uldaerZertung
Anzeiger für die Stadl und den Kreis Fulda. Amtliches Kreisblakk.
nr. 106.
Berantwortli» fflt die Schriftlenung: Dr. JvbanneS Rramer. Ameise«: 3- $ arreller, Srilba. Rotationsdruck und Verlag bet Salben 9 di er brr derer in Pftslbo. Fetnivrecher Rr- S.
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Sreitag, S. Mai 1925.
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52. Zahrg.
Was wird aus dem Sicherheitspakt?
Nachklänge zur Hindenvurgwahl.
Aus parlamentarischen Kreisen wird uns geschrieben:
Die Verhandlungen über den von der Deutschen Reichsregierung der Gegenseite vorgeschlagenen Sicherheitspakt dürften jetzt in Fluß kommen. Die Entscheidung liegt, nachdem das Angebot von deutscher Seite nun einmal gemacht ist, nicht mchr bei uns, sondern bei der Gegenseite. Eine offizielle Aeußerung, auch über die Grundfragen, ob das Angebot die Basis für Verhandlungen bieten könne, ist von der Gegenseite noch nicht erfolgt. Jedoch haben schon vor der lieber* reichung des Anerbietens diplomatische Sondierungen ergeben, daß ein Pchkt in den vorbezeichneten Formen nicht ohne weitens eine Ablehamng erfahren würde.
Die Haupffchwierigkeiten liegen jetzt noch in der Frage des Beitritts Deutschlands zum V ö lk e r b u nd. Frankreich will, und zwar unter Berufung auf die in der Präsidentenwahl im Deutschland geschaffene Lage, jetzt mehr als zuvor diesen Beitritt als die Voraussetzung für den Abschluß des Paktes fordern. In England durste man im allgemeinen geneigt fein, diese Forderung als unerheblich für den inneren Wert und di^ Garantie des Anerbietens zu betrachten. Daß die Frage des Eintritts Deuffchlands in den Völkerbund mit der Räumungsfrage unsächlich zusammenhängt, will man in Frankreich offenbar nicht einsehen. sEs ist für Deutschland doch ganz undenkbar, dem Wölkerbunde beizutreten, wenn ein großer Teil Deutschen Gebiets widerrechtlich noch v«m fremden Bcsatzungstruppen okkupiert ist. Ein Eintritt Deutschlands in den Völkerbund könnte nur dann in Frage kommen, wenn die Räumung des Ruhrgebiets und selbstverständlich auch die Räumung der Kölner Zone zuvor erfolgt sind.
Don dieser Forderung kann und. wird die Deutsche Reichsregierung nicht abgehen. Es wird mm bei der Gegenseite liegen, sich darüber schlüssig zu werden, ob sie die Verständigung ermöglichen will. Die Gegenseite muß auch einmal den Empfindungen Deuffchlands Rechnung tragen, denn
Entdecktes Komplott in Japan.
"rtb Paris, 7. Mai. (Tel.) Wie eine im „pefif parlsien" veröffentlichst Meldung aus Tokio besagt, Hal die fapanifche Regierung ein umfangreiches Komplott gegen den Premierminister und gegen mehrere Kabinelksmilgliedeir aufgedeckl. Einer der haupfföchlichsten Führer, der der nationalistisch-konservativen Partei angehörende Abgeordnete Archida, sowie zwei andere Rationallisten seien verhaftet worden. Die Verschwörer hatten den Premierminister ermorden wollen, um gegen die kürzllch erfolgte Ginfiti)rung des allgemeinen Stimmrechts in Japan zu protestieren, eine Maßnahme, die nach ihrer Meinung dem Lande schaden werde. 1
Das Eisenbahnunglück
im polnischen Korridor.
Nach einer Blättermeldung aus Danzig fft der »£2?Gutsbesitzer Wuertz aus Ko- kojchken bei Preuß. Stargard verhaftet wor- ®etl die Winde, die in der Nähe der Un= glucksstelle gefunden worden ist, von seinem Gute stammen soll. Zu dieser Nachricht bemerkt das "B. T.": Angesichts dieser Verhaftung muß das größte Befremden darüber ausgesprochen wer- den, daß seitens der zuständigen polnischen Behörden immer noch keine auf Tatsachen gestützte Erklärung vorliegt, obwohl seit der Katastrophe fast eine Woche verflossen ist. Bisher sind von polnischer Seite nur unbegründete Vermutungen ausgesprochen worden. Die deutsche Oesfentlichkeit kann verlangen, daß der Abschluß, der Untersuchung beschleunigt und das Untersuchrlngsergebnis offiziell bekannt gegeben wird.
Wie die „Seit* erfährt, sind die Vorbereitungen der Reichsregierung soweit fortgeschritten, daß für die allernächsten Tage der Anttag auf Einberufung des Schiedsgerichts bevor- steht, das in dem Pariser Abkommen zwischen Deuffchland, Danzig und Polen vom April 1921 vorgesehen ist für alle Streitfragen, die sich aus dem Durchgangsverkehr durch den Korridor ergeben. Wie das Blatt bemerkt, wird es in politischen Kreisen für selbstverständlich gehalten, daß das Schiedsgericht, das unter dem Vorsitz des dänischen Konsuls in Danzig steht, eine neutrale Sachverständigenkommission mit der Nachprüfung der Stteckenoerhältniffe im Korridor beauftragt.
Deutsche Landwirtschaft.
- der bedrohte Winzerstand. Die Zentrums, fraktion ves Reichslags ersuchte die Reichsregieiung in einem Anträge zur Erhaltung des dem Ruin ent. gegengehenden Winzerstandes, mit großer Beschleunigung einen langfristigen Kredit von 80 Millionen zu ermäßigtem Zinsfüße zu gewähren und sofort^ die Weinbaugebiete zu Notstandsgebieten zu erklären.
— ventscher vanerntag 1925. In Verbindung mit der Jahrtausendfeier der Rheinlande findet der dies- jährige Deutsche Bauerntag, veranstaltet von den 28 deutschen Bauernvereinen und den Bauernvereinsor- ganisationen Deutschlands anfangs Ium in T rier statt.
* Eine Bombenexplosion. Durch eine Bomben- hlosion in einer Borstadt von Pittsburg sind 8 ersonen getötet und drei Häuser zerstört wor-
schon die Tatsache des Angebots und mehr noch fein Inhalt haben ohnehin ernste parteipolitische Konflikte geschaffen selbst in jenen Lagern, in denen die für das Anerbieten verantwortlichen Persönlichkeiten stehen.
Die Deutsche Reichsregierung ist jederzeit bereit, auf der von ihr angegebenen Grundlage mit der Gegenseite über ein beiderseitiges Einvernehmen zu verhandeln. Es ist dabei Voraussetzung nicht nur die Gleichberechtigung in den Verhandlungen sondern auch die gleiche Behandlung bezüglich der Sicherung, denn Deutschland hat nicht minder Anspruch aus Sicherungsgarantien gegenüber Frankreich, wie Frankreich sie gegenüber Deutschland zu haben glaubt. Ader darüber kann und darf die Oesfentlichkeit in Frankreich sowohl wie in England nicht im unklaren gelassen werden, daß Abmachungen dieser Art ohne hie vorangegangene RäumungdesRuhr- gebiets und der Kölner Zone nicht in Frage kommen können.
Frankreichs Forderung.
wtb Paris, 7. Mai. (Tel.) Das „Petit Journal" berichtet, daß die 2(ntroort der französischen Regierung auf das deutsche Angebot eines Sicherheitspakts ihre endgültige Form erst nach dem Ministerrat annehmen könne, der am Samstag zufammenlrete. Es sei möglich, daß nach dieser Beratung die Antwortnote abgeSn- dert werde. Rach Ansicht der französischen Regierung sei es im streng juristischen Sinne nicht möglich, daß D e n l i ch l a n d über die Bedingungen eines Pakts verhandeln könne, bevor es seinen Zutritt zum Völkerbund nachgesucht habe. Es verstehe sich von selbst, daß dieser Vorbehalt sich nicht auf die Verhandlungen beziehe, die die Alliierten unter sich über den Sicherheits- Pakt einleiten könnte»! und daß dieser Meimmas- austausch unverzüglich aufgenommen werden könne.
fhis dem Kelche der Mitte.
Hungersnot und Bürgerkrieg in Chino.
In der Provinz Kweitschou herrscht Hungers, not. Die Einwohner ernähren sicki von Blättern und verkaufen ihre Kinder gegen Reis. Katholische Missionäre berichten von Fällen von Äaniba» HS mu 8.
Reuter meldet aus Peking: Verschiedenen Berichten zufolge droht der Ausbruch neuer Feindseligkeiten zwischen dem Marschall Tschangsolin, der Ostchina von Mukden bis Schanghai beherrscht, und dem sogenaunten christlichen General Fengyusian.
* Tie japanisch. amerikanischen Beziehungen. Reuter meldet aus Tokio: Der Minister des Aeußern Baron Schildehara drückte in einer Rede sein Ver. trauen auS, daß die Freundschaft zwischen Amerika und Japan zunehmen werde, da beide Regierungen sich bemühten, die Einwanderunassrage verständig zu behandeln. Er glaube, daß eine E i n s ch r ä n ku n g der Weltrüstuvgen innerhalb gewisser Grenzen möglich sei.______
Erwischte Verbrecher.
wtb Kopenhagen. 7. Mai. (Id.) Die die Ritzausche Rachrichtenagentur berichtet, hat die Polizei zwei Personen verhaftet, die sich zur Verfügung des hiesigen Sowsetvertreters Kobehki ge- stellt hatten, um die Minister Sfunfng und Bergbyerg sowie andere zu ermorden und eine Reihe öffentlicher Gebäude in Kopenhagen und in der Provinz einzuäschern. Kobehki brachte die Angelegenheit dem Ministerium zur Kenntnis, das die Fremden verhaften stcß. Es handelt sich um einen Schweden und eine Person, deren Rationatitüt zweifelhaft ist. Beide sind bekannte Verbrecher und baffen falsche Papiere bei sich. Die Polizei hat jedoch die Personalien fest- gestellt.
* Ueberschwemmungen in Berlin. DaS am Mitt« woch über Berlin niedergegangene erste Frühlingsgewitter, daS von einem wolkenbruchartigen Re» gen begleitet war, verursachte an mehreren Stellen der Stadt ffberichwemmungen. Die Feuerwehr wurde in etwa 50 Fällen alamiert, um Wasserschäden zu beseitigen.
* Zuchthaus für einen Polizeiwachtmeister. Das Schwurgericht in Berlin verurteilte den Polizeiwachtmeister Wolter wegen Totschlags und Totschlaqver« suchs sowie wegen Meineides zu 7 Jahren Zuchthaus. Wolter hatte im Dezember 1923 im Verlaufe eines Streites mit den drei Gebrüdern Lucas zwei von ihnen erschossen und den dritten verletzt. Gegen ben'überlebenben batte er unter Eid ausgesagt, daß er von den Gebrüdern Lucas angefallen worden sei. Dies wurde als unwahr festgestellt.
* Opfer ihres Berufs. In Atlanta (Georgia), sind bei einem Feuer in einem Baumwoll» lagerhails durch Einstürzen der Decke 6 Feuerwehrleute getötet und vier verwundet worden.
* Schlafwandler-Rekord. In einer kleinen Stadt in Australien verschwand kürzlich der Bahnhofsvorsteher von seinem Posten. Als man nach ihm suchte, fand man ihn 80 Kilometer von der Station entfernt, ruhig dahinmaschierend, einen Stock und eine Wasserflasche in der Hand. Er befand sich augenscheinlich in tiefstem Schlaf. Die Strecke, die er zu» rückgelegt hat, dürfte :üz Schlafwandler einen Rekord bedeuten.
Einspruch gegen die Präsidentenwahl
Die Vossische Zeitung will wissen, daß die sozialdemokratischeParteiEinspruchgegen die Gültigkeit der Reichspräsidentenwahl erhoben habe, mit der Begründung, daß in zahlreichen Fällen Wahlunregelmäßigkeiten vorgekommen seien.
Nach den Angaben des genannten Blattes soll sich der Wahlprotest auf Per stoße von Amtspersonen und auf Verletzung des § 75 der Reichsstimmordnung stützen, wonach die Wahlumschläge undurchsichtig fein müssen. Der Wahlprotest erkläre, daß die Nachprüfung der Unregelmäßigkeiten auch dann mit aller Sorgfalt vorgenowmen werden müßte, wenn das Gesamtergebnis dadurch nicht entscheidend beeinflußt würde.
Zeichen und Wunder.
Wir haben schon einmal daraus hingemieftn, daß die Berufung Hindenburgs als Reichspräsident plötzlich all die bisher in fanatischer Gegnerschaft zu dem neuen Staat stehenden Elemente bekehrt hat. So schreibt jetzt der deutschnationale „Tag":
„Durch die Wahl Hindenburgs zum Reichspräfiden- ten steht jetzt die Sache so, daß durch dieses Oberhaupt des Reiches Millionen und Abermillionen aus ihrer kritischen, ablehnenden, zum mindesten gleichgültigen Stellung gegenüber dem Gegenwartsstaate zu feiner Bejahung gezwungen worden find."
Also nach sieben Jahren kommt man auf dieser Seite endlich zur Bejahung des gegenwärtigen Staates, den mit den verwerflichsten Mitteln anzugreifen und zu bekämpfen man sich in diesem Zeitraum gerade in jenen Kreisen, die jetzt zu seiner Bejahung auffordern, nicht gescheut hat.
Wir können diese Einkehr und Umkehr nur als ein erfreuliches Ereignis buchen. Denn ie mehr positive Kräfte sich zusammenfinden, um den Staat, wie er heute ist, zu verteidigen und auf den neugeschaffenen Grundlagen Volk und Reich zur Wohlfahrt zu führen, um so besser.
Gerade wir vom Zentrum können heute darauf Hinweisen, daß jetzt mehr als jemals in der bisherigen Entwicklung der Erfolg der 3 en « trrmspolitif nach innen und außen in die Erscheinung tritt Es hat bisher noch von keiner Regierung, noch von keiner Partei, eine andere politische Linie eingeschlagen werden können als die, die das Zentrum angab und verfolgte. Wir müssen es geradezu als einen ganz außerordentlichen Erfolg imfere.r, der Z en - trumsPolitik, bezeichnen, daß die Erziehungsarbeit in der Zwischenzeit soweit fortgeschritten ist, daß nach der Wahl Hindenburgs zum Reichspräsidenten wir förmlich vor einer allgemeinen Umkehr stehen. Dieser Prozeß muß weiter geführt werden. Je länger unter bestimmender Teilnahme der Deuffchnationalen in der Regierung innere und äußere Politik gemacht wird, um so mehr und eindringlicher wird die Richtigkeit der vom Zentrum betriebenen Politik praktische A n - erkennung erfahren. Das ergibt sich aus den heftigen Auseinandersetzungen, da im deutschnationalen rechtsradikalen Flügel, den die „Deutsche Zeitung^ nertritt, überaus heftig gegen diese Regierung Sturm gelaufen wird. Dort wird soeben ausaesührt, daß alle Hoffnungen, die man an den Eintritt der Deuffchnationalen in die Regierung knüpfte, enttäuscht und nichts anderes übrig gelassen hätten, als „einen Berg von Scherben". Das Garantieangebot wird „schmählich" genannt, und es wird offen festgestellt, daß die heutige Außenpolitik nicht weiter als die Fortsetzung, ja die Steigerung b er Wirth- Ma r x's ch e n Erfüllungspolitik i st.
Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, wie notwendig es war und ist, die Deutschnationalen die Bürde der Verantwortung auskosten und sie einmal praktisch zeigen zu lassen, wie sie ihre Oppositionsversprechungen wahrzumachen gedenken, so wird es die jetzige Lage, in die die Deutsch- nationalen gedrängt sind, aller Welt deutlich erweisen.
„Gesellschaftliche Rücksichten".
Der Staatsminifter a. D. Dr. Kurt Freiherr von Reibnitz untersucht in einer interessanten Studie, die in der „Germania" veröffentlicht wird, die Beziehungen, die zwischen Politik und „gesellschaftlichem Leben" bestehen Die letzten Wahlen geben ihm dazu Anlaß Er schreibt u. a.:
Man gehe einmal in die deutschen Kleinstädte und stelle fest, wie viel Männer und Frauen gegen ihre Ueberzeugung wählen, um nicht gesellschaftlichen und oft auch wirtschaftlichen Schädigungen ausgesetzt zu sein. „Bis zum Posffekretär Demokrat, die zum Studienrat Deutsche Volkspartei, was sich feiner dünkt, wählt deutschnational," so erklärte mir vor kurzem einmal ein kleinstädtischer Bürgermeister die Zusammensetzung der Reichstagswahl- ftimmen. In keiner Umwelt hat das Gesellschaftliche soviel politische Macht wie in Deuffchland, besonders in den kleinen Städten und auf dem Lande, wo der Snobismus in ungeahnter Primitivität verbreitet ist, Mitglied eines bestimmten Stammtisches oder Kegelklubs zu fein, für die Frau, irgendeinem Kaffeekränzchen anzugehören, braucht nicht näher geschildert zu werden. Wehe, wer in diesen Vereinigungen anders wählt und denkt als die Mehrheit. Er ist gesellschaftlich ver- fehmt und verliert jeden Verkehr und damit auch manchmal geistige und menschliche Anregungen.
Roch schlimmer ist es auf dem Lande, besonder» m D ft e l b i e n. Ein Großgrundbesitzer oder der nicht deuffchnatipnal ist, d. h. einer
entsprechenden Organisation als zahlendes Mitglied angehört, kann sich auf die Dauer wirtfchaft- lich nicht halten. Die Macht des Landbundes mit seiner weitverzweigten Organisation von Kredit-, Saatgut-, Dünger-, Dampfpslug- und anderen Genossenschaften würden ihm solange alle Hilfsmittel zum Betriebe seiner Wirtschaft sperren, bis er vernichtet ist. Welcher Landwirt aber hat heute genügend Barmittel oder Kredite unpolitischer Banken und Bankiers, um politisch unabhängig zu sein? Als der große Mecklenburger Landarbeiterstreik im Frühjahr 1922 mit der Niederlage der gewerkschaftlich organisierten Ar- arbeiter endete, wurde im Landbund beschlossen, daß mehrere hundert im Streik führend gewesener Landarbeiter, denen gekündigt wurde, und die auf eine schwarze Liste kamen, von keinem Landbundmitglied in Mecklenburg ober Pommern wieder eingestellt werden dursten. Wer dagegen verstieß — und die Gefahr leg nahe, denn es waren gerade die tüchtigsten — mußte nicht nur eine hohe Konventionalstrafe zahlen, die in der Inflationszeit vielleicht keine allzuschwere Last war, sondern wurde auch gesellschaftlich boykottiert.
Auch in England grassiert der Snobismus. Neureiche machen unerhörte Anstrengungen und auch Aufwendungen für Wohltätigkeiti Sport und Wahlfonds, um in guten Klubs ausgenommen zu werden ober in einem bestimmten Gesellschaftskreis verkehren zu können. Daß aber jemand wegen feiner politischen Ueberzeugung oder Betätigung irgendwelche gesellschaftlichen ober wirtschaftlichen Nachteile erleidet, kommt nie vor. Ich kannte den jüngeren Sohn eines englischen Herzogs, der im diplomatischen Dienst stand und Mitglied der Labour Party war. Zufällig traf es sich einmal, daß er in einer Versammlung streikender Dockarbeiter sprach, am nächsten Mittag aber beim König und der Königin aus ihrem Landsitz Sand- ringham im kleinen Kreise frühstückte. Freilich ist keine Aristokratie der Welt so vorurteilslos wie dis englische. Angehörige der alten Familie des Hoch- adels, die Mitglieder der Labour Party sind, werden daher n i e gesellschaftlich boykottiert. Und als. eine Folge des damaligen Arbeiterkabinetts, vor gerade einem Jahre der Bergarbeiter und Gewerkschaftsführer Brown und feine Frau betraut wurden, das englische Königspaar bei der großen Kirchenkonferenz in Edienburg zu vertreten, und umgeben von königlichen Ehren im dortigen Schloß zu residieren, fungierte als Adjutant der älteste Sohn des Herzogs von Hamilton, Marquis von Clydesdale, als Ehrendame die Herzogin von At- holl, die jetzt dem Unterhaus als konservative Abgeordnete, der Regierung als parlamentarischer Unterstaatssekretär für das Unterrichtswesen angehört. Am letzten Abend der großen Konferenz gaben Mr. und Mrs. Brown ein großes Fest im Saal des Edinburger Schlosses, bei dem sämtliche Eingeladenen von ihnen, die als Vertreter des Königspaares unter dem Thronhimmel standen, vorbeidefilierten. Zuerst kam die Herzogin von At- holl, aus dem alten stolzen Schottengeschlecht, und küßte der Bergarbeiterfrau Mrs. Brown die Hand, ein Symbol der Klugheit des englischen Hochadels, vor allem aber des alle Schichten des britischen Volkes einigenden Staatsgeban« t e n s.
Die Lage in Preußen.
Wie der „Lokal-Anzeiger" meldet, sind die Ver« Handlungen über die Bildung eines überparteilichen Kabinetts oder einer Regierung mit Vertrauensleuten aus allen Parteien vondenDeulsch- nationalen bis zu den Sozialdemokraten im preußischen Landtag fortgesetzt worden. Man strebe dahin, bis zum Freitag eine Klärung zu erreichen ober, wenn dies nicht gelingen wüte, die auf Freitag angesetzte Abstimmung über das Vertrauensvotum zu verschieben.
Im Gegensatz hierzu erklärt die „Voss. Ztg.", daß die Abstimmung unter allen Umständen am Freitag vorgenommen werde und daß die preußische Re- gterung alle Vorbereitungen getroffen habe, um für den Fast einer Ablehnung des Vertrauensvotums die Auflösung des Landtags fristgerecht durchführen zu können. Die Frage einer Unbesetzung der Ministerien werde erst nach erfolgter Abstimmung zu erörtern fein.
* Im Reichstag wurde am Mittwoch dieSteuer- bebatte zu Ende geführt. Die 14 Mann starke völkische Gruppe war durch zwei Redner vertreten, die Gruppe des Herrn v. Graefe durch den Abgeordneten Henning, die bayrische Gruppe durch de« Abgeordneten Frick. Die Gejetze wurden dem Steuer» ausschuß überwiesen, nachdem mit Ausnahme der Kommunisten alle übrigen Fraktionen darauf verzichtet hatten, einen zweiten Redner vorzuschicken. Im Steuerausschuß selbst hat Finanzminister v. Schlieben eine neue Ausstellung der Heber» schüsse der Reichskasse und ihrer geplanten Är« Wendung mitgeteilr. Am Freitag wird wie. t-d Aufwertungsgesetz verhandelt.
* Der geisteskranke Exkronprinz. Ans Belg rar wird gemeldet: Prinz Georg ist in Verfolg d« über seinen zukünftigen Aufenthalt getroffenen Entscheidung auf der Domäne Belje eingetroffen. In seiner Begleitung befand sich Dr. Stoimiror itsch, der die ärztliche Aufsicht über den Prinzen übernommen hat. Ter Kronrat wird sich in kürzester Frist versammeln, um die Kuratoren zu ernennen, die bis zur Wiederherstellung seiner Gesundheit die Verwaltuno seines Vermögens übernehmen solle».