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Die köstliche perle.

Roman von Karl Schilling.

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Dann folgten schreckliche Wochen. Charlotte weinte, flehte, tobte, raste und war fast der Verzweiflung nahe. Niemand kümmerte sich um sie. Allmählich fiel sie in schwermütigen Stumpfsinn und fing an, an der Gesundheit ihres Verstandes selbst zu zweifeln.

Tieferschüttert hörte Falkner zu. Die arme Dulderin, welche furchtbare Zetten hatte sie durchkämpfen müsien!

Dann rief sein Gerechtigkeitsgefühl nach Rache.

Die Liebenden erkannten, hier lag ein schweres, dunk. /es Verbrechen vor, dessen Urheber noch verborgen war. Soviel sie auch grübelten, sie kamen nicht von der einen Frage ab: Wer konnte am Verschwinden Charlottens Interesse haben? und nur eine Antwort fanden sie. wie sehr sich auch ihr Herz dagegen sträubte: Kommer­zienrat Wohlbrink und sein Werkzeug Heler. Wahr, scheinlich hatte dieser noch in seiner Sterbestunde, vom Gewissen bedrängt, das entsetzliche Geheimnis offenbaren wollen, da versiegelte ihm der Tod den Mund.

So wäre das Glück der Liebenden wolkenlos ge­wesen, wenn nicht die Sehnsucht nach der fernen Mutter sie aus ihren Träumen schreckte und ihnen den Gedanken an die Heimkehr doppelt ins Herz schrieb.

Ja, die Mutter! O, welches Glück, welche Seligkeit würde sie empfinden, wenn sie ihr verloren geglaubtes Kind wieder in ihr« Arme schließen konnte, und wenn Charlotte heimkehrte als Braut dessen, der ihr nächst ihrer Tochter der liebste Mensch auf Erden war!

Das war ein Brief voll Sonne und Licht, als er der Einsamen behutsam Kunde gab, was sich in den letzten Wochen vollzogen und der gleichzeitig den Tag ihrer gemeinsamen Ankunft in Deutschland meldete!

Kurz vor der Abreise erlebte der Doktor noch ein« dramatische Szene.

Der Direktor von Fredeborg hatte von Baron Fried, heim eine Vorladung erhalten. Das war nichts Sel. tsnes; denn der Baron nahm gern Gelegenheit, seine Beamten zu sich zu rufen und diese und jene Angele, genheiten mit ihnen zu verhandeln.

Auf Verlangen des Barons hielten sich Falkner unv Charlotte hinter der Portiere verborgen, die das Arbeits- zimmer des Barons vom Nebenraume trennte.

Der Direktor trat ein.

Baron Friedheim empfing ihn mit eisiger Kälte. Hart und forschend klangen seine Worte.

Mein Herr. Ich verlange heute von Ihnen Au», kunft klar und wahr."

Ich stehe zu Diensten."

Ich entsinne mich des Gesuches des deutschen Arzte» Dr. Falkner. Hat der Herr die Anstalt besichtigt?"

Der Direktor zuckte mit keiner Wimper. Fest erklang sein finsteresJa!"

Und ist abgereist?"

Wieder das gleicheJa!"

Durchbohrend ruhte des Varons Blick auf dem Ge­sicht des ihm gegenüber stehenden Direktors.

Wann?"

Vor fünf Tagen."

Ordnungsgemäß?"

Ordnungsgemäß!"

Gut. Ihre Anstalt birgt eine Irrsinnige, eine junge Deusche?"

Der Direktor nickte.

Wie ist deren Zustand?"

Der Gefragte zögerte. Sollte der Baron ahnen, oder gar wissen? Einen Augenblick nur, dann antwortete er fest und sicher:

Leider tot."

Tot?"

Bei einem Fluchtversuche, der Wirkung ihrer Tob- sucht, ist sie von der Umfassungsmauer gestürzt und hat den Hals gebrochen."

Sie haben doch di« Angehörigen der Toten benach­richtigt?" -V

Noch nicht!"

Und warum nicht?"

Die Berhältnisie sind sehr verwickelt!"

Der Baron erhob sich. Er schritt auf den Direktor zu. Er legte die Hand auf dessen Schuller.

Seine Stimme zitterte.

Sie sind ein infamer Betrüger!"

Mein Herr"

Ich wiederhole. El« Mw em Nstumer Toemrgerr' Der Direktor richtete sich drohend auf und rief:Sie erdreisten sich.'

Ein leiser Druck. Die Portiere rauschte nieder. Char- lotte und Falkner standen vor dem Erstaunten.

Verwünscht!"

Der Ueberraschte knirschte mit den Zahnen.

Sie sind ein infamer Betrüger. In Ihrer Abwesen- beit habe ich Ihre Geheimakten durchforschen lassen." Der Baron machte eine abwehrende Bewegung.Mich ekelt! Soviel Schmutz, soviel Unrecht, soviel Betrug klebt an Ihrem' Gewissen! Dutzende von Unglücklichen halten Sie inhaftiert, ohne jede Kankheitsursache, nur weil man Ihnen diesen raffinierten Menschenmord mit Gold aufwiegt. Für diese Deutsche da er zeigte auf Charlotte zahlt Ihnen ein gewißer Kommerzienrat Wohlbrink jährlich sechstausend Mark Schweigegeld. Ihre Bücher geben den Ausweis. O, wieviel Blut haftet an Ihnen!"

Der Direktor zitterte vor Wut. In sein Auge trat ein unheimliches Raubtierglühen.

Sie werden die Anstatt nicht wieder betreten. Klar- heit und Gerechtigkett! Drohend hob Baron Friedheim die Hand empor. Die Untersuchungskommission hat be­reits ihr Werk begonnen. Das Personal ist verhaftet. Heber Sie wird der höchste Gerichtshof urteilen.

Im gleichen Augenblicke machte der Direktor eine heftige Bewegung und griff nach seiner Brust. Eine Pistole blitzte in seiner Hand.

Gurgelnd stieß er einen wilden Fluch hervor.

Ein Schuß krachte.

Er hatte dem Baron gegolten. Dicht an seinem Kopfe sauste er vorbei. Pfeifend schlug die Kugel in die hohe Fensterscheibe. Kllrrend stürzten ihre Scherben zu- sannnen.

Abermals hob der Tolle die todbringende Waffe.

Der entsetzlichen Gefahr nicht achtend, sprang Falkner herzu. Aber noch ehe er vermochte, dem Schurken die Pistole zu entreißen, hatte dieser den Lauf gegen die eigene Sürn gerichtet.

Ein Knall das dumpfe Aufschlagen eines Kör­pers.

Ein letztes Röcheln, ein paar Blutflecke.

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Die Durchsicht der Eeheimakten hatte klar die Schuld des Toten erwiesen. Gegen eine jährliche hohe Summe von sechstausend Mark hat er sich dem Kommerzienrat gegenüber verpflichtet, Charlotte Fertas als Irrsinnig« in "seiner Anstalt bis zu deren Tode gefangen zu halten. Sollte aber ihr Ableben bereits in den ersten drei Iah- ren ihres Aufenthaltes daselbst erfolgen, so wurde ihm eine Extrasumme von fünfzehntausend Mark garantiert. Wie ausgefeimt und wie gemein!

* Noch an dem gleichen Abend spielte der Telegraph in die Heimatstadt Charlottens. Die Kriminalpolizei erhielt Auftrag, in aller Stille den Kommerzienrat zu verhaften. >

Leider kam der Bescheid zurück, Wohlbrink habe sich mit Gattin ins Ausland begeben. Verhaftung und Auslieferung würden daher große Schwierigkeiten berei­ten. Die deutsche Polizei erwarte weitere Jnformattonen und wolle alles tun, die Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen.

Da war es Charlotte, die ihr edles Gemüt aufs schönste betätigte. In herzlichen Worten bat sie, von einer Verfolgung der Schuldigen, die schon durch den jähen Tod ihrer einzigen Tochter schwer gestraft feien, Abstand zu nehmen. Ihr Herz sei des Dankes gegen Gott so voll, daß sie nicht nach Rache dürste und gern vergessen und verzeihen wolle.

In freudigem Stolze zog Falkner die Geliebte an seine Brust und da er ihre Bitte warm unterstützte, wil­ligte der Baron schließlich ein, die Angelegenheit auf sich beruhen zu lasten und die Vergeltung dem ewigen Rich- irr anheim zu stellen. (Schluß folgt)

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