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FuldaerZertung

Anzeiger für die Skadk und den Kreis Fulda.

BermitwortNS für die Schrittleituns: Dr. Jobanne» »tarnet.

Anreisen - I. D ar,ekler, Fulda. Notationkdtuck und «erlan der

Svldaer AkUendtuckerei in Fulda. FetuldteLet Nr- S.

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Mittwoch, 7. Oktober 1425.

Amtliches Kreisblakk.

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52. Zahrg.

Nr. 231.

Lscarno und Rußland.

Die Augen der ganzen Welt sind jetzt auf den kleinen schweizerischen Ort Locarno gerichtet, wo sich entscheidende Wendungen der europäischen wie der gesamten internationalen Politik vollziehen sollen. Der Sicherheitspakt, der dort im Vordergrund der Erörterungen steht, soll die künftige Grundlage für die Befriedung Europas und damit die Befriedung der Welt werden.

Als Auftakt von Locarno kann man die Verhand­lungen betrachten, und sie werden auch von dem Auslande — allerdings in falschem Lichte beleuchtet — als der Auftakt zu den kommenden Verhandlungen in Locarno geschildert. Der Westpakt bringt Deutsch­land mit den bisherigen feindlichen alliierten Machten in den engsten Kontakt und da sind an und für sich die Befürchtungen begreiflich, die die rnsiische Diplo­matie wegen der Einkreisungspolitik, die die Spitze gegen Rußland gerichtet haben soll, hegt. ES ist vielleicht ein Zufall, aber jedenfalls ein glücklicher Zufall, daß kurz vor der Abreise der deutschen Dele­gation der Volkskommissar für auswärtige Angelegen- heilen Sowjetrußlands Tschitscherin in Berlin anwesend war. Es ist jedenfalls ein sehr glücklicher Zufall, daß noch der deutsch-russische Handelsvertrag, dem nicht nur wirt­schaftliche, sondern auch politische Bedeutung zukommt, sozusagen unter Dach und Fach gebracht worden ist. Der Abschluß dieser Vereinbarungen mit Sowjet - Rußland hat zweierlei Bedeutung. Einmal kommt damit der ganzen Mitwelt gegenüber zum Ausdruck, daß Deutschland nicht daran denkt, sich in einseitiger Weise durch die kommenden Verhandlungen und den Abschluß eines Westpaktes nach Westen zu orien­tieren, und sich allein im Westen zu binden. Auf der anderen Seite kommt in gleicher Weise zum Aus­druck, daß Deutschland auch nicht daran denkt, sich einseitig östlich zu orientieren. Wie der deutsche Außenminister Dr. Stresemann kurz nach seiner Ankunft in Locarno am Sonntag der Presse gegen­über betonte, gibt es „für Deutschland weder eine Orientierung nach dem Westen, noch wollen wir über Rußland den Weg»zu einer Verständigung nach der anderen Seite verbarrikadieren lassen". Jedoch ist es zutreffend, daß auf die Dauer weder Deutschland noch andere Länder an der Tatsache, daß Sowjet- Rußland besteht und von längerer Dauer ist, als man das ursprünglich in politischen Kreisen anzu­nehmen geneigt war, vorbeigehen können. Hier ist eine große Nation von 100 Millionen Einwohnern, ein Land von noch unerschöpften großen Möglichkeiten, ein Land, das noch volle Zukunft hinter sich hat. Für Deutschland ist Rußland deshalb von besonderer Bedeutung, weil Rußland sozusagen der östliche Grenz­nachbar Deutschlands ist. Für den Wiederaufbau und das Wiederaufkommen der deutschen Industrie ist gerade Rußland mit seiner Aufnahmefähigkeit und seinen industriellen Möglichkeiten das Land der Hoffnung und der Zukunft. Der Weltmarkt ist durch den Krieg für Deutschland gesperrt worden, und auch nach dem Kriege ist es der deutschen In­dustrie noch nicht möglich gewesen, sich auf dem Weltmarkt wieder die alte Stelle zu erobern. Und da ist es gerade der nahe und ferne Osten, der hier der deutschen Industrie und Wirtschaft fast die einzige Möglichkeit bietet, erfolgreich zu wirken und zu arbeiten.

Politisch bedeutet das Abkommen mit Rußland, daß Deutschland mit der es umgebenden Welt in grieben und Eintracht leben will, was die Alliier­ten und Deutschland durch den Westpakt erzielen wollen, namentlich Ruhe für die künftigen Jahre.

hat Deutschland durch den Vertragsabschluß mit Rußland auch erreichen wollen und erreicht, nämlich den Ausdruck eines festen Friedenswillens, der auch nach dem Osten hin sich lediglich auf fried­liche Kulturaufgaben und friedliche Wirtschaftsauf- gaben erstrecken will. Deutschland ist mehr wie ein anderes Land gerade wegen seiner zentralen Lage gezwungen, nach allen Seiten hin einen versöhnen­den und gerechten Ausgleich zu finden, und so ist es von der Gegenseite solch, in dem deutschen Abkom­men mit Rußland eine feindliche Spitze sehen zu wollen. Rem diplomatisch gesehen, ist es ja fern ungeschickter Schachzug, daß ein glücklicher Zufall dieses deutsch-russiche Abkommen gerade vor den Tagen von Locarno zum Abschluß brachte. Da­durch wird Deutschland, darin mögen wohl eine Reihe französischer Blätter nicht unrecht haben ein gewisser Trumpf in die Hand gegeben, den es aus» zunutzen, im rein diplomatischen Sinn gesvrocken volley Recht hat. Einen Vorwurf aber, wie es die französischen Blätter tun, Deutschland darüber zu machen, daß es diesen Vertrag mit Rußland abge­schlossen hat, ist natürlich ein Unding. Deutschland hat das Recht, derartige Verträge abzuschließen, und niemand kann ihm dieses Recht streitig machen' Daß Frankreich das Einvernehmen Deutschlands mit Rußland nicht genehm ist, mag wohl zutreffend sein. Das kann uns aber nicht abhalten, das zu tun, was im Jntereffe der deutschen Wirtschaft und des gesamten deutschen Volkes Lebensnotwendig­keiten sind. ..

Besuch Tschitscherins bei Hindenburg

Bevor der ruffische Außenminister Tschitscherin Berlin verläßt, wird er dem Reichspräsidenten Hindenburg seinen Besuch machen. Dieses Zu­sammentreffen zwischen Tschitscherin und dem^ Reichs­präsidenten ist aber mehr eine Form der Höflichkeit.

ist ihm eine mehr dekorative als politische Be­deutung zuzumeffen.

* Die Wirrschaftspartti im preußische» Landtag hatte bei der Beratung des WohlfahrtketatS den Antrag gestellt, das Wohlfahrtsministerium unverzüglich abzubauen. Der Antrag kam zur Abstimmung. Unter dem Gelächter des ganzen Hauses wurde festgestellt, daß auch die WirtschaftS« Partei gegen ihren eigenen Antrag stimmte. So kam es, daß dos ganze HauS gegen den Propaganda- Alstraa der WirMcütLv_arlÄ.stimm:e.

Der erste Konferenztag in Locarno.

Die Eröffnungssitzung im Iustizpalast. — Ein hoffnungsvoller Knfang.

Rede Chamberlains. — Die Juristen an der Arbeit.

Wie wir bereits gestern kurz berichteten, fand die erste Sitzung der Delegationen am Montag vor­mittag um 11 Uhr im Justizpalast von Locarno statt. Zur Grundlage der Verhandlungen wurde der in London von den Juristen entworfene Sicherheitspakt gemacht und die Anträge, insbesondere der deutschen, aber auch der französi­schen Regierung, die dazu vorlagen, wurden ohne weitere Debatte den Juristenbesprechungen über­wiesen. Einige der Artikel des Entwurfs, über dle bereits allgemeine Uebereinftimmung bestand, wur­den ohne Debatte erledigt, während andere den spä­teren Vollsitzungen vorbehalten bleiben, besonders diejenigen Fragen, die den Eintritt Deutschlands in den V ö l k e rb u n d betreffen.

Von einer Generaldebatte wurde nach der offizi- ziellen Mitteilung ganz abgesehen, doch ist dazu zu bemerken, daß eine solche „Generaldebatte" in der Form einer ganz zwanglosen politischen Aussprache stattfand, von der sich übrigens alle Beteiligten außerordenttich befriedigt erklären.

Auf die Begrüßungsansprache des Bürger­meisters von Locarno erwiderte Cham­berlain, der zunächst namens der einladenden Mächte, dann aber auch, wie er durch eine Hand­bewegung feststellte, namens aller Konferenzteil­nehmer das Wort nahm, mit einer Huldigung an den Frieden und die Sonne des schönen Schweizer- landcs.

„Als ich gestern vormittag", sagte Chamberlain zu dem Bürgelrneister von Locarno, Ruschka, „die lachenden Täler und die Gipfel Ihrer maje- stätffchen Berge erblickte, fragte ich mich, warum denn das große leidende Europa nicht auch die Er­leichterung finden könnte, die es so nötig braucht und nach der es sich mit allen Fiebern sehnt." Es sei auch keineswegs ein Zufall gewesen, daß alle Regierungen übereinsttmmsnd bei der Suche nach dem Konferenzorte ihre Blicke nach der Schweiz gerichtet hätten. Die Schweiz habe der Menschheit schon so viele Dienste geleistet, die von der großen Welt anerkannt sind und sie komme nun abermals der Welt zu Hilfe. „Von jetzt ab liegt es nur noch an uns", führte Chamberlain aus, „uns der Hilfe, die uns erwiesen wurde und der Freundschaft, die sie uns bekundete, würdig zu zeigen."

Chamberlain stellte am Schlüsse seiner kurzen Erwiderung fest, daß er, „dem einsttmmigen Wunsche entsprechend", die Verantwortung für die Einberufung der ersten Zusammenkunft übernom­men habe, „da irgend jemand von uns notwendiger­weise die Initiative ergreifen mußte. Aber," so schloß er, „ich möchte wünschen, daß diese Unter- Haltungen so frei und wenig formell wie m ö g l - ch geführt werden. Deshalb erlaube ich mir die Anregung, daß wir, nachdem einmal die Grund­linien unserer Besprechungen '"t-estefl» und dir Be­stimmungen für die Einberufung unserer Zusam­menkünfte getroffen sind, überhaupt darauf ver­zichten, ein Präsidium zu wählen, und uns auf dem Fuße vollkommener Gleickcherechtigung hier treffen und jeder nach seinem Können zum Erfolge unferer gemeinsamen Arbeit beiträgt, die Frieden und Wohlfahrt für Europa erstrebt."

Nach diesen Cröffnungsworten nahm dann die Sitzung den geschilderten unformellen Verlauf, der bei allen Teilnehmern einen vorzüglichen Eindruck hinterließ und bei dem besonders attf alliierter Seite ein ziemlich starker Optimismus zutage trat. Reichskanzler Dr. Luther machte feine Ausfüh­rungen zum Teil in französischer Sprache, während Außenminister Dr. Stresemann deutsch sprach. Die übrigen Teilnehmer bedienten sich der englischen und der französischen Sprache.

Am Nachmittag um 4 Uhr traten bann die Juri­sten der fünf Delegationen, Ministerialdirektor Dr. G a u s für Deutschland, Sir Cecil Hurst für Eng­land, Fromageot für Frankreich, R o l i n für Belgien und Pilotti für Italien, zu ihrer erftm Sitzung zusammen, die naturgemäß ebenso wie die ^auptbesprechungen in Locarno unter strengstem Ausschluß jeder Oesientlichkeit stattsaud. Wie man indessen hört, werden die Rechtsberater der fünf Regierungen schon bald mit dem schwierigsten Punkte des ganzen Vertragssystems, mit der Frage ber Garantie der östlichen Schiedsverträge und mit den deutschen Vorbehalten zu Artikel 16 des Völkerbundspaktes zu beschäftigen haben.

Im Lichte -er guslandspreffe.

Zwei ernste Probleme.

wtb' Paris, 6. Okt. (Eig. Rundf.-Meld.) Der Sonderberichterstatter des „Maiin" in Locarno meint, doy zwei Fragen eine ernste Diskus- sion herbeifuhren würden. Das erste einfachere Problem sei das Gintreten Deutschlands in den Völkerbund, bevor der Pakt und die Schiedsgerichtsoerträge als in Kraft befindlich an- aelehen werden könnten. Es könnten die Vorbe­halte Deutschlands hinsichtlich des Artikels 16 des Völkerbundsstatuts Gegenstand von Verhandlun­gen zwischen dem Völkerbund und Deutschland bil­

den. Das zweite Problem sei ernster und handele sich um die französische Garantie, die dem Schiedsgerichtsvertrag zwischen Deutschland und seinen östlichen Nachbarn gegeben werden müffe. Die Lösung sei gleicher Art wie sie bei dem belgisch-deuffchen Schiedsgerichtsvertrag erfolgen solle. Diese Garantie ersttecke sich sogar auf das sofortige Internentionsrecht, wenn nach Verletzung des Schiedsgerichtsvertrages der Uebertreter zu Operationen militärischen Charakters schreite. Sie seien infolgedessen vollkommen in Einklang zu brin­gen mit den Allianceverträgen Frankreichs mit Po­len und der Tschechoslowakei. Die deutschen Mini­ster würden einige Konzession en hinsichtlich des Besatzungs-Regimes oder des Verwaltungs- Regimes im Saargebiet fordern. Hier aber bestehe eine große Schwierigkeit, da das Saargebiet vom Völkerbund verwaltet werde, und jede Abände­rung des Besatzungs-Regimes von der Frage der Entwaffnung in Deutschland abhänge.

wtb London, 6. Oft (Eig. Rundf.-Meld.) Vor­sichtiger als die übrigen Korrespondenten äußert sich der Sonder-Korrespondent der „Times" in Lo­carno. Er erklärt, man sollte auf die Fortschritte des ersten Tages, keine allzu großen Erwartungen fetzen. Es bestehe aber guter Grund, anzunehmen, daß die deutsche Delegation entschlossen fei, die westlichen und östlichen Verträge geson­dert zu behandeln und keiner Verbindung zwi­schen beiden zuzustimmen.

Diese Ausassung sei natürlich der französischen entgegengesetzt. Das Blatt Lloyd Georges äußert sich befriedigend darüber, daß Chamberlain eine vorsichtige Haltung einnehme. Das fei eine Genug- tung, da es für Großbritannien gefährlich sein würde, so weitgehende Verpflichtungen zu überneh­men. Das Mindeste, was Großbritannien von Frankreich als Gegenleistung für eine Garantie verlangen könnte, fei, daß es aushöre, U-Boote gegen England zu bauen.

Das russische Gespenst.

wtb London, 6. ort. (Eig. Rundf.-Meld.) „Morningpost" zeigt sich wiederum durch das r u f- fifcheGespenst beunruhigt und sagt, die Soro- jetregierung fei entschlossen, die Kluft zwischen Großbritannien und Deutschland zu erweitern. Die britischen und russischen Interessen seien einander direkt entgegengesetzt. „Times" sagt in einem Leitartikel, gegenwärtig beschästige sich Grotzbri- tannien im wesentlichen nur mit dem Rhein­land p a rt, darüber hinaus fei für England keine Verpflichtung möglich. Während Westeuropa ernst- sich eine gesunde Methode zur endlichen Herstellung eines wirklichen Friedens erwäge, stelle sich Ruß- land plötzlich unzeitgemäß ein. Durch sein Erschei­nen in Warschau suche Tschitscherin Frank­reich zu beunruhigen. Unmittelbar darauf suche er durch eine noch energischere Kundgebung in Ber­lin die schwindende deutsche Hoffnung auf eine un­sichere östliche Alliance wieder zu beleben.

Vegrützungsielegramm der Bundes- Präsidenten.

Der Schweizer Bundespräsident hat an die Teilnehmer der Konferenz von Locarno ein in herzlichen Worten gehaltenes BegrübnngS- telegramm gerichtet, in dem dem Wunsche Aus- druck gegeben wird, daß die Konferenz durch ihre Ergebniffe dazu beitragen möge, Europa und die Welt einer langen Aera des Friedens und der Wohl­fahrt entgegenzuführen.

Kuch Muffolini kommt.

wtb p a r i s, 6. Oft. (Eig, Rundf.-Meld.) Der Sonderberichterstatter des „Petit Zoural" in Lo­carno meldet, es bestätigt sich, daß M u f f o l i n i in 4 oder 5 Tagen nach Locarno kommen werde, um dort einen 24ffünbigen Aufenthalt zu nehmen. ____________________

Em österreichisch-italienischer Zwischenfall.

„Stefani" meldet folgendes: Der italienische Gesandte in Wien hat gegen die im österreichischen Parlament von dem Abgeordneten Ellenbogen gehaltene Rede bei dem österreichischen Außenmini- ster Verwahrung eingelegt. Der Außenminister be» dauerte den Zwischenfall und schickte sofort seinen Vertreter zur italienischen Gesandtschaft, um das lebhafte Bedauern der österreichischen Regierung wegen der unbesonnenen Worte des Abgeordneten auszusprechen. Die italienische Regierung erklärte, sie sei dadurch nicht zufriedengestellt. Der Zwi­schenfall werde vielleicht weitere Folgen haben.

3tatien verlangt Entschuldigung.

wtb R o m, 6. Oft. (Eig. Rundf.-Meld.) „Mes- sugero" schreib zu den diplomatischen Zwischenfäl­len zwischen Italien und Oesterreich gelegentlich der Red- des Abgeordneten Ellenbogen: Oesterreich habe eine besondere Pflicht der Hochachtung und Dankbarkeit gegenüber Italien, da die italienische Regierung großmüttg am wirtschaftlichen Wieder­aufbau Oesterreichs milgeholsen habe. Die öster­reichische Regierung werde sicherllch dem Wunsche der italienischen Regierung entsprechen und ihr eine Rote der Entschuldigung zusammen las­sen.

Der KeichrbankprSsident über die Wirtschaftslage.

Die Wahrung gesichert. — Produktive Auslands- Kredite. — Sparsamkeit in der öffentlichen Verwal­tung. — Dawesplan und Zollpolitik.

Reichsbankprösident Dr. Schacht sprach am Montag nachmittag in Karlsruhe im kleinen Fest­saal vor den Mitgliedern der Regierung, sowie Ver­tretern der Wirtschaft unseres Landes, ber Kom­munen usw. über Wirtschaftsfragen. Dr. Schacht betonte eingangs, daß an ein Wiederauf­leben der Inflation schon wegen ber be­stehenden währungspolitischen Gesetze nicht zu denken sei, die genau das Maß der Deckung vor­schreiben. Die gegenwärtige Teuerung sei eine all­gemeine Erscheinung in der ganzen Welt. Dee Redner unterstrich nachdrücklich, daß die Gold­währung in Deutschland absolut ge­sichert fei. Heute handle es sich in erster Linie um die Kapitalfrage. Die erforderlichen Mengen an Gold und Devisen könnten der Reichsbank nur aus der effektiven Produktion zugeführt werden. Die gegenwärtige Sage charakterisiere sich folgender­maßen: Wir Haden in Deutschland einen riesen­haften Produktionsapparat, dem es aber an dem nötigen Del fehlt, um ihn in Betrieb zu erhalten« Wir werden uns von dem Gedanken freimachen müssen, als ob das Ausland ein weitgehendes Jn» tereff daran hätte, die deutsche Wirtschaft wieder aufzubauen, und das es uns schrankenlos Mittel zur Verfügung stellt.

Der Redner zerstreute dann die Befürchtungen vor einer Ueberfrembung ber deutschen Wirtschaft. Wünschenswert sei das Hereinbringen auslän« bischen Geldes in Form der Kapitalbeteili­gung. Die Agrar- und Exportwirtschaft werde der ausländischen Kredite vorerst nicht eintreten können. Aber darüber hinaus müsse man sich in der In­anspruchnahme von ausländischen Krediten im Jn­tereffe unserer Währung die größte Selbstbeschrän­kung auferlegen. Dr. Schacht erklärte in diesem Zusammenhang, daß er das „P umpe n" der Kommunen im Auslande aufs Schärfste miß­billigen müffe. Wenn jemand berechtigt sei, dann sei das eben die Wirtschaft. Reich, Länder und Kom­munen könnten nicht bestehen ohne eine existenz­fähige Wirtschaft.

Der Reber verteidigte dann die in allen Wirt­schaftskreisen schwer empfundene rigorose Haltung der Reichsbank und sagte, die Reichsbank scheide als Kapitalguelle aus. Es sei ganz ausgeschlossen, daß man die Notenpresse in Bewegung setzt, um der Wirtschaft für den Augenblick zu helfen. Dr. Schacht erklärte, daß er sich unter allen Umständen rosigere, zu einem solchen Mittel zu greifen, da dadurch das Vertrauen des Auslandes verloren ginge und die ungebahnte Wiedereinfügung in die internationale Wirtschaft in Frage gestellt würde.

Dr. Schacht befaßte sich bann mit der Organi­sation der Verteilung der Jnlandsgelder. Die Neu­regelung der Verwendung der öffentlichen Mitte! sei nicht zu begrüßen. Man solle sich jetzt endlich entschließen, die Gelder langfrist auszuleihen, bat dadurch die Sage am Kreditmarkt ungemein er­leichtert werde. Der Redner bezeichnet die Tat­sache als schädlich, daß die deutsche Industrie sich mit außerordentlich großen Beständen an Rohmaterial, Halb- und Fertigfabrikaten eingedeckt habe, wäh­rend man selbst in Amerika nur Vorräte für höch­stens acht Tage auf Sager lege.

Nach Behandlung allgemeiner Wirtschafts- fragen stellte dann Dr. Schacht zusammenfassend folgende Richtlinien auf: Auslan dskredii« für die notwendig st en produktiven Zwecke, Nutzbarmachung der vorhan­denen Jnlandskraft in vernünftige- rerWeifealsbisherundgrößteSpar- samkeit auf allen Gebieten, um die Kapitalansammlung zu steigern, endlich von Staats- und Derwal- tungsseite stark st eSchonungderWirt» schast und Beschränkung der öffent­lichen Ausgaben. Nur dadurch werde es Deutschland möglich fein, auf dem vorhandenen Kulturniveau weiter zu arbeiten.

Der Redner beschäftigte sich bann mit dem Da­roesplan und erklärte, es fei ganz falsch, wenn man erkläre, die Daroeszahlungen könnten nicht geleiftet werden. Sie könnten geleistet werden, wenn man uns die Märkte ber Welt wieder öffnet und nicht verschließt. Es müffe dahin kommen, daß aus Europa ein einziges Wirtschaftsgebiet gemacht wird. Verkehrt seien die Wege ber Oststaaten, eigene Wirtschaftsgebiete zu schaffen und sich mit hohen Zollschranken zu umgeben. Wir müssen ben Ge­danken ber europäischen Wirtschafts­union aus uns heraus in die Welt tragen. Eine weitere Voraussetzung für die Durchführung des Dawesplanes ist die Wiedererlangung von Kolo­nien zwecks Beschaffung von Rohstoffen.

Dr. Schacht schloß feine Ausführungen: Ich glaube, daß wir nicht ohne Hoffnung in die Zu- kunft zu blicken brauchen. Ein Volk, das solche Sei» ftungen in den letzten Jahren vollbracht hat wie das deutsche, ist berufen, auch weiterhin in der Wirtschafts- und Kulturwelt eine Rolle zu spielen. Es ist keine Frage, daß man dieses Volk nicht aus­löschen kann aus der Kulturgemeinschaft, und daß man seine Mitwirkung im internationalen Interesse nicht wird entbehren können. Wir unsererseits müssen den guten Willen zeigen, mit den übrigen Völkern zusammenzuarbeiten. Nicht alles ist iin- wiederbringlich verloren. Wir haben in ber inter- rationalen Zusammenarbeit manches zurückgewin­nen können und werden auch noch manches errei­chen. Ich gebe die Hoffnung nicht darauf auf! (Leb­hafter Beifall.),