JMs 223.
Sonntag, 27. September 1925.
Fuldaer Zeitung
Farbe und Architektur.
Der Lande-konseroator Prof. Fritz Wichert, also einer der dazu berufensten Persönlichkeiten, hat lick) auf der Tagung für Denkmalpflege in Freiburg, über die wir an oberer Stelle berich. ten, Über das Thema „Farbige Architektur" geäußert. Die Frankfurter Zeitung gibt seine Ansichten, die auch in Fulda viel Interesse finden werden, wie folgt wieder:
Ueberall grassiert Buntheit. In Frankfurt find schon mehrere Hundert schöner alter Häuser in Farbe getaucht und bemalt worden. Was in Magdeburg von Bruno Taut begonnen wurde — damals mit der unverhohlenen Absicht, mißliebige Fassaden in ihrer Anordnung aufzulösen und zu zerstören —, das hat sich in einer großen Reihe von Städten und Gemeinwesen jeder Art fortgesetzt, und vielleicht hat niemand mehr Gelegenheit, Umfang und Heftigkeit der Bewegung zu beobachten, als die Konservatoren, die in Ausübung ihres Amtes zahlreiche ländliche Gemeinden zu besuchen pflegen. Es ist auch ganz erklärlich, daß nach dem grauen Elend, das mit dem Kriege und der Nachkriegszeit Über uns hereingebrochen war, einmal ein allgemeines Bedürfnis nach einer Farbigkeit sich zeigen wurde, die Frische, Mut und Lebensbejahung bedeutet.
Bei der Einführung der neuen Absichten wird von den Beteiligten zwar auch immer wieder darauf hin- gewiesen, Laß die Baukunst aller Zeiten und Völker sich gleichfalls der Farbe als eines wichtigsten Gestaltungsmittels bedient habe, aber abgesehen davon, bah zuverlässige Forschungsergebnisse auf diesem Gebiet nicht erzielt worden sind und daß es nahezu unmöglich erscheint, das farbige Bild vergangener Architektur mit voller Genauigkeit wieder vor uns erstehen zu lassen, so gibt sich die neue populär gewordene Bewegung doch auch, als handle es sich um eine große überraschende Errungenschaft unserer Zeit. Cs wäre aber gar kein Wunder, wenn unter uns plötzlich ein Künstler und Kenner auf« stünde und etwa solgendermaßen sprechen würde: „Ich »erstehe Euch nicht. Liegen nicht aller baukünstlerifchen Gestaltung die bekannten vier Clemente, Körperlichkeit beziehungsweise Raum, Fläche, Linie und endlich auch die Farbe zu Grunde? Ist denn ein Werk der Baukunst überhaupt ohne das farbige Element zu denken? Ist es jemals in vergangenen Zeiten ohne Bezugnahme auf die farbige Erscheinung gedacht worden? Nie und nimmer! Aber die neue Buntheitsbewegung tut, als sei das Bauwerk ein Wesen, das man nach Belieben mit einer farbigen Garderobe ausstatten könne. Als ob es, mit äußerster Folgerichtigkeit gedacht, bei einem Bauwerk, das mit künstlerischer Notwendigkeit gebildet wurde, überhaupt mehr als eine Lösung der farbigen Aufgabe geben könne!"
Wo immer wir auf unseren Reisen gute Baukunst als Einzelbau oder in Gruppen oder in ganzen Stadtteilen oder über eine Landschaft ausgestreut vorfinden — in Dänemark, in Holland, in Italien, in Frankreich, in Nordafrika an einzelnen Stellen, in Deutschland, Oesterreich und der Schweiz, da gibt es kein eigentliches Farbenproblem, und zwar lediglich deshalb, weil die Lösung der farbigen Erscheinung bei jeder guten Architektur implizite gegeben ist. Der Schrei nach Buntheit hat. sich vornehmlich in solchen Gegenden u. Architekturgebieten erhoben, in denen am schwersten unter dem architektonischen Chaos gelitten wird.
Ich darf es nur versagen- ein Bild der architektonischen "FormenverbWerung und' des völligen Verlustes an einheitlicher Baugefimmng, von welchen wir in Deutschland seit etwa fünfzig Jahren heimgesucht worden sind, zu entrollen. Welche Mutlosigkeit und Niedergeschlagenheit will sich unserer bemächtigen, wenn wir daran gehen, z. B. die deutschen Provinzstädte auf ihre baukünstlerische Einheitlichkeit und überhaupt auf ihren Stil hin zu prüfen. Eine größere Verwirrung, Zer- risienheit und Hilflosigkeit, wie sie sich in dem Formenchaos willkürlich und ungleichartig zur Höhe geschlossener Straßenfronten ausdrückt, ist kaum noch zu erreichen.
Jndefsen scheint in neuerer Zeit eine Aenderung ein- getreten zu fein, und diese Aenderung sieht, wie ich glaube, im engsten Zusammenhang mit der Buntheitsbewegung. Was Bruno Taut bewußt erstrebte, als er Mietskasernen mit Hilfe von neuen Farbenmustern architektonisch auflöste, das scheint auch — allerdings mehr unbewußt — die treibende Kraft dieser neuen Bewegung zu sein. Die Anwendung der Buntheit ist vielleicht nur ein Versuch, von einem architektonischen Gesamtzustand loszukomnien, den man als verzweifelt on- sieht. Mit der starken Farbe glaubt man düs, was im geformten Material verdorben wurde und uns immer ftarfer zu quälen anfängt, erträglich oder unwirksam machen zu können. Wir suchen Kompensationen für den furchtbaren Ausfall an Einheitlichkeit und Qualität in unserer Architektur und. da bietet sich die durch den Expressionismus und die Chemie entfesselte Viel- und Starkfarbigkeit zur rechten Zeit. Aber der tiefinnerft "nd schmerzlich empfundene Ausfall wird nun nicht nur kompensiert, er wird weit übertompenfiert mit dem Erfolg, daß man über bem wilden Buntheitsrausch die Grundregeln aller architektonischen Gestaltung überhaupt vergißt. Ganz besonders schlimm ergeht es dabei vielen, bis dahin noch gut erhaltenen und in ihrem künstlerischen Bestand unverletzten historischen Gebäuden So eine klare, mit feinem Rhythmus gegliederte bürgerliche Faffade aus dem 18. Jahrhundert eignet sich ja auch gar ?u schön zur Kolorierung. Man kann unter Anwen- düng einer starken Hauptfarbe Fenster und Türen grell umrahmen, die Stockwerke durch harte Querstreifen von einander abheben, man kann geschnitzte Konsolen und anderen plastischen Schmuck, der bis dahin als Brennpunkt in ruhiger Fläche erschien, naturalistisch kolorieren und wenn noch Geld übrig ist, so kann man die freien Felder zwischen den Fenstern und Türen auch noch mit historizistischen oder modernen ober naiv dilettantischen Bildern schmücken, so lange bis derselbe Effekt erreicht ist, den Bruno Taut in Magdeburg im Auge halte. Leider läßt sich an vielen Orten schon jetzt mit voller Sicherheit erkennen: wo die Anwendung der bunten Farbe im Stadtbild nicht mit überlegener Künstlerschaft und Nach streng vereinheitlichenden Grundsätzen — bei hi- storischen Bauten unter pietätvoller Berücksichtigung ihrer historischen Wesenheit — erfolgt, da bedeutet die neue Farbenbewegung nur ein Element der architektom- schen Verwirrung mehr und als solches keine Wendung 3u neuer Bauschönheit, sondern ein weiteres Absinken
die architektonische Anarchie.
Zu ändern ist an dieser Tatsache durch besondere Vor- ronften, die sich auf einzelne Irrtümer und Erscheinungen oer Vuntheitsbewegung erstrecken, wenig oder nichts. Abhilst kann nur durch Verbreitung und allgemeine Ein- puanzung einer wirklichen Architekturgefinnung geschaf- werden. Und so bleibt in diesem Zusammenhang anderes übrig, als das ganze riesige System ”°n Bedingtheiten skelettartig anzudeuten, an welches farbige Gestaltung jeder Art von Baukunst gebunden ist und immer gebunden bleiben wird.
Die allerwichtigste Gelegenheit nun, auf welche bei jeber farbigen Ärchitekturaestaltnng unbedingt Bezug genommen werden muß, Ist der Charakter der landschaft- tchen Natur. Wie die Landschaft gewisse plastische, aumliche, flächig«, lineare und farbige Züge aufweist,
Rund um die Woche.
Die Mäzenaten von Weimar. — Der Schnupfe« der Unsterblichen — Preislenkung. — Der bekehrte Spekulant. — Die Kohlenkönige von England. — Eine Verbrecherkolonie.
Eckermonn und der getreue Eckart sind mir immer in der Phantasie zu einer Person geworden. Eckermann, der bekannte Verfasser des Buckes, das Nietzsche einmal das beste Buch der deutschen Literatur genannt hat, „Goethes Gespräch mit Eckermann", gehörte zu jenen Menschen, die nicht Kraft genug zu Huben scheinen, eine eigene Existenz zu führen. Sie lehnen sich an einen stärkeren an und erfüllen ihr Wesen, indem sie ihm dienen. So war der getreue Eckermann 7 Jahre lang um Goethe herum, hat ihm Mut gemacht, den zweiten Teil des Faust zu schreiben, hat ihm geholfen bei der Ordnung der Papiere, war ihm immerfort nahe und kreiste um ihn, wie ein Planet um die Sonne. Der gute Ecker- mapn, den Ruhm eines Goethefreundes hat er genossen und sein Werk ist unsterblich. Aber sein Leben war hart und hat gar nicht viel Früchte gesehen. Aus armer Familie stammend, mußte der begabte Knabe immer mit dem Dasein ringen. Doch hätte er gewiß ein bescheidenes Glück gefun- fv.nden in irgend einer subalternen Stellung. Dazu aber ließ es der große Freund nicht kommen. Niemals ist wohl ein Mensch so ausgenutzt worden wie er. Niemals hat schuldige Dankbarkeit sich so wenig bemüht, dem armen, fast hungernden Mitarbeiter auch nur die dürftigste Existenz zu geben. Eckermann durfte oft an Goethes Tische sitzen, aber er selbst hat nie ein gemütliches Heim gehabt. Er durfte das Glück eines Olympiers bewundern, ihm selbst aber gaben Gunst und Gnade nicht einmal das tägliche Brot. Eine geliebte Braut muß jahrelang warten, bis er sie heimführen kann und nachdem es geschehen, wünscht der große Freund ihm nicht einmal Glück, geschweige denn, dem treuesten Diener und Helfer eine sichere Zukunft zu bauen.
In einem soeben erschienenen Buche hat Houbon aus ganz neuen Quellen uns die Einblicke in Verhältnisse gegeben, die selbst für den hingerissensten Goetheschwärmer empörend sind. Götter mögen die in Weimar schon gewesen sein, aber die Liebe, die selbstlos schenkende, haben sie nicht gehabt. Ein soziales Zeitalter wird sich hüten müssen, seine Erziehungideale einseitig in Vorbildern zu suchen, die" Mitleid nicht gekannt haben. Vor einiger Zeit hat ein französischer Schriftsteller ein Buch herausgegeben, das in seinem Baterlande das allergrößte Ausiehen gemacht hat. Der junge Mann war sehr federgewandt und hatte gute Beziehungen. So nahm man ihn ins Hauptquartier, damit er Kriegsberichte verfasse. . Nichts blieb ihm verborgen. Zu allen Sitzungen hatte er Zutritt, jede Stellung durfte er besuchen, bei jedem Fest beobachtend dabei- sitzen. Und er schrieb darüber, wie man es eben erwartete, bis eines Tages seine Seele erwachte. Da wurde es ihm klär, daß man Menschen nicht für Götter ausgeben sollte. Und nun sucht er seine Schuld gutzumachen, indem er Menschliches und All zumenschliches über die französische Generalität und überhaupt über das Interne der mit Orden besäten, großen Männer der Nation schreibt. Das Buch hat ungeheures Aufsehen erregt, denn was immer man über Herren, wie etwa Ioffre dachte und munkelte, es wurde hier in einer Weife aufgetragen, die jegliche Phantasie überholte. Und die Moral von der Geschichte? Sie liegt in dem spöttischen Heinewort: Aber bisweilen kriegen wir Götter einen unsterblichen Husten und einen unsterblichen Schnupfen...
Tatsächlich ist es im Zeitalter der Photographie und der promten Berichterstattung nicht so leicht, ein Held und ein Heiliger zu werden. Und gerade dieses hat etwas Gutes. Es kommt dadurch m e h r Wahrhaftigkeit ins Leben. Man träumt und faselt in Menschen nicht hinein, was nicht darinnen liegt. Man bekommt sozusagen selbst Mut, ein Held zu werden, wenn man gewahrt, wie viel Menschliches sie bis in ihre alten Tage mitgeschleppt haben. Man macht die Knire nicht so sklavisch und verteilt Achtung, aber auch Verachtung vorsichtiger.
Nun aber genug mit der Philosophie und lieber von etwas Praktischem gesprochen, wie zum Beispiel von der Preissenkung. Sie soll ja kommen. Hier und da blitzt etwas durch die Zeitungen, daß morgen die Zinssätze herabgesetzt werden sollen. Eine ganze Menschenschar stand neulich
in Berlin vor einem Schaufenster, in dem em glanzender Schinken ausgestellt war. Heute noch 5,50 Mark das Pfund, stand vielsagend daran. Und in manchen Mündern läuft das Wasser zusammen. Was wird morgen sein? Wieder will keiner anfangen. Wie bei der Abrüstung, so bei der Preissenkung. Und doch wird es allen immer schlechter gehen, wenn niemand beginnt. Daran ist schon nichts zu ändern. Herunter müssen sie. Verschwinden müssen hei unzdie letzten Reste von Korruption aus der JnflationDit. Besser, man findet sich nun einmal ab mit dem Substanzverlust jener Tage und sucht nicht hintenherum wieder hereinzubringen, was wir nun einmal verloren haben. Ich habe übrigens doch gehört, daß in einigen kleineren Städten die Geschäftsleute wacker begonnen haben, das Mögliche zu tun. Ja, einer, der früher viel spekulierte, sagte mir neulich: Das ist jetzt aus. Eines weiß ich fürs Leben: Ehrlich währt a m l ä n g st e n. Tatsächlich, wenn wir die Firmen betrachten, die nun langsam wieder hochkommen, man könnte davor schreiben: Ehrlich währt am längsten ...
Diese Erfahrungen aber beziehen sich nur aus kleinere Städte. Ob es auch in den großen Betrieben schon dämmert, das vermag ich nicht zu sagen. Was die Blätter von England erzählen, so macht man sich dort gefaßt auf neue Lohnkämpfe. Ob die Grubenbesitzer nicht doch mehr entgegenkommen könnten? Eines ist gewiß: Die Arbeiterbewegung in England wird radikaler, sie löst sich in den Gewerkschaften von den zaudernden Politikern. Es wird Hart aus Hart stoßen und neue Erschütterungen geben. Naturnotwendig wtrd der internationale Zusammenschluß auf dem Gebiet der Lohnfragen fortschreiten, und weil hier die heißesten Kämpfe geführt werden, so dürfen wir wohl sagen, daß gerade diese Probleme uns noch lange bedrängen werden. Manche von uns hatten gehofft, es werde sich der Kapitalismus unserer Zeit langsam in einen Ueberkapitalismus entwickeln, d. h. es würde diese Form der Wirtschaft in sich selbst zusammenbrechen, wie etwa der Stinneskonzern, wenn auch nicht so gewaltsam, und es würde dann Raum werden für sozialethische Erwägungen. Wie ein Artikel in den letzten „Stimmen der Zeit" ober zeigt, ist von einer solchen Entwicklung keine Spur wahrzunehm'en, sondern im Gegenteil: Der Kapitalismus wird zum H o ch k a p i t a l i s m u s, indem sich alle Verhältnisse, und gewiß auch die Ausdehnung der Lohnkämpfe, nur ins Gigantische vergrößern. So baut die Menschheit an Türmen, von denen alle Bauleute wissen, daß sie eines Tages unter furchtbarem Gekrach zusammenbrechen müssen. Wer rettet?
Wie wenig Menschen sich aus sich selbst retten können, das bewies mir ein Kapitel aus einem eben im Panvsrlag erschienenen Jahrbuch der Charakterologie. Schauderhafteres, ' als tue" Szenen aus der Verbrecherkolom'e Neukaledonien steht selbst in Dostojewskis Erinnerungen aus dem Totenhause nicht. Das ganze ist wohl ein Versuch, nach Rousseau'scher Art auf die Güte der menschlichen Natur zu vertrauen, und so hofft man, daß dort in der Kolonie sich auch die übelsten Verbrecher auf eine reinere Menschlickkeit besännen. Das G e g en t e i l ist der Fall. Die Gemeinheit ist ein Trichter, der gurgelnd jedes neue Opfer in sich hineinzieht, in den gleichen Abgrund geradezu teuflicher Verkommenheit. Nicht einmal die Todesstrafe hilft, die hier öffentlich zum Abschrecken der Uebrigen durch Guillotine oder Schwert vollzogen wird. Und der Erfolg? Gar keiner. Wie in den Straßen von Kanton, wo die fürchterlichen chinesischen Todesurteile vollstreckt werden, indem man Menschen vor aller Augen in tausend Stücken reißt, so schauen die Lebenden gleichgültig zu. Sie rauchen Zigaretten dabei oder kauen Früchte oder berauschen sich am Blut. Genug davon. Eine ganze Nacht habe ich von der schrecklichen Guillotine von Neukaledonien geträumt . . . Als aber die Sonne aufging über strahlenden Dächern, da dachte ich: Schauen wir auf zum Lichte! Es leuchtet dem Herbst, es leuchtet dem Frühling. Nicht auf meine Schulter bat. Gott das Leid der Welt gelegt, sie wären zu schwach dafür. Und das will ich Goethe lassen, von dem ich ausgegangen, er hat die Kunst verstanden, im Kleinen das Große und Göttliche zu sehen, und froh zu fein über jeden Tag der Arbeit, den eine gütige Vorlehung ihm schenkte. Der Mann i m M o n d e.
die überall anders sind, so nimmt auch alle architektonische Gestaltung plastisch, räumlich, flächig, linear und schließlich auch farbig Bezug auf die in diesen Elementen gegebenen Eigentümlichkeiten.
So selbstverständlich dies klingt, so wird oft dagegen verstoßen und in vielen Fällen läßt sich schon mit Hilfe dieses Kriteriums ein Fehler in der farbigen Behandlung von Bauwerken nachweisen. Nehmen wir zunächst die Vegetation. Hier schon zerteilt sich die Aufgabe aufs reichste. Wie anders sind Eichen, Buchen, Platanen, Birken als farbiges Kompositionselement zu werten, wie überhaupt alle nordischen Saubtnaffen, verglichen mit Pinien, Zypressen, Oliven, Palmen. Man studiere darauf hin bas Westend in Frankfurt, die Vororte von Paris oder die baumbestandenen Straßen alter holländischer Städte. Wird das vegetative Element durch die Farbe der Architekwr um seine Wirkung gebracht, so können wir bestimmt annehmen, daß ein Fehler vorliegt. Unter allen Umständen müßen Vegetation und Bauwerk sich gegenseitig steigern. Dies gilt nicht nur inbezug auf das Plastische, Lineare und Flächige, sondern auch hinsichtlich der Farbe. Aehnlich verhält es sich mit der Erscheinung des Erdbodens und lolcher Partien der Landschaft,, in welchen Sand ober ®eftein zutage tritt. Man vergißt beim Anmalen der Fassaden immer, daß auch die Fläche der Straße als farbiges Clement gewertet werden muß und als solches bei der Herstellung der Raumeinheit beteiligt ist. Da nun aber in vielen Fällen lediglich die Hauswand inten» fto gefärbt wird, Straßenboden und Dächer, z. B. Schieferdächer, aber unbunt ober jebenfalls zartfarbig blei- ben, so stehen bie grellen Wände völlig unvermittelt da und da» Ergebnis ist eine peinliche Zerreißung des Raumes.
Immer wieder muß betont werben, baß bie natürlichen Elemente ber Landschaft für jegliche architektonische Komposition entscheidender Ausgangspunkt zu fein haben. Den Himmel z. B. können mir nicht anstreichen. Seine farbige Erscheinung aber ist ein Element von
stärkster Wirkung und dauerhafter jedenfalls als die meisten Architekturgebilde. Es versteht sich daher ganz von selbst, daß wir mit der Farbe in ber Architektur auch auf den allgemeinen Charakter des Himmels und im weiteren Sinne der ganzen Atmosphäre jeder Landschaft Bezug nehmen muffen. Eine Atmosphäre, etwa wie die um Paris, an die man auch in Mannheim und Frankfurt oftmals denken muß, eine Atmosphäre mit ausgesprochenem Eigenleben mahnt ganz besonders zur vorsichtigen Anwendung starker Farbtöne. Denn eine zu zarte vordringliche glatte Farbe tötet die Atmosphäre und vernichtet bas Spiel von Stimmungen und feinster Farbenwanblung, womit sie ber Architektur immer wieder aufs neue wechselndes Leben zu verleihen pflegt. So mannigfaltig bie Landschaft in Deutschland, so verschieden in verschiedenen Gegenden auch die Atmosphäre. Frankfurt z. B. ist von jeher ein Mittelpunkt malerisch zarter Kunstgestaltung gewesen. Es liegt ein körniger, silbrig opalisierender Duft über seinem Gebiet, der alles bindet und verklärt. Doch gibt es Farben und Farbenzusammenstellungen, die solcher zarten Bindung mit Derbheit trotzen, bie sie zerreißen und zerstören. Ich betrachte dies als ein Unglück unb möchte bie Behauptung aufstellen, daß die ästhetischen Werte der Atmosphäre wichtiger sind, als der schönste Farbenrausch.
Wir unterscheiden zwei Arten von Farbigkeit. Erstens die natürliche Farbe des Baustoffes: Marmor, grauer unb roter Sandstein, Backsteine aller Art. Zementbewurf ufw. Zweitens die künstliche Farbe, d. h. eine Färbung, die bie Eigenfarbe des Materials teilweise ober gänzlich aufhebt. Die verschiedenartige technische Beschaffenheit, der künstlichen Färbungen hat selbstverständlich auch ästhetisch ihre große Bedeutung. Betrachten wir zunächst die Naturfarben ber Baustoffe. Mit bem Material ist viel gesündigt worden. Jeder Baustoff hat feine plastische und lineare Eigenwilligkeit, und auch seine Farbe wirb nur bann befriebigenb wirken, wenn der Bau im übrigen gut und richtig gestaltet
2. Blatt.
•:* Druck der Fuldaer Acliendruckerei, Fulda.
ist. Wenn die Materialfarbe peinlich wirkt, so ist nut Sicherheit anzunehmen, daß die körperliche und flächige Gestaltung des Bauwerks Fehler aufweisen, denn an sich ist es möglich, mit jedem Baumaterial eine be» friedigende Farbwirkung zu erzielen. Das Arbeiten mit ber natürlichen Farbe hat auf alle Fälle auch ben Vorteil, daß sich das Bauwerk wie selbstverständlich mit der Landschaft verbindet. Der violette holländische Klinker wird so zur malerischen Grundtönung der holländischen Architektur. Der westfälische Backstein mit seinem viel grelleren Rot scheint wirklich nur dorthin zu passen, mc er entstanden ist. Daß der rote Mainsandstein und bet Neckarlanbstein sich ihrer Heimatlandschaft so wundev bar einfügen, entspringt einem noch nicht ganz erkannten Grundgesetz, nach welchem bie Eigenart ber Atmosphäre mit den im Boden lagernden Grundstoffen irgendwie harmonisch verbunden ist. Beispiele für diesen Satz ließen sich noch in Menge anführen. Das Bestehen- lassen der natürlichen Farbigkeit des Stoffes hat auch noch eine andere wichtige Wirkung. Das Material als solches bleibt in seiner spezifischen Beschaffenheit für den Beschauer wirksam. Das Gefühl bringt in ben Baukörper ein und wird genötigt, dessen Schwerkraftver- hältnisse zu empfinden. Es handelt sich also bet Bauten mit Naturfarbe um Gestaltungsprinzipien, die ihre eigenen Formen bedingen und von der Baukunst mit künstlicher Farbgebung grundsätzlich verschieben sind. Aus dieser Tatsache beruht z. B. bie Erscheinung, daß Sand- steinsäulen aus bem 18. Jahrhundert, wenn fie mit einer Oelfarbenhaut überzogen sind, geradezu unerträglich wirken. Die besondere Beschassenheit der Oberfläche uni ihre Bedeutung für ben ganzen Bau wirb immer noch viel zu wenig beachtet. Die weiche, körnige, buffe Oberfläche führt bas Gefühl mehr in das Innere unb läßt noch plastische, d. h. Schwerkraftempfindungen zu. Di- glatte, feste, über das Material gezogene Haut hebt alle Schwerkraft auf und wirkt malerisch ober gar abstrakt.
Schon au- diesen karg gehaltenen Ausführungen läßt sich erEennen, wie schwer es fein muß, Bauten in Naturfarbe und Bauten mit künstlerischem Anstrich miteinander in Einklang zu bringen. Ich halte den Versuch nahezu für aussichtslos unb glaube, daß eine einheitliche Sandsteingrauheit noch sehr viel erträglicher wirkt, als die Zerrissenheit, die wir empfinden, wenn in einem durch das Naturmaterial gebildeten Siraßenraum plötzlich eine Fassade mit speckig grellem Oelanstrich aus der Reihe springt
Die Anwendung künstlicher Farbe dient in jedem Falle der Aufhebung der Schwerkraftswirkung. Sie er- folgt heute im Einklang mit bestimmten Gestaltungs- absichten deren psychischer Urgrund in manchen Erschei- nungen kultureller, technischer unb sozialer Art liegen mag. Es bleibt aber bestehen, daß Baukunst in erster Linie plastische und räumliche Gestaltung sein muß. Auch da, wo mir imstande wären, ohne Rücksicht auf Vorhandenes farbige Bauten aufzuführen, zu Häusergruppen, Straßen und Plätzen zusammenzufügen, auch da bleibt der Zweifel ob eine allznstarke Farbengebung nicht dem Welen der Baukunst widerspricht. Starke Farben verschieben bekanntlich bie Flächengrenzen, springen vor unb treten zurück. Ist dieses selbständige Gebaren ber Farbe dem körperlichen und räumlichen Gehalt der Architektur nicht auf alle Fälle nachteilig? Es sind bie unbunten Farben, die Töne zwischen weiß und schwarz, welche bie körperliche unb räumliche Wirkung unterstützen. ______... .........
Co ist anzunckimen, daß die körperliche unb räumliche Einheitlichkeit unter allen Umständen leichter bewahrt ober hergestellt werben kann, wenn die Baukunst sich einer Farbigkeit bedient, die ber unbunten Skala entstammt ober benachbart ist. In ber Tat ist auch überall, wo man in Siebter, zur neuen Buntheit über« gegangen ist, festzustellen, daß die räumliche Einheit gelitten hat. Wir sehen, daß bei Anwendung starker Töne, gleichviel ob sie der warmen ober kalten Seite entstammen, immer schwieriger wird, die Forderungen ber Einheitlichkeit unb der künstlerischen Notwendigkeit zu erfüllen. Und wf<= die Intensität anbelangt, so wirb ihr ja nicht etwa durch Grellheit der einzelnen Tone ober durch Vielheit der Tone, sondern durch feinste Zufammenstimmung Genüge getan. Wie sollen wir die aber erreichen angesichts der noch keineswegs überwundenen technischen und künstlerischen Unzulänglichkeit un« seres Walerhanbwerks!
Noch auf eine besondere Gefahr ber Buntheitsbewegung ist hinzuweisen. Die Verfeinerung ber künstlichen Potenz zeigt sich nie in der dauernden Steigerung der Reize. Vielmehr bedeutet das Beschreiten dieser Bahn mit bem Gröberwerben der Mittel auch eine Vergröberung der Qualität. Selbst wenn es möglich wäre, mit den jetzt beliebten stärksten Tonen im Zusammenklang mit den landschaftlichen Gegebenheiten künstlerisch not« toenbia erscheinende unb durchaus einheitlich wirkende Architekturgruppen, Straßen und Plätze zu bilden, würden wir wohl den ewigen Sinnenrausch, bie ewige Ekstase, ben ewigen Gefühlslärm lange ertragen können? Ich glaube nicht. Und noch ein anderes Moment, bas wiederum mehr zeitlich bebtngt ist, und das uns eindringlich zur Vorsicht mahnt, muß erwähnt werben. Die gewaltige Berschiiellerung unseres gesamten Sehens» Verlaufs, unserer Tätigkeit unb unserer Vorstellungen, hat auch ein anderes Raumgefühl in uns entstehen lassen. Mit einem einzigen Blick eilen wir gleichsam an endlosen Flächen entlang, nehmen wir Formenmassen in uns auf, deren Umfang uns noch vor wenig Jahren als etwas Ungeheuerliches erschienen wäre. Das bedeutet, daß wir auch hinsichtlich der Einzelform nach Klärung unb Vereinfachung verlangen. Die Kolorierung der Häuser, wie sie jetzt vielfach betrieben wird, bedeutet aber das gerade Gegenteil.
Nach allem, was wir zu dem Problem haben feststellen können, scheint es sich bei dieser Bewegung um einen Vorgang zu handeln, ber, wie Vieles was wir treiben, einer völligen Umkehrung bedarf, um das werden zu können, was eigentlich in feiner Absicht lag. Buntheit ist nicht Farbigkeit. Die Parole sollte lauten: Nicht in den grellen Farben und in den starken Gegensätzen liegt das Heil. Laßt uns versuchen, mit einem Mindestmaß von Buntheit ein Höchstmaß von Farbigkeit des architektonischen Eindrucks zu erzielen. Das wäre die wahre Lösung. Das Problem der Farbe in der Bau- kunst ist einfach eine Frage ber baukünstlerischen Qualität. Macht gute Baukunst unb die richtige Farbigkeit ergibt sich von selbst.
— Dar Reichzehrenmal für die Kriegsgefallenen. Der Reichskunstwart Dr. Redslob bereift jetzt mit einigen Künstlern, Schriftstellern unb Parlamentariern die Oberweser unb das SSeferberalanb, um zu prüfen, ob sich hier ein günstiger Platz finde, an dem das Reichs» ehrenmal ausgestellt werden kann. Erst nach Lösung der Platzfrage will man über die Ausgestaltung des Denkmales sich Weiter schlüssig Werden.
— Wettbewerb für Bildhauer. Zur Förderung der bildenden Kunst und der Künstler, will der preußische Kultusminister einen Wettbewerb aueschreiben und hierfür 40000 Mark zur Verfügung stellen. Es Han- beit sich bei bem Wettbewerb um die Gewinnung von Entwürfen für zwei Brunnenanlagen im Botanischen Garten m Berlin-Dahlem.