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Anzeiger für die Skadt und den Kreis Fulda. Amtliches Kreisblakt.
Samstag, 7. November 1925.
Nr. 258
Berantwortlieb fü« bie SchriMettung: Dr. JobanneS Kramer- «n,eigen: 3- 2 arreller, Fulda. Notationdvruck und «erlag der Fuldaer LktieudruSerei In Fulda. Ferulvreeber Nr- 9.
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52. Zahrg.
Um die große Koalition.
Während des Donerstags haben Besprechungen führender Persönlichkeiten der Fraktionen des 3 en» tru ms, der Demokraten, Soziakdemo - traten und auch der Deutschen Volks- partei stattgefunden. Die Initiative nu diesen Besprechungen ist nach der „Boss. Ztg" ÜOn} -3 e n= trum ausgegangen. Das vorläufige Ergebnis fei nach dem genannten Blatt die Vereinbarung, dvtz am Freitag eine direkt« Aussprache zwischen den Führern der Deutschen Volkspartei und lenen der Sozialdemokratie stattfinden soll und zwar noch vor der Sitzung der sozialdemokratischen Reichs- tagsfraktion, die bekanntlich Freitag nachmittag Zusammentritt.
Cs braucht nicht betont zu werden, daß das Zentrum, wenn es die Initiative zu dieser Vorbereitung der großen Koalition (Volkspartei bis einschließlich Sozialdemokraten) ergriffen hat, damit der Deutschen Volkspartei einen großen parlamentarischen Dienst erweist. Denn eigentlich ist es doch die V o l k s p a r t e i, deren führende Persönlichkeiten,. Stresemann und Dr. Luther, in Locarno sich festgelegt haben, die setzt, nach dem Abspringen der Deutschnationalen, die Maßnahmen für die Ordnung der Sinje zu treffen hätten. Wenn das Zentrum sich heute bemüht, den Ausweg aus der Sackgasse zu öffnen, so übernimmt es wieder um des Volkes willen eine Rolle, die ihm die Nutznießer nicht danken werden. Wir haben das schon oft erlebt. Aber schließlich gilt für das Zentrum immer wieder das Wort: das Vaterland über die Partei. iÄxü
Die „Rückwirkungen".
Die Verhandlungen des Ministeriums für die besetzten Gebiete mit der Rheinlandkommission in Koblenz sind, wie der Reichsdienst der deutschen Presse erfährt, im vollen Gange. An den Verhandlungen sind beteiligt, Oberpräsident Dr. F u chs, und als Vertreter des Ministers für die besetzten Gebiete Ministerialdirektor Dilfhey und Ministerial- direktor Dr. Mayer.
Zur Erörterung stehen die Besprechungen über die Aufhebung von Ordonnanzen, die sich auf folgende Materien beziehen: 1. Versammlungsrecht, 2. Presiefreiheit, 3. Steuerhoheit, 4. WtrtschkksrstzMrrstnd & Wiederherstellung der staatlichen Souveränität. Auch der vorhandene Rest von Ordonnanzen aus der Micumzeit soll endgültig beseitigt werden, lieber die Aufhebung einer Reihe von Ordonnanzen ist schon eine Einigung eni-'It.
Die Frage der Wiedereinsetzung eines Rhein- l a n d k o m m i s s a r s ist, wie bereits gemldet, soweit gediehen, daß die Einsetzung eines solchen Kommissars gesichert ist. Wie wir Horen, kommt als aussichtsreichster Anwärter für diesen Posten der deutsche Botschafter in Madrid, Freiherr Lang- ilverth von Simmern, in Betracht, der einer alten 'rheinischen Familie entstammt.
ft Infolge eines Rundschreibens des belgischen Iu- stizministers hat das Kriegsgericht von Brabant das Verfahren gegen den deutschen Oberst Mercin und Agenten der deutschen politischen Polizei Pinkofs eingestellt. Auch andere gleichartige Prozesse sollen sofort niedergeschlagen werden.
Locarno und die pariser Kammer.
In den Wandelgängen der französischen Kammer wird erklärt, daß Painleve und Briand im Kammerausschuß für Auswärtige Angelegenheiten sich auch über die Abkommen von Locarno aussprechen würden. Es bestehe die Ansicht, daß die Abkommen von Locarno eine Ratifizierung des Parlaments nicht erforderten, sondern daß es genüge, eine Tagesordnung anzunehmen, die gebilligt würde.
Nach der chaoasagentur ist es wahrscheinlich, daß die Regierungsvertreter und die Ausschußmitzlie- 6er sich auf dieses Verfahren einigen, fr *
In der französischen Kammer ist setzt, als Rückwirkung der Kabinettskrise, eine neue Fraktion, entstanden. Infolge der Meinungsverschiedenheiten, die sich innerhalb der demokratisch-revu» bliranischen Linken (Fraktion Maglnot) ergeben haben, da einige ihrer Mitglieder am Dienstag für das Kabinett Painleve eingetreten sind, haben 14 Abgeordnete unter Führung von Le Trocquer, Colrah und Landrn eine etwas mehr nach links orientierte neue Fraktion gebildet, die sich «Unabhängige Linke" nennt. Die Fraktion Magiuot hat nun nur noch 29 Mitglieder.
Kegypten und Syrien.
wtb Kairo, 6. Roo. (Lig. Rundf.-Meld.) 3n einem Aufruf zur Unterstützung der geschädigten Syrier erklärte der vormalige Premierminister und nationalistische Führer ZaglulPaf cha: Frankreich hat die Welt überzeugt, daß es als Mandat-Macht nicht, wie es behauptet, im 3nftreffe des beherrschten Volkes, sondern im eigenen Interests gehandelt hak. Die französischen Fehler können nur durch strenge Destrafung der Verantwortlichen gesühnt werden und durch die Anerkennung der Rechtes der Einwohner, sich nach eigenen Gesehen zu regieren. — Zaglul Pascha eröffnet die Liste der Spenden mit 100 Pfund Sterling.
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Havas meldet aus Damaskus: Die militärischen Behörden haben die Bevölkerung davon in Kenntnis gefetzt, daß ein 2IrtiIIeriefeuer auf Damaskus eröffnet werben konnte, um gegen die aufständischen Drusen vorzugehen.. Französische gruppen zerstreuten die Aufständischen weiter.
Die Reichstagsfraktion hat selbstverständlich in der Angelegenheit Wirth eine endgültige Entscheidung nicht treffen können und wollen. Sieie muß dem Reichsparteitag vorbehalten bleiben. Es ist ein Ausschuß gebildet worden, der nach der Rückkehr Wirths aus Amerika., die für die nächsten Tage erwartet wird, sich M't ihm ins Benehmen fetzen soll, um-den ganzen Fragenkomplex, der mit seinem Schritt aufgeworfen wurde, zu erörtern.
Der 3entrum$»Parteitaa.
Der 4. Reichsparteitag der Deutschen Zentrums- Partei wird, wie bereits mehrfach gemeldet, an dcn Tagen vom 16. und 17. November 1925 in der Stadtholle zu Kassel abgebalten. Am Sonntag, den 15. November wird der Reichvarlei- Ausschuß ebenfalls in der Kasseler Stadtballe zusammentreten, der sich mit der Vorbesprechung der Tagesordnung des Reichsvarteitages, mit der Vorbereitung der Kommission für die Bearbeitung besonderer Aufgaben für den Reichsparteitag, mit der Finanzlage der Partei in Verbindung mit der Aufklärunosarbeit und anderen wichtigen Fragen befallen wird. —
Die Tagesordnung.für den Reichspartei' tag selber lautet folgendermaßen: 1. Das Wesen und die Aufgaben der Deutschen Zentrumsvartei in der deutschen Politik. Referent: Reichskanzler a. D. Dr. Marx; Bericht der Reichstagsfraktion. Referent: Reichskanzler a. D. F ehr en l> a ch; 3. Neu» MMbt des Reichsparteivorstandes; 4. Anträge; 5. Verschiebens. .
Die Vollversammlungen finden statt in der Zeit von morgens 9 Uhr bis 12 Uhr und nachmittags von 3 Uhr bis 6 Uhr. Mittags von 12 Uhr bis J42 Uhr und nachmittags von 6 Uhr bis 7 Uhr, sind Kofsionssitzungen festgesetzt.
An Nebenveranstaltungen sind folgende vorgesehen:
Am 14. November, abends 8 Uhr. treten der Vorstand und die Vorsitzenden der Landes- und Provinzialverbände der Deutschen Windthorstbunde zusammen.
Am 15. November tagen der Reichstagsfrauen- beirat und die Vertreter der Diaspora
Am 16. November, abends 8 Uhr, findet eine öffentliche Versammlung in der Stadthalle seitens der Kasseler Zentrumspartei statt.
Slim plan einer englischen Arbeiter - Mliance.
wbt London, 6. Rov. (Eig. Runds -Meld.) »Daily herald" meldet über die gestrige Konferenz der Gewerkschaftsausschüsse, die sich mit dem Plan des Abschlusses einer großen Arbeiker-AMa- befasse, daß die Vertreter der englischen Eise:. ->gn- Fusion wegen Abehnung eines von ihnen gestellten Abänderungsantrages zum Konstitutionsent- wurf endgültig erklärten, daß die Eisenbahner sich nicht an der Alliance beteiligen könnten. Die übrigen Vertreter nahmen hieraus den Entwurf einer Konstitution an, der den Mitgliedern der Gewerkschaften zur endgültigen Entscheidung vorgelegt werden soll. Die nächste Konferenz der am Alliance- Plan bekeitigten Gewerkschaften dürste nicht vor Ende des Jahres stattfmden.
* Holland in China. HavaS meldet aus Peking: Aus Grund der jüngsten Ueberschwemmungskatastrophe des gelben Flusses hat die Regierung der Niederlande ihren ganzen Anteil an der Boxerentschädigung zur Verfügung gestellt, um Wirtschaftliche Studien für die Ausstellung eines Planes zur Regelung des Flutzlaufes vorzunedmen. China habe sich damit einverstanden erklärt, daß die Niederlande einen ihrer am besten hierfür geeigneten Ingenieure damit beauftrage.
* Amerika Will, wie Meldungen auS Paris und London besagen, Jlolien besonders günstige Be» Öinp.ungen für die Regelung seiner Kriegsschulden gewähren. Nach den vorliegenden Berichten hätten die Ämkrikaner emgeWilligt, Italien bessere Bedingungen zu gewähren, als sie seiner Zett Bel« qien gewährt wurden. Belgien war von allen Schuldnerstaaten bisher am mildesten behandelt worden.
Der bedrohte Mussolini.
Die Blätter der italienischen Faszisten berich- I ten über ein Attentatsversuch auf ihren Führer, I den Ministerpräsidenten Mussolini. Aus g n b e r n I Quellen sind bei der in Italien bestehenden Presse- Unfreiheit Mitteilungen nicht zu erlangen. Unter der Anschuldigung, ein Komplott gegen das Leben des Ministerpräsidenten Mussolini angezettelt zu haben, sind der durch den Weltkrieg bekannt gewordene General Capello, einer der Führer der italienischen Freimaurer u. der frühere sozialdemo- kratische Abgeordnete Z a n i b o n i, der im Kriege als Hauptmann die höchste Auszeichnung erhielt, verhaftet worden. Der Minister des Innern hat außerdem die sofortige militärische Besetzung aller Freimaurerlogen angeordnet. Es sollen noch weitere hervorragende Mitglieder der Freimaurerloge von Italien in die Verschwörung verwickelt sein. Der Anschlag sollte dieser Tage während der Feier des „Marsches auf Rom" ausgeführt werben, wo Mussolini in der Oeffentlichkeit er« schien, um Reden zu halten und an den Umzügen eilzunehmen. Die Angelegenheit erregt in ganz Italien großes Aufsehen.
Mussolini sandte ein R u n d s ch r e i b e n an die Präfekten, in dem er sie auffordert. Vergeltungsmaßnahmen zu verhindern. Die Leitung der Fas- zistifchen Partei befiehlt allen itafienifdjen Faszisten, sich jeder Gewalttat gegen die Gegner zu enthalten.
In Rom haben die angeblich entdeckten Mord- plane, — Mussolini sollte mit einem Gewehr mit Zielfernrohr erschossen werben —, ungeheure Aufregung verursacht. Sämtliche Blätter wurden verboten mit Ausnahme der faszistischen „Epoca" und der „Idea Nazionale". Der Minister des Innern, Federzoni, habe den Attentatsvlan von Anfang an gekannt, und der Polizei fei keine Phase der Entwicklung geheim geblieben.
Sämtliche Mitglieder des diplomatischen Korps begaben sich in den Palazzo Chigi, um Mussolini ihre Glückwünsche für seine Errettung aus drohender Gefahr darzubringen. — Da. wie oben gemeldet, der Innenminister über alles unterrichtet war, kann Mussolini nicht in allzu großer Gefahr geschwebt haben.
Wtb R 0 m, 6. Rov. (Eig. Rundf^Meld.) Durch Pekanntwerden des Planes eine« Attentats auf Mussolini ist bisher die Ordnung in Italien nicht gestört worden. Die Blätter beschränken sich auf einen Abdruck der gemeldeten Mitteilungen über den Plan. Rur .Messagers" bringt Einzelheiten. Der verhaftete Abgeordnete Zaniboni einer der Haupkagitatären in der Ausschlachtung der Angelegenheit Motteotli gegen den Faszismus stand in letzter Zeit in enger Verbindung mit dem ebenfalls verhafteten General Lapello, dem Organisator der antifaszistischen Stoßtrupp«« und dem Verbindungsmann zwischen den italienischen Ankifaszisien und in Frankreich ansässigen Verschwörern. Von einer Geheim-Rachrichten-Jentrale in Frankreich werden die europäischen und außereuropäischen Länder mit den saszismus-schädlichen Rachrichten versorgt. In Frankreich werden anfl- faszistische Stotztruppen ausgebildet, um im geeigneten Moment in Italien einzugreifen. In Italien ist insgeheim eine Anleihe für die Freiheit herausgegeben worden. Verhaftet wurden u. a. ein Mitarbeiter am „Popolo Ouaglia", der als Sekretär Zanibonts gilt, und zwei Personen In Mailand. ___________
Lin italienisch-russischer vertrag?
Wbt London, 6. Roo. (Eig. Runds.-Meld.) Rach einer Rewyorker Meldung veröffentlichte „Rewyork World" einen angeblich im vorigen Jahre unterzeichneten Geheimvertrag zwischen Italien und Rußland. Der Vertrag, der den nahen Osten in Jnkereffenspharen teilt, beginnt mit der Erklärung, daß die russischen und Uallenischen In- teressen in Osteuropa identisch seien und enthält folgende Verpflichtungen: Italien verpflichtek sich für den Fall eines russisch-türkischen Konflikts nicht zur Entsendung von Truppen, wohl aber zur Unterstützung Rußlands auf diplomatischem Wege. Weiter verspricht Italien. Rußland so gut wie freie Hand in Rumänien, das als Gebiet bezeichnet wird, wo feine Jnteresten-Gegensätze zwischen Rußland und Italien bestehen. Rußland verpflichtet sich für den Fall eines italienisch-türkischen Sonflikks zur militärischen Unterstützung Italiens durch Entsendung von Truppen und Einsatz von neuen Sfteit- kräften. weiter erklärt sich Rußland bereit, die Entwicklung der italienischen Sonderlnteressen in Jugoslavien nicht zu behindern.
3um M Wirth.
Man schreibt uns aus dem Reichstag:
Die Reichstagsfraktion des Zentrums hat sich im Anschluß an bie Besprechung über die außenpolitischen Fragen auch mit den innenpolitischen An- gelegenbeiten, darunter auch mit der durch den Fall Wirth geschaffenen Lage beschäftigt, lieber den Verlauf dieser Besprechung bringt das „Berliner Tageblatt" einen Bericht, der u. a. ausführt, daß an der Haltung des Fraktionsvorsitzenden Feh- re n b a ch beim Austritt Wirths aus der Fraktion zum Teil „scharfe Kritik" geübt worden wäre. Man sucht den Anschein zu erwecken, als hätten sich überhaupt über diese Angelegenheit unangenehme Auseinandersetzungen m der Reichstagsfrok- tion vollzogen. Das „Berliner Tageblatt" spricht auch in diesem Zusammenhang von einem alsbal- digen Wechsel in der Leitung der Zentrumsfraktion.
Von authenischer Seite wird uns dazu mit» geteilt, daß diese Darstellung über den Verlauf der Sitzung der Zentrumsfraktion in keiner Weise den Tatsachen entspricht, sondern daß das Gegenteil zutrifft. Die Verhandlungen über den sogenannten Fall Wirth haben sich in der Fraktion in völliger Ruhe und Sachlichkeit und ohne irgendwelche Erregung abgespielt.
Selbstverständlich bat eine ausgiebige Aussprache stattgefunden, die sich auf den Gesamt kreis der mit dem Fall Wirth aufgeworfenen innen- und parteipolitischen, namentlich auch Aufklärunas- und Organisationsfragen der Partei beschäftigt, die aber zu einer vollen sachlichen Ueberetnftimmung über die weitere Behandlung dieser Angelegenheit, insbesondere auch gegenüber dem Reichsparteitag geführt hat.
Von einem Tadel gegenüber Fehrenbach, ober gor von der Entziehung des Vertrauens der Reichstagsfraktion gegenüber dem Fraktionsvorfitzenden Frhrenbach ist auch nicht mit einem Worte die Rede gewesen. Auch in dieser Spezialfrage ist das Gegenteil richtig. Die Darstellung des „Berliner Tageblattes" muß als eine tendenziöse Stimmungsmache zurückgewiesen werden.
Heue Lage.
Von Professor Dr. Friedrich Desstzuer, M. d. 9t., Frankfurt a. M.
Der Herbst dieses Jahres sieht das Ereignis, auf welches Europa jfeit d<m Zusammenbruch wartet: Den Anbruch einer neuen Zeit, die grundsätzliche Abkehr von vergangenem Irrtum und die entscheidende Wendung zu anderen Methoden zu regeln.
Versailles — Locarno! Abschluß einer Zeit! — Beginn einer neuen! Die alte Zeit bat ein Jahrtausend und mehr gedauert. Solange war das Rheinproblem Quelle europäischen Unfriedens, unausgesetzter Kriege und Drohungen. Em unermeßlicher Strom von Leid, Menschenqual und Todesopfern ist aus diesem Bruchgebiet des europäischen Friedens gekommen. In Versailles kulminierte noch einmal der Haß, all das Mißverstehen und all bie menschliche Unzulänglichkeit, welche aus dem Rheinproblem erwachsen sind, und nun, 7 Jahre später, wird der Versuch gemacht, mit diesen bösen Geistern endlich aufzuräumen.
Daß uns, den stolzen Europäer, die neue Welt mit Macht und Einfluß überflügelte, das Ansehen des Europäertums auf diesem Erdball sank, daß wir Deutsche und nicht wir allein ein schweres, unbefriedigendes Lebenslos gezogen haben, kommt aus b$m alten Problem des Zwistes über das Rheinland. Für Frankreich war das Rheingebiet der Schlüssel für die Hegemonie in Europa, für Deutschland Lebensnotwendigkeit. Für Frankreich Ausgangspunkt der Weltgeltung und der Entsal- • tung, für Deutschland Quelle des Lebens, des Aus- Ijarrens. Nun kommen beide zueinander aus freien Stücken und sagen sich, der Hader eines Jahrtausends sei begraben: Ihr Deutsche opfert Elsaß- Lothringen, Eupen. Malmedy endgültig und ergreift nicht mehr eine Waffe, um sie zurückzuerobern. Wir aber geben Euch den Anteil des Mittelrheins und Unterrheins an beiden Ufern, und auch wir werden niemals mehr an die Macht appellieren, um alte Ansprüche zu verwirklichen. So opfert jeder von uns. Ist auch Elsaß überwiegend deutsch- stämmig, so bedeutet der deutsche Verzicht doch nicht den,Verzicht auf ein Volk, das mit allen Fasern zum Reiche mochte. Und es gibt keine Vergleiche, weder unter den Menschen noch unter den Völkern bei denen nicht Opfer gebracht werden müssen.
Damit taucht das Gespenst unter den Gesichtskreis, welches immer als Drohung, manchmal als Furie des Krieges, Europas Volker erschüttern Keß. Der größte Gegensatz zwischen Frankreich und Deutschland ist ausgeglichen, und mit der starken Konsequenz, die in den Tatsachen selbst ruht und diese Konsequenzen sind viel stärker als alles, was die Menschen ausklügeln — wird das tiefe innere Mißverstehen zwischen deutschen und französischen Menschen in kommenden Jahren erloschen. Man wird nicht mehr Werke gegeneinander, man wird gemeinschaftliche Werke verrichten können ohne Prestige-Angst und kleinliche Furcht, sich gemifpr Vorteile zu begeben. Gibt es ferne Hoffnung mehr auf Gewinn und Verlust in der Frage des Rheines, so entbehren Sanktionen, Vorrechte ib.es Sinnes und scheiden von selbst dahin. Sie können sich ja nicht halten, weil sie nichts mehr bringen. Was nichts bringt und nur kostet, wird vor der Zeit beseitigt. Kein Grund mehr für Europa, in Waffen zu starren. Frankreich kann beruhigt das Schwert aus der Hand legen, als Deutschlands Hand schov längst entglitt.
In diesen Jahrhunderten hat der offene ober verborgene Zwist um das Rheinland die Kräfte der beteiligten Völker gebunden und für andere Ziele stillgelegt. Nun werden sie frei. Wozu? Für Europa und für die Erde. Deutschland, von der Drohung erlöst, atmet auf. Sein technischer Geist, der Geist seiner Wirtschaft reckt die Glieder, gleichberechtigt tritt es, neu erstarkt in den fried- lichen Austausch geistiger und materieller Güter. Auch seine Kunst, seine Literatur, seine Wissenschaft wird das Verdrängte, manchmal Verzerrte ablegen können, welches selbst auf diesen Gebieten Folgeerscheinung einer politischen Angstlage ist.
Als großes Problem tritt Europa in den Dordergund, Europa, einstmals und bis vor kurzem wichtiger Erdteil, Führer der Kultur und Zivilisation des Planeten. Locarno wird Schule machen. Wie einst in den menschlichen Verhältnissen der Dörfer und Städte die gesetzliche Regelung die ewige Ungerechtigkeit der Gewalt bezwang, so wird von nun ab Gesetz und Wahrspruch die Ord- nung der europäischen Volker schlichten. Auch Gesetze und Wahrsprüche sind nicht völlig gerecht. Aber sie siird besser als Regelung durch Krieg oder Gewalt — denn nach dem Kriege waten die Dinge fast immer ungelöster, schlimmer als vorher.
Welche Fülle von Problemen wartet auf Europa: Heranbildung‘ einer veredelten In- gend, Erziehung des G e m e i n s ch a f t s g e i- st es und der wechselseitigen Verantwortung, Bewältigung ungeheurer Bevolkerungsprobleme und noch größere Probleme der Kultur. Wenn in Lon- don der Vertrag von Locarno unterzeichnet sein wird, dann kann es so kommen, daß man von diesem Tage an eine neue Zeitepoche Europas,, ja eine neue Weltepoche rechnet. War Versailles ein wirkliches Teufelswerk, aus Haß, Kleingläubigkeit, Mißtrauen und Egoismus, so ist Locarno die große Geste: Mit diesen Methoden ging es nicht, wir wollen wieder anständige Menschen werden!
Wie ganz anders wird, bei so veränderter Lage, die Zukunft auch der deutschen Innenpolitik aussehen. Wenn jetzt noch die besetzten Gebiete wieder frei sind, wenn das Schicksal der Saar nicht mehr fraglich ist, wenn die Handelsverträge uns b« Welt wieder geöffnet haben, wenn infolgedessen