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Anzeiger für die Stabt und den kreis Fulda. Amtliches kreisblalt.

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Nr. 233

Freitag, 9. Oktober 1925.

auSWH-tS OLO Soldmark- Reklame,eil« lokal 0.60 «oldmarl KO "InUrA aurwLrtS 0.80 Soldmark. JuUl y

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verantwortliib lür die Schrittleituns: Dr. Jobanoed Steamer

Anreisen: I. P arreller. Fulda. Rotationsdruck nnd «erlag der

Fuldaer Vdirtibr»(?erei in Fulda. Fernlvrecher Rr- S.

Monatlicher BerusSvreiS: 1.50 Mk. ___

Die Vollsitzung am Mittwoch dauerte von 4 bis 5 Uhr nachmittags. Der Bericht der Juristen wurde entgegengenommen und beraten. Am Vor­mittag hatte Reichskanzler Dr. Luther in dem kleinen Ascona, am Ufer des Lago Maggiore, die erste direkte Unterredung mit dem französischen Außenminister Brian d. lieber die Unterredung wissen die Berliner Blät­ter zu berichten, daß vor allem die Differenzen über den Art. 16 des Völkerbund-

Phantasüsche Mordgerüchte.

Sie allerdings absonderlichen Vorsichtsmaß-, regeln, unter denen die deutsche Delegation tn Berlin abreiste, die weiter den Kanzler und den Außenminister veranlaßte, die Fahrt von Bellin­zona nach Locarno nicht im Eisenbahnzug, sondern im Auto zurückzulegen, um unbemerkt im Hotel der deutschen Delegation anzukommen, haben nicht nur in Deutschland, sondern auch am Konferenz­ort selbst, geradezu phantastische Mordgerüchte aus- gelöst. Man wollte wissen, daß schon auf deutschem Boden ein Attentat auf S t r es e m a n n geplant sei. Nun wurde allen Ernstes dieser Tage an den Stammtischen von Locarno in den Cafes erzählt, die Locarneser Polizei hätte drei deutsche Studen­ten aus Berlin — woher sollten sie denn sonst auch sein! — abgefaßt, die sich in der Nähe des deut­schen Hotels verdächtig gemacht, und die Absicht hätten, auf Stresemann in Locarno selber einen Anschlag auszuüben.

Auch an dieser Mordgeschichte ist kein wahres Wort. Im übrigen sind die Vorsichtsmaßregeln zum Schutze der deutschen Delegierten in Locarno allerdings umfassend. Nicht nur die Deutschen haben sich Kriminalbeamte mitgebracht, die stets in den Autos, in denen die Delegationsführer durch Locarno zur Konferenz fahren, Platz nehmen, auch die schweizerische Regierung hat ein besonderes Auf­gebot von Polizisten und Gendarmen bereitgestellt, die freilich zum Schutze der Delegationsangehörigen aller Nationen bestimmt sind. Aber das große Heer von Kriminalbeamten, das in Locarno überall ver-

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♦ Die Veränderungen im französischen Kabinett. Wie Havas mitteilt, hat Ministerpräsident Pain- lebe heute am späten Nachmittag mit dem Unter» staatssekretar Delbos und mit dem Referenten für körperliche Erziehungsstaaen im Kriegsministerium Paul Bönazot eine Unterredung gehabt. Der Unterstaatssekreär für technischen Unterricht DolboS erklärte sich zur Annahme - des ihm angebotenen Postens des Unterrichlsministers bereit, ebenso Bönazot zur Annahme des dadurch freiwerdenden Poüens eines Unterstaatssekretärs für öffentlichen Unterricht. Der bisherige Unterrichtsminister de Monzie, der gegenwärtig in Marseille weilt, wurde, tote Havas mitteilt, vom Ministerpräsidenten Painlevs davon verständigt, daß er für den Posten eines Justiz­ministers bestimmt sei. Wie bereits gemeldet, wird in dem am nächsten Samstag stattfindendeu Ministerrat die offizielle Ernennung erfolgen.

* Beilegung des österreichisch-italienischen Zwischen­falls. Wie die „Neue Freie Presse* erfährt, hat die österreichische Regierung an die italienische Regierung eine Note gerichtet, in der sie ihr lebhaftes Bedauern über die Angriffe deS Abgeordneten Dr. Ellenbogen im Parlament aussprrcht. Mit diesem Schritt der österreichischen Regierung wird nach hiesiger Auf» faffung die Angelegenheit alS beigelegt an« gesehen.

Schlußsitzung der interparlamen­tarischen Union.

wtbSBaj6ingioö,8. Ckt. (Gig. Runds. Meldg.s In der gestrigen Schlußsitzung der Tagung der interparlamentarischen Union wurde eine Reso­lution der Schweizer Mieheli einstimmig ange­nommen, worin die stündige Kommission beaus- tragt wird, bei den Landesgrnppeu eine Unter­suchung über das parlamentarische System anzuftellen und über deren Ergebnis zu berichten. Professor Dr. Schückiug wurde sür den ansscheidende« Grafen App onnyi ein­stimmig zum Mitglied des VollzugS-Ausschufses gewühlt. Ferner wurde eine die Herabsetzung oder Abschaffung aller Zollmauern fordernde Resolution angenommen. Zur praktische« Durch­führung der Entschließung wurde ein Komitee er­nannt, das die Fragen prüsen und einen Plan zu ihrer Ausführung ausarbeite« soll.

Die Handelsvertragsverhandlungen.

wtb Amsterdam, 8. Okt. (Eig. Rundf.-Meld.) Eine offizielleniederländischeAbord» n u n g, die sich aus Vertretern der zuständigen holländischen Ministerien zusammensetzt, ist nach 93 e r I in abgereist, um dort die Verhandlungen fortzusetzen, die zurzeit zwischen den beiden Staa­ten über gewiße die gegenseitigen Han­delsbeziehungen betreffenden Fragen schwe­ben.

wtb Rom, 8. Okt. (Eig. Rundf.-Meld.) Die „Agencia Stefan!" teilt mit: Die Verhandlungen über den italienisch-deutschen Handels- vertrag sind nunmehr in die Schlußphase eingetreten. Infolgedessen kann man die Zuversicht hegen, daß ein Abkommen vor Ende Oktober erzielt werden wird.

einseitige Garantielefftung für die Verträge fallen gelassen haben und sich damit einverstanden erklärt haben, daß Frankreich außerhalb der östlichen Schi^ksverträge eine Erklärung zur Sicherung Po­lens abgeben werde. Den Juristen sei die Aufgabe zugewiesen worden, diese Erklärung zu formulieren. Wie sämtliche Blätter betonen, soll sich Briand zu französischen Journalisten außerordentlich befriedigt geäußert haben.

Der „Matm" über die Zusammen­kunft Luther-Vriand.

wtb Poris, 8. Okk. (Eig. Rundf.-Meld.) lieber die Zusammenkunft des Reichskanzlers Dr. Luther mit Außenminister Driand berichtet der Sonderberichterstatter dcs „Mafia“ in Locarno: Es wäre übertrieben, behaupten zu wollen, daß die beiden Staatsmänner Mittel gefunden hätten, sich 3« einigen. Aber die Tatsache, daß am lege, nachdem Schwierigkeiten sich -gezeigt haben, der deutsche Reichskanzler und der französische Außen­minister sich unterhielten, statt sich auf ihre Defen- sivstellung zurückzu ziehen, lasse gukeHoffnung auskommen. Richt dürfe Frankreich Verpflichtun­gen widersprechen, unverzüglich Polen und der Tschechoslowakei zu Hilfe zu eilen. Infolgedessen muß für die Verletzung der Rheinlandzone eine formelle Ausnahme vorgesehen werden. Im Hin- bsick auf diese Eventualität könne man.Frankreich zum Garanten eines Schiedsgerichtsvertrags machen. Man könne durch eine besondere Erklä­rung auch bestätigen, daß die französischen Alliancen unverletzlich bleiben nnd daß ein Eingreifen Frank­reichs nicht als ein Angriff angesehen werden lönne. Die Deutschen seien seht über die Grenzen französischen Entgegenkommens unterrichtet. Sueben in Locarno. Das fei schon ein gutes Zeichen. Cm Zusammenbrechen der konfe- »nz sei nicht gefährlich für Frankreich, aber die Jolgen wurden für Europa ernst sein, wo der Jtineoen nicht wieder aufkommen könne. Die bei- öen Staatsmänner hätten auch die Probleme be- sttrochen. bie der Eintritt Deutschlands in den Völ- und festgestellt, daß Frankreich mit Deutschland m Zukunft völlig geeint sein müsse, wenn fic sich mcht eines Tages von neuem be- ftwfen sollen. Eine mittlere Lösung gebe es nicht.

Der Stand der Verhandlungen.

Line sravzöfische Darstellung.

Der Sonderberichterstatter der „Havasagentur" m Locarno übermittelt der franz. Presse fügende offiziöse Darlegung über den Stand der Verhandlungen der Konferenz: An dem System das man sich in Locarno aufzustellen bemüht ist neu, daß esvollkommenaufdemGedan. k?n der obligatorischen Schiedsge» rlchtsbarkeit für alle, d. h. sowohl M rechtliche als auch für politische Konflikte beruht, die zwischen den Vertragsteilnehmern ent­stehen könnten. Es ist also leicht, sich ein Bild von dem Verfahren zu machen, die für die Regelung dieser Streitigkeiten ins Auge gefaßt find. Sie würden Organen wie dem Internationalen Ee- richtshof im Haag oder Schiedsrichtern mit der Möglichkeit einer Prüfung durch den Völkerbund übergeben werden. Der Völkerbund wird bei diesem friedlichen Verfahren die Hauptrolle spielen, die ihm schon das Statut zuweist. So würde er auch einzugreifen haben, wenn eine der Par­teien sich weigert, zu dem Schiedsgerichtsverfahren ihre Stellung zu nehmen ober den Schiedsspruch «uszusühren. Der Völkerbund würde außerdem be- schäftigt werden, wenn am Rhein jemand Gewalt

teilt fft, hat doch vornehmlich die Aufgabe, den deutschen delegierten eine besondere Aufmerksam­keit zu widmen. Der Umstand aber, daß solche Gerüchte, wie die ebenbezeichneten, so leicht auch am Konferenzorte selber Eingang finden und glaubt werden, zeigt doch, wie wenig innerlich festigt die deutsche Verhältniffe auch jetzt noch Ausland? angesehen werden.

Dr. venesch in Locarno.

Der Tschecho-Slotoakische Preßbüro meldet aus Locarno: Der tschecho-slotoakische Außenminister Dr. Benesch ist am Mittwoch nm 14.30 Uhr eingetroffen. Unmittelbar nach seiner Ankunft traf Dr. Benesch mit dem britischen Außenminister Chamberlain zu­sammen, mit dem er einen Meinungsaustausch über die Situation hatte, worauf eine längere Unterredung mit dem französischen Außenminister Briand mid Berthelot folgte. Die Unterredung betraf sowohl den augenblicklichen Stand der gegenwärtigen Verhand­lungen, als auch die ausdrücklich die Tschecho-Slowakri betreffenden Fragen. In allen diesen Unterredungen konnte Dr. Benesch eine Uebereinstimmung mit den Staatsmännern der beiden Länder sowohl bezüglich des Wesens der Konferenzverhandlungen, als auch bezüglich ihres Fortschreitens konstatieren.

Zuziehung Rußlands?

Der diplomatische Korrespondent des „Daily Te- legraphs" behauptet, Grund zu der Annahme zu haben, daß Skrzynski in Locarno die Zuzie- hung Rußlands verlangen werde und damit die Zustimmung Deutschlands und scl^ießlich auch Beneschs finden.

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onwendet oder wen die entmilstarisierte Zone ver­letzt wird. Aber es versteht sich, daß bei einem offen­kundigen und nicht provozierten Angriff jedes der mtereffierten Länder das Recht behalten würde, sich unverzüglich selbst zu verteidigen, bis der Völker­bund offiziell den Angriff feffftellt und die erforder­lichen Maßnahmen ergreift. Eine g r o ß e S ch r t g f eit der Verhandlungen besteht, wie man weiß darin, eine Koordination herzustellen arotfeben dem R h e i n l a n d p a k t und den vchiedsoerträ ' —

Von der Kommet Konferenz.

Unterredung Vriand-Luther. — Um den Artikel 16 und die östlichen Zchiedsvertrage. — Französischer Nompromitzvorschlag. — Lin peinlicher Zwischenfall.

Lin russisches Dementi.

Die Sotojetbotschaft in Paris läßt durch HavaS folgendes Dementi verbreiten: Getoiffe Blätter haben angekündigt, der Dolkskornmiffar für Auswärtiges, Tschitscherin, habe im Verlauf seines Aufenthaltes in Warschau und Berlin Polen und Deutschland ein militärisches Bündnis vorgeschlagen. Man behauptet sogar, bte Sowjetregierung widersetze sich einer An­näherung zwischen Frankreich und Deutschland. Die Sotojetbotschaft in Paris erklärt, diese phantastischen Gerüchte kategorisch in Abrede stellen zu können. Die Außenpolitik der Sowjetunion ziele auf eine friedliche Annäherung aller Staaten ab, und die Sowjetunion würde infolgedeffeu jedes Abkommen begrüßen, das geeignet sein kann, eine feste Grund­lage für de« Frieden in Europa zu bilden. Etwas anderes hat Tschitscherin nicht gesagt und auch nicht sagen können. _____

-^"Erträgen im Osten, die Deutsch­land selbst m seinen Vorschlägen am 9. Februar mit­einander verbunden hat. Angesichts dieses Zusam- «wnhangs dKr Abmachungen ist Frankreich immer

ßranzSsische Stimmungsmache.

Von einem unserer politischen Mitarbeiter wird uns geschrieben:

Der Abschluß des deutsch-russischen Handelsver­trages und die Unterredung zwischen dem deutschen Außenminister Dr. Stresemann und dem rus­sischen Außenminister Tschitscherin spielen noch immer in der Auslandspreise eine Hauptrolle. Auch auf dem Empfang der Auslandspresse in Locarno selbst haben die Vertreter der Presse sowohl dem Außenminister Dr. Stresemann, wie auch Cham­berlain über die Abmachungen befragt und eins dementsprechende beruhigende Antwort bekommen. Stresemann wies bekanntlich darauf hin, daß es sich für Deutschland weder um eine östliche, noch um eine westliche Orientierung handeln könne, sondern daß Deutschland nach wie vor seine volle Handlungs­freiheit nach beiden Seiten hin bewahren wolle. Die Auslandspresse benutzt aber trotz aller dieser gegenteiligen Erklärungen den Besuch Tschiffcherins in Berlin, um entsprechend Stimmung gegen Deutsckfland zu machen. Am weitesten geht wohl der Berichterstatter des „Slatin", der bekannte deutschfeindliche Jules Sauerwein, der sich in den letz­ten Tagen gerade während der Anwesenheit Tschst- scherins auch in Berlin aufgehalten hat. Sauer­wein glaubt feinem Blatt in Paris eine große Ent­hüllung auftischen zu dürfen. Nach seinen Infor­mationen hat Tschitscherin in den Besprechungen mit Dr. Stresemann der deuffchen Regierung einen dahinzielenden Vorschlag gemacht, daß, wenn die Konferenz von Locarno scheitert, wovon Tschitscherin so gut wie fast überzeugt ist, dann solle Deutsch­land mit Rußland und eventl. auch mit Polen ein Militärbündnis abschließen. Deutschland solle Polen seine westlichen Grenzen garantieren. Deutschland solle also mit anderen Worten auch auf Posen, Westpreußen, Danzig und den polnischen Korridor verzichten, Gebiete, die gerade beim Abschluß des Schiedsvertrages mit Polen in den kommenden Verhandlungen Gegenstand der Beratungen fein sollen. Politisch werde Rußland und Polen dem Deutschen Reiche völlig freie Hand lassen gegen­über Frankreich und England und es in seiner Politik unterstützen, die darauf abziele, sich für die an Polen verlorenen Gebiete auf Kosten Englands und Frankreichs zu entschädigen. Mit anderen Worten:^es wird hier auf die Wiedererlangung Clsaß-Lothringens von Seiten Sauerweins ange» spielt.

Die Meldung an und für sich, ist ja so absurd, daß man ohne weiteres über sie hinweggehen könnte, besonders wenn man bedenkt, daß Deutschland in einem Bündnisvertrag den Polen den Besitz der gerade von Deutschland als zu Unrecht im Friedens- Vertrag den Polen zugesprochenen deutschen Ge­biete freiwillig zusprechen wollte. Aber da der Bericht Sauerweins auch in der englischen Preffe Eingang gefunden und wie es scheint auch Glauben gesunden hat, so rnüffen wir uns mit ihm leider auch beschäftigen, können das ober nur in der Rich­tung, daß wir nochmal betonen, daß er großen Unsinn enthält. Es ist auch wirklich schwer zu erdenken, daß auch Sauerwein feinem eigenen Mär­chen ernstlichen Glauben beimißt. Und im Hinblick darauf muß man zu der Ueberzeugung kommen, daß frier nur wieder die Absicht besteht, derartige Berichte zu veröffentlichen, um für Frankreich in Locarno Stimmung zu machen.

egenstand der Besprechung gewesen „Lokalanz." zufolge soll es nach dieser Unterredung den Anschein haben, als ob eine For­mel gefunden werden könnte, die den Artikel so in­terpretiere, daß die deutschen Bedenken etwas an Schärfe verlieren könnten. Weiter soll die F r a g e der französischen Garantie der öst­lichen Schiedsverträge bei der Unter­redung eine Rolle gespielt haben. Angeblich soll Briand die "von Frankreich ursprünglich verlangte

besorgt gewesen, Polen und die Tschechoslowakei, mit denen es durch Verträge über gegenseitigen Beistand verbunden ist, gegen die Eventualität einer Nichtbeachtung dieser Schiedsverträge mit Deutsch­land zu schützen, in der Annahme, daß dadurch, daß es ihre Bedeutung verstärkt, es nur nach dem Geiste des Völkerbundsstatuts handelt, wie dies in einer Resolution der Genfer Versammlung zum Ausdruck kommt. Auch dürfte der Rheinlandpakt nach Auf- faffung der französischen öffentlichen Meinung Frankreich nicht daran hindern, seinen östtichen Alli- ierten den Beistand zu leisten, den es ihnen leisten soll für den Fall, daß Deutschland entgegen feinen Verpflichtungen zur Gewalt schreitet, anstatt die Konflikte, die zwischen ihm und seinen beiden öst­lichen Nachbarn entstehen könnten, ffiedlich zu re­geln. Um diese Formel, die, was die Zukunft Europas anbetrifft, von großen politischen Folgen sein kann, wird die diplomatische Schlacht von Locarno entbrennen. 3

Deutsche Anträge zum Paktentwurf.

Der Havasvertreter in Locarno berichtet, der Rheinpakt-Entwurf habe in feinem ur­sprünglichen Text auf die Härten hingewiesen, die man durch den Krieg von 1914 hätte erdulden müs­sen. Die deutsche Delegation habe gefordert, daß diese Frage abgeändert werde, und zwar unter dem Vorwand, daß darin der Gedanke der Verantwort­lichkeit gefunden werden könne. Eine andere Be­merkung, die die deutsche Delegation vorgebracht habe, beziehe sich, wie es scheine, auf den Ausdruck „Status des Rheinlandgebiets", dessen Unverletz­lichkeit der Paktentwurf vorsieht. ■ Die deutschen Delegierten hätten erklärt, eine derartige Bezeich­nung beweise, daß auf deutschem Gebiet eine Ge­gend einem Sonderregime unterworfen sei, was gegen die Würde und die Souveränität Deutschlands verstoße. Sie hätten daher gefordert, daß man in dem Text von der Neutralisierung der Rheinlandzone spreche. Außerdem hätten der Reichskanzler' Dr. Guth er und der 'Reichsaußen­minister Dr. Stresemann Bemerkungen gemacht, aus denen man erkenne, daß sie großen Wert dar­auf legen, daß eine vollkommene Gleichheit der vertragschließenden Parteien im Vertrag selbst zum Ausdruck komme. Wiederholt sei anempfohlen worden, eine vollkommene Gleichheit zwischen dem Sicherheitspakt und dem Völkerbundsstatut herzu- stellen, und es sei die These vertreten worden, daß gewisse Arfikel des Paktentwurfs, den man disku­tiere, sich von den Grundsätzen des Völkerbunds- statuts herleiten, besonders der Paragraph, der sich auf die Garantie Frankreichs hinsichtlich der östlichen Schiedsgerichtsverträge beziehe. Endlich habe die deutsche Delegation gefordert, daß die ju­ristischen Sacbverständigen den Auftrag erhalten würden, eine Definition für den Begriff „Angriff" zu suchen, die alle Eventualitäten in sich schließe. Rach ihrer Ansicht werde ein Angriff nicht nur durch eine Aktion militärischer Gewalt charakterisiert, son­dern schon durch einen politischen, wirtschaftlichen oder diplomatischen Druck, gegen den ein Land be­rechtigt sei, fid) aufzulehnen.

Italienische Indiskretion.

Der bisher als streng vertraulich behandelte Paktentwurf wurde durch schwere Indiskretion im „Popolo d'Italia" und im „Corriere della Sera" veröffentlicht. In Konferenzkreisen herrscht allgemeine Ueberraschung und Aufregung. Man vermutet, daß ein Mitglied der italienischen Delegation den Vertrauensbruch begangen hat.

Der veröffentlichte Paktentwurf soll' bereits die letzten Abänderungen der Juristen enthalten, so daß es sich scheinbar um den endgültigen Entwurf han­delt. Er besteht aus 11 Paragraphen und einer Einleitung. Die ersten 6 Paragraphen befaffen sich ausschließlich mit dem Sinn des Paktes. Der § 7 soll den Eintritt in den Völkerbund betreffen, während Deutschland sich im § 11 verpflichtet, einen ähnlichen Sicherheitspakt für feine Ostgrenze abzu­schließen.

Don unterrichteter Seite wird hierzu folgendes mitgeteilt: Ein Vergleich des wirklichen Paktent­wurfs mit den italienischen Veröffentlichungen er­gibt, daß hier in großem Umfange Dichtung und Wahrheit vermengt sind. Vielfach sind die Paragraphen falsch genannt, vielfach ist der In­halt an sich richtig, die Kennzeichen der Paragra­phen falsch ober irreführend wiedergegeben. Würde man alles richtigstellen, so würde bas eine Preis- oabe des Entwurfs bedeuten. Daher kann von den Delegationen präzisier: nicht Stellung dazu genom­men werden.

wtb Conbon, 8. Okk. (Eig Rundf.-Meld.) 7vr ./’-°rtefponbenf der „Times“ in Locarno schreibt: Die Indiskretion der Veröffentlichung des angeblichen Paktentwurfes rief allgemein die lleber- 3eugung benjor, bafj nicht nur journalistische, son- - - auch pol ikische Zwecke verfolgt wurden, wenn es auch im gegenwärtigen Stadium der Kon­ferenz keinen Ruhen haben würde, Vermutungen auszusprechen, wo die Böswilligkeit zu «uchen ist. Es gilt letzt als sicher, daß die Verhand­lungen über den Westpakk allein zwei, vielleicht so­gar drei Wochen dauern werde. Es ist vorgeschla- gen worden, zwischen der Unterzeichnung des Wefi- pakts und der Eröffnung von Verhandlungen über die Ostverträge eine Pause zu legen, damit die At­mosphäre von Intrigen und Voreingenommen- heilen, die noch immer diese Probleme umgibt, so verflüchtigen kam,. - ''