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JV» 199»

Soutttag, 30. August 1925.

Fuldaer Zeitung

Mensch und Maschine.

V Um die schwierige Lage zu meistern, in die wir durch den verlorenen Krieg, die Inflation und die Reparationsverpflichtungen gelangt sind, müssen wir unsere Industrie und den sonstigen Wirtschaftsprozeß möglichst zu r a t io n a l i s i e r en suchen, um so durch Vereinfachung, und Vervoll­kommnung zu billigen Preisen zu gelangen und auf den Märkten wettbewerbsfähig zu werden. Es wäre aber, so bemerkt dieIndustrie- und $)an* delszoitung" (1925, 173) verfehlt, wenn man an« nehmen wollte, daß mit der reinen Veränderung der ökonomischen Struktur Gefahren unserer ge­genwärtigen Lage als Wirtschaft, Staat und Volk allein zu begegnen wäre. Die Gefahr droht, daß bei allen diesen Maßnahmen, die der Rot unserer Wirtschaft entspringen, der Mensch, der primäre Faktor alles Wirtschaftens, nicht die zustehende Beachtung findet. Und doch! Wenn gerade ameri- kanische Verhältnisse vorbildlich für die Deftrebun- gen nach Rationalisierung geworden sind, dann darf nicht vergeßen werden um den Faktor Mensch unter einem Gesichtspunkt herauszugreifen daß gerade die Vereinigten Staaten auch dabei sind, in großzügigster Weife dis beffere Auswertung des Produktionsfaktors Mensch durch eine nach Gehalt und Form verdichtete Berufserzie­hung in die Wege zu leiten. Die Anstrengungen, die diese auf dem Gebiete der Nachwuchserziehung machen, sind außerordentlich und sollten von uns aufmerksam beachtet werden. Wenn daher die deutsche Industrie heute sich mit Absicht großer Umorganisationen zum Zwecke der Produktions­vereinfachung, -steigerung und -Verbilligung trägt, vergesse sie nicht, wie sie die gegenwärtige Anarchie der L e h r li n g s a u s b i l d u n g in der Industrie überwinde und sie durch ein großzügiges, geord­netes auf Lehrwerkstatt und Werkfchule basierendes Berufserziehungssystem ersetzt. Nur so wird sie in künftigen Auseinandersetzungen weltwirtschaftlicher Natur eine geschulte und arbeitsfreudige Arbeiter­schaft haben, mit Hilfe deren sie ihr Lebensrecht und ein gedeihliches Dasein behauptet. Auf die Notwendigkeiten ist auch von führender industrieller Seite in der letzten Zeit wiederholt hingewiesen worden. Wünschenswert bleibt nur, daß solche Mahnungen auch allenthalben im Lande und in den Betrieben beachtet werden. Die Schaffung eines tüchtigen Facharbeiternachwuchses muß eine der dringendsten Sorgen aller Betriebsleiter sein.

volkswirtschaftliche und Staats« bürgerliche Schulung.

Dex 19. Kursus des Volksvereins für das katholische j, Deutschland in Paderborn.

Bon einem Teilnehmer.

In der Zeit vom 6. Juli bis 15. August 1925 fand ImFrcmz-.hitze-Haus" zu Paderborn der 19. Volks- wirtschaftliche und staatsbürgerliche Kursus, veranstaltet vorn Bolksverein für das katholische Deutschland, statt. Derselbe war besucht von ungefähr 40 Teilnehnrern aus allen Teilen Deutschlands. Die Teilnehmer ge­hörten allen Benifsschichten an und standen zumeist im Alter zwischen 20 und M Jahren.

Sinn und Zweck des Kursus war die Heranbildung von ihrer Verantwortung gegenüber der staatsbürger­lichen Gesamtheit bewußten Menschen, welche die Aufgabe haben, ihre Umgebung mit echt christlichem Geist und Tatwillen zu erfüllen. Dieser Idee entsprechend wurde der Kursus während seiner sechswöchigen Dauer auf der Grundlage freundschaftlichen Jneinanderlebens der Teil­nehmer mit ihren Lehrern aufgebaut und durchgeführt. Aus diesem harmonischen Zusammenleben heraus ist jedem Teilnehmer klar geworden, daß nur auf der Grund­lage echten Familiensinnes und Gemeinschaftsgeistes dem katholischen Volksteil Deutschlands und dem ganzen deut­schen Volke eine ersprießliche Zukunft erwachsen kann.

Die während der Dauer des Kursus zu behandelnden Fragen waren dem Sinnne gemäß in vier große Fra­gengruppen eingeteilt, deren Studium durch ausführliche Vorträge mit auf hoher Warte stehender Aussprache tief­gründig betrieben roitrbe. Gewaltige Probleme der Gs- genwart und Zukunft erstanden vor unseren Augen. Unter der zielbewußten Führung der Kursurleiters, des Rek­tors Dr. Heinen, wurde uns das Wesen der großen deutschen Volksfamilie nähergebracht. Der Fragen­komplex behandelte in der Hauptsache: 1. die Volks­gemeinschaft, 2. das Wirtschaftsvolk, 3. das Staatsvolk und 4. das Volkstum. Diese vier Fragengruppen lösten sich in 34 Einzelvorträge auf und wurden mit solch ern­ster Sachlichkeit behandelt, sodaß es selbst einem Kritikus unmöglich gewesen wäre, grundsätzlich dagegen Stellung zu nehmen.

In der ersten Woche wurde das Themadie Volks­gemeinschaft" durch die Herren Dr. Heinen und Prälat Dr. August Pieper behandelt. Dor unseren Augen ent­rollte sich das Bild des organischen Wachstums der eigentlichen Lebenskräfte und ließ uns die heiligen Werte des Menschenlebens erkennen. Der Inhalt dieses The­mas läßt sich kurz zusammenfasfen in den Gedanken:In her Volksgemeinschaft sind zu unterscheiden die von Gott in den Menschen hineingepflanzten organischen Lebens­kräfte und die zur Erhaltung des Lebens von den Men­schen gemachten äußerlichen (materiellen) Dinge. Der Mensch hat diese heiligen Lebensgemeinschastskräfte ziel­bewußt zu entfalten und denselben die äußerlichen Werte unterzuordnen."

Der Mensch hat daher die sittliche Pflicht, seine ganze berufliche Tätigkeit auf diese inneren Werte einzustellen. Er muß den Verufsgedanken, ausgebaut imBerufs­stande" entwickeln und über den Berufsstand die Volks­gemeinschaft zu verwirklichen suchen. Hieraus folgt na- turnotwendig, daß der Mensch, deffen Leben zunächst beeinflußt wird durch die äußerlichen, das Leben erhal- tenden, Dinge, sich auseinandersetzen muß mit dem Wirt- schaftslebens. Die Fragen des Wirtschaftslebens wurden demgemäß in der zweiten und dritten Woche behandelt. Dieselben wurden in eingehendster Gründlichkeit von vier Referenten behandelt.

Der Grundgedanke wurde auch hier wieder klar her­ausgeschält imh ergab, daß ein organischer Aufbau des Wirtschaftslebens zum"Nutzen der Volks­gesamtheit und seine praktische Durchführung nur auf dem Wege der berufsständischen Entwicklung im Geilte der christlichen Genossenschastsidee zu verwirk­lichen ist.

Nachdem mit Abschluß der ersten Kursushälfte die Fragen des Wirtschaftslebens eingehend erörtert waren, war die Arbeit der vierten Woche der Behandlung des ThemasDas Staatsvolk" gewidmet. Hier wurde uns von drei Referenten ein in feinem Umfang riesenhaftes Problem, auf feiner historischen Grundlage aufgebaut, vermittelt. Wohl manchem, der die Staatsbürgeridee bis dahin nur ahnend, nicht in ihrem Wesensgrund ver­stehend, in sich getragen hatte, wurde nun volle Klarheit gegeben und großes Verantwortungsempfinden über­tragen.

In den letzten beiden Wochen wurdedas Volkstum" in feinem Wesen und seiner Vielgestaltigkeit behandelt. Cs kann wohl gesagt werden, daß dieser letzte Kursus- abschnitt die notwendige Kleinarbeit auf allen staatspoli- tischen, volkswirischaftlichen und kulturellen Gebieten be­handelte und äußerst wichtige Problematik im ganzen Volksleben darstellt, u»n den fünf hierfür vorgesehenen Referenten, iowie von allen Teilnehmern, die durch, die .

Rund um die Woche.

bi« Holländer, ein Spanier, ein Franzose spricht. Vornehme Bettler. Mädchenschicksal. Zehn Dörfer und eine Bar. Tagungen. Jugendnot.

Warum müssen mir nun immer wieder diese Ausländer begegnen und zwar an einem einzigen Tage gleich bret auf einmal! Und warum müssen sie mir alle drei etwas erzählen, was ich gar nicht hören will? Mein Gewissen wird dadurch immer so sehr beunruhigt, nicht mein persönliches, wohl aber das deutsche, was ich doch auch in mir trage und was jeder Deutsche in sich tragen sollte. Der eine war ein Holländer und berichtete, wie die Deutschen in Holland Geld haben, viel, viel Geld. Wie sie dementsprechend leben, aus großem Fuß und wie gewaltige Herren. Damit waren nicht die Deutschen gemeint, die dauernd in Holland sind, sondern die Reisende». Man muß sich erinnern, wie fortgesetzt in Holland von unserer Not erzählt wird. Wie sich die Hand dieses stammverwandten Nachbar­volkes freigebig geöffnet. Wie obendrein nun dieses Boi! selbst in Not ist, zumal nach der schrecklichen Orkankatastrophe, die diele Millionen Gulden ver­schlungen. Und dann der Spanier^ der mir von einem Vergnügungsdampfer sagte, daß die Hunderte von Passagieren fast alle Deutsche gewesen. Sie müßten doch Geld haben. Endlich ein Franzose, der von Deutschen in Paris zu erzählen wußte, daß sie dort alles tun, um der französischen Oeffentlichkeit an reich gedeckten Tafeln, in glänzenden Hotels und auf bewegten BoulewardS zu beweisen, daß wir die Reparationen doch wirklich ganz leicht bezahlen können. Ich glaube nun nicht einmal, daß eS die Ausgaben selbst sind, die so auffallen, es ist vielmehr eine gewisse deutsche Art, sie zu machen. Diese Art besteht in einem ganz unangebrachten Protzen, in einem Lautsein, wo andere stille sind, in Eigen­schaften überhaupt, die un'S daS Beiwort des Deutschen Michels" eingebracht. Erziehen wir doch unsere Kinder so, daß sie lernen, überall einfach und schlicht zu sein. An Bahnhöfen schreit man nicht, in Speisewagen fängt man keinen Streit mit dem Kellner an, und wenn man einmal gemütlich zu» sammelt sitzt, dann richtet man nicht den Tisch auf dem Marktplatz fremder Genießerstädte ein. Und ein bischen Psychologie! . . .

Allerdings erschöpft sich die Angelegenheit darin nicht. Wir bemerken im sozialen Leben eine geradezu beängstigende Scheidung zwischen Reich und Arm. Bin ich da neulich durch die Straßen einer Riesenstadt gewandert. Ist die Zahl der Bettler nicht gewachsen? Man kamt das schwer fest­stellen, aber ein Umstand dabei schien mir gewiß. Der Typ des Bettlers hat sich geändert. Was sieht man: Gesichter, in die die Not zwar tiefe Furchen eingegraben, in denen aber doch jene Feinheit der Züge nicht mehr zerstört werden konnte, die mehr als Worte sagt: Ich bin nicht auf der Straße geboren . . . Ich habe schon bessere Tage gesehen... Da sind Hände, so w ch und zarj, daß man nicht nachzuforschen braucht, um zu wissen, daß sie nie zu etwas gebraucht worden, es sei denn die Feder zu führe» oder Blumen zu sammeln oder gostrc-chelt zu werden. Eingehüllt sind diese Gestalten in Gewän­der, die trotz Siurm und Weiter, denen sie jetzt standznhaltcn haben, verraten, daß ibre Besitzer vor nicht langer Zeit sich in Salons bewegten. Bor Scham errötend, wagt man kaum, in diese blasse Hand, die sich einem mitStreichhölzern" oder der­gleichen entgegenstreckt, ein paar Geldmünzen zu legen. Und allerlei Damen, über die man sich so gern entsetzt, wenn man von der versumpften Groß­stadt spricht, die aber nicht weniger unser Mitleid verdienen, als die (Bettler im Salonrock., Wo sind die Hunderte von abgebauten Arbeiterinnen, Angestellten, Beamtinnen geblieben? Wer fragte da­nach, was aus den halberwachsenen, unfertigen un­reifen Menschenkindern am Tage der Entlassung wurde? Oft ohne Heim, ohne Elternhaus, ohne Hilfe itnb Schutz, groß geworden in den lockeren Verhältnissen der Kriegs- und Nachkriegszeit, die ihnen keinen moralischen Halt gegeben, das ganze Elend um sich und vor sich die lockende Gefahr. Kann man sich wundern, wenn sie erliegen? In einem kleinen Kino, das vornehmlich von halb­wüchsigen Mädchen besucht wurde, die an diesem Abend keinen Verdienst gefunden, wurde ein Film gekurbelt, der Bilder zeigte ans der schlimmsten Zeit der Inflation. Und wenn nach Aktschluß da? Licht aufflammte, da konnte man hin und wieder eine Trän« aufblitzen sehen in einem Mädchenauge, daS da fein eigenes Schicksal vor sich abrollen sah. Don

Arbeit der vorhergehenden vier Wochen sichtlich abge­spannt waren, mit einer bewundernswürdigen Energie durchgearbeitet worden ist.

Den Schluß des Kursus bildete ein wohlgelungener Abschiedsabend. Derselbe dürfte wohl alle Beteiligte mit hoher Genugtuung erfüllt haben. Prägte sich doch in dem Abschied ein gemeinsames inneres Derbundenfein aus und war man sich doch der Innerlichen schicksalhaften Zusammengehörigkeit und der Verantwortung gegenüber dem lieben deutschen Vaterlande und dem ganzen Volke bewußt.

Wenn sich in Paderborn für alle Kurfusteilnehmer ein innerliches Schauen und Erleben entwickeln durfte; wenn ungeahnt schwierige Probleme in ihrer ganzen Tiefe so gründlich ersaßt werden konnten, so ist dies nicht allein dem tiefgründigen Wisien, sondern dem so überaus war­men und die Volksnot empfindenden Herzen eines Dr. A. Heinen zuzuschreiben, der sich redlichste Mühe gegeben hat, uns diese innere Schau erleben zu lassen. Der Dank an ihn fei abgetragen durch Umfetzen hex Volks- gemeinschaftsidee in die Tat. u «uxti-uy»-.

Schule und Volksbildung.

_ Vie Lehrerlanfbahn fn Hessen. Das Pädagogische Institut in Mainz nimmt für das am 27. Oktober 1925 beginnend« Winter-Semester neue männliche und weibliche Studierende auf, welche nach zwei Jahren die Prüfung für Anstellung im Volksschulistenst ablegen. Die Lehrerlaufbahn ist gegenwärtig in Hessen noch aus­sichtsreich. Anmeldungen erfolgen auf dem Sekretariat dcS Instituts Mainz, Petersstratze 2.

Musik und Theater.

Dr. 8rltz Stein, städtischer Musikdirektor und Professor für Musikwissenschaft an der Kieler Uniber, fität, wurde vom Magistrat der Stadt Kiel zum Ge- neralmusikdirektor ernannt.

= Ä» Gesangbuch in fünf Sprachen. Für die große Kirchenkonferenz tn Stockholm wurde ein Gesangbuch herausgegeben, das alle darin enthaltene Gesänge in deutscher, englischer, französischer, schwedischer und la­teinischer Sprache bringt.

Zreilicht-Spiele auf der Feste Coburg sollen seitens des Coburgischen Landes-Theaters im nächsten Frühjahr und Sommer stattfinden. _ _______....... .......

Zeit zu Zeit erhob sich eine und verließ rasch mit gesenkter Stirn den unheimlichen Raum. . . Christ­liche Liebe, wo bist du? . . . Wie ich noch darüber nachfinne, fällt mein Blick auf mächtige Plakate: Tansenb süße Beinche«.. Die hellblauen Schwestern .. Hilf Gott! Ein Kind ist vom Himmel gefallen! ... Fauteuil 47 . . Am Teetisch . . Der letzte Kuß . .

Würdelos, so sagte der Holländer. Würde­los, so sagte der Spanier. Würdelos, so sagte der Franzose. Und in der Tat ist es würdelos, dem Ausland von deutscher Not vorzuklagen und zu­gleich das Land zu überfüttern mit kostspieligen Veranstaltungen.Aufbau"!, so heißt es in irgend einem Gespräch tn dem neuen Rowan von Gustav Schröer, dte Bauern von Siedel. Aufbau! So nennen sie das jawohl, da eine Scheune, da jein Landhaus, da ein Kino, Da eine Schnapsbude, da eine Weinstube. Aber sonst? Nicht die Spur. Immer nur die eigene Tasche und es ist egal, ob Bauer oder Arbeiter, Handwerksmann oder Geschäftsmann. Und die Leute von meines Schwagers Sorte, die stehen dabei, lachen sich ins Fäustchen, scheren die Bestie und füttern sie unterdessen mit Geld. Es mag ehrliche Menschenfreunde geben auf beiden Seiten; ich bin geheilt. Es geht dann und wann mal eine Welle durch, daß man denkt, da muß etwas dahinterstecken, daS wirklich Wert hat. Bluff, ganz gemeiner Bluff. Herrgott, unser deutsches Volk. Hat das den Krieg verloren? Ich sage dir, ehe eine Bar Bankerott macht, gehen zehn Dörfer kavut. Sieh mal her, was ist das? Das ist der Frie­densvertrag von Versailles. Kennst du den? Gelt, du auch nicht! In Deutschland kennen ihn keine hundert Mensche», und dabei ist er die Kette um den Hals, und von der Kette hängt extra noch ein Gewicht, und wenn wir uns an das,Ge­wicht gewöhnt haben, dann legen sie wieder einen halben Zentner drauf und wenn wir den gewöhnt find, kommt ein neuer halber Zentner dazu. Und so bis ultimo, bis Ultimo! Unv dabei denken wir immer, uns gehts gut und schlagen uns so zum Spaß dann und wann die Köpfe ein, weil der eine den Two step, der andere partout den Walzer für das richtige hält. Nee, Otto, uns ist nicht zu helfen . . ." Nicht um anzuklagen schreibt der Mann, sondern um aufzurütteln.

Was soll geschehen? Wir erleben im Augenblick herrliche Tagungen in Innsbruck, in Stuttgart und unzähliche andere, kleinere. Da wird viel Gutes gesagt und viel Weises befchlos- fen. Die besten Kenner unseres Volkes sprechen ZU uns. So hören wir doch auf ihren Rat. Sie dürfen kein bloßes Vergnügen fein, diefe Tagun­gen, nicht eine reine Befriedigung des Reise­fiebers, das Deutschland zur Zeit in einen Ameisen­haufen verwandelt hat, in dem jemand mit dem Spazierstock wühlt. Es müssen Stunden der Weihe und der Besinnung werden.

Und noch eines! Unterstützen wir die I u g e n d, die zu größerer Einfachheit und zu neuer Innerlich­keit drängt. Wie Quickborn, Neudeutschland, Windt- horstbunbe und Jungbayernring, um nur diese zu nennen, auf ihren jüngsten Tagungen gezeigt haben, ist diefe Jugend mehr als früher bereit, sich den Erfahrungen des älteren Geschlechts zu beugen. Sie will nicht mehr das Utopische und Revolutionäre, sondern das Organische im Zusammenwirken der verschiedenen Generationen. Nun beginnt die Pflicht für das ältere Geschlecht, der Jugend auch wirk­lich zu helfen. Und es darf nicht die Losung werden: Nun allgemach zurück in die Bequemlich­keit der Vorkriegsfage, nein, die neuerwachten Kräfte müssen fruchtbar gemacht werden. Was an der Jugend schön und groß ist, wollen wir gern von ihr annehmen. Nachdem die äußere Kriegs­und Revolutionsgefahr beseitigt ist, nehmen allerlei Leute die ernsten Vorsätze aus schweren Zeiten auf die leichte Achsel, und man redet schon wieder, wie man immer geredet hat. Der Himmel be­wahre uns vor einer Kulturseligkeit, die unaus­bleiblich wieder hinführen müßte zu den gleichen Ergebnissen, die sie früher gehabt: Keine Frage wird er n ftU d) angepackt und vom Standpunkt des Christentums aus gelöst, und bas Ende ist eben jenes Grauen, von dem wir uns soeben er­löst glauben.

Der Mann im Monde.

Aus dem Nachbargebiet.

= Meerholz. Die durch Pensionierung steige- worfne zweite Lehrstelle in Meerholz wurde dems Lehrer Kistner aus Hutten ab 1. September übertragen.

= Ried. Hier geriet ein Dreschmaschinen­besitzer infolge eines Fehltritts in die Strohpresse feiner Dreschmaschine so unglücklich hinein, daß ihm die Kopfhaut nahezu abgezogen und die Nase abgerissen wurde. Der schwerverletzte Mann wurde dem Krankenhaus in Höchst zugeführt.

--- Königstein. Die Gerichte gehen fest einiger Zeit mit großer Schärfe gegen leichtsinnige Kraftwagenführer vor und bestrafen sie, wenn ihre Schuld einwandftei feststeht, recht empfindlich. So verurteilte das Schöffengericht Königstein am Mittwoch einen Kraftwagenführer aus Frankfurt wegen grober Fahrlässigkeit zu drei Monaten Gefängnis. Der Mann war mit seinem Last­auto, das mit Baugerüstbrettern und Hölzern hoch­beladen war, in rückstchtsloser Weise durch die Straßen Königsteins gefahren und hatte dabei einen Kurgast verletzt.

Heidelberg. Wegen Untreue und Be- trug s wurde hier der Geschäftsführer Fritz Jung verhaftet. Jung hatte besonders versucht. Spar- gelber aus Kreisen katholischer Pfarrer unb ihrer Hausangestellten zu bekommen. Jetzt stellt sich heraus, baß bie Geldgeber, die ihm ihre Gelder anvertraut haben, schwer geschädigt sind, da diese nicht mehr vorhanden sind. Jung hat seine Verbindungen in Baden, in Süddeutschland über­haupt, unb sogar in letzter Zeit auch in Norb- amerika gefunden. Er nannte seine Firma, deren Inhaber nur er unb seine Frau waren, katholisch, was aber nur seinen eigenen Interessen biente unb nichts mit der katholischen Sache zu tun hatte. Er hat die Spargelder seiner Kunden auf den verschie­densten Rennplätzen unb nur für feine eigenen Passionen verschwendet.

2. Blatt.

Druck bet Fuldaer Ackiendruckerel, Fulda.

SufWertungrrecht.

S3on Dr. Scheiter, Landgerichtsdirektor, M.d.R., Köln.

(Fortsetzung aus Nr. 196 der Fuld. Ztg.)

B. Kaufgelbforderungen von Grundstücksüber­tragungen haben die Eigentümlichkeit, bah sie ben Vorzug höherer Aufwertung nur genießen, wenn sie vor bem 1. Januar 1909 begründet worben sind unb sich noch in ber Hanb bes ersten Gläubigers befinben. Die zeitliche Beschränkung beruht auf Erwägung, baß ältere Restkaufgelber mehr unb mehr ben Charakter ber Vermögensanlage au- nehmen, je länger sie geftunbet stehen bleiben. Das Gesetz glaubte sie deshalb von einem bestimmten Zeitpunkt ab nicht anbers behandeln zu dürfen als ältere Darlehnsforberungen. Dieser Zeitpunkt ist auf ben 1. 1. 09 festgesetzt worben unb beruht auf einem politischen Kompromiß. Aehnliche Grünbe waren für bie Höchstgrenze maßgebend, bie für Kaufgelber unb Ansprüche aus Gutsöberlassungs- verträgen aus dem brestähr'gen Zeitraum von 1909 bis 1912 gilt (75 Prozent). Sobald Kaufgelb- , forberungen dieser Art übertragen werben, haben sie in ber Hanb bes Rechtsnachfolgers ihre Bezie­hungen zu übertragenen Sachen verloren unb ferne weitere Bebeutung als eine Darlehnsforberung s gleicher Art. Deshalb gilt bas Privileg ber höheren Aufwertung nicht für ben Gläubiger, ber nicht selbst Eigentümer bes Grunbftücks gewesen ist, es fei benn, baß es sich um eine Gesamtrechtsnach­folge, wie bei Erbschaft, Gütergemeinschaft, Ver­mögensübernahme ober um Ausstattung unb Schen­kung hanbelt.

Vcfonbers eigenartig unb widerspruchsvoll ist die Regelung fürForberungen ausJmmo- biliarkaufgefchäften unb GufsÜber­la f f un g en ber Inflationszeit. Bis zum Jahre 1922 soll der Goldmarkwert der Forderung für bie Umrechnung berart maßgebenb fein, bah höchstens eine 10 0 prozentige Aufwertung heraus* fpringt. Für Forberungen, bie nach bem 1. Januar 1922 begründet sind, soll bagegen ber Aufwertungs- fatz nach oben hin nicht beschränkt sein unb d>s i Aufwertungsstelle jeben ihr gerechtfcheinenben Maß­stab wählen bürfen.

Wenn man bebenkt, baß ber Verkehr ins- , besondere auch auf bem Grrmbstücksmarfte sich ; in den Jahren 1920 unb 1921 noch keineswegs an eine Dollar- ober Golbmarkrechnung gewöhnt hatte unb baß die Grundstückspreise infolgebefsen noch immer von der Auffassung bes Wertes, der Friedenziffer beeinflußt waren, so bedeutet für die Veräußerer von Grunbbesitz aus ben Jahren 1920 unb 1921 bie gesetzliche Regelung eine außer- orbentliche Härte; benn eine lOOprogentige Aus­wertung ber Papiermarksummen, bie in biesen Jah­ren als Kaufpreis vereinbart würben, stellt sich nur als ein Bruchteil bes wirklichen Grundstücks* wertes bar. Vom 1. Januar 1922 ab wirb bis Rechtslage plötzlich unb unvermittelt eine ganz enbere, sodaß ber Verkäufer für biefe Restforberun- gen zu einer Aufwertung gelangen kann, bie dem vollen Gegenwerte bes Grunbftücks entspricht.

Beispiel: A verkauft am 1. Januar 1920 ein Grundstück an B für 1 Million Mark, die Hälfte des Kaufpreises wirb in bar bezahlt, bie andere Hälfte bis 1925 gestundet und eingetragen. Hier sind 500 000 Mark nach ber Meßzahltabelle um* zuwerten. Der Golbmarkbetrag dieser Restfchulb beträgt 48 350 Mark. Das ist bas Höchstmaß brr Aufwertung, bas A erzielen kann. Wenn ber Grunbstückswsrt zur Friedenszeit 500 000 Mark betrug, so erhält ber Verkäufer insgesamt noch nicht einfünftel bieses Wertes. Noch ungünstiger gestaltet sich bie Lage für ihn, wenn ber Verkauf am 1. Dezember 1021 ftattfanb. Damals hatte bie vereinbarte 1 Million Papiermark einen Wert von 23 700 Mark. Die Reftforberung also einen Wert von 11850 Goldmark. Dieser Betrag ist bas höchste, was im Wege der Aufwertung bem Verkäufer in Reichsmark zuerfannt werben kann. Hätte bagegen ber Verkauf am 1. Januar 1922 stattgefunben, so wäre bie Aufwertungsstelle in ber Lage, ben vollen Gegenwartswert ber Aufwertung zugrunbe zu legen unb ben Verkäufer zu verurteilen, bie noch rüefftänbige Hälfte bes Preises nach biesem Werts im Jahre 1932 zu zahlen.

Die hier unb früher angeführten Beispiele sol­len keineswegs für ben Gläubiger ein Anreiz fein, in allen Fällen, in benen eine individuelle Auf­wertung gestattet ist, nun auch den Höchstsatz zu verlangen. Man darf nicht übersehen, baß biefe Gelbentwertung boch eine Erscheinung war, bie alle Staatsbürger betroffen hat unb baß kaum j emanb in ber Lage gewesen sein bürste, sein Vermögen auch nur annöhernb roertbeftänbig zu erhalten. Das Höchstmaß wirb also nur beim Vor­liegen ganz besonderer Verhältnisse nach Treu unb j Glauben zu rechtfertigen sein.

vermischter.

* Die goldene Hochzeit lm Flugzeug. Die Eltern von Lord Kilmarnock, bem britischen Vertreter in der interalliierten Rheinland-Kommission, feiern demnächst das Fest ihrer goldenen Hochzeit. Aus diesem Anlaß werben bie alten Herrschaften, bie betbe hoch in ben Siebzigern stehen, eine Reise um bie Welt unternehmen, unb zwar im Flugzeug, was füt ein so altes Pärchen, bas bas biblische Alter längst passiert hat, gewiß alles Mögliche ist.

*Mufbau einer neuen Stabt in Palästina. Die wirtschaftliche Entwickelung Palästinas nimmt seit einigen Monaten einen großen Aufschwung. Na- / mentlich bie Bautätigkeit weist Rekorbziffern auf. Aus ben Mitteilungen ber Reichshauptstelle für Kultur- unb Wirtschaftspropaganda E. V. ent­nehmen wir, baß im Laufe bes Juli in Tel- Aviv, ber Schwesterstabt Jaffas, 288 neue Bau- 1 lizenzen, also täglich 9, erteilt worben sind, wcih- renb bisher die monatliche Höchstzahl ber Bau­bewilligungen 130 betragen hatte. Tel-Aviv wirb ' vom 4. Oktober bis zum 11. Oktober b. Js. eine ( internationale Ausstellung größten Stils ver­anstalten, an ber bie führenben beutfchen Jnbustrie- firmen beteiligt finb. Für bie deutsche Sauinbuftrie bietet sich in Palästina reichste Gelegenheit zu Hoch- unb Tiefbauarbeiten.

von den Hochschulen.

Akademische Personalien. Der Meteorologe der Badischen Landeswetterwarte in Karlsruhe und Dozent an der Giessener Universität Dr. Peppler hat einen Ruf als Leiter des ärologischen Observatoriums in Friedrichshafen angenommen. Dr. Peppler tritt fein » neues Amt schon am L September an. . .