Verlage zur Zuldaer Zeitung
In deine Hände.
Von Marie Frciin v. Hutten. Ein neues Jahr — soll ich mit Zagen An seiner ernsten Schwelle stehn ilnd angstvoll nach den Stunden fragen. Die jenseits mir entgegengehn?
Wozu? In deine lieben Hände Leg' meine läge ich hinein — Nun weiß ich' jede Morgenwende Durchflutet warm von Sonnenschein.
Und jede- Abends Sternenrunde Von tiefem Frieden ganz erfüllt — In deinen Händen jede Stunde Von neuem Segen überquillt.
Neujahr und die Zrauen.
Wir stehen wieder in der Zeit, wo der Rhythmus des Jahres ausschwingt. Wo wir die Spanne oder besser den Atemhauch geschichtlichen und volklichen Werdens oder Sinkens, das Gewogene von Arbeit, Freude und Leid, das ein Jahr umspannt, wie ein winziges Körnlein versinken sehen. Nur die großen Entscheidun» gen des Jahres bkeiben und werfen ihren Schatten.
Auch wir Frauen wissen heute stärker und bewußter, daß diese großen Entscheidungen im öffentlichen Leben zu tiefst Familiengemeinschaft und Berufsleben berühren. Daß wir kein nur vom Persönlichen bewegtes Leben führen können, sondern nur eins, das von den Ebenen und Schichten, die sich im Leben aller drängen und faßen, mitbestimmt ist. Geht dies Jahr zu Ende, fo steht mitten in den drückend schweren Problemen, Me es umlasten, Locarno als em Zeichen der Hoff- nung. Mögen die politischen Meinungen um die öußerst schwierige Verwirklichung dieses Werkes auch im Tatsächlichen und Einzelnen auseinandergehen, wir spüren doch: ein Samenkorn innerer Verständigung Zwischen den Völkern ist eingesenkt. Und das ist nicht :nur vom politischen Standpunkt aus eine Hoffnung. Es ist eins der Wegzeichen, die mis der verwirrenden At- mosphäre alten Haders zur Klärung und Einsicht hin- überbeuten.
Cs bleibt das Urgut der Frau, auch der poetisch geschulten und wirkenden Frau, das geschaffene Werk des Mannes dem Leben, dem lebendigen Sein einzuschmel- Hen; es vorauszuschaffen mit ihrem tiefsten Wollen und «uszuwirken in seiner letzten Form. Was hinter Locarno steht, sind nicht Utopien; es ist das hart und mühsam zu erzwingende geschichtliche Werden und Wollen eines ersten „Miteinander", nickt nur „Gegeneinander" der Völker. Was auf diesem Grund wächst, kann heute nur in Erschütterungen und unter Stürmen wachsen, aber es wird wachsen. Ein Samenkorn ist eingesenkt und ein Boden bereitet.
Wenn das bürgerliche Jahr zu Ende geht, dann hat der Rhythmus eines verborgenen, der neue Pulsschlag des christlichen Jahres schon eingesetzt. So glauben wir guch hinter den äußeren Geschehnissen und Taten, die sich im geschichtlichen Leben auswirken, die geheimen Kräfte eines Tieferen »a spüre». Und wenn wir auch nicht ungleiche Größen miteinander vergleichen wollen, so ist es doch vielleicht kein Zufall, daß dieses vergangene Jahr ein im besonderen Sinn dem Friedens- gedanken geheiligtes war, und daß. um das Werkkörn- lein einer Frau aufzufassen, der Aufruf zu einer Frau- enfriedenskirche darin feinen ersten öffentlichen Widerhall fand.
Wirklicher Friede kommt aus einem Tun. Was wir langsam zu erhoffen meinen, ist das allmähliche Gestaltwerden des christlichen Gedankens im Weltgeschehen. Und wenn wir uns heute auch noch oft nur mit christlichen Wörtern behängen und in flachen Welt- beglückungsideen uns gefallen, so bedeutet das nur, daß wir noch nicht wissen, wie sehr das wahre, göttliche und befriedende „Wort" von Mal zu Mal ein Tun ist. Wie langsam nur, und in welch tiefem, organischem Wachs- tum Schicht um Schicht des menschlichen Lebens durchdringend, es sich durchsetzen kann und muß.
Die Blätter eines Baumes dorren nicht ab, bevor nicht feine knospenden Säfte sich zu neuem Leben gesammelt haben, und jede gute Tat trägt schon den .Keim einer besseren in sich. So tragen auch wir, was wir in Leid und Freude und Nöten aus unseren besten Kräften in diesem Jahr gesammelt haben, als ein lebendiges Fünklein ins Leben weiter; ruhend in unserem Grunde, aber ehrfürchtig auch vor allem, was wir nicht sind, und wachiend im Miteinander und Ineinander aller lebendspendenden Kräfte. A. Ziegler.
Bilanz in Blei.
Ein Silvesterscherz von Giistav Halm, Köln.
Ts fror, daß es krachte. Das rechte Wetter also für entert Silvesterabend. Roch einmal so gemütlich saß man bn Zimmer um den runden Tisch und harrte bei bampfiTtbem Punsch und duftendem Backwerk der zwölften Strube. Einstweilen traf der Hausherr alle Vorbereitungen für die symbolische Handlung des Blei- giehens. Ein Brenner war bereits eingeschaltet, Schüsseln und Löffel waren bereit, und das Blei lag in kleinen Barren und Klümpchen vor jedem Teilnehmer auf- geschichtet. Aber noch war eine Stunde Zeit bis zu dem feierlichen Akte.
„Das mag nun fein, wie es will," unterbrach der Oberlehrer B e h r e ns die Stille. „Man soll nicht abergläubisch sein, gewiß. Ich bin auch im ganzen frei davon. Aber in diesem uralten, von unseren Vorvätern überlieferten Brmich sehe ich doch etwas mehr, als nur ein Symbol. Ich finde, daß immer etwas hinter diesen Orakeln steckt, die der im Wasser zischende und sich gestaltende Bleitropfen uns kündet." —
„Vorausgesetzt, daß man nicht ein so vollkommen unentwirrbares Gebilde gießt, wie ich im letzten Jahre." fiel Dr. Martens ein. — „Denn was wollen Sie mir daraus künden, und was ist davon wahr geworden? Die jungen Damen stritten sich damals, als ob es einen Engel darstelle oder eine Bretzel oder ein Ordenskreuz; es war eben so formlos, daß man nichts und alles daraus deuten konnte. Wollen Sie mir das auslegen, Herr Behrens?" — „Gern," sagte dieser, leicht gekränkt, weil Dr. Martens seine Ausführungen nicht bis zum Ende abgewartet hatte. — „Wie liegt denn Ihre Zukunft vor Ihnen? Wie lag sie damals vor Ihnen, als das Jahr der jüngsten Vergangenheit noch Zukunft war? — So wirr und unenträtselbar wie Ihr bleiernes Orakel! Sie hatten Aussicht, sich 3U verloben; eine Bäckerstochter, nebenbei, wie ich hörte. Da haben Sie den Engel, die Bretzel, das Hauskreuz! Was wollen Sie mehr? Sie nannten es unentwirrbar; gut; ist es etwa anders bei Ihnen? Was ist aus Ihren Aussichten
Für unsere Frauenwelt.
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Nerven und Nahrung. J
Von Dr. F Geiß.
Die Betriebstätiakeit des Organismus wird vom größten bis zum kleinsten von den Nerven beherrscht. Von den geistigen Verrichtungen bis herab zur Drüsenabsonderung ist nichts, was nicht von den Nervenfunktionen abhängt; ja auch die Ernähnmg der einzelnen Körperbestandteile wird von den Nerven beeinflußt, und sei es selbst des härtesten und widerstandfühigsten unter ihnen, der Knochensubstanz. Wie jede Arbeitsleistung mit einem Substanzverbrauch verbunden ist, so auch die beständige und selbst in der Nacht nicht ganz ruhende Tätigkeit der Nerven. Die Erneuerung der verbrauchten Teile bedarf der Zufuhr von Nährmaterial. So sind Nervenkraft und Nerventätigkeit neben anderem auch von der Ernährung des Körpers abhängig.
Es besteht nun eine Einrichtung von wunderbarer Zweckmäßigkeit im Organismus darin, daß die sogen, tätigen Gebilde, wie Muskeln, Drüsen, Nerven, das, was sie bei der Tätigkeit an eigener Substanz verbrauchen, in dem gleichen Maß — unter Umständen sogar in gesteigertem Maß — erneuern, falls hinreichendes Nährmaterial zum Ersatz vorhanden ist. Der Ersatz entspricht somit unter normalen Verhältnissen und bet ausreichender Ernährung dem Verbrauch. Die Organe arbeiten sich nicht wie Maschinen ab, sondern erneuern sich bei der Tätigkeit und leiden bei Untätigkeit, da die Erneuerung der Substanz fehlt. Dieses Gesetz würde ewige Jugend durch Tätigkeit bedeuten, wenn ihm nicht gewisse Grenzen gezogen wären, die oben durch das Altem der Substanz des Körpers bedingt sind.
Aber noch eine andere Einschränkung dieses Gesetzes ist vorhanden: die tätigen Organe und so vor allem die Nerven bedürfen außer hinreichender Ernährung auch angemessener Ruhe.
Die Nerven sind somit in zweifacher Beziehung bei der Ernährung des Körpers interessiert; unter ihrem Einfluß vollzieht sick die Verdauung, Ausnutzung und Einverleibung der Nährstoffe überhaupt, und außerdem haben sie sich selbst zu ernähren. Ihre eigene Ernährung steht dabei augenscheinlich in einer innigen Wechselbeziehung zur Ernährung des übrigen Körpers. Die Nahrung entfaltet, schon ehe mir sie zu uns nehmen, eine Fernwirkung auf unsere Nerven, die sich in dem seelischen Zustande, den wir Appetit nennen, ausspricht. Die wissenschaftliche Forschung hat ermittelt, daß es nicht ein bloßes Lustgefühl ist, das sich unserer bemächtigt, wenn ein Lieblingsspeise aufgetragen wird oder wenn die Lektüre des Menüs uns auserlesene Genüsse verspricht. Vielmehr bewirkt die Erregung des Appetits eine wirkliche Absonderung bezw. mehr Absonderung von Magensaft, und man kann daher sagen, daß die rein seelische Anreizung des Appetits direkt die Verdauung befördert Andererseits hat sich auch für die alltägliche Erfahrung, daß seelilche Verstimmung, Aerger und dergleichen den Appetit lähmen, ein physiologisches Korrelat finden lassen: Die Magenabsonderung wird durch solche Affekte tatsächlich verringert, ja vorübergehend fast ganz aufgehoben. Diese Beeinflussungen treten bei lebhafteren, nervös erregbaren Personen in höherem Maße hervor. Uebrigens wird die Magensaftabsonderung außer durch seelische Einwirkungen auch durch gereifte reizende Stoffe (Appetitmittel), Salze und die eine zeitlang so verachtete Bouillon angeregt. Der Wohlgeschmack wirkt unzweifelhaft in gleichem Sinn, und es ist sehr wahrscheinlich, daß alle angenehmen Eindrücke, die den Akt der Nahrungsaufnahme begleiten, die appetitliche Servierung, heitere Gesellschaft, Schmuck der Tafel usw. förderlich auf die Tätigkeit der Derdauungsdrüse einzuwirken vermögen und so den physiologischen Vorgang der Verarbeitung der Nahrungsstoffe unterstützen. So hat der hygienische Instinkt der Menschheit das Richtige getroffen, indem er die Einnahme der Mahlzeiten mit einem stimmungsvollen Beiwerk, ja mit festlicher Weihe umgab.
Es ist hier nicht die Aufgabe, die Nahrung auf ihrem Weg bis zur Umgestaltung in die den Körpersubstanzen zufließenden Nähisäste zu verfolgen. Es sei nur daran erinnert, daß die Apparate, die durch ihre Tätigkeit diese Metamorphose bedingen, gleichfalls von Nerven in Betrieb gesetzt und erhalten werden, und daß eine krankhafte Beeinträchtigung der Nerventätigkeit zu mannigfachen Störungen der Verdauungstätigkeit führen kann. Aber noch viel mehr: Das Nervensystem reguliert auch die Ernährung der einzelnen Gebilde und Substanzen des Körpers; der gesamte Stosfreechsel wird von den Nerven beherrscht. Die unzähligen Werke der Koch- kunst enthalten in den verschiedensten Kombinationen und appetitreizender Zubereitung die für die Ernäh- rung wichtigen Grundstoffe: Eiweiß, Kohlehydrate, Fette, Salze. Schon bei der Zerkleinerung im Mund verlieren sie Form und Ansehen, und werden alsbald in einen gleichförmigen Speisedrei und bann immer einfachere chemische Stoffe verwandelt, aus deren Gemisch die einzelnen Körperzellen sich aussuchen, was ihre chemische
Eigenart erfordert. Die Substanz der verschiedenen Körpergebilde ist verschieden zusammengesetzt, und je nach ihrer chemischen Struktur besitzen sie einen besonderen Stoffwechsel. So bebarf die Knockenzelle anderer chemischer Stoffe als die Muskelzelle, diese anderer als die Nervenzelle. Es liegt daher der Gedanke nahe, zum Zwecke der Kräftigung der Nerven, zum Beispiel bei deren Erkrankung, gerade das für ihren spezifischen Bedarf erforderliche Nährmaterial zu verabreichen.
Vielfach werden gewisse Phosphorverbindungen als besonders wertvoll für die Nervenernährung angepriesen, und in Laienkreisen herrscht die Anschauung, daß der Genuß phosphorhaltiger Nahrungsmittel und Me- dikamente ganz besonders den Nerven zugute komme.
Im großen und ganzen kann man sagen, daß die übliche gemischte Kost jene Bestandteile enthält, die auch dem Bedarf des Nervenstosfwechsels Rechnung tragen. Der Schwerpunkt ist nicht darin gelegen, spezifische Nervennährstoffe einzuführen, sondern vielmehr in der Diät die Dinge zu vermeiden, die für die Nerven schädlich sind oder werden können. Hierzu gehört ein Uebermaß von Reizmitteln. Während ein gereistes Maß von Gewürzen zweckdienlich ist und durch Erzeugung von Wohlgeschmack die direkte Reizung der Drüsennerven die Verdauung befördert, kann ein Zuviel dieser Stoffe die Nerven über Gebühr reizen. Das Gleiche gilt von pikanten und scharfen Speisen (Senfgurken, Mixpikles und dergleichen).
Auch ein übermäßiger Fleischgenuß, abgesehen von anderen schädlichen Einwirkungen, für die Nerven wegen der erregenden Stoffe, die bei der Fleischoerdau- ung entstehen und ins Blut ausgenommen werden, nicht günstig. Andererseits ist es irrig zu glauben, daß der strenge Vegetarismus die Nerven besonders leistungs- unb wiberstandsfähig mache. Die hierfür angeführten Beweise halten der wissenschaftlichen Kritik nicht stanb.
Einige Genußmittel gelten ganz besonders als Nervengifte: Alkohol, Tabak, Kaffee, Tee. Es ist richtig, baß biefe rote anbere Eenußmittel entbehrlich sind. Aber man streiche alles, was im Leben entbehrlich ist!
Die Schädlichkeit fängt dort an, ros das Anpassungsvermögen aufhört. Jede Einwirkung der Außenwelt auf unseren Organismus kann zu einer Schädigung sichren. Damit dies nicht geschieht, muß die Anpassungsfähigkeit eben durch lleberwinbung kleiner „Schädlichkeiten" geübt und gekräftigt werden. Ein bakteriendicht aufgezogenes Kind würde vielleicht dem ersten Schnupfen zum Opfer fallen. Die Kunst des Lebens ist die Kunst der Anpassung, wie letztere das Geheimnis des Werdeganges der Natur und der Völker ist.
Das Problem der Ernährung des Nervösen ist das Problem der Disziplinierung des Appetit-'. Die Folge dieser seelischen Regulierung wird bann ar die physiologische Regelung sein, und mit der Stimmung wird die Verarbeitung und Verwertung der Nahrung in die richtigen Bahnen gelenkt werden. Diesen Umschwung herbeizusühren, fällt der Kunst des Arztes, der Pflege, der Umgebung, her Willenskraft und Fähigkeit des Kranken, „sich umzustimmen", zu. Außerdem aber auch der Kochkunst. Es wird häufig der Fehler gemacht, daß man dem Nervenschwachen eine wirklich zu weichliche, nüchterne und eintönige Kost barbiefet, die der Gesunbe nicht ha'en möchte, geschweige denn ber auf Genuhmittel in erhöhtem Maße reflektierende Neurastheniker. Man muß die zweckwäs^e Äoft schmackhaft zu machen suchen und darf Win und Zutaten nicht ganz fehlen lasten. Dies gilt bej. ..oers für die Mast- kuren, die ohne Zweifel für blutarme Nervenschwache von großem Vorteil sind.
Die Erziehung des Appetits im Sinne ber Beseitigung bes Unlustgefühls gelingt oft schon durch passive Gewöhnung an das gebieterische „Müssen". Die Abneigung stumpft sich ab, man schätzt auch das Häßliche; wenn man es lernt, dem Lebertran Gleichgültigkeit zu bezeugen, weshalb sollte man da nicht bcm Griesbrei und Hafermus Reize abgeroinnen? Sehr viel tut bas „Mileu". Die seelischen Einbrücke, bie während des Zungen- und Gaumenkampfes auf unsere Stimmung einwirken, essen wir gleichsam mit.
$rau und Mode.
Was bringt bie Frühjahrsmode? Wenn man auch noch nicht an die Anschaffung denkt, so interessiert es doch zu reissen, wie die vorjährige Kleidung durch Aen- berung modisch gemacht werden kann und ob man wieder Mäntel ober mehr Jackenkleider sehen wird, zumal bie neuen Stoffe vom Weihnachtsfest ber Verarbeitung harren. Die soeben erschienene erste „Bazar"-Num- mer bes neuen Jahres bejaht bie Frage nach dem Kostüm; es erscheint mit ziemlich kurzer Jacke unb verhältnismäßig weitem Rock Der Uebergangsmantel hat herrenmäßigen Schnitt. Viele intereffante, neue Stoffe beleben bas Mobebilb des Frühjahrs. Neben praktischen unb kleibsamen Modellen für ben Wintersport bringt bie neue Nummer bes „Bazar" roieber besonders anmutige Abendkleider, einfache unb elegantere Tages-
auf einen Redaktionsposten geworben? Sie sind cor» gemerkt, nicht wahr? Zu deutsch: Man hat Sie auf ein totes Gleise geschoben. Das ist als» so gut wie nichts. — Und Ihre Bankanstellung? Sie sind abgebaut, wie Sie vorhin selbst erzählten. Was sind Sie also? Was wollen Sie werden? Alles ungewiß, wie Ihr Orakel, wie unsere ganze Zeit überhaupt! Nein, Herr Dr. Martens, das Omen war so trügerisch nicht."
„Ich strecke die Waffen," lachte Dr. Martens. „Pro- phezeiungen sind immer indiskret. Man sollte sie gar nicht erst herausfordern. Nur bie Bäckerstochter möchte ich berichtigen. Der Alte hat ein erstklassiges Cafe unb gibt sich wohl kaum mit Bretzelbacken ab.“ — „Schade," sagte Herr Neumann, „wir hätten sonst unseren Be- darf an Neujahrsbretzeln gleich bei Ihnen eindecken fön. nen! — Was aber Ihre Bleigießerei anbetrifft, so muß ich Ihnen recht geben, Herr Oberlehrer..." — „Sehen Sie, sehen Sie," griff dieser die Rede auf. „Was hatten Sie doch schon damals gegossen, Herr Neumann?" — „Einen Hund," lachte dieser, „einen bildschönen, gar nicht zu verkennenden Hund!" — „Na, unb? Haben Sie sich inzwischen einen angeschafft?" — „Unb roenn's nur ein kleiner Spitz wäre," flocht Dr. Martens ba- zwischen. — „Fehlgeschossen! Bleiben mir beim Symbolischen, Herr Behrens. Total auf den Hund gekommen bin ich in diesem einen Jahr, Verehrtester. Jawohl, auf den Hund gekommen .gesundheitlich, geschäftlich, also überhaupt! Das Jahr hatte es wirklich an sich!" -
„In dem Sinne will ich bie Siloesterorakel auch gelten lasten," stimmte bie Hausfrau ein. „Wissen Sie noch, wie man mir einen Aufstieg im Zeppelin-Luftschiff weissagte, weil bas Bleiding wie ein Z-Schiff aussah? Ausgerechnet mir, die bei einem Blick aus dem Fenster schwindelig wird! Ich Angsthase, und Zeppelinfahren! — Wir Hausfrauen erklärten das Ding denn auch alle kundigen Blickes für eine simple Knackwurst!" — „Ich glaubte, Sie hätten mir beistimmen wollen» gnädige Frau, wenn auch nur scherzhaft?" fragte der Oberlehrer. — „Das will ich auch," sagte sie, unb sah ihren Mann, den Regierungsrat Faßbender, schatt- haft an. „Das Ding war nämlich weder Zeppelin noch Wurst, sondern eine Zigarre! — Nun? Geht Ihnen
der Zusammenhang noch nicht auf? Ich muß also wohl regelrecht beichten. Ich habe mein Lebtag viele Ziga- retten geraucht und hätte immer so gerne mal eine Zigarre versucht. Aber Rudolf will es ja durchaus nicht leiden. Nun bekam er doch neulich während einer Dienstreise drei Kistchen Zigarren geliefert, und ich konnte nicht umhin, die „Feuerprobe" zu machen. — Erlösten Sie mir weitere Mitteilungen. Ich führe dies nur ins Feld, um die Orakettheorie unseres Freundes Behrens zu stützen. Ich hatte an ben bleiernen Zeppelin wahrhaftig nicht mehr gebucht, aber jetzt sehe ich, daß er doch in etwa seine Erfüllung gefunben hat!"
„Enblich eine Erklärung für die Lücke in der Zigarrenkiste, ohne daß man an entmaterialisierte Geisterhände zu denken braucht," schmunzelte der Regierungsrat. „Freilich, Elisabeth, ich hätte eher erwartet, daß unser zwölfjähriges Schreckenskind Erich der Missetäter gewesen wäre, als diesen unerlaubten Eingriff Deiner zarten Frauenhand zuzutrauen! Nun hoffen mir, daß Dir in Zukunft vor der Zigarre ebenso schwindelt, rote vor dem Zeppelin. Das wäre immerhin «in Profit bei ber Sache. — Doch, was unser Thema vom Bleigiehen angeht, meine Herrschaften, so bin ich zwar der „spiri- fus rector" dieser Haupt- unb Staatsaktion, muß aber gestehen, daß ich auf bie Erfüllung meines vorjährigen Orakels noch warte. Ich hatte ..." — „Sie hatten einen Schlüssel!" rief Fräulein Werner lachend. „Ich prophezeite Ihnen damals zumindest einen päpstlichen Orden für das kommende Jahr!" — „Ja, oder eine Kammerherrenstelle," ergänzte der Regierungsrat, „ich warte aber auf beides noch!" — „Das Jahr ist noch nicht zu Ende," sagte Fräulein Werner, „fassen Sie sich in Geduld, das Diplom kann noch eintreffen. — Inzwischen möchte ich Ihre Diskretion voraussetzend, ein- gestehen, daß auch mein Orakel in Erfüllung gegangen Ist; ich goß damals einen sehr schon gerundeten Ring.." — „So darf man gratulieren? — Sie haben sich verlobt? — Und so in aller Heimlichkeit?“ riefen die Gäste durcheinander. — „Das nun nicht gerade," entgegnete sie schelmisch unb mit gespielter Scham; „biskret genug ist aber die Angelegenheit doch. — Ich benutze, feit mich mein bleierner Schicksalsspruch auf diesen Gedanken gebracht hat, mit gutem Erfolg — Hühneraugen- ringe!" Alles lachte. Dann entsann man sich, daß
Nr. 301 vom 31. Dezember 1925.
Neider und auch Kostümvorlaaen für den Fasching. Reizende Wäschemodelle, Vorlagen für die so beliebte Strick- unb Häkelkleibung, Kindermoden und Handarbeiten für den Teetisch vervollständigen die neue Nummer. Der ebenso umfangreiche Unterhaltungsteil ist wieder sehr interessant illustriert.
Alle Postanstalten nehmen Bestellungen auf den „Bazar" entgegen und jede bessere Buchhandlung liefert ihn. ________
aus dem Srauenleben.
f. Auch ein Gedenktag. Auf einem öffentlicher Parkplatz in Glasgow wurde jüngst eine Eiche gepflanzt, bie aus Stahl ein Schilb mit folgender Inschrift tragt: Zur Erinnerung an den 30. April 1918, dem Tag, ar dem den Frauen die Wählbarkeit gewährt wurde. Die Pflege dieses Baumes haben sich die Frauenorganisatio- neu vorbehalten.
Vie Frau als Hausarzt.
f. Blafen- unb Nierenleiden werben durch das Trinken abgerahmter Milch gelindert und teilweise behoben. Durch bie Molken wirb bie Ausscheidung bes Harnes unterstützt und eine intensive Absonderung angeregt, roas bei den genannten Leiden von größter Wichtig- keit ist. _______
Vie Zrau als Erzieherin.
f.Die Einigkeit der Eltern hat in allen Erziehungsfragen eine ganz außerordentliche Bedeutung! Aber man darf bie Einigkeit auch nicht falsch ausfasien und falsch anroenben. Ist ber Vater streng, so braucht nicht auch bie Mutter» ebenso streng zu fein; sie mag ruhig bet Gelegenheit ihr Herz reben lassen und ihre Arme öffnen, um dem getadelten Kinde einen Unterschlupf zu bieten und einen Trost in seiner kleinen und doch so großen Bedrängnis. Oder sollte bas Kind niemand, gar niemand auf ber Welt hoben, wo es sich vor dem ge- rechten Zorne bes Vaters hmflüchien konnte? Aller- bings — und bas ist so schwierig — bars bie Mutter die gute Absicht auch reicher nicht zu weit führen, sie darf nie dem Vater unrecht geben, und so in dem Kinde bie Meinung Hervorrufen, es werde vom Vater unrecht behandelt, es habe bie Strafe nicht verdient, es brauche keine Reue zu empfinden. Nein, die Eltern müssen in allen Dingen beisammen stehen; straft ber Vater mit ber Tat, so möge die Mutter bie nötige Ergänzung und Belehrung geben unb bem Kinde begreiflich machen, wie weh es dem Vater tut, wenn er strafen muß.
Die $rau in der Mche.
f. Btanbckrcmr mit weihnachlsgebäck. Zutaten: 2 Eigelb, etwas Salz, 50—60 Gr. Puderzucker, 60 Gr. süße Mandeln, ’,4 Liter Schlagsahne, 6—8 Blatt weihe Gelatine. Die Eigelb rührt man mit bem Zucker schau- mig, fügt bie Prise Salz, die abgezogenen unb geriebenen Mandeln, bie geschlagene Sahne unb zuletzt bie aufgelöste Gelatine hinzu. Die Creme füllt man in eine Glasschüsiel unb stellt sie kalt. Weihnachlsgebäck ist eine passende Zugabe.
praktische Winke.
f. Schimmel aus Seilern beseitigt man mit unge- löschtem Kalk. Durch einen Blasebalg bläst man den feingeputoerten Kalk an Wände und in bie Ritzen. Sind bie Wände sehr trocken, so bespritze man sie vorher mit etwas Wasser. _______ _
Zrauenbücher.
In ber bekannten Sammlung: „Vobachs Handarbeitsbücher" erschien soeben zum Preise von Mark 1,50, Band 18: „Knüpfarbeiten" (Verlag W. Dobach u. Co., G. m. b. H., Leipzig). Die «. a. darin gezeigten Fransen können als allerlei Verzierung von Tischdecken, Kissen, Behängen usw. Verwendung finden. Auch mit der Hand geknüpfte Vorhänge, die eigenartig dekorativ wirken, werben in verschiedenen Formen gezeigt. Wer sich mit Knüpfarbeiten beschättigt, wird in dem praktischen Buche alles Gesuchte finden.
Welche Frau kennt nicht die entzückenden Brüsseler und Brabanter Spitzen? Viele fürchten die Schwierigkeit der Selbstanfertigung, aber zum „Klöppel n" gehört nur ein wenig Geduld unb vor allem eine gute Einführung in biefe Technik. Diese bietet der 20. Bd von Vobachs Hanbarbeitsbüchern (Verlag W. Vobach u. Co. G. m. b. H. in Leipzig, Preis 1,50 M). Er lehrt bie Anfertigung handgeklöppelter Spitzen, die eine vorzügliche Nachahmung der teuren ausländischen sind. Die beigegebenen gebrauchsfertigen Klöppelbriefe erleichtern vorteilhaft die Arbeit und geben vielseitigen Anregungen für einfache unb kompliziertere Ausführungen.
Oberlehrer Behrens bie Nutzanwendung feiner Rebe auf sich selbst vergessen hatte, und erinnerte ihn baran.
„Gewiß," sagte er, „ich werde mich meiner Beichte nicht entziehen, obschon die Geschichte für mich weniger lächerlich ist, als für Sie. — Ich goß damals ein Ding, das zuerst als Banane und saure Gurke angesprochen wurde, man einigte sich aber dann auf eine Fastnachts- nafe und machte sogar Versuche, sie mir aufzusetzen; Sie entsinnen sich? — Nun, ich habe vor einigen Tagen von höherer Stelle diese zu erwartende Nase erhalten, mit Eichenlaub und Schwertern, nebenbei be« merkt, ba ich in einigen Unterrichtsfragen anbercr Ansicht bin, als der Chef. Dieses Erlebnis veranlaßte mich, unser Gespräch in etwas elegischerem Tone zu eröffnen, als es seither fortgesetzt wurde. Ich freue mich aber, allerseits bie humoristische Auffassung vorherrschend zu finden, unb bin nur gespannt, wie in ben wenigen Minuten, bie uns vom alten Jahr noch bleiben, ber Schicksalsspruch unseres verehrten Gastgebers, bes Herrn Regierungsrats Faßbender, sich erfüllen retrb." —
„Darauf taffen Sie mich antworten," sagte Frau Elisabeth, inbem sie sich erhob unb sich an ihren Gatten wandte. — Höre also, Rudolf, der Du vorhin die Ge- wogenheit hattest, meine zarte Frauenhand zu oerspot- len, — und Sie, verehrte und liebe Gäste, nehmen Sie Ihre Gläser zur Hand, um im gegebenen Augenblicke mich antlingen zu können: Wieder ist ein Jahr verrauscht, in dem Du Dich im Allgemeinen als ein Mu- ster von Ehemann erwiesen hast, galant, gesellig, treu und friedliebend, vor allem aber unbedingt zuverlässig unb solid. So fei Dir denn, ehe die erste Stunde des neuen Jahres schlägt, in Erfüllung Deines Orakelspruchs und in Anerkennung dieser Deiner Verdienste wie auch in Erwartung fernerer Bewährung, — Widerruf Vorbehalten! — ein eigener Hausschlüssel oerlteil en, den ich Dir hiermit feierlich überreiche!" —
In das allgemeine Halloh und Gläserklirren mischte sich ber Schlag ber Uhr, — Schüsse unb Jubelrufe schallten von ber Straße herein, unb Martens stieß mit bem Oberlehrer an unb sagte: „Na, Paukerchen, zusrieden- gestellt? Auch die letzte Vorhersage ist eingetroffen! Und nun, denke ich, befragen wir bas Schicksal, was es für bas neue Jahr uns vorbehalten hat!"