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Anzeiger für die Stadt und den Kreis Fulda. Amtliches Kreisblakk.

Nr. 89.

verantwortlich iür die Schriftleituns- Dr. Johannes Kramer, «nietgen: 3- D arseller, Fulda. RotalwnSdruck und «erlag der Fuldaer k elient'uüerei in Fulda. Fernldrecker Rr. 9.

Monatlicher verugrvrei«: 1.50 Mk.

Samstag, 18. April 1925.

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52. Zahrg.

Deutfchnationale Blätter in Berlin glauben berechtigt zu fein, Marr als Anhänger desFöderalismus bekämpfen zu fallen. In Bayern herrscht riesiges Staunen, daß Dr. Heim die Parole gegen Marx ausgibt, den die Deutschnationalen als Föderalisten bekämpfen, während doch die Grundlage der ganzen bayerischen Volkspartei der Föderalismus ist.

fehlung der Kandidatur Hindenburg ab und hält Frei­gabe der Abstimmung für dar Richtige."

Die französische Ministerkrise hat eine Wendung genommen, die größtes Aufsehen erregen muß. In das von Painleve gebildete Kabinett sind als Mi­nister zwei der hervorragendsten französischen Staatsmänner eingetreten, B r i a n d und C a i l- l a u x. Painleve, der von Hause aus Professor der Mathematik an der Sorbonne war und als mathematisches Genie gilt, wird das bisher von General Rollet verwaltete Kriegsministerium übernehmen. Painleve, ein ausgesprochener Links­politiker, war schon 1917 Kriegsminister. Briand ist bekanntlich zuletzt von Poincare als Minister­präsident gestürzt und abgelöst worden. Besonder? Bedeutung aber beansprucht die Berufung Cail» l a u x. Er ist bekanntlich schon in der Vorkriegs­zeit, z. B. in den Tagen der Marokkakrise, der mutige Vorkämpfer einer friedlichen Politik in Europa gewesen. Auch im Kriege hat er seine Friedensziele unentwegt vertreten. Deshalb ließ ihn Clemenceau im Dezember 1917 verhaften und in Untersuchungshaft nehmen. Erft nach dem sieg­reichen Abschluß des Krieges wagte man ihm den Prozeß zu machen. 1920 wurde erwegen fahr­lässigen Einverständnisses mit dem Feinde" zu drei Jahren Gefängnis (verbüßt durch die Unter­suchungshaft) und Aufenthaltsbeschränkung ver­urteilt. Die Stimmung der b r e i t e st e n Masse des französischen Volkes, die zunächst durch den von interessierter Seite genährten Siegesrausch unmit­telbar nach dem Kriege gegen Caillaux war, hat sich durch die fetzt auch imsiegreichen" Frankreich wirkenden Kriegsfolgen in steigendem Maße f ü r Caillaux gewandelt. Heute hofft man von diesem Mann des Friedens und hervorragenden Finanz­politiker die Errettung aus den Klauen der In- Kation. Derwegen Einverständnisses mit dem Feinde" Verurteilte wird als Retter in der Rot als Minister aus der Verbannung zurückgerufen. So wandeln sich die Urteile. Für Deutschland aber werfen sich in diesem Augenblick bedeutsamste Schicksalsfragen auf. Es wäre geradezu unverant­wortlich vom deutschen Volke, wenn es in dem Augenblick, da Caillaux in das französische Ka­binett einzieht, in außenpolitischer Hinsicht eine Geste machen wollte, die alle günstigen Ent­wicklungsmöglichkeiten zerschlägt. Am 26. April wird sich zeigen, ob der überwiegende Teil des deut-

Amtlich wird aus Berlin mitgeteilt:

Zum zweiten Wahlgang für die Reichspräsi- /entfchaftswahl sind bis Ablauf der Einreichungs­frist, Mitternacht den 16. April, drei Kandi- baten nominiert worden und zwar 1) Paul von Hindenburg, Generalfeldmarschall Hanno­ver; 2) Wilhelm Marx, Reichskanzler a. D. Berlin; 3) Ernst Thaelmann, Transportarbei­ter,, Mitglied des Reichstages Hamburg.

Der Reichswahlleiter hat diese drei Kandidaten zugelassen. Die Anwärter werden in dieser Rei­henfolge auf dem amtlichen Wahlzettel erscheinen. Wie beim ersten Wahlgang enthält der amtliche Stimmzettel außerdem ein freies Feld zur Ein­zeichnung eventueller anderer Kandidaten.

In der schon angekündigten Dertrauensmänner- Versammlung der Anhänger her Bayerischen Volksvartei in der Stadt Aschaffenburg, des Aschaffenburger Landbezirkes, des Bezirkes Alzenau wurde folaende Entschließung fast e i n- stimmig angenommen:

- Der Landesausschuß der Bayer. Volksvartei hat be- schlossen, den Eintritt für die Kandidatur Hindenburg zu empfehlen. Ein sebr großer Teil der Parteiangebäri- gen im westlichen Unterfranken erklärtemUnser Ge- wissen verbietet uns den Eintritt für die Kandi­datur Hindenburg ans außerpolitischen und innernaliti- schen Gründen. Wir verehren den greifen Heerführer und bedauern, daß er in das Barteigetrieb» hip. eingezogen wird. Er hat selbst erklärt, kein Poli- t i k e r zu sein, würde deshalb als Präsident die vor- geschobene Figur für unsichtbare und unverant-

' wörtliche, Ratgeber werden."

Anaesichts dieser Stimmung in weiten Kreisen un­serer Parteifreunde lehnt die Dertrauensmännerver. sgwmlung für Alchaifenbura-Stadt und -Land eine Enip-

Die hochangesehene MünchenerAllgemeine Rundschau" sagt:

Keine Ehrfurcht kann nun verhüllen, daß H i n- denburg nicht mehr vollkräftig ist. Und politische Erfahrung hat er nie beansprucht. Seinen Wahlmachern ist es aber gar nicht um einen aktiven Präsidenten zu tun. Sie wollen selber herr­schen. Sie wollten auch um jeden Preis aus der Berlegenheit, in die sie die verfehlte Kandidatur Jarres gestürzt. Es ist eine hohe Ehre für Marx, daß man ihn allein mit Hindenburg glaubt schlagen zu iönnen.

Wer politisch nüchtern denkt und nicht gefühlsmäßig, läßt sich durch den Namen Hindenburg nicht bl en. den. Er weiß, diese Wahl bedeutet Schwarz-weiß-roi, Herrschaft der Unglücksvolitiker des Vor- k r i e g s (vielleicht Bülow, Tirpitz), Vorarbeit für die Hohenzollern. Wer das nicht will, muß Marx wählen. Stimmenthaltung genügt hier nicht. Marr steht mitten in der Politik, ist ein rüstiger angehender Sechziger, kann staatsumwälzende Abenteuer anderer hindern, wie er sie selbst verschmäht. Die L t n k s b e l a- stung seiner Wahlsront war unvermeidlich. Sie konnte teilweise ausgeglichen werden, hätten sich Baye- rische Volkspartei und Deutschhannoveraner im zweiten Gang für ihn erklärt. Dem Katholiken muß es zu denken geben, daß bayerische Hurrademokraten unter Müller - M einingen sichals jahrzehntelange Kämpfer für die liberale Weltanschauung" gegen Marx erklärt haben. Die Nebenregenien unter Hinden- bürg genießen anscheinend eher das liberale Vertrauen in Kulturpolitik. Auch deshalb heißt unsere Losung Marx! Dessen Wähler lehnen ober von vornherein aufs allerscharjste den Verdacht ab, keine guten und nationalen Deutschen zu sein. Das Vaterland steht ihnen selb st über Hindenburg."

ES ist nach allen diesen Aeußerungen nicht da­ran zu zweifeln, daß Bayern dem Rechtsblock am 26. April die große Enttäuschung bereiten wird.

schen Volkes außenpolitisches Denken gelernt oder ob die blutige Lehre des Weltkrieges und die harte Schule der Nachkriegszeit ungenützt an ihm vor­übergegangen sind.

wtb. Paris, 17. April. (Tel.) Das neue Kabinett seht sich folgendermaßen zusammen:

ZNinisterpräsidentschast und Kriegsministerium der sozialistisch-republikanische Abgeordnete und Kammerpräsident Painleve.

Justiz der der demokratischen Linken ange- hörende Senator Steeg. Generalgouverneur von Algier,

Auswärtige Angelegenheiten der sozialistisch- republikanische Abgeordnete Driand.

Finanzen Caillaux,

Oeffenllicher Unterricht der der demokratischen Linken angehörende Senator De Monzie,

Oeffentliche Arbeiten der unabhängige so­zialistische Abgeord. Laval,

Inneres der der demokrasischen Linken ange­hörende Senator Schram eck,

handel mit Post und Telegraphen der der de­mokratischen radikalen Vereinigung angehörende Senator Lhaumed,

Landwirtschaft der der demokratischen Linken ongehörende Senator Jean Durat.

Kolonisten der radikale Abgeordnete Andre Hesse,

Arbeit der radikale Abgeordnete Durasour, Pensionen der sozialistische rqiublikanische Ab­

geordnete A m t e r s a r,

Marine der radikale Abgeordnete Emile Borel,

Befreite Gebiete entweder dec radikale Abge­ordnete Schmitt oder der radikale Abgeordnete Deyris,

Lufkschiffahrt der der radikalen Linken ange­hörende Abgeordnete Eyvac,

Technischer Unterricht und schöne Künste der radikale Abgeordnete von Delbos,

Handelsmarine der der radikalen Linken an- gehörende Abgeordnete Daniela.

Der Führer der katholischen Arbeitervereine in Süddeutschland, Prälat Walterbach in Mün­chen, gibt offiziell in dem Organ seiner weit ver­breiteten Organisation die Parole Marx aus.

In der Bayerischen Volkspartei sind, wie sich setzt schon feststellen läßt, eigentlich nur diejenigen städtischen Kreise, die vor dem Kriege nationallibe­ral waren und angesichts der bolschewistischen Vor­gänge in München bei der Bayerischen Volkspartei Rettung für Gut und Leben gesucht hatten, für Hin­denburg eingenommen. Die Münchener Völki­schen haben sich geweigert, gemeinsam mit der Bayerischen Volkspartei den Aufruf für Hinden­burg zu unterschreiben. Auf der andern Seite weigert sich die Bayerische Volkspartei ganz ent­schieden, gemeinsame Schritte für Hindenburg zu­sammen mit den Völkischen, den fanatischen Feinden der Volkspartei, zu unternehmen.

veutschlano und Amerika.

Der neue deutsche Bolschafker wird in Rewyork geehrk. Die deutsch-amerikanischen Handels­beziehungen.

wtb Jtereporf, 17. April. (Tel.) Die deuksch- amerikanische Handelskammer hakle zu Ehren des deutschen Botschafters, Freiherrn von Matzahn, ein Frühstück in den Räumen des Bankert-Clubs im Equitablegebände eingeladen, an dem Vertreter des obersten Gerichlhofes, der städtischen Behörden, Banken, Industrie, des Handels sowie aus politi­schen Kreisen keifnahmen. In seiner Begrüßungs­ansprache betonte der Vorsitzende der Handels­kammer, Hermann Metz, daß die von ihm vertre­tene Organisation ihr möglichstes tun werde, um die deutsch-amerikanischen Handels­beziehungen zu fördem. Freiherr von Maktzahn, von den Anwesenden stürmisch begrüßt, erklärte, daß er e« für eine seiner Hauptaufgaben betrachte, während seiner Tätigkeit in den ver­einigten Staaten die innigsten Beziehungen zu den Handelskreisen zu unterhalten. Politische Verstän­digungen und wirtschaftliche Zusammenarbeit müß­ten Hand in Hand gehen, um zwischen den beiden Ländern eine engeunddauernde Freund­schaft zu erhallen, welche alle gewünscht haben.

Drei Reichspriisidentschastskandidaten

Wilhelm Marx in der Mitte!

Das Kabinett Painleve in Frankreich

Vriand Außenminister. Laillaux Finanzminister.

Der Rundfunk ist für die Vorbereitung der Reichspräsidentenwahl sreigeacben morden. So­wohl Marx als Hindenburg werden sich durch den Rundfunk an die Wähler wenden.

vor männern der Wirtschaft

sprach Wilhelm Marx am Donnerstag in Berlin in einer Versammlung, in der der bekannte rhei­nische Industrielle Klöckner den Vorsitz führte. Marx sagte in der Hauptsache: Wir ständen vor einem Reformprogramm allergrößten Stiles: Neu­organisation unserer Wirtschaft, Verteilung der Daweslasten, Reform der Finanzgesetzgebung und Regelung unserer Wirtschaftsbeziehungen zu den anderen Ländern. Und in einer solchen Lage wolle man die Spaltung innerhalb des Volkes noch verschärfen durch das Hineinwerfen des politischen Momentes, und den Wirtschaftskampf dadurch ver­schärfen, daß man eine Scheidung der Geister nach der politischen Richtung herbeizwinge, während doch der Ruf nach Sammlung Echo finden sollte. So hänge die innerpolitische Lage und Entwicklung Deutschlands in hohem Maße von dem Ausgang der Präsidentenwahl ab. Auch außenpolitisch be­deute die Entscheidung am 26. April eine Entschei- düng über die ruhige Weiterentwicklung oder Ge­genwirkung. Es gebe im Ausland mächtige Kreis e, denen schon die Möglichkeit eines Kurs­wechsels in Deutschland einen höchst willkommenen Agitationsstoff liefere. Es gebe mächtige Wirtschaftskrise im Ausland, denen daran liege, das kaum gewichene Mißtrauen gegen den gefürchteten Konkurrenten wieder wach» zurufen. Das könne unsererseits nicht gleichgültig übersehen werden. Betrachten wir, so schloß der Redner, die ausländische Mithilfe als einen un» ausweichsichen Weg, der uns in die Freiheit führt. Die F r e i h e i t, die politische und die wirtschaft­liche, ist das Ziel, das wir mit solchen Opfern er­reichen müssen und, wie ich zuversichtlich hoffe, auch erreichen werden.

vismarck zur Wahl.

Zur Kandidatur Hindenburg schreibt Bis- marck im dritten Bande seiner .Gedanken und Er- mnerungen":

»Ich hätte anstelle des Herrn von Caprivi (er b'kanntlich General) den Reichskanzlerposten nia}t"Senontmen; um Kabinettssekretär ooer Jiöiubanf auf einem ihm fremden Gebiet zu werden, tft ein hoher preußischer General, der "Mr als entere das Vertrauen unseres Offiziers­korps hat, ein zu vornehmer Mann, und die Politik st sich noch k-in Schlachtfeld, sondern nur die sachkundige Behandlung der Frage, ob und wann Krieg notwendig sein wird und wie er sich mit Ehren »erhuten laßt". v

Die Katastrophe

-er volksparteilichen Politik.

Von besonderer parlamentarischer Seite wird uns aus dem Preußischen Land­tag geschrieben:

Neues Attentat in Bulgarien.

Ein Höllenmaschinenattentat in einer Kirche. Dir Minister waren in Lebensgefahr.

Aus Sofia meldet die bulgarische Telegraphen- agentur:

Bei der Begräbnisfeier des vorgestern ermordeten Abgeordneten der Regierungspartei Kosta explodierte in der Kathedrale Nedilia eine Höllenmaschine. CS sind zahlreiche Tote und Verwundete zu beklagen. Alle anwesenden Minister sind unverletzt ' geblieben.

Unruhen in Mossul.

Mobilisierung von Reitertruppen durch die Türkei.

*tb Paris, 17. April. fTelegr.) Wie die .Chieago-Tribune' aus Konjtantinopel meldet, ist die Lage an der provisorischen Mossul-Grenze sehr beunruhigend geworden. Die türkische Re- gierung läßt durch halboffizielle Blätter erklären, daß unter englischemDruck die nestorianifchen Stämme immer noch türkisches Gebiet über­fallen und die Bewohner der türkischen Dörfer ermorden. Deshalb hat die türkische Regierung beschlossen, Rritertruppen einzubernfen, um die Armee zu verstärken. Die Jahres, klaffen 1920 und 1921 sind für Anfang Mat einberusen worden.

* Dr. Hoefle, mit besten Ableben nach Meldungen von anderer Seite angeblich gerechnet werden muß, ist zwar schwer herzkrank, aber, wie aus Berlin ge­meldet wird, nicht in Todesgefahr.

Man kann es heute schon offen aussprechen: Die Aufstellung der Kandidatur Hindenburg bedeutet die Besiegelung des Fehlschlagens 'der volks- parteilichen Politik. Ziel der Volkspartei war seit dem 4. Mai die Einbeziehung der Deutsch- nationalen in die praktische Politik. Auch nach dem 7. Dezember hat diese Partei mit einer Selbstverleugnung, die wahrhaft bewun­dernswert , genannt werden muß, von diesem Streben nicht abgelassen, trotz aller Warnungen. Deuffchland ist dadurch in eine Unruhe und Unrast verseht worden, die insbesondere angesichts der schweren außenpolitischen Lage beinahe unerträg. lief; war. Es ist unendlich viel an Ansehen unter» ^sten wieder verspielt worden, das wir mühsam erworben hatten. Aber die Volksvartei blieb hart­näckig. Daß viel parteiegoistisches Bestreben in ihrer Politik steckte, ist unverkennbar, doch scheint es uns nicht angängig, in diesem Punkte die Kri- lm Augenblicke allzu sehr zu vertiefen.

^rhin es doch beachtenswert und be- weijk daß die Vokkspartei sich wieder besinnt, wenn ste bis zum Schluß vor der «n6 v? tur£inben6urggetDarnt hat.

der Parteiangehörige Jarres, für öen sie kämpfen mußte, eine Rolle spielt, ist sicher, , r >n der Hauptsache war es doch zweifellos f a m 11 m, was sie zu tyrer Stellungnahme trieb.

@r3tehungsarbeit an den Deutschnationa- ^n, ine sie vorhatte ist völlig mißlungen. Eine Weile hat sich diese Partei geduckt, aber auch

nur eine Weile; dann hat sie sich gegenüber der Bruderpartei durchgesetzt und diese immer stärker ins Schlepptau genommen. Die Volkspartei, die sich noch vor einem Jahre rühmte, eine Mittel- Partei zu sein, ist in den Rechts st rudel mit gerissen worden und hat sich selbst den schwersten Schaden zugefügt.

Politisch gesehen aber war ihr Verhalten des­halb so schädigend, weil sie die parlamentarische Mitte vollkommen akttonsunfähig machte, ja sie zeitweise zertrümmert hat. Das ganze Par­teigefüge Deutschlands ist in eine gefährliche Un­ruhe versetzt worden. Das Zentrum wurde, um die größten Gefahren von rechts zu bannen, wenig­stens taktisch nach links abgedrängt. Sein psychologischer Blick bewahrte es glücklicherweise davor,Erziehungsarbeit" im Sinne der Deutschen Volkspartei zu leisten, dazu ist diese Partei noch nicht reif. Wie weit die Unzufriedenheit in der Volkspartei auf die Kandidatur Hindenburg ein­wirken wird, ist nicht abzuschätzen. /Eins aber ist sicher: die Niederlage der K we i s e, die den greisen, fast achtzigjährigen Marschall mißbrauch­ten, wird umgestaltend die politischen Verhältnisse Deutschlands beeinflussen. Sie wird das Ende eines Experimentes bedeuten, bei dem die aktionsfähige deutsche Politik Außen und Innen den schwersten Schaden gelitten hat. Als einziges Aktivum kann man die Blamage der Deutschnationalen buchen, die als Regierungspartei eigentlich alles ver- leugnet haben, was sie als Oppositions­partei versprachen.

Es gilt, die Niederlage dieser Chauvinisten und Nationalisten möglichst vernichtend zu ge­stalten; dies wird das Ende einer Epoche fein, die als weithin sichtbares Warnungszeichen zeigt, wo­hin Deutschland gerät, wenn es den einzig mög­lichen Weg der Mitte verläßt. Die Wirkungen eines Sieges des Volksblocks werden sich auch in Preußen zeigen. Wir sind der großen Kock- I it i o n viel näher, als die Schulweisheit der nationalistischen Philister sich träumen läßt.

Vie Deutsche Kdelsgenossenschaft gibt durch ihren Adelsmarschall die Parole für ihren Adelsgenossen von Hindenburg aus. Das ist ihr gutes Recht. Der Adelsmarschall benutzt aber die Gelegenheit, den Vertrauensmann des deutschen Volkes, Wilhelm Marx zu beschimpfen: er bezeichnet den langjährigen bewährten Führer der deutschen Katholiken, Wilhelm Marx, alsVer­treter der Internat io nale des Sozialis­mus, der vom jüdischen Geiste geleitet wird."

Dem ehrenhaften Patrioten Marx wird der Anwurf des Adelsmarschalls nichts schaden. Aber dem Ansehen des Adels dürfte er nicht gerade förderlich fein.

Bayern und Reichsprasi-entenwahl.

Die von der Münchener Leitung der Bayeri­schen Volkspartei ausgegebene Parole für Hin­denburg wird in den Kreisen der bayerischen Wähler, wie das vorauszusehen war,zu den ! Akten genommen". Die hochangesehene Augs­burger Postzeitung schreibt:

Wir erhalten täglich eine Flut von Zuschriften zur Präsidentenwahl, die einzeln zu beantworten uns die Zeit fehlt. Aus allen Briefen geht hervor, daß der Beschluß des Landesausschusses der Bayer. Volkspartei, die Wahl Hindenburgs zu empfehlen, nicht in allen Wählerkreisen der Bayer. Volks­partei gebilligt wird. Auch viele Freunde der Bayer. Volksvarte: draußen im Reiche haben miß­billigende Zuschriften an uns gerichtet. So schreibt uns ein Major a. D. aus Württemberg, er I habe bei der letzten Wahl für Held gestimmt, müsse aber jetzt für Marx eintreten, da er den I Beschluß der Bayerischen Volkspartei außerordent- I stch mißbillige. Das Augsburger Organ kommt I nach weiteren Ausführungen zu dem Schluß:

Der, Bayer. Bauernbund und di: Hannoveraner I haben in ihren Beschlüssen ausdrücklich gesagt, daß die I Partei keinen Gewissenszwang auf ihre Wähler aus- I n&en wolle. Für die Wähler der Bayer. Volkspartei ist I es eine Selbstve^tändlichkeit, daß kein Gewissens- I Smang besteht. Einen solchen schließen für den Ka- I Hauken nur die göttlichen und kirchlichen Gebote in I

auch die P a r t e i d! sz I p l! n darf bei der I + rafidentenwahl nicht fo eng aufgefaßt werden, wie I be> Wahlen zu 'Barfomenten der Fall ist. Am April gibt der Wöhler seine Stimme nicht einem I Manne der Partei, sondern einer Dersönlichkeit, die uber den Parteien steht. Auch der Wortlaut des Be- chlusses der Payer. Volkspartei, in dem es heißt: die Parteiempfiehlt die Wahl Hindenburgs, ist hier zu beachten.