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Anzeiger für die Sfabf und den kreis Fulda.

Nr. 286.

Erscheint sechrmal wöchentlich. Wochenbeilagen: .Illustrierte Bei­lage' und .Buchenblättcr'", Rotationsdruck und Verlag der Nulbacr 9cticr.iiutfaei in Nulda. Serntfcreiter Nr- 9.

Monatlicher BernasSreiS: 1.50 M!.

Zreitag, 11. Dezember 1925.

Amtliches kreisblatt.

Aaz eigen-Preise Kleinreils (Cotone!) lokal 0.15 Äoldmart auswörts 0.S0 Goldnrark: Re kl a si er eile lokal 0.60 Goldmark auSwärt? 0.30 Gold mar'.:

Bei "yiedsröolungen Rabatt. Postscheckkonto 9lrankinrt a. ®. 4051.

52. Zahrg.

vor der Sernfuirg Luthers.

Auf Einladung des Abg. Koch-Weser (Dm.) und Fehrenbach (Zentrum) traten am Mitt­woch im Reichstagsgebäuds die Vertreter der für die große Koalition in Betracht kommenden Par­teien zu einer ersten Sitzung zusammen. Nutzer den Eingeladenen nahmen an der Sitzung teil die Abgeordneten Marx (Zentrum), Dr. Scholz (D V.), Müller-Franken (Soz.), Leicht (Bayr. Volksp.) und Drewitz (Wirtsch. Vgtt. Wie das WTB. hört, unter­hielt man sich nach einleitenden Ausführungen der Abgg. Koch-Weser und Fehrenbach über die Fra- gen,'die die große Koalition ermöglichen oder ihr entgegenstehen. Die Fraktionen sollen sich selbst mit der Frage beschäftigen.

Nach der Plenarsitzung des Reichstages am Mittwoch traten die Fraktionen der Sozialdemo­kraten, des Zentrums, der Deutschnationalen, der Demokraten und der Bäuerischen Volkspartei zu Sitzungen zusammen.

In der Sitzung der Zentrumsfraktion berichteten die Abgg. Marx und Fehrenbach über bie Sitzung des interfraktionellen Ausschusses, der sich mit der Frage der Möglichkeit der großen Koa­lition beschäftigt hatte. Die Fraktion nahm die Berichte entgegen, ohne aber einen Beschluß zu fassen. Der Abg. Esser gab dann einen aus-' führlichen Bericht des sozialistischen Ausschusses gur Erwerbslosenfrage. Der Ausschuß wird in sei­ner Sitzung am Donnerstag die Entscheidung über die vorliegenden Anträge auf Erhöhung der Erwerbslosenfürsorge treffen.

Auch die Reichstagsfraktioncn der Demokralen und der Deutschnationalen behandelten die Er­werbslosenfrage, die nach ihrer Erledigung im so­zialpolitischen Ausschuß möglichst bald in einer Vollsitzung des Reichstages besprochen werden wird.'

In der Fraktionssitzung der Bayerischen Volks Partei erstattete der Vorsitzende. Abg. Leicht Bericht über die interfraktionellen Bespre­chungen. Die Fraktion erörterte eingehend die mit der Regierungsbildung zusammenhängenden Fra­gen, verhielt sich ober zunächst abwartend, um erst die Beschlüsse der übrigen beteiligten Fraktionen kennen zu lernen. Sie wird die Voraussetzungen, die sich für die Bayerische Bolkspartei ergeben, bei den weiteren entscheidenden interfraktionellen Be­sprechungen geltend machen.

Nachdem am Mittwoch in der Sitzung der so­zialdemokratischen Reichstagsfraktion eine Entschei­dung über die Haltung der Sozialdemokratie zur Frage der Bildung der großen Koali­tion n i ch t gefallen ist, halten es die Blätter nun­mehr für das Gegebene, daß der Reichspräsident nach Empfang der erbetenen schriftlichen Mitteilun­gen der einzelnen Fraktionen eine Persönlichkeit und zwar aller Voraussicht nach Dr. Luther mit der Regierungsbildung beauftragt. Der Beauftragte würde bann die Möglichkeit haben, durch Verhandlungen mit den Vertretern der Fraktionen die Lage zu klären.

Wie dasBerl. Tageblatt" mitteilt, hat der Vorsitzende der Demokratischen Reichstagsfraktion Koch bei der Unterrichtung des Reichspräsidenten über die interfraktionelle Besprechung die Notwen­digkeit der Betrauung einer Persönlichkeit mit der Regierungsbildung betont, die die interfraktionel­len Verhandlungen fruchtbringend weiterführen könnte.

DieVoss. Ztg." betont die Entschlossenheit des Zentrums und der Demokraten, sich an keiner Kombination zu beteiligen und.in keine Regierung einzutreten, die sich nicht auf eine Mehr­heit im Reichstage stutzen kann. Ein Min­derheitskabinett der Mitte hält daher das Blatt für ausgeschlossen.

Die Reichstagsfraktion der D e u t f ch e n V o l ks- partei trat Donnerstag aum 11 Uhr zu einer Fraktionssitzung zusammen. Reichsaußenminister Dr. ©trcfemann wohnte d"n Verhandlungen bei. Nach einem Berichte des Jor'itz-nden Scholz billigte die Rsichstagsfrakiion die von ihren Berhandlungsführern dem Reichspräsi­denten gegenüber eingenommene StelluiAz.

Kus dem besetzten Gebiet.

Ter belgische Ortskommandant in Düsseldorf «nc> Oberkassel teilte dem Beigeordneten Knapp mit, b.ao EM Teil der belgischen Truppen am 15. 12. den linksrheinischen Stadtteil verlassen werde. Wann der dort noch verbleibende Teil der Besatzung ab- rucken wird, steht noch nickt fest. Tie Besatzung glaubt, daß dies bis Mitte Januar 1926 der Fall sein wird.

Entgegen den Meldungen, daß Sinfta, Neuen- ahr und Ahrweiler stark mit französischem Militär belegt wurden, ging bei den Behörden eine amtliche Mitteilung ein, daß die Ahr von der Besatzung frei bleibt. _____________

* Ter Ankauf von Grundstücken durch den Reichs­tag, der in den letzten Reichstagssihungen beschlossen worden ist, scheint in weiten Kreisen mißverstanden worden zu sein. Es Handels sich lediglich darum, daß ein dem Reichstag gegenüberliegendes, jetzt von der japanischen Botschaft bewohntes Gebäude für 1420 000 Mark für das Reich gesichert wurde. Dieses Gebäude steht in Gefahr, exterritorial, also unserem Verfügungsrecht entwunden zu werden. Es ist auch nicht daran gedacht, jetzt etwa mit Bauten und dergleichen zu beginnen, sondern das Grundstück soll später, wenn in einer günstigeren Zeit die aller­dings dringlich notwendige Erweiterung des Reichs­tagsgebäudes Frage kommt, nutzbar gemacht tverder

Zur ÜhfluöMg der hshenMern.

Der Generalbevollmächtigte des vormals regie­renden preußischen Königshauses, Geh. Rat Dr. v. Berg, betont in einer Erklärung über den Ver­gleich zwisäien dem preußischen Staat und dem Hohcnzollernhause, daß sich das Königshaus in trer:= gehendem Maße bereit gezeigt habe, der finanziellen Lage mit) den kulturellen Interessen des Staates sowie der allgemeinen Wirtschastsuot Rechnung zu tragen. Es habe auf einen Wert von 70 bis 80 Millionen Mark verzichtet. In Anbetracht der gro­ßen Verarmung des Staates fei auf die Sronrcnte verzichtet worden. Die Vermögenswerte des Königs­hauses kämen 49 Köpfen zugute, nicht einer einzel­nen Person. Durch Entwertung und Kriegssolgen seien den Hohenzollern rund 100 Millionen Gold- mark verloren gegangen. Aufgrund des Vergleiches würde das gesamte Königshaus jährliche Einkünfte von zwei Millionen Mark haben. Nach den omtlichen Schätzungen erhalte der Staat aufgrund des Vergleiches einen Vermögenswert von insgesamt 873 Millionen, während dem Hohenzm- lcrnhause Vermögenswerte von insgesamt 100 Mil­lionen zufielen, also ein Sechstel ober 17 Prozent der gesamten Vermögenssubstanz.

Die Darlegungen des Herrn v. Berg über das arbeitslos erworbene 2 MMonenJahreseinkommen des Königshauses werden auf die deutschen Klein- und Sozialrentner nicht so überzeugend wir­ken, als er es sich wohl denkt.

Die tage Gefterreichs.

Der oesterreichische A'ußenmin ist er Mataja gab der Presse einen geschichtlichen Rückblick über die wir t s chaf tl ich eund sin anziell ? Aufwärts» entwicklung Oesterreichs fest Abschluß des Genfer Protokolls vom 4. 10. 1922, wo er betonte, daß in finanzieller Hinsicht die endgültige Stabili­sierung und Sicherheit vollkommen erreicht sei.

Dagegen bestünden im gegenwärtigen Augen­blick Gefahren. und Schwierigkeiten wirtschaft­licher Statur, da der ocsterreichischen Industrie die früheren Absatzgebiete in den Nachfolgestaaten fehlen. Wurden in dieser Beziehung Aenderungen borgenommen, so werde rasch die oesterreichische In­dustrie wieder konkurrenzfähig (ein. Er baffe, daß die entsprechende Aufforderung, die der Rat an die Nachfolgestaaten Oesterreichs gerichtet habe, von diesen gehört werden mußte. Aufgrund der jetzigen Abmachungen sei Oesterreich auf dem besten Wege, seine budgetäre und finanzielle Souveränität, zurückzuverlangen.

* Tie Faschisten in Tentschland. (Eig. Runds. Meldg.) Wie die faschistischen Blätter in Rom be­richten, empfing Mussolini den Delegierten der italienischen Faschisten in Deutschland Major Ronzctti, in Audienz, der Bericht über die Lage der gesamten italienischen Kolonien in Deutsch­land erstattete. Ter italienische Faschismus in Deutschland habe die Absicht, in Berlin eilt sogenanntes italienisches Haus zu gründen, das den kulturellen und wirtschaftlichen Mittelpunkt sämtlicher Teilnehmer in Deutschland bilden soll.

* Sparpläne im englischen Flugzeugbau. Der Ausschuß unter dem Vorsitz von Lord Birkenhead bar über die Möglickkett von Ersparnissen bet der Luftflotte beraten. Er schläft bie Verschiebung der endgültigen Durchführung des Bauprogramms für die Verieidigung Großbritanniens auf die Jahre 193035 vor. Der jährliche Zuwachs der Luf flotte würde demnach nur drei Geschwader statt fünf ober sechs betragen.

* Einberufung der Portugiesischen fiammer. Havasberichtet onsLis sabo u, dieNationalisten seien wegen Meinungsverschiedenheiten, die sich wäh­rend der Prüfung der Mandate ergeben hätten, aus den Kommissionen ausgetreten und hätten das Abkommen mit der demokratischen Partei für bie Präsidentschaftswahl gebrochen. Tie Kammer sei dringend etnbentfen worden.

*" Die Wirren in (£litte. Aus Peking wird gemeldet: General Feng beherrscht die Lage uneingeschränkt. Mit Ausnahme des Innenministers sind sämtliche Minister zurückgetreten. Zahlreiche Beamte, die der Anfupartei angehören, find aus ihren Aemtern entfernt worden. Eine neue Regierung soll gebildet werden, wenn in den Kämpfen die Entscheidung gefallen ist. Aus Tokio wird ge­meldet: Tas Hauptquartier der 10. Division wurde von Liaoyang, das 60 Meilen südlich von Mukden liegt, nach Mnkden verlegt. Ferner sind ein Infanterieregiment und eine Batterie aus Port Arthur sowie eine Schwadron aus Kungisckuling (150 Metten nördlich von Mukden) ebenfalls nach Mukden beordert worden.

Zur Tema Kries-Aage.

Au? Hamburg wird gemeldet: Das chile- nischeGeneralkonsulat bemcnüeit dieMeldungcn über die Trübung der Beziehungen zwischen Chile und den Vereinigten Staaten von Amerika wegen der Tacna Arica-Frage. Chile habe sich seinerzeit den von den Vereinigten Staaten vorgeschlagenen Bringungen unterworfen und bestehe kbiglid) darauf, daß bald ein Volksentscheid statt findet, da der von Präsident Coolidge festgelegte Termin bereits feit Monaten überschritten sei. Zu der in der Presse verbreiteten Nachricht, daß Chile in der Tacna Arica-Frage den Entscheid des Völker­bundes an gerufen habe, bemerkt das chilinische Eeneralkonsuiat, daß bet chilenische Gesandte in der Schweiz als Vertreter Chiles beim Völkerbund ledig­lich eine informatorische Unterreburtg mit dem Generalsekretär des Völkerbundes über diese Angelegenheit hatte.

2hts den Parlamenten.

In der Reichstagssitzung am Mittwoch nahm in der Fvrsetzung der Z.Beratung des landwirt­schaftlichen Etats der Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft, Graf Kanitz das Wort. Er erkannte an, daß sich die Landwirtschaft gegen­wärtig in einer schweren Notlage befinde. Diese Agrarkrise sei aber nur ein Teil der allge - 'm e i n en großen Wirtschaftskrise und es sei un­möglich, einen einzelnen Erwerbszweig herauszu­greisen, um Besserung zu schaffen. Die Regierung und die Reichsbank seien bereit, alle möglichen Er­leichterungen bei der Rückzahlung der Kredite zu gewähren, aber dic Landwirtschaft müsse sich an den Gedanken gewöhnen, daß die jetzige Krise noch längere Zeit anhalten werde. Die Weiter­beratung wurde auf Donnerstag vertagt.

Der Reichstag will am Freitag, den 18. Dezem­ber in die Weihnachtsferien eintreten, die am 8. ober 10. Januar zu Ende gehen sollen.

Der Pr e'u ß. Landtag erledigte am Mittwoch zunächst die allgemeine Aussprache zu der sozial­demokratischen Interpellation über die bei den Knappschaftsmvaliden des Ruhrgebietes vorgenom- raenen Lohnkürzungen. Die Interpellation würbe dem Handelsausschuß zur weiteren Bearbeitung überwiesen. Dann trat das Haus in die 3. Be­rat u n g des Etats ein. Die allgemeine Aus­sprache gab den Vertretern der Sozialdemokraten, der Deusschnationalen, des Zentrums und der Kom­munisten Gelegenheit, auf die Fragen der Abfin­dung der ehemaligen regierenden Häufe insbeson­dere der Holftnzollern einzugehen.

*

Der preußische Staatsrat, der zu einer neuen Tagung zusammentrat, stimmte dem Entwurf der Ausführungsverordnung zum Reichsgesetz vorn 6. Februar 1875 über die Beurkundung des Per­sonenstandes bei der Eheschließung zu. Das Ge­setz bezweckt die Herstellung einer Verbindung zwischen den Registereinträgen über denselben Men­schen ober dieselbe Familie. Zugestimmt wurde auch einer allgemeinen Verfügung betreffend Ueber- ftxagung richterlicher Geschäfte in Aufwertungs- und Erundbuchsachen auf Gerichtsschreiber. Cs handelt sich dabei in erster Linie um die Erteilung von Be­scheinigungen und um die Erledigung der Kostenfest­setzung.

Der He s s i s ch e Landtag ist nach längerer Pause wieder zufammengetreten. Die Sitzung wurde von Präsident Adelung mit einem warmen Nachruf auf den verstorbenen Ho f f m a n n-S e 11= genstadt eröffnet. Wie der Präsident mitteilt, ist der Nachfolger des Verstorbenen der Schreiner- mciftcr Laudcnbacher in Dieburg. Die Beratungen begannen mit einer Reihe von Kleinen Anfragen. Den Antworten ist zu entnehmen, daß die Einnah­men aus denIagdwaffenpässen stark zurückgehen, daß den Kriminalbeamten bei der Staatsanwaltschaft jetzt dos ihnen zustehende Kleidergeld ausbezahft wird und daß weitere Kredite für den gewerblichen Mittelstand und den Einzelhandel im besetzten Ge­biet wegen der schwierigen Finanzlage nicht mehr zur Verfügung gestellt werden können. Ein An­trag des Abg. Dr. Werner (Dn.) auf Vorlegung eines neuen Landtagswahlgefctzes wurde abgelehnt, desgleichen weitere Anträge desselben Abgeordne­ten zur Ueberprüfung der hessischen Verfassung und Aushebung des Republikschutzgesetzes. Ein Antrag des Abg. Kindt (Dn.) auf Einführung der Wahl­pflicht verfiel gleichfalls der Ablehnung.

In der Mittwoch-Sitzung wurden die Verhand­lungen unterbrochen, um den 70. Geburtstag des Minister Brentano zu feiern. Landtagspräsi- dent Adelung wies in einer Ansprache aus die Tar- lache hin, daß Brentano fast drei Jahrzehnte un- uuterbrochen dem hessischen Parlament angehöre. Er sei bereits sieben Jahre Minister der Justiz und seit einigen Jahren auch Innenminister. Seine Verdienste wurden erst recht beurteilt werden kön­nen, wenn einmal eine Zeit komme, die den gegen­wärtigen Kämpfen entrückt sei. Minister v. Bren­tano erwiderte mit einer Dankesrede in der er u. a. erklärte, daß er nwch bestem Wissen und Gewissen zum Wohle des Landes gewirkt habe. Er habe nie bie Absicht gehabt, ein Mitglied des Hauses zu verletzc :nb er nehme auch an, baß jeher Ab- geerbnete ...s gelten lasse. Das Haus möge ihm bie günstige Gesinnung auch in Zukunft bewahren.

Rach Wiederaufnahme der Verhanblungcn stimmte der Landtag einer Reihe von Ausschuß­anträgen zu, die sich vorwiegend mit Schulfra- g e n beschäftigten und zu denen in erster Linie die weiblichen Abgeordneten das Wort ergriffen. Sie drangen mit ihren Wünschen und Forderungen zume-st nicht durch. Der wichtigste Punkt der Tagesordnung waren Anträge, die von kommuni­stischen, deutsch« ationcilen und demokratischen Abge­ordneten ausgegangen waren und die sich Der Impfklausel beschäftigten. Es wurde bean­tragt: a) baß bie Eewissensklausel zum Jmpfgesetz eingeführt wirb, b) daß eine paritätische Kommis­sion, bestehend aus Iinofgegnern und Impfsreun- ben berufen wirb zur Prüfung ber wissenschaftlichen unb rechtlichen Grunblage bcs Jmpsgesetzes,) bah bas Reick dic volle Haftpflicht für Impsschäden übernimmt. Abg. Dr. Greiner (Komm.) wandte sich in längeren Darlegungen gegen den Impfzwang. Ministerialrat Dr. Groß zeigte an Hand einer Stati­stik, welch große Schäden die Aufhebung des Impf­zwanges herbeiführen könnte. Der Landtag lehnte die Gswsssensklaufel zum Jmpfgesetz ab und stimmte den anderen gorberung $u. ,

Zum Münchener Dolchstoß-Urteil.

Das vom Vorsitzenben des Münchener Schöffen­gerichts, Amtsgerichtsrat Frank verkünbigte Urteil im Dolchstoßprozeß, bas den Schriftleiter Gruber zu 3000 Mark Gelbstrafe verurteilt unb ihm bie Prozeßkosten, etwa 150 000 Mark, auferlegt, enthält in seinem begrünblidjen Teile eine Reihe von Feststellungen, die in Rechtskreisen wenig angenehm berühren. Es wird darin u. a. festgestellt:

Der Mehrheitssozialdemokratie habe Cvßmann nicht den Vorwurf des Dolchstoßes gemacht. Bewußt und absichtlich auf die Zertrümmerung der deut­schen Wehrmacht gerichtete Handlungen hinter der Front seien in den späteren Kriegsjahren erfolgt. Dazu zähl- len insbesondere renolutionäre Propaganda in Wort und Schrift, Meuterei in Heer und Marine, auch ein­zelne Streiks. Solche Handlungen feien auch von An­gehörigen der U. S. P. und noch weiter links stehenden Gruppen vorgenommen worden. Der Kampfgeist des F r o n t h e e r e s fei, wenn überhaupt, nur in einzelnen Fällen durch solche Handlungen beein­trächtigt worden Der Geist in der Etappe sei aber erheblich geschädigt worden. Der Kampfgeist der in Berührung mit dem Feinde stehenden Marine, be­sonders der U-Boote, sei bis zuletzt vortrefflich geblieben, nicht dagegen der der in den Häfen liegenden Schiffe. Als die Flotte Ende Oktober 1918 zu einem letzten Vor- stoß auslaufen sollte, der nach Ansicht der Marinefach­leute die Lage des Frontheeres entlasten und damit bes­sere Friedensbedingungen hätte schaffen können, sei das durch die Meuterei verhindert worden. Es habe viel­leicht ein verhetzter Teil der Jndustriearbeiterschaft unb andere Volkskreise den Sieg aus innenpolitischen Grün­den nicht gewollt, die Masse der Arbeiterschaft rmd der anderen Volksgenossen habe den Sieg g e w o Ilt. Welche Bedeutung der in den Dolchstoßheslen wiederge- qebenen Eisner'scken Liste zukomme, sei z. Zt. mit Sicher­heit nicht erkennbar. Anhaltspunkte dafür, daß bie dort genannten Beträge aus dem feindlichen Aus- lande stammten, fehlten. Der Inhalt der Hefte gehe teilweise über die hier gemachten Feststellungen hinaus, es fänden sich Verallgemeinerungen, die nicht berechtigt feien, das hätte deutlicher zum Ausdruck kom­men müssen. Die Darstellung Coßmanns fei teilweise irrig und unrichtig. Solche Irrtümer fänden sich aber auch in anderen historischen Darstellungen, befon- berg in der Memoirenliteratur des Weltkrieges. Die geschichtlichen Ereignisse des Weltkrieges lägen noch nicht weit genug zurück. Die Mängel der Hefte könnten noch lange nicht als bewußt falsche Darstellungen bezeichnet werden. Es sei unzulässig, daß Tatsachen, die als besonders ausschlaggebende Ursachen des Zusammen­bruchs gewertet werden müßten, nicht erwähnt seien, den Schluß zu ziehen, der Privatkläger habe bewußt die Geschichte verfälsch!. Sie beleidigenden Aeußernngen seien gesucht gehässig und bewußt grob, das sei slräf- erschwerend. Strafmildernd fei, daß die Polemik unb die Beleidigungen in die Zeit eines scharfen Wahlkamp­fes gefallen seien.

DieKölnische Volkszeitung" bemerkt zu dem Urteil u. a.: Die Prozeßlage war zeitweilig so, baß die Rollen des Klägers und des Angeklagten gänzlich vertauscht schienen und es oft den Anschein batte, als stände ein Vergleich unmittelbar bevor. Die Ausdrücke derMünchener Post" waren ge­wiß etwas bajuvarisch saftig, man darf aber nicht vergessen, daß auch die Angriffe derSüddeutschen Monatshefte schwere Anklagen gegen eine Reihe von sozialdemokratischen Führern bedeuteten. Bon Wichtigkeit bei diesem Prozesse war die Tatsache, daß eigentlich zum 1. Male die Existenz des Plans eines Borstoßes der deutschen Flotte gegen bie engkische Küste im Oktober 1918 vor Gericht zugegeben würbe. Man kann heute sagen, baß biefer Plan der nutzlosen Opfe­rung von Schiffen und Menschen zu einem Zeitpunkt, zu dem die militärische Lage Deutschlands vollständig hoffnungslos war, eigent­lich erst die Revolution bei ber Marine erzeugt hat. Es ist bewiesen, baß bie führenbsn Offiziere ber Marine so gut wie keine Ahnung von der seelischen Verfassung der Schiffsbesatzungen betten. Demi schon im Juli glaubte das Lanliheer nicht mehr an einen Sieg, konnte nicht mehr daran glauben. Wie der als Sachveistänbi-zer vernommene General v. Kuhl im Prozeß aussagte, sei nicht durch die Unter» wühlung des Heeres allein, sondern auch durch die Blockade und den fehlenden Heereser- f a tz 1918 der Zusammenbruch erfolgt. Vom 18. Juli 1918 bis zum Waffenstillstand habe das Heer an Toten und Verwundeten etwa 420 000 Mann, an Gefangenen und Vermißten einschließlich der außerordentlich zahlreichen Fahnenflüchtigen etwa 340 000 Mann verloren. Bei solcher rapiden Ab­nahme der deutschen Kampfkraft und der fast stündlich wie eine Springflut steigenden Kraft der Alliierten war an einen Sieg nicht mehr zu den­ken. So konnte auch die Marine nicht mehr hoffen, 14 Tage vor dem Waffenstillstand die vollkommene Niederlage Deutschlands abzuwehren.

Der Prozeß hat keine neuen Offenbarungen ge­bracht. Daß linksrabikale Agitation im Heere be­stand, ist erwiesen; aber es ist auch erwiesen, daß diese Agitation nicht schadete, als das Heer noch an den Sieg glaubte unb glauben burfte. Diese Agitation wirb für immer mit bem Fluche des Ver­rates belastet bleiben; doch darf bas beutfche Volk niemals glauben, triefe Wühlereien allein hät­ten bem Heers den Dolchstoß gegeben. Wir wissen heute, baß bie Führer den Kampf zu einer Zeit noch fortsetzten, zu ber bie militärische Lage ohne jede Hoffnung war, unb baß sie weiterkämpften, trotzdem sie wissen mußten, daß jeder neue Tag die Alliierten stärker, Deutschland aber immer schwächer fand.

Die Geschichte vom Dolchstoß kann auch im Münchener Gerichtsurteil nicht mehr verändert werden . Dis militärischen Zeugen, die in Mün­chen vernommen wurden, haben nur gezeigt, wie heillos der Mangel an psychologischem Verständnis in führenden militärischen Krei­sen von dem Zusammenbruch war. Die geradezu jämmerliche Rolle, die ein bestürzend gro­ßer Prozentsatz der hohen Kommandeure während der Revolution spielte, kann heute nicht mehr durch forsche unb schneibige Red-m vor Gericht b e s ch ö- n i gt werben. Durch bie Weimarer Verfassung ist