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Anzeiger für die Sfabf und den kreis Fulda. Amtliches Areisblafi.

Donnerstag, 5. November 1925

In Erwartung der Rückwirkungen

vorläufig keine

ftanb in Be

-

In der Sitzung des Nationalrates der Sozialisti- schen Barte: haben die Abg. B o n c o u r, Renau- del, Moutet und A u r i o l beschlossen, als Mit- alieder der politischen Ausschusses der Sozialistischen Fraktion surütf^utreten. Der Rücktritt läßt auf tiefpehende Meinunasverschiedenhei- ten in der Sozialistischen Partei schließen.

Vie Neugruppierung im Rheinland.

Von authentischer Seite wird dem „Mainzer Generalanzeiger" mitgeteilt: Es ist nunmehr end­gültig bestimmt, daß die englische Rhein­armee von etwa 10 000 Mann nach der Räu­mung Kölns in das Gebiet des rechtsrheinischen Brückenkopfes Mainz, und zwar in die Kreise Wiesbaden-Stadt, Wiesbaden-Land, den R h e i n g a u und den Untertaunus­kreis verlegt wird. Die Kreise Königstein, Ober­taunus, Höchst a. M., Großgerau usw. bleiben von französischen Truppen beseht. In der Stadt Wies­baden wird das englische Hauptquartier und der gesamte Generalstab Standquartier nehmen, ebenso werden dort sämtliche Büros der Militär­polizei in Stärke von 700 Mann, die auf die ver­schiedenen Kreise verteilt werden, untergebracht. Der Termin, an dem die Ueberstedlung der Truppen erfolgt, ist noch unbestimmt. Die im Gebiet des rechtsrheinischen Mainzer Brückenkopfes in den Kreisen Wiesbaden-Stadt, Wiesbaden-Land, Rhein­gau und Untertaunus seither untergebrachten fran­zösischen Regimenter und sonstigen Formationen, die zu dem 30. Armeekorps gehören, sowie das Generalkommando des 30. Armeekorps würden voraussichtlich nach dem preußischen Kreis Kreuz­nach und nach den Hess. Kreisen Bingen und Mainz verlegt. Es sei beabsichtigt, daß der Sitz des Generalkommandos des 30. Armeekorps die Stadt Kreuznach werden soll. Wie weiter verlau­tet, sollen in dem von den französischen Truppen besetzten Rheinland 33 Kreisdelegierte abberu­fen und deren Stellen eingezogen werden.

preußischer Landtag.

VDZ Berlin, 4. Nov. (Eig. Rundf.Meld.) Der Aeltesten-Ral des preußischen Landtages beriet erneut über die Geschäftslage. Am Donners­tag soll die zweite Lesung des Finanzausgleiches auf die Tagesordnung gesetzt werden. Es soll auch eine Abendsihung stattfinden. Bis Freitag will man den kultushaushait beenden. Es tritt dann die bereits beschlossene pause ein. 2Han rech­net damit, daßdiezweiteLesungdesEtats erst Anfang Dezember beendet wird. Für die dritte Lesung ist der 9. Dezember in Aussicht genommen. Die Deihnachlsferieu sollen am 19. Dezember beginnen und bis zum 12. Januar anhalt ew

Marokko.

Die amerikanischen Flieger in der Tanger-Zone.

Wtb London, 4. Nov. (eig. Runds.-Meld.) Rach der »Times" sind die amerikanischen Flieger, die mit französischen Bombenflugzeu­gen in der Tanger-Zone gemeldet waren, gestern wieder nach der Front abgeflogen. „Dcvlq Rews meint, der Zwischenfall werde vermutlich eine in­teressante Frage im Zusammenhang mit der Neu­tralität Tangers aufwerfen. Die Flieger hätten den Behörden keine Mitteilung von ihrer Anwesen­heit gemacht.

Verhängnisvolle Granate.

Wtb Paris, 4. Roo. (Eig. Rundf.Meld.) Rach Vlätkermeldnngen ist bei der Be s ch i e ß u n g von Tetuan durch die Risleute eine Granate auf die Raserio-Moschee gefallen und Hal diese vollständig zerstört. Es hat einen Toten und mehrere Verwundete gegeben.

Die Lage in Syrien.

Havas berichtet aus Beirut: Trotz anders lautenden Nackrickten ist d»e Oaae in Damaskus ruhig. Die an den beiden Abhängen des Hermon durchgeführten Polizeimaßnahmen haben zur Ent­waffnung sämtlicher Ortschaften geführt.

Der Umschwung in Persien.

wtb London, 4. Rov. (Eig. Runds.Meld.) „Ehicago-Tribune" meldet aus Teheran: Der neue König pahlavi, der bisher Ministerpräsident mar, hat gestern ein Dekret erlassen, roorm er die Schlie­ßung aller Spielhäuser und aller Brcmnkwcmfchsn- ken anordnet und erklärt, seine Herrschaft werde bedeuten: Arbeit und nicht Schauspiel. In seiner Ansprachen bei den ersten Empfängen von Aoord- nungen erklärte der König wiederholt, er werde fort großzügige Maßnahmen ergreifen, nm die Lag, des Landes zu verbessern. Ein Ausschuß ist er­nannt worden, um die Bestimmungen für bit Mahl der verfassunggebenden Ver­sammlung zu treffen, die aus 300 Milgliedcrr besteht und alle Kreise der Bevölkerung vertreten soll, sowie eine Reform der Verfassung vorzuberei- ken und damit die A b s e h u n g d e s s r ü h e r e n Schahs und die Ernennung pahlavis zu seinem Rachfolger zu legalisieren.

unb feine Körperschaften unterbreitet werden kann.

Gegenüber der Verdrehung der Tatsachen, die mit Absicht oder aus Unfähigkeit von deutschnatw- naten Presse-Amateuren zurzeit leichtgläubigen Le­sern dargeboten wird, ist aus dieser Mitteilung also nochmals hervorzuheben: alle an der Regie­rung beteiligten Parteien hielten es für notwendig, vor der Entscheidung über Annahme oder Ableh­nung der Locarno-Verträge die Rückwirkungen a b - zuwarten. Rur die deutschnationale Volkspartei hat sich zu dieser abwartenden Haltung nicht entschlossen. Zwar nicht die deutschnationale Reichstagsfraktion, die sich darüber in Schweigen hüllte, aber der deutschnationate Parteiausschuß hat ohne Rückwirkungen abzuwarten, bereits Rein gesagt. Die Fraktion mußte daraus die Folgerun­gen ziehen und die deutschnationalen Minister ab­berufen, von denen Schiele nach guten Informa­tionen, an denen Dementis nichts ändern können.

* Aufdeckung von Anschlägen auf italienischen Bahnstrecken. (Eigene Rundfunkmeldung aus Rom.) Bei Saronna an der Mailänder Nord­bahn wurden unter den Bahngleisen von Strecken­arbeitern zwei geladeneB o m b e n gefunden. In Forli wurde eine quer über die Schiene gelegte Schwelle entdeckt. Zwei der Tat verdächtige Kom­munisten wurden verhaftet.

* Mm den Mrfschastsfrieden in England. Eine Meldung aus London besagt: Kriegsminister Wort- hington Evans bezeichnete es in einer Rede als erwünscht, auch für die englische Industrie einen Locarnofrieden abzuschließen. Die ersten Schritte dazu sollten von den Leuten getan wer­den, die im industriellen Leben tätig sind, und nicht von den Polistkern, denn die Politik spiele in der Industrie schon eine zu große Rolle. Die Forderung nach einer Verstaatlichung der Gruben habe viele Arbeiter dazu veranlaßt, .in den Be­trieben in einer Weise mitzuarbeiten, daß sie sich für einen privaten Unternehmer nicht mehr rentie­ren. Sie hätten sich von politischen und nicht von wirtschaftlichen Erwägungen leiten lassen.

* Gefangenhaltung amerikanischer Staatsange­höriger in Ehina. Der amerikanische Konsul berich­tet der amerikanischen Gesandtschaft in Peking, es werde angenommen, daß zwei amerikanische Prie­ster von Banditen auf den St. Johns-Inseln, etwa 120 Meilen südwestlich von Hongkong, gefangen gehalten werden. Ein amerikanischer Zerstörer und ein chinesisches Kriegsschiff werden wahrschein- lich nach der Insel entsandt werden, um die Frei­lassung der Gefangenen zu bewirken..

erklärt hatte, er sage zu Locarno freudig und laut: I a. In der deutschnationalen Partei geht zur­zeit eine heftige Auseinandersetzung vor sich. Ins­besondere sind es Kräfte innerhalb der deutschnatio­nalen Reichstagsfraktion selber, die die eingeschlagene Taktik bekämpfen. Hat schon die Beschlußfassung der Reichstagsfraktion in Anwesen­host von knapp der Hälfte der deutschnatio­nalen Reichstagsmitglieder stattgesunden, so daß allein schon diese Tatsache sehr beachtet werden muß, so ist andererseits die Stellungnahme der Reichs­tagsfraktion auch unter den anwesenden Fraktions- Mitgliedern nicht unbestritten gewesen. Es sind jetzt innerhalb der deutschnationalen Reichstagsfraktion Kräfte am Werk, die sich bemühen, den Fehlfpruch wieder zu korrigieren. Es bleibt aber außerordent­lich fraglich, ob das noch möglich ist, nachdem die Dinge soweit gediehen sind und die deutschnationale Reichstagsfraktion sich von den lediglich auf Agitation eingestellten Landesvertretern hat überrennen lasten. Immerhin wird man sich in diesem Punkte noch auf mancherlei Ueberraschungen gefaßt machen müssen.

Was sich gewisse Rechtskreife, denen die Politik nicht nach ihrer Nase geht, alles gegen leitende Staatsmänner und selbst gegen den Reichs­präsidenten gestatten können, ist dieser Tage in einer Versammlung des Landbundes in Schwerin zutage getreten. Dort hat der schon aus dem Kapp-Putfch bekannte Dr. Wendhaufen unter anderem gefügt: „Im deutschen Reiche sind Män­ner rote Hindenburg, Luther und Strese- mann reine Marionetten." In derselben Versammlung wurde dann auch noch mit „außer­ordentlichen Maßnahmen" gedroht.

Es ist schon weit gekommen, wenn solche Kreise den Mann, der es mit seiner Verantwortlichkeit wirklich ernst nimmt, und damit allerdings die­jenigen, die ihn als Aushängeschild benutzen wollten, beschämt, in dieser Weise vor aller Oeffentlichkeit herabsetzen können. Sie zeigen damit, daß sie mit Hindenburg ganz andere Ziele, die den Interessen der Gesamtheit des Volkes nicht entsprachen, ver­folgen wollten.

Das (Ergebnis der Besprechung.

Zu der Aussprache des Reichskanzlers mit den Führern der in der Regierung vertretenden Par­teien bemerkt die „Deutsche Tageszeitung", das über die Besprechung gegebene (Kommunique bestätige die Austastung des Blattes, daß es vorläufig nicht zu einer Umbildung des Reichs­kabinetts kommen werde.

Die „Tägliche Rundschau" betont die volle lieber« einftimmung in der Regierungskoalition nach dem Ausscheiden der Deutschnationalen und nennt dieses Ergebnis der Konferenz besonders erfreulich. Wec­ker bezeichnet das Blatt als bemerkenswert, daß die Führer der Regierungsparteien sich auch in der Mißbilligung des deutschnationalen Vor­gehens einig sind.

Wie die „Germania" mitteilt, ist auch die Fra k- tionsfitzung des Zentrums der Meinung OLwelen. daß sich die Leutichnationalen, wie es in

Die englischen Gemeinderaksroahlen. Nach den Ergebnissen der Gemeinderatswahlen in den 80 größten Städten der englischen Provinz hat die Arbeiterpartei gegenüber den Konservati­ven und Liberalen einen Gewinn von 47 Sitzen zu verzeichnen. In London, wo das Wahlerg'eb- nis noch nicht vorliegt, ergibt sich bisher für die Arbeiterpartei einen Gewinn von 33 Sitzen.

painIevSs Mehrheit.

Gegen alles Erwarten hat der französische Mi­nisterpräsident Painleve in der Kammer ein 'Ber= trauensvotum erzielt. Die Sozialisten, die, sich gegen Painleve festgelegt hatten, haben sich bet der Abstimmung enthalten, wodurch die htnter Patn- leve stehenden Gruppen die Mehrheit gegen die Reckte und die Kommunisten erzielten. Bet der Abstimmung über die Vertrauensfagesordnmtg stimmten die Kommunisten und die Rechte gegen die Regierung. Die Sozialisten forote einige Abgeordnete des Zentrums und der Rechten ent­hielten sich der Stimme. Die sozialistisch radikale Linke stimmte f ü r die Regierung.

Das Vertrauensvotum hat folgenden Wortlaut:

Die Kammer billigt die Regierungserklärung. Sie hat zu ihr das Vertrauen, daß sie in Uebereinstimmung mit der Mehrheit der Republi- kane eine Politik des Fortschritts und der finan­ziellen Sanierung verfolgen wird, und geht unter Ablehnung jeglichen Zusatzes zur Tagesordnung über.

Für das Vertrauensvotum haben 221, dagegen 189 Abgeordnete gestimmt.

Im Namen der sozialistischen Fraktion gab der Abgeordnete Paul F a u r e die Erklärung ab, daß die Sozialistiscke Fraktion nickt in der Lage sei, dem Ministerium Painleve ihr Vertrauen zu gewäh­ren, was jedock nicht bedeute, daß sie gegebenen« falls einer Politik, die in unzweideutiger Weise den Wünscken der breiten Masse ent­spreche, ihre Mitwirkung verweigern werde. Wer die Unterstützung der Sozialisten haben wolle, wisse danach, woran er sich zu halten habe.

Es ist also festzustellen, daß Painleve mit der Ausschiffung des früheren Finanzministers C a i l- l a u x fein Ziel, die Sozialisten für fein Kabinett zu gewinnen, nicht erreicht hat. Caillaux wurde umsonst geopfert. Auch weiterhin fehlt Painleve eine unbedingt sichere Mehrheit. Er scheint aber gewillt zu fein, auch bei der jetzigen parlamentari­schen Konstellation Ministerpräsident zu bleiben.

lieber die Besprechungen des Reichskanzlers mit den Parteiführern wird arnrlich mitgeteilt:

Am Dienstag fand unter dem Vvrsig des Reichs- kanzlers sowie unter Teilnahme der Reichsminister Dr. Brauns, Stingl unb Dr. Strefemann eine Aussprache mit den Vertretern der in der Regierung durch Vertrauensmänner vertretenen Parteien statt. An der Aussprache nahmen teil: von der öentrumspartei bte Abgeorbneten Fahrenbach, Marx unb S t e g e r- w a I b, von der Deutschen Volkspartei die Abgeorbne­ten Dr. Scholz, Dr. Curtius und Kempkes von der Bayerischen Volkspartei ber Abgeorbnete Leicht.

Die eingehende Erörterung ergab eine allgemeine Hebereinftimmung in der Beurteilung ber poli­tischen Lage Die Vertreter ber Parteien waren mu der Reichsregierung barin einig, baß bie Schaffung ber ©runblagen für bie enbgültige Entscheidung über bas Werk von Locarno bie beherrschende Frage ber Gelamtpolitik ist, hinter ber alle anberen Fragen jetzt zurückzutreten haben.

Die Vertreter ber Parteien billigten bie infolge des Austritts ber beuti(^nationalen Minister getroffenen Maßnahmen burch Weiterführung ber Regierung. Es herrschte allgemeine Uebereinstimmung darüber, baß bie deutschnatianale Partei, bereu voreiliges Verhalten um bes brutschen Gesamtschicksals willen nachdrücklich mißbilligt mürbe, sich von der wetteren Teilnahme an ber Regierung dadurch selbst ausgeschlossen hat. Die Vertreter ber Parteien gaben ferner ber Auffassung Ausbruck, baß eine Einberu­fung des Reichstags im Laufe des Monats No- uember erst möglich ist, wenn ein erschöpfender Tatbe- zug aufbas Werk von Locarno Rückwirkungen den gesetzgebenben

vor einer Bebe Baldwins.

wtb London, 4. Rov. (Lg. Runds.-Meld.) Der morgigen Rede des englischen Ministerpräfi- denken Baldwin in Aberdeen wird mit großem In­teresse entgegengesehen. „Mornmg-Posi" zufolge, beabsichtigt der Premier-Minister u. a. auf die Lage des britischen Handels feit Lriegsichlutz und besonders auf die wahrscheinlichen Wirkungen des Locarno-Paktes auf die Industrie ein­zugehen.

Der Außenminister Chamberlain hatte Dienstag abend eins e>tnstündige Audienz beim König.

* Die ungarische Währung. Die ungarische Na­tionalversammlung verabschiedete sämtliche Bestim­mungen der Währungsvorlage und entschied end­gültig, daß ein Pengo gleich 12500 Kro­nen sei.

* Jahrhundertfeier der ungarischen Akademie der Wissenschaften. Die ungarische Akademie der Wissenschaften beging am Dienstag ihre Iaht Hun­dertfeier unter Teilnahme der Spitzen des Landes, des diplomatischen Korps und der Delegierten der Schwesterninstitute aus fast ganz Europa. Nach der Festrede des Präsidenten Berzewicze entbot der Reichsverweser den Gruß der ungarischen Nation und gab seiner Freude darüber Ausdruck, daß so viele Länder, durchdrungen von dem Wunsch gei­stiger Zusammenarbeit, ihre Vertreter in so großer Anzahl entsandt hätten. Sodann überbrachten die ausländischen Gäste die Grüße ihrer Auftraggeber. Im Namen aller deuffchen wissenschaftlichen Ver­einigungen sprach u. a. Prof. Max Grubner, Berlin.

* Tagung der internationalen Vereinigung. (Eig. Rundf.-Melbg. aus Rom). Vom 5. bis 7. Novbr. wird in Mailand die internationale intellektuelle Vereinigung tagen. Deutschland wird durch Pro- fesior Curtius und den Prinzen Schönburg- Waldenburg vertreten fein.

* Haussuchung in der Villa Gorkis. Wie die sozialistische Presse mitteilt, wurde vor einigen Tagen in der Villa Gwkis in Torrent eine Haussuchung vorgenommen, wogegen Gorki einen Protest an Musso- lini richtete. Die italienische Regierung hat nun geantwortet, der Zweck der Haussuchung sei gewesen, festzustellen, ob zwischen dem Sekretär Gorkis und der italienischen Opposition Beziehungen beständen

Kabinettskrise.

dem Eommuniaue über die Besprechung mit den Parteiführern heißt, von der weiteren Teilnahme an der Regierung tatsächlich ausgeschlos­sen haben. Es gebe hier keine reservatio men­talis. Das Blatt erwartet, daß die Vollversamm­lung der Zentrumsfraktion am Mittwoch dieser Hal­tung vollkommen beitreten werde, und bemerkt dann weiter, daß diese Abneigung feststehe und n i ck t n u r für die nächsten Wochen bis zur Unter­zeichnung des Locarnovertrages in London gelte.

Das „B. T." sieht die Bedeutung der Bespre­chung in erster Linie der entschiedenen Stellung­nahme der jetzigen Regierungsparteien gegen das Verhalten der D eu t sch n a t i o n a- len, deren Flucht vor der Verantwor­tung einmütig verurteilt und als voreilig gekenn­zeichnet worden sei.

Auch die „Voss. Ztg." bezeichnet die Fesfftellung der Regierungsunfähigkeit der D e u t s ch n a t i o n a! e n als das einzige positive Ergebnis der Verhandlungen. Wie das Blatt weiter meldet, werden der Aussprache interfraktionelle Verhandlungen zwischen Zentrum. Deutscher Volkspartei und Bayeri­scher Volkspartei folgen.

Der „Vorwärts" schreibt, daß die Führerder sozialdemokratischen Reichstags- frattion vom Reichskanzler Dr. Luther für Mittwoch abend zu einer Besprechung über d>e politische Lage in die Reichskanzlei gebeten worden sind.

Ztresemanns BundfunK-Bede.

Am Freitag abend hat Reichsaußenminister Dr. Stresemann im Rundfunk eingehend seine An­sichten über Locarno dargelegt und abschließend er­klärt:

Locarno muß der Anfang einer neuen Ent­wicklung sein, deren wichtigstes Ziel in Lo­carno die Herstellung der Freiheit im Rheinland sein muß. Wir haben in Locarno nichts von dem verschwiegen, was uns in Hinsicht auf das Wohl des deutfcben Volkes am Herzen lag. Wir konnten nichts vsrscknveigen, denn wir waren in Locarno für die Zukunft des deutschen Volkes verantwort­lich. So haben wir auch zum Ausdruck gebracht, daß die gegenwärtige deutsche Regierung keiner­lei moralische Beschuldigung Deutsch­lands am Kriegsausbruch stellt, der bereits im Sep­tember 1924 in dem erwähnten Memorandum der damaligen Regierung Marx niedergelegt worden ist. Mit dem Eintritt in den Völ­kerbund besteht auch für uns das moralische Recht für eine Verleihung von Kolonialmandaten. Auch diese Tatsache ist uns in Locarno bestätigt worden. Der Sinn von Locarno besteht in der Er­kenntnis, daß die europäischen Staaten nicht länger gegeneinander wüten dürfen, wenn Europa nicht zugrunde gehen soll. In allen Staaten Europas hat die Not ihren Einzug gehalten und ist ein ernste MahnerinzurDer- n u n f t geworden. Der Siegestaumel von Ver­sailles ist verrauscht. Heute müssen die Dinge mit anderen Augen angesehen werden. Zwang, Diktat und Gewalt haben es nicht vermocht, ein neues und besseres Europa zu schaffen. Lassen sie uns versuchen, dieses Ziel aufderGrundlagedes Friedens, deutscher Gleichberechti- gungund Freiheit zu erreichen!

ZraKtions-Ätzung des Zentrums.

VDZ Berlin, 4. Rov. (Eig. Rundf.Meld.) Die Zentrumsfrakkion des Reichstages trat heule vormittag unter der Leitung des Reichskanzlers a. D. Dr. Marx M einer außerordentlich zahlreich besuchte» Sitzung zusammen, um Über die poli­tische Lage zu beraten. Die führenden Mitglieder der Fraktion sind fast vollzählig anwesend. Abg. Dr. Wirth ist von seiner Amerikareise noch nicht zurückgekehrt. Ob er sich der Zentrumsfraktion wieder anschließen wird, hängt von dem Ausgang des Ientrumsparteitags in Kassel ab. Die heuti­gen Verhandlungen der Ientrnmsftaktion sind streng vertraulich und werden den ganzen Tag in Anspruch nehmen.

Vie Demokraten.

Der Hauptvorstand der Deutsch-Demokra­tischen Partei, der im Reichstag zu einer Sitzung zusammengetreten war, nahm folgende Entschließung an:

Der Parteivorstanb billigt bie Haltung des Partei- vorsitzenben zur außen- unb innenpolitischen Entwick­lung unb erklärt sich nur mit einer Lösung ber Krise durch eine Regierung einverstanden, die

1. die A n n a h me des Vertrages von Locarno von einer befriedigenden Lösung ber Rückwirkungen abhängig macht;

2. sich für eine ehrliche Durchführung der Politik von Locarno und eine Annäherung der europäischen Staa­ten einsetzt;

3. eine Innenpolitik gewährleistet, die der Festigung der Republik dient;

4. sich auf die Parteien stützt, die bie Außen- unb Innenpolitik entschlossen mitmachen.

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