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M 182.

Sonntag, 9. August 1925.

-- Fuldaer Zeitung

2. Blatt.

*** Druck der Fuldaer Aclleudruckerel, Fulda

ein Tanz wie El Vito seinen Reiz: eine einzige Künst­lerin vollführt da die graziösesten Bewegungen mit einem grauen Hute, der ihr neckisch auf dem nachtschwarzen, blumengeschmückten Haar fitzt: auch durchkämpft sie ge- wiffermaßen ein ganzes Stiergefecht, wenn auch ein sehr unblutiges: sogar die furchtbaren banderillas bohrt sie nicht zwar in den Nacken des Stieres, sondern bloß in den Holzboden der Bühne neben dem besagten grauen Hut, mit dem roten Tuch und dem blitzenden Degen und tut doch schließlich keinem etwas zuleide.

Das Schönste sind in Sevilla die Stunden des Abends zur Zeit der Feria, des Jahrmarkt, wo in allen Casetas ohne Unterlaß getanzt wird, wo die ganzen Zeltstraßen entlang die Kastagnetten klingen und die jungen Mädchen in anmutigster Weise die einzelnen Figuren der sevillani- schen Tänze vorführen. Ein junger deutscher Arzt, mit dem ich am ersten Abend der Feria die Zelte entlang­wanderte und wie die übrigen Zaungäste, die sich am Eingänge all der Casetas drängen, das fröhliche Tan­zen betrachtete, äußerte allerdings folgende schwere Be­denken:Ich begreife gar nicht, daß die jungen Damen daran so andauernd Vergnügen haben können. Sie tan­zen fast immer allein, beinahe keine Herren, und man umfaßt sich gar nicht einmal immer eines vor dem andern, neben dem andern, um den andern herum. Es sieht hübsch aus, wie sie die Arme mit den Kastagnetten werfen, aber ich begreife das Ganze nicht. Und dann begreife ich überhaupt nicht, wie die feinen Leute Spaß daran haben können, so mit dem gewöhnlichen Volk Jahrmarkt zu feiern, und sich sogar eigene Zelte dahin bauen. Das wäre bei uns doch nicht möglich."

Der Herr Doktor er war aus Sachsen wußte gar nicht, wie er mit diesen Bedenken die Seoillaner lobte. Wie dezent unb zugleich wie berückend schön sind diese Tänze in den wundervollen andalusischen Kostümen! Und wie gemütlich ist dieser demokratische Zug, daß der

Verlauf man sich einig war über die Notwendigkeit, zur wirksamen Hebung des Hersselder Bades ein Kur Hotel zu bauen.

= Untergeis. Am Montag wurde die hiesige Gemeindejaad neu verpachtet. Das Höchst, gebot betrug 1450 Mark. Dasselbe wurde von einem Herrn aus Hannover abgegeben. Seitheriger Jagdpreis war 700 Mark.

= Spangenberg. Die isr. Volksschule dahier wurde wegen der geringen Kinderzahl aufgelöst. Lehrer Norcs wurde nach Aurich versetzt.

Kassel. Mittwoch morgen wurde am Bassin in der Aue ein den besseren Ständen angehörender Mann sterbend aufgefunden. Die Umstände stellten es außer Zweifel, daß er sich vergiftet und mit einem Revolver zwei Schüsse in die Schläfe beigebracht batte. Der Tote trug einen an eine

Frau gerichteten Brief bei sich, der als Ursache des Selbstmordes Krankheit anoibt. Die Feststellungen an der Leiche ergaben, daß schon das Gift genügt hätte, den Tod herbeizu^ühren. In einem Gebüsch unweit der Straßenbahnhaltestelle Wilhelmshöbe wurde ein jüngerer Mann erhängt aufgefunden. Vorübergehende schnitten ihn ab. Der Tod war be­reits einqetreten.

= Mainz. In der letzten Nacht wurde in einer Wirtschaft in Mainz-Kostheim ein Mann festgenommen, der vor einigen Tagen in diesem Lokal beim Zahlen falsches Geld gegeben hatte. Sowohl bei einer körperlichen Visitation als auch bei einer Haussuchung wurden falsche 1- und 3-Markstücke vorgefunden. Es handelt sich um einen aus Kostheim stammenden Schlossergesellen, der auswärts wohnt und nur be­suchsweise in Kostbeim weilte.

oder Imperialismus. Täten wir das, es würde uns in aller Schärfe treffen ein Wort, das nicht ein Europäer, sondern ein Chinese gesprochen, der uns die harten Worte sagte:Ich bin in schwere Zwei­fel geraten, wofür die christliche Lehre, die ich emp­fangen habe, eigentlich nützen soll. Und für wel­chen Zweck die fremden Länder überhaupt das Christentum hier auszubreiten wünschen. Ist es wahr, wie so viele behaupten, das; das C h r i st e n- tum in China nur ein äußerliches ist? . . . Wehe uns, seit so langer Zeit schon ist die Moral des Christentums in der Zersetzung begriffen. Eng­land beansprucht das Christentum als Staatsreli- gion. England hat zuerst China mit dem Opium vergiftet. Ihm folgte der Raub von Hongkong und die Wegnahme der chinesischen Seezölle . . . Jetzt schlachten die Engländer unsere Volksgenossen ab, als ob diese noch unter den niedrigen Tieren ständen. Und zu meinem Entsetzen schweigen alle Missionare still dazu. Die Christen der Welt fallen heute abgrundtief." Hörst du's Europa! Es er­innert an ein Dichterwort:Wir Kanadier sind doch bessere Leute!"

Wahrhaftig, säßen heute in der Republik an der Weichsel Kanadierhäuptlinge, sie wür­den nicht mitten im Frieden 35 000 Deutschs von Haus und Hof vertreiben und über die Grenze schicken! Haben denn die Regierungen der Macht­staaten von heute alles vernünftige Denken ver­lernt? Wissen sie denn nicht, daß dieselben Me­thoden, die sie in ihrer internationalen Politik verfolgen, sich einmal gegen sie selber kehren wer­den? Waren nicht die meisten Revolutionen, zu­letzt noch die russische, nur eine Umkehrung der Verhältnisse? Lies einmal bei Turgeniew, der diese Dinge zuerst in die Literatur eingeführt hat, noch, wie man früher in Rußland die Leibeigenen be­handelt hat. Ich sage dir, du /wirst jedes Mitleid mit den heute Enteigneten verlieren und am Ende sogar das Gefühl haben, daß selbst die Greuel in Rußland etwas Geringfügiges und Kurzfristiges sind gegenüber der Jahrzehnte und Jahrhunderte währenden fürchterlichen Grausamkeit früherer Her­ren. 35 000 Deutsche müssen Polen verlassen, und im Arbeiterzug von Frankfurt klatschen deutsche Arbeiter den polnischen ihren herzlichen Willkomm! ... Ich will nicht fragen, wo Christus stehen würde, wenn er heute durch die Welt ginge und dis Seinen zu erkennen suchte an dem Zeichen, woran man seine Jünger erkennen soll . . .

Wo wir nun einmal am Sport sind, den man gewiß nicht nur vielerorts übertreibt, sondern den man auch mit falschen Ideen verbindet, er hat doch seine guten Seiten. Gerade diese Leute sind es, dis sich mit immer stärker werdender Front gegen die Volksvergiftung durch Alkohol wenden, ge­rade diese sind es, die alle Narkotika verurteilen, weil sie Nerven und Kraft verbrauchen. Der große Edison hat vor einiger Zeit gesagt:Das Zigaret­tenrauchen wirkt heftig auf das Nervenzentrum und erzeugt Entartung der Gehirnzellen . . . Ich verwende keine Personen, die Zigaretten rauchen." Gott sei Dank, daß die deutsche Jugend von heute nicht auf eine Anstellung bei Edison warten muß. Mehr noch, Gott sei Dank, daß nächstens die Steuer­leute bei uns sich die Weisheit Edisons zu eigen mache« und den Artikel derartig verteuern, daß allerlei Menschen drese Glimmstmael wohl vor Schrecken im Munde erlöschen. Wie ist doch die Menschheit dem lieben Tiere gleich. Wenn du es nicht prügelst, erreichst du nicht, daß es Lasten zi"bt, die doch nun einmal gezogen werden müssen. We­der Krieg nock Nenolution hat uns vernünfig ge­macht. und wie ein Hohn klingt in den Lüften des deuschen idealistischen Dichters Wort:Nehmt die Freiheit auf in euren Willen, und sie steigt von ihrem Weltenthron!" Der Mann im Monde.

vor dem Tanz der edlen Pagen. Jeder Gedanke an Plünderung war vergessen, sie schauten und schauten. Und inzwischen rettete man die kostbarsten Dokumente und Kleinodien. Im 18. Jahrhundert drohte einmal die Gefahr, daß die Tänze aufhören sollten. Ein Erzbischof hatte seine Bedenken und wollte sie abschaffen. Da wur­den die Seises nach Rom geschickt und mußten vor dem Papst und den Kardinälen tanzen. Und hier wurde be­schlossen, daß die Tänze beibehasten werden könnten, solange die Kleider noch erhalten bleiben. Nun wußte man sich in Sevilla zu helfen. Die Kleider werden nicht durch neue ersetzt, sondern nur auszebessert und so mögen sie wohl noch bis zum Ende der Zeiten halten.

Nun will ich zu einem andern Extrem übergehen, vom religiösen Tanz der Seises zu der Tanzschule des Herrn Otero, der die Töchter der guten Familien unterrichtet, aber auch eigentliche Darieteekünstlerinnen bildet. Ich habe diesen gefährlichen Mann ganz aus der Nähe ken­nengelernt und Vorstellungen im Salon Oriente und im Teatro de San Fernando beigewohnt. Prüde und ängst­lich sind die jungen Balleteusen vielleicht nicht, aber ich finde, es ist alles unendlich dezenter als das, was sich sonst unter dem Begriff Varietee auszuleben pflegt. Die schönen langen Manilatücher mit ihrer reichen Stickerei, kunstvoll um die Kleider geschlungen, geben der ganzen Erscheinung der jugendlichen Gestalten etwas erhöht An­mutiges: dis Grazie und Eleganz der Bewegung in den reizvollen andalusischen Tänzen, die sie durchweg zu zweien aufführen, ist erstaunlich, und auch wer das Höchste, was die heutige Tanzkunst vielleicht leistet, die Darbietungen einer Anna Pawlowa unh berühmten russischen Hofballets wiederholt gesehen l :rb an die­sen sevillanischen Tänzen hohe Freude h Und wenn nun gar die Paare dieser elastischen Ge iten zahlreich zusammenwirken, wenn die ganze Gesellschaft sich zu einem farbenprächtigen Bilde vereint, so ist die Wirkung ganz hervorragend schön. Anderseits bat auch wieder

. . . und Sevilla tanzt.

Von Johannes Mayrhofer.*)

Es ist etwas Eigenes um das tanzende Sevilla. Man oarf nicht feine etwaigen Erinnerungen an Walzer, Rheinländer, Krakowiak und Boston mitbringen oder gar die Welt schreitet bekanntlich voran Qn ^en arcn, tinrschen Tango, der die Kulturmenschheit so schnell und erfolgreich überrumpelt hat.

Sevilla tanzt ästhetisch, edel, keusch und poesieooll. Unter meinen Lesern sind zwei oder drei, die lächeln, sie sollen gefälligst Herkommen und es mit ansehen.

Da ist zunächst der Tanz der Seises, sogar ein reli­giöser Tanz, der von zehn (nicht sechs, wie der Name andeutet) Chorknaben während der Karnevalstage, der Fronleichnamsoktao und der Oktav der Unbefleckten Empfängnis in der Kathedrale aufgeführt wird.

Das ist freilich etwas Merkwürdiges, aber durchaus nichts Unerbauliches. In der Heiligen Schrift findet sich der Präzedenzfall. Und selbst Männer, die gar nicht so ganz auf unserem Boden stehen, rühmen die ernste religiöse Schönheit dieser Tänze. De Amicis sagt:Keine religiöse Zeremonie hat mich so tief gerührt wie diese. Cs ist unmöglich, die Wirkung der zarten Stimmen in jenen unermeßlichen Räumen, diese kleinen Menschen vor dem ungeheuren Altäre, diesen ernsten, ich möchte sagen demütigen Tanz, die altertümliche Tracht, die kniende Menge und ringsum die tiefe Nacht zu beschrei­ben. Mit heiterem Herzen verließ ich die Kirche, als hätte ich gebetet.

Als die Mauren die Stadt erobert hatten und in die Kathedrale zogen, sollen sie erstaunt Halt gemacht haben

A"dg aus Johannes Mayrhofers fesselndem eisest/uderungswerkSpanien" (Herder, Freiburg t- Br.; gebunden 4,80 UQ. -

Aus dem ttachbargediet.

Hersfeld. Die Stadtverordnetenver­sammlung am Dienstag abend beschäftigte sich vorwiegend mit Vorschlägen. zur Behebung der Wohnungsnot. Die Kosten für die Einrichtung von Notwohnungen im Kornmagazin winden ge­nehmigt. Bürgermeister Wagner erklärte, daß mau ungefähr 15 Prozent von sämtlichen Hersfelder Wohnungen eigentlich nicht mehr als Wohnungen bezeichnen könne, sie seien eher Ställe. Es sei eine Lebensnotwendigkeit, daß die Städte Anleihen bekämen, nm dem Wohnungselend zu steuern. Nach Erledigung kleiner Angelegenheiten gab eS beim Schluß noch eine Kurhausdebatte, in deren

Arbeiter und Olympiade, wer hätte das vor einigen zehn Jahren noch zusammendenken können. Heute ist es Wirklichkeit geworden, und der Zug von über 50 000 Sportlern aus aller Welt, der durch Frankfurts Straßen zog, beweist allein schon die Größe und die Gewalt dieser neuen Wirklichkeit. Alle deutschen Stämme hatten ihre Vertreter gesandt, so daß man gestehen muß: jenes Groß-Deutschland, das dem Politiker in der Welt des Traumes wie ein fernleuchtendes Ideal er­scheint, in den Bezirken der praktischen Politik aber wie die Quadratur des Kreises, diese Massen hatten es im Spiel vorausgenommen. Sahen wir nicht, wie gerade die Ausländsdeutschen, die guten Oesterreicher vorab, mit besonderer Liebe begrüßt wurden? Noch mehr. In diesem Weltspiegel des Sports versammelten sich wie zu einem Völkerfest alle Nationen, und wieder war es auffallend, wie man gerade die Polen, die Tschechen, die Franzosen neben den Lettländern, Finnländern beim Beifall bevorzugte, als wollte man sagen: An uns soll es nicht liegen. Sind wir nicht Menschen allesamt? Können wir nicht die in uns wogende Energie, wenn schon Kampf sein muß, sich auswirken lassen im heiteren Spiel? Wieviel lockender als die wüsten Szenen mit Flammenwerfern und Hand­granaten sind doch die Kampfbilder der Tausende von Turnern, Wandervögeln, Wassersportlern, Ath­leten, Radfahrerkolonnen und was es immer sei.

Und doch ist dies Ganze nicht Spiel allein. Ideen werden sichtbar, die wir zunächst als er­lösend empfinden. Wenn in dem Festspiel Berthold AuerbachsKampf um die Erde" Besitzgier, Macht­hunger, Eitelkeit und Ruhmessucht als die eigent­lichen Kriegsfurien erscheinen, so ist das wirklich eine Idee, der man nur wünschen tonnte, daß sie .ief in unter Alters eben hineinleuchte. Wollte Gott, es wäre bei dieser ganzen Angelegenheit nicht auch wieder so ein widriges, langweiliges und doch nicht zu leugnendesAber", das mich verhinderte, den brausenden Hymnus SchillersFreude, schöner Götterfunken" aus ganzer Seele mitzufingen. Die Olympiade von Hellas war das Fest eines in sich geeinten Volkes; die Olympiade von Frankfurt der Triumph einer Klaffe! Das ist ein ungeheurer Unterschied. Ihr höchstes Symbol, das mitten zwi­schen endlosen Musik-, Trommler- und Pfeiferkorps hoch auf vierrädrigem Wagen daherfuhr, war die Freiheitsgöttin mit der Friedenspalme. Aus einem fernen Hintergrund hörte ich eine unheimliche Mu­sik, einen Revolutionsmarsch, wie er einst zur Göt­tin der Vernunft emporgewirbelt ... Ich mag nicht denken, wo alle Sinne sich förmlich berauschen, an diesem strahlenden Fest und muß dach wieder zurückkehren zu dem Gedanken: die Freiheitsgöttin mit der Friedenspalme. Davon leben diese Massen, das treibt aus innerster Tiefe den Festjubel hoch, das Lied vom Frieden, das Lied einer neuen hoch- geftimmten Lebensfreude ober auch der Kampf gegen Krieg und Dölkerhaß. Warum, so fragte ich mich, tragen nicht diejenigen diese Friedenspalme, denen sie zuerst mit der neuen Liebe des -Evange­liums anvertraut? . . .

Wir sind in Deutschland in einer besonders schweren Lage. Zu viel scheint es von uns ver­langt, einesteils mit aller Straft für unsere Exi­stenz einzutreten und andererseits doch den F r i e- b e n 5 bäum bes neuen Europa zu errichten. Wenn manche unter uns Pater Stratmanns tiefsinniges Buch ablehnten, so geschah es gewiß nur aus bem Gefühl dieses Konflikts heraus. Aber das ist auch gewiß, es wäre eine Sünde am Geiste der neuen Seit, wenn wir diesen Konflikt lösen wollten nicht auf dem Wege eines vom christlichen Geiste erfüll­ten Nationalgesühls, sondern mit den alten verfluch- I ten Mitteln irgend eines fanatischen Chauvinismus I

Die Danziger Hafenzölle.

Von Dr. Theodor Rudolph, Danzig.

In Danzig hat man sich nach den vielfachen Enttäuschungen, die die letzten Tagungen des Völ­kerbundsrates dem Schützling des Völkerbundes, der Freien Stadt Danzig, bereitet haben, allmählich daran gewöhnen müssen, daß der Völkerbund seine Beschlüsse häufig nicht nach Recht und Billigkeit faßt, sondern von den politischenErfordernissen der Stunde" in einem nachgerade unerträglichen Maße abhängig macht. Es ist diese neuerdings in Genf üblich gewordene Methode ja auch in Man­datsfragen, in Angelegenheiten des Saargebiets und bei anderen Gelegenheiten nicht selten zutage- getreten. Es erweckt überhaupt den Anschein, als ob die kleinen ohnmächigen Staaten und nationalen Minderheiten, deren Schutz der Völkerbund doch als eine feiner heiligsten Aufgaben übernommen hat, in Genf nicht das mehr finden, was ihnen dort einstmals mit großer Emphase versprochen worden ist. Man darf sich folglich in Genf nicht wundern, wenn gerade da, wo der Völkerbund sich die größ­ten Ruhmesblätter verdienen könnte, eine fühlbare Abkehr von Genf bemerkbar wird. In der Freien Stadt Danzig hat der Völkerbund jedenfalls wenige Freunde, und die wenigen unentwegten Idealisten sind durch die wiederholten Danzig schädlichen Be­schlüsse des Völkerbundes in ihrer Tätigkeit für die Verbreiterung ihres Kreises äußerst gehemmt.

Einen empfindlichen Verlust an Ansehen hat der Völkerbund in Danzig durch die gerade beendete Arbeit einer neutralen Kommission erlitten, die sich ihres Auftrages, an Ort und Stelle den Danziger Hafen abzugrenzen und einen Bericht über ihre gewonnene Ansicht abzufassen, auf einem höchst eigenartigen Wege entledigt hat. Der Ausschuß, der sich hier eine ganze Woche feinen Arbeiten hin­gegeben hat, hielt es für angebracht, diese Studien in Warschau (!) fortzusetzen, wo er den polnischen Poftminister aufsuchte, der bekanntlich durch seine Verordnung zur widerrechlichen Anbringung pol­nischer Briefkästen in Danzig seinerzeit den ganzen leidigen Postkonflikt mit der Freien Stadt herauf­beschworen hat. Man fragt sich hier, wie die un­parteiisch sein wollende Kommission ausgerechnet darauf verfallen konnte, nach Warschau zu gehen, obschon sie wußte, daß die polnische Regierung das einzige Interesse hat, daß alle von ihr in Danzig, ganz gleich in welchen Stadtteilen, angebrachten Briefkästen in die sogenannte Hafenzone fallen, die laut Spruch des Haager Schiedshofes der polnifchen Post geöffnet worden ist. Schon um nur den Verdacht zu vermeiden, daß sie politischen Einflüste­rungen zugänglich sei, hätte die Kommission nach Beschließung ihrer rein technischen Arbeiten in Dan- gig und der Abfassung ihres Gutachtens an Ort und Stelle ihre Aufgabe als beendigt betrachten müssen. Statt dessen hat sie zum größten Erstau­nen der Danziger Regierungskreise und der Be­völkerung ihre hiesige Tätigkeit, wie es scheint, nur ofs Vorstudium angesehen. In der Tat ist es denn auch so gekommen, wie hier befürchtet wurde, daß die polnische Regierung ihre Ueberredungs- künste hat spielen (affen, und die nach Genf zurück- gekehrte Kommission unter dem Eindruck ihrer Warschauer Reise gelegentlich der Niederlegung ihres Geheimberichts, an der sich übrigens auch der französische Direktor der Verkehrsabteilung des Völkerbundes beteiligte, in Unstimmigkeiten gera» ten ist, die erhebliche Verzögerungen verursachten. Die Abfassung des Gutachtens hat in Genf fünf Tage beansprucht!

. infolge dieses Sachverhaltes hat sich der San» 3jger Bevölkerung begreiflicherweise eine nicht ge» rtnge Erregung bemächtigt. Man sieht der bevor- ftebenben Tagung des Völkerbundsrates, die auf ötefem Bericht fußend die abschließende Entschei- düng tm Danzig-polnischen Briefkastenkonflikt tref« fen soll mit größter Skepsis entgegen und ist sich ferner darüber klar, daß solche Methoden zu einem »onen Fiasko aller Verständigungsbemühungen Aschen der Freien Stadt Danzig und Polen füh­ren muffen. 1

Rund um die Woche.

Olympiade von Frankfurt. Wie Kanadier. Die ewig Blinden. Pazifistisches.

Huf nach Stuttgart.

Vom 23. bis 25. August dieses Jahres werden sich di, Katholiken Deutschlands in der Hauptftadt Württembergs zusammenfinden, um ihre 64. Generalversammlung zu halten. Was sie wollen, ist nichts anderes als Heilung und Rettung unserer Zeit durch die Kraft der Religlon Treubekenntnis zu ihrem Oberhirten in dem Heiligen Jahr ihrer Kirche, mutiges und mannhaftes Eintreten für den katholischen Namen und das deutsche Volkstum.

Es ist das erfle Mal, daß eine Stadt des Schwaben­landes die Ehre hat, den Deutschen Katholikentag zu be- herbergen. Die Katholiken Stuttgarts sind sich wohl be- bewußt, daß ihre Aufgabe nicht leicht ist, aber sie haben das Vertrauen, daß schwäbischer Opferfinn alle Schwie­rigkeiten überwinden wird. Das Heimatland Adolf Gräbers will nicht in Wettstreit treten mit den glän- zenden Metropolen katholischen Lebens am Rhein und an der Isar, aber was das katholische Schwaben den Elaubensbrüdern deutscher Lande zu bieten vermag, gibt es ihnen von Herzen gerne, eine zwar schlichte, aber liebe und traute Heimstätte für das glaubensfrohe Bekenntnis ihrer Kirche und ihres Volkstums.

Die katholischen Schwabenherzen an der Donau und am Neckar schlagen der diesjährigen Tagung um so freu, diger entgegen, als der Katholikentag in Stuttgart zu- gleich die Krönung werden soll für das Doppeljubiläum des allverehrten Oberhirten der Diözese, der nicht bloß dem Schwabenland, sondern dem ganzen deutschen Volks gehört, § M

Sr. Exzellen; des Hochwürdigsten Bischof ' i Dr. Paul Wilhelm von Keppler.

Sein 50jährigcs Jubiläum als Priester und sein silber. nes Bischofsjubiläum werden dem Katholikentag in in Stuttgart besondere Weihe und besonderen Glanz ver­leihen.

Es ist der ausdrückliche Wunsch des Jubelbischofs, daß die Stuttgarter Tagung eine Tagung des Frie. dens werden soll. Sie wird unserer Zeit und ihrer schweren Not offen in das Auge sehen, aber sie wird das Heil nicht in Hader und Streit suchen, sondern in der welterlösenden Kraft katholischer Liebe. Zum Leitgedan- fen der diesjährigen Katholikenversammlung Deutsch, lands ist bestimmt worden:

Die kakholische Liebe als Heilquelle in den Krankheiten unserer Zeil!"

Was Bischof Dr. von Keppler am 9. Oktober 1924 in der Liederhalle zu Stuttgart über den kommenden Ka- tholikentag gesprochen hat, soll uns heilig sein und zum herrlichen Geleitwort unserer Tagung werden:Die ganze Tagung wird nicht auf Streit und Kampf ge­stimmt fein, sondern auf das christliche Urmotiv: Gloria in excelsis Deo et in terra par hominibus!"

Wir laden alle Glaubensbrüder von fern und nah, diesseits und jenseits der Grenzen, zum Stuttgarter Ka­tholikentag ein. Vom Herzen Süddeutschlands, vom an­mutigen Schwabenland, von den wald- und rebenum- kränzten Höhen des gesegneten Stuttgarter Tals geht unser Ruf überall hin, wo die deutsche Zunge erklingt und katholische Herzen schlagen:

Auf zum schönen Schwabenland!

Auf ;um Katholikentag nach Stuttgart!

Das Zentralkomitee der Katholiken Deutschlands. Alois Fürst zu Loewenstein, 1. Vorsitzender.

Das Lokalkomitee

zur Vorbereitung der 64. Generalversammlung.

Treiber,!. Vorsitzender.

Wer an der 64. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands teilnehmen will, ist dringend gebeten, so­fort seine Anmeldekarte beim Büro des Katholikentages, Stuttgart, Theaterftraße 7, zu bestellen. Die Anmelde- karte ist begleitet von einem ausführlichen Merkblatte, auf Grund dessen sie sorgfältig ausgefüllt und umgehens eingesandt werden soll. Auch kann man sich an sein Pfarramt wenden und dort Näheres erfahren.

Reise und Wanderung.

= Wehr Schlafwagen. Die Mitropa lMitteleuro- päilche Schlafwagen- und Speisewagen Ll-G.f.hat ihren Waaenpark um 20 Schlafwagen vermehrt. Die Gesell­schaft verfügt nunmehr über einen Park von 319 Schlaf­wagen.

Unvorsichtiges Lin- und Aussteigen auf der Eisen­bahn hat schon oft zu schweren Unglücks-, sogar zu To­desfällen geführt. Die Reichsbahndirektion macht erneut auf die Gefahren aufmerksam, aber auch auf die zu er­wartenden Strafen, wenn die bestehenden Vorschriften unbeachtet bleiben. Nach Abgabe des Abfahrtzeichens darf niemand mehr einen Zug besteigen, auch ist bei ankommenden Zügen, ja auch schon das Oeffnen der Wagentüren erst bann gestattet, wenn der Zug wirklich anhält, sich also nicht im geringsten mehr bewegt. End­lich wird das Publikum dringend ersucht, selbst mit dafür zu sorgen, daß die Türen während der Fahrt fest ge­schlossen bleiben.

angesehenste Bürger auch den ärmsten Mitmenschen, der keinen Kragen umhat und dessen Jacke zerrissen ist, nicht verachtet und selbst dem zerlumpten Zigeunerjungen ge­stattet in seine Caseta zu kommen und sich mit einem Tanz ein paar Centimes zu erbetteln, und daß der alte Diener, der im Vorratsraum am Ende der Caseta sitzt, sich auch als Caballero fühlen kann und den in Seide und Stickereien einherwandeluden Kindern des Hauses von einem vorüberziehenden Kuchenhändler Süßigkeiten kaust, sich mit photographieren läßt als gleichberechtigtes Menschenwcfen.

An Stiergesechten ist bei der Feria kein Mangel. Diese Kunst steht gerade in den genannten Tagen in allerhöchster Blüte. Aber ich habe mein Interesse bald diesen aufregenden Dingen entzogen und ausschließlich dem Sevilla der Casetas, dem plaudernden, lachenden, tanzenden Sevilla geschenkt. Und das war gewiß bas Richtige.

In einem Punkte noch muß ich meine schönen Se- Ditlanerinncn in Schutz nehmen. Die Reiseschriftsteller lösen gern in ihren Lesern die angenehmen Gefühle bes Gruselns unb ber eblen sittlichen Entrüstung aus, indem sie von den blutdürstigen Spanierinnen erzählen, bereit Antlitz entstellt wird von der Leidenschaft für »:n grau­sames Schauspiel. Ich bin bei meinem wiederholten Aufenthalt in Sevilla in drei Stiergefechten gewesen nicht so sehr, weil ich ein Ungeheuer bin, sondern weil ich vergleichen, beobachten und photographieren wollte, unb ba habe ich ganz erstaunlich wenig Damen gesehen unter ben Tausenden, die den Zirkus bis auf den letzten Platz füllten. Verschwindend wenige, und von diesen verschwindend wenigen, die durchweg kein besonders bluti dürftiges Gesicht schnitten, waren vielleicht die Hälfte Töchter Albinions, Deutschlands unb sonstiger Kultur» taaten.