FuldaerZertung
Anzeiger für die Skadk und den Kreis Fulda. Amtliches Kreisblakk.
Nr. 218.
«erantwortlich für ine Schristleitung: Dr. Johanne» Kramer. Anzeigen! I. B arreller, Fulda. Rotationsdruck und «erlag der Fuldaer trlinbrrderri i« Fulda. FernkvreLer Nr- S.
v«ua»vrsi»: 1.50 Mk.
Dienstag, 22. September 1925.
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52. Zahrg.
Die Angriffe gegen Dr. Stresemann.
Neuer deutschnattonaler Vorstotz gegen die Nutzenpotttik der Reichs- tzabmetts. — warum mutz das Zentrum die große Partei der Mitte bleiben.
Die Parteileitung des Landesverbandes Ham- 5 bürg der Deutschnationalen Partei hat nach eingehender Beratung der politischen Lage einstimmig eine Entschließung gefaßt, in der die ; Erwartung ausgesprochen wird, daß die Führung der Deutschnationalen Bolkspartei auf keinen Fall ihre Einwilligung zur Teilnahme Deutschlands an einer Sicherheitskonferenz gibt, wenn nicht folgende Forderungen vom Verhandlungsgegner erfüllt find: 1. Beseitigung der Kriegsschuldlüge; 2. die im Versailler Vertrag festgesetzte und ; zugesagte allgemeine Abrüstung; 3. Räumung der besetzten Gebiete. Darüber hinaus wird verlangt» daß unter keinen Umständen in irgend einer Form freiwillig ein Verzicht auf deutsches Land ausgesprochen wird.
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Dieser Vorstoß ist noch schärfer als die Entschließung der Dresdner Versammlung der Deutschnationalen. Es wird sich in den nächsten Tagen noch ein heftiger Kampf innerhalb der Deutschnationalen Partei um die außenpolitische Zielsetzung entwickeln. Wir zweifeln freilich nicht daran, daß ebenso wie seinerzeit beim Dawesab- kommen, als die deutschnationalen Wirtschaftsführer in Berlin und in der Provinz mit nervöser Spannung die Annahme der Dawesgesetze erwarteten (gegen die von den Parteifunktionären so heftig Sturm gelaufen worden war) auch diesmal die Realpolitiker in der Deutschnationalen Partei ihre Ansicht durchdrücken werden, wobei es den weniger realpolitisch veranlagten Parteifreunden belassen bleibt, zu „demonstrieren". Immerhin zeigt bei dieser Gelegenheit die Rechte aufs neue, wie schwer es ist, mit ihr Außenpolitik in unserem Geiste zu machen. Auf der anderen Seite läßt die Linke uns keinen Zweifel darüber, daß sie in religiöser Hinsicht, insbesondere in Erziehungsfragen nach wie vor in schärfster Gegnerschaft unseren Forderungen gegenübersteht. Es handelt sich also in beiden Fällen um Gebiete, die für die Politik des Zentrums von entscheidender Bedeutung sind, auf denen wir unter keinen Umständen uns von der großen grundsätzlichen Linie unserer Politik abdrängen lassen können.
Die Quertreibereien deutschnationaler Organisationen gegen die Sicherheitspolitik des Kabinetts Luther-Stresemann-S ch i el e sind jedenfalls ebenso töricht wie schädlich für das Ansehen und die Wirkungsmöglichkeiten der deutschen Politik im < Ausland. Durch diese Vorgänge werden wir, mag 1 die Sache selbst laufen, wie sie will, daran erinnert, daß der deutschen Außenpolitik von innen her noch immer starke Gefahren erwachsen können, wenn die Regierung Luther-Stresemann, und wenn namentlich auch die Zentrumspartei und natürlich auch die Partei Stresemanns nicht mit aller Entschlossenheit und Klugheit den Quertreibereien von rechts begegnen. Schädlich sind sie auch so schon im höchsten Grade, weil sie den Uebelwollenden im Auslande Gelegenheit geben, die amtliche deutsche Politik als unsicher und unerläßlich hinzustellen.
Jnnerpolitisch stehen wir vor der Tatsache, daß die Außenpolitik des Kabinetts Luther aus der stärksten Regierungspartei heraus ständig angefochten erscheint, während die oppositionelle Linke sie durch ihr Wohlwollen stützen hilft. Diese Regierung, die man als eine Rechts regierung bezeichnet, sieht sich also auf dem derzeit wichtigsten Gebiete ihrer Politik genau in derselben Lage wie eine Regierung und wie eine Partei der Mitte: sie genießt hier eine Rückendeckung von links, und sie wird, wenn sie klug ist, damit zu arbeiten wissen.
Es muß eben in Deutschland im wesentlichen Politik der Mitte gemacht werden, der Kurs muß durchschnittlich ein mittlerer bleiben, auch wenn der Reichswagen einmal etwas mehr links, das anderemal etwas mehr rechts auszubiegen durch die parlamentarischen Verhältnisse genötigt ist. Daraus ergibt sich für die Kernpartei der
Mitte, das Zentrum, daß es auf dem richtigen Wege bleibt, solange es sich die Möglichkeit bewahrt, die Unterstützung für die jeweilige Aufgabe dort zu nehmen, wo sie sich bietet; natürlich nicht in einem mechanistischen Augenblicksopportunismus, sondern mit dem höheren Ziele, so auch innerlich die Gegensätze einander näherzubringen und das ganze Volk allmählich mit dem Geiste der Volksgemeinschaft zu durchdringen.
Der Weg ist freilich lang und beschwerlich. Wenn auch auf einigen Gebieten die Gegensätze sich bereits gemildert haben, so zeigen sie sich auf anderen noch in alter Schroffheit. Die Linke läuft gegenwärtig Sturm gegen den Reichsschulgesetzentwurf, und besonders die Sozialdemokratie hat auf ihrem Heidelberger Parteitage schroffe Töne gegen das Zentrum geredet und sich als desien unversöhnlichen Gegner in den Erziehungsfragen bekannt. Die Radikalen benutzen die Gelegenheit, um sich gegen jedes politische Zusammenwirken mit dem Zentrum zu wenden, und es war auffallend, daß die „Frankfurter Ecke" sich besonders zentrumsfeindlich gebärdete. Aber selbst die „Gemäßigten" verstiegen sich zu Anklagen wie der, daß das Zentrum die Weimarer Verfassung „gebrochen" habe, weil es sich angeblich nicht an das Schulkompromiß von Weimar halte. Das ist natürlich ein Unsinn, denn niemals hat das Zentrum, wie es die Sozialdemokratie verlangt, die Simultanschule zur Regelschule machen wollen: stets hat es das Elternrecht reklamiert, und dies besagt jedenfalls für die katholischen Eltern, daß der Bekenntnisschule der Vorrang gebührt. Die Sozialdemokratie beweist mit ihrem Heidelberger Schulsturm und mit der leidenschaftlichen Frontwendung gegen das Zentrum nur aufs neue, daß die Voraussetzungen für ein Zweiparteiensystem in Deutschland für uns nach links hin ebensowenig gegeben sind wie nach rechts. An der Notwendigkeit des Zentrums als unabhängiger Partei der Mitte ist also nicht zu rütteln. Das wird uns heute gerade von unseren Gegnern links und rechts so anschaulich wie nur möglich bewiesen.
Die Demokraten zur Schulfrage-
Der in Berlin tagende Parteiausschuß hat u. a. folgende Entschließung angenommen:
„Die Deutsche Demokratische Partei lehnt den durch die Presse bekannt gewordenen Reichs sch ul- gesetzentwurf, weil in Widerspruch stehend zu Wort und Geist der Verfasiung, mit Entschiedenhell ab und legt Verwahrung gegen den beabsichtigten Verfassungsbruch ein. Das geplante Reichsschulgesetz zerschlägt die durch geschichtliche Entwicklung und Ver- fafsungsrecht gegebene Staatsschule und entrechtet den Staat zu Gunsten einer kirchlichen Schul- Hoheit, welche die von allen preisgegebene geistliche Schulaufsicht weit hinter sich läßt. Es raubt dem deutschen Schulwesen jegliche Selbständigkeit, dem deutschen Lehrerstand die durch die Verfassung gegebenen staatsbürgerlichen Rechte. Es unterwirft alle Kinder, die durch die Verhältnisse gezwungen, Bekenntnisschulen besuchen müssen, einem unerhörten Gewissenszwang und unterbindet jegliche Entwicklung im Sinne des Artikels 146 Absatz 1 der Verfassung. Die nach Artikel 174 der Reichsverfassung besonders zu schützende Simultanschule in Baden, Hessen und Hessen-Nassau wird vollständig und absichtlich preisgegeben. Der Entwurf leitet eine Klerikalisierung des gesamten Schulwesens ein, die zu heftigen, die Volkseinheit dauernd gefährdenden Kämpfen führen müßte."
Die Demokraten erscheinen also mit dem „klerikalen" Schreckgespenst seligen Angedenkens ans der Bildfläche. Ob sie damit gegen die Grundlaae unserer Schulforderung, Achtung des Elternwillens, etwas ausrichten werden, muß sich nun zeigen. Der Aufmarsch zum Schulkamps, der auch auf anderen politischen Gebieten willige Entscheidungen in sich schließen wird, kommt immer mehr in Gang.
Die Regelung der Rriegs-Schulden.
wtb Paris, 21. September. (Tel.) Noch einer Meldung des „New Pork - herald" aus Washington wird in amerikanischen Kreisen versichert, daß die Regelung der französischen Schulden unter außerordentlich günstigen Bedingungen jetzt gesichert sei, und daß Italien, nach Beendigung der Verhandlungen der französischen Kommission, seinerseits eine Schuldenkommission nach Washington enffendet. Präsident Coolidge sei im Hinblick auf die Lage außerordentlich optimistisch und hoffe, daß möglichst schnell eine Regelung erreicht werde, um den Weg für die lang erwünschte Entwaffnungs-Konferenz, die feit mehr als einem Jahre immer wieder durch ernste Hindernisse hinausge- schoben worden sei, sei jetzt nahe gerückt und Loo- lidge sei entschlossen, sie durch nichts mehr länger verzögern zu lassen.
* Der Reichspräsident ist am Samstag abend wieder in Berlin emaettoffen.
* 3n Tuntenhausen hat der Abg. Dr. Heim auf einem Bauerntag g e g e n die Sicherheitspakt- politik gesprochen und alles getan, um die politische Einigung der deutschen Katholiken, die von weitesten Kreisen auch in Bayern erstrebt wird, zu erschweren. Als Mittel dient ihm die Forderung nach der Selbständigkeit der Länderi
Zur den deutschen Osten.
Kundgebung des Deutschen Oskbundes in Dortmund.
Zu einer vaterländischen Kundgebung hatte der Deutsche Ostbund seine Mitglieder in Rheinland und Westfalen aufgerufen. Es hatten sich viele Tausende von Mitgliedern auf dem Platze vor dem Stadttheater eingefunden. Rach einer Begrüßungsansprache des Oberbürgermeisttzxp Dr. Eich- Hoff wurde die neue Fahne der Ortsgruppe Dortmund eingeweiht. Dann formierten sich die einzelnen Delegationen der verschiedenen Zweigvereine der West- und Ostdeutschen zu einem Fest» 3ug, der durch die mittlere Stadt zu den Anlagen bei Fredenbaum marschierte, wo nachn ttags die ^gentliche Feier stattfand. Hier ergriffen der Bundesvorsitzende 0. Tilly, Mitglieder^ des Bundespräsidiums, die Landesvorsitzenden usw. das Wort zu einer Ansprache, in denen vor allem die zeder Menschlichkeit hohnsprechende Auswei - I u n g der deutschen Optanten aus den Ostgebieten gegeißelt wurde.
Eine englische Stimme über die Zerstückelung Oberschlesiens.
In einem Aufsatz des Londoner „Sunday Expreß" schildert Sir Robert Donald auf Grund einer Studienreise durch Oberschlesien die unmöglichen Z u st ä n d e, die durch die Zerstückelung dieser Provinz geschalffen wurden und bezeichnet Oberschlesien als wahren Hexenkessel, der jederzeit überkochen könne.
Probleme im Fernen Osten.
Bürgerkrieg in China?
wtb London, 21. Sept. (Tel.) Reuter meldet aus Tokio, das japanische auswärtige Amt hat vertrauliche Nachrichten erhalten, nach denen ein Krieg zwischen Tschangtfolin und Fengyuhsiang bevorsteht. Das japanische Kabinett faßte einstimmig den Beschluß, lm Falle eines Ausbruches von Feindseligkeiten in China neutral zu bleiben. (Es verstehe sich von selbst, daß in einem solchen Falle die Zovkonferen; nicht slaktfinden wird.
VevölKerungspoMK und Gstfrage.
Don cand. jur. Hermann Wilhelm Reuß-München.
Der Wiener Biologe, Prof. Julius Tandler, führt in einer neueren kleinen Schrift aus, daß die quantitative Pevölkerungspolitik „seit jeher die Sorge der Regierung und der Politiker" war. Wie weitgehend diese Feststellung ihre praktische, dem realen Leben entnommene Begründung besitzt, bleibt keinem verborgen, der mit einiger Wachsamkeit die politischen Vorgänge unserer Zeit an Hand der Bevölkerungsstatistik verfolgt. „Das Problem «Europa» taucht unter Scheinwerfer wie ein ©elfter- gesicht der Bevölkerungsfrage auf," sagt Dr. Alexander E l st e r zu dieser beängstigenden Frage und er fügt hinzu: „Für die notwendige künftige Arbeit ist das volle Verständnis dieser Art „Programm- musik" von größter Bedeutung."
Um diese Bedeutung in ihrer ganzen Tragweite zu erfassen, bedarf es nicht einmal eines Hinweises auf jenes Wort Clemenceaus: „Es gibt 20 Millionen Deutsche zuviel aus der Welt." Diesen Ausspruch könnte man, so sehr er angesichts der sinkenden Bevölkerungsziffer Frankreichs eine reale Erwägung zum Grunde hat, für ein weiter nicht beachtliches Dokument des französischen Chauvinismus und der hysterischen Angst Frankreichs vor seinem volkreicheren Nachbarn im Osten halten, ober die Uebervölkerung Deutschlands ist Tatsache, und wenn es uns nicht bald gelingt, das täglich bedrohlicher anwachsmde Heer der arbeitslosen Bevölkerung in produktive Erwerbsarbeit einzuschal- ten, dann werden wir ernsüich an die Verpflanzung deutscher Volksgenossen denken müssen. Die Sorgen, die Italien wegen der Unterbringung feiner überzähligen Bevölkerung hat, seien hier nur im Vorübergehen erwähnt. Bezüglich Oesterreichs stellt der am 3. Sept, in der „Neuen Freien Presse" auszugsweise wiedergegebene Expertenbericht ebenfalls das Devölkerungsproblem zu Erörterung und kommt unter Aufwerfung der Auswanderungsfrage zu dem Ergebnis, daß Oesterreich nicht imstande fein werde, den Ueberfluß auch bei Eintritt stabiler Verhältnisse ganz aufzusaugen. So liegen die Verhältnisse in Europa. Afrika, Amerika und Australien sind, soweit man die der Bevölkerung zur Verfügung stehende Landfläche in Bettacht zieht, glücklicher daran, 'als wir Europäer, sie sind räumlich „überernährte" Erdteile. Nur für 21 f i e n ergeben sich wegen seiner Neberernährung an Menschen und seiner relattven Unterernährung an Land ähnliche auf der Bevölkerungsfrage beruhende Kampfftellungen wie in Europa.
Die Zahl der Erdbewohner schätzt man auf etwa 1700 Millionen Köpfe. Ihnen steht auf der Erdoberfläche ein bewohnbarer Raum von 136 Millionen Quadratkilometer zur Verfügung, so daß im Durchschnitt auf eine Million Köpfe etwa 80 000 Quadratkilometer Boden entfiele. Nach diesem oberflächlichen Maßstabe müßte China bet einer Bevölkerung von etwa 350 Millionen Köpfen eine Bodenfläche von 28 Millionen Quadratkilometer besitzen, in Wirklichkeit hat es aber nicht einmal die Hälfte dieses Raumes inne und muß sich auf 11 Millionen Quadratkilometer beschränken. Verhältnismäßig viel günstiger liegen die Dinge noch in Japan. Hier wohnen 55 Millionen Menschen dicht gedrängt auf einem Erdraum von nur 0,684 Mill. Quadratkilometer, während ihm bei gleichmäßiger Landverteilung ein Raum von 4,4 Millionen Quadratkilometer zustehen würde.
Es darf nun nicht verschwiegen werden, daß die Lebensbedürfnisse von einer Million Menschen keineswegs zu ihrer Befriedigung den Durch- schnittsraum von 80 000 Quadratkilometer benötigen; ein weit geringerer Raum genügt vollauf zur Sicherstellung ihrer materiellen Bedürfnisse. Wäre dem nicht so, dann müßte man selbst die Vereinigten Staaten von Nordamerika den in Raumnot befindlichen Ländern zuzählen, denn ihnen würde bei einer Einwohnerzahl von 105 Millionen ein Raum
anspruch von 10,2 Millionen Quadratkilometer zustehen, dem aber nur ein wirklicher Landbesitz von 8,4 Millionen gegenübersteht. Trotzdem ist Amerika bas Ziel vieler Auswanderer, weil es tatsächlich noch zu den aufnahmefähigen Staaten gehört. Und gerade diese Tatsache der Aufnahmefähigkeit Amerikas ist es, die die begehrlichen Augen der Japaner in ihrer Ueberbevölkerungsnot immer wieder über den Stillen Ozean lenkt, wo ihnen an der Japan zugskehrten Seite von Amerika weite, fast gänzlich oder nur spärlich bewohnte, unbesiedelte Landsttek- ken winken. Außer Amerika kommen für die Völker der gelben Rasse bei ihren Auswanderersorgen auch neben anderen minderwichtigen Ländern Kanada, Austtalien und Neuseeland in Betracht. Aber alle diese Länder wehren sich gegen die japanische Menschenausfuhr in gleicher Weise wie Amerika: sie errichteten eine Art von Hochschutzzoll in Form von Einwanderungsgesetzen.
Der bekannte Geovoliiiker und ausgezeichnete Asienkenner Prof. Haushofer von der Universität München erklärt die japanifck-ameri- kanische Spannung durch den Hinweis, daß „ein übersiedeltes Menschendruckgebiet mit immer noch billigen Löhnen einem halbleeren Menschen- fauggebiet mit hohen Löhnen und Arbeiterbedarf, mit weiten, reichen, unbenutzten Flächen gegenüber» steht. Der Bevölkerungsdruck Ostasiens überschreitet in weiten Räumen 200 auf den Quadratkilometer in rein landwirtschaftlichen Gebieten; tritt Hausindustrie hinzu, so fteiat er auf 350 und mehr. In den pazifischen Randländern Amerikas hinge- gen erreicht er selten 25, bleibt meist noch unter 10 auf den Quadratkilometer: in weiten durchaus entwicklungsfähigen Ländern Amerikas wie auch Australiens sinkt er sogar unter 1. Die Bevölkerungsvermehrung — durch Zuwanderung — findet also überreichen Raum. Demgegenüber kann man die chinesische Auswanderung aus wirklicher Raumnot im letzten Menschenalter auf etwa 22 Millionen schätzen. Die Zahl der japanischen Auswanderer entspricht einem jährlichen Bevölkerungs- non 6—700 000 Köpfen, der nur zum Teil von dem steigenden 2trbeiterbebürfnis der Industrie ausgenommen werden kann."
Japan befindet sich also in einer Zwangslage: Menschen- oder Warenausfuhr. Beides aber wirb ihm benfbar erschwert. Gegen seinen Menschenexport sperren alle in Betracht kommenden Länder ihre Grenzen durch Einwanderungsverbote. Nur eine Bresche gelang Japan in seiner Bedrängnis — der am 20. Januar 1925 durch den kaiserlichen Namenszug Japans in Geltung getretene russisch-japanische Vertrag öffnet Russisch- Asien der japanischen Menschenausfuhr. Aber das bedeutet keine Lösung, sondern nur eine Vertagung der kommenden 2luseinandersetzung, für die ihm derselbe Verttag den Rücken deckt, abgesehen von den Oel- und Holzkonzessionen, die er für Japan enthält.
Die zweite Möglichkeit, durch gesteigerten Warenexport den japanischen Arbeitsmarkt aufnahmefähiger zu gestalten und die drohende Krisis von innen her zu überwinden, wird ihm ebenfalls von Amerika weitgehend beschnitten, Weit entfernt, die Devife „Asien den Asiaten" anzuerkennen, will es sogar China in immer wachsendem Maße zu einem ausschließlich amerikanischen Markte erheben. Daß diese Bemühungen der Amerikaner nicht ohne Erfolg sind, beweist die Tatsache, daß unter den 21 Beratern, die China bei seinem Präsidenten, im Kabinett, im Obersten Rechnungshof und in den Ministerien der Justiz, der Finanzen, des Handels, des Verkehrs und der Landwirtschaft als fremde Delegierte bat, nur 2 Engländer (I), 4 Japaner, dagegen 7 Amerikaner sind.
Von der Seefeite her weht ein scharfer Wind nach Japans Küste hin, so hat es sich denn auf den großen asiatischen Kontinent besonnen. Mit Rußland ist die Fühlung durch Vertrag endgültig her- gestellt, so schwer es auch dem monarchistischsten Volk der Erde fiel, mit der roten Fahne der Rätediktatur gemeinsam zu marschieren. In China, zu dem Japan auch keineswegs die besten Beziehungen unterhielt, näherte es sich schon auf der vom Präsidenten Harding nach Washington zusammenberufenen „Konferenz über den Stillen Ozean und über die Einschränkung der Rüstungen". Trotz anfänglicher Gegnerschaft fanden sich die beiden gelben Völker, sobald bas angelsächsische Einvernehmen immer klarer würbe. Auch bei den jüngsten Wirren in China, die mit einem Streik chinesischer Arbeiter in japanischen Fabriken begannen, war die langsame Frontvertauschung gegen die Angelsachsen ein bemerkenswertes Symptom. Quousque tanbem?
Engl. Weizen-Importe aus Rußland.
wtb London, 21. Sept. (Tel) Der „Times" zufolge hat die englisch-rnjsische Weizenimport- Gesellschajt in Manchester eine halbe Million Tonnen Weizen, Roggen und Gerste bestellt. 100 Schisse sind in London beordert morden. Die ersten Berschisfungen sind bereits unterwegs.
* Die Wirtschaftskrise in Polen. Aus Warschau wirb gemeldet: Heber eine Konferenz der Sejm- Klubführer beim Sejmmarschall Rataj, in der Ministerpräsident Grabski über die finanzielle und wirtschaftliche Lage Polens Bericht erstattete, weiß die „Reczpospolite" zu berichten, daß das Erg eb- n i s der Konferenz für den Ministerpräsidenten geradezu niederschmetternd gewesen sei. Die versammelten Klubführer hätten den Ministerpräsidenten aufgeforbert, noch vor Enbe bes Monats ein Programm vorzulegen, wie bte Regierung ben finanziellen und wirtschaftlichen Schwie
rigkeiten begegnen wolle. Die Konferenzteilnehmer sollen nach bem Blatte den Eindruck gewonnen haben, daß der Ministerpräsident Schwierigkeiten gegenüberstehe, die er nicht bewältigen könne.
* Aus dem Parteileben Portugals. HavaS meldet aus Lissabon: Die Verhandlungen zwecks Bildung eines Kartells der Linken führten nicht zum Zieh_______
* Der sozialdemokratische Parteitag in Heidelberg nahm vor seiner Beendigung die Neuwahl bes Parteivorstandes vor. Sämtliche Inhaber von Vorstandsämtern sind wiedergewählt. Hermann Müller erhielt 327, Otto Wels 284 und Arthur Crispien 247 Stimmen. Gegen eine geringe Minderheit wurde das „Heidelberger Programm" angenommen, das in fevisionistischem Sinne gehalten ist. Von ben Rabikalen um Levi würbe es bekämpft. Die Opposition blieb aber völlig bedeutungslos. Der Ausschluß bes früheren Reichskanzlers Bauer aus ber Partei würbe noch nicht enbgütig beschlossen. Es wird darüber noch weiter verhandelt werben«