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Anzeiger für die Stabt und den kreis Fulda. Amtliches kreisblatl.

Nr. 212.

Verantwortlich lür die Lch-litleituns: Dr- JoüanneS Kramer. Anzeigen, I. B arreller, Fulda. Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Sttlkttbnttferei In Fulda. Fernkvrecher Rr. S.

Dlonatlicher BeruaSvreÄ! 1.60 Ml.

Dienstag, -Z. September 1925.

Anzeigen -Preisei SleimeN» (GoloneD total 0,15 Salbmart auSwirtS 0,20 Solbmact: Reklameretle lokal 0,60 Salbmart auSwLrt» 0.80 Soldmsrk.

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52. Zahrg.

Die Reichrregierung zum Pakt.

Reichskanzler Luther hat sämtliche Reichsminister aufMontag, den 21. September nach Berlin eingeladen, nachdem er in Gegenwart des Staats­sekretärs Dr. von Schubert den Bericht deS Ministerial­direktors Dr. Gaus über die Londoner Juristenbe­sprechung entgegengenommen hatte. Dr. GauS ist vom Reichskanzler im Einvernehmen mit dem Reichs- außenminister Dr. Stresemann beauftragt worden, als Grundlage für die Entschließungen des Minister- ratS einen ausführlichen Bericht auszuarbeiten.

Italiens Teilnahme.

wtb Loudon, 14. Sept (Tel.) Der Staats- ! feftefär des Aeutzern Elmmberlain ist gestern von ■ Genf kommend hier wieder eingetroffen. Auf die Frage, ob Italien an der bevorstehenden Minister- i kouferenz keilnehmea werde, erwiderte Lhamber- lalu, darüber könne er nichts Genaues sagen; aber ein sehr bedeutungsvoller Hinweis sei in der Tat­sache enthalten, daß 3 l a lien sich mit den ande­ren alliierten Staaken der L i v l a d un g D e u k sch- lands zur Teilnahme an der Konferenz ange- fchlassen habe. 3m übrigen lehnte Chamber- fain weitere Aeußerungen über die politische Loge ab.

Licherheitspakt in Nleinasien?

wtb. Genf, 14. Sept. (Tel.). Der türkische Außenminister Tewfik Ruchdi Dey hat dem Dats- komikee für die Mossulfrage mikgeteilt, daß die Türken damit einverstanden wären, daß das Gebiet von Dialo, das nach dem Bericht der Mostul-Kommission des Völkerbundes große wirt­schaftliche Bedeutung für den Irak habe, diesem Staat zugeteilt werde. Gleichzeitig schlug der tür­kische Außenminister denMschluß eines S i ch er- heltspakks zwischen der Türkei, Persien, Irak und Großbritannien vor.

Alarm der englischen Industrie.

.....

wtt Bonbon, 14. September (Tel) „WeeK'y Dispatch" führt dis Tatsache, daß der englische Ministerpräsident Baldwin bereits gestern von Aix les Bains znrückgokehrt ist, aus die Schwierig­keiten der Industrie zurück. Baldwin werde bei seinem Eintreffen itt London einen Eindrucks­vollen Bries von Sir George Hunter vorsinden, in dem der Schreiber erkläre, das Land sei auf dem Wege zum Ruin. Er verlange eine so­fortige Untersuchung der alarmierenden Lage der englischen Industrie.

Treffliche Randbemerkungen finden wir in der „Kölnischen Volkszeitung" in An­knüpfung an einen Vorgang, der namentlich im besetzten Gebiet viel Beachtung aefunben hat. Ein deutschnationaler Katholik und Abgeordneter, Herr Bachem, hat cm die Leitung der Deutschnational. Bartel einen im Wortlaut bekannt gewordenen Brief gerichtet, worin er die Parteileitung auffor­dert, Material über angebliche separatistische und franzosenfreundliche Bestrebungen des Zentrums rm Rheinland zu sammeln. Die „Germania" nannte den Brief einen der boshaftesten G i f t p f e i l e, die je auf das Zentrum abgeschossen worden sind, und sprach von einem „unerhörten Bespitzelungssystem". Die rheinische Zentrums- presie hat, gestützt auf eigenes gutes Gewissen (denn sie ist von den Franzosen schlimmer verfolgt wor­den wie die übrige bürgerliche Presse) durch Mit­teilungen über Vorgänge in der Vesatzungszeit den Deutschnationalen so trefflich heimgeleuchtet, daß diese bisher über die Angelegenheit ganz die Sprache verloren haben. Die „K. V." schreibt jetzt:

Da und dort beschäftigt man sich mit der Person des Herrn Bachem und versucht aus dem Um­stande, daß er der S o h n des bekannten Zentrums- positikers Julius Bachem ist, der jahrzehnte­lang den politischen Teil der „Kölnischen Dolksztg." leitete, Kapital zu schlagen. Sie einen bezeichnen die Leidenschaft Bachems für die Deutschnationale Partei als Aufstieg, die anderen als Abstieg: je nach parteipolitischem Bedarf. Ein sonderbares Verfahren. Was will es denn bedeuten, wenn der Sohn eines Zentrumsmannes ins deutschnationale Lager tritt? Wir kennen Fälle, in denen die Söhne heftiger Kulturkämpfer zum Zentrum gekommen sind und wissen von einem Falle, daß der Spröß- ling eines beachtlichen Rechtspolitikers im k o m mu­tt i st i s ch e n Lager gelandet ist. Es soll bei der letzten Reichspräsidentenwahl in zahlreichen Fa- } Milien der Mann sich für Marx und die Frau sich ! für Hindenburg und umgekehrt entschieden haben; - öfters und wohl immer werden solche Unterschiede ; SU verzeichnen fein, die gelobt ober getadelt wer­den mögen.

Wenn Bachem jr. die Richtung Westarp der feines Vaters vorzieht, hat er es mit sich selbst aus­zumachen, niemals kann ein vernünftiger Mensch aus dieser Lage irgend ein Argument im Kampfe liegen das Zentrum herholen. Was uns angeht, so lehnen wir es auch ab, aus dem gleichen Ver­hältnis Gewinn für die Agitation gegen die Deutschnationalen zu schöpfen. Jedermann sollte bei solchen Gelegenheiten schon im Keime die Ver­suchung ersticken, dem Beispiele jenes eitlen Ge­lehrten zu folgen, der da gesagt hat: „Es scheint -uegel zu fein, daß die Söhne großer Väter nicht S t>en Vater Hera »reichen; mein Sohn beifpiels- | ®eife ist Bierbrauer geworden.* 4

Das Weltparlament.

Bon einem besonderen Vertreter.

Genf, den 12. September 1925.

Die Anfahrt und ebenso die Abfahrt der Dele­gierten der Nationen, die zu der Genfer Völker- bundsversammlung erschienen sind, ist in der Tat eine Sehenswürdigkeit. In Autos, die mit den Flaggen der betreffenden Nationen geschmückt sind, fahren die Delegierten vor der unscheinbaren Pforte des Hotels „Viktoria" an, durch deren Vesti­bül man sofort in den Tagesraum der Völkerbunds- versammlung Zutritt hat. In Begattung von mehr oder minder holder Weiblichkeit die man aber mei­stens im Auto fitzen läßt, werden die großmächtigen Lenker der Geschicke hierher gebracht. Eines scheint ihnen allen gemeinsam, sie sämtlich kauen an einer Zigarette! Nur der steife englische Außenminister Chamberlain, der stets in Begleitung seiner Gattin sich zum Sitzungssaal begibt, und dort ab­geholt wird, macht unter den Zigarettenkettenrau­chern der übrigen Delegierten eine Ausnahme, da­für aber hat er ständig das an einer schwarzen Schnur befestigte Monokel ins rechte Auge ge­klemmt. Wirklich interessant die Typen, die sich hier darbieten. Aristode B r i a n d, gebeugt gehend, den Schurrbart widerborstig, das Haupt schier grau, läßt sich gern eine Zeitlang bewundern.

Loucheur hat es eiliger. Gravitätisch schrei­tet der markante Belgier Vandervelde dahin. Aber keiner tut's an Würde gleich dem Maha­radscha. der in einem lachsfarbigen Turban er­scheint, der das auf seiner imposanten Gestalt so ker­zengerade sich erhebende Haupt umschließt lieber- Haupt sind die exotischen Typen ungemein zahlreich erschienen. Die Aethiopier haben Männer entsandt, die teils in ncionaler Tracht, freilich stark europä­isiert erscheinen, und die mit ihren struppigen Bär­ten typische Wüstenvorbilder darstellen. Auch die Inder ersche n mit Fez ober Turban. Ihre Ge­sichter sind fast schwarz. Auffallend klein geraten sind die hier als Völkersbundsvertreter tätigen Ab­gesandten von China und Japan. Einen eigen­artigen Reiz hat es, die verschiedenartigen Nationen nach ihrer Stammesart zu unterscheiden. Da sind Vertreter von Haiti, Guatemala, Griechenland, Pa­raguay, Panama, Liberia, Albanien, Persien, Sal­vador, Uruguay usw.

Der Sitzungssaal ist die Nüchternheit und Ssim- mungstofigteit selber. Er hat eher Form und Aus­sehen einer rasch übertünchten Scheune. Auf der erhöhten Tribüne, von einem wackeligen Geländer abgetrennt steht der Präsidentenstuhl mit den zwei Beisitzern, daneben die Tische der Referenten, Stenographen usw. Mangels Platzgelegenheit sitzen viele auf den Treppenstufen, die mit einem Läufer belegt sind, dessen ursprüngliche Farbe kein Mensch mehr feststellen kann. Den Präsidentenstuhl nimmt der würdige Vertreter Kanadas M. Dandur a nd ein. Seine Stimme bringt aber kaum in diesem garnicht einmal großen Raum durch. Dicht besetzt, und zwar vorwiegend mit weiblichem Publikum, sind die Tribünen. Was sich an dieser Gattung hier ein Stelldichein gibt, ist ein Film für sich.

Im Saal selbst stehen 54 Tische. Drei davon sind unbesetzt. Der eine, neben den Spaniern stehend, soll den Deutschen — wenn sie einmal kommen — vorbehalten fein. Er befindet sich vom Präsidium aus gesehen am weitesten rechts vorn. Der letzte Tisch rechts hinten soll den Amerikanern — wenn sie kommen — reserviert fein, und der letzte Tisch äußerst links hinten wird für die Russen — menn sie kommen — zur Verfügung gestellt. Im übrigen ist die Anordnung folgende:

In der Mitte unmittelbar vor der Präsidenten­tribüne sitzen die Vertreter von Columbien und China, rechts von ihnen die Abgesandten von Costa- Rica, Cuba, Dänemark, Albanien, der Dominikani­schen Republik, von Südafrika und von Spanien. Links davon sind die Vertreter von Chile, Canada, Groß-Britannien, neben denen die Deutsch-Oester- reicher Platz haben, hinter ihnen die Australier, Bulgaren, Brasilianer und Belgier, hinter dieser vorderen Bankgruppe Wießen sich noch vier große Blöcke an.

Der äußerste rechts, Immer vom Präsidium aus gesehen,wird eingenommen von den Esten,Japanern, Letten, Polen und Portugiesen. Der äußerste links von Guatemala, Haiti, Norwegen, Neuseeland, Schweden. Die mittlere Gruppe auf der rechten Seite wird eingenommen von den Aethiopiern und Finnen, hinter ihnen die Italiener und Irländer, dahinter die Vertreter von Liberia und Litauen, dann rückwärts die Perser und Niederländer, denen die Rumänen und die Verteter von Salvador, Ve­nezuela und Uruguay folgen.

In der linksseitigen Mittelgruppe sitzen zu vor- derst die Franzosen, neben denen die Griechen pla­ziert sind, dahinter die Indier, und neben ihnen die Ungarn, dahinter die Luxemburger und neben ihnen bie Vertreter von Paraguay und Panama, hinter ihnen die Serben, Kroaten und Slovenen, nebst den Siamesen, dahinter bie Tschechoslowaken und zu äußerst rechts die Schweizer.

Die Führer der Delegation haben immer die Eckplätze, so sitzen Aristide Briand genau in der Mitte des Saales, genau dem Präsidenten gegen­über, während Chamberlain und Vandervelde auf Eckplätzen weiter seitwärts links vom Präsidenten sich befinden.

Dieses Arrangement findet eine besondere Er­gänzung durch diejenigen Persönlichkeiten, die hn Saale anwesend, aber nicht offizielle Vertreter sind. Das sind dir Führer der verschiedensten Delega­

tionen, die aus aller Welt herkamen, um bei den Vertretern der Länder der Welt für ihre Wünsche Stimmung zu machen. So sind neben den Abge­sandten von Abd el Krim und den Führern der marokkanischen Stämmen Türken und Albanier, Syren und Saarländer, Drusen und Polen und dergleichen zugegen.

Der Verlauf einer Vollversammlung, einer so- genanten assambt-e, ist, wenn nicht gerade etwas be­sonderes sich ergibt höchst langweilig. Dadurch, daß alle Reden mindestens in zwei Sprachen gehalten werden, so daß ein Dolmetscher bie Rede des Hei­matsprechers in englisch ober französisch wiederholt, ziehen sich die Verhandlungen in die Länge und wirken sehr ermüdend. Eine Reichstagssitzung, in der etwa 500 Steuerparagraphen abgeurteilt wer­den, ist reizvoller und lebendiger als das, was sich hier vollzieht. Viele Delegierten zeigen ihr außer­ordentliches Interesse für den behandelten Gegen­stand dadurch, daß sie sich ungeniert unterhalten. Andere lasten es damit begnügen, sich in bie An­wesenheitsliste einzutragen, ein paar Händedrücke auszutauschen, ein paar verbindliche Worte zu spre­chen, wobei sich bie Hintergedanken nicht begründen lassen, und dann das Weite suchen. So wird die Welt hier „befriedet". Man nimmt gewistermaßen aus Konvention diese Verhandlungen mit, die den verschiedenen Dieners, Empfängen usw. das unver­meidliche Relief geben.

Plötzlich aber wird es lebendig. Der Präsident hat Chamberlain bas Wort erteilt. Von einem starken Beifall empfangen, an bem sich ganz besonders die Franzosen beteiligen, ergreift der eng­lische Außenminister das Wort. Das Gesumme und Gebrumme verstummt. Alles, was in den Gangen, außerhalb des Saales sich befindet, strömt herein. Die Zuhörer bilden dichte Gruppen, die den Worten dieses wohl mächtigsten Mannes der Erde lauschen. Chamberlain ist kein Redner im Sinne der Voraus­setzungen, die wir in Deutschland an eine solche Per­sönlichkeit stellen. Freilich spricht er für einen Eng­länder lebhafter, als man es sonst gewöhnt ist, und die Gesten, mit denen er die Worte unterstützt, sind so lebhaft und auch so stark, daß er auch schon ein­mal das gefüllte Wasserglas herunterschlägt. Aber nichts von Pathos, nichts von jener suggestiven Ein­dringlichkeit, die die Franzosen vielfach vortäuschen, freilich auch oftmals besitzen. Nur selten wird er von einem absolut nicht einheitlichen Beifall emp­fangen, und zwar sind es die TribüNenbesucher, die viel mehr als die Delegierten der Nationen, sich in solchen Kundgebung, ungerügt durch den Präsiden­ten, beteiligen. Einige Sachen unterstreicht bie fran­zösische Delegation burch demonstratives Händeklat­schen, zu dem stets Briand das Zeichen gibt. Dann aber klatschen auf einmal wieder die Englän­der, die Franzosen schweigen oder stecken die Köpfe zusammen. Es sind allgemeine Dinge, allgemeine Wünsche, die Chamberlain für die Weltfriedens­politik aufzeigt, bei denen aber stets der Unterton vorhanden ist. Wir sind ja doch nur Halbes und Unvollkommenes, und unser Werk, der Völkerbund, ist ja doch nur Stückwerk und das, was wir jetzt tun, ist doch nur Flickwerk, solange nicht die D e u t- schen uns helfen, dieses vollkommen zu machen.

Wenn man die Stimmungen, das ganze Milieu der Genfer Tagung mitempfunden und miterlebt hat, bann kann man es sehr gut begreifen, daß man so delikate Fragen, wie sie bei einer Bespre­chung zwischen dem deutschen Außenminister und den Staatsmännern der Alliierten über bas Prob­lem der Beteiligung Deutschlands am Völkerbund notwendigerweise aufgeworfen werden müßten, nicht in dieser Stadt be­sprechen kann. Daher auch die Andeutung Cham­berlains, daß dazu in wahrscheinlich sehr kurzer Frist ein Platz nicht allzuweit von Genf ausersehen ist. Man denkt an Como in Oberitalien und würde damit gewissen Wünschen Mussolinis entge- genkommen. Freilich darf man nicht übersehen, daß die Wahl dieses Ortes eine Erschwerung des Problems bringen könnte, weil Italien offenbar danach trachtet, eine solche Konferenz auch zur Stuf« toerfung der Anschluß» und der Brenner- wie über­haupt Südtrrolfrage zu benutzen.

Chamberlain hat gesprochen. Eine Viertelstunde lang herrschte Unruhe im Saal. Die Delegierten haben offenbar jetzt schon ihre schwere Arbeit ge­tan, sie befinden sich in der Auflösung. Erst nach geraumer Zeit kann der Dolmetscher, der die Rede Chamberlains ins Französische überträgt, zu Worte kommen. Chamberlain selber läßt das noch über ich ergehen, winkt bann seiner auf der Tribüne itzenden Gattin, erhebt sich vom Platz und fährt m Auto von bannen. Das Interesse ist dahin, in len Hotels warten bereits die befrackten Diener, um die von ungeheurer Arbeit erschöpften Abgesandten aus allen fünsWeltteilen mit leiblicher Sitzung zu ver­sehen. Nachdem man sich durch einen ausgiebigen Mittagsschlaf, durch Promenade und Spazierfahrt und durch ein kräftiges Abendessen mit allem, was dazu gehört, noch einmal gekräftigt und eine ganze Nacht durchgeschlafen hat, kann man am nächsten Tag wiederum IV* Stunden für den Völkerfrieden sich abmühen!

Ja, es ist eine schwere Arbeit, bte hier in Genf für bas Wohl der Menschheit geleistet wird! Nur sind die Menschen einmal so undankbar, gar nicht sehen und anerkennen wollen, wie sich hier die Häuvter der Nationen abarbeiten, um Gerechtigkeit, Frieden und Wohlfahrt auf die Häupter der Welt­bürger zu ergießen

boMdemokraüscher Parteitag.

Nach einer Kranzniederlegung am Grabe Eberts traf in Heidelberg die deutsche sozialdemokratische Partei zur Eröffnung ihres diesjährigen Reichs­parteitages zusammen. Frau Ebert nahm als Ehrengast der Tagung am Vorstandstifch Platz. Ferner sah man den Reichstagspräsidenten Lobe, Scheidemann, Dreitscheid, Criesien, Müller-Franken, Frau Iucharez, die Minister Severing und Rem- mels und den österreichischen Bundeskanzler Ren­ner. Nach einem Eefangsvortrag ergriff Reichs- tagsabg. Wels als Patteivorsitzender das Won Er erklärte u. a., man hoffe, den Sachfenkonflikt in nützlicher und ersprießlicher Arbeit zur Lösung bringen zu können. Er wies bann darauf hin, daß die Erfüllungspolitik, bie früher der Sozialdemo. Zratie zum Dorwurf gemacht worden fei, nun selbst von den Parteien getrieben werde, die heute bte Regierungsgefchäfte führen. Den Kommunisten sei die Sprengung der deutschen Gewerkschaften nicht gelungen. Der Redner gedachte sodann der Toten der Partei, wobei die Anwesenden sich von ihren Sitzen erhoben. Wir haben vor sieben Jahren, so führte der Redner dann aus, das Chaos verhindert und den Staat neu für das Volk errungen. Darum stehen wir mit starkem Herzen für unseren Staat ein, den wir geschaffen haben. Der Redner kam dann auf die Frage der Zölle und Steuern zu sprechen und kritisierte scharf die Maßnahmen der jetzigen Regierung.. Er erklärte bann den Partei­tag für eröffnet.

Daraus folgte bie Wahl des Präsibiums, der Schriftführer unb der Mandatskommission, welche letztere zugleich als Befchwerdekommiffion fungie­ren soll.

Die Tagesordnung wurde einstimmig ange­nommen, nachdem der Vorstand vorgefchlagen hatte, sie nicht zu erweitern. Abg. Wels teilte zum Schluß mit, daß den englischen unb französischen Soziali­sten es teiber nicht möglich gewesen sei, zum Par­teitag zu erscheinen, was sie in ihren Telegrammen bestätigten. Der Redner begrüßte alsdann bie italienischen, polnischen, tschecho-slowakischen, geor­gischen, dänischen unb bie übrigen anwesenden aus- ländischen Delegierten und verlas einen Brief von Kautsky, der ebenso wie Eduard Bernstein, infolge Krankheit verhindert ist, am Parteitag teilzuneh­men und die Hofinung ausbrückte, baß bie Aen- berung im Parteiprogramm in feinem Sinne und Geiste vorgenommen würde. Es folgten bann An­sprachen ber verschiedenen ausländischen Delegier­ten, die bie Grüße ihrer Parteien überbrachten. Mit großem Beifall würbe die Rede des dänischen Vertreters Nielsen, der sich um das deutsche Kinder- wvhl besondere Verdienste erworben hatte, aufge­nommen. Der Parteivorsitzende Wels dankte den Rednern für das große Lob, das sämtliche Redner der deutschen Sozialdemokratie ausgesprochen hat­ten sowie dafür, daß sie in den Deutschen vor allem den Erzieher des Weltsozialismus begrüßten. Er forderte die Anwesenden auf, alle Kräfte zu sammeln, um den Kampf zur allgemeinen Ver­brüderung siegreich durchzuführen.

Aus dem Bericht des Patteivorstanbes, ber dem Parteitag gebrückt vorliegt, ist zu erwähnen, baß ber gesamte Mitgliederbestanb ber Pattei für ben 31. März 1925 auf 844 496, barunter 163 693 Frau­en, angegeben wirb. Im übrigen beschäftigt sich ber Bericht befonbers mit bem Magdeburger Rot- Harbt-Prozeß und ber Barrnat-Kutisker-Affäre. Weiter geht ber Bericht auf den Sogenannten Sachsenkonflikt ein.

Neichsparteitag der Mrtschastspartei

Nach einer Meldung des „Montag" aus Köln wurde dort am Sonntag ber Reichsparteitag ber Wirtschaftspartei des deutschen Mittelstandes mit einer öffentlichen politischen Versammlung eröffnet. In bem der Tagung vorgelegten Programm heißt es: In der Pflege des großdeutschen Gedan- kens, der Förderung der kulturellen Aufgaben der Zukunft und der Einbeziehung der gebildeten Kreise des Mittelstandes in den Rahmen ber Pattei wer­den die Wege erblickt, bie bie Wirtschaftspartei des deutschen Mittelstandes von nun an gehen soll. Abg. Prof. Dr. B r e b t hielt eine programmatische Rede über die Stellungnahme ber Wirtschaftspartei in außenpolitischen unb kulturellen Fragen. Reichs- tagsabg. D r e w i tz, ber als Vorsitzender der Partei den Patteitag eröffnet hatte, behandelte hauptsäch­lich die wirtschaftlichen Interessen der Partei. Es sprachen bann noch Delegierten des Bayerischen Bauernbunbes, ber Deutsch-Hannover­schen Partei sowie ein Vertreter der Soloniatteu- schen. Im Anschluß an die Versammlung, die von Delegierten aus allen Teilen des Reiches beschütt war, findet a; Montag noch eine geschlossene Pan- teitagung statt.

Deutsches Reich.

* Die Durchführung der Anleiheablösung. Die Durchführungsverordnungen zu dem Gesetz über die Stblafung öffentlicher Anleihen wurden im Reichs- gesetzblatt veröffentlicht.

* Die Todesopfer des Verkehrs in Berlin. Eine Zusammenstellung der Verkehrsunfalle in Berlin im 2. Quartal dieses Jahres gibt die Zahl der Zu­sammenstöße von Fahrzeugen aller Art mit 2 816 an, wobei 43 Personen, darunter 8 Kinder unter 14 Jahren, getötet und 1501, darunter 132 Kinder unter 14 Jahren, verletzt wurden.

* Ein Fischerboot in der Ostsee gesunken. Bei einem heftigen Nordweststurm kenterte ein mit vier Personen besetztes Fischerboot aus M i S d r o y. Zwei bet Insassen winden gerettet, die anderen, darunter «in Vater von zwei unmündigen Kindern, ertranken.