FuldaerZertung
Anzeiger für die Sfabf und den kreis Fulda. Amtliches kreisblall.
Nr. 126.
«erantwortlick für die Schritt!eit,in»: Tr- Johannes Kramer-
Anreisenr 3- $ arreller, Fulda. Rotationsdruck und «erlag der
Fnldoer »dictiinidetei in Fulda. Fernfvrecher Nr- S.
Monatlicher SerugSdrel?: 1.50 sst.
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Mittwoch, 3. Juni 1925.
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52. Zahrg.
Ein Millionenkredit für Oesterreich ?
wtb Wien, 2. Juni. (Tel.) Wie der »Morgen" meldet, hatten die in den letzten Tagen zwischen der österreichischen Regierung und der Vertretung des Völkerbundes, insbesondere die mit Generalkommissar Dr. Zimmermann geführten Verhandlungen das Ergebnis, datz sich Generalkommissar Dr. Zimmermann bereit erklärte, bei der nächsten Völkerbundskagnng im Juni zu befürworten, datz ein Betrag von 18 Millionen Dollar aus krcdikrefken für Oesterreich freigegeben werde. Der Betrag soll für die E i e k k r i s i e r u n g der österrreichischen Bundesbahn verwendet werden. Dr. Zimmermann knüpfte die Freigabe an die Bedingung, datz mit diesem Betrage das Jmrcstierungsprogramm für 5 Jahre bestritten werde. In maßgebenden österreichischen Kreisen ist man der Ansicht, datz die Befürwortung Dr. Zimmermanns genügen werde, um die Freigabe zu erlangen. ______________________
Zspan und China.
Unruhen in Schanghai. — Chinesische Forderungen.
Die in den laufenden Tagen der vergangenen Woche ausgebrochenen japanfeindlichen Unruhen in Schanghai dauern an. Es fand eine sehr erregte Versammlung der chinesischen Handelkammer statt, an der etwa 1500 Studenten und Arbeiter teilnahmen. Der Vorsitzende der Handelskammer wurde gezwungen, einen Aufruf zu unterzeichnen, in dem der Generalstreik erklärt wird. Die Versammlung faßte ferner eine Reihe exremer Entschließungen, u. a. folgende: Boykott
der ausländischen Banken und Banknoten, Kontrolle der städtischen Polizei durch Chinesen, Zurückziehung der ausländischen Kriegsschiffe aus dem Gebiet des Huang Pu Flusses, Freilassung der verhafteten Aufrührer, Bestrafung der Mörder der Studenten und Arbeiter, Entschädigung für die Opfer der Unruhen und einstweilige Einstellung der städtischen Steuereinziehung. Ein Redner in der Versammlung, ein Arbeiterführer, der mit großer Erregung gesprochen hatte, brach mitten in seiner Rede tot zusammen. Die Studenten versammelten sich früh 11 Uhr, als der Streik beginnen sollte, in der Hauptstraße und gingen gegen die Polizei zum Angriff vor, wurden jedoch von dieser, die sich der Feuerlöschmaschine als Abwehrmittel bedienten, zürückgetrieben. Daraufhin rissen die Aufrührer das Straßenpflaster auf und bewarfen die Polizei mit einem Hagel von Steinen. Eine Reihe von Polizeibeamten und Neugierigen trugen Verwundungen davon. Nachdem die Polizei die Unmöglichkeit, die Angreifer ohne Waffengewalt zurückzutreiben, einschen mußte, feuerte sie in die Menge. Fünf Personen wurden ernstlich verwundet, worauf die Menge sich zerstreute. Die Stadtverwaltung hat den Ausnahmezustand proklamiert. Die Studenten versuchen die Arbeiter in den lebensnotwendigen Betrieben zur Teilnahme an dem Streik zu bewegen. Die Stadtverwaltung hat dementsprechende Gegenmaßmnahmen ergriffen. Ein Student griff in einer Nebenstraße einen Beamten der britischen Militärpolizei an. der in der Notwehr den Studenten durch einen Schuß ernsthaft verletzte. Zurzeit herrscht Ruhe in der Stadt. Die Lage ist jedoch zweifellos ernst. Die weitere Entwickelung hängt wesentlich von dem Ausmaß der Beteiligung der Sozialisten ab.
KrManö.
| aus nächster Nähe, unmittelbar neben dem Kommandoturm, von dem aus der Start geleitet wurde, das Abfliegen verfolgen konnte. In langer Reihe, wie zur Attacke bereite Kavallerie, stehen die Maschinen, ihr Metalleib glitzert in der Moruensonne, die Prvpeklsr surren, um den Motor noch einmal kurz vor Abfahrt zu prüfen. Am Steuer haben dis einzelnen Maschinen verschiedene Farben: es zeigt die drei Klassen an, in die die Wettbewerber eingeteilt sind: die leichte Klasse mit Motoren unter 40 PS., ist mit Weiß aekennzeichnet, die mit Motoren zwischen 40 und 80 PS. mit rot und die von 80 bis 120 PS. mit blau. Alle Flugzeuge haben Nummern, die zwischen 600 und 700 liegen. Das groß D vor den Nummern (Deutschlands ist auf allen Maschinen, bedeutet also keine Klassenunterschiede. Das größte Interesse wendet sich vor ollem den l e i ch t en Maschinen zu; sie müssen unter sehr schweren Bedingungen sich der Leistungsprüfung unterziehen und sie wollen es, um zu beweisen, daß sie halten, was sie im Segelflug versprochen haben. Doch manche sehen gar zu winzig aus und man bekommt es mit der Angst, stell! man sich vor, diese kleinen Maschinen mit den schwachen Motoren kommen in Gewitterfturm!
Aber sie wagen alle den Flug. Hie und da muß eine Maschine, nachdem sie eben den Kreis
um das große Flugfeld zog, wieder herunter: oben in der Luft zeigt sich, daß irgend etwas am Motor
— Tas Ende des Kurdenausstandes. Mustafa Kemal Pascha hat einen Erlaß unterzeichnet, der die Demobilmachung verschiedener seinerzeit weoen des Aufstandes unter die Fahnen berufener Jahrcs- klassen anordnct. Die Gerichtshöfe zum Schutze der Unabhängigkeit der Türkei und die Kriegsgerichie bleiben weiter bestehen. In der Kundgebung, die aus Anlaß der Demobilmachung erlassen worden ist, beglückwünscht der Präsident der Republik die
und Kommandeure zu ihren im ucc «uti zeigt p-y- vag .rgeno etwas Kampfe gegen die Aulstandiicken errungenen Eriolgen. ! den S7Q-
r Inmitten der großen Debatten im Reichstag sind sehr bedeutsame Ausführungen nicht mit der wünschenswerten Ausführlichkeit breiterer Oeffent- lichkeit zugänglich gemacht worden. Das gilt vor allem auch für die Ausführungen, die der Äbgeord- -nete Bell zur Kolonialfrage machte. Kein anderer wie Dr. Dell, der Vizepräsident des Reichstages -und letzte Kolonialminifter, ist mehr dazu berufen, iüber diese Dinge zu sprechen. So kam es, daß Dr. Dell für seine Ausführungen im Hause das allergrößte Interests fand. Es ist aber notwendig, um die Wirkung der Ausführungen zu vertiefen, sie auch weiteren Kresten des In- und Auslandes durch irre Preße bekannt zu geben. Minister Dr. Bell verbreitete sich über das Kolonial-Problem in fol- genber Form:
Sie werden sich erinnern, daß die als Grund- Vsge des Waffenstillstands und Friedensvertrags rms feierlichst zugesicherten 14 Punkte Wilsons uns ckm Art. y eine „freie und weitherzige, dabei völlig . unparteiische Schlichtung aller kolonia- ke n Ansprüche" ausdrücklich zusicherten. Was kst statt besten geschehen? Unter unerhörtem Wort- bruch eine gezwungene, engherzige und dabei durch- > aus parteiische Ausschaltung oller berechtigten kolonialen Ansprüche Deutschlands. Dabei hat man den gewaltigen Raub unseres gesamten Kolonialbesitzes mit dem Mantel des Rechts und der Gerech- Kgkeit zu verdecken gewußt, indem man uns den ungeheuerlichen Vorwurf ins Gesicht schleuderte, durch unsere Kolonialpolitik, vor allem durch die Behandlung der Eingeborenen hätten wir dauernd den Anspruch verwirkt auf Mitwirkung der kolonisatorischen und zivilisatorischen Arbeit der Kulturnation, und müßten daher durch fortgeschrittene Nationen ersetzt werden. Als Reichskolonialminister bin ich damals in Weimar und Berlin, in der Prssie und in Versammlungen, in Denkschriften und Kundgebungen unter Beibringung unwiderlegbaren Materials dieser Kolonialschuldlüge mit allem Nachdruck entgegengetreten. Ich habe mich in einem * Briefe an Wilson und in einem Vorschläge an die ' Entente erboten, vor einem auszuwählenden Forum zu erscheinen und über alle Kolonialklagen un- ter Beibringung zuverlästigen Materials uns zu rechtfertigen. Man hat diesen sicherlich korrekten Vorschlag keiner Antwort gewürdigt. Aber keine Antwort ist auch eine Antwort.
Als bann das Reichskolonialministerium sich auflösen mußte, habe ich es in meiner Abschiedsrede als das politische Testament des auf absehbare Zeit leider letzten Kolonialministers, zugleich aber auch als das heilige Grundvermächtnis" des Kolonialministeriums bezeichnet, den kolonialen Ge- d an t en in Deutschland nicht ersterben zu lassen, sondern ihn getreulich fortzupflanzen von Mund zu Mund, von Herz zu Herz, von Ort zu Ort, von Geschlecht zu Geschlecht.
Mit freudiger Genugtuung darf ich jetzt dem Reichstage die Visitenkarte übereichen der neuen
Französische Besorgnis.
wtb Ludwigshafen, 2. Juni. (Tel.) Die französische Besatzungsbehörde versuchk mehr und mehr, das Vereins- und Sportleben im befehlen Gebiet ihrer Kontrolle zu unterstellen. So verlangt der Bezirksdslegierte von Bergzabern ein besonderes Verzeichnis und eingehende Beschreibung sämtlicher Fahnen und Banner, der Vereine, Gesellschaften und Gruppen aller Art seines Bezirkes mit Ausnahme der von religiösen Ver- einen. Die Enthüllung von Fahnen und Bannern, Umzüge von Turn-, Spork-, Krieger- und ähnlichen Vereinen gelfcm als Beflaggung, sollen also der Anmeldepflicht und Genehmigung der Be- satzungsbehörde unterliegen. Der Bezirksdelegierke von Ludwigshafen erklärte die turnerischen Bestrebungen als Vorbereitungen zum Militärdienst, weshalb die Befahungsbehörde ein besonderes Augenmerk darauf zu richten trabe. Tu^.erikche Veranstaltungen feien daher rechtzeitig der Be- fahungsbehörde anzumelden.
Ministerpräsident Held erinnerte, nachdem er ben Willkommgruß der bayerischen Staatsregierung dargebracht hatte und sodann der Aufgaben des Verkehrs im Gemeinschaftsleben eines Volkes und der Völker gedacht hatte, daran, daß Bayern 4n der Ausbildung der Verkehrswege und in der Verwendung der Verkehrsmittel an der ersten Stelle unter den deutschen Ländern gestanden habe, was in der Nürnberg-Fürther Eisenbahn, in der Automatisierung des Telephonverkehrs, sowie in »en großartigen Werken des Straßen- und Wasserbaus zum Ausdruck komme. Der Ministerpräsident betonte sodann, daß die Verkehrs-Ausstellung die Möglichkeit einer historischen Betrachtung «er Gntroitflung des Verkehrs und der Verkehrs- wmel biete und einen Ueberblick über den gegen- wartigen Stand des Verkehrs und auch einen Äus- oiuf in die Zukunft gebe. Sie fei dazu berufen, «n Gegenstand stolzer Erinnerung, ein Denkmal ungeschwächten Selbstvertrauens und ein auf- muruernber Hoffnungsstern auf dem Wege in die inifra 311 fein- Denn man könne Deutschland unh mmart Niederhalten, ihm wider alles Reckt
LUr Gebietsteile rauben, es wirtschastich eän»r^aIten unö politisch demütigen, aber nicht ne man dem Deutlcken den Erfindungsgeist, die
deutsche Schaffenskraft und die Schaffensfreude rauben. Das fei die Uebergeugung, die man aus dem Bilde dieser Ausstellung gewinnen könne. Dr. Held schloß mit dem Wunsch, daß die Ausstellung neue Grundlagen für den Wiederaufbau unseres Volkes nach innen und nach außen legen möge.
Reichswehrminister Dr. Geßler betonte in feiner Ansprache, daß auf die Dauer es nicht möglich fei, sich durch künstliche Mittel im Wettbewerb zu erhalten, sondern daß nur die eigene Kraft etwas erreichen könne, die in der Gediegenheit be^ Leistungen zum Ausdruck kommt.
Deutschlands Recht auf Kolonien.
Me Kolonialschulölüge. — Der Koloniale Gedanke. — Die Notwendigkeit von Kolonialbesitz für Deutschland.
Die deutsche Verkehrsausstellung.
wurde am Samstag m München unter Teilnahme Taufender von Ehrengästen aus allen Teilen des Reiches und Oesterreichs eröffnet.
Staatssekretär Ritter v. Frank führte nach Be- nmlkommnung unter anderem aus: Die Verkehrs- Ausstellung soll keine Messe, sondern die Schau des deutschen Erfindungs- und Unternehmungsgeistes auf allen Gebieten des Verkehrs, eine Satte der Belehrung und Anregung und schließlich auch em Gradmesser der deutschen Leistungsfähigkeit überhaupt fein. Damit soll die Ausstellung vor allem auch der außerordentlichen .Welt beweisen, daß wir trotz aller Fesseln des .Friedensvertrages in der Organisation und der JÖHatität ber Arbeit immer noch an erster Stelle Pxhen. In der damit verbundenen Wiederanknüp- fung der verloren gegangenen Wirtschaftsbeziehungen liegt die vaterländische Mission der Verkchrs- Ausstellung, der Einigungsgedanke, den uns un= Kere Lage heute mehr denn je aufzwingt, soll und wird auch bei den Veranstaltungen der nächsten
kolonialen Vereinigung, die sich aus, kolonialinteressierten Parlamentariern ohne Unterschied der Parteien von rechts und links zusammen- setzt. Wir betrachten es als unsere vornehmste Aufgabe, in diesem Sinne praktische Kolonialpropaganda zu treiben und auch das deutsche Volk zu befreien von dem Brandmal der Kolonialschuldlüge. Vor der ganzen Kulturwelt müssen wir, frei von jeglichen imperialistischen Bestrebungen gerade 'etzt, da die Kriegspsychose allmählich den Platz räumt der Verminst und Besonnenheit, nachdrücklich erneuern Deutschlands Ansprüche auf Wiederherstellung eines feiner Größe, Bevölkerungszahl und Leistungsfähigkeit entsprechenden Kolonialbesitzes. Dazu kommt, daß uns Gelegenheit geboten werden muß, das uns gewaltsam und widerrechtlich entzogene Betätigungsfeld für ideale Bestrebungen kultureller, humanitärer und wissenschaftlicher Art wiederzugewinnen. Nach seiner ganzen Vergangenheit, seiner durch die Jahrtausende bewährten Kultur, seinen auch von allen gerechten Gegnern anerkannten kolonisatorischen Fähigkeiten, feinen durch das mächtige Emporblühen der noch vor wenigen Jahrzehnten bedeutungslosen und unwirtschaftlichen Kolonien unwiderlegbar erwiesenen kolonisatorischen Leistungen, seinen nach überstandenen kolonisatorischen Kinderkrankheiten erfolgreichen Bestrebungen um wirtschaftliche und sittliche Förderung der Eingeborenen, vor allem auch der segensreichen, opfervollen Kulturarbeit feiner Mission, hat Deutschland dauernden Anspruch auf praktische Mitwirkung an der Aufgabe aller Kultur- ftaaten zur Aufwärtsentwicklung unkultivierter Völker.
Trügen nicht alle Anzeichen, bann ringt sich diese Ueberzeugung, die längst Gemeingut der neutralen Länder geworden ist, auch allmählich durch bei unseren ehemaligen Kriegsgegnern. Nur darf deren Entgegenkommen nicht darin Ausdruck finden, daß zwar sowohl England wie Frankreich uns unseren Kolonialbesitz zurückgewähren wollen, aber jedes dieser Länder mit Ausnahme des ihm selbst übertragenen Kolonialmandats.
Soll der Geist der Versöhnung und der Gerechtigkeit wirklich wieder ben ihm gebfihrenben Platz in ber Kulturwelt erhalten, soll Europas Vefrie- bung aus ben Nebelgsbilden bes Phantoms heraus- tretenb, Fleisch und Blut gewinnen, bann muß man auch auf Wiederherstellung unserer schwer gekränkten nationalen Ehre unb Würbe behackt fein unb unseren berechtigten kolonisatorischen Ansprüchen gerecht werben. Dann aber sprechen wir die Erwartung aus, daß nicht wieder ungehört verhalle unser Ruf an die gesamte Kulturwelt: „Gebt uns unsere Kolonien wieder!"
Es ist zu erwarten, daß dieser Rus nun alsbald Gehör findet. Die koloniale Frage bars nicht ruhen. Sie ist ursächlich verknüpft mit der Schulbfrage schlechthin unb ehe diese Dinge nicht bereinigt finb, kann es keine Ruhe auch in ben Beziehungen Deutschlanbs zu bem Auslande geben.
Berlin, Pfingstsonntag 1925.
Es ist, ber Zahl der teilnehmenden Flugzeuge nach, die größte Flugveranstaltung, die es bisher nicht nur in Deutschland, sondern auf der ganzen Welt gab. Fast 100 Flugzeuge werden 10 Tage lang versuchen, eine Flugstrecke von der Entfernung Deutschland—Newyork auszufliegen.
Pfingstsonntag Morgen, um vier, begann es. Der Berliner Startplatz ist das Tempelhofer Feld, der große Truppenübungsplatz und das Paradefeld des kaiserlichen Deutschland. Ader wohl kaum hat zu irgend einer der Kaiserparaden | eine größere Menge sich auf den Weg gemacht. Obwohl, oder vielleicht gerade weil es so früh war. Es war etwas ganz besonderes, die Stadt, die Weltstadt, die rings um das Tempelhofer Feld sich wie eine Steinwüste dehnt, bei Sonnenaufgang zu sehen; man kennt sie zu jeder Tageszeit und zu jeder Nachtzeit — aber sicherlich sieht man sie tausendmal mehr zur Mitternacht als zum Sonnenaufgang! Also diesmal war es anders. Um Drei begann der Verkehr: Autobusse, die elektrische Bahn, die Stadtbahn, die Untergrundbahn (obwohl der direkt am Flugplatz liegende Bahnhof noch nicht im Betrieb ist), unzählige Privatautos und unabsehbare Menschenmafsen strömen aus der inneren Stadt heraus nach Süden, kommen aus den nördlichen, westlichen und östlichen Vororten; unb auch in den östliche unmittelbar am Platz gelegenen Massenquartieren Neuköllns wirb es iebenbig. Cs mögen wohl an bie Dreihunberttaufenb gewesen sein!
Unb biefen Dreihunberttaufenb bot sich beim auch ein wunberbares Schauspiel — sicherlich hat nie eine Parabe einen solchen Einbruck hinterlassen. Drei Kanonenschläge brohnten — bie über den Platz verteilten Kapellen begannen mit Musik — bie Startfahnen senkten sich — unb in Abstän- ben von wenigen Minuten brausten bie Flugzeuge los, um bie erste Schleife über Schwerin, Hamburg, Bremen, Münster, Cassel, Magbeburg auszuführen.
Es war wirklich ein unbeschreiblich schönes Schauspiel. Wir überholten im Auto bie Menschenmassen unb rasten auf ber neuen Autostraße quer über ben Platz zu bem Startplatz vor bie Hallen. Hier hatte man unmittelbar vor ben Funktürmen, die wie zwei gewaltige Pfeiler in bie Luft ragen, ■ der Preße einen Platz eingeräumt, von ber man I
j wachsen ist; aber nach kurzem Herumbasteln am Apparat geht es wieber heraus unb biesmal nicht I wieber herunter, fonbern bie Maschine verschwin- I bet in norbwestlicher Richtung über bem unenb» I liehen Häusermeer — Richtung Schwerin.
I Alle verschwinden sie dort. Immer schneller I folgt Start auf Start. Das Brausen und Surren I der wirbelnden Propeller erfüllt die Luft, der Wind I aus den Propellern wirbelt Staubwolken auf. Da I steht plötzlich — als wollte auch der Himmel feinen I Gruß den ihn bestürmenden bieten — ein Pracht- I voller Regenbogen wie ein gewaltiges Far- I bentor am westlichen Himmel und nun ist es, als flögen sie alle in dies himmlische Tor . . .
Um sieben war ber letzte fort. Berlin wartet, I es wartet gebulbig auf bem Platz, bis sie zurück- I kommen. Sie müssen ja, nachdem sie ihre Schleife I unb bie vorgeschriebenen Landungen ausgeführt, I nach Berlin zurück. An großen Gestellen, überall I auf dem Flugplatz, verkünden große Ziffern bem I Publikum, wo bie einzelnen Maschinen sich befin- ben. Um eine Unterhaltung ben langen, aber fon» I nig-heiteren Sonntag über zu bieten, gibt es — I außer Musik — Schauflüge, Kunststücke in ber Luft. I Abspringen mit Fallschirm, Purzelbäume in ber I Luft, die sogenannten „Loopings", unb besonders I amüsant und die Menge zu wahren Begeisterungs- I ausbrüchen veranlaßend, die Jaad der Dovpeldecker I nach Luftballons, bie von ben Menschen ba unten I bouernb in bie Luft gelassen werden. Bravorufe, I wenn es dem Doppeldecker glückt, den kleinen, roten Ballon zu durchfchneiden und fröhliches Gelächter, I wenn er ihn verfehlt unb nun wieber im großen I Kreis einen Anlauf nehmen muß, — wie sich I Schwalben auf Fliegen stürzen.
I Cnblich am späten Nachmittag Sirenen — ber I erste ber Rückkehrer gesichtet! Richtig, ba ist er schon: eine große, blaue Maschine, sie zieht einen I Kreis, senkt sich unb gleitet zwischen bie Lanbungs- I feuer am Ziel! Wie er hopsenb mit ben Räbern I ben Boden berührt, begrüßt ein Kanonenschuß ben I Ankömmling.
Bon etwa halb sechs nachmittags an werben bie Salutschüße häufiger: immer mehr finben sich ein. Inzwischen verkünden gewaltige, in drei Türmen über den Platz verteilte Lautsprecher, wie weit die anderen Flugzeuge sind.
Montag ist Ruhetag, ben aber alle bie Flieger, welche heute ihre Schleife nicht vollenben konnten, zum Flug benutzen können. Dienstag ist wieder großer Start — aber so viele wie heute werbe» es wohl nicht mehr fein, beim manche werde« ausscheiben — unb bie zweite Schleife, bie ja dicht bei Fulda vorbei, wenn nicht über bie Stabt selbst führen wirb, wirb ausgeflogen: Berlin, Ha- nover, Paberborn, Marburg, Gießen, Frankfurt, Darmstabt, Rbön, Gotha, Weimar, Chemnitz, Dres- ben, Berlin. Die einzelnen Klaßen haben bei jeber Schleife verschiebene Lanbungsplätze, so werben bet dieser Schleife bie leichtesten Flugzeuge in Hannover unb Darmstadt, die schweren in Frankfurt, Weimar und Dresden unb bie mittleren in Paberborn, Gotha unb Chemnitz lanben müßen.
In fünf solchen Schleifen werben bie Maschinen unser Vaterlanb überfliegen: bis Bayern, Württemberg, Schlesien, Pommern unb Westfalen und sie werben am Abenb wieber hier sein — als sei bas nur ein kleiner Tagesausflug gewesen — so klein wird ber Raum unb so werben bie großen Entfernungen überbrückt. Sicherlich ist bas Flugzeug von allen Maschinen, bie bie moberne Entwicklung gebracht bat unb mit benen sie nicht immer das Dasein verschönert hat, die sympathischste, fast möchte ich sagen: bie liebenswürdigste. Ist sie doch eine ber wenigen, welche wirklich eine Menschheits- sehnsucht erfüllt hat: ber Mensch kann fliegen! Noch währenb ich bies zu Ende schreibe, höre ich vom Hellen Abendhimmel her das Surren ber heimkehrenben Flugzeuae, bas Siegeslieb ber ftre-
Der Start zum deutschen Rundflng
Von Dr. Alphons Nobel.