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Anzeiger für die Skadk und den Kreis Fulda. Amtliches Kreisblakk.
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Donnerstag, 13. fluguft 1925,
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Zentrum uni> Reichrkabiuett.
Ein besonderer Mitarbeiter in Berlin legt im folgenden Gesichtspunkte über die Zentrumspolitik dar, die wohl auch in den weitesten Kreisen der Zentrumspartei im Fuldaer Lande geteilt werden: ist zu begrüßen, daß die Zentrumsfraktion des Reichstages die Erörterungen über die hauptamtliche Besetzung des Rhein-Ministeriums dazu benutzt hat, ihre Stellung zum Kabinett Luther nochmals zu Präzisieren. In weiten Kreisen der Wählerschaft konnte man sich in den letzten Monaten immer weniger des Eindruckes erwehren, als würden die Grenzen, die der Vorsitzende der Zentrumsfraktion des Reichstages Abg. Fehrenbach beim Amtsantritt des Kabinettes Luther zwischen Fraktion und Kabinett klar und deutlich gezogen hat, allmählich verwischt. Besonders stark war dieser Eindruck in bett letzten Tagen, als das Gerücht, Herr von Guerard solle als Rheinminister in das Kabinett Luther eintreten, nicht verstummen wollte, ohne zunächst von der Fraktion dementiert zu werden.
Räumung der Zanktionsstädte.
Nach einer Meldung aus Düffeldorf ist dort von der Besatzungsbehörde mitgeteilt worden, daß die Räumung der Stadt durch die französischen Truppen am 21. August beginnen und am 28. August beendet sein werde. Aus Duisburg wird gemeldet daß nach Mitteilung de: belgischen Militärbehörde dke Stadl am 25. August besatzunqsfrei sein werde. '
Gerade die mangelhafte Pflege des deutschen Idealismus, feine Vernachlässigung in einem verflachten Wortpatriotismus, hat die beste Eigenschaft des deutschen, Menschen verkümmern lassen. So wird heute vielfach unter Idealismus jener gefühlvolle Schwulst verstanden, der sich bei nationalen Feiern von den Lippen redseliger Menschen löst. Mit hochtrabenden Worten be- rauschen sich die Menschen und taumeln über die wahren Inbegriffe der ideasistischen Weltanschauung hinweg. Für viele ist sie nur ein Wortschatz und der Appell an das Rührselige im Menschen wird gern mit einem nationalen Gepräge versehen Aus dieser Einstellung heraus ist es auch zu erklären, Satz m der nationalen Bewegung heute so über- mäßig viel die Erinnerung an frühere und glän- zende Zeiten im Vordergrund der geistigen Beschäftigung steht. Wenn man die tausende von Re- den, die bei nationalen Feiern gehalten werden, auf ihren Inhalt einmal prüfen würde, so würde man bei der breiten Masse oller dieser Redner fast stets dasselbe Bestreben feststellen können, und dieselbe Disposition der Rede erkennen. Sie lautet kurz: „Früher waren herrliche Zeiten, heute sind schlechte Zeiten, darum wollen wir uns des Alten erinnern und es Hochhalten." Mit Erinnerung aber kann man k e i n e G e f ch i ch t e machen, und flch sechzig Millionen Deutsche alle mit der । nJoru n P’ebe an alte glanzvolle Zeiten erinnern "JA* ,roäre damit das Geschick unseres Volkes ^I^effert. Dies kann nur durch tatkräftiges 1 Zugreifen und durch harte Arbeit geschehen.
Dr. Luther zu einer kurzen Ansprache. Der Reichskanzler sagte folgendes:
„Herr Reichspräsident, meine Damen und Herbau. Alle unsere Arbeit gilt und muß gelten dem deutschen Volk und Vaterland. In der jetzt zu Ende gehenden Reichstagstagung, die Gesetzgebungswerke von höchster Bedeutung verabschiedet hat, haben Reichstagsmebrbeit und Opposition ihr größtes Können und ihre festeste Ueberzeugung dem Wohle des deutschen Volkes aewidmet. Um des deutschen Volkes willen, das vielleicht in naher Zukunft notf) febr große Aufgaben, zumal der Außenpolitik, zu losen und vielerlei wirtschaftliche und soziale Nöte zu bestehen haben mag, muß auch in Zukunft jeder einzelne seine beste Kraft dem Vaterland Zur Verfügung stellen. Lebendig bleiben muß in uns der Geist des Zusammenhaltens und der E i n i a k e i t, für dessen Unerschütterlichkeit auch nach härtester Kriegsnot uns die Reichsverfassung vom «■?' an” 1919 starkeS WahrZeichen ist Wir begehen heute festlich den Tag dieser Verfassung, die die tragende Grundlage für das jetzt so schwierige und so besonders verantwortungsvolle Wirken aller öffentlichen Kräfte ist. Lassen Sie uns am heutigen Verfaffungstag geloben, voll guten Glaubens an die deutsche Zukunft, daß wir n i e nachlassen wollen im Dienste an unserem Volk und Vaterland. Als Reichskanzler habe ich die Ehre, Sie, Herr Reichsvräsident, und Sie, meine Herren und Damen zu bitten, mit mir einzustimmen in ein koch auf unser geliebtes deutsches Volk. Das in der Republik geeinte deutsche Volk, es lebe hoch!
. Die Versammelten stimmen dreimal in das Hoch etn und sangen dann stehend die erste und dritte Strophe des Deutschlandliedes. Damit war die Feier im Reichstagssaal beendet.
Der Berliner Stadtkommandant, Oberst S e - oerin, begleitete hierauf den Reichspräsidenten bis zum Fuße der großen Freitreppe. Unter den Klangen des Präsentiermarsches schreitet ! der Reichspräsident die Front der vor dem R-ichs- tag aufgestellten Ehrenkompagnie ab. Dann begibt sich Hindenburg zu dem auf ihn wartenden Kraftwagen, der ihn unter dem erneuten Jubel der Versammelten durch das Brandenburger Tor und die Linden zu seinem Palais in der Wilhelmstraße zurückführt. I
Verantwortlich iür die Schriftleitung: Dr. Johannes Kramer- Anzeigen: J-Parzeller, Fulda. Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer S diertrriietei in Fulda. Fernlvrecher Nr. 9.
R'onotlicher BerugkvreiS: 1.50 Mk.
verflachter Wortpatriotismus.
Arthur M ah raun, der Hochmeister des Fungdeutfchen Ordens, schreibt in der letzten Samstagsnummer des „Jungdeut- schen" unter dem Titel „Nationaler Ide- alismus« beachtenswerte Worte über die aehaltlose Schwülstigkeit der typischen Krieaervereins. und Feieransprachen. Mit Idealismus werde in der nationalen Be- toenung vielfach das bezeichnet, was man Gefühlsduselei nennt:
Kein Friede in Marokko.
I Die „Times" meldet aus Tanger: Die Djeballa- I stamme sammeln sich wieder. Ihre Führer sind I Zwar immer noch bei Abd et Krim in Adjir, aber I bei den Stämmen sind Boten mst Befehlen eingetroffen, sich für einen neuen Feldzug bereit* I zuhalten. Es wird angenommen, daß ein Angriff auf die spanischen Linien in der Nähe von Tetuan und auf die französischen Linien im Arbauarbezftk I einige Meilen südlich von Alaskar erfolgen wird.
Die „Weftminister Gazette" schreibt in ihrem | Leitartikel, die französische Regierung sei in unerwartete militärische Schwierigkeiten verwickelt I worden, die in Paris so große Besorgnisse verursachen, daß nicht die gesamte Energie der Regierung dem Werk der europäischen Versöhnung gewidmet werden könne. Die Schwierigkeiten in Marokko deuteten darauf hin, daß eine baldige Beendigung des Feldzuges u n m ö g l i ch fei, wenn die Franzosen nicht die Methoden der Austtlgungs- mittel wissenschaftlicher Kriegsführung anwenden würden. Aber keine zivilisierte Macht könne der- ! artige Methoden in einem solchen Krieg anwenden.
Die Alliierten Frankreichs wünschten sthr, daß ein entscheidender Schritt zur Herbeiführung des Frie- dens erfolge.
Vor der spanische« Offensive?
Der „Temps" gibt eine Nachricht aus Tetuan wieder, daß nach sicheren Nachrichten General Primo de Rivera bei dem Offensivprojekt verharren soll, das man ihm zu verschiedenen Malen bereits zugeschrieben habe und in dem er durch den Besuch des Marschalls Petain nur noch bekräftigt worden sei. Man spreche davon, daß in etwa zehn Tagen sicher eine gemeinsame Aktion der französischen und spa- nischen Truppen auf dem westlichen Abschnitt der Marokkosront ftatifinben werde.
Reue Kampfpläne.
wtb p a r i 5. 12. Ang. (Tel.) Wie dem „3out nal" aus Madrid mikgekeill wird, hak am Dienstag vormittag eine starke Abteilung spanischer Truppen aller Waffengattungen unter dem Befehl des Ge- nerals Requelme Larasch erlassen, um sich mit den in dem Frontabschnitt von Ouezzan operierenden französischen Truppen zu vereinigen. General Sarro hat Zeuta am Dienstag vormittag an Bord eines spanischen Torpedobootes verlassen, um eine Auf- klärungssahrt längs der Küste von Atchvcemas zu unternehmen, und die günstigsten Punkte für eine Truppenlandung an der Rifküste zu studieren. Die Operationen gegen Alchucemas würden beginnen, sobald die französische Offensive eröffnet ieL
nal-volksvarteiliche Gegensätze Herrn Luther zuliebe zu überbrücken. Mag Herr Luther das immer aufs neue wieder aktuell werdende Thema S ch r e l - S t r e s e m a n n selbst bearbeiten. Das Zentrum ist an dieser Frage nicht interessiert!
Die Frage, ob das Zentrum bzw. Herr von Guerard das Portefeuille des Rheinministeriums im Kabinett Luther übernehmen soll, ist aber noch nicht erledigt, sondern nur vertagt! Herbst wird Herr Luther, zähe wie er ist, abermals beim Zentrum anklopfen oder anklopfen lassen; die Kreuzzeitung glaubt jetzt schon zu der Hoffnung berechtigt zu fein, daß das Zentrum sich alsdann ent- fchließen wird, den „entscheidenden" Schritt zu tun. Wir wissen nicht, auf Grund welcher Informationen die Kreuzzeitung, eines der gehässigsten Antizentrumsorgane, zu ihrem Optimismus gelangt. Wir glauben aber uns in der Beurteilung i>er heute in der Zentrumsfraktion noch vorherrschenden Stimmung nicht zu täuschen, wenn wir d'r Kreuzzeitung Voraussagen, daß ihre Hoffnung sich nicht erfüllen dürfte. Dieses Kabinett kann das Zentrum schlechterdings unmöglich mehr unterstützen, als es bisher geschah. Es hat auch keinerlei Veranlassung, dem Reichskanzler Lutster Herrn von Guerard als Hilfskraft zu" Beschwichtiguirg volksparteilich- deutfchnationler Gegensätze zur Verfügung zu stellen. Wenn Luther selbst diese Arbeit nicht leisten kann, nun gut, dann verschwindet dieses Kabinett eben im Herbst. Mit Technik allein, selbst wenn sie noch so fein berechnet ist, kommt auf die Dauer kein Kabinettschef aus, auch Herr Luther nicht! Wir sind nicht dazu da, deutschnatio- ,
Hindenburg in München.
wtb München, 12. Aug. Tel. Heule vor mittag 8.10 llhr traf der Reichspräsident von Hindenburg, begleikek von seinem Sohne, Major von Hindenburg, Skaakssekrekär Meißner und dem bayerischen Gesandten in Berlin. Dr. Preller, auf dem Haupkbahnhof ein. Aus dem Bahnsteig vor dem Mrsten Pavillon hakte eine Ehrenkompanie der Reichswehr Aufstellung genommen. Die benachbarten Bahnsteige waren von Zuschauern dicht nmsäumk. Zum Empfang hatten sich die gegenwärtig in Bayern weilenden Reichsminister Dr. Geßler und Dr. Skingl. die Skaaksfekrekäre Dr. .Trank und Dr. Schuhe, Ministerpräsident Dr. Held und Minister des Innern Skühl, der Gesandte des Reiches in München, Freiherr v. tzaniel, die zwei Bürgermeister der Stadt München und Beamten der Reichs- und Zkaaksbehördcn eingefunben. Als der Salonwagen mit dem Reichspräsidenten und seiner Begleitung auf dem Bahnsteig vor dem .Türsten-Pavillon einlief, spielte die Musik, während die Versammelten den Reichspräsidenten stürmisch begrüßten. Beim Verlassen des Wayens wurde der Reichspräsident mit seiner Bevleikung von dem bäuerischen Ministerpräsidenten, den erschienenen Reichsminiflern und den übrigen Herren, die sich zum Empfange emgefunden hatten, begrüßt. Er schritt hierauf die £tonf der Ehrenkompanie ab. Auch beim Verlassen des Bahnhofes, der in weitem Umfang abgesperrt und von Tausenden, trotz des I strömen d en Regen <= umlagert war, wurde ! der Reichspräsident mit Hochrufen empfangen. Dor dem Bahnhof nahm er den Vorbeimarsch der Ehrenkompanie ab und begab sich herauf, begleikek non dem Miu sierprasidenk Dr. Held und Staats- fcFrefär Meißner, im Kraftwagen durch die reichen Alaggenschmuck kragenden Straßen der Innenstadt zum Dicnstgebäude des Ministerorasidenken. Während der Abfahrt vom Bahnhof kreisten über diesem mehrere mit Wimpeln versehene Flugzeuge. Der Reichspräsident begab sich später in Bealeikung Dr. Helds und des Staatssekretärs Meißner zum Skaaksministerium des Aeußern, wo er die Vorstellung der Staaksminifter und Skaaksrake um 9.30 Ahr entgegennahm. Hierbei hielt der bayerische Ministerpräsident Dr. Held eine Ansprache, worauf der Reichspräsident antwortete. Das Gebäude des Ministeriums des Aeußern war reich mik Dlunren geschmückt und trug reichen Flagaenschmuck in den Landesfarben. An die Vorstellung der Staalsminisler und der Staatsräte schloß sich um 10 Ahr im Staatsministerium des Aeußern ein Empfang des Landtagspräsidiums und der Vertreter der Landkagsfraktionen an. Landkagspräsi- denk Königsbauer richtete an den Reichspräsidenten eine herzliche Begrüßungsansprache, worauf diesex mit warmen Dankesworken erwiderte.
Briand in London.
I ®er Jraujörtfdje Außenminister Briand hat heute I König von England einen Besuch abgestattet.
Nach einer amtlichen Mitteilung nahmen die Be- sprechnngen zwischen Briand und Chamberlain einen befriedigenden Verlauf. Die Verhandlungen sollen einen solchen Verlauf genommen haben, daß mit Aen baldiger Beendigung zu rechnen sei, sodaß die Rückreise Briands bereits auf Donnerstag mittag festgesetzt wurde.
Die Antwortnote in der Sicherheit s f r a g c, über die sich Briand und Chamberlain verständigt haben, soll nach einer Havasnote ziemlich kurz fein und sie behandele die Gesamtheit der Fragen und vermeide die Möglichkeit von Kontroversen. Sie werde der italienischen, der belgischen und der japanischen Regierung sofort nach Vriands Rückkehr nach Paris übermittelt werden. Nachdem die Meinungen dieser Regierungen in Paris eingegangen seien, werde die Antwort Deutschland durch den französischen Botschafter in Berlin zugestellt werden.
Bezüglich der Einladung Deutschlands zu einer vorbereitenden Sitzung hege man noch Zweifel. Aber man sei in London doch der Ansichr, daß es notwendig wäre, eine derartige vorbereitende Sitzung vor dem Zusammentritt des Völkerbundes, also vor dem 7. 9. zusammenzuberufen.
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Ter Völkerbundsrat wird am 2. September unter dem Vorsitz des französischen Vertreters zu seiner 3 5. Sitzung zusammentreten.
Es ist ja nicht das erste Mal, daß der Nam? des Herrn von Guerard als Minister für die besetzten Gebiete genannt wird. Schon im Mai, kurz nach »er Reichspräsidentenwahl, war dies der Fall. Schon damals bestand auf Seiten des Reichskanzlers Luther der lebhafte Wunsch, seinem Kabinett durch starrere Bindung des Zentrums eine sichere Basis zu geben; er bot ihm deshalb das Rhein« mmrsterium an. Die Fraktion lehnte damals ab, m der richtigen Erkenntnis, daß man den Wählern, die eben noch im Volksblock begeistert für die Kandidatur ihres Marx gekämpft hatten, eine Schwenkung mach rechts — und das wäre die Annahme des Lutherschen Angebotes gewesen — nicht gut plausibel machen könne. Luther war wohl damals nicht wenig enttäuscht, hat aber die Hoffnung, später einmal zu diesem für sein Kabinett äußerst wichtigen Ziele zu gelangen, bis heute noch nicht aufgegeben. Die Vermutungen der Presse, daß Reichskanzler Luther sich abermals unmittelbar mit dem Zentrum in Verbindung gesetzt habe, sind nicht richtig. Das besorgten die beiden im Kabinett Luther ausschlag- und richtunggebenden Parteien, die Deutsch, nationale und die Deutsche Volkspartei, die ja auch ihrerseits ein Interesse daran haben, das Zen- I trum stärker mit der Verantwortung zu belasten. Daß sie nicht ohne Vorwissen des Reichskanzlers Luther, sondern im eng ft en Ein« vernehmen mit ihm gehandelt haben, liegt auf der Hand und wird auch von keiner Seite bestritten.
Die Besetzung des Rheinministerirmis mit Herrn von Guerard hätte für das Kabinett Luther in gleichem Maße eine Stärkung bedeutet, wie für das Zentrum eine Belastung. Daß eine Partei sich nicht freiwillig mit der Verantwortung für eine Politik belastet, die im wesentlichen von anderen beffimmt wird, ist eigentlich selbstverständlich. Daß dte Zentrumsfraktion des Reichstags besonders Veranlaf- I fung hätte, dem in den letzten Wochen oft recht I »edenklich wankenden Kabinett Luther über die rein fachliche Mitwirkung an der Verab- fchiedung von Gesetzesvorlagen hinaus noch eine I besondere Stütze zu bieten, wird wohl nie- I manö, nicht einmal Herr Luther selbst zu behaupten wagen. Wir vergessen schnell, und es scheint, als hätte man selbst in Berlin bisweilen nicht mehr I tn Erinnerung, daß im Januar dieses Jahres letz-
Endes an Herrn Luther die Bildung des Kabinetts Marx im Reiche gescheitert ist. Herr Luther, der Finanzminister, hatte damals die Mit- w-rkung versagt, seinem Beispiel folgten an- stand allein und mußte schließlich seinen Auftrag tn dte Hände des Reichspräsidenten Ebert zurucklegen, der nunmehr Luther betraute. Es fyatte nahe gelegen, daß das Zentrum in Opposition gegangen wäre und dem neuen Reichskanz- ler (wie Luther vorher Marx) bedeutet hätte: nun siehe du $u, wte du ohne uns fertig wirst. Das <jentrum f>at einen anberen Weg eingefchlagen, es bat bas parteipolitische Interesse vollkommen zuruckgestellt bmter dem staatspolttischen. Dank hat I es dafür nicht geerntet auch von Herrn Luther ”** d" lnnerlich bem Zentrum heute noch ebenso ablehnend und verständnislos gegenübersteht, wie m früheren Jahren. Für ihn ist bas Zentrum nur Mittel zum Zweck der Erhaltung und Festigung femes Kabinetts — so lange er ohne das Zentrum i nicht regieren kann. I
Der Sitzungssaal des Reichstags war mit Tan- I nengewinden, Lorbeer und Blumen geschmückt. | lieber dem Präsidentenplatz war ein großer Reichs- I adler angebracht, darunter die neuen Reichsfarben. I An den Tribünen hingen die Wappen der Länder. I Schon lange vor Eröffnung der Feier füllten sich | der Sitzungssaal und die Tribünen. Am Regie- I rungstisch saßen die Reichsminister, am Reichsrats- I tisch die Vertreter der Länder.
Pünktlich um 12 Uhr erschien der Reichskanzler I Dr. Luther. Bald darauf betrat, vom Reichstagspräsidenten Loebe begleitet, der Reichspräsi- I bent v. Hinbenburg bie Mitteltribüne. Neben I ihm nahmen außer bem Präsidenten Loebe unb | dem Reichsminister Schiele, bie Vizepräsibenten bes | Reichstags, Graef unb Dr. Bell, Platz. Der Reichspräsident, der im schwarzen Gehrock gekommen war, wurde von der Festversammlung durch I Erheben von den Sitzen begrüßt. Er verbeugte sich dankend, unb gab damit das Zeichen zum Beginn der Feier. Das Berliner Philharmonische Orchester unter Leitung von Professor Trümer brachte den erften Satz der ersten Symphonie von Brahms zu ! Gehör. Dann folgte bie Festrede des Professors
Dr. Hermann Platz, der u. a. ausführte:
Das Hauptiiistrument. das den vollen Akkord deut- fchen Lebens einspielen soll, ist die Verfassung, die trotz all der, scharfen Umbiegungen, die sie oorgenommen hat, doch em echt deutsches Erzeugnis ist. Auf zwei Quellen möchte ich Hinweisen, aus denen die Gläubigkeit an unsere Zukunft stets neue Kraft sich holen kann: die deutsche Jugend und den deutschen R h e i n. Das Bild des väterlichen Rheins, der Deutsch- lands Strom, aber nicht Grenze ist, soll wie Deutsch- lands Jugend uns allen vor der Seele stehen und uns helfen, das in der Verfassung Angelegte gläubig zu um- tasfen und in organisches Leben umzufetzen. Die Der- fassung hat das Reich erneuert, aber nicht umgestürzt.
°"es nur ein Anfang, noch arbeiten wir mühselig im Tal der Erwartung von Dämmerschatten uinnngt, aber die Hoffnung, daß wir wieder hinauf ins Mlc kommen, bat doch dieser Verfassung sichtlich zur Seite gestanden. Möge der Wille, dem Ganzen zu die- mn, im Rahmen unserer Verfassung neu geweckt werden. Wenn wir dann der Welt nicht vorenthalten haben, was sie von uns erwarten darf, dann dürfen wir fordern, tsie Welt gibt was unser ewig unoerjährbares Reckit ist. (Lebh. Beifall.)
. Nachdem der vierte Satz her Brahms-Sympho- I nte verklungen war, erhob sich Reichskanzler 1
Der vaterländische Gedächtnistag.
Die Verfassungsfeier im Reichstag. — Reichspräsident v. Hindenburgs Teilnahme. — Das hoch des Reichskanzlers auf das in der Republik geeinigte deutsche Volk.
. * A^'itt des Staatssekretärs Bredow? Nach ber --Börsenzeitung" scheidet Staats- e.reta roboro dem Postministerium aus, um. w,e verlautet, den Vorsitz im Aufsichtsrat öer " dfunkgesellfchaft über- .Mft.'hm vertagt nach demftlb n Batt auch Mmistenalrat Giese cke das Reichspo't- Ministerium, der zn.nachit auf drei Jahre beurlaubt wird, um ebenfalls an leitender Stelle in her Reichs- rundsunkgekell- tzcift ieilig zu sein. — Eine Be'w ignna dieser Nachricht war an amtlicher Stelle vis Letzt noch nicht zu erlangen-
Der Drusenaufstand.
Wie ber „Paris Soft" mitteilt, setzt sich ber kommissarische Bericht bes französischen Ober- kommissars in Syrien, General Sarail, über bie Zwischenfälle im Djebel-Drusengebiet aus drei Teilen zusammen, von betten bisher nur zwei eingegangen ftnb. Das Eintreffen bes britten Teiles, so erklärt bas Blatt, fei angefünbigt. An diesem dritten Teile würbe auch über die erlittenen Verluste errichtet. Wenn man ben Gerüchten, die cm Quai d'Orsay in Umlauf seien, Glauben schenken dürfe, sei bie Angelegenheit sehr ernst gewesen. Dies scheine dadurch bestätigt zu weiden, daß ber Oberkommissar im Begriffe stehe, mit ben Rebellen zu verhanbeln, eine Tatsache, die aber gleichzeitig eine ernste Pazifisierung beweise.
An,eigen -Preis-: Klein,eile (Colonel) lokal 0,15 Goldmari
auswärts 0.20 Goldmark- Reklame,eile lokal 0,60 Goldin arl ca
auswärts 0.80 Goldmark. .. u£. JUlJlQ
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