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Anzeiger für die Stabt und den kreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.

Nr. 197.

Sreitag, 28. Kugust 1925.

verantwortlich iür die Schriftlettung: Dr-Johannes Kramer. Anzeigen- I. Barzeller, Fulda. Rotationsdruck und «erlag d«r Fnldaer Aktiendruckerei in Fulda. Fernwrecker Nr. 9.

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Ful d aer Zertung

Ruhig Blut!

Der Austritt des Reichstagsabgeordneten Joseph W i r t h aus der Zentrums-Fraktion hat gewissen Kreisen, die schon seit Jahrzehnten immer vergeblich auf den Riß im Zentrumsturm warten, neue Hoffnungen erregt. Sie werden aber wiederum eine große Enttäuschung erleben. Was der temperamentvolle Herr Wirth unternommen hat, dem ein nervöses Herzleiden noch immer sehr zu schaffen macht, wird für die Geschicke der Zen­trums-Partei wohl ohne nachhaltige Einwirkung bleiben. Auf dem Katholikentag in Stuttgart hat sich in all den Fällen, wo politische Fragen gestreift wurden, eine derartige Uebereinstimmung und Einheitlichkeit gezeigt, daß es ganz ausgeschlossen erscheint, daß die große Masse des deutschen katholisckM Volkes heute ihrer alten er­probten Partei irgendwie die Treue brechen könnte. Auch die nächsten Freunde des Herrn Dr. Wirth be­trachten seinen Schritt als eine Episode. In der gesamten Zentrums-Presse mit einer ganz ver­schwindenden Ausnahme kommt die gleiche Auf­fassung zum Ausdruck. Der Vorsitzende der Par­tei, F e h r e n b a ch, hat dieser Ueberzeugung Aus­druck verliehen und auch sonst liegen gleiche Mei­nungsäußerungen vor.

Gegenüber einer Vertretung der badischen Zen­trumspresse hat sich der Vorsitzende des badischen Zentrums, Abg. Dr. Schafe r, u. a. wie folgt geäußert:

Ich stehe nicht an, den Schritt des so verdienten Parteifreundes aufrichtig zu bedauern, auch wenn etwa schwerwiegende Gründe aus den letzten Vorgängen im Reichstag dafür geltend gemacht werden könnten. Das badische Zentrum hat in seiner Presse seinerzeit das Vorgehen des Herrn Abg. v. Popen im preußischen Land­tag der dortigen Zentrumsfraktion gegenüber verurteilt. Aehnliche Erwägungen wie dort führen hier zu dem ent- schiedenen Wunsche, der Schritt, der doch wohl besser unterblieben wäre, möge ebenfalls wie dort so bald als möglich die Korrektur erfahren, die sicherlich das ganze badische Zentrum wünscht. Wer die Geschichte der Parteien kennt, wer auch in der Vergangenheit des Zentrums sich auskennt, der weiß, wie politisch schwere Zeiten, mit ihren Auseinandersetzungen immer wieder Schwierigkeiten brachten, Schwierigkeiten auch sol­cher Art, wie wir sie heute vor uns sehen. Darum kann der gemeldete Vorgang nicht besonders überraschen, auch nicht zu übertriebenen Sorgen Veranlassung geben. Bei einem allseitig vorhandenen guten Willen, woran auch nicht gezweifelt werden bars: OMr Mvcmken an die heu­tige Lage der heiligen Ideale, für die jeder wahre Zen- trumsmann, gleichgiltig, auf welchem „Flügel" er sonst auch stehe, sein Herzblut zu opfern bereit sein muß, darf erwartet werden, daß die Angelegenheit ihren baldioen und befriedigenden Abschluß findet und nichts zurück- laßt wie eine bestimmte und heilsame Lehre.

Zeldmarschall Tonrad f.

. Bad Mergentheim ist der berühmt^ österreichische, Feldmarschall Conrad v. Hoetzen' dorff im Alter von 73 Jahren plötzlich ge­storben.

*

Franz Graf Eonrad v. Hötzendorf, der allbe­kannte Chef des österreichischen Generalstabcs im Weltkriege, war am 11. November 1852 in Pren- 3,ing bei Wien geboren. Seit 1871 Leutnant in der österreichischen Armee, nahm er an der Okkupation Bosniens teil und war dann in verschiedenen Ge­neralstabs- und Truppenstellungen tätig. Auf Be­treiben des Thronfolgers Erzherzog Franz Fer- uruand wurde er im Jahre 1906 Chef des öster­reichischen Generalstabes. Da er den Uebergang Italiens aus dem Dreibund ins feindliche La­ger voraussah, war er 1907 und 1909 für einen Präventivkrieg gegen Italien. Hierbei stieß er auf den Widerstand des Ministers des Aeußern, Grafen Aehrenthal, der grundsätzlich am Dreibund sestbielt. Der daraus entstandene Kon- slikt führte zur Demission Hötzendorfs als Eeneral- stabschef (1911). Er wurde nunmehr zum Trup- peninspekteur ernannt. Rach Aehrenthals Tode be- rief ihn Kaiser Franz Joseph im Dezember 1912 neuerlich zum Chef des Generalstabes. Auf diesem Posten hatte er den Aufmarsch und die Operationen der österreichischen Truppen während der ersten Jahre des Weltkrieges zu leiten. Bald begannen Streitigkeiten mit den leitenden deutschen Stra­tegen, da sich beide Teile für die größeren Feld­herren hielten. Rach Kaiser Franz Josephs Tod kam es auch mit dem neuen Kaiser Karl zu Rei­bungen, die im Februar 1917 zu Conrads Ent­hebung von dem Posten als Generalstabschef führ­ten. Hötzendorf übernahm hierauf das Kommando über die Truppen in Tirol, nahm cn der großen Offensive gegen Italien im Herbst 1917 teil, wurde ober nach der neuen fehlgeschlagenen Offensive im Juni 1918 seiner Stellung enthoben und verabschie­det. In den letzten Jahren veröffentlichte er seine Lebenserinnerungen unter dem Titel „Aus meiner Dienstzeit", von denen bisher drei Bände erfchienen sind.

Der neueste Band, den Conrad unter der Feder hatte, enthält die allerschwersten Angriffe Con­rads gegen Ludendorff. Obwohl Conrao seit Kriegsende nicht mehr in der Oesfentlichkeit ge­sehen war, ist ihm die Achtung in weiten Kreisen -erhalten geblieben. In feinem Testament hat er den Wunsch ausgesprochen, an der Seite seines im Kriege gefallenen Sohnes in WienerNeu- stadt begraben zu werden.

wirtschaftliche Uampsbewegungsn. s

— Der Bankbeamtrnstreil in Hranlreich. Der Pariser ' Provinzialausschutz der streikenden Bankbeamten teilt i mit, daß er sich mit der durch die Vermittlungsversuche des Arbeitsministers geschaffenen Lage besaßt und be­schlossen habe, unerschütterlich weiter alle An­sprüche aufrechtzuerhalten, bis sie völlig be­friedigt worden seien.

Iw MH der towotinotc Monte.

Die deutsche Reichsregierung antwortet alsbald. — Zusammenkunft der juristischen Sachverständigen der Ruhenministerien in London. — vor

der Konferenz der Ruhenminister.

Die französische Antwortnote zur Sicherheits- frage, die Montag nachmittag dem Außenminister Dr. Stresemann überreicht wurde, beginnt folgen­dermaßen:

„Indem die französische Regierung von der deutschen Note vom 20. Juli 1925 Kenntnis nimmt, stellt sie gern die II e b e r e i n st i rn rn u n g der Anschauungen zwischen den beiden Regierungen fest, die in gleicher Weise bestrebt sind, den Frieden Europas auf eine Verstän­digung gestützt zu sehen, die den Völkern ergänzende Sicherheitsgarantien verschafft. Die französische Regie­rung sieht mit Genugtuung, daß die deutsche Regierung nach aufmerksamer Prüfung der französischen Note vom 16 .Juni ihrer Ueberzeugung Ausdruck gibt, daß eine Einigung möglich ist. In dem Wunsche, die Stunde der Einigung nicht hinauszuschieben, wird sich die französische Regierung auf die Darlegung derjenigen Bemerkungen beschränken, zu denen sie in Uebereinstim- ntung mit ihren Alliierten durch die Prüfung der bret wesentlichenPunkteder deutschen Note veranlaßt wird. Da diese Note sich zu gewissen, in der französi­schen Antwort vom 16. Juni aufgeworfenen Fragen nicht äußert, will sie anscheinend zu erkennen geben, daß die deutsche Regierung insoweit keine grundsätz­lichen Bedenken hegt und sich nur die Erörterung von Einzelpunkten vorbehält.

In drei Absätzen wird dann zu den Fragen Stellung genommen, die im wesentlichen folgendes besagen:

In Uebereinstimmung mit ihren Alliierten ist die französische Regierung der Ansicht, daß weder der Friedensvertrag noch die Rechte, die nach diesem Vertrage Deutschland und den Alliier­ten zustehen, beeinträchtigt werden bü-fen. Eben­sowenig wie der Vertrag dürfen auch die G a r a n - tienfürseineDurchführung oder die Be­stimmungen, welche die Anwendung dieser Garan­tien regeln und in gewissen Fällen ihre Erleichte­rung vorsehen, durch die in Aussicht genommenen Abmachungen geändert werden. Wenn die Note vom 16. Juni hervorgehoben hat, daß der Sicher­heitspakt „weder die Bestimmungen des Vertrags über die Besetzung des linken Rheinufers noch die Erfüllung der in dieser Hinsicht im Rheinland­abkommen festgesetzten Bedingungen berühren darf", so besagt das, daß Frankreich, so sehr es auch bereit ist, die schwebenden Verhandlungen in liberalem Geiste und mit friedlichen Absichten fort­zusetzen, nicht auf seine Rechte verzichten kann.

Die Alliierten sind nach wie vor überzeugt, daß die Zugehörigkeit zum Völkerbunde für Deutschland, nachdem es seinen Eintritt vollzogen hat, das s i ch e r st e Mittel sein würde, um seine Wünsche zur Geltung zu bringen, wie dies an­dere Staaten ihrerseits getan haben. Der Eintritt Deutschlc-nds in den Völkerbund ist die einzige dau­erhafte Grundlage einer gegenseitigen Garantie und eines europäischen Abkommens. Aus diesem Grunde haben wir mit Bedauern die Vor­behalte der deutschen Note gelesen, wonach die Frage des Eintritts Deutschlands in den Völkerbund noch der Klärung bedürfe. Die alliierten Regie­rungen können sich, was sie angeht, nur auf ihre früheren Erklärungen beziehen und nur wieder­holen, daß nach ihrer Auffasiung der Eintritt Deutschlands in den Völkerbund nach Mcißgabe des allgemeinen Rechts die Grundlage für jede Ver­ständigung über die Sicherheit bleibt.

Nach den deutschen Vorschlägen würden die im ersten deutschen Memorandum vom 9. Februar 1925 ins Auge gefaßten Bestimmungen, die den Abschluß von Schiedsverträgen zur Sicher­stellung einer friedlichen Lösung der politischen so­wie der rechtlichen Konflikte ins Auge faßten, in be­denklicher Weife eingeschränkt werden. Nach An­sicht der Alliierten wäre ein auf diese Weise ein­geschränkter Schiedsvertrag, der sich nicht auf alle Streitigkeiten zwischen den einander benachbarten Ländern erstreckt, als Friedensgarantie ohne hin­reichenden Wert, da er für Kriegsgefahren Raum lassen würde. Was wir vor allem wollen, ist das, daß unter den in der Note vom 16. Juni ange­gebenen Voraussetzungen jede neue Anwendung von Gewalt durch eine für alle Fälle obligatorische friedliche Regelung unmöglich gemacht wird. Der Grundsatz eines derartigen Schiedsgerichtsobliga­toriums ist nach unserer Ansicht die unerläßliche Be­dingung für einen Pakt, wie ibn die deutsche Re­gierung in ihrer Note vom 9. Februar vorgeschla­gen hat. Zusammenfassend kann die französische Regierung gegenüber den drei wesentlichen Punk­ten der deutschen Note vom 20. Juli 1925, in Uebereinstimmung mit ihren Alliierten, und ohne sich der rechtmäßigen Anwendung irgend einer Be­stimmung der Völkerbundssatzung entziehen zu wol­len, nur ihre vorstehenden Bemerkungen über die Notwendigkeit einer gewissen Achtung vor den Ver­trägen bestätigen. Sie ist nicht berechtigt zur Er­örterung der Fragen, die sich auf die Zulassung Deutschlands ^um Völkerbund beziehen, und über die sich der Völkerbundsrat ausgesprochen hat. End­lich gibt sie sich der Hoffnung hin, daß die in Aus­sicht genommenen Garantien in F o r m e l n ge­bracht werden können, die gerecht und vernünftig sind und zugleich mißbräuchliche und ungerecht­fertigte Auslegungen und Anwendungen ausschlie­ßen.

Das Echo.

Die Artikel der Berliner Rechtsblätter über den Wortlaut der Note tragen starken pessimisti­schen Charakter.

Die „K r e u z z e i t u n g" betont, daß die französische Note so ziemlich alle Einwendungen, Wünsche und Be­denken, die in tzer deutschen Note vom 20. Juli zum

Ausdruck gebracht sind, unberücksichtigt lasse oder sie umgehe. Wenn es zum Schluß der französischen Note ,fo schreibt das Blatt, heißt, daß man „auf die­sen Grundlagen" in eine Verhandlung eintreten könne, so bildet für die deutsche Regierung die Verhand­lungsbasis die Note vom 20. Juli, an der mir unbe­dingt festhalten. Cs gibt gewisse Grenzen, über die man auf keinen Fall hinausgehen kann.

Auch die „Deutsche T a g e s z t g." unterstreicht, daß den deutschen Vorbehalten, wie sie in der Note vom 20. Juli mit Zustimmung der großen Mehrheit des Reichstages niedergelegt worden sind, in keinem ein­zigen Punkte durch die Briandfche Note wirklich Rech­nung getragen wird. Es ist deshalb auch völlig un­richtig, wenn die französische Note schon zu Beginn eine Uebereinstimmung der Anschauungen zwischen den beiden Regierungen festzustellen sucht. Tatsächlich steht heute noch Note gegen Note.

Die „T ä g l. Rundschau" (Stresemann-Organ) be­merkt hinsichtlich der in Aussicht genommenen I u - rrstenkonferenz, daß es sich hier nur um eine in­formatorische Aussprache handeln soll. Damit seien auch die Bedenken hinfällig, daß auf diesem Wege Deutsch­land womöglich wieder in diktatorischer Form zu einem Vertrag gezwungen werden könne. Die Entscheidung darüber, in welchem Rahmen sie später abgehalten wer­den sollen, ob in dem engeren einer Außenminister-En- treoue ober in dem einer größeren Konferenz, steht noch bei der Reichsregierung. Cs fei damit zu rechnen, daß eine derartige größere Konferenz etwa in der zweiten Hälfte des September abgehalten werde. Das Blatt teilt bann noch mit, daß weder im Auswärtigen Ausschuß des Reichstags, noch in dem des Reichsrats Anträge auf Einberufung vorliegen, daß also diese Aus­schüsse sick> letzt nicht mit der Note befassen werden.

Das „Berl. Tageblatt" (Demokrat) schreibt: Die englische Regierung hat vor einigen Tagen in einem ganz ungewöhnlichen Appell die deutsche öffentliche Meinung aufgefordert, die französische Antwortnote mit Wohl­wollen zu prüfen. Auf deutscher Seite wird es an gu­tem Willen nicht fehlen, aber guter Wille auf unserer Seite genügt nicht, um alle die Hindernisse aus dem Wege zu räumen, die diese Note noch nicht beseitigt hat.

Die „V off. Ztg." begrüßt in einer kurzen redak­tionellen Bemerkung, daß Briand mit dieser Note der schriftlichen Diskussion einen Abschluß gibt, und daß end­lich mündliche Verhandlungen an die Stelle der Schriftsätze treten sollen.

Auch der „Vorwärts" begnügt sich mit einem kurzen Kommentar, in welchem er sich für den Eintritt Deutschlands in den Völkerbund einsetzt und erklärt, für die Sozialdemokratie sei die Verständigung zwischen Frankreich und Deutschland, die Herstellung eines ge­sicherten Friedens der entscheidende Punkt der europäi­schen Politik.

•

Wie wir erfahren, hat der französische Botschafter die Uebergabe der Antwortnote in der Sicherheitsfrage durch die beiden folgenden Erklärungen ergänzt, die durch gleichlautende Er­klärungen des englischen Botschafters und des belgischen Gesandten bestätigt worden sind:

1. Frankreich und seine Alliierten würden es für zweckmäßig halten, wenn die juristischen Sachverständigen der Außenmini st e> rienvonDeutschland, Belgien, Frank- re i ch und Großbitannien sobald als mög­lich zusammentreten, um dem Vertreter des Deut­schen Reiches die Möglichkeit zu geben, die Ansichten der alliierten Regierungen über die juristische und technische Seite der zur Erörterung stehenden Frage kennen zu lernen.

2. Nachdem diese Vorarbeit erledigt ist, können die Außenminister Deutschlands, Belgiens, Frankreichs und Großbritanniens eine Zusam­menkunft verabreden, von der die alliierten Mächte eine Beschleunigung der endgültigen Lösung der vorliegenden Frage erhoffen.

♦

Die deutsche Rückantwort auf die französische Sicherheitsnote sollte noch am Mittwoch abend nach Paris übermittelt werden. Der Wortlaut wird nach der Uebergabe veröffentlicht.

Der deutsche Vertreter für die juristische Sachverständigenkonferenz.

Für die bevorstehende Konferenz der juristischen Sachverständigen ist von deutscher Seite Ministe­rialdirektor Dr. G a u ß in Aussicht genommen. Die Konferenz wird voraussichtlich am kommenden Montag in London zusammentreten.

Briand über die französische Antwortnote.

Wtb Paris, 27. Aug. (Tel.) Der Minister für auswärtige Angelegenheiten, Briand, hat ge­stern abend die Presse-Vertreter empfan­gen und sich über die Note geäußert. Zuerst hat er mitgekeilk, daß die Verzögerung in der Ueberrei- chung der Note durch einige leichte formelleAb- änderu n g en verursacht worden sei. die die Alli­ierten Frankreichs, insbesondere Belgien, erbeten hätten. Briand hob dann hervor, düß Frankreich in seiner Antwort bezüglich der drei Punkte, die es für wesentlich halte, nichts nachgebe, nämlich: 1. Garantie-Pakt, 2. Eintritt Deutsch­lands in den Völkerbund ohne Ausnahme und ohne Vorrecht und 3. Unversehrtheit der Friedens-Verträge.

* Indienreife des belgischen KöniqsPaareS. Hadas meldet aus Brüssel, daß das belgische Königs­paar an Bord eines engli'chen Dampfers feine Reise nach Indien antreten werde.

Beginn bes Preisabbaus?

Von einem unserer Mitarbeiter wird uns ge­schrieben:

Die Reichsrgierung Dr. Luther hat in den letz­ten Tagen, wie gemeldet wurde, sich wiederholt mit der Frage des Preisabbaus beschäftigt. Die Be­ratungen über die Preisbildungsfrage sind abge- schloffen.

Wenn man die erste Maßnahme der Regie­rung zur Preissenkung betrachtet, so kann man allerdings für die ganze Aktion, vorläufig wenig­stens, noch fehrwenigHoffnung aufbringen. Zunächst scheint die Regierung sich mit dem Gedan­ken zu befassen, was auch bei den letzten Beratungen mit den Jndustrieverbänden und den Arbeitgeber­verbänden zum Ausdruck gekommen ist, die Miß­stände im Kartellwesen zu bekämpfen. Handhabe dazu wird der Regierung durch die Kar­tellverordnung geboten, die sie instand fetzt, wirt- schaftsgefährdende Abmachungen über Preise und Bedingungen für nichtig zu erklären, ja tm ge­gebenen Falle Kartelle aufzuheben und neue Kar­tellbildungen innerhalb des betroffenen Wirtschafts­kreises zu verhindern. Das R e i ch s w i r t - fchaftsministerium, dem die Aufgabe des Kampfes gegen das Kartellunwefen obliegt, ist der Ansicht, daß die Zahl der Kartelle, die zum Schaden des Preisniveaus zu überspannte Bedingungen ha­ben, nicht gering ist — so sollen gegenwärtig schon 40 Verbände festgestellt sein, die die Reichs­regierung genau unter die Lupe nehmen wird. Eine Handhabe zum Vorgehen der Regierung bieten auch die §§ 4, besonders 5 und dann der § 10 der Kar­tellverordnung. Wie groß das Unwesen bei ein­zelnen Kartellen ist, ergibt sich daraus, daß heute noch große Wirtfchaftskreise sich ihre Waren nur mit ausländischer Währung bezahlen lassen. Das ist zunächst einmal ein völliges Un­ding, denn an eine Inflation ist in Deutschland nicht mehr zu denken, auf der anderen Seite aber schadet diese Bezahlung durch ausländische Valuten immer­hin dem Ansehen der deutschen Mark.

Nun ist allerdings der Kampf gegen das Kar- tellwefen — und das verhehlt sich die Regierung auch in keiner Weife — unendlich schwer, denn hier hat man es mit einer geschloffenen Front zu tun, in deren Wirken die Wirtschaftskreise nur ungern hereinleuchten lassen. Deshalb ist es auch erklärlich, wenn auch nicht verständlich, daß die Regierung zu­nächst einmal versucht, durch Fühlungnahme und Verhandlungen mit den Großorganisa­tionen der Industrie, des Handels und des Gewer­bes und dann vor allem auch mit Vertretern der Banken auf g ü t l i ch e m Wege zu einem Ergebnis zu kommen. Die Regierung hat gemeint, sich dem schönen Glauben hingeben zu können, daß d'e auto­nomen Zölle vor ihrer Inkraftsetzung noch garnicht in die Erscheinung treten, und daß sie von der Wirtschaft jetzt ihrer Kalkulation noch nicht zu- grundegelegt werden. In diesem Glauben sieht sie sich allerdings sehr stark getäuscht. Die Wirtschaft ist der Meinung, baß sich die Handelsvertragsver­handlungen noch lange hinschleppen und infolge- dessen glaubt sie sich genötigt, bei ihrer Preisgestal­tung schonheuteRücksichtauf diehöhe- ren Zölle zu nehmen. Die Regierung dagegen, besonders das Reichswirtschaftsministerium, das diese Frage bearbeitet, glaubt aber, daß die Jndu- striezölle im Wege der Handelsvertragsverhandlun­gen eine erhebliche Herabminderung erfah­ren werden, und daß gegen diese Ermäßigung für den deutschen Exporthandel dann Erleichterungen eingehandelt werden können. Aus diesem Grunde verurteilt sie, daß die Industrie schon heute, wie gesagt, die höhere Zölle in ihre Preisberechnungen hinein'alkuliert.

Einen zweiten Umstand glaubt die Regierung gegenüber der Industrie und dem Handel geltend machen zu können: Das ist die vom Reichstag beschlossene Herabsetzung der Umsatz­steuer von 1% auf 1 Prozent zum 1. Ok­tober. lieber diese Umsatzsteuer und ihre Wirkun­gen nach außen hin ist ja wiederholt schon in der Oeffentlichkeit gesprochen worden und auch von uns wurde schon auf die zum Teil enormen Preiserhö­hungen infolge dieser mehrfach erhobenen Umsatz­steuer hingewiefen. Nun sind wir allerdings auch in diesem Punkte erheblich skeptischer als die Re­gierung. Denn wir sind noch aus den Zeiten der Inflation leider mißtrauisch, daß sich die ganze Wirtschaft an eine Ermäßigung der Preise ohne weiteres gewöhnen will. Deshalb darf man un­sererseits auch im Augenblick wenigstens nicht allzu große Hoffnungen an diese Maßnahme knüpfen. Die Oeffentlichkeit kann ja immerhin einen gewissen Druck mit ausüben, und die psycho­logische Wirkung, die sich die Regierung von ihrer Aktion verspricht, kräftig mit unterstützen.

Durchgreifende Maßnahmen haben wir aller­dings auf dem Lebensmittelmarkte ver­mißt. Hier fehlt die Möglichkeit zur Einflußnahme auf die Verbände, da Landwirtschaft und Lebens- mittelhandel nicht in derselben straffen Weise durch- orgänifiert sind, wie anderen Wirtfchaftskreise. Und gerade die Lebensmittelteuerung ist ja das, was die großen Massen am ersten und fühlbarsten betrifft. Man sagt nicht zuviel, wenn man betont, daß die heutigen Löhne kaum oder wenigstens gerade nur zur Bereitstellung der ollernotwendigsten Lebens­bedürfnisse ausreichen. Gelingt es der Regierung nicht, hier energisch vorzugehen, so haben wir bald die schwierigsten Lohnkämpfe und in ihrem Gefolge große soziale Bewegungen. Dar­über gibt sich wohl auch die Regierung im Stillen keinem Zweifel hin. Wir brauchen bei dieser Ge­legenheit nur hinzuweisen auf die schweren Kämpfe, die in Sachsen vom Textilgewerbe zwischen Ar­beitgebern und Arbeitnehmern durchgefochten sind