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Anzeiger für die Stabt und den kreis Fulda. Amtliches kreisblall.
Nr. 211.
Verantwortlich >ür die Echriitleituna: Dr- Johanne» Kramer. Anreisen: I. B arreller, Fulda. Rotationsdruck und «erlas der Fuldaer 1 ctirudrvckerei in Fulda. Fcrnlvrecher Nr. S.
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Sonntag, 13. September 1925.
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52. Zahrg.
An einer europäischen Wende?
Vas große Erwarten!
Genf, den 11. September 1925. Eigener Bericht unseres zur Zeit bei der Bölker- bundsversammlung in Eens weilenden politischen Vertreters.
Wenn man die Stimmung der gegenwärtigen Tagung der Genfer Völkerbundsversammlung charakterisieren wollte, so müßte man sagen, daß sie im Zeichen der großen Erwartung darüber steht, ob denn die Deutschen bald als Gäste dieser Stadt und zugleich als Mitglieder dieser Ver- sarrimlung erscheinen werden.
Schon äußerlich läßt sich dieses gespannte Interesse erkennen. Die Zugänge zu den mit Flaggen aller Nationen mit Ausnahme Deutschlands geschmückten großen Hotels an den Seeufern sind den ganzen Tag über mit hunderten von Neugierigen umlagert, die sich immer wieder die Frage vorlegen, ob nicht bald ein Deutscher erscheint. D!e Jo u r n a l i st e n aller Herren Länder, die hier ein Stelldichein sich geben, drängen mit dieser Frage die Delegierten und diese selbst zucken die Achseln und ergehen sich in geheimnisvollen Aeußcrungen. Es bedarf nur eines leicht hingcworfenen Wortes, um sofort das Gerücht aufflattern zu kaffen, irgend cin deutscher Diplomat und Minister, wenn nicht gar Stresemann sei erschienen. Nun hat Stresemann gegenwärtig in Berlin Nützlicheres zu tun, und dem Innenminister Schiele gefällt es am Vierwaldstätter See besser.
Die Genfer sind deswegen etwas böse aus die Deutschen. Ganz besonders sympathisch sind sie ihnen freilich nie gewesen, nur die Fremdenindustrie hatte von jeher Gefallen an ihnen. Sie sind gutmütiger als die anderen Fremden, lassen sich leichter übers Ohr hauen und sind bei weitem nicht so knauserig wie die dollarmächtigen Amerikaner. Aber der Genfer als Politiker ist schon durch die unmittelbare Nähe Frankreichs ausgesprochener Franzosenfreund und gerade in diesem Genfer Zipfel der französischen Schweiz haben wir uns über eine übermäßige Freundschaft im Kriege und noch lange danach ganz sicherlich nicht auszii- regen gehabt. Jetzt aber ist mit einem Male dos Interesse für die Deutschen wieder da, ein Interesse, das iedoch fast ausschließlich den Charakter des Sensationellen hat.
Und das ist es auch im letzten Punkte, was der ganzen Völkerbundsversammlung trotz aller ihrer Aufmachung fehlt. Deutschland soll die Sen- satwn bieten. Der Eintritt Deutschlands in den Völkerbund soll das Kollegium vollzählig machen!
Wenn man sich jetzt die Vertreter der Völker und Rassen ansieht, die sich in den Hotelpalästen am Quai du Montblanc und am Quai Wilson em Stelldichein gegeben haben, so muß man ja auf eigenartige Gedanken kommen. Neben den: knorrigen B r i a n d und dem Pa i n l e v 6 sieht man Chamberlain, in seinem Aeußeren die naturgetreue Ausgabe seines Vaters, man sieht 0 « • e«u.r $en einer ganz besonderen Auk- merksamkeit begegnenden österreichischen Außen- numster M a t a j a. Man sieht Spanier und Afrikaner, Nordländer und Italiener und auf den Balkons lassen sich Inder und Javaner, Chinesen und Japaner von einer staunenden Menge begossen. Turbangeschmuckte Abgesandte aus dem Kabylen- lande, Türken und Mohamedaner, die seltene Farben in den Kopstüchern bevorzugen, stehen in Gruppen beiander.
s £*b °Ue' oIte reden eigentlich nur über das deutsche Problem. Dieses steht nicht auf der Tagesordnung der diesmaligen Völkerbundsversammlung und doch ist es in aller Munde und aus allen Lippen. Der Draht zwischen Genf und Berlin und zwischen Genf und allen internatio- nalen Hauptstädten spielt mit Feuereifer und es ist richtig, daß Briand noch nicht die Hoffnung aufgegeben hat, Stresemann, wenn auch nicht gerade in Genf, so doch an einem anderen wirklich neutralen Ort begrüßen zu können.
Wenn man aber hinter die Kulissen hört, so kann man doch deutlich herausfühlen, daß 'die einstig so demonstratio zur Schau getragene Sicherheit, daß Deutschland in den Völkerbund eintrete, einer gewissen Besorgnis gewichen ist. Man weiß es sehr wohl und man merkt es bei allen Beratungen, daß hier doch nur ein Torso vorhanden
ist, daß es sich um nichts Halbes und nichts Ganzes handelt und daß ein Land mit so eigenartigen geographischen Verhältnissen, mitten hineingeworfen zwischen die Völker Europas, einfach nicht umgangen werden kann. Man weiß sehr wohl, wel- ches die unerläßlichen Forderungen Deutschlands sind, ehe es sich an diesen Tisch in dem großen Genfer ehemaligen Reformationshause, das so gar nichts Amtliches, eher etwas Kirchliches an sich hat, setzen wird. Köln muß geräumt sein, die wenigen Rechte, die der Versailler Vertrag Deutschland bietet, müssen ihm gewährt werden, und ehe das nickst der Fall ist, kann Deutschland sich nicht mit den Vertretern derselben Mächte, die diesen Vertrag ihm aufgenötigt haben, zusammenfinden. Und wenn Deutschland Frankreich und Europa einen Pakt bucht, der nach menschlichem Ermessen die absolute Friedensgarantie von deutscher Seite her unter gewaltigen Opfern und Verzichten bedeutet, dann ist es selbstverständlich, daß ihm auch Gegenleistung gegeben werden muß, die auf dem Gebiete der stillschweigenden oder, wenn man so will, trockenen Revision derjenigen Grundlagen bestehen, auf denen sich der innerlich unwahre und darum unhaltbare Verl ag von Versailles aufbaut.
Alles das find Stimmungen und Erwägungen, die drinnen und draußen vor dem Völkerbunds- palafte spielen, deren Berechtigung zwar man nicht offen zugibt, deren Nutzanwendung indessen als eine absolute Notwendigkeit angesehen wird, um diese Versammlung von Vertretern verschiedener Nationen wirklich zu einem einheitlichen politischen Gebilde machen zu können.
Englische Stimmen.
Der Genfer Sonderberichterstatter des „M a n- chester Guardian" schreibt, in britischen Kreisen habe man die Erklärungen führender französischer Blätter, die bereits von einem B e st e h e n des Rheinlandpaktes sprechen, mit Unwillen aufgenommen.. Das Blatt fährt fort: Das Einzige was besteht, ist die Grundlage für ein englisch-französisches Uebereinkornmen. Deutschland muß noch gehört werden, und die Stimme Deutschlands ist die entscheidende Stimme. Aber in den britischen Kreisen befürchtet man stark, daß in Deutschland der falsche Eindruck erweckt werden könnte, daß der Eintritt Deutschlands in die Erörterungen eine reine Formalität ist, und daß Deutschland selbst nur die bereits ausgearbeitete englisch-französische Formel annehmen oder ablehnen darf. Diese englisch-französische Rheinlandformel wird in einen undurchdringlichen Schleier gehüllt. Sicher ist nur, daß diese Formel in der Gestalt, die sie erhalten hat, eine bedeutungsvolle Abänderung der Völkerbundssatzungen darstellt und zwar dadurch, daß der Dölker- bundsrat der Notwendigkeit einer elnstimmi - gen Entscheidung über die gegen einen etwaigen Angreifer zu ergreifenden Sanktionen enthoben wird. Es liegt auf der Hand, daß derartige Abänderungen in die grundlegenden Gesetze des Völkerbundes tief einschneiden. Es liegt daher folgende Frage nahe, die auch vielleicht noch von Deutschland aufgeworfen wird: Wenn ihr zur Beseitigung der mehr oder weniger eingebildeten französischen Besorgnisse über die Sicherheit willens seid in eine Abänderung der Völkerbundssatzungen einzuwilligen, weshalb widersetzt ihr euch dann so schroff einer rein vorläufigen Abänderung des Artikels 16, die von Deutschland als Bedingung seines Eintritts in den Völkerbund gefordert wird, um den Gefahren zu begegnen, denen ein entwaffnetes Deutschland mitten unter Nachbarn, die bis an die Zähne bewaffnet find, besonders ausgesetzt ist? — Hierauf sind vielleicht auch die Gerüchte zurückzuführen, daß Deutschland vielleicht in diesem Punkte ein Zugeständnis gemacht werden soll.
Wie der Berichterstatter erfahren haben will, haben die Befürchtungen P o l e ns und der Tschechoslowakei wegen des raschen Fort- schreitens der Frage des Rheinlandpaktes zu der positiven Forderung Skrzynskis und Beneschs nach Zulassung zu der bevorstehenden Minister- konferenz geführt. Es verlautet, so fährt der Berichterstatter fort, daß Briand sich mehr oder weniger aufrichtig dieser Forderung geneigt zeigte, daß Chamberlain sie jedoch a b g e l e h n t hat. Klar ist, daß Benesch und Skrzynski versuchen werden, die Verhandlungen durch eine P a r a l e l l - a k t i o n und durch einen Druck auf Briand Zu beeinflussen.
Die Lage in Marokko.
wtb Paris, 12. Sept. (Tel.) Nach einer im „2Hafin“ wiedergegebenen Meldung aus Madrid kündigt man offiziell an, daß die Truppen des französischen Frontabschnittes von Tefuatt, die in Ruhestellung waren, wahrscheinlich heute den Vormarsch gegen den Feind in den spanischen Stellungen von Beni hozmar wieder aufnehmen werden. Die Lage im Abschnitt von Al- hucemas ist unverändert. Eine Depesche aus Me- lifa gibt darüber Einzelheiten. Durch Auskkärungs- fluge sei sestgeslellt worden, daß die Beni Uriagel, die lenatna und die Beni Itlischek sich in großer Zahl ins Innere zurückziehen. Bei Bokoja habe man zahlreiche weiße Fahnen bemerkt. 3n der vergangenen Nacht habe sich der Feind dem Vorgebirge von Moro Nuevo genähert, sei aber vertrieben worden. Mus Ceuta kommt die Meldung, daß General Andrase eingefroffen fei, um ’m Frontabschnitt von Teluan ein Kommando zu übernehmen. Eine spanische Truppenabteilung ruckte südlich vom Vlateau von Surgus vor.
* Abeise des Reichspräsidenten nach Mecklen- bürg. Reichspräsident v. Hindenburg ist nach Neu-Brandenburg und von da aus mit dem Kraftmagen nach Schwankt in Mecklenburg-Schwerin gefahren. Er wird dort einer militärischen Uebung 00n teilen der 2. Reichswehrdivision beiwohnen.
Minister Severing in Düsseldorf. Der preu- Gsche Minister des Innern, Severing, traf in Düsseldorf ein und nahm beim Regierungspräsiden, ten Wohnung. Er stattete am Bormittag Besuche • ,er "ach Kaiserswerth zur Besichtigung
oer Dtakonissenanstalt reiste. Nach seiner Rück- kehr hielt der Minister an die, Polizeibeamten eine Ansprache, und fuhr bann nach Duisburg weiter. In Duisburg hielt der Minister mit den Verwaltungsbehörden eine Besprechung über kommunale Angelegenheiten ab und besichtigte die Polizei. Der Minister war von dem Ministeraldirektor Abbeg und dem Regierungspräsidenten Bergmann, Dussel- dorf begleitet. Ferner besucht Severing Krefeld und bann Oberhausen unb Hamborn. Von Ham- born geht die Fahrt weiter nach Dinslaken über Wesel nach Tanten, Goch, Kevelar, Kleve. Geldern unb Mörs.
Bum Reichsschulgesetz.
Bei her Veröffentlichung, welche das „Berliner Tageblatt" kürzlich inbezug auf das R e i ch s s ch u l- g e s etz machte, handelt es sich tatsächlich um einen unvollkommenen Auszug aus dem Referenten- entwurf, der den Kultusministerien der Länder gugegangen sein soll. Die Veröffentlichung ist auf eine Indiskretion zurückzuführen. Aber gerade letzterer Umstand läßt erkennen, daß es in der Absicht gewisser Kreise liegt, die mit der Schulfrage in Zusammenhang stehende gesetzgeberische Arbeit von vornherein zu stören. Es handelt sich um einen Auszug aus den wichtigsten Bestimmungen, welche ganz und gar nicht das Wohlgefallen des Leserkreises des „B. T." erwecken. , Das beweist der Kommentar, den das Blatt der Wiedergabe der Grundsätze anfügt. Ans ihm geht hervor, wie sich diedemokratischePresseder Großstadt einzustellen gewillt ist, denn man kündigt den Kampf unter der Parole an, baß durch biefen Entwurf „bie Schule roieber der Kirche ausgeliefert werde". Das „B. T." hofft, daß „schon jetzt die einsetzende Erörterung des Entwurfs unb feiner Bestimmungen rasche unb vollstänbige Aufklärung hinsichtlich seiner Aufnahme in ber Oeffentlichkeit bringt, und daß auf diese Weise eine Vorarbeit geleistet wirb, die später bei den Reichstagsverhandlungen von Nutzen fein dürste." Aus diesen Sätzen geht zur Genüge hervor, daß man beabsichtigt, durch die voreilige Veröffentlichung eine Kampsdebatte gegendenEnt- wurf zu eröffnen, man will Stimmung bagenen machen. Wünschenswert wäre eine sachliche Be- hanblung ber Frage bes Reichsschulgesetzes.
Es entspricht im allgemeinen ben Gepflogenheiten, zu solchen Entwürfen erst nach der amtlichen Verlautbarung Stellung zu nehmen. Da er aber nun in der Hauptsache vorliegt, seine Richtigkeit auch nicht bestritten wird, andererseits von der Presse, deren Standpunkt wir nicht teilen können, bereits in ihrer Art kommentiert wird, so kann man nicht an ihm vorübergehen. Wir bringen darum die wichtigsten Teile, damit unsere Leser im Bilde sind, enthalten uns aber jedes Kommentars, weil wir uns davon keine Förderung ber Frage ver- fnrethen können. Wir wollen aber zum Schluß bie Aussichten prüfen, welche für bie Annahme eines Reichsschulgesetzes in unterem Sinne bestehen.
§ 1 lautet: Unter Bekenntnis im Sinne des Gesetzes ist ein Religionsbekenntnis zu verstehen, zu dessen gemeinschaftlicher Pflege eine Religionsgesellschaft besteht, welche die Rechte einer Körperschaft des öffentlichen Rechts besitzt. Wichtig ist § 5, in dem es heißt, daß bie Bekenntnisschule nach dem Bekenntnis zu bezeichnen sei, für bas sie bestimmt ist. Die gesamte Unterrichts- und Erziehungsarbeit in ben Bekenntnisschulen müsse getragen fein von bem Geist des Bekenntnisses, für welches sie bestimmt sind. Im Lehrplan unb Lehrstoff sowie bei ber Auswahl ber Lehr- unb Lernmittel muß ge- bührenbe Rücksicht auf bas bekenntnismäßige Gepräge ber Schule genommen werben. Im Schulbetrieb finb die ben Bekenntnissen eigenen religiösen Hebungen unb herkömmlichen Gebräuche zu pflegen. Die Einführung von ßety= unb Lernbücher sür Religionsunterricht hat inT Benehmen mit der Religionsgesellschaft zu erfolgen. Die Zahl ber Stunden unb ber Lehrplan hierfür ist im Einvernehmen mit der Religionsgesellschaft festzusetzen. Lehrern, deren Tätigkeit den Vorschriften zuwiderlaufen, ist erforderlichenfalls der Unterricht an der Bekenntnisschule abzunehmen. Nach § 15 genügt es, wenn ein Antrag auf Errichtung einer konfessionellen Schule 40 Unterschriften von Eltern oder Erziehungsberechtigten schulpflichtiger Kinder trägt. Im Abschnitt 3 des Entwurfs ist bie Rebe von ber Hanbhabung bes Religionsunterrichtes in den Volksschulen. § 25 bestimmt, daß ber Religionsunterricht orbentliches Lehrfach ist. Er ist in lieber- einftimmung mit den Grundsätzen der betr. Reli- aionsgesellschaft unbeschadet bes Aufsichtsrechtes bes Staates zu erteilen. Den Religionsgesellschaften ist ausreichenb Gelegenheit zu geben, auch burch Besuch bes Religionsunterrichtes burch besonbere Beauftragte sich davon zu überzeugen, ob diesem Erfordernis entsprochen wird. Sollte eine Religionsgesellschaft feststellen, daß dies nicht geschieht, so hat sie das Recht, die betr. Landesregierung zur Abhilfe aufguforbern. Diese ist bann verpflichtet, ben gesetzlichen Erfordernissen Geltung zu verschaffen. In einem weiteren Paragraphen wirb gesagt, daß die Länder die nötigen Vorkehrungen zu treffen haben, damit ben Religionsunterricht erteilenden Lehrern unb Lehrerinnen eine angemessene Aus- bilbung zuteil wirb. Ferner finb in bie örtlichen Schulverwaltungen, denen Volksschulen mit einem als orbentliches Lehrfach eingestellten Religionsunterricht unterstehen, Vertreter der in Frage kommen Religionsgefellschaften aufzunehmen und ihnen Sitz und Stimme zu erteilen. Auch muß bei Besetzung der Stellen von Schulaufsichtsbeamten auf die ihnen unterstellten Schulen Rücksicht genommen werden. Das Gesetz soll mit dem Tage der Verkündung in Kraft treten. In ber SBegrünbung wirb ausgeführt, Art. 146 ber Verfassung, Abs. 2, schreibt nur vor, baß innerhalb ber Gemeinben auf Wunsch ber Eltern und Erziehungsberechtigten Volksschulen eines Bekenntnisses einzurichten seien,' dabei sei allgemein zu beachten gewesen, daß die Reichsverfassung nur für die Ausführung des Art. 146, Absatz 2, nicht aber für bie bes Art. 145, Abs. 1, eine reichsgesetzliche Regelung vorgeschrieben habe. Die Reichsverfassung habe sinngemäß es ber Entwicklung überlassen wollen, ob unb inwieweit auch ür die Ausführung des Abs. 1 reichsgesetzliche sirundsätze aufzustellen finb. Ferner wirb ausge- ührt, daß eine etwaige Unterscheidung von be= kenntnismäßigem Religionsunterricht nicht möglich gewesen sei.
Dom Tage der Verfassungskämpfe an, insbesondere als der Art. 146 zustande gekommen war.
setzte der Kampf um die Schule ein und er ist noch nicht zur Ruhe gekommen. Heute ist ober bie Situation soweit geklärt, daß man Freund unb Gegner unb ihre Stärke abwägen kann. Die Bebeutung der Gegner eines Reichsschulgesetzes, das ber gläubigen Elternschaft gerecht wirb, darf nicht unterschätzt werben. Da finb zunächst bie Parteien ber Linken. Die Kommunisten treten' natürlich geschloffen für bie weltliche Zwangsschule ein. Sie kommen für praktische Arbeit nicht in Frage, können aber burch ihre Stimmenzahl manche gute Arbeit sabotieren. Weit gefährlicher als bie Taktik der Kommunisten ist bie Haltung ber Sozialbemo- fraten unb noch mehr ber Demokraten. Die Sozialdemokraten erstreben im Endeffekt gleichfalls die religionslose Zwangsschule. Aber sie wollen zu diesem Ziel auf dem Wege über bie Gemeinschaftsschule kommen. Dieselbe Haltung nimmt der ihr in vielen Dingen wesensverwandte Deutsche Lehrerverein ein.
Mit den katholischen Eltern stehen in Reih unb Glied der Kath. Lehrer- und Lehrerinnenverein. Auch der Evang. Reichselternbund wird, so nehmen wir an, in den kommenden Auseinandersetzungen unser Bundesgenosse fein. Der Ev. Bund ist ein sehr zweifelhaftes Element, sein Verhalten in Mecklenburg legt das klar zutage. Von ben politischen Parteien kommen als Freunbe ber Bekenntnisschule neben ben sturmerprobten Truppen bes Zentrums unb ber Vayr. Volkspartei vor allem die Deutsch- nationalen unb bie Deutsche Volkspartei in Frage. Beibe Parteien stehen grunbsätzlich auf bem Boden dex Bekenntnisschule. Leider aber ist ihre Haltung zu ben Rechten ber Bekenntnisschule in einigen Ländern, in Baden, Hessen, Lippe, noch nicht geklärt. Bislang haben sie hier die Bekenntnisschule abgelehnt. Im allgemeinen kann man heute über« sehen, wie die christliche Bekenntnisschule im Reichs- tage vertreten ist. Wir haben die Tatsache zu verzeichnen, daß bie christliche Schule im neuen Reichstag burch bie 285 Abgeordneten ber obengenannten bürgerlichen Parteien vertreten sein wird. Demgegenüber stehen 176 Vertreter ber weltlichen Schule. Wenn die Demokarten schwanken oder gar mit den Weltlichen gehen würden, wäre zahlenmäßig doch die Bekenntnisschule sichergestellt.
Noch einiges über bie Stellungnahme derLeh - re rschafk (mit Ausnahme ber katholischen,bereu Standpunkt hinreichend bekannt ist, soweit sie dem Kath. L. V. angehören) unb ber christlich organisierten Elternschaft. Der Lehrerbunb des ev.- luth. Schulvereins forbert ein Schulgesetz, burch welches die Gründung der christlichen Bekenntnisschule gewährleistet wird. Die Ev. Elternbünde in Braunschweig sehen nur in der ev. Schule bie Gewähr für eine religiös-sittliche Erziehung ber In» genb unb lehnen bie Gemeinschaftsschule ab. Der Deutschnationale Lehrerbunb wenbet sich mit Entschiedenheit gegen bie Versuche, bie neue Gemeinschaftsschule als christlich zu bezeichnen, ba sie bes christlichen Charakters völlig entbehre. Die soz. Lehrer, Bezirk Nieberrhein, verlangen in einer Resolution u. a., daß sich die parteigenössischen Lehrer in Orten ohne weltliche Schulen mit aller Kraft für die Errichtung solcher Schulen einsetzen. Die Kommunisten stellen konkrete Bedingungen: 1. Austritt der Lehrer aus der Kirche. 2. Bekenntnis zum Klassenkampf und 3. Verpflichtung zu einer Schularbeit im Sinne der proletarischen Klassenerzie- hung. Der Deutsche Lehreroerein verlangt das Aufsichtsrecht über ben Religionsunterricht nur für ben Staat. Der Bayr. Lehrerbunb lehnt bie Bekenntnisschule gleichfalls ab. Die Sächsische Lehrerschaft setzte einen Ausschuß ein, um bie weltliche Schule zu erhalten. Der Thüringer Lehrerverein stimmte einem Berichterstatter zu, ber sich äußerte: „Hinaus aus bem Schulhaus mit den Bekenntniskrämern und ben Parteigeldwechslern."
Der Ev. Elternbunb Bayerns ist nach einem Berichte Dr. Nüchters auf ber schulpolitischen Hauptstelle des Deutschen Lehrervereins dessen Bundes- genoffe im Kampf gegen das Konkordat geworden und zwar, rote Dr. Nüchter mitteilt, nicht aus Sorge um die Schule, sondern aus der Anti- Rom-Bewegung heraus. Der 3. Reichselterntag ist zwar durch das bayerische Konkordat auch beunruhigt, verlangt aber, daß die ev. Kirche bie Rechte, die die Reichsverfassung den Religionsgesellschaften auf dem Gebiete der Schule gibt, so gewahrt werden, daß dem ev. Religionslehrer feine innere Freiheit unb Verufsfreudigkeit auf bem Grunde des en. Glaubens bleibt.
Der langjährige Kampf um das Reichsschulgesetz wird hoffentlich bald entschieden. Wir haben den Aufmarsch der Freunde und Gegner an unserem Geiste vorüberziehen lassen und ihre Stärkeverhältnisse geprüft. Wir dürfen feststellen, daß anfangs Schwankende aus dem nichtkatholischen Lager sich auch auf unsere Seite zu stellen gewillt sind. Das ist nicht letzten Endes der zielbewußten Aufklärungsarbeit, vor allem in der Presse, zuzuschreibrn. Heute können wir ohne allzu großen Optimismus sagen, daß die Aussichten für die christliche Schule nicht schlecht finb, wenn es auch noch f cf) ro e r en Kampf kosten wird, das Ziel zu erreichen.
* Reichstagspersonalien. An Stelle des verstorbenen Reichstagsabgeordneten Helling tritt der Lehrer Hermann Tempeil-Wehlen, Ostsriesland, (Soz.) in ben Reichstag ein.
* Erster deutscher Reichskrjegertag. Der Kysf- häuferbunb veröffentlicht einen Ausruf, wonach auf Beschluß bes Gesamtvorstandes des Deutschen Reichs« kriegerbunbes „Kvffbäuser" vom 17. bis zum 19. Oktober in Leipzig auf Antrag des ersten deutschen Reichskrieoertages eine gemeinsame Veran- staltungder deutf chen Kriegervereinigungen aller Länder stattfindet. (Das ist bei Erfolg ber Proteste gegen bie dielen Feste!)