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Anzeiger für die Sfabf und den Kreis Fulda. Amtliches Kreisblakk.

Mittwoch, 25. Februar <925

52. Zahrg

Nr. 46

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Ein deutscherSchritt in der Kontrollfrage

/ Man schreibt uns aus Berlin:

Erst über London ist einer größeren Oeffent- kichkeit bekannt geworden, daß die deutsche Reichsregierung bei der englischen Regierung einen Schritt unternommen Hat, um in der Kon- troll- und speziell in der A b r ü st u n g s f r a g e zu einer Aussprache zu kommen.

Die Reichsregierung ist durch Vermittlung des englischen Botschafters' in London vorstellig ge­worden dahin, daß Deutschland, ehe von Seiten der Entente in der Abrüstungsfrage neue Mittei­lungen an Deutschland gerichtet würden, Gelegen­heit gegeben werde, sich zu den Ausstellungen der Gegensätze zu äußern. Jedenfalls hat die Reichs­regierung ein Interesse daran, nicht vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden, umsomehr, als trif­tige Gründe dafür sprechen, daß die von der Ge­genseite erhobenen Behauptungen bei näherer Nachprüfung nicht nur an Gewicht verlieren, son­dern zum Teil vollständig aufgehoben werden.

Diese deutsche Anregung begegnet in Frank­reich starkem Mißbehagen. Ein Teil der fran­zösischen Presse macht schon jetzt, ehe über den In­halt der deutschen Anregungen überhaupt etwas bekannt ist, Stimmung dagegen, mit dem Hinweis darauf, daß mit Deutschland eine Diskussion über die Entscheidungen der Kontrollkommission nicht möglich sei. Es ist selbstverständlich, daß man diese Dinge auf dieser Seite auch sofM in Verbindung mit der Räumung der Kölner Zone bringt, nachdem allerdings zwischen dieser Räu­mung?- und der Abrüstungsfrage ein untrennbarer Zusammenhang besteht, nimmt doch die Entente die Nichterfüllung gewisser Entwaffnungsbestim­mungen zum Vorwand, um Deutschland die Räu­mung der Kölner Zone zu verweigern. Sie Ab­sicht in Frankreich geht also offenbar darauf hin­aus, mit der Verweigerung einer Diskussion über die Behauptungen der Kontrollkommission gleich­zeitig auch die Entscheidung über die Räumung der Kölner Zone hinauszuschieben.

Demgegenüber kann man es nur billigen, daß die deutsche Reichsregierung die Taktik der frühe­ren Regierung fortsetzt, nämlich auf dem Wege non Verhandlungen zu versuchen, mit der Gegenseite zu einem Einvernehmen zu kommen. Diesem Zweck allein dient auch der jetzige deutsche Schritt in London, der übrigens schon einige Tage

zurückliegt, der aber in dieser Woche noch der Stellungnahme im englischen Kabinett unterwor­fen werden soll.

Um denUachfolgerhougtons inSerlin

(Eine neue Phase.

wtb Paris, 24. Febr. (TM Der „Avenio" versichert, daß die deutsch-französischen Handels- vertragsverHandlungen in eine neue Phase getreten sind. De. Trendelenburg habe einen seiner Mitarbeiter nach Berlin entsandt, um die neuen französischen Vorschläge bekannt zu geben. Dieser Gesandte werde bereits am Don­nerstag mit der Antwort der Reichsregierung in Paris zurückerwarket und seine Antwort werde eine Annahme bedeuten. Man glaube aber, daß der modus vivendi schon am kommenden Frei­tag unterzeichnet werden könne.

Ein vaweskomitee für Frankreich.

Nach Mitteilungen aus New-Nork soll der ameri­kanische Senat ein Gesetz erlassen, durch welches ein Verbot für Banken aufgestellt wird, keinem Lande eine Anleihe zu geben, daß die Kriegsschulden gegen­über den Vereinigten Staaten nicht abgegolten habe. Im Zusammenhang damit wird aber davon ge­sprochen, daß die Absicht bestehe, für Frankreich ebenso wie das für Deutschland der Fall war, ejn Dawes-Gutachten aufzustellen und ein eigenes Daweskomite zu bestellen zur Regelung der Kriegs­schulden.

Würde dieser Vorschlag zur Ausführung kommen, so wäre auch für Deutschland eine überaus wichtige Situation gegeben. Richtig ist, daß sich Frankreich in- Bezug auf die Erhaltung feiner Währung in einem angstvollen Kampf befindet, aber die Voraus­setzungen, die für Deutschland gegeben waren, um die Datves-Vercinbarungen zu treffen, haben für die gegenwärtige französische Situation keine Geltung, sodaß die geplanten Vereinbarungen nichts anderem als einer Tilgung der französischen Schuld an Amerika auf Kosten Deuschlands gleichkommen. Es müßte zum mindesten erreicht werden, daß beim Zustande­kommen einer solchen Vereinbarung ein Teil der deutschen Reparationsverpflichtungen ebenfalls in Wegfall käme.

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Da* Elsaß und Herriot.

Wtb P fl r i 5, 24. Febr. (TM Die in Straß­burg erscheinende Zeitung „Der Elsässer" ist gestern, wie das „Echo de Paris" meldet, b e - ich lag nahmt worden und zwar wegen einer karrikatur von Herriot, die sich auf die Zwischen­fälle in Marseille bezogen hotte. Dort haften die Kirchenfeinde gegen die von den Katholiken ein­berufene Prokeflversammlung wegen der Auf­hebung der Vatikanischen Botschaft Slörungsver- snche unternommen.

Deutsch« Reich.

* Das Diensteinkommen der evangelischen Pfar­rer. , Im preußischen Landtag ist von den Deutschnationalen, der Zentrumspartei, der Deutschen Volkspartei, der Demokratischen Partei und der Wirtschaftlichen Vereinigung ein gemeinsamer Urantrag eingegangen, der Mittel zur Aufbesserung des Dienstelnkommen der Pfarrer der evangelischen Landeskirchen verlangt.

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/ Tariffragen.

/ = Schiedsspruch in der Koltinbuflrie. In der Lohn-, J IrbeitSgett- und Mantcttarifstreitigkeit in der Kati- vndustrie ist im Reichsarbeitsministerium ein Schieds- f pruch gefällt worden, der den tarifmätziaen Hauer- i lud Handwerkerlohn auf 4,95 Reichsmark festsetzt. Das leberarbeitszeitabkommen sowie der Manteltarii sind mit geringen Aenderungen bis auf weiteres verlängert worden.

Katholische Welt.

= Deutsche Missionare nach ©itafrifa. Als erste -vclstmnare der Kongregation vom hl. Gefft, die wieder nach Ostafrika zugelassen werden, reisten die beiden alten Ostafrikaner Br. Ccreus Spiekermann und Br. -öenno Casper dahin zurück. Ersterer geht in die Kili- maudicharo-Mikkion. letzterer nach Bagamoho-

5oziale§.

= vefferung der volkrgelundheit Zufolge des Krieges war die Zahl dec Krankheitsfälle, insbesondere der schweren und ansteckenden, stark gewachsen Nun­mehr läßt sich wieder eine Abnahme der an stecken- den Krankheiten feststcllen. Der Flecktyphus, der im Jahre 1922 in 650 Fällen, 1913 in 52 Fällen auftrat, ist 'n dem abgclaufenen Jahr auf etwa 10 Fälle guriick- aegangen. Erkrankungen an Pocken waren fast ebenso selten: neun im ersten Halbjahr 1924. Erheblich ist auch die Genickstarre zurückgegangen. Während rm ersten Halbiahr 1922 noch über tausend Fälle zu verzeichnen waren, waren im selben Zeitraum des Jahres 1928 nur 759 und 1924 nur noch 442 Fälle zu verzeichnen. Auch die Scharlacherkrankungen sind, wenn auch nicht in dem starken Maße, zurückgegangen. Eine Zunahme dagegen weisen die Diphtherieerkrankungen auf. Aber bie Zunahme ist unwesentlich und ist auch nur gegen­über dem Jahre 1923 zu verzeichnen, während, wenn man das Jahr 1922 zum Vergleich heranzieht, etn Rückgang festzustellen ist. Der Sterbekoeffizient für die Diphtherie ist übrigens durch das Behringsckw Heil­serum auf etwa 10 Prozent gegenüber früher 50 Pro. 3erzt gesunken. Eine erhebliche Steigerung, und zwar ni$t nur gegen das Jahr 1923, sondern auch gegen 1922, weisen nur die Typhuskrankheitsfälle auf.

Ohne den König.

wtb eondo n, 24. Febr. (TM In Ergän­zung eines früheren Berichts wird gemeldet daß wahrscheinlich demnächst ein geheimer Staatsrat flaltfinden werde, der n. a. entscheiden solle, ob während der Abwesenheit des Königs von E n g l a n d die mit der Abwesenheit des Prinzen von Wales und des Herzogs von Dork zusammenfallen wird, eine Kommission ernannt werden soll, die ermächtigt würde, nötigenfalls Sitzungen des geheimen Skaaksrats einzuberufen, die namens des Königs Entscheidungen treffen könnte. Es würde sich dabei um eine reine Por- fichlsmaßnahme handeln.

* Sizilianische Räuber. In einem Dorfe In der Nähe von Cattau ifetta auf Sizilien versuchte eine Räuberbande einen Bauernhof zu stürmen und sich einer Horde Viehs zu bemächtigen. Es kam zu einem regel- rechten Gefecht, wobei die Räuber einen Toten und die Verteidiger zwei Tote hatten. Schließlich muß­ten die Räuber unter Zurücklassung von zwei Pferden wieder abziehen.

* Das „trocken gelegte" Amerika. Ser Prohibition Agent der Vereinigten Staaten von Amerika d. h. der­jenige Mann, der die Befolgung des Antialkoholgesetzes zu überwachen hat, hat feine Arbeitsleistungen in den verflossenen drei Jahren zusammengezahlt. Und er ist dabei auf ganz respektable Zahlen gekommen: 7000 Jahre Gefängnis sind von ihm für die Uebertreter des Gesetzes erwirkt worden; 17 7 00 0 Ver­haftungen sind vorgenommen worden, und 18 Millionen Dollar Geldstrafen sind verhängt worden. Außerdem hat er 160 Millionen Liter alko- holifscher Getränke beschlagnahmt und — schade!" wird da mancher ausrufen — vernichtet. Noch eine hübsche Zahl st aber zu erwähnen: die Newyorker Aerzte haben in einem einzigen Jahre nicht weniger als 3% Millionen Rezepte ausgestellt, in denen bescheinigt wird daß der Inhaber des Rezeptes den Alkohol zur Erhaltung feiner Gesundheit und zur Fristung seines Lebens braucht. Da Newyork etwa 5 Millionen Eniwotmer hat, ist. wenn man die Kinder abrechnet, fast jeder Newyorker im Be­sitz eines solchen Rezeptes.

Deutsche Wirtschaftsfragen.

— Neue Zuduftrieauleihen im Kurland. Die Be­mühungen. im Ausland Kapitalien für deutsche In« dustrieunternehmungen auf dem Anleihewege aufzu- bringen, sind auch jetzt noch nicht abgeschlossen. Neuer- dings wird über eine 30 Millionen Dollaranleihe verhandelt, die der Interessengemeinschaft der deutschen Anilinwerke, also dem großen Anilinkonzern, zu­gute kommen soll Während aber die bisherigen amerikanischen Anleihen ziemlich glatt, allerdings bei ganz außerordentlich schweren Bedingungen, abgewickelt wurden, machen sich bei dieser jetzigen Anleihe ernsteste Schwierigkeiten geltend. Und zwar sind sie auf Kon- ^"?.renzfurcht der amerikanischen Geldgeber zurück- zuführen im Hinblick auf die Fortschritte, die feit dem Strieg die amerikanische Farbenindustrie genommen hat. Es ist daher im Augenblick noch nicht sicher, ob die ge­plante Anleihe für die deutsche Farbenindustrie in Unicrifa zustande kommt.

• Schreckliche Brandkatastrophe in Aegypten. Die ^üadt Rahmanieh in der Nähe von Damanhnr wurde fast vollständig durch Feuer zer­stört. 30 Personen wurden getötet, 38 schwer vor­letzt. 500 Häuser find niederaebrannt

Der Reichskanzler spricht!

Reichskanzler Dr. Luther weilte am Montag auf dem Bankett der Deutschen Pressever­treter im Hotel Esplanada in Berlin und hielt eine Rede. Darin vertrat er Ansichten, die völlig mit dem übereinstimmen, was Reichskanzler M a rx und die andern Zentrumsführer immer wieder ge­jagt haben. Er verlangte Zufammenarbeit aller Kräfte im Staat.

„Ein Gegensatz in reiner Farm, so führte er aus, ist nirgends vorhanden, auch nicht zwischen dem Individualismus und dem Sozia­lismus. Es gibt keinen Sozialisten, der nicht die starken Kräfte des Individualismus anwenden will, der nicht den Tüchtigen an die Stelle führen will, wo er wirken kann. Es gibt auch keinen In­dividualismus, der nicht weiß, daß die großen Bande, die der soZialistischen Denkformel entsprin­gen, im Staatsganzen lebendig werden muffen. Auch in den großen Gegensätzen der Weltanschau­ung handelt es sich um ein Nebeneinander- leben. Hier hat die Politik die Ausgabe, daß Weltanschauungen miteinander in Frieden rin­gen können, jede um ihre innere Reife. Insbeson­dere beim Wettbewerb zwischen den beiden christ- lichen Konfessionen muß dafür gesorgt werden, daß die gemeinsamen großen Gedan­ken des Christentums zu starker Auswir­kung kommen. Die schwerste Aufgabe für die Prefse liegt darin, in den Fragen, in denen wirk­lich unser Volk in starken Gegensätzen einander gegenübersteht, auch dem Standpunkt des andern die erforderliche Gerechtigkeit zuteil werden zu lassen."

So spricht der Reichskanzler Dr. Luther. Nur im preußischen Landtag ziehen dann die Herren Dr. Winkler, v. Campe und — Pieck die entgegengesetzten Schlußfolgerungen. Wie lange noch?

Der kranke Reichspräsident.

Reichspräsident Ebert ist am Montag an einer Blinddarmentzündung erkrankt und mußte sich einer Operation unterziehen, die Prof. Bier vornahm. Die versaffungsmäßige Vertretung des Reichspräsidenten ist dem Reichskanzler Dr. Luther übertragen worden. Tie Operation selbst, die in der Nacht auf Dienstag erfolgte, ist gut verlaufen.

Der Handelsvertrag.

wtb Paris. 24. Febr. (TM Der „New '.)ork Herald" berichket aus Washington, Persönlich- feifen, die der Behörde nahestehen, hätten ver­sichert, daß John Adams, der frühere Dor- sitzende des nationalrepublikanischen Komitees alle Aussicht habe, zum amerikanischen Bot­schafter in Berlin ernannt zu werden. Es werde hervorgehaben, daß Adams gute Kenntnis der Verhältnisse in Europa habe. Er habe sich bei Kriegsausbruch in Europa aufgehalten und sich während des Krieges eine unabhängige Ansicht bewahrt. Man fei der Ansicht, daß er ohne Zwei­fel ähnlich wie Hougthon weiterhin für eine gegen­seitige freundschaftliche Derständigung wirken werde, doch wird angenommen, daß die Entschei­dung, ob Adams Botschafter in Berlin werde, nicht getroffen werde, ehe siellog in Washington angekommen sei.

von der roten Armee.

wtb Moskau, 24. Febr. (TM Der Bolks- kommisiar für den Krieg, Frunse, erklärte, das r us­sisch e Heer, das gegenwärtig 562 000 Mann umfasse, werde demnächst um 50 000 Mann ver­mindert.

Vom deutschen Parteileben.

(Eine Spaltung der Wirtschaftspartei?

In der Wirtschaftspartei sind, wie in parla­mentarischen Kreisen verlautet, Schwierigkeiten er­wachsen angesichts der Haltung, welche die vom Abgeordneten Ladendorff im Preußischen Landtag geführte Gruppe zu der Regierung M a t r eingenommen hat. Diese Gruppe ist nicht damit einverstanden, daß Ladendorf seine Politik ganz einseitig auf die großstädtischen Hausbesitzerinteres- fen »bstellt (mit dem Hausbesitz in den Mittel- und Kleinstädten hat Ladendorf, der Vertre­ter der Berliner Hausbesitzerplantagen, nie was zu tun gehabt), und demgegenüber die Interessen von Handel, Gewerbe, Handwerk und Mittelstand in den Hintergrund stellt. Man ist in diesen Krei­sen durchaus nicht damit einverstanden, daß die politische Führung in solchen Formen sich vollzieht, wie das jetzt im Preußischen Landtag beobachtet wurde.

Treffen diese Informationen zu, dann wäre für die Stellungnahme der Wirtschaftspartei im Preußischen Landtag eine wichtige Aendc - rung zu erwarten. Die dem Handel, Gewerbe und Handwerk besonders nahestehenden Kreise der Wirtschaftspartei planen ja übrigens schon feit län­gerem eine eigene Parteigründung, gewissermaßen die Schaffung einer Handwerkerpar­tei. Man sieht daraus ebenfalls, daß die Verbin­dung der Handwerker-Interessen mit den Interessen derjenigen, die die Führung der Wirtschaftspartei schließlich an sich genommen haben, sehr zum Nach­teil des kleinen Mittelstandes ausgeschlagen ist. Diese Kreise müßten doch nun erkennen, daß nicht in der Zerspitterung nicht in der Schaffung kleiner Standesparteien, sondern in der Anglje­de r u n g an große politische Parteien die Möglichkeit gegeben ist, die Interessen wirksam zu vertreten.

Eine veränderte Stellungnahme der Wirtschafts­partei im Preußischen Landtag wäre um deswillen von sehr großer Bedeutung, weil damit auch die varlomentarisckie Basis des Kabinetts Marx eine Verstärkung erfahren könnte. Dieses Kabinett blieb nur mit drei Stimmen in der Minderheit, nachdem aus der eigenen Partei des Ministerpräsidenten sechs Abgeordnete, davon zwei unentschuldigt fehl­ten. Schon die nächsten Tage werden zeigen, ob die Trennunasbestrebunaen innerhalb der Wirt­schaftspartei sich zu den vorgezeigten Folgen und Wirkungen auswachsen.

Wir möchten glauben daß diese Klärung in der Wirtschaftspartei noch nicht von heute auf morgen sich vollziehen, sondern sich noch längere Zeit hin- schleppen wird.

5ür Parteidisziplin.

Den Abgeordneten v. Papen, Loennartz und neuerdings noch Baumann, die sich weni­ger als Zentrumsabgeordnete, denn als Vertreter von gewissen Großgrundbesitzergrup­pen in Westdeutschland fühlen und betragen haben, wird non der Zentrumspartei der Stuhl vor die Türe gefetzt. In H a m m hat sich der P ro- v i n z i a l a n s s ch n ß der Westfälischen Zentrumspartci mit der disziplinlosen Hal­tung der Genannten, die durch Kundgebungen in der zentrumsfeindlichen Presse ihre Stellung nur noch verschlechtern, eingehend beschäftigt.

Die Bedeutung der Tagung wurde dadurch gekenn­zeichnet, daß die beiden Vorsitzenden der Deutschen Zentrumspartei. Reichskanzler a. D. Ministerpräsident M a r x und Justizrat M o e n n i g erschienen waren. Die 8(bgg. v. Popen und Roeingh waren nicht erschienen; letzterer hatte sich uie£~ ?-nstzuer seiner Erkrankung

entschuldigt, während Herr v. Papen in einem Schrei­ben an den Vorstand der Westfälischen Zentrum.-Partei erklärt hatte, zwar grundsätzlich bereit zu sein, sich wegen feiner Haltung bei der Abstimmung vor dem Prooin- zial-Ausschuß zu verantworten, aber erst das Votum des Landwirtschaftlichen Beirats der West­fälischen Zentrumspartei, der am Dienstag den 24. Fe­bruar Zusammentritt, abwarten zu wollen.

Die Verhandlungen des Provinzial-Ausschuffes waren bei aller Erregung, die häufig genug durchbrach, getragen von der Erkenntnis des tiefen Ernstes der Stunde und von dem Vollbewußtsein über die Schwere der zu fällenden Entscheidungen.

In erster Linie beschäftigten sich die Erörterungen, die durch einen Bericht des Ministerpräsidenten Marx über die politischen Entwicklungen im Reiche und in Preußen eingeleitet wurden, mit dem Abstimmungs­ergebnis im Preußischen Landtag und insbesondere mit der Haltung der Abg. v. Papen und Loennartz.

Zusammenfafsend ist festzustellen, daß das Verhal­ten der beiden Abgeordneten von nahezu allen Red­nern, die in der mehr als vierstündigen Aussprache z« Worte kamen, auf das schärfste verurteilt wurde und daß auch deren Verteidiger sich im wesentlichen mehr auf die Erläuterung, als auf die stichhaltige Begrün­dung und überzeugende Rechtfertigung der Stimment­haltung beschränkten. Der Provinzial-Ausschuß erkannte auf der einen Seite an, daß die Entscheidung über die Beibehaltung oder Niederlegung des Mandats nicht ihm, sondern der Wahlkreisvertretung zusteht und sah deshalb von einer diesbezüglichen Beschlußfas­sung ab, betonte aber auf der anderen Seite mit größ­tem Nachdruck daß dem Landwirtschaftlichen Beirat de» Westfälischen Zentrumspartei ebensowenig eine Berech­tigung zur Fällung einer Entscheidung in der Mandats frage zuertannt werden kann wie den übrigen Bei röten oder einer wirtschaftlichen Organisation.

Die Gesamtverhandlungen fanden ihren Nie­derschlag in einer einstimmig angenommen En t- s ch l i e ß u ng, in der es heißt: Der Provinzial- ausschuß der Westfälischen Zentrumspartei steht in herzlicher Dankbarkeit und unentwegter Treue zu dem Vorsitzenden der Deutschen Zentrumspartei,, dem Reichskanzler a. D. und Ministerprädenten Marx. In voller Würdigung der großen Schwie­rigkeiten der politischen Lage im Reiche und in Preußen billigt er die Haltung der Zen­trumsfraktion des Reichstages. Der Provinzial­ausschuß spricht ferner der Zentrumsfraktion des preußischen Landtages das Vertrauen aus; er ist überzeugt, daß die Zentrumsfraktion des Reichs­tages und preußischen Landtages wie bislang den richtigen Weg zum Wohle von Volk und Va­terland finden werden, llnfer Ziel im Reiche und in den Ländern ist das Wohl des Volksganzen, nicht die Verwirklichung parteiegoistifcher und be­rufsständischer Sonder wünsche. Unser poli­tisches und parlamentarisches Ziel ist die wahre Volksgemeinschaft, die niemanden von der verantwortlichen Mitarbeit ausschließt, d'er red­lichen Willens ist und sich bewußt zum Staate und zur Verfassung bekennt.

Eine aufgelöste Partei.

Wie der „Lokalanzeiger" mitteilt, hat eine Ber­liner Vertrelerbersammlung der Nationallibe­ralen Reichspartei beschlossen, sich der Deutsch- nationalen Volkspartei anzuschließen. Der Vorsitzende, Landtaqsabgeordneter Maretzki, führte in einem Referat über die politische Sage aus, daß die große Aufgabe der Nationalliberalen Reichspartei jetzt erfüllt fei, da die Deutsche Volkspartei wieder m der nationalen Front stehe. Die Westgruppe Berlin der.Nationalliberalen Partei hat ihren lieber« tritt zur Deutschnationalen Volkspartei vollzogen.

Diese Partei, die sich da „auflöst", hat außer dem Vorstand, der sich aus den Kreisen des ®n>6« kapitals znfannnensetzte, wohl weiter keine Anhänger gehabt. Das vereinfacht die „AuflösunL".