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uldaerZertung

Nr. 100.

Anzeiger für die Stabt und den kreis Fulda. Amtliches kreisblalt.

Freitag, t. Mai 1925.

Jln»eifleit-$renr ÄletmeUe (Soloneu total u.15 tüoihmart auSwött» 0.20 (Solbmart: Stetlameteile lokal 0,60 Gold mark auswärts 0.80 Goldmark. •:

Bel Wiederholungen stabntt- BoRckleckkonto ffranffurt a. M. 4051.

52. Zahrg.

Äerantworli rw ür bie ^djririlettunö: Dr- Jo Hannes Kramer. Anzeigen: I. P arzetler, Fulda. Rotationsdruck und «erlag der f’ i 'teil x (rfthr^nn 'Tt Pulto. Fernirrerder 9tT* 9.

Monatlicher Be-uasdreiS: 1.50 Mk.

Lobe bei hinLendurg.

Der Reichstagspräiident Vöde beipridit mit Hinden­burg de» Vereidigungsakt. — Der Wortlaut des Eides.

Nach einer Meldung des Lokalanz. ans Hannover kst dort Mittwoch nachmittag Reichstagspräsidenl Lobe eingetroffen. Er hat sich sofort zu Hindenburg begeben,mit dem er eine längere Unterredung hatte. Wie das Blatt bemerkt, dürste sich die Be- spiechung vermutlich umdasProgrammdeiVer- e i d i g v n g im Reichstag gedreht haben. Am Donners­tag trifft der Staatssekretär im Büro des Reichs­präsidenten, Dr. Meißner in Hannover ein.

Der Eid, den Hindenburg nun leisten muß, hat folgenden Wortlaut:

.Ich jchwöre, dah ich meine Kratt dem Wohle des deutlchen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, die Verfassung und die Gesetze des Reichs wahren, meine Pflichten gewissen- hast erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde".

Der für die Vereidigung des neuen Reichspräsi­denten vor dem Reichstag in Aussicht genommene Tetmin des 9. Mai wird nicht innegehalten werden können, da dieser Termm noch davon abhänat, ob das Wahlprüfunasgericht seine Arbeit zur Prü­fung der Wa l des Reichsp äsidenten bis dahin be­endet hat. Es ist mö stich, daß die Vereidigung erst am 11. oder 12. Mai stattfinder.

Heber die Zicherheitsfrage.

äußerte sich Reichskanzler Luther auf dem deut­schen Industrie- und Handelstag:

Deutschland kann in seinem entwaffneten Zustand auch seinerseits mit Recht eine Forderung nach Sicherheit erheben. Cs hat um so mehr ein Interesse daran, sich auf dem Vertragswege gegen zukünftige Angriffe zu schützen, als es, wie auch bei dieser Gelegenheit wieder­holt sei, keinen Krieg führen will, und, v>ie jeder wirklich Sachverständige weiß, keinen Krieg führen kann. Die deutsche Regierung wollte in der realen Erkenntnis der Notwendigkeiten, denn sich kein deutscher Staatsmann verschließen kann, und anderer­seits unter offener Darlegung der legitimen Ziele, auf die kein deutscher Staatsmann verzichten kann, mithelfen, um einen Weg zu finden, der im Interesse aller europäischen I Volker zur Beseitigung der immer noch vorhandenen internationalen Spannung führt. Unsere Stellungnahme in dieser Frage ist so klar und deutlich, daß in keiner Richtung ein Zweifel an unseren Absichten möglich sein sollte. Cs ist selbstverständlich, daß der von der Reichs­regierung eingenommene Standpunkt unoer- ändert besteht.

Bezüglich der deutschen Währung sagte Luther: Die deutsche Währung, unsere Reichsmark, ist dank der Maßnahmen der Reichs­bank vollkommen gesichert. Die Reichs- bank hat es in der Hand, den Wert der Mark stabil zu halten und wird es tun.

t . .......

Die führenden Parteiblätter aller Richtungen erklären ihre Zustimmung zu Luthers Ausführun- Den. Die „Vossische Zeitung" erkärt, die Rede des Neichskanzers sei um so bedeutsamer, als u n - Inittelbarnach derWahlHindenburqs »in Vorstoß des radikalen Flügels ver Deutschnationalen gegen die Ver- « " al1 "gen über den Sicherheitspa kt mu^Iich ausgenommen wurde. Auf den Reichs- ms k ten Hindenburg können sich, wie die

°es Reichskanzers zeigt, diese Deutschnatio- berufen. Hindenburg hat sich für die m d?r Außenpolitik und für die Fort- ^""8 der Verhandlungen über den Sicherheits- xakt entschlossen. ’

.in-^ni^v^t^^aiische Reichstagsfraktion hat an S °n .""lwbracht, in der es heißt:

^'- Wahlagitation eines Teiles der Parteien, die die Kandidatur des Generalfeldmarschalls v. Hindert- bürg austiestellt hat, richtete sich gegen die republi- ^'sch«.Staaisform und mit besonderer Heftigkeit Wen die btsherige Linie der deutschen Außenpolitik. Wir nchten deshalb an die Reichsreaieruna die Frage, ob sie glaubt, unter dengeänderten Verhältnissen an der bisherigen Außen- Politik festhalten zu können. "Ben

Der Sieg der Verständigungspolitik.

nimmt die Erklärungen Dr. Lukhers als Hindenburg-Programm auf. — »Ein Triumph

Skresemanns."

30- April- (Id.) Die englischen Aiorgenblatker veröffenklichen die gestrige Rede des oeulslyen Reichskanzlers. Der Berliner fiorrefpon- r Heros“ hebt hervor, daß in dieser Erklärung durch das Programm des Reichskanzlers Hindenburgs eigene Politik bekanntge- geben werde. Hindenburgs Zustimmung zu der jetzigen deutschen Politik stelle einen neuen Triumph f u r S t r e s e m a n n dar, gegen den b'- extremen Rationalisten wegen seiner Anent­behrlichkeit besonders erbittert seien. (Wühlereien gegen S t r e s e m a n n haben im ehemaligen Reichsblocklager, wie Preffeäußerungen erkennen lassen, mit stärkstem Nachdruck eingesetzt.)

* BegnadigungZeigners. Der Rechtsausschuß des sächsischen Landtags hat nach einer Mel­dung aus Dresden einen von sozialdemokratischer toeite gestellten Antrag, die Regierung zu ersuchen, ^ine Begnadigung des früheren Ministerpräsidenten Zeigner in Erwägung zu ziehen, angenommen. Ein Antrag auf eine allgemeine Amnestie wurde von dem Ausschuß verworfen. I

lieber Lehren der wahllampser. verbreitet sich die »Augsburger Postzeitung'. Sie kritisiert scharf manche Vorkommnisse des Wahl­kampfes und schreibt dann sehr richtig:

Soll diesem unwürdigen Treiben in Zukunft Ein­halt geboten werden, dann darf man nicht empfehlen, weniger zu politisieren. Dann dürfen die Anständigen, die geistig Hoch­stehenden, die nicht nur unter den sogenannten Gebildeten zu finden sind, nicht verekelt dem politischen Kampffelde den Rücken kehren! Im Gegenteil, dann müssen diese Leute erst recht mit­machen, in vorderster Linie stehen! Dam müssen wir das deuische Volk daran gewöhnen, mehr zu politisieren, nicht nur in Wahlzeiten einige Auf­rufe zu lesen und einige Reden zu hören. Eine politisch geschulte Zuhörerschaft wird ohne weiteres davor gesichert sein, auf Lügen, Verdrehungen oder auf Gesühlsappelle hineinzufallen. Daß damit natürlich nicht geraten sein soll, am Biertisch mehr zu politisieren, brauchen wir wohl nicht eigens zu betonen. Bier» tischpolittker haben wir schon mehr als genug. Da­gegen liegen hier sehr große Aufgaben für die Presse vor, die das deut che Volk vor allem zum selbst­ständigen Denken erziehen muß. Man vereinfache also nicht immer die politischen Probleme, man scheue sich nicht, auch die schwierigen Fragen in ihrem ganzen Umfange voizutragen, um dem Leser zu zeigen, daß auch ein gehöriges Maß von Wissen zum gesunden Menschenverstand hinzukommen muß, will man ein richtiges politisches Urteil fällen.

Von geschätzter parlamentarischer Seite wird uns aus Berlin geschrieben:

Die Schlacht ist geschlagen; der Reichsblock hat den Sieg davon getragen. In einer Berliner Zei­tung, die stramm für Hindenburg eingetreten ist, wird offen zugegeben, daß nicht der Reichsblock dem greifen Feldmarschall, sondern umgekehrt Hin­denburg dem Reichsblock den Sieg ge­bracht habe. Es war keine parteipolitische Wahl, sondern ein Ringen zwischen zwei Per­sönlichkeiten, von denen die eine vom Nim­bus des großen Feldherrn umgeben war, während die andere „nur" Erfolge auf politischem Gebiete aufweisen konnte, die rasch vergessen werden, mö­gen sie auch noch so bedeutsam für das Geschick eines hartgeprüften Volkes gewesen sein. Selbst die „Deutsche Tageszeitung" erkennt in einem Ar­tikel, der die verheißungsvolle Ueberschrift „M o fr- gen rot" trägt, an, daß es sich nicht um einen politischen Sieg handelt, indem sie eingesteht:

„Es ist ein so tiefgehender Unterschied zwischen der Hindenburg-Wahl und irgend einer parla­mentarischen, daß es zu ganz falschen Schlüssen bezüglich der inneren Situation führen müßte, wenn man die Stimmziffer Hindenburgs in die Reihe der übrigen Wahlergebnisse stellen wollte."

Die nächsten Tage und Wochen werden die Wahrheit dieser Feststellung beweisen; sie werden auch zeigen, daß dem „Morgenrot" des 26. April nicht der erhoffte Sonnenglanz folgen wird, und daß der Reichspräsident Hindenburg d e n f e l b en Weg gehen muß und gehen wird, den die D e u t- sche Volkspartei und die Deutsch natio­nalen schon gegangen sind, seitdem sie die Ver­antwortung für die Reichsregierung mit tragen, den Weg, der — ob gewollt oder nicht gewollt — zur Anerkennung und Weiterführung der vom Z e n t ru m und seinem Führer Marx eingeschla­genen Politik führt.

Doch wir wollen heute nach dem wahren Grunde des Unterliegens des Volksblocks-Kan­didaten forschen. Da fällt uns ein Wort ein, das wir vor der Wahl in einer Berliner politisch-saty- rischen Zeitschrift, dem „Roland", in dessen Nr. 17 gelesen haben:

„Es ist beschämend, daß der Taufschein des Herrn Marx für seinen Sieg ein größeres Hin­dernis ist, als feine politische Ueberzeugung und Hal­tung. Wäre er nicht katholisch, — wäre bann unter Hintansetzung aller vernünftigen, menschlichen und politischen Erwägungen die Kandidatur Hindenburg zu­stande gekommen?"

Die WahlMern beweisen die Wahrheit dieses prophetischen Wortes. Von den 35 Wahlkreisen weisen 25 eine mehr oder minder starke Zunahme der Dolksblockstimmen auf. Wäre das Ergebnis in allen Wahlkreisen dem Durchschnitt dieser 25 ent­sprechend gewesen, so hätte Marx gesiegt. Aber in 3 e h n K r e i s e n hat er nicht nur keine Zunahme, lonbern stellenweise sogar erheblichen Stimmen- vertust gehabt, und zwar in Ostpreußen, Porn- enburg, Hamburg, Merseburg, Thürin- 85"' Schleswig-Holstein, Dresden, Bautzen und ^5n” wir zu diesen Kreisen diejenigen Zah^ev, die Hindenburg den stärksten Stimmenzu- wachs gebracht haben, nämlich Baden, Hessen-

s m't V?0 Merseburg, so haben rotr..',a.m che Hochburgen des Evan - gelt sch en Bundes in Deutschland zusammen. Wie m diesen Kreisen gegen den katholischen Kandidaten Marx gewütet worden ist, geht über alles, was dieser Wahlkampf an unverantwort­lichen Schärfen gebracht hat. Da es dort an einer einflußreichen Presse unserer Richtung mangelt, gin­gen diese Lügen, Verhetzungen und Verleumdungen unwidersprochen ins Land und verwirrten elbst im sozialdemokratischen und demokratischen Lager viele Tausende evangelischer Wähler, die, wenn sie sich von p o l i t i s ch e n Erwägungen hät­ten leiten lassen, totsicher Marx den Vorzug vor Hinde.iburg gegeben hätten.

Wie diese wüste Agitation selbst in einem Wahl- kreise gewirkt hat. der noch einen kleinen Zuwachs I

für Marx gebracht hat, beweist das Ergebnis in Württemberg. Dort hatte der Hauptver­ein des Evangelischen Bundes -inen Aufruf verbreitet, der u. a. folgende Kraftsätze enthielt:

„Herr Marx ist nicht bloß ein Katholik, son­dern ein F ü h r e r der durch und durch von r ö m i s ch en Interessen regierten Zentrumspartei .... Damit hört für jeden wahrhaft evangelisch Gesinnten die Reichs­präsidentenwahl auf, eine politische Frage zu sein, und wächst sich aus zur Kult ur- und Weltanschau­ungsfrage. Wir mischen uns grundsätzlich in die Politik nicht ein; aber wir haben das Recht und die Pflicht, die deutschprotesbantischen Sulturintereffen zu wahren. Wir möchten mit allen Mitteln unserem Bolke den ihm so bitter nötigen konfessionellen Frieden und die Volksgemeinschaft erhalten; beides ist aufs schwerste b e- droht, wenn Deutschland einen Präsidenten erhält, der unter Roms Zepter steht."

In überwiegend k a t h o l. Gegenden hatten die Wahlmacher Hindenburgs ein anderes, ganz entgegengesetztlautendesLiedaufder Walze. (Gerade die Doppelzüngigkeit ist das Widerliche an dem Vorgang. Wenn der Reichs­block überall aus innerer Ueberzeugung vor Rom gewarnt hätte, so könnte man das als Ausdruck einer Ueberzeugung immer noch gelten lassen. Daß dieselben Leute unter Zuhilfenahme von Rom ihr Ziel zu erreichen suchten, ist das schändliche). Dort'wurde unter gröblichem Miß­brauch päpstlicher und bischöflicher Worte behauvtet, das Zentrum fei nicht mehr zuverlässig in der Wahrung der katholischen Be­lange; es habe sie schmählich verleugnet. In Württemberg erzielte man mit dem Bangemachen vor Roms Zepter für Hindenburg einen Zuwachs von 200 000 Stimmen, in katholischen Bezirken (nicht freilich im F u l d a er Land. Dis paar Leute, die hier ihre politische Unreife in dieser Weise an den Tag legen, sind an den Fingern aufzuzählen.) ließen sich tausende von Katholiken durch die Ver­leumdung des Zentrums nach der entgegenaefetzten Seite verleiten, Marx untreu zu werden. Das sind bittere Feststellungen, die sich bei kritischer Prüfung der Wahlziffern förmlich aufdrängen.

Am Wahlsonntag ist in den katholischen Kirchen der Erzdiözese Köln ein bischöfliches Hirten- schreiben verlesen worden, in dem auf den hohen Wert und die großen Verdienste der k a t h. Schulorganisation hingewiesen wurde. Es trug das Datum des 19. März und erwähnte mit keinem Worte, wer die katholische Schulorganisation gegründet hat und ihr heute noch vorsteht. Wenn wir mit denselben Mitteln im Wahlkampfe hätten operieren wollen wie der Reichsblock, was hätte näher gelegen, als in unserer Presse auf das Hirtenfchreiben aufmerksam zu machen und Marx als Gründer und Vorsitzenden der Schulorganisation zu nennen? Nichts derartiges ist erfolgt. Wahrschein­lich haben manche Katholiken, die am Sonntag das Hirtenschreiben gehört haben, garnicht einmal ge­wußt, wie nabe der Kandidat des Dolksblocks dieser Organisation steht. Sie gingen hin und glaubten den hetzerischen Flugblättern des Reichsblocks, ver­leugneten ihren bewährten Führer und arbeiteten Hand in Hand mit den streitbaren Männern des Evangelischen Bun­des zum Siege Hindenburgs. Die Feststel­lung, wo der wahre Grund zum Unterliegen des um das deutsche Volk hochverdienten Kandi­daten des Volksblocks liegt, dürfte ihnen alle Ur­sache zu ernstem Nachdenken geben.

Aus Schotten wird gemeldet:

Nach dem Abschluß der Reichspräsidentenwahl wen­den sich die Pfarrer des Dekanates Schotten mit sollender Erklärung an die Ceffentlicbfeit: „Die heute in der Kreisstadt Schotten tagende Pfarr-Kon» ierenz deS Dekanates Schotten nimmt mit Bedauern Kenntnis von der Tätigkeit des hessischen Politikers und evangelischen Pfarrers Korell von Nieder- Ingelheim, der sich in der Wahlagitation mit seiner ganzen Person für den Zentrumsführer und Ultra, montanen Marx eingesetzt hat. Auch um des gesunden evangelischen Bewußtseins ihrer Gemeindeglieder willen fühlt sich die Psarrerschaft des Vogelsberges durch das Verhalten des Herrn Pfarrers Korell aufs tiefste ge­kränkt, da eS nicht geeignet erscheinen dürfe, dem Wohle und der Einheit der evangelischen Kirche Hessens zu dienen."

Herr Pfarrer Korell hat Marx bekanntlich em­pfohlen, weil dieser auS außenpolitischen und innenpolitischen Gründen der geeignete Mann für dm Posten des Reichspräsidenten ist. Dir Pfarrer de» Schotlenrr Bezirke» verargen ihm fein Eintreten für Marx, weil dieser Mann ein Katholik ist, im Jargon dieser Herren „ein Ultramontaner".

ES ist zu verstehen, daß in Lagern der deutschen Katholiken sich angesichts solcher Unduldsamkeit und solcher Versuche, von vornherein jeden katho­lischen Mann, mag er seiner Leistungen wegen noch so qualifiziert sein, um seines Glaubens wegen zum Staatsbürger zweiter Klasse herabzuwürdige», immer mehr die Auffassung sich durchsetzt, daß jeder Katholik, der sich zum Helfershelfer jener Unduld­samen hergibt, sich selbst als Verräter brand­markt und entsprechend eingeschätzt werden muß.

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Ganz toll ist auch, waS wir in einer von dem ReichSblock-Verlag herauSgegebenen Wahlzeitung der. Leipziger Ortsgruppe des Reichsblocks finden. Dort heißt eS:

„Wahlaufruf für Wilhelm Marx!"

Sozialistische Arbeiter! Ach bitte wählt doch Marx!

Ihr tut es für die katholische Kirche!

Der Heilige Vater in Rom wird Eure Stimmen segnen!!!

Oder habt Ihr etwa dagegen Bedenken?

Den Katholiken wurden Flugblätter aufgedrängt, in denen es hieß, daß der Papst geradezu die Wahl von Marx verbietet und Sozialdemokraten und Protestanten wurde gesagt: Der Heilige Vater in Rom wird Eure ©thawm» f>-r Marx segnen.

* Zum Polizeipräsident von Berlin ist der sozial­demokratische Landtagsabgeordnete Oberregierungir tat GrresinSki ernannt worden-

Die belgische Kabinettsfragc.

Gras de Broequeville will daS Kabinett bilde».

Wtt Paris, 30. April. (2c!) Wie die Morgen- blätter aus Brüssel melden, hat der König den Grasen de Broequeville gestern abend zu sich gerufen und ihn mit der Bildung deS Ministeriums betraut. Graf de Broequeoill» hat erklärt, er werde de» Versuch machen, ein Ministerium aus der Grundlage deS Wahl­ergebnisses vom 5. April bilden.

Graf be Birequeville ist der Führer der antt- vlämischen (antideutschen) Richtung auf der bel­gischen Rechtem____________________

Verzögerungspolitik im Ententelager

Noch keine Konferenz über Abrüstungs- und 5 icherheitsproblcrne.

Wtb. Conbon, 30. April. (Tel). Der diplo­matische Berichterstatter des „Daily Telegraph" teilt mit, der französische Botschafter, der gestern die angekündigte Unterredung mit Eamberlain halte, habe keinen Entwurf dec französischen Ant­wort auf die deutsche Sicherheitsvor­schläge aus Paris mikgebrachk. Ebensowentg habe er Eamberlain irgend eine Andeutung dar­über gemacht, daß Driand einen baldigen Besuch in Condon beabsichtige. Sowohl das deutsche Ab- rüftungs- als auch das Sicherheitsproblem würden zur Zeit noch nicht als so reif angesehen, daß diese beiden Probleme in einer persönlichen Zusammen­kunft der Minister oder in einer Konferenz geklärt werden könnten. Die Haupt sorge des fran­zösischen Kabinetts sei augenblicklich die Jinan;- frage.

Das Zentrum in Preußen.

Aus dem Preußischen Landtag wird uns ge­schrieben: Die Politik der preußsicken Zentrums- Partei bleibt unbekümmert um den Ausfall der ja nicht als politische Wahl zu weitenden Präsident­schaftswahl unverändert. Tas hat mit aller wünschenswerten Deutlichkeit der Frakttonsredner des Zentrums, der Abgeordnete Heß bei dec Polittjchen Debatte im Landtag ausgeiprochen. Er erklärte, daß durch die>e Wahl sich an der Lage in Preußen nichts geändert habe, und daß deshalb sich auch nichts ändern könne an der Haltung des Zentrums. Das Zentrum tst auch heute noch der Meinung, die auch durch die letzten Vorgänge in kemer Weise erschüttert worden ist, Lag lediglich die große Koalition, Lte ja icbon fast vier Jahre in Preußen zum Wohle für das Volk reibungslos arbeitete, allein geeignet jein könne, dem Lande die unbedingt notwendige Ruhe und Stetigkeit seiner politischen und wirtschaftlichen Entwicklung zu geben.

Das Zentrum hat des weiteren keinen Zwejfel darüber gelassen, daß es geschlossen hinter dem jetzigen preußischen Kabinett steht, lieber die Entschiedenheit dieser Auffassung kann es gar keine Unklarheiten geben. Die dies­bezüglichen Feststellung im Landtag hat wie kalter Wasserstrahl auf diejenigen Kreise gewirkt, die glauben, bas Zentrum wäre so würdelos, daß es sich nun denjenigen, die es in der schmachvollsten Weise beschimpft haben, in die Arme wirft.

Der Fraktionsredner des Zentrums ließ aber auch keinen Zweifel über die Empörung über die Agitation der Rechtskreise, die auf die Katholiken spekulierte. Heß sagte diesen Vertretern, daß sie immer wieder den Vorwurf des Ultramonianismus erheben, mit dem sie doch in der Hauptsache zum Ausdruck bringen wollen, daß das Zentrum in Abhängigkeit von Rom stehe. Das aber hätte die betreffenden Kreise nicht abgehalten, päpst­liche Kundgebungen gegen das Zentrum auszu» fpielen. Diese Feststellungen, die zu stürmischen Kundgebungen im Landtage führten, wurden von den Deutschnationalen mit unglaublich rohen und höhnischen Zwischenrufen unterbrochen.

Das Zentrum wird unbeirrt seinen Weg weiter gehen. Es wirb daher auch in seiner Haltung fest bleiben und alle Konsequenzen, die sich aus der fanattschen Derbohrheit der Gegenseite ergeben sollten, ein für allemal ablehnen. Die Rede frei­lich, die gerade der Vertreter der Deutschen Dolks- partei, Herr von Campe, im Anschluß an die Ausführungen des Zentrumssprechers im preußi­schen Landtag hielt, vernichteten alle Hoffnungen nach einer Klärung der Lage. Herr von Campe gestattete sich geradezu widerliche Verdrehungen der jüngsten Vorgänge und wagte es dabei, den Reichskanzler Marx in einer derartig ungehöri­gen Weise anzurempeln, daß darüber im Hause nur eine einhellige Abwehr zum Ausdruck kam.

3m Reichstag

wurde bei der Weiterberatung des Postetats mitgeteilt, daß eine Ermäßigung der Fernsprechgebühren wegen des zu erwartenden gewaltigen Ausfalles nicht möglich fei. Der Andrang zum Fernsprecher sei nach wie vor ge«, wattig. Die Klagen über die Unzuverlässigkeit der Ge- sprächszähler seien nicht berechtigt. (Widerspruch.) Der Rundfunk müsse selbstverständlich überparteilich sein. Das Reichskabinett habe das in besonderen Richtlinien aus­drücklich festgestellt. Von einer Gebührenermäßigung könne für absehbare Zeit keine Rede sein.

Damit war die zweite Lesung des Postetais erledigt. In der nächsten Sitzung, am Donnerstag, 2 Uhr, ist die Rede des Finanzministers über die Steuer, und Aufwertungsvorlagen zum Etat de« Wirt­schaftsministeriums zu erwarten.