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Anzeiger für die Skadk und den Kreis Fulda.

Nr. S.

Sr|d>etnl sechsmal ivüchentlich Wochenbeilage: »Illustriert» Beilage" undPudjenblätter* Rotationsdruck und Verlag bet firidbaet Brtiendruckerei In Fnldu Fernsprecher Str. 6. :* Monatlicher Bezugspreis 1.50 Mk w

Donnerstag, 13. Januar 1927.

AmkNches kreisblalk.

«nieigen-Prell» Kletnzeil, (dolonel) total 0,18 <X, auSwürÜ 0,20 JUL R e kla w »,»i >»- total »,60 XJL, auSwLrl« 0,80 JUL Sri M i »der h a I u ngr a Nabatt. w Postlchecktonto Fronkturt t w Ri 4051*

Jaf)tg.54.

Dr. Curtius und die Regierungsbildung.

Die Beauftragung des Reichswirtschaftsrnini- sters Dr. C u rt i u s mit der Bildung einer Reichs­regierung war keine Ueberrafchung. Schon seit Tagen war bekannt, daß Reichspräsident Hin­denburg sich mit der schier unabänderlichen Ab­sicht trug, unter allen Umständen diesen volkspar­teilichen Politiker in erster Linie als Kanzlerkandi­daten zu benennen. Es hat nicht an Versuchen ge­fehlt, Im Reichspräsidenten-Palais die gegen diesen Plan bestehenden schweren Bedenken geltend zu machen. Noch in letzter Stunde wurde ein solcher Schritt unternommen. Der Auftrag wurde den­noch an Dr. Curtius erteilt.

In dieser Feststellung liegt kein Vorwurf ge­gen den Reichspräsidenten, der bekanntlich voll­kommen freie Hand bei der Auswahl einer für den Kanzlerposten geeigneten Persönlichkeit hat, sondern nur ein Hinweis darauf, wie em st die ganze Situation aufzufassen ist. Die D e u t sch- nationalen glauben bereits, so eine Art Vor­mund für das Zentrum spielen zu können. Denn kaum eine Stunde nach der Beauftragung des Reichswirtschaftsministers Curtius ließen sie eine Meldung los, in welcher sie hervorhoben, der vom Reichspräsidenten erteilte und vom Minister Curtius angenommene Auftrag, durch Ver- Handlungen mit der Deutschnationalen Volkspartei eine feste Regierungsgemeinschaft zu bilden, weise Len einzigen Weg, auf dem die Lösung der Reoie- rungskrisis möglich sei; beim Zentrum liege also nunmehr die Entscheidung, ob es diesen Weg be­schreiten oder eine Regierungskrise von unabseh­barer Dauer und eine Verwirrung aller Verhält­nisse berbeiführen wolle. Die sattsam bekannte Deutsche Zeitung" denkt sich den Hergang noch rel einfacher und zwar nach dem Motto:Der Graf befiehlt und das Zentrum hat zu gehorchen." Die­ses Blatt spricht nämlich die Hoffnung aus, daß die Deutschnationalen die Gunst ihrer Lage erfaßt Hatzen möchten und dem Zentrum kurz erklären würden, sie dächten nicht daran, irgendwelche Zu­geständnisse zu machen. Das Opfer, das sie durch die Uebernabme der Regierung brächten, wäre schon so groß, daß ihnen das Zentrum auf den Knien zu danken hätte. Die Deutschnationalen drängten sich wahrhaftig nichthinein in den Staat". Sie wären bloß aus Pflichtgefühl bereit, den verfahrenen Karren wieder aus dem Dreck zu ziehen, möge das Zentrum entscheiden, wie es wolle.

Am Schlüsse dieser Auslassung fehlt nur noch, daß gegebenenfasls derstarke Mann" auftauchen werde, der alle Widerspenstigen an die Wand quetsche. Wenn sich dieDeutsche Zeitung" aber nur nicht täutcht. Rach unseren Informationen, die ja schließlich über Vorgänge im Zentrumslaaer etwas besser sein dürften, als diejenigen der deutsch­nationalen Presse, herrscht bei der Zentrumsfrak­tion des Reichstags keineswegs auch nur die ge­ringste Neigung, sich den diktatorischen Gelüsten der Deutschnationalen auch nur irgendwie zu beu­gen.

Nachdem Dr. Curtius am Dienstag mit den Vertretern der Parteien gesprochen hatte, emvfing er auch den Vertreter der^Zentrumsfraktion, Herrn v. (Buerorb. Für das Zentrum handelt es sich nicht um politische Kombinationen und taktische Manöver bei der Lösung der von den Sozial­demokraten herbeigeführten Krise. Die Lö­sung muß der Förderung der politischen A u f g a - den dienen, die vorliegen. So gewinnt das Er­gebnis, zu dem am Dienstag abend der Vorstand der Zentrumsfraktion kam, eine hohe Bedeutung. Der Vorstand der Zentrumsfraktion hielt am Dienstag abend eine fast dreieinhalbstündige Sitzung' ab, an der auch der Reichskanzler Dr. Marx teilnahm, lieber das Ergebnis wurde in der zehnten Abendstunde folgende Mitteilung aus­gegeben: Der Vorstand der Zentrumsfraktion ist sich darüber einig, daß der vorgeschlagenen Kabi- nettsbildung schwere außen- und innen­politische Bedenken entgegenstehen. Einen

Beschluß zu fasten war der Vorstand nicht in der Lage, bevor er die Fraktion gehört hat. Die Zen­trumsfraktion ist auf Mittwoch einberufen.

Die durch diese Stellungnahme des Vorstandes der Zentrumsfraktion geschaffene Situation wird von den Blättern verschieden beurteilt. DieTägl. Rundschau" erklärt, daß das Ergebnis des Tages die Erwartung zulasse, daß die Verhandlungen auf der Grundlage des von Dr. Curtius entworfe­nen Programms in Gang kommen werden. Die Parteien seien durch die Besprechungen einander näher gekommen. Viel verspricht sich das genannte Blatt von der auf Mittwoch anberaumten gemein- schaftlichen Aussprache zwischen dem Zentrum und den Deutschnationalen im. Beisein des Reichswirt­schaftsministers Dr. Curtius, bei welcher Gelegen­heit das Zentrum bestimmte Forderungen vorbringen werde, deren Formulierung bereits von dem Fraktionsvorstande des Zentrums vorge­nommen worden sei.

Anderer Ansicht ist dieGermania". Die Auf­fassung des Zentrums geht dem Berliner Zen­trumsorgan zufolge nach wie vor dahin, daß die Lösung der Schwierigkeiten am besten durch ein Zusammenarbeiten der Parteien von der Deutschen Volkspartei bis zu den So- zialdemokraten erreicht würbe.

DasB. T." hält es kaum für zweifelhaft, daß bei den Beratungen der Gesamtfraktion der Zen­trumspartei der Fraktionsvorstand sich für die Ab­lehnung jeden Anschlußes nach rechts mit aller Ent­schiedenheit einsetzen werde.

Dr. Stresemanns Stellung in der Krise wird viel erörtert. Er legt sich große Zurückhal­tung auf. Aus der weitverbreiteten Ueberraschung hierfür ist es zu erklären, wenn dieGermania" heute abend folgendes schreibt:Eine undurch­sichtige Rolle spielt in dem ganzen Spiel Herr Gustav Stresemann. Ist er nicht bet frühere und der prädestinierte neue Reichsautzenminister? Ist nichtdieRheinlandräumung sein näch­stes Ziel? Glaubt er im Ernst, die Rheinland­räumung am leichtesten mit den Deutschnatio­nalen zu erreichen? Will man uns weis machen, daß er feine eigene Partei in der Frage der Re­gierungsbildung nicht hinter sich habe? Wohnen zwei Seelen in seiner Brust? Ober hofft er am Ende gar, daß andere ihm das Odium für das Scheitern der von ihm selbst gesördertm Rechts­schwenkung abnehmen?"

Wir halten es für ganz selbstverständlich, daß es Stresemann sehr lieb wäre, wenn das Zentrum ihm die Kastanien aus dem Feuer holte und die Bürgerblock-Regierung vermittelte. Wir sind aber überzeugt, daß'das Zentrum ebenso klug ist wie Herr Stresemann und seine Freunde.

ßm Mittwoch vormittag.

V D.Z. Berlin, 12. Jan. (Eig. Funkm.) Dr. Curtius setzte am heutigen Mittwoch seine Bemühungen mit der Bildung einer Regierung fort. Um 12 Uhr empfing er, wie das Nachrichten- Büro des Vereins deutscher Zeitungsverleger hört, Vertreter der freien Gewerkschaften, der christlichen und der H i r s ch - D u n k e r ' schen Gewerkschaften. Wie wir von in- d u st r i e l l e r Seite hören, sind Vertreter der In­dustrie bisher nicht eingeladen. In parlamentari- sechn Kreisen rechnet man jedoch damit, daß Herr Dr. Curtius sich auch mit ihnen besprechen wird. Mit Interesse sieht man in parlamentarischen Krei­sen der heutigen Fühlungnahme des Zen­trums mit den Sozialdemokraten und Deutschnationalen entgegen. Dr. Curtius dürfte bis dahin kaum irgendwelche entscheidende Schritte unternehmen. *

Der Emplang der Gewerkschaften ist eine Neu­erung. Ein Dolk-paickeiler kann sie sich erlauben; hätte ein anderer Parlamentarier etwas derartiges getan, möchten wir das Gezeter über dieAll­macht der Gewerkschaftssekretäre" hören.

wichtige neue Gesetze.

F Tagung de» Reichslags-Rechlsausschusses.

Der Rechtsausschuß des Reichstages nimmt seine Arbeiten wieder auf und wird sich zunächst mit dem Gesetzentwurf über die Sammlung des Reichsrech­tes beschäftigen. Als weiteres Material liegen dem Rechtsausschuß vor: Die Anträge über die Ne- sorm des Ehescheidungsrechtes, die berests seit Januar 1926 unerledigt geblieben sind, der Gesetzentwurf über das Registerpfand- ted)t und bje Best' lch en Aufwertungs- Anträge, wobei die Wiederaufrollung der Auf- ^ertung in ihrem ganzen Umfange zu erwarten

Weiter liegen dem Rechtsausschuß vor: Ent- Mse über die Auslegung des Artikels 48 der

Verfassung, über kirchliche und bürgerliche QufecrtQ9e und über den Staatsgerichtshof. Bon .^ordentlichem Interesse werden die Beratun- di» h 9 Ausschusses über die Wahlreform und das R^ ^e**5rat vorliegenden Gesetzentwürfe über der iv^^ersassungsgericht und über die Wahrung bann i^seinheit sein. Als wichtigste Arbeit steht q f r ö.em Rechtsausschuß die Reform des ren eJr e d) t e s bevor, die bereits vor 25 Iah- f)Qf »2 .tzt und inzwischen 5 Entwürfe gezeitigt zurzeit!r lüugste amtliche Entwurf von 1925 liegt die 93crneJP Neichsrat vor. Es verlautet, daß dort im 'ebun9 bevorsteht, so daß die Vorlage kann.P . 1927 dem Reichstag vorgelegt werden

Das neue Sachsenkablnett.

In der Nachmittagssitzung des Dresdner Land- tages wurde der bisherige Ministerpräsident Hekdt. der den gemäßigten Sozialisten zuzuzählen ist, mit 49 Stimmen wiedergewählt. Der sozialdemokra­tische Kandidat Fleißner erhielt 45 Stimmen.

Die Kommunisten und Sozialdemokraten sagten der neuen Regierung schärfsten Kampf an. Nach­dem der Ministerpräsident Heldt in Abwesenheit der Sozialdemokraten'den Eid auf die Verfassung abgelegt hatte, vertagte sich das Haus auf den 18. Januar mit der Tagesordnung: Erklärung der Regierung.

D e Amerikaner in Nicaragua.

Amerikanische Marinetruppen sind den Fluh Es- conbibo 60 englische Meilen hinaufgezogen, um im Inneren Nicaraguas eine neutrale Zone zu errichten .Eine andere neutrale Zone ist an der Mündung des Wa va vorbereitet worden. Jrn Ge­biete des Wawa haben viele amerikanische Mahagoni-Gesellschasten ihren Sitz. Lateinamerika und die Intervention in Kkaragua

wtb. Buenos Aires, 12. Ian. (Eig. Funkm.) La Nacion erklärt, die Presse Mittel- und Süd­amerikas betrachte die Politik der Vereinigten Staaten in Nicaragua mit Mißtrauen. Das Blatt veröffentlicht eine Meldung aus Santiago, wonach in der chilenischen Abgeordnetenkammer ein Antrag auf Anerkennung des GrundsatzesLa­teinamerika den Lateinamerikanem" eingebracht worden ist, ----~

Polen und Deutschland.

Reichstagspräsident Löbe in Danzig.

Nach einer Blättermeldung aus Danzig ist der Präsident des deutschen Reichstags, Löbe, in Dan- . zig eingetroffen, um vor dem Deutschen Heimats- I dienst übet die österreichische Anschlußfrage zu | sprechen. Der Versammlung wohnte u .a. der Prä- ert des Senats Dr. Sahm bei. Reichstagspräsi-

Löbe überbrachte zunächst unter stürmischem Beifall der Versammlung die Grüße des deut­schen Reichstags. Auf die jüngste Rede des pol­nischen Außenministers ZaleLki Über­gehend, betonte der Redner, daß Deutschland eben­so wie Danzig verwundert gewesen seien über den drohenden Ton, der in dieser Rede zum Aus­druck gekommen sei. Er sei der Ansicht, daß Deutsch­land nicht den geringsten Anlaß dazu gegeben habe. Das Easttecht, das er in Danzig genieße, verbiete es ihm, in eine Polemik zu der Rede Zaleskis ein« »utxeten. Er werde das bei einer andern Gelegen­heit tun. Ueber die Anschlußfrage erflärte bet Redner, daß für die Dauer Deutschland das Selbstbestimmungsrecht, das selbst dem kleinsten Staate gewährt worben fei, nicht oorenthalten wer­den könne. Es handle sich hier um einen frei­willigen Zusammenschluß zweier Länder, die in der Kultur u.nd in der Sprache vollkommen gleich seien. ___________

Die Lage in Hankau.

In einer Sitzung der Konsuln in Schanghai wurde festgestellt, baß von einer Räumung der ausländischen Konzessionsgebiete keine Rede sei.

Reuter meldet aus Peking: Räuber haben die Stadt Wangtschlpao umzingelt und angezündet. Diejenigen Einwohner, die nicht in den Flammen umkamen und aus den brennenden Häusern flüch­teten, wurden niedergeschossen.

Die litauischen Hinrichtungen.

La-ttVoss. Zta." bat die Berliner litauische Gesandlschasl auf Voistellungen wegen der in den lctzlen Tagen aus Lckaen eingettoffenett Nochr chien über Hinrichtungen von Gegnern deS neuen Regimes mhgeieilt, daß wettere Hinrichtungen nicht mehr et- folgen würden.

Wie betLokalanzeiger" meldet, verbuchten in Berlin Kommunisien vor der Berlinr litauiichen Gesandtschaft gegen die Erlch-eßung von litau-fcben Kommunisten z u demon st rieten. Die Polizei zerstreute die Demonstranien.

Dom Zarismus.

Ermordung eine» faszistifchen Sekretärs in der Provinz Piacenza.

In einem Otte der Provinz Piacenza wurde ein faizlltischer Sekreiär nach einem Streck mit zwei Sozialisten durch zwei Gewehrjchüsse getötet. Die Täter sind entflohen.

Die Nirchenversolgung in Mexiko.

Wie Havas aus Meriko berichtet, sind nach der Verhaftung des Bischofs von Tabasco durch die Polizei weitere Verhaftungen vorgenommen worden. Man glaubt, daß sämtliche Erz­bischöfe und 23 Bischöfe von Mexiko fest- genommen worden seien.

In Cocula im Staate Iallsco sollen b'i ei"?m Zusammenstoß zwischen Katholiken und den Ge- . meindebehörden 21 Personen getötet und I 10 verwundet worben sein.

Nach der französischen Senatswahl.

Die Leute, die von den Senatswahlen das Wiederaufleben frischer Morgenluft in dem von Poincareg diktatorischen Regime vergewaltigten freien Spiel der politischen Kräfte erwarteten, ha­ben sich nicht getäuscht. Daß diese Wendung in der innenpolitischen Situation Frankreichs gerade durch die Senatswahlen zum Ausdruck kommt, ist dop­pelt bedeutsam, weil sonst der Senat stets nur der Schauplatz gedämpftester politischer Reaktionen auf die Tagesereignisse war. Richt umsonst kämpfen die Parteien der äußersten Linken schon seit Jah­ren für die Abschaffung des Senats überhaupt, in dem sie nicht ohne Grund die stärkste Hemmung zeit- oder vielmehr tagesgemäßer politischer Aktivi­tät erblicken. Auch die Wahlmethoden haben durch­aus das Altväterliche aus den Anfangszeiten des modernen Stimmrechts bewahrt und noch während der jetzt abgeschlossenen Wahlkampagne mußten die Kandidaten nach altem Brauch von Dorf zu Dors ziehen, die einzelnen Wahlmänner (Mitglieder der Gemeinderäte usw.) besuchen und durften ebenso­wenig die ebenso traditionelle, wie qualitativ oft fragwürdige Flasche selbgezogenen Landweines ver­schmähen, wie das liebevolle Eingehen auf die ganz persönlichen Fragen und Sorgen des Wahl­mannes vernachlässigen Bezeichnend für diese ganze Art ist eine Aeußerung Gauvains, als ihm ein Journalist versichern zu können glaubte, baß ihm sein Ansehen als politischer Tage^ schriftsteller und Kenner der auswärtigen Politik seine Wahl in dem Sengt garantieren werde. Kauvain antwor­tete sarkastisch:Glauben Sie. daß der Bauer der Franche-Comte danach fragt?"

Gerade weil eine solche Aeußerung den Kern der Sache trifft, ist es besonders bedeutungsvoll, daß eben diele Senchswahlen unter dem Zeichen des Regime Poincare unzweifelhaft für die Par- tcien des Linkskartells entschieden haben. Zwar stellt der Sieg der Linken nicht den Erfolg dar, den sich die ganz unentwegten Optimisten verspro­chen haben: die Linksparteien werden auch jetzt noch nicht in der Lage sein, eine ausgesprochene Mehr­heit im Senat zu bilden, jedoch werden die Sozia­listen, die 10 Sitze gewonnen und keinen verloren haben, und die somit die eigentlichen Sieger des Tages sind, nunmehr eine eigene Fraktion bilden können und damit in der Lage sein, ihren politi­schen Willen im Senat viel nachdrücklicher zum Ausdruck zu bringen, als es vorher der Fall war.

Der Mahlmodus für den Senat bringt es mit sich, daß Senatswahl-n immer in stärkerem Maße eine Sache der im Vordergrund stehenden Per - fönlirbfeiten. als der Parteien und deren zif- fernmähiger Erlolge find. Auch in dieser Hinsicht sind einiae Resultate von besonders ausgeprägter symMomatilch-r Bedeutung. So in erster Linie der D u r ch s a l l M i l l e r a n d s, des ehemaligen Präsidenten der Republik, der d-m Kammersieg der Linken vom 11 Mai 1924 zum Opfer gefallen mar, sich inzwischen immer weiter nach rechts entwickelt hatte, und der jetzt sogar wegen seiner immer stär­ker hervortretenden faschistischen und diktatorialen Neigungen von seinen eigenen Parteigenossen fal­len gelassen mar. Bleibt er seinen ost und deutlich genug ausgesprochenen Versicherungen treu, so wird ibn diese Niederlage endgültig aus der po­litischen Arena verbannen. Auf seden Fall zeigt die Tatsache, daß die Rechtsvartclen sich nicht ent­schließen konnten, sich mit einer Kandidatur Mille- rands zu belasten, deutlich, daß für einen Faschis­mus nach Art derAction froncaise" und auch für nicht ganz so verantwortungslose nationalisti'che Radikalismen im gegenwärtigen Frankreich fein Platz mehr ist Das wird auch bekräftigt durch den Mißerfolg des bisherigen Senatspräfibenten d s Selves. bestelb-n, bellen Wahl von zwei Jahren für has Kartell eine erste schwere Niederlage be­

deutete. Schmerzlich ist endlich für die reaktiv» nären Senatoren die Niederlage des Pariser Sena­tors B i l l i e t, der seit Jahren mit Hilfe der un­erschöpflichen Wahlfonds der Schwerindustri.. und der Hochfinanz das politische Leben Frankreichs korrumpierte, während der einzige Erfolg des Rechtsblocks, die Wahl des bisherigen Kammer­präsidenten Pöret, nur in bedingtem Maße als wiklicher Erfolg anerkannt werden tonn, da P-'ret ein viel zu gemäßigter Politiker ist, um unbedingt als zuverlässiger Mann des nationalen Blocks gel­ten zu können.

W-nn schließlich bei dieser entschiedenen Tendenz nach links die Sozialisten resp. die Kartellparteien nicht den äußerst möglichen Gewinn von 15 ober mehr Sitzen zu verzeichnen haben, so liegt die Schuld daran in der völligen Verfehlthest der Wahl- taktik Wäre die Einheitsfront der Kartellparteien, der sich im zweiten resp. dritten Wahlgang die Kom­munisten anschlofsen, von vornherein dagewesen, so würde dadurch mancher nun verloren gegangene Sitz gewonnen worden sein. Immerhin werden die praktisck>en Folgen der Senatewahlen bald ge­nug evident werden. Am klarsten deutet der Her­ausgeber derVolants" Albert Dubarry an. daß man sehr bald im Senat Morgenluft wird wittern können, wenn er schreibt:Welche Konsequenzen werden die Wahlen haben, von denen sich einige Ergebnisse deutlich gegen die These von der natio­nalen Einigkeit richten, die das Lebensprinzip des Kabinett Poincars ist? Ich will noch einige Tage warten, bis ich die Folgerungen ziehe, denn ich glaube zu wissen, daß der Leiter der Regierung bereits einen Entschluß gefaßt hat, den die letzten Entwicklungen ihm nahegelgt haben." Das ist klar genug gesagt, um erkennen zu lassen, daß Poin- car<z den Sagen nicht überfpannen wird, sondern selbst einlenken und auf die Minister der Linken in seinem Kabinett jetzt mehr Rücksicht nehmen wird, als auf die Hetzer Marin und Genossen, was den für die bevorstehende Auseinandersetzung über BriandsFriedensoffensive" von äußerster Bedeu­tung werden könnte.

Der neue Nammer-prSsIdent.

Erstmals ein Sozialist.

Wie aus Paris gemeldet wird, wurde in der französischen Kammer der sozialistische Abgeordnete B u l s s o n mit 284 Stimmen Im dritten Wahlgang zum Kammerpräsidenten gewählt. Der ehemalige Kriegsminister M a g i n o t, ber Kandidat der Rech- ten, erhielt 186 Stimmen. Zum erstenmal ist ein Sozialist Präsident der Kammer geworden

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Iustizminister Barthou, der bis setzt im Senat der Gruppe Poincare angehörte, läßt erklären, daß ereinwenignachlinks abgeschwenkt sei und sich ber demokratisch-republikanischen Vereinigung, deren Vorsitz Senator Chaumet fuhrt, anfchließe^ werde.

Nach demTemps" hat Außenminister B r i - and nach Schluß des Ministerrates erklärt, daß gemäß dem vor dem Senatsausschuß für auswär­tige Angelegenheiten gegebenen Versprechen die Diskussion der die Außenpolitik betreffenden Fra­gen sehr wahrscheinlich nach Verständigung über die Anberaumung des Zeitpunktes in erster Linie im Senat erfolgen würde.

Di« deutsch-französllchen Verhandlungen.

Aus Paris wird gemeldet:

General von Pawelsz und Geheimrat Forster haben mit dein GeneralstabZchef des Marschalls Foch, General Baradier, am Dienstag verhandett.