Einzelbild herunterladen
 

Anzeiger für die Stabt und den kreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.

Mittwoch. 23. Dezember 1925. I

52. Zahrg.

Nr. 296

MonaMcker BervaSvreiü: 1.50 Mk.

Probleme der Abrüstung

* Der Kampf um den Alkohol in den Vereinig- ken Staaten. Anläßlich einer Rede des Republi­kaners Edae im Senat, in der er gegen das Alkohol- geseß scharfe Angriffe richtete und die Herstellung von B i e r mit einem Alkoholgehalt von 2,75 Proz. befürwortete, wandten sich verschiedene Kongreß­mitglieder im Repräsentantenhaus mit scharfen Worten gegen die „Antialkoholfanatiker". Die wei­testgehende Vorlage zur Aenderuna des Antialko- holgeseßes ist die des Kongreßmitgliedes Berger, der sich für vierprozentiges Bier und zwölfprozen­tigen Wein einfeßt. Obwohl man der Ansicht ist, daß das Gesetz kaum noch während des jetzigen Taaungsabschnittes des Kongresses abgeandert werden dürfte, hegen die Anhänger des strikten Alkoholverbotes doch die Befürchtung einer starken Zunahme der gemäßigten Sllkoholgegner bei den nächsten Kongreßwahlen. Der Präsident der Columbia-Universität erklärt, der Versuch, ein cll- gemeines Alkoholverbot durch Aenderung der Bun­desverfassung herbeizuführen, habe sich als kolossa­ler Fehlschlag erwiesen. Das Prohibitionsgesetz sei angesichts seiner schädlichen Folgen die unmora­lische Maßnahme der Regierung gewesen.

* Der Kaiser von Japan erkrankt. „Daily Telegraph" meldet aus Tokio: Einem offiziellen Bulletin zufolge hat der Kaiser, der am Samstag einen Ohnmachtsanfall erlitt, eine ruhige Nacht verbracht.

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbellageu: illustrierte Bei­lage" und .BuLenblLtter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer S ctiendrvckerei in Fulda. Fernsvrecher Rr. 9.

Aneeigen-Bretse Kleirueile (Colonel) lokal 0,15 Goldmark aurwSrtS 0,20 Goldmark: Reklameseile lokal 0.60 Goldmark auswärts 030 Goldmark. a

Bei Mederbolunaen Rabatt- Postscheckkonto'Frankfurt a. M. 4051.

empfehlen. _______________

von den Kriegsschauplätzen.

Marokko.

In einer Havasmeldung aus Rabat wird das Ergebnis der letzten Operationen an der oberen Querghafront als sehr bedeutungsvoll hinge­stellt. Gegenwärtig hätten die Marnissa, sowie zwei Teilstämme der Senhadjas und der größere Teil der Beni Uleb sich unterworfen. Es seien im ganzen 6000 Familien, von denen ein großer Teil früher überhaupt nicht der Autorität des Maghzen unter­standen habe-

Der Temps veröffentlicht folgende Mitteilung: Da die Regierung den englischen Hauptmann Gordon Gunnings nicht als durch Abs el Krim beauftragt ansehe, werde der Abgesandte des Rifführers nicht offiziell von autorisierten Persönlichkeiten gehört werden. Das Journal des Debats will im Gegen- teil erfahren haben, daß die beteiligten Dienststellen im Ministerium für auswärtige Angelegenheiten wahrscheinlich Gordon Gunnings nicht empfangen werden.

Syrien.

Wie die .Times" aus Beirut meldet, zeigten die Aufständischen in der Gegend von Damaskus und Hasbaja erneute Tätigkeit. Jouvenel hat den Rück­tritt des Gouverneurs des Skaates Syrien, Subhy Bei Barocat, der ein Türke ist, angenommen.

Der Oberkomwissar hat vorgeschlagen, daß im Januar in den Bezirken Syriens, in denen der Be­lagerungszustand nicht besteht, sowie bei den Alauiten Wahlen stattfinden

China.

Reuter meldet: Tientsin ist vollständig vor den telegraphischen Verbindungen abgeschnitten.

Aus Tokio wird gemeldet: Vom Stellvertreetr des Außenministers wurde dem Vertreter Reuters mitgeteilt, daß die japanischen Truppen zwar be­auftragt sind, die Eisenbahnzons gegen die kämpfen­den Heere zu schützen, daß aber trotzdem der chine­sische Gouverneur von Mukden die volle Verfü­gungsgewalt in den Verwaltungsangelegenheiten I der Stadt und Provinz behalten hat.

England.

Vertrauensvotum für Valdwin.

Das englische Unterhaus hat die von Baldwin elngebrachte Resolution, in der die Politik der Re­gierung in der Jrakfrage gebilligt wird, mit 239 gegen 4 Stimmen angenommen.

Die Arbeiterpartei hatte zum Zeichen des Protestes gegen die Irak-PoMk die Sitzung verlassen. D'e Liberalen bliebcn.

Die englische Regierung und Moskau.

In Erwiderung auf eine Anfrage im Unterhaus erklärte Baldwin, die Regierung teile grundsätzlich die Auffassung Churchills, die er am 11. Dezember in einer Rede in Battersea aussprach, wobei er auf die bekannte Tätigkeit der 3. Interna­tionale hinwies. Baldwin sagte, es ist unsere Hoffnung, daß die Sowjetregierung sich schließlich von der 3. Internationalen trennen und dadurch eine ständische Verbesserung in den Beziehungen der beiden Länder ermöglichen wird.

Baldwin wurde gefragt, ob er denn einen Un­terschied zwischen der 3. Internationalen und der russischen Regierung mache und antwortete, hier liege gerade zurzeit die Schwierigkeit. „ In Erwi­derung auf eine weitere Anfrage erklärte er. im Augenblick halte die Regierung die Einsetzung eines Ausschusses zur Untersuchung der englisch-russischen Wirtschaftsbeziehungen für zwecklos, da die Sowjetregierung nichts darüber verlauten lasse, ob und wieweit sie bereit sei, die britischen An­sprüche zu erfüllen. Es wurde darauf hingewiesen, daß die belgische Regierung einen derartigen Unter- suchungsausschuß eingesetzt hat. Der Premiermini­ster erwiderte: Wenn sich das so verhält, so ist das vielleicht ein Anfang besserer Beziehungen.

Montagne Korman in Amerika.

Der Gouverneur der Bank von England, Mon- taaue Norman, der zusammen mit dem General­agenten für trie Reparationszahlungen. Parker Gilbert, in New Yor" eintras, erklärte, seine Reise nach Amerika bezwecke nur einen privaten Besuch bei dem Gouvernei" der Federal Reserve Bc-nk, Strong. ‘ Daß er nf.t Parker Gilbert auf demselben Dampfer gereist sei, sei em reiner Zu- ft.ll. __________________

♦ Das faszistische Italien. In einer Versammlung in Palermo erklärte der Generalsekretär der faschistischen Partei, Farinacci, die Aufnahme in- die faschistische Barter, sei kür ISWaiiverrt. Die

Nachdem die Sicherheits- und Reparationsfrage gelöst ist, Deutschland seinen Friedenswillen erneut gezeigt hat und das Vertrauen der Staaten zuein­ander wiederzukehren beginnt, tritt die Abrüstungs- frage in ein neues Stadium. Denn die Gegen- grüNde, nämlich Deutschlands Rachegedanken und die mangelnde internationale Sicherheit entbehren nunmehr jeder tatsächlichen Unterlage. Allgemein­gut ist diese Erkenntnis zwar noch nicht geworden: troßdem selbst der französische Ministerpräsident in seiner programmatischen Kammerrede anerkannte, daß die Politik der internationalen Abkommen, die Frankreich alle wünschenswerten Sicherheitsgaran­tien bieten, eine allgemeine Rüstungsverminderung gestatte, gibt es in Frankreich und England noch Stimmen, denen das Vertragswert von Locarno nicht genügt. Sie wollen die Abrüstung von einer vorherigen Befriedung und Sicherung des östli­chen Europas abhängig gemacht wissen. Mö­gen diese Stimmen auch noch so charakteristisch sein für die Mentalität gewisser Kreise, für die der Mili­tarismus geheiligte Traditon bedeutet oder Brot­herr ist, das eigentliche Problem der Abrüstung kennzeichnen sie nicht. Nicht mehr o b abgerüstet werden soll, sondern wie und in welchem Um­fange sind die Fragen, zu deren Lösung jetzt in Genf beigetragen werden sollte. Ehedem, im Haag, lag die Frage wesentlich einfacher; es ging nur um den Stillstand der Rüstungen und den späteren zahlenmäßigen Abbau der Friendesstärke. Aber schon Artikel 8 der Völkerbundssatzung hat von diesen Gedanken insofern Abstand genommen, als er nicht mehr den gleichmäßigen und nur zahlenmäßigen Abbau der stehenden Heere ver­langt; die Abrüstung wird in weiterem Umfange, nicht nur etwa als eine Verminderung des Heeres von 800 000 auf 100 000 Mann verstanden; und sie soll weiterhin der geographischen Lage und den besonderen Umständen eines jeden Staates ange­paßt sein. Ferner darf sie nicht die nationale Sicherheit und die Völkerbundsexekusion in Frage stellen. Vier Faktoren sollen also den Umfang der Abrüstung bestimmen. Hiermit ist eigentlich gar nichts erreicht, denn Polen könnte mit seiner geogra- phischen Lage und seiner nationalen Sicherheit auf Rußland eher eine Heeresvermehrung als eine Verminderung begründen. Und erst recht erschwert die Verbindung der Abrüstung mit der Völkerbundsexekution die Lösung; einmal ist die Völkerbundsexekution selbst noch nicht gelöst und zum anderen käme man zu der tatsächlich schon gezogenen Folgerung, daß die Rüstung keines Staates größer sein darf, als die Exekutionsmacht des Völkerbundes. Das wäre eine Rechnung mit zwei Unbekannten, die nicht immer gelöst werden kann. Maßstab einer allgemeinen Abrüstung kann nur die schon erfolgte Abrüstung Deutschlands und der übrigen zwangsweise entwaffneten Staaten sein. Das internationale Vertrauen und die wie­derkehrende Gleichberechtigung des Staates ver­trägt kein verschiedenes Maß der Rüstungsvermin­derung.

Der U m f a n g der Abrüstung ist nicht minder problematisch. Die Tatsache, daß mit der zahlen­mäßigen Stärke des Friedensheeres allein die Wehrmacht eines Staates noch nicht erfaßt ist, lehrt der Krieg; die Rekrutierung, der Geist und die soldatische Befähigung eines Volkes, ja sogar d:e Volksgesundheit sprechen mit. Was nützt die Ver­minderung der Kopfstärke des stehenden Heeres, wenn dieses zum Unteroffizierkorps eines mili­tärisch vorgebildeten Volkes wird! Bestimmungen über die Rekrutierung, die Ausgaben und Dolks- wehren sind ebenso notwendig wie die über Dienst­zeit und Kopfstärke. Hinzu kommt die Material­stage, deren Bedeutung auch der Krieg offenbarte. Eine gute Industrie kann auch ein entwaffnetes Volk zu einem „Volk in Waffen" machen. Nicht nur die Armee, auch die Industrie muß abgerustet werden. Dies bedeutet, daß ein großer Industrie­zweig der ganzen Welt umgestellt werden müßte. Em solcher Griff erscheint ungeheuerlich und man kann an seine Verwirklichung nur bei dem Gedan­ken glauben, daß Deuffchland diese Umstellung auch leisten konnte.

Auf die Einladung zur Teilnahme an den Ar­beiten des vorbereitenden Ausschusses für die Ab­rüstungskonferenz sind beim Völkerbundssekretariai noch keine Antworten eingegangen. Zu den Mel­dungen, daß Rußland sich weigern werde, Vertreter in die Kommission zu entsenden, die in der Schweiz zusammentreten soll, wird nach einer Meldung der Schweizerischen Depeschenagentur daran erinnert, daß das Generalsekretariat des Völkerbundes, wo -der Ausschuß arbeiten wird, exterritorial ist, und daß der Völkerbund in keiner Weise für den Ab­bruch der Beziehungen zwischen Sowjetrußland und der Schweiz verantwortlich gemacht werden kann. Die Teilnahme der russischen Vertreter wird als höchst wünschenswert betrachtet. Es scheint nicht, daß der Ausschuß, dessen Arbeiten zwei bis drei Monate dauern sollen, außerhalb Genfs zusammen­treten kann. h

Das weiße fjaus und die Abrüstung.

Aus Washington wird gemeldet: Wie „Associated Preß" meldet, ist man hier in amtlichen Kreisen dafür, entweder einen offiziellen amerikanischen Vertreter zu den Ver­handlungen zur Vorbereitung der Abrüstungskon­ferenz zu entsenden, oder überhaupt den Vorbe­sprechungen fernzubleiben. Auf keinen Fall wird man, dies wurde amtlich mitgeteilt, die Lö­sung in der Entsendung eines unoffiziellen Beobachters suchen. Wenn zu den Vorbespre­chungen ein amerikanischer Bevollmächtigter ent­sandt wird, so wird man wahrscheinlich nicht erst die formelle Billigung des Kongresses einholen. Dagegen würde die Regierung eine solche Autori­sation beim Kongreß nachsuchen, wenn sie sich zur Teilnahme an der eigentlichen Konferenz ent­schließe.

Die französische MaiOrise.

Der Renten-Franken.

Die sozialistische Kammerfraktion hat in der Kammer eine Entscheidung vorgeschlagen und beren Durchberatung als dringlich gefordert, die zum Ziele hat, die Regierung möge das Anerbieten der Industriellen des Norddepartements zur Stabilisierung der französischen Währung zu einer solidarischen Aktion der ganzen Nation machen. Es wird auf die nach Bekanntgabe bei Vorschlages der Industriellen erfolgte Erholung desFrankenkurses hingewiesen. Die Sozialistische Partei erklärt, daß Produzenten, deren politische Ansichten weit von betten der Sozialisten entfernt seien, sich der sozialistischen Auffassung angeschlossen hätten. Die sozialistische Kammerfraktion schlagt dann, unter Berufung auf diesen Vorschlag der In­dustriellen, vor, die Kammer möge die Regierung auffordern, möglichst rasch und dankbar jedes der­artige Anerbieten anzunehmen und sich tm Interesse des öffentlichen Wohls von ihm beeinflussen lassen, indem sie gesetzlich dieselbe Tat weitsichtiger Klugheit von den anderen vermögenden Kreisen ver­langt und zwar unter Kontrolle einer autonomen Amortisierungskaffe, bei der, um jeden Verdacht einer Mißwirtschaft zu vermeiden, die Hauptfach- lichsten Organisationen der Produzenten, der Str- Beiter und der französischen Sparer vertreten sein sollen.

Unstimmigkeit im Kabinett BriandS.

Das „Echo de Paris" will wissen, daß innerhalb des Ministeriums Briands sich ein lebhafter Widerspuch gegen die Finanzplane Don- mers geltend mache. Die drei radikalen Minister Chautemps, Daladier und Durafor sollen sogar ihren Rücktritt angeboten haben für bett Fall, daß eine Verdoppelung der Wirtschaftszolle vox- geschlageu werden sollte. Nun werde über em | Kompromiß verhandelt.

Deutfch.französische Wirtschaftsverhandlnngen.

Wie das W. T. B. zu dem gegenwärtigen Stande der deutsch-französischen Handelsvertrags- Verhandlungen erfährt, haben die Delegationen in Paris sich bei ihren Besprechungen lediglich über den Rahmen verständigt, in dem die Verhand­lungen, die am 12. Januar 1926 beginnen wer­den, geführt werden sollen. Der Erfolg der jetzt getroffenen Verhandlungen liegt darin, daß Frank­reich entsprechend den Zollbindungen, die wir Frankreich gegenüber eingehen, auch eine Bindung I dse Zollniveaus für Waren eingehen wird, die in I einer besonderen Liste ausgeführt werden. Weiter hat man sich dahin verständigt, daß Frankreich an- I stelle der Zwischentarife innerhalb eines Zeitraumes I vor. 14 Monaten nach Abschluß des Vertrages den Minimaltarif in Kraft gesetzt wird. Unsererseits I wurde zugesagt, daß nach Einführung des französi­schen Minimaltarifes de jure Meistbegünstigung ge- geben wird, lieber die Kündigungsmöglichkeiten I des Zolltarfes ist vereinbart worden, daß die Kün- I digung des Zolltarifes nicht die anderen Vereinba- I runge'n berühren brauche. Immer wieder wurde I bei 'den Verhandlungen betont, daß ein volles I Gleichgewicht der Konzessionen bestehen müßte. I Beide Delegationen erklärten sich bereit, den pri- I Daten Wsttschaftsgruppen Verhandlungen anzu-

Zahl der Mitolieder dürfe nicht mehr als eine Million betragen. Die Partei müsse weiter auf revolutionärem Boden verharren. — Die Epoea stellte ihr Erscheinen ein. In Italien gibt es keine unabhängige Presse mehr.

* Verurteilung eines französischen Gewerkschafts­führers. Der Gewerkschaftsführer Monmottsseau ist von der Strafkammer in Paris in Abwesenheit zu 8 Monaten Gefängnis und 1000 Francs Geldstrafe verurteilt worden, weil er in einem am 9. 10. in der Zeitung La Vie Quvriere erschienenen Artikel Militärpersonen zum Ungehorsam aufgefordert hatte. ■

aus dem besetzten Gebiet.

Mit der Räumung der Kölner Zone von den alliierten Truppen werden laut „Kasseler Tageblatt" auf Verfügung des preußischen Innenministeriums acht Hundertschaften der preußischen Schutzpolizei im Rheinland stationiert werden. So wird auch die zweite Hundertschaft der Kasseler Schutzpolizei unter Führung von drei Offizieren nach Köln der- legt werden. Der Leiter der Kasseler Schutzpolizei wird am 1. Januar nach Recklinghausen versetzt, um die Leitung der dortigen Schutzpolizei zu über- nehmen.

Nach der Liberte wird das Spahtsregtment, das in Trier in Garnison lag, nach Frankreich zurückkehren und wieder in seiner alten Garnison untergebracht, ebenso der Stab der 1. Spahtsbrtgade.

* Der Stand der preußischen Staatssinanzen. In der Zeit vom 1. April bis zum 30. November 1925 betrugen, wie der Amtliche Preußische Presse­dienst meldet, die gesamten E i n n a hm en des preußischen Staates 1590,6 Millionen, die A u s - gaben 1684,4 Millionen. Der Stand der schwe­benden Schuld betrug Ende November 106 Mtllw-

_ _ 9 a gimetnnmmet io BW. (mit gnnmt. Beitage 15 pfg i

FuldarrZetttmg

Der 8«ll Schillings.

Von besonderer politischer Seite wird uns ge- 1 schrieben:

Wir würden uns in einer so schwierigen Wirt- I schaftslage wie der gegenwärtigen mit diesem Fall I überhaupt nicht mehr beschäftigen, wenn nicht hier I einzelne grundsätzliche Fragen aufgeroor= I fen wären, die insbesondere leider erst nachträglich I geklärt werden können. Die Haltung der Zentrums- I frattion des Preußischen Landtages, die die Maß- I nahmen des Ministers billigte, wie auch der Land- I tag selbst, der dem Minister mit erdrückender Mehr- I he'it sein Vertrauen bekundete, diese Tatsachen dürf- I ten ja an sich genügen. Umsomehr muß im Zen- I trumslager jetzt nach dem Rechten gesehen werden, I soweit es sich um die Behandlung kulturpolitischer I Fragen dreht.

Vielfach war in unserer Presse der Fall Schil- I lings lediglich nach den Mitteilungen der kultur- I politisch auf einem ganz entgegengesetzten Boden I stehenden Berliner Telegraphen-Agenturen darge- I stellt. (Die Fuldaer Zeitung hat nur über den Tat- I bestand referiert, um der Stellunanahme der Frak- I tion nicht vorzugreifen.) Diese Quellen sind aber I für die Beurteilung von Kunstfragen für uns ab- 1 so lut unzureichend. Es kam noch hinzu, daß mit I der einseitigen Parteinahme für Schil- I lings neben den Vertretern einer bestimmten | kulturpolitischen Richtung, die wir nicht anerken- I nen können, auch noch die Tendenz ging, den Fall I politisch auszuschlachten. Hier hat sich wieder ein- I mal der alte Liberalismus in Kunst und I Politik bestätigt. Diese von Berlin stammenden I Pressenotizen waren dazu angetan, insbesondere I auch int Sinne der Rechtsparteien zu wirken, die I es darauf angelegt hatten, den Kultusminister Becker zu Fall zu bringen, weil er ihnen vor einigen Wochen nachgewiesen hatte, daß viel zu I wenig Katholiken im Kultusministerium als höhere Beamte angefteltt seien.

Man muß auch weiter sich klar darüber fein, daß gerade in der publizistischen Behandlung der Fall Schillings durch die liberale Presse ein Schlag gegen die külturvolitischen Bestrebungen unserer christlichen Theaterbewegung geführt werden sollte. Wir werden also in Zukunft Mittei­lungen aus solcher Quelle und solchen Fragen ge­genüber uns mit äußerster Vorsicht zu wappnen haben. __

Würden wir ein kulturpolitisch geschulteres Pub­likum gehabt haben, so würde die Kritik den libera- | len Schlagworten gegenüber naturgemäß eine we­sentlich zurückhaltendere gewesen sein. Aber der Fall Schillings ist und bleibt ein Schulbeispiel dafür, daß in all solchen Fällen kluge Zurück­haltung, wenigstens so lange die Fraktion nicht gesvrochen bat, eine dringende Notwendig- feit ist. Die kulturpolitische Stellung des kathol. Volksteiles ist so eigenartig, daß man, ohne in die Irre zu gehen, von vornherein den Grundsah auf­stellen kann, in jedem kulturpolitischen „Fall" ha­ben wir Katholiken eine Einstellung, die sich über­haupt mit der keiner einzigen anderen Frak­tion im wesentlichen decken kann. Daraus ergeben sich die Folgerungen der Behandlung von selbst. Wir werden in Zukunft in solchen Fällen erst die volle Klärung abwarten müssen.

Wir sehen uns leider genötigt, bei Besprechung dieser Angelegenheit aber noch auf einen anderen Vorgang zurückzukommen und zwar auf die Stimmabgabe im Plenum des Land­tages gegenüber den volksvarteilichen und deutschnationalen Anträgen. Bei dieser Abstim­mung am 14. Dezember 1925 trennten sich abermals die Abgeordneten Baumann, Land­wirt aus Frechen bei Köln, von P a p e n, Guts- vachter aus Dülmen, Loenartz, Landrat aus Bittburg (Eifel), von der übrigen Fraktion und stimmtenmitdenRechtsparteien. Man wird vielleicht den Einwand erheben, es habe sich doch um eine nebensächliche Frage gehandelt und darum sei die Stimmabgabe für den einzelnen Ab­geordneten frei gewesen. Demgegenüber kann man mit viel größerem Rechte sich auf den Stand- vunkt stellen: Gerade weil es sich um eine unpoliti­sche, vielmehr um eine, wie oben dargetan, für uns Katholiken sehr wesentliche und bedeutsame tut- turpolitische Frage handelte, darum wirkt die Tatsache, daß diese Abgeordneten in einer nament­lichen Abstimmung wiederum gegen die Fraktion und mit den Rechtsparteien stimmten, umso peinlicher. Bon den Rechtsparteien werden sie für ihr Verhalten natürlich gelobt, und sie er­halten die Anerkennung, daß im Zentrum roemg- stens drei Abgeordnete gewesen seien, tue im Geaensak zur übrigen Fraktion sich durch wirk­liches Kunstverständnis ausgezeichnet hatten.

nen Mark. „ , _.

* Vom kfchecho-flowükijchen Parlament. Die gesamte deutsche, slowakische und kommunrstiscye Opposition in Stärke von 140 Mann hat un Abgeordnetenhaus einen Anklageantrag gegen den Ministerpräsidenten und den ehemaligen Eisenbahnminister wegen der beim Abbauverfahren vorgekommenen Gesetzwidrigkeiten überreicht . Der Antrag richtet.sich nicht nur gegen die an den deutschen Beamten, sondern auch an mißliebigen tschechischen Beamten begangenen Un­gerechtigkeiten. Im Abgeordnetenhaus kam es bet Verlesung des Antrages zu S t u r m s z e n e n. Das Regierungsprogramm wurde mit 159 gegen 117 Stimmen bei Abschluß der Debatte zur Kennt­nis acnommen-