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FuldaerZertung

Anzeiger für die Sfaöf und den kreis Fulda. Amtliches kreisblall.

Nr. 191.

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Fuldaer 9di<»trv(fmi in Fulda. Fernlvrecher Nr- S.

Mmiatlickier v«us?vreir: 1.50 Mk.

Sreitag, 2L August 1925.

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52. Zahrg.

Iie Fordemge« der neuen scasröfisches Note.

Dr. Strefemann vom Urlaub zurück. Vie Zustimmung -er Mächte, vriand fordert: Unantastbarkeit der Zriedensverträge und Eintritt Deutschlands in den Völkerbund.

Die Reichsregierung ist unterrichtet worden, daß die Ueberreichurrg der französischen Note in Beant­wortung des deutschen <Ächerheitsvorschlages in den nächsten Tagen stattftnden wird. Die Note selbst ist eingetroffen, nachdem inzwischen Belgien und Italien ihre Zustimmung gegeben haben. Die Ber­liner französische Botschaft hat die Note am M tt- woch abend durch einen Sonderkurier erhalten. Sie Note selbst wird die Berhandlungsmög- lichkeiien auch weiterhin offen lassen, sie wird aber zwei Hauptbedingungen als Dor- aussetzung für diese Verhandlungen aufsteiken, ein­mal den Grundsatz derllnautastbarkeitder geschlossenen Verträge und zum zweiten hie Forderung des Ei n t r i t t s D e u t s ch l a n ds itt den Völkerbund. Hier liegen auch die jKlippcn für die Behandlung dieser Dinge von deut- siher Seit her.

Jedenfalls hält die Reichsregierung die sehige Situation für derart wichtig, daß bestimmte Reise­pläne , insbesondere auch des Reichskanzlers Luther selbst, jetzt aufgegeben werden. Das Reichskabinett hofft nochtun Samstag zu einer Sitzung zur Beratung der französischen Antwort zusammentreten zu können. Es soll dann alsbald die Fühlungnahme mit den Parteien und zwar auf dem Wege über die Mitglieder des Auswärtigen Ausschusses oder die Parteiführer aus­genommen werden.

Im Augenblick läßt sich noch nicht sagen, ob der von deutscher Seite gehegte Wunschnacheiner Konferenz zum Zwecke einer unmittelbaren Aussprache zwischen den Hauptbeteiligten er­füllt werden kann. Jedenfalls geht die Auffassung der deutschen Reichsregierung dahin, daß der Noten nun genug gewechselt sind und man endlich einmal

zu einer praktischen Diskussion kommen muß. Grundsätzlich aber kann gesagt werden, daß die Reichsregierung an der bisher an ihr eingenom­menen Linie in diesen außenpolitischen Fragen, ins- besondere in der Frage des Sicherheits- Paktes, fest halten wird.

Der Berliner Lokalanz. meldet, daß Außen­minister Dr. Strefemann am Mittwoch von einem kurzen Erholungsurlaub nach Berlin zurückgekehrt ist. Die Rückkehr steht, wie das Blatt bemerkt, in Zusammenhang mit der bevorstehenden Ueberreichung der französischen Ant­wortnote, die voraussichtlich am Freitag er­folgen werde. Für Samstag sei dann mit der Der- öffentlichung der Note zu rechnen.

Aus Rom wird gemeldet: In dem Umstand, daß die italienische Regierung von England, Frank­reich und Deutschland über die diplomatischen Un­terredungen auf dem Laufenden gehalten wird, sieht die Agenzia di Roma ein deutliches Zeichen dafür, daß die interessierten Regierungen auf die Mitarbeit Italiens sehr viel Wert legen. Durch den Abschluß des Sicherheitsabkommens könne, so heißt es in der Erklärung weiter, der Frieden mindestens auf einige Zeit gesichert werden.

Die Tribuna schreibt, daß int Falle einer Ver­ständigung zwischen Frankreich, England und DeutMand und einer Klarstellung der Beziehun­gen zwischen Deutschland, Frankreich, Polen und der Tschechoslowakei Italien sicher keine Be­denken hätte, sich dem Abkommen anzuschließen, wodurch die Garantie eines wirklichen Friedens bedeutend erhöht würde.

Deutsches Reich.

* Die zenkrumsgegnerische Presse benutz: die Ruhepause, die in der Politik jetzt eingetreten ist, um Nachrichten zu verbreiten, die zwar den Tat­sachen ni ch t entsprechen, aber in der Richtung ihrer Wünsche liegen. So wurde jetzt in diesen Blät­tern gemeldet, Reichskanzler a. D. Marx sei von der rheinischen Zentrumspartei aufgefordert worden, den V o rs i tz in der Partei nieder gu­te g e n, und zwar zum Zeichen des Pro­testes gegen die von der Zentrums-Fraktion im Reichstag in den letzten Wochen gemachte Politik. Bei der Mitteilung handelt es sich um eine Er­findung. Wilhelm Marx, unser verehrter Füh­rer und politischer Vertrauensmann, steht durch­aus auf dem Boden der Politik der Fraktion. Das wird eine Rede beweisen, die er auf dem Badischen Parteitag in Offenburg am 6. September zu halten gedenkt. Marx stimmt mit allen einsichtigen Zen­trumsanhängern darin überein, daß das Kabi­nett Luther mit den deutschnationalen Füh­rern in feiner Mitte unter allen Umstän- den auch weiterhin unter Regierungs- ****antwortung gehalten werden muß. Jetzt, wo die entscheidungsvollen Entschließungen in der Außenpolitik gefaßt werden müssen, wäre es den Deutschnationalen sicherlich angenehm, den Kopf aus der Schlinge ziehen zu können. Die Hoff­nung ist eitel. Da? Zentrum wird ihnen den Not­ausgang nicht öffnen. Dem Volk muß weiterhin Anschauungsunterricht erteilt werden, wie leicht es für die Deutschnationalen war, in der O p p o s i - tion große Anspruch« zu machen und wie schwer es auch ihnen fällt, als verantwortliche Regierungs- Partei leichtgläubigen Wählermassen klar zu ma- chen, was in Fragen wie Aufwertung, Steuerpoli- tck, Handelspolitik und vor allen Dingen Außen- Politik, eine unvermeidbare Notwendig- lei tist.

Die Löhne bei der Reichsbahn.

In Berlin fanden Verhandlungen mit den am Tarifvertrag beteiligten Gewerkschaften über die Kündigung der Lohnbestimmungen desTarifvertrages statt. Die Gewerkschaf- ren hatten, wie bekannt, außer einer allgemeinen Lohnerhöhung von 12 Pf. je Stunde die höhere geldliche Bewertung des von Arbeitern ausgeführ- ten Beamtendienstes, die Bezahlung der im Be- triebe und Verkehr beschäftigten Arbeiter auch an arbeitsfreien Tagen sowie die Hebung der Löhne in einzelnen Bezirken des Lohngebietes 1 auf die Höhe der Löhne im Lohngebiet 2 gefordert.

Die Reichsbahngesellschaft glaubte nach den angestellten Erhebungen n i cht in der Lage zu fein, einer allgemeinen Lohnerhöhung zu­zustimmen: sie hat sich aber bereit erklärt, einen ausreichenden Ausgleich dort zu schaffen, wo die Löhne der Reichsbahnarbeiter hinter denen der ver­gleichbaren Industriearbeiter zurückbleiben. Auch in einzelnen Punkten der übrigen Forderungen will die Reichsbahngesellschaft Entgegenkom­men zeigen. Die Aussprache führte zu keinem positiven Ergebnis. Beide Parteien werden zu nochmaliger Weiterberatung am Freitag nachmittag zu gemeinsamen Verhandlungen zusammentreien. wirtschaftliche ttampfbewegungen.

= 200000 Textilarbeitern (jefiSnbiet. Nach einer I Meldung des ,Berl. Lokalanz/ aus Chemnitz ist die angedrohte Kündigung von 200000 Textilarbeitern des sächsischen und thüringischen Jndustriebezirks zum l September erfolgt

Kurland.

* Senakorenwahl In Danzig. Im Danziger Volkstag wurde die Neuwahl des stellvertretenden Präsidenten des Senats und 13 nebenamtlicher Senatoren vorgenommen. Von der sozialdemo­kratischen Partei waren 6, vomZentrum4 und von der deuffch-liberalen Partei ebenfalls vier Kan­didaten aufgestellt worden. Sämtliche Kandidaten, von denen 3 Nichtmitglieder des Volkstages sind, wurden gewählt. Der Vizepräsident des Volks- tages, Gehl, wurde zum stellvertretenden Senats­präsidenten gewählt.

* Die Tschechffieruvg Marien bad«. Nach einer Meldung derVoss. Ztg." aus Prag nimmt die Tschechisierung des deutschen Marienbad ihren Fortgang. Das staatliche Bodenamt hat drei Meierhöfe, die dem Deutschen Templerstift ge­hören, auf Grund des Bodengesetzes enteignet und der Kurparkgesellschaft, deren Vorstand größtenteils aus Tschechen besteht und zwei anderen tschechischen Bewerbern zugewiesen. Die Stadtgemeinde Ma- rienbad, die nach dem Gesetz in erster Linie an­spruchsberechtigt gewesen wäre, wurde zurückgewie- sen. Pro Hektar erhält das Stift 2000 Kronen, während der wirkliche Wert 130 000 Kronen be­trägt. In kürzester Frist ist mit der g ä n zl i ch e n Enteignung der Marienbader Besitzungen des Stiftes zu rechnen.

* Der Zionistenkongretz in Wien. Auf der Tagesordnung der Mittwoch-Sitzung des Unionisten­kongreffes stand die Wabl des Präsidiums. Zum Präsidenten wurde Nahum Sokolow, zu Vizepräsidenten die Rabiner Motzlein und LipSki ge­wählt. Hierauf hielt Sokolow allen internationalen Förderern bei Zionismus und seiner geistigen Führer, die ht den letzten drei Jahren verstorben sind, einen Nachruf und erstattete sodann ein post- tffcheS Referat. Dr. Reizmamr berichtete über die politische Lage in Palästina.

* Ungarisch-rusfischer «esangenenauStausch. Ein Trupp von 23 Kommunisten ist von Budapest über Szoo nach Rußland abtransportiert worden, während die ungarischen Austauschgefangenen, die seit Kriegs, ende in Rußland zurültzehalt« wurden, in Budapest eintveffen werden.

* Der frühere König von Griechenland in Paris. Der frühere König von Griechenland George und deffen Gemahlin sind, von London kommend, in Paris eingetroffen.

* Lin Aufruf der Demokratischen Partei. Die Deutsche Demokratische Partei und die demokratische Reichstagsfraktion erlassen einen A u f r u f, in dem lie ihre Opposition gegen die Steuer- und Zoll- reOrZQ9e2. der Reichsregierung rechtfertigen. Erstes Gebot, so heißt es in dem Aufruf, ist jetzt die ©tartung der deutschen Wettbewerbsfähigkeit und hs <runjM)er deutschen Ausfuhr. Die jetzt oer» abfdnebeten Steuergesetze belasten aber die deutsche Wirtschaft mit einer Jahresleistung von 10 bis 11 AsEchrden erhöhen damit die Produktions- die Kosten der Lebenshaltung und schwä-

Deutschland im Kampf um die Weltmärkte, der für das deutsche Volk ein Existenzkampf schlecht­hin ist- Es wird dann noch weiter erklärt, daß fast alle verabschiedeten Gesetze unter Bruch von ® Ü ? r / e " Mstandegekommen seien. Der Aufruf schließt:Der Schluß der Kämpfe im Reichstag, die um die Daseinsgrundlagen des ganzen Volkes geführt wurden, bedeutet nur einen kurzen Waffenstillstand. Die Deutsche Demokra­tische Partei wird den Kampf in gleicher Weise und immer wachsam gegenüber den Anschlägen aller Gegner der Volkswohlfohrt fortführen,"^

Großbritannien und China.

Reuter meldet, daß die Reise des Vizeadmirals SinclairS nach Kanton zweifellos mit den von der Regierung in Kanton verfügten Maßnahmen gegen die britische Sch isfahrt in Zusammen­hang stehe und daß, obgleich der Admiral keine besonderen Instruktionen erhalten habe, bei den chinesischen Behörden Vorstellungen zu erheben, er in seiner Eigenschaft als Ob er kommandierend er der britischen Marinestation in China alle notwendigen Schritte zum Schutze der britischen Schiff ah rt unternehmen werde, ohne sich vorher mit seiner Regierung in Verbindung zu setzen.

Japan und die Zollkonferenz.

wtb Paris, 20. Aug. (Tel.) Havas berichtet aus Zofio: Beim japanischen Außenministerium Ist gestern nachmittag diechinesischeEinladung zur Zollkonferenz eingegangen. 3m japani­schen Außenministerium wird erklärt. 3apan fei geneigt, später die Zoll-Autonomie ins Auge zu faste«, wenn China das verlangt.

* Zn den Attentaten auf die Präsidenten der Sobranje. Die Polizei in Paris hat im Zusam­menhang mit dem Attentat auf den Präsidenten und den Vizepräsidenten der bulgarischen Sobranje 5 Verhaftungen vorgenommen. Unter den Eh^tettn befindet sich ein gewisser K o st i f, der der Anstifter und Organisator des Attentats ge- wesen zu sein scheint.

Der Kampf in Kleinasien.

wtb London, 20. Aug. (Tel.) Nach einer Tlmes-Meldung aus Jerusalem erhielt General Soule bei einer Inspektion militärischer Posten etwa 15 Meilen südlich von Damaskus einen Schuß in den Schenket. Eine Strasexpedikion wurde sofort nach dem benachbarten Dorf Mirjane enffandk und 20 Einwohner des Dorfes getötet.

Die Drusen.

wtb London, 20. Aug. (Tel.) DieTimes" erfährt aus Jerusalem, daß die Drusen folgende weitere Bedingungen stellen: Zurückziehung aller französischen Truppen aus Hau- r a n und Beschränkung der französischen Kontrolle auf 5 französische Beamte, Wiederaufbau aller durch französische Flugzeuge zerstörten Dörfer und un­beschränkter Waffenhandel in fjauran. DerTi­mes" zufolge verlautet, daß die Franzosen in Porbcreitung weiterer Operationen neue Truppen zusammenzieheu.

* Der russisch-südafrikanische handel. Aus Kap­stadt wird gemeldet: Pressemeldungen zufolge teilte die russische Regierung dem Kommissar für den Handel der Südafrikanischen Union in London mit, Rußland könne jährlich 10 Millionen Pfund Sterling feine Merinowolle gebrauchen. Die Sow­jetregierung sei bereit, sofort eine Bestellung im Werte von vier Millionen Pfund zu geben, falls ein sechsmonatiger Kredit gewährt werden könne.

kive GmWsskkge für die deutsche« KaUiKev.

Zur Stuttgarter Generalversammlung.

Bon Pfarrer Dr. Eismann, M. d. L.

Ich wende mich an di« ernsten, entschiedenen Ka- tholiken, nicht an die Taufscheinkatholiken und Sonntagschristen. An die überzeugten und über­zeugungsgemäß handelnden, an die warmherzigen, die aus dem Glauben leben, an die Glaubensfreu­digen und sozialer Verantwortung Bewußten, die das Licht ihres katholischen Glaubens nicht unter den Scheffel stellen wollen, sondern auf den Leuch­ter, damit es allen leuchte. Ich wende mich aber auch an die Aengstlichen, Verschüchterten, die glau­ben, froh sein zu müssen, wenn man sie in Deutsch­land duldet.

Die deutschen Katholikentage sind Bekenntnis­tage katholischen Lebens. Das beweist die Begei­sterung der Teilnehmer; das empfinden katho- lische Ausländer, welche die Katholikentage besu­chen. Man denke nicht geringschätzend von der Begeisterung; sie ist zwar nicht das katholische Le­ben in seiner ganzen Umfassung, aber Leben, nicht geistiger Tod.

Seit dem ersten Katholikentage in Mainz i. I. 1848, wo die katholischen Abgeordneten aus der Nationalversammlung vom nahen Frankfurt er­schienen, um über ihre Arbeiten und Erfolge für katholische Belange zu berichten, bis zum Kriegs­ausbruch waren die Katholikentage auch Rechen­schaftsablage über die politischen Erfolge und Miß- erfolge der deutschen Katholiken, erstattet durch die kaum bestrittene politische Vertretung derselben, das Zentrum. Obwohl diese politische Berichterstat­tung nicht den einzigen Punkt der Tagesordnung bildete, sondern Fragen des gesamten katholischen Lebens, des privaten wie öffentlichen verhandelt wurden, wurden die Katholikentage von unseren Gegnern für Parteitage des Zentrums ausgegeben. ®s mag zugegeben werden: Wenn man in politi­schen Meinungsverschiedenheiten der deutschen Ka­tholiken nicht schon vorher eine Einigung herbei- geführt hatte, wird man das vielleicht manchmal bei solchen Tagungen erreicht haben. Jedenfalls stand das ganze katholische Volk mit verschwin­denden Ausnahmen hinter seinen Vertretern in der Zentrmnspartei, und zwar in einer solchen Weise, daß selbst Gegner des Zentrums zugeben mußten, daß der konsequente Katholik feine Stimme biefer Partei geben müsse.

Seit der Friedensresolution 1917, der Annahme des Versailler Diktates und der Verabschiedung der Weimarer Verfaffung durch das Zentrum und die Linksparteien ist jene politische Einigkeit der deut­schen Katholiken verloren, nach mancher Meinung unwiederbringlich verloren. Die Risse, die man früher mit scharfem Auge am Zentrum suchte, sind klaffende Spalten am politischen deutschen Katho­lizismus geworden. Nicht bloß Feinde, sondern auch seitherige Freunde reden und schreiben von der problematischen Existenz des Zentrums. Ueberlaffen wir die Erörterung dieser politischen Frage fcerufeneren Leuten vom Fach. Der Katholik aber, den ich eingangs beschrieben habe, wird sich angesichts solcher Tatsachen die Frage vorlegen: Wie sollen in Zukunft die kacholischen Belange erfolgreich vertreten werden? Hält man eine solche Vertretung überhaupt noch für notwen­dig? Mit jenen Katholiken kann man sich hierüber jede Erörterung sparen, die dem Katholizismus jede Berechtigung zur politischen Einflußnahme ab- sprechen. Sie sind entweder weltfremd ober reli­giös kalt. Aber jene Katholiken dürften in einem schweren Irrtum sich befinden, die da meinen, nach­dem in der Reichsverfassung für die religiöse Frei­heit besser als früher gesorgt sei, werde eine Partei, die fortwährend über diese Errungenschaft wache, überflüssig sein. Die deutschen Katholiken müssen als M i n a r i t ä t. stets darüber wachen, daß ihre politische Gleichberechtigung nicht aufdem Pa­pier stehen bleibt, sondern Tat und Wahrheit wird. Beschwerden über bewußte und unbewußte

Zurücksetzung werden die deutschen Katholiken im­mer haben.

Der seiner Kulturkraft bewußte Katholizismus wird auch niemals darauf verzichten, von seinem Kulturreichtum dem deutschen Volksleben mitzutei- len, mögen diese Gaben mit Dank angenommen werden ober nicht. Das in ihm wohnende Leben treibt naturkräftig zur Uebermittlung lebender, gei­stiger Kräfte. Er tritt in jeden geistigen Wettbe­werb ein. Er will dabei sein. Solch tatenfroher Kulturdrang beherrscht erfreulicherweise unsere ka­tholische Jugend.

In welcher politischen Form soll dieser Geist und ftulturmille sich in Zukunft betätigen? Die praktische Politik wird auch in Zukunft sich in Par teien auswirken. Sollte es den Katholiken nicht ver­gönnt sein, wieder in einer Partei sich zusammen- zufinden, so müssen Mittel und Wege gesunden werden, über die Parteischranken hinweg sich die Hand zu reichen, um katholischen Nöten abzuhelfen katholische Gedanken in der Oeffentlichkeit zu ver­breiten, zu vertreten, zur Prüfung und Anerken­nung zu bringen. Solche Wege müssen gefunden werden! Versagt die Bereitwilligkeit auf der einen ober anberen Seite, so würde dieser mit Recht der V o r w u r f gemacht, daß ihr die Partei über die Weltanschauung gehe. Solche Wege aufzusuchen, wäre zunächst Pflicht derjenigen ge­wesen, welche die politische Einheitsfront der deut­schen Katholiken zerbrochen haben, sowie derjenigen, welche mit politischem Überblick das Zweipar­teiensystem am politischen Horizont aufsteigen sehen oder mit Diktatorenwillen herbeiführen wol­len. Nun es aber soweit gekommen ist, tritt die Frage der künftigen politischen Vertretung der ka­tholischen Intereffen an alle Katholiken heran, denen es mit letzteren Ernst ist. Persönliche Ver­ärgerung, Standesintereffen und politische Anschau­ungen müssen hier zurücktreten, ein weiterer Ge­sichtskreis umspannt uns Katholiken. Ein Melchior d. Diepenbrotf, der kluge Fürstbischof von Bres­lau, öffnete den entschieden katholisch gesinnten Ab­geordneten des Frankfurter Parlaments den Blick nach diesem weiteren Gesichtskreis, als er sie, ohne ihre Zugehörigkeit zu ihrer Partei zu lösen, zum Zweck der Beratung der Kirchen- und Schulfragen zu einem Klub vereinigte. General v. Radowitz und August Reichensperger waren die ka­tholischen Laien, die die Zweckmäßigkeit dieser Ver­einigung erkannten und die Begründer des katho­lisch-politischen Lebens der deutschen Katholiken ge­worden sind. Es waren stürmische Zeiten, un­ruhiger als die jetzigen, die politischen Ideale auch unter den Katholiken nicht gleichartig gestaltet, und doch gelang eine überparteiliche Zusammen­arbeit, deren Frucht wir erst in den freiheitlichen Bestimmungen der Weimarer Verfassung über Kirche und Religionsgesellschaften uns erfreuen konnten. Was damals möglich war, sollte doch wohl heute, wo das katholische Leben sich nach mehr als 75 Jahren glänzend entwickelt hat und reiche Er­fahrung gesammelt werden konnte, nicht als un­möglich beiseite geschoben werden. Wo findet sich die Seele einer solchen katholischen Bewegung, ein Melchior v. Diepenbrock, wo Mitarbeiter aus dem katholischen Volke, Männer von Geburts- und Ge- finnungsäbel, o. Nabowitz und Reichensperger, mit dem weiten katholischen Gesichtskreis? /Sie sind vorhanden, das wissen wir; aber sie müssen wieder lernen, katholisch zu fühlen und katholisch zu han­deln.

Möge die diesjährige Generalversammlung der Katholiken Deutschlands nicht vorübergehen, ohne daß auch die ernste Frage der künftigen Vertretung katholischer Lebensinteressen auf politischem Gebiet eine ihrer Bedeutung entsprechende Würdigung ge­funden hat! .