Anzeiger für die Skadk und den Kreis Fulda. Amtliches Kreisblakk.
Nr. 241
Sonntag, 18. Oktober 1925.
52. Zahrg.
Verantwortlich tüt die Echriitleilirng! Dr- Jobannek Kramer- Sittichen: I. P arzellcr. Fulda. Rotationsdruck und Verlag de» Fuldaer i* tittvtmdrtti w Fulda. FcrnsvreLcr Nr. 9.
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Einigung in Locarno.
West- und Gftpakt angenommen. — Zeichnung der Vertragsentwürfe. - Das Lchlutzprotokoll. — Ende der Konferenz
Am Freilag abend um 6.30 begann die Schluß- si tzun g d e r k 0 n fere n z, in der das Verlrags- werk von Locarno abgeschlossen wurde. Hebet die denkwürdige Sitzung wurde in später Abendstunde folgendes zwischen den Delegationen vereinbartes Lommunigue ausgegeben:
In der tzeuNgen Vollsitzung, die am Vachmittag des 16. Okt. stattsand. wurden zunächst die Tex ts derSchiedsgerichtsvertragsentwürfe zwischen Deutschland und Dolen bezw. der Tschechoslowakei angenommen. Alsdann wurde der Text des Schlußprotokolls über die Arbeiten der Konferenz von Locarno erörtert und angenommen. 3m Schlichprotokoll wurden die Ziele und Ergebnisse der Konferenz feftgestellt sowie die Rückwirkungen, die sich auf die Stabilisierung des Friedens und der Sicherheit in Europa ergeben sollen. Die von der Konferenz ausgearberteten T^r- lröge und Konventionen, die mit der Klausel „ne varietur in London" paraphiert sind und das Da
tum des heutigen Tages tragen werden, lauten wie kdgf:
1. Vertrag zwischen Deutsch'. T), Belgien, Frankreich, Großbritannien und Italien.
2. Schiedskonventiou zwischen Deutschland und Belgien.
3. Schiedskonvention zwischen Deutschland und Frankreich.
4. Schiedsvertrag zwischen Deutschland und Voten.
S.Schiedsvertrag zwischen Deutschland und der Tschechoslowakei.
Diese Abmachungen sollen beim Völkerbund niedergelegt werden. Abschriften stehen setzt schon zur Verfügung dec bei der Konferenz vertretenen Mächte. Für die förmliche Anterzeich- n u ng der in Locarno vereinbarten und paraphierten Verträge ist der 1. Dezember 1925 bestimmt. Die Veröffentlichung der Verträge soll Dienstag den 20. Oktober vormittags erfolgen. Dor Abschluß der Arbeiten richtete die Konferenz an den Präsidenten des Schweizer Bundesrats ein warm gehaltenes Danktelcgramm für die gastliche Aufnahme, die ihr in der Schweiz zuteil geworden ist. Der Bürgermeister von Locarno wurde darauf in den Konferenzsaal eingeladen, wo ihm Herr Chamberlain namens der Delegationen erneut den Ausdruck ihres Dankes für die Aufnahme in Locarno und des dort erwiesenen Entgegenkommens übermittelte. Die Sitzung wurde hierauf für 1% Stunden unterbrochen, um den Sekretären der Delegationen die Vorbereitung der zur Unterschrift ge- langenden diplomatischen Urkunden zu ermöglichen. Die Verträge wurden um 7 Uhr abends paraphiert. Zum Schluß der Sitzung wurden von den Herren Stresemann, Briand, Chamberlain, Vandervelde und Mussolini Ansprachen gehalten.
Ueber dio Schlußsitzung kann über das amtliche Kommunique hinaus noch folgendes mitgeteilt wer- Een" Als die Delegierten sich um 6.30 Uhr im großen Saale des Justizpalastes versammelten, da erwies es sich, daß die Protokolle zur Paraphierung noch nicht eingetroffen waren. Die Sitzung wurde Um d) Minuten hinausgeschoben. Während der pett standen die Außenminister mit den Dokumen- ten beisammen. Als Sir Cecil Hurst, der englische den Dokumenten eintraf, da letzten sich a((e an den großen Tisch, wobei es wie
Oe" °uderen Sitzungen keinen Vorsitzenden gab.
der Paraphierung beginnt. Sir Cecil Hurst mit dem Schlußprotokoll in der Hand gieyt von einem Delegierten zmn anderen und weist Stelle an, an die er sein Signum zu setzen hatte. In etwa fünf Minuten mar die Paravhie- rung vollzogen, obwohl auch jede einzelne Tert- anderung beglaubigt werden mußte. Nachdem E'uige kurze Augenblicke allgemeinen Schweigens geherrscht hatten, ergriff als erster Dr. Strese- fi?ra n -riOS t x Zu einer längeren Ansprache, to 5 .uachster sprach der französische Außenminister Briand., Dann ergriff Chamberlain das Fort, um m ähnlichen Ausdrücken wie Briand den Schluß der Konferenz und den erzielten Erfolg zu feiern. Die längsten Ausführungen unter den Anwesenden machteder belgische Außenminister V a n- bervelde. Mit besonderer Aufmerksamkeit wurden die Ausführungen Mussolinis angehört, der m ähnlichen Ausführungen wie am Freitag E^er Preise den Frieden Europas und Italiens M'.tarbelt an ihm feierte. Herr 23e= "Esch und Graf Skrzynski. die gleichfalls anwesend waren, enthielten sich des Worts. Die Sitzung fand ihren Abschluß durch herzliche Worte des Dankes Vie Briand im Namen aller Anwesenden an den englischen Außenminister Chamberlain richtete. Die ^oe Briands machte einen so starken Eindruck Ms die Anwesenden, daß die ganze Versammlung sMntan in die Hände klatschte. Das Händeklatschen Var unten auf der Straße von der versammelten Menschenmenge gehört morden und pflanzte sich ein ßauffeuer fort. Als der Beifall unten verstummen wollte, entschlossen sich Dr. Luther »no Briand, gemeinsam an das Mittelfenster zu ^eten. Ihnen folgte dann Herr Chamberlain. Da- «lt war die Sitzung beendet. Die Anwesenden senießen, sich freundschaftlich von einander verab- legrüßt^' &en auf der Fahrt mit Hochrufen
7'30 Uhr verließen die Delegationen den -ustlzpalast. Zuerst erschien Graf Skrzynski,
dann folgte Briand, der nach allen Seiten für di« Kundgebungen der Menge dankte. Dr. Luther und Dr. Stresemann konnten sich nur mit Mühe ihren Weg durch die ihnen zujubelnde Menge bahnen. Als letzter verließ Chamberlain gleichfalls jubelnd begrüßt den Jnstizpalast.
Die Schlußrede Stresemanns.
Die Rede, die Reichsaußenminister Dr. Strese- mann in der Abschlußsitzung der Konferenz gehalten hat, hatte folgenden Wortlaut:
»In dem Augenblick, in dem die Paraphierung der hier getätigten Verträge erfolgt ist, wollen Sie mir im Namen des Herrn Reichskanzlers und für mich ge. Hatten, einige Worte zu Ihnen zu sprechen. Die deutschen Delegierten haben dem Text des Schlutzprotokolls mit seinen sechs Anlagen zugestimmt und Haben das durch die Paraphierung, zum Ausdruck gebracht. Auf. richtig und freudig begrüßen wir die große Entwickelung des europäischen Friedensgedankens, die von dieser Zu- sammenkunft in Locarno ihren Ausgang nimmt und als der Vertrag von Locarno einen wichtigen Mar k st ein in der Geschichte und Weiter- entwicklung der Staaten und Völker zu- einander ausmachen soll. Wir begrüßen insbesondere die neue im Schlußprotokoll der Konferenz niedergelegte Anschauung und feste Ueberzeugung von jener Entspannung in den Beziehungen der Völker. Wir haben die Verantwortung für die Paraphierung der Verträge übernommen, weil wir des Glaubens sind, daß nur auf dem Wege friedlichen Nebeneinanderlebens jene Entwicklung der Staaten und Völker gesichert werden kann, die für keinen Erdteil so wichtig ist, wie 1 für das große europäische Kulturland, dessen Völker so unendlich durch die Jahre, die hinter uns liegen, gelitten haben. Wir haben sie insbesondere übernommen, well wir zu dem Vertrauen berechtigt sind, daß die politische Auswirkung der beschlossenen Verträge, insbesondere auch dem deutschen Volke in der Form der Erleichte- rung seiner Bedingungen des politischen Lebens zugute kommen werden So wichtig die deutschen Abmachungen sind, die hier ihre Fassung erhalten haben, so wer- den die Verträge von Locarno doch mir ihre tiefe Bedeutung in her Entwickelung der Nationen behalten, wenn Lciccimo nicht bas Ende, sondern der Anfang einer Periode vertrauens- vollen Kusammenlebens der Nationen fein wird. Daß diese Möglichkeiten und daß die auf da» Werk gesetzten Hoffnungen sich auswirken mögen, ist her aufrichtige Wunsch, dem die deutschen Delegierten in dieser bedeutungsvollen Stunde Ausdruck geben möchten."
Der Eindruck de§ Ergebnisses.
Berliner preffeffimmen.
wtb Berlin, 17. Okt. (Eig. Rundf.-Meldg.) Zu dem Ergebnis von Locarno nimmt bisher nur ein Teil der Berliner Blätter Stellung. Die beutfch- nationale Presie betont, daß nach den bisher vorliegenden Nachrichten nicht der geringste Anlaß zu einer optimistischen Beurteilung des vorläufigen Vertrages gegeben fei. Die „Kreuzzeitung" bemängelt vor allem, daß endgültige und bindende Abmachungen hinsichtlich der Rheinfrage nicht getroffen seien. Die „Deutsche Tageszeitung", dis von einer schmerzlichen Enttäuschung spricht, nennt das Ergebnis der Verhandlungen in Locarno einen Torso. Für unbefriedigend erklärt das Blatt die Vereinbarung der sogenannten Nebenfragen. Das „Berliner Tageblatt" schreibt: Ein großes 93 er» tragswerk ist geschaffen. Beide Parteien haben, wenn man das Ganze übersieht, Zugeständnisse machen müssen. Vergleicht man die beiden Antwortnoten Briands mit dem, was in Locarno erreicht ist, so kann man von einem erheblichen Fortschritt sprechen. Auch das „Tageblatt" behält sich ebenso wie die „Vossische Zeitung" die endgültige Beurteilung des Ergebnisses von Locarno bis nach der Veröffentlichung der dort paraphierten Dokument vor. Das letztgenannte Blatt erklärt, was heute gesagt werden kann, ist nur das: Die Völker Europas sind auf dem Wege des -Friedensweitergekommen. Locarno ist ein Meilenstein auf dem Wege, der zu einem engeren Zusammenschluß der europäischen Staaten führen wird. Wichtiger noch als das, was in den Verträgen niedergelegt worden ist, wird der Geist fein, in dem ihre Verwirklichung erfolgt. Der „Vorwärts" gibt auf die Frage: „Was bedeutet Locarno?" folgende Antwort: Vielleicht eines der größten weltgeschichtlichen Ereignisse, vielleicht eine Zeitenwende. Sicher aber bedeute es einen Teilsieg der sozialistischen Bewegung, einen Sieg des Prinzips.
Das Echo im Kurland.
Französische Pressestimmen.
wtä Paris, 17. Okt. (Gig. Runds.-Meldg.s. Zürn Abschluß der Konferenz von Locarno schreibt der -Senator Robert de Iouvenel im „Statin": Zum ersten Mal seit dem Abschluß des Friedensvertrages von Versailles atmen wir auf. Wir können noch nicht im einzelnen die Texte beurteilen, aber wir wissen, daß sie von allen gebilligt wurden. All-? erkennen also in den abgeschlossenen Verträgen den Sämtz für ihre Länder. Es wird sich also infolgedessen nicht um einen Waffenstillstand, sondern utn den wirklichen Frieden, um den allgemeinen, endlich geschaffenen Frieden, handeln. — Das „Quote" schreibt: Die Unterzeichnung des Friedenspaktes, eines Paktes des wahren Friedens, ist der chor- reiche Abschluß einer Politik der Anstrengungen. \ auf die das republikanische Frankreich das Recht ! habe, stolz zu sein. — „Eaulois" schreibt: Dir Rede Stresemanns werde ohne Zweifel in dem fortgesetzt beunruhigten Europa die größten pazifistischen Hoffnungen erwecken. Wir wünschen, daß die Fott-
setzung der Ereignisse die Worte und die Eindrücke von gestern bestätigt. Die Abkommen, die jetzt unterzeichnet wurden und die nun von den Parlamenten der Mächte ratifiziert werden müssen, können eine neue Aera der Entspannung bringen, deren Folge gewaltig fein würden, aber es ist nötig, daß die Pakte, in dem Geiste, in dem sie ausgearbeitet wurden, auch gehalten und angewendet werden.
Englische Pressestimmen.
wtb London, 17. Okt. (Eig. Rundf.-Meldg.). Das Ereignis der Konferenz von Locarno wird von der englischen Presse allgemein begrüßt. „Westminster Gazette" zufolge ist die Nachricht von dem Erfolg der Konferenz in politischen und diplomatischen Kreisen mit großer Befriedigung aufgenommen worden. Eines der Ergebnisse in naher Zukunft werde, wie erwartet, die R ä u m un g K ö l ns sein. — „Daily News" berichtet: In diplomatischen Kreise werde es als sicher angesehen, daß die Räumung Kölns als Ergebnis von Locarno beschleunigt werde. Aller Wahrscheinlichkeit nach werden die britischen Truppen noch vor Weihnachten Köln verlassen. — Die „Times" spricht von dem großen und befreienden Ergebnis, das gestern in Locarno erzielt wurde und bezeichnet den Pakt als einen Pakt wirklicher Freiheit und den Vertrag von Locarno als einen wirklichen Friedensvertrag. Die tiefste Bedeutung der Zusammenkunft von Locarno sei, daß die Hauptteilnehmer am Weltkrieg sich jetzt feierlich verpflichteten, die Aufrechterhaltung des Friedens in Europa zu einer Ange- gelegenheit ihrer gegenseitigen Ehre zu machen. Der Abschluß des Sicherheitpaktes sei ein Markstein in der europäischen Geschichte. Er sei auch ein Markstein in der Wiederherstellung des britischen Prestige. Stresemanns Schwierigkeiten seien riesig gewesen und die Geschicklichkeit, mit der er seinen Weg durch sie hindurch steuerte, gereicht seinem Lande zur Ehre. — „Daily Mail" schreibt: Das Ergebnis der Verhandlungen in Locarno kann ein neues Kapitel der Weltgeschichte eröffnen. — 3m „Daily Herald" heißt es: Sollte der Argwohn, daß das eine Ziel der britischen Diplomatie in Locarno die Isolierung der Sowjet-Union gewesen sei, ungerechtfertigt sein, so wird der Paksein wesentlicher Gewinn sein. — „Daily News" erklärt: Die Er- gebnisie der Konferenz können ruhig vorbehaltlos von allen begrüßt werden.
ZkaNenische Pressestimmen.
wtb Born, 17. Okt. feig. Rundf.-Melda.) „Po- polo d'Jtalia" führt in einer offiziösen Note aus, daß die Fragen „Rußland. — Rohstoffe und Kolonien" in Locarno zur Verhandlung gekommen leien und daß nun diese drei Angelegenheiten nicht so leicht wieder einschlafen würden. Italien habe ben, Garantiepakt wegen des Ruhe- und Friedensbedürfnisfes in Europa unterschrieben. Es fei schon viel erreicht worden,, wenn auf eine bestimmte Zeit der Frieden gesichert sei.
Presseempsang Ser Mussolini.
Wie der Sonderkorrespondent der Havasagen- tur aus Locarno berichtet, hatte Mussolini Freitag mittag die Preffevertreter zusammen berufen, um eine Erklärung abzugeben. Mussolini stieg in Begleitung einiger Mitglieder der italienischen Dele- gaton langsam die Freitreppe zur Halle hinunter, wo sich die Journalisten aller Länder laut unterhielten. Bei Mussolinis Erscheinen trat eisiges Schweigen ein und die Mehrzahl der Journalisten weigerte sich, dem Empfang beizuwohnen, um auf diese Weise gegen die Unterdrückung der Pressefreiheit in Italien zu protestieren.
Mussolini bereits abgereist.
Unmittelbar nach der Schlußsitzung der Konferenz hat sich Musiolini nach dem Landungssteg fahren lassen, wo er mit feinem Kabinettschef das bereit stehende Rennmotorboot „Delfino" bestieg und den Langensee nach Stresa fuhr.
wtb Rom, 17. Okt. (Gig. Runds. Meldg.s Mussolini ist gestern abend von Locarno kommend in Mailand eingetrossen.
Die Kbreise der deutschen Delegation.
Die deutsche Delegation wird Samstag nachmittag v on Lo carno abreifen und Sonntag nachmittag in Berlin eintreffen. Am Montag findet ein Mi- nifterrat statt. Am Dienstag folgen Besprechungen mit Vertretern des Nheinlandes und am Mittwoch erfolgt eine Sitzung der Ministerpräsidenten der Länder.
Zur Räumung der Kölner Zone.
wtb Paris, 17. Off. (Eig. Rundf.Meld.) Nach dem „Echo de Paris" wird an der Unlerredung. die Chamberlain am kommenden Montag mit dem Ministerpräsidenten Painleve in Paris haben soll, Marschall F 0 ch und seine Generalslabs- chef, General D e st i ck e r oder im Falle der Ver- haben osll, Marschall F 0 ch und seine Generalstabs- General D e b e n e y, leilnehmen. Rach dem „Journal“ handelt es sich bei der Konferenz darum, die Frage zu erörtern, in welchem Teil der Rheinlande nach Aufhebung der Besetzung der Kölner Zone die engli- schen Soldaten untergebracht werden sollen.
Das Vertragswerk von Locarno.
Da diese Zeilen geschrieben werden, ist das Vertragswerk von L 0 c a r rto zustande aekornmen. Gewissermaßen unter dem Mantel des Rheinpaktes sind in Locarno folgende Verträge erwuchsen: Einmal der eigentliche Sicherheitspakt, abgeschlossen zwischen Deutschland, Frankreich, England, Italien und Belgien. Ihm zur Seite steht zum zweiten ein Schiedsvertrag zwischen Deutschland und Frankreich, sodann drittens ein Schiedsvertrag zwischen Deutschland und Belgien. Zum Vierten reiht sich daran ein Schiedsvertrag zwischen Deutschland und Polen und zum fünften ein Schiedsvertrag zwischen Deutschland und der Tschechoslowakei. Endlich hat Frankreich mit Polen und mit der Tschechoslowakei noch eine besondere Vereinbarung geschloffen, die den Zweck hat, die von Deutschland mit Polen und der Tschechoslowakei geschlossenen Schiedsverträge französischerseits zu garantieren.
Diejenigen Fragen, die für Deutschland Lebensinteresse haben, die aber nicht offizieller Gegenstand der Besprechungen der Locarnoer Konferenz fein konnten, die Fragen nämlich des bes etzten Gebt e t es werden in einer besonderen Vereinbarung, die Chamberlain eine gentleman-agreement nannte, und zwar ähnlich den Nebenoereinbarungen, die seinerseits in London zwischen Herriot und Marx durch einen Briefwechsel geschlossen wurden, auch jetzt wieder in ähnlicher Form geregelt. Durch diese Vereinbarungen wird dir grundlegende Aen- derung der Besatzungsverhältnisse im Rheinland und die Forderungen, die Deutschland in Bezug hierauf für unerläßlich erklärte, im Prinzip anerkannt und die Berücksichtigung dieser deutschen Forderungen im Lause der Zeit in Aussicht gestellt.
Dieses Vertragswerk von Locarno ist ein K 0 m- promißwerk. Unsere Vertreter haben nicht alles das durchsetzen können, was vom deutschen Intresse aus wünschenswert gewesen wäre und sie haben auch nicht in allem die Form der Bindungen der Gegenseite erreichen können, die von unserem Standpunkt aus als notwendig erachtet werden mußte. Immerhin kann sich die deuffche Delegation mit den Ergebnissen von Locarno vor der deutschen Oeffentlichkeit durchaus sehen lassen und es müßte schon seltsam zugehen, wenn das Parlament seine Einwilligung versagt. Wir halten das umso weniger für möglich, als das Reichskabinett sowohl wie die führenden Reichstagsparteien, durch den Führer der Reichskanzlei, der sich eigens von Locarno nach Berlin begeben hat, über die Einzelheiten der Abmachungen sowie über die Beweggründe auf beiden Seiten unterrichtet wurden und daß das Kabinett offiziell der deuffchen Delegation die Ermächtigung zum Abschluß der Abmachungen auf der erzielten Grundlage erteilte.
Was bedeutet nun dieses Vertragswerk von Locarno für die deutsche und europäische Politik? Man muß grundsätzlich festhalten, daß Deutschland auf der Basis der Vereinbarungen von Locarno in eine ganz neue Aera seiner gesamten Außenpolitik eintritt, Schritt für Schritt ha-. bett wir uns in den letzten sechs Jahren durchringen, müffen, um wieder unsere Weltgeltung zu erringen. In Locarno ist dieses Ziel nach unendlich schweren und bitteren Kämpfen nunmehr angebahnt worden. Erreicht ist es noch nicht, aber die Wege unp die Mittel sind aufgezeigt.
Deutschland mußte danach trachten, aus der Isolierung, in die es durch die Bestimmungen bis Versailler Vertrags gebracht wurde, wieder heran!- zukommen. Es mußte danach trachten, feine Seldr- bestimmung in den Beziehungen zu den übrigen Mächten wieder zu erlangen. Auch das ist in Locarno sichergestellt worden.
Dieses oberste Ziel der W i e d e r g e w i n n u ng der politischen Freiheit und S e I b ft b e ft i in» tnung Deutschlands in seinem Verhältnis zu den übrigen Völkern war nur zu erlangen durch ein Vertragssystem, das uns wieder in den europäischen Mechanismus einfchaltet, während es die Gegenseite aus ihrem bisherigen Bündnissystem herauslockt. Auch dieses Ziel ist in Locarno du:ch» gefetzt worden. Zur Erringung dieses Zieles war notwendig, die Lockerung der bisherigen „Entente" — dieses Wort gehört nunmehr der Vergangenheit an — und es war ferner notwendig die Ausein- anbermanööerierung der bisherigen sogenannten „Alliierten" — auch dieser Begriff wird nunmehr aus der europäischen Politik endgültig verschwinden. Deutschland ist in die Reihe der europäischen Weltmächte wieder eingeschaltet, Frankreich ist seine: bis jetzt überragenden Gebieterotte über Giuicpa verlustig gegangen, England selber ist nicht mehr einseitig an Frankreich, sondern jetzt auch an die Interessen Deutschlands gebunden — kurz, cs beginnt eine ganz neue Etappe der gesamten weltpolitischen Beziehungen. Dazu kommt aber noch als weiteres, daß im Osten insofern eine Klarheit geschaffen ist, als der polnische Faktor im Effekt von der Bestimmung der europäischen Politik ausgeschaltet und Frankreich in eine Rolle gedrängt wird, die ihm eine aktive Mitwirkung in diesen Dingen nicht mehr gestattet. Denn während es auf der einen Seite auf Grund seiner Verpflichtungen mit Polen bei einem Konfliktsfall eingreifen müßte, darf es andererseits auf Grund des Westpakter keinen kriegerischen Eingriff — und als solcher gift jeder Einmarsch mit militärischen Kräften, in deut- fches Gebiet vornehmen.
Das Vertragswerk von Locarno, das hier hinsichtlich seines Inhalts wie feiner Fernwirkungen in andeutenden Strichen gezeichnet werden konnte, bezeichnet somit einen Wendepunkt in der geschichtlichen Entwicklung Europas. Erst eine spätere Zeit wird die Richtigkeit der deutschen Politik in diesem Augenblick erweisen. " -