Einzelbild herunterladen
 

WMNMNier 18 M. Wk HM. BeilUS 18 W.)

A,

VAx-/-

W w, 'M

' !?.\y W

■

’ A ' ;r

LAWV

EN

Anzeiger für die Sfaöf und den kreis Fulda.

Nr. 278

Mittwoch, 2. Dezember 1925.

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochcnbeilagen: .Illustrierte Bei­lage" und .BuchenblLtter". Rotationsdruck und Verlag der Ruitact i' ctieni:ruderet in Fulda. Fernivrecher Rr. 9.

Monatlicher BerngSvreiS: 1.50 Ml-

Amtliches kreisblall.

Anreigen-Preis^ Klemreile (Colonel) lokal 0,15 Goldmart auswärts 0.20 Goldmark: Reklame,eile lokal 0,60 Goldmark aurwSrtS 0,80 Goldmark. ::

Bei WiederSolunaen Rabatt- Postscheckkonto Frankfurt a. M. 4051.

52. Zahrg.

ÜatfUBÜMrii r> «WiUhBiL V 41U IWTOMI

Bon Versailles bis London.

Der UnterzerchmmgsaKt der Locarno-Verträge.

wtb London. 1. Dez. ((Eis. Runds.-Meld.) Die Unterzeichnung der Locarnover- träge begann um 12.25 Uhr mittags und war um 12.38 becndek.

*

Die Delegierten der großen europäischen Natio­nen sind in London versammelt und in dem Augenblick, da diese Zeilen geschrieben werden, ist das bedeutsame Vertragswerk, das in Locarno ab­geschlossen wurde, förmlich und feierlich als euro­päischer Staatsvertrag unterzeichnet worden. Dis deutschen Vertreter saßen wieder in Vollberechti­gung und voller Ehre am Tisch mit den Vertre­tern der anderen Kulturvölker. Schon zu sehr ver­gessen ist das für uns Deutsche so aufwühlend schmerzliche Bild, das uns dis deutschen Unter­zeichner am 28. Juni 1919 im Saale in Versailles zeigt, unwürdig behandelte Sendboten eines im Kriege völlig zu Boden geschlagenen Volkes, die letzte Rettung vom völligen staatlichen Untergang erwirken wollten. In London am 2. Dezember 1925 steht es, dank der politischen Arbeit, die von treuen Dienern am deutschen Volk inzwischen ge­leistet worden ist, anders aus. Alle Ehren, die im internationalen Verkehr üblich sind, werden unseren Abgesandten zuteil. Als die Deutschen in London ankamen, empfing sie auf dem Viktoria- bahnhof Chamberlain, der britische Außenminister, in eigener Person, begleitet von zahlreichen hervor­ragenden Persönlichkeiten der englischen Regie­rung. Die Bevölkerung begrüßte lebhaft die deut­schen Delegierten, die mit den belgischen Delegier­ten zusammen gereist waren. Der Vertreter Frank­reichs, Briand, erklärte nach seiner Ankunft in London, es sei die größte Genugtuung seines Le­bens, den Vertrag von Locarno im Geiste gegen­seitigen Vertrauens und gegenseitigen Wunsches zum Frieden zu unterzeichnen. Briand drückte seine Zuversicht aus daß nunmehr für Europa eine neue Epoche beginnen werde, daß die Wunden des Krieges nunmehr geheilt werden könnten und gesunde Zustände in Europa wiederheroestellt wer­den würden.

Rach der Unterzeichnung des Paktes im „For- eign Office" werden Dr. Luther und Dr. Stress- mann sich im Buckingham-Palace einschreiben. Dann werden sie das Frühstück bei Lady Chamber­lain sinnehmen. Bei diesem Frühstück nehmen unter anderen Damen auch die Gemahlin des Pre­mierministers und das Parlamentsmitglied Ladv Astor teil.

Rach dem Cmpfang der Delegierten durch den König folgt eins Besprechung Dr. Lu­thers und Dr. Strefemanns mit Briand. Mitt­woch nachmittag werden die beiden Führer der deutschen Delegation bei Macdonald den Tee ein­nehmen. Ferner werden, wie schon bekannt, die Delegierten im Lancaster-House von Chamberlain und Mittwch abend in Downing Street von Bald­win bewirtet werden.

.Der König von England hat Chamberlain zum Ritter des Hosenbandordens ernannt und der Gattin Chamberlains das Großkreuz des Britischen Reichsordens verliehen.

* ■

?er tschechische Außenminister Dr. B e n e s ch erklärte bei seiner Ankunft in London einem Ver- treter des Reuter'schen Büros: In meinem Lande wurde das Locarno-Abkommen mit Zufrie­denheit von der ganzen öffentlichen Meinung ausgenommen. Im Parlament wurde es von allen Seiten mit Ausnahme der Kommuni- Pn angenommen. Ich zeicbne also mit der unge­teilten Zustimmung meiner Landsleute ausgenom­men die Kommunisten. Das Locarno-Abkommwi bedeutet, daß nunmehr die ganze europäischs Po- E auf zwei Ziele zusteuert: 1. müssen wir mvg- lrchst rasch zu einer Einigung mit Rußland kommen, 2. müssen alle Länder West- und Europas, einschließlich Polen und Tschechoslowakei, sich nunmehr ihren inneren Angelegenheiten widmen, da die wichtigsten äuße­ren Fragen nunmehr geregelt sind.

Die Besprechungen.

Der diplomatische Berichterstatter des „Daily Telegraph" führt aus: Angesicbts der Kürze der Zeit, die den Delegisrteii zur Verfügung stände, wurden dis sämtlichen Erörterungen auf die beroen dringlichen Fragen beschränkt werden, näm- lich das Datum von Deutschlands Eintritt in ?^"?"^erbund und die Beendigung rlr n 9 Km l n s. Fragen, die nach deut­

scher Äuffassung^ miteinander verbunden seien, da die deutsche Regierung es schwierig finden wird, vor der Räumung der Kölner Zone in den Völkerbund

Katholische wett.

Mutterkloster der Franziskaner in TIffifi. An. layict) der trn nächsten Jahre bevorstehenden 700 Jahr- serer für den Heiligen Sranz von Assisi hat die ita- Regierung dem Franziskcmerordcn sein altes Mutterkloster in Assisi zuruckgegeben und damit eme alte Streitfrage mit dem Vatikan aus der Weit geschafft.

Ans der japanischen Zefuiterimifsion. Am 18. Sep. tember langte R. p. Hofsmann S. J„ der Rektor der katholischen Universität in Tokio, wieder in Japan an. Er hatte sich ungefähr zwei Monate in Deutschland aufgehalten. Pater Max von Kuenburg, der frühere Ethlkprofessor von Innsbruck, fuhr mit ihm nach Tokio, um dort an der Universität Philosophie zu dozieren. Emen Monat später zogen noch zwei Mitglieder der "^^rdeutschen Ordensprovinz der Jesuiten. Pater Roß und Pater Weißenfels, nach Japan aus, um ihre Lanze Kraft der Belehrung dieses Landes zu widmen.

einzuireten. Da sie dies aber sobald wie möglich zu tun wünsche, werde vielleicht angedeutet wer­den, daß eine leichte Beschleunigung der Räumung wünschenswert sei.

hmdsnburgs Unterschrift.

Die „Deutsche Zeitung", das auf dem rechten Flügel der Deutschnationalen stehende Or­gan, sieht sich durch die Tatsache, daß Hinden­burg bas Locarno-Gesetz unterzeichnest hat, veo anlaßt zu folgender Klage:

„Was wir anfangs für ganz ausgeschloffen hielten, dann befiirchtctsn und schließlich in banger Sorge er­warteten, ist also eingetreten: Der Herr Reichspräsident Exzellenz v. Hindenburg hat das Locarno-Gesetz unter­zeichnet, und damit ist der unselige Vertrag endgül- tig angenommen. Zu der bitteren Enttäuschung über die derzeitige Reichspolitik tritt dadurch auch noch die tiefe Trauer um das Versagen eines unserer Besten. Was wir über Locarno denken, ist in den letzten Wo­chen so oft und so eindringlich gesagt worden, daß sich jede weitere Ausführung erübrigt. Wir sind auch heute nicht in der Lage, irgendein Wort davon zurückzuneh- mcn. Ebenso bleibt bestehen, daß Exzellenz v. Hinden­burg verfassungsmäßig vor sich und dem deutschen Volke die volle Verantwortung für die geleistete Un­terschrift zu tragen hat. Mit dieser Unterschrift hat sich aber der Feldmarschall in schroffen Gegensatz zu dem besten und wertvollsten Teil der deutschen Bevölkerung gestellt und ganz besonders zu den vaterländischen Krei­sen, die allein seine Wahl überhaupt ermöglicht haben. Das muß trotz unserer sonstigen tiefen Dankbarkeit und Ehrerbietung unumwunden erklärt werden. Die Fah­nen, die dem ersten vaterländischen Reichspräsidenten schwarz-weiß-rot entgegenrauschten, sie senken sich heute in tiefer Enttäuschung und Trauer auf Halbmast!"

Die „Deutsche Zeitung" hat zu denen gehört, die die Kandidatur Hindenburg eifrig unterstützten und die Wahl stürmisch begrüßten. Es ist gewiß nicht ohne Interesse, daß diese stürmische Freude inner­halb weniger Monate in tiefe Trauer um­schlägt. Die besten und wertvollsten Teile der deut­schen Bevölkerung werden freilich über Hinden­burg anders denken, als die „Deutschs Zeitung" meint. Daß Hindenburg alle verständlichen Ge- sühlsmomenie beiseite läßt, mutig mit realen Tat­sachen rechnet und daraus die Konssguenzen zieht, obgleich er wriß, daß er sich bei eiyM Tests feisrr eigenen Wähler in Widerspruch setzt, ist ein neues Zeichen des hohen sittlichen Verantwor­tungsgefühls, von dem sich der Reichspräsi­dent leiten läßt. In ähnlicher Lage, um der Ver­antwortung willen ganz etwas anderes tun zu müssen als seine Wähler es wünschten, hat sich übrigens auch der von den Sozialdemokraten em­porgetragene erste deutsche Präsident, Friedrich Ebert, befunden. Präsidenten-Losl

♦

Aus politischen Kreisen wird uns geschrieben: Schon seit längerer Zeit ist man in bestimmten politischen Kreisen darüber unterrichtet, daß von feiten der rechtsradikal en Verbände eine starke Bewegung im Sinne p u t s ch i st i s ch e r Vorbereitungen im Gange ist. Das Ausscheiden der Deutschnationalen aus der Regierung hat sol­chen Strömungen offenbar einen neuen Antrieb gegeben, denn nunmehr konnte man auch auf die­jenigen Kräfte wieder rechnen, die sich durch die verantwortliche Beteiligung der Deutschnationalen an der Regierung in ihrem Tatendrang bis dahin gehemmt fühlten. Die Nachrichten über wachsende putschistische Tendenzen haben sich inzwischen der­maßen verstärkt, daß diesen Dinaen doch eine er­höhte Aufmerksamkeit zukommt. Richtia ist, daß gewiffe Formationen, die sich an früheren Put­schen beteiligt haben, wieder stark in die Erschei- nunq treten und daß offensichtlich Versuche gemacht werden, unter Ausnutzung der schweren wirt­schaftlichen Lage, die sich in nächster Zeit wohl kaum verbessern dürfte, Hilfstruppen zu gewin­nen. Die Negierung wird sehr nachdrücklich diese Vorgänge im Auge behalten müssen.

In der „Soff. Ztg." lesen wir: Während der „Stahlhelm" immer mehr ins rechtsradikale Fahr­wasser gerät, veröffentlicht jetzt der „Jung- d e u ts ch e O r d e n" in seinem Organ einen Auf­ruf des Hochmeisters Mahraun für Hindenburg. Die Ordensbrüder werden aufgefordert, in den Streit zwischen Ludendorff und Hindenburg sich geschloffen auf die Seite des Reichspräsidenten zu stellen. In dem Aufruf heißt es: „Wir können nicht wissen, was den Reichspräsidenten bei der schweren Entscheidung, die er zu fällen hat, be­stimmt. Wir haben ihm nicht mit unserer Wahl das Vertrauen entgegengebracht, um ihm nicht bei der ersten Gelegenheit, wenn wir über irgend etwas anderer Meinung sind, zu mißtrauen. ' Die Zukunft wird zeigen, ob die Maßnahmen, welche der Reichspräsident in der Ausführung seines schwe­ren Amtes für fein Volk ergreifen zu müssen glaubt, richtig sind."

wirtschaftliche Kampfdeweguugen.

— Der Konflikt bet drr Berliner Straßenbahn. Bei der am Mvvtig in den Betrieben Der Straßenbahn» betriebsgesellschaft durchgeführten Urabstimmung über Annahme ober Ablehnung des Vorschlages der Direktion, demzufolae den Straßenbahnern eine Erhöhung des Stundenlohnes um 3 Pfg. zngebilliqt werden soll, haben von den 13 002 Abstimmungsberechtigten 5243 für die Ablehnung und 3030 für die Annahme des Vergleich­vorschlag« geitimmt, während 3995 sich nicht an der Abstimmung beteiligt haben. Eine absolute Mehr­heit für die Ablehnung wurde somit nicht erreicht.

* Tcnppenverftcirkungcn für Syrien. Nach einer Haoasmeldung aus Beirut IverOen dort weitere Truppen- und Materialtrankporte, darunter viele Panzerwagen, gelandet.

Das achte Kabinett vriand.

Von einem außenpolitischen Mitarbeiter wird uns geschrieben:

In Locarno erzählte man sich eine nette Sache: Stresemann soll in einem Privatgespräch Briand gebeten haben, doch seine Forderungen nicht zu Überspannen, um ihm, Stresemann, seine Stellung in Deutschland nicht zu sehr zu erschweren. Es wäre sonst möglich, daß er gestürzt würde. Dar­aufhin soll Briand gesagt haben, er fände gar nichts darin: Ihm selber sei das Stürzen immer sehr gut bekommen I

Run ist Briand zum achten Male berufen, ein Kabinett in Frankreich zu bilden, und in einer ganzen Reihe anderer Kabinette hat er führende Positionen, meist als Außenminister, eingenommen. Jetzt ist er Premier- und Außenminister zu gleicher Zeit. Das wiederholte Stürzen ist ihm also glän­zend bekommen! Dieses achte Kabinett Briand ist tatsächlich in sich gefestigter als es das Kabinett Painlev« war, da es über eine breitere Regierungs­basis als diese verfügt. Außer den Sozial-Radika­len, den republikanischen Sozialisten, zu denen Briand und P a i n l e v e zählen, und der ra­dikalen Linken gehören auch die Linksrepublikaner und die gemäßigten Republikaner zu seiner Regie­rung, so daß, wenn auch das Uebergewicht nach links neigt, doch auch die Mittelgruppe des Par­laments recht ansehnlich vertreten ift

Die Aufgabe des neuen Kabinetts besteht vor allem in der Regelung der Finanzen Frankreichs. L o u ch e u r hat das Amt des Finanzministers an­getreten, und er scheint nach Lage der Dinge auch die geeignetste Persönlichkeit hierfür. Die Stabili­sierung der Außenpolitik ist gesichert, ja diese Bri- and'sche Politik dürfte neuerdings im Senat eine größere Stütze haben, als das bisher der Fall war. Die O Öffentlichkeit ist mit dem Kabinett ziemlich weitgehend einverstanden, dagegen sind auf das äußerste die N a t io n a l ist e n und die mit ihnen verbündeten Militärkreise verstimmt, und was in den letzten Tagen im Rheinland geschah, mar N a d e l st i ch p o l i t i k dieser Kreise, die nun von den politischen Instanzen zur Ordnung gerufen werden muffen. Davon, ob und in welchem Um­fange es dem Kabinett Briand gelingt, wirklich tz!e durch.ü<m L^rtrag-oo» Loesmo gewollte Aende- ruug des Geistes herbeizuführen, in dem bisher die Beziehungen der Völker, namentlich durch das Ver­schulden Frankreichs, beeinflußt waren, wird auch der Erfolg dieses Kabinetts selber abhängen.

ie Lmwandererpolttik Amerikas'

wtb Washington, 1. Dez. (Eig. Rnndf.- Meld.) Der Staatssekretär des Arbeitsamtes, Da­vis, erneuerte in seinem Jahresbericht an den Präsidenten den Vorschlag, sämtliche Ausländer in den Vereinigten Staaten zu registrieren, weiter­hin befürwortete der Staatssekretär dringend, daß der Präsident, um die Anpassung des amerikani­schen Arbeiksmarktes an die vorherrschenden Ve- dürfnisse der Industrie zu erleichtern, bevollmäch­tigt wird, die Einwanderung zeitweise gänzlich zu verbieten und zwar sedesmal, wenn die Staatssekretäre des Arbeits- und des Handelsamls gemeinsam ihm den Nachweis erbringen, daß die Arbeitslosigkeit die Einstellung der Ein­wanderung notwendig macht.

Die Räumung Kölns.

Der Abzug der englischen Truppen aus Köln hat am 30. November offiziell seinen Anfang genommen. Ein kleiner Trupp von etwa 100 Mann ging vom Kölner^ Hauptbahnhof nach England zurück. In aller Stille wurde ein weiterer kleiner Transport auf dem Güterbahnhof Gereon zusammengestellt, der etwa 220 Mann nach Wiesbaden bringen soll.

* Von der holländischen Regierungskrise. Die Fraktion der römisch-katholischen Abgeordneten der Zweiten Kammer hat beschlossen, die Beteiligung an einem von Marchant zu bildenden parlamen­tarischen Kabinett abzulehnen. In der Begründung dieses Beschlusses wird hervorgehoben, daß die Frak­tion der Meinung sei, daß ein sich auf drei Rechts­parteien stützendes Kabinett die beste Gewähr für allseitige Berücksichtigung der Interessen des Landes biete und daß die Fraktion nur im äußersten No tfall zu einem Zusammenwirken mit den So­zialdemokraten übergehen könne. Durch diese Stel­lungnahme der römisch-katholischen Kammerfraktion dürfte der Versuch der Kabinettsbildung durch Marchant als endgültig gescheitert anzusehen sein.

* Die Ausländer in Ungarn. Für die Anmel­dung von ausländischen Staatsangehörigen hat der Minister des Innern den Termin bis zum 1. Fe­bruar 1926 verlängert, wenn sie schon vor dem 1. Juni 1926 in Ungarn wohnten. Ausländische Staats­angehörige, die wegen einer Anstellung nach Ungarn einreisen wollen, haben vorher beim Minister des Innern um eine Einreisebewilligung einzu-

Die Abfindung der Hohenzollern.

Der Amtliche Preußische Preffedienst teilt mit: Die Arbeiten im Preußischen Finanzministerium an dem Vergleich der Staatsregierung mit dem ehemaligen Königshaus sind abgeschlossen. Ange­sichts der Tatsache, daß phantastische Ziffern über diesen Vergleich im Umlauf sind und weiter an­gesichts der für Dienstag zu erwartenden Reichs­tagsdebatte feien hier die wichtigsten zahlenmäßi­gen Angaben des Vergleichs gegeben:

Nach dem Vergleich soll der Staat erhalten: Die Kronschlösser mit dem historischen Mobiliar und den Werten, die Kunstwerke in den Berliner Museen mtd die Schack-Galerie in München, die Kroninsig- nien, die Verfügung über das Hohenzollern-Mu- feum, die Hausbibliothek und das Hausarchiv nach Maßgabe besonderer Bestimmungen, die Theater mit dem Theaterfundus, 110 000 Morgen Land und Forst, die Hausgrundstücke in Berlin und Pots­dam mit einigen Ausnahmen, ferner die Kronsidei- kcrnißrente.

Das vormalige Königshaus soll erhallen: Einzelne Schlösser (das Palais Kaiser Wilhelm I. und das Niederländische Palais, Bellevue und Ba­belsberg), einzelne Hausgrundstücke, das Ge­brauchsmobiliar und den Familienschmuck, den rest­lichen Land- und Forstbesitz (rund 290 000 Mor- gen) und 30 Millionen Reichsmark. Die 30 Mil- (innen entsprechen etwa dem Werte des dem Staat Zufallenden Grundbesitzes (Güter, Forst- und Nutz- grundstücke).

Das preußische Finanzministerium hat sich, nach- dem die Richtlinien vom Staatsministerium ge­billigt waren, zu diesem Vergleich entschließen müs- sen> weil das Reich bisher den Ländern eine Er­mächtigung, die Bermögensauseinandersetzung un­ter Ausschluß des Rechtsweges gesetzlich zu regeln, nicht gegeben hat und weil andererseits Mgesichts des bisherigen Verlaufs der Prozeßführung die Ent­scheidung über die Auseinandersetzung den or­dentlichen Gerichten nicht überlassen blei­ben konnte. •/ v > >■■ ■,.

*

Son wohlunterrichteter Seite wird uns vor Bekanntgabe obiger Bestimmungen geschrieben:

Es ist notwendig, dieser Frage gegenüber die richtige Einstellung zu gewinnen. Man kann sie nicht mit reinen Gefühlswerten bewältigen, man kann sie auch nicht rein politisch werten, man muß fie sehen als das, was sie ist, als eine Rechts- frage. So hat sie auch das Z e n t r u m im Land- t a ge, dem die wichtigste Entscheidung zufallen wird, immer gesehen. Noch vor wenigen Tagen hat der Abg. Dr. S ch w e r i n g dies für die Par- iei im Landtage erklärt. Er hat allerdings hinzu- gefügt, wie auf der einen Seite das Zentrum die tyrage als Rechtsfrage behandelt wissen wolle, io müsse auf der anderen Seite auch erklärt wer­den, daß es eine sittliche Forderung an die Hohenzollern sei, wenn man von ihnen im Hinblick auf die ungeheure Notlage des Staates und die

Gesamtheit des Volkes maßvolle Forderungen verlange.

An sich ist es sicher zu begrüßen, wenn in dieser Frage endlich eine Lösung herbeigeführt wird. Seit 1918 schwebt sie. 1920 hat der damalige sozia­listische Finanzminister S ü d e k u m versucht, sie durch einen Vergleich aus der Welt zu schaffen, aber dieser Vergleich scheiterte an feiner eigenen Partei, die sich von dem Gedanken einer politischen Lösung nicht ab bringen lassen wollte. Heute könnte man froh sein, wenn man den damaligen Vergleich bekommen hätte, der die Hohenzollern ähnlichen Verlusten ausgesetzt hätte wie alle Staatsgläubiger infolge der Inflation. Es märe verhältnismäßig leicht gewesen, sich auf diese Weise der Barentschädigungen zu entledigen.

Wenn heute in Preußen ein in der Mehrheit sozialistisch-demokratisches Kabinett an die Lösung herantritt, so hat man Grund, zum mindesten zu glauben, daß der Versuch gemacht worden ist, einen für den Staat möglichst günstigen Vergleich herauszuholen. Aber man erkennt auch, daß das gegenwärtige Kabinett in der Vergleichsform den Weg sieht, der für den Staat noch immer der bil­ligste und für den Steuerzahler am wenigsten emp­findliche ist. Diese Gesichtspunkte gilt es mit aller Bedeutung in den Vordergrund zu rücken.

Neuerdings haben die Demokraten, sowohl im Reichstage wie im Landtage, versucht, noch einmal eine mehr oder minder politische Löfung her­beizuführen, indem sie einmal die Auseinander­setzung durchs Reichsgesetz allgemein regeln und Zum anderen die Hohenzollern geldlich nur inso­weit entschädigen wollen, wie auch die S t a a ts- g laubig er bei der Aufwertung ent­schädigt worden sind. Dieser Gesichtspunkt ist ge­wiß beachtlich, aber er ist natürlich nur dann durch­zuführen, wenn sich dafür eine entsprechende Mehrheit findet. Dann wird es eben einer ernsten und nüchternen Prüfung bedürfen, ob die­ser Weg, rechtlich gesehen, beschreitbar ist. Er würde natürlich die Entschädigung der Hohenzol­lern wesentlich heruntersetzen.

Es liegt auf der Hand, daß der Entwurf des Vergleichs abgewartet werden muß, bevor man an die Einzelheiten gehen kann. Aber die Wäh­lerschaft des Zentrums tut gut, sich in dieser Frage einer ruhigen und nüchternen Betrachtung zu befleißigen. Es fließen unendlich viel Gefühlswerte ein, die geeignet find, die ru­hige und gerechte Betrachtungsweise zu schädigen. Wir deutschen Katholiken haben nicht den minde­sten Grund, den Hohenzollern dankbar zu sein — im Gegenteil, wir stehen ihnen sehr kühl und viel­fach ablehnend gegenüber; aber all das darf uns nicht hindern, auch ihnen gegenüber die Grund­sätze unseres Programms und unserer Weltanschauung restlos zur Anwendung zu bringen. Umsomehr, als es bei der politischen Kräfteverteilung im Landtage wahrscheinlich vom Zentrum abhängen wird, in welchem Geiste und mit welchem Endergebnis sich dis Abfindung schließlich gestaltet, - - --- ------