im Auslande sind Berichte eingegangen, in denen sie das Einschreiten Oesterreichs gegen Ser­bien als berechtigt, das Eintreten Rußlands für Serbien als unberechtigt ansehen.

Fortgelassen waren im Blaubuch 1914 fast alle Stellen, in denen das Vertrauen Serbiens auf rus­sischen Beistand, das unbedingte Eintreten Frank­reichs für Rußland, die Bindung Englands an Frankreich sowohl an Rußland, kriegerische Stim­mung in Paris und Petersburg oder eine versöhn­liche Haltung Deutschlands zum Ausdruck kommt.

Sehr nachteilig war für die Zentralmächte, daß im Dlaubuch grundsätzlich alle Nachrichten übe* militärische Einzelheiten unterdrückt waren. So blieb u n b e k a n n t, wie sehr Rußland auch an der deutschen Grenze rüstete und daß auch Frank­reich gegenüber Deutschland im Vorsprunge war.

Die französische Regierung hat im Foreign Office durch phantastische Meldungen den

♦) Im Auftrage des britischen Auswärtigen Amtes in elf Bänden herausgegeben von ®. P. Gooch und Harold Tempertet). Vom britischen Auswärtigen Amt autori­sierte einzige deutsche AusgaM herausgegeben von Her­mann Lutz, Deutsche Derlaasgesellschast für Politik und Geschichte G. m. b. H. tn Berlin. Der erste soeben er- schienen« Band ist der 11. — der letzte der ganzen Samin- lung —; er behandelt die Zeit vom 19. Juni bis zum 4. August 1914. Er ist herausgegeben von I. W. Head- lam-Morley, dem historischen Beirat des britischen Aus- wärllgen Amtes.

Eindruck hervorgerufen, daß Deutschland mit star­ken Kräften ohne Kriegserklärung in Frankreich einmarschiert sei.

Die größte Bedeutung haben die neuen Doku­ments jedoch durch die Enthüllung, daß England ebenso früh wie Franktech, ja sogar noch früher als dieses, über den russischen Entschluß zur allgemeinen Mobilmachung und über die Durchführung dieses Entschlusses unterrichtet war.

Das französische versprechen.

Am 24. Juli telegraphierte der britische Bot­schafter in Petersburg, das Ergebnis des Besuches des Präsidenten der französischen Republik habe darin bestanden, die folgenden Punkte sestzulegen (Nr. 101):

„1. Vollkommene Gemeinsamkeit der Ansichten über die verschiedenen Probleme, denen sich die Mächte in Beziehung auf die Erhaltung des allge­meinen Friedens und des Gleichgewichts der Kräfte in Europa, besonders im Osten, gegenübergestellt sehen.

2. Entschluß, in Wien Schritte zu unternehmen, um ein Verlangen nach Aufklärung oder irgend­welche Aufforderungen zu verhindern, die einer Ein- Mischung in die inneren Angelegenheiten Serbiens gleich kämen und die Serbien berechtigterweise als einen Angriff auf feine Souveränität und Unab­hängigkeit betrachten könnte.

3. Feierliche Bestätigung der den beiden Ländern durch das Bündnis auferlegten Verpflichtungen."'

Diese Blanko-Vollmacht Frankreichs an Rußland zu einem Kriege gegen Oesterreich wegen der ser­bischen Frage wurde hn Londoner Auswärtigen Amt richtig verstanden. Der zweite Unterstaats­sekretär Sir Eyre Creme setzte unter das Tele­gramm einen langen Vermerk, in dem folgende Sätze besonders wichtig sind:

„Der Augenblick ist vorüber, da es vielleicht noch möglich war, die französische Unterstützung für einen Versuch zu gewinnen, Rußland zurückzuhal­ten.

Es ist klar, daß Frankreich und Rußland ent­schlossen sind, den ihnen hingeworfenen Handschutz aufzuheben. Was wir auch von der rechtlichen Seite der österreichischen Anklagen gegen Serbien halten mögen, Frankreich und Rußland sind der An­sicht, daß dies Vorwände sind, und daß die größere Frage vom Dreibund gegen Dreiverband entgültig aufgeworfen ist.

Ich glaube, es wäre unklug, um nicht zu sagen, gefährlich, wenn England versuchte, dieser Ansicht zu widersprechen oder durch Vorstellung in Petersburg und Paris die klare Streitfrage zu verdunkeln.

Unsere Interessen sind mit denen Frankreichs und Rußlands verbunden in diesem Kampfe, der nicht um den Besitz Serbiens geht, sondern der em Kampf ist zwischen Deutschland, das nach eine politischen Vorherrschaft (dlctatorfhip) in Eu­ropa strebt und den Mächten, die ihre individuelle Freiheit zu bewahren wünschen."

Als einziges Mittel, den Frieden zu erhalten, sieht Ecowe die I o f o r ti g e Mobilisierung der bri. tischen Flotte und die unverzügliche Mitteilung die­ses Entschlusses an Frankeich und Rußland an.

Der Unterstaaissekretär Sir Arthur Nicokfon bemerkt dazu:

„Die von Sir Eyre Crowe aufgeworfenen Punkte verdienen ernste Beachtung und das Ka­binett wird ohne Zweifel die Lage erwägen. Ruß­land wird unsere Haltung in dieser Krise als Prüf- stein betrachten und wir müssen äußerst vorsichtig sein, es uns nicht zu entfremden."

Sir Edward Grey hat keinen Einwand; er be­gnügt sich, zu bemerken, daß nach Mitteilung der Admiralität „bie Flotte binnen vierundzwanzig Stunden mobilisiert werden könne, daß er jedoch glaube, es wäre verfrüht, gegenüber Rußland und Frankreich schon jetzt eine Erklärung abzugeben."

Das verhalten Serbiens.

Der britische Botschafter in Wien berichtete am 3. Juli: „Ich muß sagen, daß sich die serbische Presie meines Erachtens schamlos benimmt" (Nr. 39). Am 21 Juli übermittelte er eine Reihe von Nachrichten über die in das Sarajewoer Attentat verwickelten Personen und geheimen Gesellschaften. Am 29. meldete er vertraulich (Nr. 26): „Französi­scher Botschafter berichtet feiner Regierung, daß ihm Geständnisie des serbisch-n Gesandten . . . Über­zeugt haben, der Zustand wachsender Gä­rung in den südslavischen Provinzen der Doppe Monarchie (Oesterreich-Ungarns) fei derart, daß österreichisch-ungarische Regierung genötigt gerne en wär«, sich entweder in Lostren­nung dieser Provinzen zu fügen ober eine verzwei- feite Anstrengung zu machen, um sich bie Provin­zen dadurch zu erhalten, daß sie Serbien als Nach, folger ausschaltet . . . Oesterreich-Ungarn merkte, daß esnichtlängerwarten konnte und ent- schloß sich zum Kriege, von dem es jetzt anscheinend nichts mehr abzuhalten vermag. Nach Ansicht französischen Botschafters geht daraus hervor, daß Konflikt nicht Folge deutscher Anstiftung ist, auch gehe nicht notwendig daraus bervor, daß Deutsch­land europäischen Krieg wünsche, wie viele in Frankreich glauben."

Der britische Generalkonsul in Budapest über­mittelte am 14. Juli einen am 21. eintreffenden Bericht (Nr. 70), worin es hieß, der ermordete Erz­herzog solle „zum Trialismus geneigt haben, und für die Errichtung eines südslavischen Königreichs als dritten Bestandteils der habsburgischen Monarchie gewesen sein." Der Generalkonsul bezeichnet es als „sicherlich eine Ironie des Schicksals, daß der künf­tige Herrscher, der allgemein als Verfechter der südslavischen Rechte galt, der verbrecherischen Pro­paganda der groß-serbischen Bewegung zum Opfer fallen mußte."

Der britische Geschäftsträger in Belgrad berich­tete schon am 18. Juli, der serbische Unterstaats- fetretär des Auswärtigen habe ihm gesagt, daß im Falle eines Krieges mit Oesterreich „Serbien nicht alleinstehen werde" (Nr. 61 und 80). Am 28. Juli erklärte derselbe hohe serbische Beamte, daß „die Unterstützung Rußlands sicher sei" (Russian sup- pord affureb, Nr. 221).

Der britische Botschafter in Paris trat energisch für die Lokalisierung des Konfliktes ein. Am 25. Juli schrieb er amtlich „er sei sicher, daß die öffent­liche Meinung in England einen Krieg zur Unter­stützung Rußlands nicht gutheißen würde, wenn dieses als Beschützer der Slaven wegen österrei­chisch-serbischer Differenzen einen Streit mit Oester­reich vom Zaune bräche" (Nr. 129).

Zur Verstärkung seiner Auffassung schrieb e an demselben Tane prioatim an Gren „er glaube nicht, daß, wenn Rußland wegen der österreichisch- serbischen Differenz einen Streit mit Oesterreich vom Zaune breche, die öffentliche Meinung in Frankreich dafür wäre, Rußland in einer so schiech- ten Sache zu unterstützen." (Nr. 134) Am 27. Juli folgt wieder ein Privatbrief des Botschafters (Nr. 192), worin er vorschläat, man solle die fran­zösische Regierung, die keinen Krieg haben wolle (?) „ermutigen, einen Druck auf die russische Regierung auszuüben, nicht bie alberne unb alt- mobische Pose anzunehmen, baß Rußlanb der Schirmherr aller S’aoenftaaten fei, wie Immer diese sich auch benehmen mögen, denn das wird zum Krieg führen."__________

Technik und Verkehr.

--- Drahtlose Jilmübetlragung. (Eia. Funkm.) „TU mes" meldet aus Newyork, daß die Uebertrnnung von kinematographischen Filmen auf brabflotein Wege eine vollendete Tatsache sei Sie fei von ein»m Mitglied dies Instituts für drahtlos- Ingenieur-Willenichaft in Newyork, Dr. Meranderson, dargetan worden. Mit einem einfachen Apparat habe er auf brahtluiem Weae einen Film auf die Leinwand produziert, der ihn selbst in einer Besprechung mit Freunden darstellt.

wie wird das Wetter?

Don Westen ziehen Ausläufer eines neuen Tiefbruck- Wirbels heran, sodaß in unserem Gebiete mit Z u - nähme der Niederschläge gerechnet werden kann. Bei westlichen Winden bleibt es mild.

Witterungsaussichten für Donnerstag Keine wesent­liche Aenderung.

Eingesandt.

Für die hier erfolgenden Deröffenstichungen übernimmr die Schrislleitung nur die durch bas Preßgesetz vorge­schriebene Verantwortung

Am Sonntagmorgen gegen V26 Uhr kam es vor bem Bahnhof Fulda nach vorausgegangenen Streitigkeiten zwischen einem Trupp junger Leute zu einer wüsten Schlägerei. Einer der Beteiligten schimpfte auf einmal wütend auf seinen Gegner los, packte ihn und schleuderte ihn mit aller Wucht auf den Bürgersteig. Hier bearbei­tete er ihn mit Fußtritten so lange, bis er bewußtlos liegen blieb. Auch da ließ er nicht gleich von seinem Opfer ab. Der übrige Trupp der Leute sah mit Vergnü­gen der Mißhandlung zu, ohne den Wütenden von sei­nem Opfer abzuhalten. Der Mißhandelte Mutete im Gesicht so stark und mar derartig zugerichtet, daß man zurückschreckte. Derartige Fälle find vor dem Bahnhof und meistens in der Nacht von Samstag auf Sonntag keine Seltenheit, was ich schon öfter beobachten konnte. Wenn die Lokol'-täten in der Stadt geschlosien werden, dann versuchen die Radaulustigen am Bahnhof in den Wartesaal sich Eingang zu verschaffen Hier bietet sich ein lohnendes Arbeitsfeld für die Polizei, die in den frühen Morgenstunden, hauptsächlich in der fraglichen Stunde, gerade am Bahnhof oftmals so sehr vermißt wird. Die Nacht von Samstag auf Sonntag möge ihr besonders am Bahnhof angelegen sein.

(Folgt Unterschrift.)

9/as, Vondlan.Cuxusparen.

in unerreicht Jkisvahl.

Bettwäsche-^* federn — Daunen.

Jhefbvdsche Tischwäsche ♦

■ Sultto Ruf 3 <

'n

V Podionsf/aschen ff- je nach Otter des Kindes

; liefert die j

Das Rätsel des tzeidegrabes.

Roman von Ernest Decher.

261 ---------

Dabei griff er mit den Händen in die Seiteniafchen feines Rockes und zog zwei Pistolen hervor. Die eine reichte er bem Fremden, die andere behielt er selbst in her Hand, spannte den Hahn unb fuhr fort:

„Ich bin bereit, jedem Eurer Befehle nachzukom­

men 1" M

Drohend hob er dabei die Waffe.

Die Männer wichen scheu zurück. Der Fremde be­merkte es unb rief: _ -

„Weicht Ihr nur der Gewalt unb nicht bem Recht? — Ich dank Euch, Herr," wandte er sich an den Wafsen- händler, .unb Euch will ich beweisen, was ich biesem da" — er wies aus Fons — „zu beweisen mich gerne,, gert Wir sind gesandt, nach Papieren zu fahnden, welche landesverräterischen Charakters sind unb von dem verstorbenen Luchhänbler Elkeborg ausbewahn worden fein sollen. Bei der Hausdurchsuchung haben wir nun dieses gefunden 1"

Der Fremde steckte die Pistole zu sich, die er bis dahin immer noch in der Hand geholten, und holte aus der Drusttasche einige beschriebene Blätter hervor. Er hob sie in die Höhe, so daß alle Anwesenden sie einen Augenblick sehen konnten, und überreichte sie dann Skive.

Als nun der Wafsenhändler die Papiere entfalten wollte, tönte ein Aufschrei durch den Raum:

„Die Schrift des Großvaters! Mein ist sie!"

ehe Skive es hindern konnte, (prang Friedel her. P, und entriß ihm die Papiere.

Dor Ueberra|d)ung standen der Wafsenhändler und der Fremde einen Augenblick starr. Friedel aber schlug bie 3u|ammengefa(tenen Blätter auseinander unb be­gann unverweilt zu lesen.

Da kam Leben in den Fremden-, er wollte sich auf Friedel stürzen, doch mit eisernem Griff umklammerte Jöns seinen Arm.

.Safet ihn!" gebot er raufe. J5ft es bas, was der Jüngling vermutet, hat er das größte, das einzige An- recht auf bie Blätter. Ist es anders, bann bekommt Ihr sie wieder."

Vergebens strebte der Fremde sich loszumachen: end- sich sandte er Skive einen hilfesuchenden Blick zu.

Ter Wafsenhändler trat hart neben Föns: er hob die Pistole, daß ihr Lauf die Schläfe des Gutsbesitzers be- rührte, und sagte kalt:

„Cafet los. Föns! Ober, beim allmächtigen Gott. Ihr lebt in der nächsten Minute nicht mehr!"

Atemlos standen bie Leute, keiner wagte Föns bei- zufpringen ober auch nur sich zu rühren, denn jeder fürchtete. Skive würde bann den Gutsbesitzer [ofor£ nte- derfchiefeen. ■' ""

Plötzlich tönte in diese atemlose Spannung Helle- Gelächter. Es kam aus bem Mund Friedels, der im Eifer des Lesens bie andern gar nicht beobachtet hatte.

„Schaut, Gustav Föns," lachte er aus vollem Hals, „schaut diese verräterischen Schriften des Grofevaters. Rechnung aus Kopenhagen vom 8. 10. über gelieferte Bücher, Rechnung au» Amsterdam vom 22. 12. über ge­lieferte Bucher, Rechnung aus Hamburg vom 19. 1. über gelieferte Bücher — — — Rechnungen, Rechnungen, nichts als Rechnungen, hahahaha!"

Skive hatte vor Ueberrafdjung Ne Waffe finken lassen. In Friedel aber kam die Reaktion auf die Span« nung, bie er den Tag über ausgehalten hatte, zum Durchbruch. Durch Stunden hindurch hatten ohnmächti­ger Zorn, Scham über bie ihm wibersahrene Behand- lung unb Angst um den drohenden Verlust der Hand- fchrist fern Inneres durchwühlt. Jetzt, wo ihm Hilfe gekommen, die Angst von ihm genommen war und er über [einen Peiniger triumphieren konnte, jetzt tanzte er wie toll um die drei Männer herum und frofe. lockte:

„Mit Speck fängt man Mäuse, Herr Kommissär! Uns aber sängt man nicht mit solch plumpem Schwindel. Herr Kommissär! Eine grobe Täuschung roars, Herr Kommissär, weder die Schrist des Grofevaters noch hoch- verräterische Schriften! Um sich nicht zu blamieren, hat er ein paar alte Rechnungen beschlagnahmt, der Herr Kommissär, um uns zu täuschen! Aber der Schwindel ist mißglückt, denn mir sind keine Mäuse, Herr Korn« miffär!"

Föns schmunzelte, seine Anhänger brachen tn lautes Gelächter aus.

„Ich habe mich vergriffen," stammelte der Fremde. Aber ein Vlick auf den Gutsbesitzer bewies ihm, bafe es nichts mehr zu retten gab

„Geht!" Jagte Föns falt und wies auf die Serbin« bungetüre.

Ohne ein weiteres Wort zu sprechen, zog sich der Fremde zurück. Skive aber blickte bem Gutsbesitzer mit funfelnbem Blick ins Auge und sagte halblaut:

„Heute seid Ihr Sieger! Doch Geduld, ein andermal kommt an uns bie Reihe!"

Föns verbeugte sich stumm, der Waffenhändler aber schritt erhobenen Haupte» bem Fremden nach.

1L

Dicke Holzscheite füllten den Kamin in Iänikes Stube, das Feuer loderte hoch auf unb verbreitete behagliche Pörme. Es war kalt braufeen, denn der Oktober ging zu Ende, von der Küste her wehten eisige Winde unb die Heide war bis in die Vormittagsstunden hinein mit glitzerndem Reif bedeckt.

Der alte Lehrer saß auf dem Sofa In der rückwärti­gen Zimmerecke. Er hatte ein kleines Tischchen vor sich gestellt, auf bem ein aufgeschlagener, dicker Foliant lag

, Zerstreut blätterte Iänike in bem Buch: aus seinen Zu«

gen lag ein Ausdruck von Iraner unb zuweilen runzelte er bie Brauen.

„Was haben sie biesmal erreicht?" sprach er vor sich hin. „Die Toren! Ganz Gjelstedt ist in (Erregung. Die Deutschen sind außer sich über die Dreistigkeit, mit welcher die falsche Kommission aufgetreten ist unb den Hausfrieden verletzt hat, und bie Dänen ärgern sich, bafe man sich nicht besser vorbereitet hat unb die dänische Sache derart blofegestellt wurde. Warum haben sie nicht auf mich gehört? Gesunden haben sie die Handschrift doch nicht! Wär» nicht klüger gewesen, sie hätten die Sache ruhen lassen, wie ich bat? Sie wollten Uebles verhindern unb haben das liebel nur ärger gemacht! Je­dermann weife heute von dem geheimnisvollen wichtigen Schriftstück, mit den Fingern zeigt man auf Götrik und fragt, was für ein Interesse er an bem Schriftstück habe, bafe er zu solch gewalttätigen Mitteln greife, um es in seine Hanb zu bekommen. Wären die Leute nur ein bifechen klüger, sie müfeten len Zusammenhang ahnen. Dann aber wehe den Dänen dieser Stadt!"

Er schlug den Folianten heftig zu unb stand un­mutig auf, um ans Fenster zu treten unb auf die Strafte zu blicken. Dabei setzte er sein Selbstgespräch fort

„Und wenn auch bie Leute bie Wahrheit nicht er» gründen werden, Föns wird doch bafeintertnmmcn. O diese Toren! Mich nennen sie einen Narren, aber der Herr hat sie mit Blindheit geschlagen, ich sehe tiefer als sie. Sie ließen mich nicht wissen, was sie planten. Ader hätte ich eine Ahnung davon gehabt ich hätte sie mtt allen Mitteln von diesem Streich zurückzuhalten gesucht auch auf die Gefahr hin, bafe sie mich neuerdrngs einen Verräter gescholten hätten."

Er trat vom Fenster zurück unb tat ein paar Schritte tn das Zimmer hinein.

„Weil ich für firiebet eingetreten bin, werden sie mich auch fernerhin ausschalten, wenn es um seine Sache geht. Sie werden nicht nachlassen in ihren Bemühungen. Eike- borge Handschrift an sich zu bringen, unb es steht wieder bas Aergste zu befürchten. Ich mufe trachten. Friedel fortzubringen, ehe es zu spät ist! Aber wirb er noch auf mich hören? Er hat mich in letzter Zett gemieden — hat er auch gegen mich Verdacht gefaßt?"

Aus der Strafte draußen ertönte ein eiliger Schritt, es ging jemand dicht am Fenster vorbei und gleich dar- auf wurde die Haustüre geöffnet unb wieber geschlossen. Iänike hörte es nicht, er hatte bie Hänbe vors Gesicht geschlagen und rief klagend aus:

„Herr, deine Mühlen malen langsam, aber furchtbar! Einsam steh ich in meinen alten lagen ba; Helga ist nicht mehr, Friedel wendet sich von mir, meine Freunde verlassen mich---du da droben, du strafst schwer'

Unb doch hab ich keine Schuld auf mich geloben, hab nichts getan als meinen Eid gehalten!"

Langsam liefe er die Hände sinken, Tränen rolltet» über seine Wangen Da öffnete sich bie Türe und eine helle Stimme rief:

„Grüß Gott, Ohm Ehristian!"

Der Alte fuhr herum; ungewiß, ob ihn seine Sinne nicht täuschten, trat er bem Eintretenden entgegen.

| „Du, Friedel?" rief er und streckte dem Jüngling beide Arme hin. „Bist dus wirklich? Dich sendet Gott in der Stunde meiner Verlassenheit!"

Friedel hatte bie Hände des Alien ergriffen unb brückte sie herzlich.

„Wie geht es Euch, Ohm Christian?" fragte er.

„Mir? Sag mir lieber, wie es dir geht! Du hast dich lange nicht blicken lassen — — aber setz dich zu­vor!"

Ueber des Jünglings Antlitz huschte flüchtige Röte, als er sich niederlieft.

„3ljr dürft nicht böse sein, lieber, guter Ohm Chri­stian!" schmeichelte er. „Ich — ich hatte so viel zu tun, ich habe viel erlebt!"

„Ich weiß, das Abenteuer mit bem Stier und bann gestern bie falsche Kommission!"

„Ach nein, bie nicht!" Friedel lochte. „Das hab ich gleich überwunden, als die Schelme draußen waren. Sie konnten mir nichts anhaben, denn Gustav Föns kam zu rechter Zeit, mir zu helfen. Es schaut freilich greulich aus in meinem Hause, alle Schlösser sind aufgebrochen, bie Papiere unb unten im Gestbaft und im Magazin bie Bücher liegen wüst burcheinander! Aber in ein paar Ta­gen ist das alles wieber in Orbnung."

„Armer Junge! Du wirst dich sehr geängstigt hoben!"

„Nun, gleichgültig war es mir nicht!" gab Friedel ehrlich zu. „Aber der Zorn war größer als die Angst; ich war voll Grimm, daß ich oll das wehrlos über mich ergehen lassen mufete. Angst hatte ich ireilich auch, aber nur, daß bie Betrüger bie Schrift des Großvaters finden und mir stehlen könnten, denn auf die hatten sie es ab­gesehen. Und deswegen bin ich auch hier--aber hör«

zuvor etwas anberes!"

Iänike sah ben Jüngling forschend an, denn bei schwieg plötzlich unb rutschte verlegen aus seinem Stuhl fein und feer; et wuftte nicht recht, wie er beginnen sollte.

„Wißt Ihr schon, Ohm Christian, bafe ich verlobt bin?" platzte er endlich heraus.

Der Lehrer blickte überrascht auf. I -iES

„Mas sagst du? Verlobt?"

,5a, mit Ingeborg Skive!" nickte Friedel, frofe, das schwere Wort heraus zu haben. „Ich weiß, ich hätte es Euch schon längst berichten sollen, aber" — neue Röte überflutete bas Gesicht des hübschen Jungen — .ich hab in bet Aufregung meines Glückes und tn all bem. was bann folgte, Euer ganz vergessen! Nun seid mir aber nicht böse. Ohm Christian, e? wat gewiß nicht schlecht ovn mit gemeint!" bat er herzlich.

(Fortsetzung folgt,’