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Anzeiger für die Stadt und den Kreis Fulda. Amtliches Kreisblakk.

52. Zahrg

Freitag, 27. November 1925.

Nr. 274

Englands Weltgeltung und Locarno

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Wtb Paris. 26. Rov. (Eign. Rundf.-2Neldg.) Kammerpräsident Herriot hofft, daß B r i a n d das Außenministerium in feinem Kabinett bei - behalten wird. Herriot verhandelte gestern abend mit den Vorständen der 4 Parteien des Kartells der Linken. Er erklärte, daß eine rasche Lö­sung erforderlich sei. Der Abgeordnete Blum teilt mit, er werde für Donnerstag vormittag den ständigen Verwaltungs-Ausschuß der Partei und die gesamte Parlamentsgruppe zujammenberufen, damit eine Entscheidung über die Beteiligung der Sozialisten an der Kabinettsbildung getroffen werde. Darauf wurde die Frage der Finanz-Sa­nierung besprochen. Herriot forderte die vom

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Hits dem besetzten Gebiet.

Die englischen Besatzungstruppen in Wiesbaden.

Am 10. Dezember wird, wie die „Rheinische Volksztg." meldet, ein Bataillon engli­scher Infanterie in Wiesbaden eintreffen und die Kaserne, die seither das 23. französische Infanterieregiment inne hatte, beziehen. Das Haupt- ouartier der englischen Nheinarmee wird in das Hotel Rose gelegt. Das englische Offizierskasino wird in das Schloß kommen. Eine Wohnung für den kommandierenden General Ducane ist bis letzt noch nicht gefunden. Die endgültige Uebernahme der Besatzungsgewalt wird am 1. Februar erfolgen.

Zufammeufasfung der Ordonnanzen.

Wie Wollfs Westdeutscher Provinzialdienst von zuverlässiger Seite erfährt, handelt es sich bei den jüngsten Meldungen über die Zusammenfassung der Ordonnanzen und Anweisungen der Rheinland­kommission um eine Vereinheitlichung der in den bisher erlassenen Bestimmungen enthaltenen Vorschriften. Ihre Fertigstellung wird immerhin noch 14 Tage in Anspruch nehmen. Die Zusam- mensasiung wird im Sinne der Verordnung 308 gehalten und gemäß dieser Verordnung eine Ver­einfachung der bisher kaum mehr übersichtlichen 808 Verordnungen der Rheinlandkommission brin­gen. ■ ___________________

* Die richtige Antwort. Im bayerischen Landtag wird über die Locarnofrage verhandelt- Dabei führen sich die in Bayern infolge der jahre­langen falschen bayerischen Politik stark gewordenen Völkischen recht eigenartig auf. Ein völkischer Ab­geordneter erklärte, er würde sich nicht wundern, wenn ein abgetretener ehemaliger Reichsländer Stresemann erschießen würde. (Die richtige Mordhetze!) Auch der nationalsozialistische Abgeord­nete Dr. Buttmann richtete heftige Angriffe gegen den Reichsaußenministcr Dr. Stresemann und nannte ihn einen Verräter am deutschen Volle. Diese Aeußerung rief im Ausschuß lebhafte Unruhe her­vor. Der Vorsitzende Abg. Dr. Wohlmut (Bayr. Volkspt.) erklärte dazu, daß er sich zu einem Ord­nungsruf nicht veranlaßt sähe, denn derjenige, der Herrn Stresemann bewußt und absichtlich Verrat am deutschen Volke vorwerfe, mache sich so l ä ch e r- lich, daß es nach außen hin gar keine Wirkung haben könne. Derjenige sei ein Verräter am deut­schen Volke, der in der Weise gegen die Einigkeit sündige, wie es Dr. Vuttmann getan habe. — Ganz recht! In den Augen aller vernünftigen Menschen machen sich die völkischen Wortführer und ver­wandte Erscheinungen, nur lächerlich. Jede ernste Auseinandersetzung mit ihnen, — das sei auch als unsere Ansicht gegenüber überheblichen Erklä­rungen von Dalleien und Komturen hier festge- stellt, —- erübrigt sich.

* Die Programmerklärung der polnischen Negie­rung. Der polnische Ministerpräsident und Minister des Aeußern Graf Skrzynski gab im Sejn die Programmerklärung der neu gebildeten Regierung ab. Skrzynski wurde bei seinem Erscheinen von den Bänken der Kommunisten und der Bauern­partei mit den Rufen „Gebt die polnischen Ge- fanqenen frei, weg mit Stanislaus Grabski!" be­grüßt. Der Ministerpräsident erklärte, daß das Programm der jetzigen Regierung die Zusammen­fassung aller großen Parteien sei, um durch so­fortige Maßnahmen die gegenwärtige Wirtschafts- MeLubekärnpleu.

Kartell der Linken eingesetzte Ilnkerkommission auf, schleunigst Hauptlinien über einen Finanz-Sa­nierungsplan festznsetzen. Die Frage der Vertei­lung der Ministerposten wird nach Eingang der Entscheidung der Sozialisten erledigt werden.

* Belagerungszustand in Erzerum. (Eig. Rundf.- Meldg.) Eine Gruppe fanatischer Muselmanen in Erzerum bat eine Bewegung gegen die Reform- Pläne der preußischen Regierung inS Leben gerufen. Die Behörde verhängte über Erzerum für einen Monat den Belagerungszustand und setzte ein Standgericht ein.

* Sturme und Neberschwemmung in Marokko. Wie die Blätter melden, herrschen an der Marokkofrout schwere Stürme und Wolkenbrüche, die die Besatzung einiger spanischer Posten gewungen haben, die Stellungen aufzugeben. Die Wassermafsen haben die Straße Ceuta-Tetuan überschwemmt und die Brücken fortgerissen.

Der deutsche Außenhandel im Oktober

228 Millionen Einfuhrüberschuß gegen 278 im Sept.

Der deutsche Außenhandel im Oktober 1925 beträgt im reinen Waren-Berkehr in der Einfuhr 1074 Millionen und in der Ausfuhr 846 Mill. R.-M. gegenüber 1054 bezw. 776 Mill. N.-M. im September. Er weist somit erneut die Tendenz zur Vermin­derung des Einsuhr-Ueberschusfes auf. Die Passivität der Handels-Bilanz im reinen Waren- Verkehr erreichte im Oktober mit 228 Millionen R.-M. gegenüber 278 Millionen tm September den bis­her in diesem Jahre niedrigsten Stand. Im Oktober ist die Einfuhr von Lebensmitteln und Getränken um 47 Millionen zurückgegangen, die von Rohstoffen und halbfertigen Waren um 52 und von fertigen Waren um 17 Millionen R.-M. gestiegen. Bon der Steigerung der Ausfuhr entfallen auf fertige Waren 44 und auf Lebensmittel und Getränke 20 Millionen R.-M.

Ein zweites Kabinett herriot?

Nachdem durch die Haltung der Sozialisten die Kabinettsbildung durch Senator Doumer gescheitert war, hat der Präsident der französischen Republik den Führer der gemäßigten Sozialisten, den frühe­ren Ministerpräsidenten und jetzigen Kammerprä­sidenten Herriot gebeten, ein Kabinett zu bilden. Herriot hat das Angebot angenommen. Vor­ausgegangen war ein Beschluß der Sozialisten, sich an den Regierungsgeschäften zu beteiligen. Die sozialrepublikanische Kammerfraktion, P a i n l e v ö- B r i a n d begrüßt in einer Tagesordnung den Ent­schluß der sozialistischen Kammerfraktion, sich an der Regierung zu beteiligen, versichert jede Links­regierung, die energisch die Finanzsanierung ver- folgen wird, ihrer Stimme und bringt ihre Ueber- zeugung dahin zum Ausdruck, daß ein aus allen Elementen des Kartells der Linken gebildetes Ministerium dem Parlament eine dis­ziplinierte Mehrheit für die den gegebe­nen Umständen nach unverzüglich zu treffenden Lö­sungen finden wird.

2. Deutschland und Rußland.

Deutschland und Rußland gehen beide durch eine schwere Leidensschule, beide wurden durch einen übermütigen Sieger entrechtet, alten angestammten Landes beraubt und zu Nationen niederer Klasse berabgedrückt. Durch eine jeglicher Vernunft baren Grenzziehung hat man Rußland von jeder Beruh’ rung mit Deutschland und damit der westeuro­päischen Verbindung abgeschlossen. Ergibt sich schon aus diesem Gleichklang des Schicksales eine ge­wisse Harmonie des Volksemvfindens, so wurde diese noch verstärkt durch die rasch erwachsenen wirtschaftlichen Beziehungen der beiden Völker un­tereinander. Schwer lastete die Siegerfaust auf un­serem Volke. War es da zu verwundern, daß man in einem wirtschaftlichen und militärischen Bünd­nis mit dem zwar darniederliegenden, aber noch ungebrochenen Rußland das Heil unserer Zukunft sah trotz der russischen Propaganda, die unsere Staatsform und unser Staatswesen ernstlich be­drohten? Und nicht bei uns sprach man von der Möglichkeit dieses Bündnisses. Die ganze Welt blickte mit Spannung auf die Entwicklung der Dinge. Als im ersten Teil dieses Jahres das Bündnis Japans mit Rußland perfekt geworden war, da vermutete und fürchtete man Deutschland als Dritten im Bunde. Das Problem des fernen Ostens, wo sich die Dinge mit rasender Geschwindig­keit entwickeln, bekam eine neue Nuance. Man sah wieder zwei gewaltige Völkerblöcke — Japan, Ruß­land, Deutschland auf der einen, Amerika und Eng­land mit seinen Hilfsvölkern auf der anderen Seite —, die sich gefahrdrohend gegenüberstehen. Dazu Die Bewegung unter den Ehinesen, die, geschürl von den bolschewistischen Russen, die Befreiung von der europäischen, besonders von der englischen Bevormundung zum Ziele hat. Ein erwachtes China mit seiner ungefähr 300 Millionen Menschen fassen­den Bevölkerung, ein gegen England zusammen- geschmiedeterOstblock, dazu ein hochstehendes Deutsch­land mit seinem Organisationstalent als der gei­stige Führer. Sollte und konnte England eines solchen Entwicklung untätig zusehen?

3. England und Deutschland.

Und England erkannte die Gefahr und rüstete sich zur Abwehr. Zunächst galt es Deutschland aus der gefahrdrohenden Dölkerkonstellation fern zu halten. Das mußte sich England freilich sagen, daß Deutschland bei den bisherigen Methoden unab­änderlich in die Arme seiner Gegner getrieben werde; die Methoden müßten also geändert wer­den. Tatsächlich hat sich England ehrlich um einen Ausgleich der Gegensätze zwischen Deutschland und Frankreich bemüht, nicht aus Liebe ober Anhäng­lichkeit zu uns, sondern im eigenen wohlverstan­denen Interesse. Daß es nicht mehr erreichen konnte, lag an der von Staatswegen infizierten

Locarno.

Der Auswärtige Ausschuß des Reichstaos trat am Mittwoch vormittag zusammen, um sich noch einmal mit dem ihm überwiesenen Locarno- Gesetzentwurf und dem Gutachten des Justiz­ministeriums über die Frage, ob der Locarno-Gesetz- enttourf verfassungsändernd sei, zu beschäftigen. Im Verlause der Verhandlungen ergriff auch Reichs­kanzler Dr. Luther das Wort. Reichsaußenminister Dr. Stresemann konnte an den Verhandlungen nicht teilnehmen, da er infolge Neberanstrengung leicht unpäßlich und ihm von seinem Arzt Bettruhe empfohlen worden ist.

Von deutscher Seile ist, wie die Blätter erfahren, noch keine Entscheidung getroffen, wer zur Unter­zeichnung des Paktes von Locarno nach London geht. Aus London wird jetzt, vor allem in Rücksicht auf die Ministerkrise in Paris, mitgeteilt, daß gegebenen­falls die Botschafter statt der Minister den Pakt unterzeichnen würden.

Zu der Behauptung be$ „Lokal-Anzeigers", daß km Reichstag die Anregung sehr viel erörtert worden lei, die Angelegenheit des Eintritts Deutsch- lands in den Völkerbund einem besonderen Gesetz zuzuweisen, das erst zu gegebener Zeit vom Reichstag zu verabschieden sein würde, bemerkt die „Germania*, daß diese Frage schon bei der Aussprache der Parteiführer mit dem Reichskanzler im ver­neinenden Sinne entschieden worden sei. Die Locarno­verträge und der Eintritt Deutschlands in den Völker­bund gehörten zusammen und müßten mit einem Gesetz verabschiedet werden. Die Zentrumsfraktion teile diesen Standpunkt der Regierung.

Wtb Landon. 26. Poo. ((Eig. Rundf. Meldg.) Nach einer Meldung der „Morningpost" aus Born soll jetzt endgültig feststeben, daß Mussolini an der Unterzeichnung des Locarno-Vertrages in Lon­don nicht leilnimmk.

Die Wirffchaftsnot.

Die Zentrumsfraktion des Reichstages hat einen besonderenAusfchuß beauftragt, unverzüglich Maßnahmen zur Steuerung der großen wirtschaftlichen Not in weiten Kreisen zu beraten. Der Ausschuß fordert eine Er- Höhung der Unterstützungssätze der Erwerbs- 'osen für sorge und eine Verlängerung der Unterstützungsdauer. Ferner wird die alsbaldige Wiedereinführung der Familien­hilfe in der Knappschaftsversicherung verlangt.

Als Hilfsmaßnahmen für die Land­wirtschaft wird u. a. Senkung der Bezugs- preise für landwirtschaftliche Bedarfsartikel und Rücksichtnahme auf die Notlage der Landwirtschaft bei dem Zahlungstermin der Steuervorauszahlun­gen vorgeschlaaen.

Heber die Beamtenbesoldung und ihre Reform wird zurzeit im Haushaltsausschuß des Reichstages verhandelt. Die Erledigung ver­zögert sich durch den bevorstehenden Rücktritt des Kabinetts Dr. Luther. Der Reichskanzler, der per­sönlich an den Verhandlungen teilnahm, legte dar: Die ganze Arbeitskraft der Regierung müsse sich gegenwärtig aufdieaußenpolitiesche Lage konzentrieren Bei der Besoldung handle es sich nicht nur um die Beamtenfragen allein, son­dern um unsere gesamte Geldwirtschaft überhaupt, auch um die Rückwirkung auf die Steuereinnahmen. Jedenfalls fei es ganz unmöglich, die Ausgaben zu steigern und die Steuern zu senken. Er bitte, die Frage der Beamtenbesoldung bis zu dem Augenblick zu vertagen, wo die Regierung zurückgetrten sei. Der Ausschuß führt die Verhandlungen gleichwohl weiter.

Der soziale Arbeitsausschuß der Besoldungs- aruppen 1 bis 4 veranstaltete in Berlin eine Protestkundgebung gegen die Besoldungs- Politik der Reichsreaierimg. Die Kundgebung war von über 10 000 Personen besucht, sodaß zwei weitere Varallelversammlunaen abgehalten wer­den mußten. In allen drei Versammlungen wurde mit großer Mehrheit eine Entschließung angenom­men, in der es u. a. heißt: Die Verschuldung der Beamten der unteren Besold»ngs- gruppen ist ungeheuerlich. Ihre Not ist bis zur Unerträglichkeit gewachsen. Nur eine schnelle und durchgreifende den bestehenden wirtschaftlichen Ver­hältnissen Rechnung tragende Besoldungs­aufbesserung kann noch wirksame Hilfe brin­gen und die Beamten vor verhängnisvollen Ver- zweiflungsschritten bewahren.

* Die Reichstagssihnng am Mittwoch nahm kaum eine halbe Stunde in Anspruch. Das wichtigste Ergebnis war die Zulassung der für 20 Sihunastaae ausgeschlossenen sieben kommu­nistischen Abgeordneten. Das war sozusagen ein Gnadenakt, denn die 20 Straftaae sind noch nicht verbüßt. Die Wiederzulaffung wäre durch den Widerspruch eines einzigen Abgeordneten vereitelt worden. Aber dieser Widerspruch unterblieb, weil alle Parteien ein Interesse daran haben, daß der Reichstag bei der wichtigen Abstimmung über die Locarnoverträae vollzählig versammelt ist. Im Uebrigen wurde in der Sitzung der Notetat für 1925 mit einer Geltungsdauer bis zum 31. Januar 1926 angenommen. In der Sitzung am Donners- tag, die um 1 Uhr beginnt, sollen die Locarnover- tröoe zur 2. Beratung kommen.

» Zur Kabinettsbildung in Baden. Die ..Ba­dische'Presse" in Karlsruhe teilt mit: Das Zent- rnm und die Sozialdemokraten werden dem Land­tage folgFrdes Ministerium Vorschlägen: Trunk (Z.t Justizminister wie bisher und zugleich Staat?- Präsident. Dr. Köhler (Z) Finanzminister wie bisher, Remmele (Soz.), Minister des Innern wie bisher und gleichzeitig provisorischer Unterrichts­minister. Staatsräte: Weishaupt (ß.) und Ma­rn m (Soz.l beide bisher Staatsräte, und als dritter Staatsrat Abg. M a i e-Heidelberg. Eine Bestätigung dieser Meldung war bisher noch nicht zu erlangen, doch dürste das Kabinett im Großen und Ganzen, wie verlautet, so gebildet werden.

* Schwedisch-norwegischer Schiedsoertrag. In Stockholm wurde von dem schwedischen Gesandten in Oslo und dem norwegischen Minister des Aeußern Mowinkel ein Abkommen zwischen Schweden und Norwegen betreffend friedliche Schlichtung von zwischenstaatlichen Streitigkeiten unterzeichnet. Das Abkommen, dos auf 20 Jahre abgeschlossen worden ist, soll nach Genehmigung der beiderseitigen Paria- mente von den Königen der beiden Staaten ratifi­ziert werden. ... _.

* Englisches Borgehen gegen Kommunisten. Die im Zusammenhang mit der Mitte Oktober erfolgten Durchsuchung des Londoner kommuniftischen Haupt­quartiers verhafteten Kummunisten, gegen die An­klage wegen Aufwiegelung von Heeresangehörigen erhoben worden war, wurden in London abgeurteilt. Fünf Angeklagte erhielten ein Jahr, sieben weitere Angeklagte sechs Monate Gefängnis. Die Arbeiter­partei protestiert scharf gegen die Verurteilung, da England stets das Land der politischen Meinungs- Freiheit gewesen sei.___

» Mord und Selbstmord. (Eig. Rundf.-Meld.) Mittwoch abend wurde die etwa 17 Jahre alte Tochter des Hausmeisters der höheren Schiffs- und Maschinenschule in Kiel, Erna Thieß, von ihrem Verlobten, einem 19 Jahre alten Schneider in der Wohnung ihrer Eltern erschossen. Darauf der- übte der tätet Selbstmord.

* Einsturz eines Palastes in Neapel. Einer der ältesten Paläste Neapels, der Palazzo San Severo, ist nach einer Blättermeldung elnge- stürzt Die Bewohner der drei Stockwerke wurden in die Tiefe gerissen. Bisher wurden 14 Verwun­dete, darunter vier Schwerverletzte, aus den Trümmern gezogen.

Erhebung der Rifkabylen in Marokko derartig stark ausgeprägt, daß die französischen Kommunisten offen in Paris die Sache der Rifioten verfochten. Wie eng dis ohne Zweifel nationalen Charakter tragende Bevölkerung der Chinesen von bolschewi- stischen Einflüssen getragen ist, zeigt am deutlichsten die dortige Verbrüderung zwischen Russen und Chi­nesen, die chinesische Universität in Moskau u. a. mehr. Interessant ist dabei die Mauserung des Bolschewismus, der im Gegensatz zu seinem pro- grammäßigen Internationalismus heute einen sehr starken Zug ins Nationale trägt. Darum ist das einzig und allein gegen Deutschland geprägte Wort vom „Selbstbestimmungsrecht der Völker" zum zündenden Schlagwort unter den Massen der unter­drückten und ausgebeuteten Völker geworden und richtet sich gegen die, die mit diesem Worte Unrecht mit dem Scheine des Rechtes verbrämen wollten. Die Saat, die ste selbst gesät haben, geht

1. England und Rußland.

Rußland und England sind heute erbitterte Geg­ner, denn England steht Mit Recht in dem russischen Bolschewismus eine drohende Gefahr für den Be­stand seines Weltreiches. Nicht nur, daß die bol­schewistische Propaganda bis ins Mutterland Eng­land hineingetragen wird, wie wir erst vor kurzem an dem Seemannsstreik erlebt haben, sondern viel­mehr noch, daß die Propaganda in den von Eng­land beherrschten Völkern wütet; das geht dem stolzen Engländer an die Nerven. Für hoch­stehende Kulturländer wie Deutschland und Eng­land ist der Bolschewismus nicht mehr das Schreckgespenst des blutigen Umsturzes; denn in­zwischen haben auch die sozial schlecht gestellten Massen den Wert und Unwert der bolschewistischen Idee kennen und würdigen gelernt — es müßte denn fein, daß der manchesterliche Liberalismus in feiner Verblendung die arbeitenden Massen unter die Hungerknute nehmen und damit die folgen­schwere Explosion herbeiführen würde. Aber in den dicht bevölkerten Gebieten Indiens, in die der Russe bequemen Zutritt hat, da ist der günstige Nähr­boden für die bolschewistische Idee mit ihrer an­geblichen Befreiung von der kapitalistischen Schuld- knechtschaft und der Befreiung des einzelnen Jn- dividiurns von der Hörigkeit eines Mächtigeren. In diesem gewaltigen Menschenreservoir, das mit China zusammen nahezu die Hälfte der gesamten Bevölkerung der Erde ausmacht, herrscht Not und stand oft in der erschreckendsten Form, trotz des sagenhaften Reichtums des Wunderlandes, obwohl bei dem günstigen Klima der Kampf um das Da­sein dort verhältnismäßig leicht gekämpft werden kann. Bleibt einmal in einem Jahre der fegen» und regenbringende Monsuinwind, der Urquell des indischen Reichtums aus, dann gehen Millionen von Menschen an Hunger zu Grunde. England küm­mert sich nicht um die Massen, es stellt sich gut mit den indischen Fürsten, denen es in innerpolitifcher Hinsicht weitgehendste Freiheit läßt. Die Fürsten halten das Volk in Dummheit, Stumpfheit und Abhängigkeit. Fast 90 Prozent der Bevölkerung find Analphabeten, etwas besser ist es mit der Bil­dung des inuhamedamschen Teiles der Bevölkerung bestellt. Noch bis vor wenigen Jahren haben die Engländer die Eingeborenen grundsätzlich von den höheren Beamtenstellen ausgefchlossen und haben damit ein gebildetes Proletariat geschaffen, das der Sauerteig für den Gährungsprozeß geworden ist. Arm ist ein Mensch erst dann, wenn er seine Armut erkennt. Vorher betrachtet er fein erbärmliches Geben als eine Selbstverständlichkeit, als eine Na­turnotwendigkeit. Sobald ihm aber die Augen da­für geöffnet sind, daß er ausgebeutet wird, tritt an die Stelle der dienenden Unterwürfigkeit zu­nächst der geheime Groll, der sich bis zum Haß gegen den Bedrücker steigern kann. In diesem Zustande des sozialen Erwachens gegenwärtig be­finden sich die indischen Völker; dazu glimmt unter der Asche das noch nie vollständig erloschene Feuer der Freiheitsbewegung, das Männer mit glühender nationaler Begeisterung und oft geradezu bewun­dernswerter Selbstlosigkeit wie Ghandi u. a. an­zufachen verstehen. Die Haupttäger der Freiheits- beroegung sind heute die indischen Muharnedaner, die zwar in der Minderheit, aber doch der geistig regsamere Teil unter den indischen Völkern sind, die Verbindung mit Kairo, der Hochburg und dem geistigen Mittelpunkt des Islams ist unverkennbar. Wo auch auf unserem Erdball Erhebungen von Stämmen und Volksschichten nichteuropäischer Völ­ker in den vergangenen Jahren stattgefunden ha­ben, immer stößt man neben der nationalen Frei­heitsidee auf die kommunistisch-bolschewistischen Strömungen. Diese waren zum Beispiel in der