FuldaerZertung
Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadt Fulda.
Nr. 15.
verantwortlich lüt die Schriitleitnni,: Dr. Jobanner Ä tont er. Anzeigen: I. B arzeller, Fulda. Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer r elierdtt ckrrei in Fülle. Fernwrecher Rr. 9.
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Dienstag, 20. Januar 1925.
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52. Zahrg.
Bor der Regierungserklärung.
Die Vervollständigung des Kabinetts. — Die Taktik der Opposition, vor heftigen Kedekämpfen im Reichstag.
Das Kabinett Luther
soll, wie die letzten Meldungen aus Berlin besagen, nunmehr auch den Finanz Minister gefunden haben. In parlamentarischen Kreisen bnlau'et, daß Reichskanzler Dr. Luther vermutlich de» früheren preußischen Finanzminister und jetzigen Vorsitzenden des Reichsrechnungshofes Samisch erneut auffordern werde, dieses Reflort zu übernehmen. Wie der Montag meldet, werde eine Besetzung des ReichSverkehrSministeriums vorläufig nicht erfolgen, da von verschiedenen Seilen für eine Zusammenlegung dieses Ministeriums mit einem anderen Portefeuille, ähnlich wie eS bereits mit dem für die besetzten Gebiete geschehe» ist, eingetreten werde.
Der Posten des Reichsjustizminister»
ist noch am Samstag dem hochbetagten Oberlandes- gerichtsprästdenten a. D. Dr. Frenken in Köln übertragen worden. Er ist in 5)einsberg (Rheinland) geboren. Volle 14 Jahre brachte er im preußischen Justizministerium zu; zuletzt bekleidete er den Rang eines Ministerialdirektors. Im Ian. .1914 wurde er als Unterstaatssekretär für Justiz e Straßburg verletzt, das er aber schon 1916 verum das Amt des Oberlandesgerichtrpräsiden- ten in Köln zu übernehmen. Im Oktober 1922 wurde er verabschiedet. Dr. Frenken ist parteipolitisch nie hervorgetreten; man darf ihn aber dem Zentrum zurechnen, da er katholisch ist. In den wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Kreisen Kölns ist er hoch geschätzt. Als er vor zwei Monaten seinen 70. Geburtstag feierte, nahm das gesamte offizielle Köln daran teil. Das Ministerium für die besetzten Gebiete hat der Reichskanzler selbst übernommen.
Fehrenbach spricht für das Zentrum.
Das Zentrum hat sich entschlossen, in der politischen Debatte zur Regierungserklärung, die voraussichtlich im Reichstag am Dienstag stattfindet, eine besondere Erklärung abzugeben, die den Standpunkt der Partei nach allen Seiten hin zu wahren bestimmt ist Diese Erklärung wird von dem Parteivorsitzenden Fehrenbach abgegeben.
Sollte ein zweiter Redner notwendig fein, so wird Prälat K a a s noch für das Zentrum eingehender sprechen.
Tine neutrale Stimme.
Die deutsche Regierungsdaucrkrise hält das Ausland in lebhafter Spannung. Der Eindruck der Art, wie Marx, der populärste und erfolgreichste Kanzler des neuen Deutschland, beseitigt wurde, ist ganz übel. Ueberall werden die Schuldigen erkannt: Stresemann und die Deutsche Volkspartei. Die „NeueZürcherZeitung" (Nr. 58) vom 14. Januar schreibt u. a. zu den jüngsten Vorgängen:
Aber Stresemann hat bekanntlich so ziemlich alles vergessen, was er im Wahlkampf gegen rechts gesprochen hat. Man stellt lediglich Tatsachen fest, wenn man ihn als den eigentlichen Urheber der gegenwärtigen Krise, als Vater des verschleierten Bürgerblocks und damit auch den U n t e r w ü h l e r der Position des bisherigen Reichskanzlers Marx bezeichnet. Die Wahlen haben kein eindeutiges Resultat gezeitigt, die klare Entscheidung zwischen den republikanischen und ganz monarchistischen Parteien ist nicht gefallen. Am naheliegendsten war deshalb die Fortführung der bisherigen Politik der Mitte, die weiterhin auf die wohlwollende Neutralität, in außenpolitischen Fragen sogar auf die Unterstützung der wieder zur stärksten Reichstagsfraktion aufgerückten Sozialdemokratie hätte rechnen können. Man darf nicht vergessen, daß die Londoner Politik der Regierung Marx-Stresemann mit der Sozialdemokratie und gegen die Deutschnationalen gemacht wurde. Daran ändert auch die Abstimmungskomödie vom 29. August nichts. Obschon nun die Möglichkeit zur Fortsetzung des bisherigen Kurses durchaus gegeben war, versteifte sich Stresemann harwäckig auf eine einseitige Erweiterung der Regierung nach rechts, selbst als sich herausstellte, daß weder Reichskanzler Marx persönlich noch seine Partei diesen Weg mitmachen konnten. Zahlenmäßig läßt sich im neuen Reichstag eine -minime Bürgerblock-Mehrheit ohne Demokraten und ^Sozialdemokraten errechnen. Diese Zufallsmehrheit war Der Strohhalm, an den sich die Dolkspartei klammerte, um eine ausgesprochene -Rechtsschwenkung des Regie- rungskurses zu erlangen, und das nach einer Wahl, die den Linksparteien prozentual die stärksten Gewinne eingetragen hatte. Der Kampf um dle Macht im Staate, den der Wähler unentschieden hatte ausgehen lassen, sollte nun mittelst parlamentarischer Kniffe und einer rücksichtslosen Taktik gegen den bis- herigen Kanzler der Mitte zugunsten der Rechten entschieden werden, weil diese für die bevorstehende, durch den Dawes-Plan bedingte Lastenoerieilung alle Hetze in die Hände bekommen wollte.
Das Zentrum stellte sich vor Weihnachten einmütig auf den Standpunkt, daß es eine derartige Umbiegung seiner bisherigen Politik nicht mitmichen könne. . . . So erging sich denn der bis zur Selbstaufopfe- r u n g gewissenhafte Reichskanzl-r Marx nach Neujahr in zahllosen neuen Versuchen, ein Kabinett zu finden, das Gewähr für die Fortführung der bisherigen Politik der Mitte geboten H ine. Aber je mehr sich die Kombinationem häuft-n, von denen einige schon sehr stark nach Halbrechts orientiert waren, desto unver- hüllter trat der Streik Stresemanns gegen Marx in Erscheinung. Weil Marx sich nicht dazu hergab, als Feigenblatt für einen Rechtsblock zu dienen, ivar er für Stresemanns Pläne nicht weiter verwendbar. So empfahl der Führer der Volkspartei, der von Rechts wegen selber Kanzler werden sollte laber in der verzwickten Situation, die er geschaffen, es momentan vorzieht, sich mit dem Außenministerium zu begnügen).
dem Reichspräsidenten, auf Finanzminister Luther zurückzugreifen, der nicht im Verdacht steht, irgendwelche Neigungen nach links hin zu besitzen.
Das ist deutlich, aber richtig gesagt. So schreibt dazu die „Köln. Dolksztg.". Genau so hat sich alles zugetragen. Dies festzustellen, kann uns niemand hindern, auch nicht in dem Augenblicke, in dem -das nach solchen Geburtswehen zustandegekommene Kabinett Luther vor den Reichstag zu treten und um eine Art Vertrauensvotum zu ersuchen beginnt. Die zurückliegenden fünf Wochen waren lehrreich für das Zentrum.
Mag das Kabinett Luther nun zu arbeiten be-. ginnen. Da, wo es Gutes im Schilde führt, wird es die Unterstützung des Zentrums finden; überall da aber, wo es zweifelhafte Wege beschreitet, wird es heftigen Widerspruch erfahren. Nach seinen Taten, nicht nach seinem Namen und seinen Erklärungen, wird das Zentrum dieses Kabinett, dem keine lange Lebensdauer beschieden sein dürfte, beurteilen.
Erste Maßnahmen der Opposition.
Vorstoß gegen Tirpih.
Die aus Demokraten und Sozialdemokraten bestehende Opposition im Reichstag gegenüber denz Kabinett Luther beginnt sich bereits lebhaft zu regen. Zunächst beobachtet man die Tendenz, die Gegenseite auf das f e st z u l e g e n, was sie bisher vertreten und gefordert hat. Ein besonders heikler Punkt ist hier die Aufwertung s frage. Die Sozialdemokraten sind bereits mit einem Antrag erschienen, der an den deutschnationalen Vorsitzenden des Aufwertungsausschusfes das Ersuchen richtet, den Aufwertungsausschuß sofort zusammenzuberufen, um den Gesetzentwurf der deutschnationalen Fraktion zu beraten, der die sofortige Aufhebung der auf Grund des Artikels 48 der Reichsverfassung erlassenen Verordnung betr. die Aufwerfungsfrage bezweckt. — Diese Angelegenheit kann um deswillen recht peinlich werden, weit es jetzt gift, die Mittel für die Aufwertung zu beschaffen. Dr. Luther, der neue Reichskanzler, hat bekanntlich in der Aufwertungsfrage bisher am stärksten gebremst.
Eine unmittelbare Folge der Beteiligung der Deutschnationalen an der Regierung ist die Zurückziehung ihrer Interpellation betr. den Magdeburger Prozeß. Diese Interpellation wandte sich gegen die einmütige, von Stresemann und Dr. Jarres formulierte Der- trauenskundgebung der Regierung Marx gegenüber dem Reichspräsidenten Ebert. Nun aber haben die Demokraten eine Interpellation im Reichstag eingebracht, die sich mit der demonstrativen Weigerung der Teilnahme des zum Vizepräsidenten im Reichstag erwählten deutschnationalen Abgeordneten G r a e f -Thüringen an dem offiziellen Höflichkeitsbesuch des Reichstagspräsidiums beim Reichspräsidenten befaßt.
Ganz besonders stark politisch gefärbt sind aber die von Sozialdemokraten wie Demokraten im Reichstag eingebrachten Interpellationen, die sich mit dem Fall T i r p i tz beschäftigen. Hier liegt ein demonstrativer Vorstoß nicht nur gegen Tirpitz, sondern auch gegen die deutschnationale Reichstagsfraktion als solche vor, um sie zu einer klaren Stellungnahme zu zwingen. Bekanntlich hat Tirpitz vor kurzem ein Buch herausgegeben, in welchem amtliche Dokumente veröffentlicht sind, von denen behauptet wird, daß Tirpitz nur auf widerrechtliche Art und Weife in ihren Besitz kommen konnte. Die Interpellation der Demokraten hat folgenden Wortlaut:
„Welche Maßnahmen gedenkt die Reickisregierung zu ergreifen, mn der unbefugten Veröffentlichung amtlicher Aktenstücke Dokumente und Dienst- korrespondenzen durch ehemalige Reichsbeamte oder Offiziere entgegenzutreten, Reichsbeamte oder Offiziere, die lich solche Handlungen haben zuschulden kommen lassen, zur Rechenschaft zu ziehen und das Reich wieder in den Besitz der widerrechtlich angeeigneten Stücke zu fetzen?"
Die sozialdemokratische Interpellation formuliert ihre Anfrage an die Reichsregierung, die in diesem Falle an den deutschnationalen neuen Innenminister Schiele geht, folgendermaßen:
' „Seit Monaten wird dem Großadmiral von Tirpitz, Neichstagsa'ogeordneten und Ehrenvorsitzenden der deutschnationalen Reichstagsfraktion öffentlich vorgeworfen, er habe sich widerrechtlich amtliche Dokumente angeeignet und sich Abschriften solcher Dokumente beschafft, um sie schriftstellerisch zu persönlichen Zwecken zu verwerten. Hai die Reichsregierung ermittelt, ob dem Retchrministerium, Marineabteilung und ber.t Auswärtigen Amt gehörige wichtige amtliche Schriftstücke sich im Besitze des Großadmirals befinden? Ha: die Reickisregierung ein Ermittlungsverfahren wegen widerrechtlicher Aneignung amtlichen Materials veranlaßt^ Hat die Reichsregierung Sicherungen getroffen, daß Großadmiral von Tirpitz amtliches dokumentarisches Material ohne Erlaubnis der zuständigen Behörden nicht wehr veröffentlicht?"
Diese Interpellationen werdeir zweifellos .zu heftlgen Auseinandersetzungen im Reichstag suh- ren.
Die von der kommunistischen Partei (Ortsgruppe Berlin) veranstalteten Demonstrationen und Versammlungen für die Freilassung der politischen Gefangenen, an denen mehrere tausend Personen teilnahmen, sind ruhig verlaufen.
Die Bilanz öes Weltkrieges.
Das internationale Arbeitsamt hat nach einem Bericht des „Temps" eine Gnqitefe veran- stal'et, die einen abschließenden Uebeibltd über die Zahl der von den einzelnen Nationen in den Weltkrieg entsandten Soldaten und die der Gefallenen ermöglicht. Die Gesamtzahl der Kämpfenden betrug demnach siebzig Millionen. Fünfzehn Millionen stellte Rußland, dreizehn Millionen Deutschland, neun Millionen Oesterreich-Ungarn, gegen acht Millionen Frankreich, gegen sechs Millionen England, fünfeinhalb Millionen Italien und etwas über vier Millionen die Vereinigten Staaten. Mit der männlichen Bevölkerungszahl der einzelnen Länder in ein Verhältnis gesetzt ergeben diese Zahlen, daß Frankreich gegen 41% seiner männlichen Einwohner in den Krieg sandte, Deutschland 39,6%, Oesterreich Ungarn 34,6%, Italien 31,5%, England 24,2% und die Vereinigten Stz-alen 8,4%.
Was die Verluste an Toten und Vermißten betrifft, steht Deutichland mit zwei Millionen anderSpitzeder kriegführenden Völker. Es folgen Rußland mit 1700000, Oesterreich-Ungarn mit 1542000, Frankreich mit 1400000, Italien mit 750000, England mit 744000 und die Vereinigten Staaten mit 68000 Toten und Vermißten. Von der männlichen Bevölkerung Frankreichs sind demnach 10,5% dem Weltkrieg zum Opfer gefallen, von der des Deutschen Reiches 9,8%, von der Oesterreich-UngarnS 9,5%, von der Italiens 6,2 V», von der Englands 5,1%, und von der männlichen Bevölkerung der Vereinigten Staaten 0,2%.
Erdbeben in Japan?
wtb paris, 19. 3an. (Tel.) tzavas berichtet aus Newyork, daß der Seismograph von Ge- orgeiown gestern vormittag ein Erdbeben in etwa 8000 Kilometer Entfernung verzeichnete, dessen Herd wahrscheinlich in Japan ist.
Verhängnisvolle Feuersbrunst.
wtb London, 19. Jan. (Tel.) Die „Times“ berichtet aus Tokio, daß durch die Feuersbrunst in Osaka 1200 Personen obdachlos geworden sind.
wtb Paris, 19. Jan. (Tel.) Einer Agentur Meldung aus Tokio zufo'ge Hal eine große Ten crs- brunst über 300 Häuser in Osaka zerstört. Es sollen etwa 50 Personen verwundet, aber niemand getötet worden sein.
Anschlag aus die englische Zlotte.
wtb London, 19. Jan. (Tel.) Am Samstag und Sonntag wurden in London, Gravesend und in Portsmouth je zwei Irländer, darunter eine $rau, festgenommen. Der „Daily Mail“ zufolge sind es extremistische Anhänger der irisch-republikanischen Bewegung und werden beschuldigt, an einem Komplott beteiligt zu sein, das bezweckt, britische Schlachtschiffe und Unterseeboote in die Cuff zu sprengen.
Die japanische Botschaft in London.
wtb London, 19. Ian. (Tel.) Den Blättern zufolge Hal der japanische Botschafter Hayaschi um einen etwa einjährigen Urlaub gebeten. Infolgedessen wird angenommen, daß er nicht mehr auf seinen Posten zurückkehren wird. „Daily News" bezeichnet als möglichen Jla*olgec Vivnnt Jfchii, den jetzigen, und Baron Matjuri, den früheren Botschafter Japans in Paris.
Die ägyptische Wahl verschoben.
Wtb Kairo, 19. Ian. (Tel.) Der König hat einen Erlaß unterzeichnet, durch den die auf den 24 Februar onberaumlen parlamenkswa tz- len aufgeschoben werden und der Zusammentritt der Kammer auf den 23. März festgesetzt wird.
Deutscher Reich.
* Keine Einigung zwischen Rupprecht und Luden« bot ff. Wie die Telegraphen-Union hört, haben die Schritte, die unternommen wurden, um den Konflikt zwischen Ludendorff und dem bayerischen Kronprinzen Rupprecht zn beteiligen, zu fein ent (Ergebnis geführt, da General Ludendoiff sich nicht en:schlteßen konnte, „die (Genugtuung in der geforderten Form zu leisten", londern an neue Bedingungen knüpfte, die von der Gegenseite für unerfüllbar gehalten werden.
* Dr. Heim an die Bauern. Im .Bayer. Bauernblau" erinnert Dr. Heim in einem Artikel zunä tst an feine frühere Mahnung gegenüber der Landwutichast, kein Stück Land zu verkaufen und das Geld nicht einzwperren, sondern in Waren zu verwandeln und zur Verbesserung der Wirtschaft zu verwenden. Heute müsse er den umgekehrten Rat erteilen, wie von 1918-1923. Sodann spricht Dr. Heim die Mahnung au5, daß, wenn nicht sofort Halt geboten werde und der Bauer durch einen Zoll schütz vor der Auslandskonkurrenz geschützt werde, beginne die große Wanderung von der Scholle, bann werde das Fahr 1925 die ersten schweren Anzeichen der Katastrophe im Bauernstand bringen. Bauern, sagt Dr. Heim schließlich, macht keine Schulden, dem 12-20 Piozent Z-n en sind tn der Landwirtschaft unerschwinglich. Dor allem hütet euch vor dem Wechsel, denn er rst ein Henkerftrick für den Bauern.
5nm (8. Januar,
dem Reichsgründungtag, fanden zahlreiche Kundgebungen statt. Der bisherige Reichskanzler Dr. Marx hatte als Festredner bei dem Reichsgrun» dungskommers, den der Berliner Kartelloerband der kath. Studentenvereine, abhielt, Gelegenheit, die Bedutung des Tages zu würdigen. Er ging von den glänzenden Tagen der Versailler Reichsgründung aus, streifte in kurzen Zügen die Entfaltung der politischen und wirtschaftlichen Machtstellung vor dem Kriege und wies darauf hin, daß uns das jähe Ende des Weltkrieges nichts anderes mehr gelassen hätte, als die E i n h e i t d e s R e i ch e s zu retten. Bei allem Tun und Handeln ist es d a s> e r st e, daß wir unser Reich zu erhalten suchen. Es ist Pflicht eines jeden, der sein Volk lieb hat, daß er die Rechtsgrundlage dieses Reiches, die Weimarer,Verfassung, schützt. Die Staatssorm selbst ist Nebensache. D a s R e i ch i st d i e H a u p t s a ch e. Der hat die christliche Nächstenliebe nicht verstanden, der die Fackel der Zwietracht in unser Volk trägt. Gerade mir Akademiker müssen uns einsetzen für das Volk. Wir können nicht mit Gewalt für dieses unser Volk kämpfen, sondern nur mit geisti-- g e n W a f f e n. Die Prinzipien des Verbandes, Religion, Wisenschaft und Freundschaft, sind die heften Wegweiser für die Erfüllung unserer Pflichten im Dienste der Allgemeinheit. Die Rede des Kanzlers erzielte stürmifchen Beifall.
Die Universität Berlin beging in der neuen Aula feierlich den Tag der Reichsgründung. Die Festrede hielt Geh. Rat Prof. Seeberg über die Bedeutung der drei Hauptweltanschauungsmotive Aufklärung, Idealismus und Religion für die heutige Zeit. Auch in der Landwirtschaftlichen Hochschule fand eine Gedenkfeier statt, ebenso eine Gedenkfeier im Berliner Rathaus.
In der Hamburger Börse fand eine von der Ortsgruppe Eroß-Hamdurg des Reichsverbandes der Rheinländer einberufene, aus allen Kreisen der Bevölkerung. zahlreich besuchte Versammlung statt, die sich zu einer eindrucksvollen Protestkundgebung gegen den Rechtsbruch am Rhein gestaltete. Nach kurzer Begrüßungsansprache des Vorsitzenden ergriff Bürgermeister Petersen das Wort und betonte, es gelte heute auch die Stimme Hamburgs gegen den Rechtsbruch am Rhein zu erheben, die Stimme eines alten Gemeinwesens, dessen Ehre es immer gewesen, eine freie Stadt gewesen zu sein, denn nur ein freies Volk habe Anspruch auf Achtung. Der Rechtsbruch am Rhein schädige aber nicht nur Deutschland, sondern auch das Wirtschafts- und das Kulturleben der ganzen Welt, weil er den Frieden nicht kommen laffe, ohne den die großen Wunden am Körper der Menschheit nicht heilen könnten. „Möge der Aufschrei aus der Seele des gequälten Volkes gehört werden in allen Erdteilen". Das Hauptreferat hielt ein Vertreter des Rheinlnndes. An den Reichskanzler wurde folgendes Telegramm gesandt: Tausende von Frauen und Männer Hamburgs rufen ihre Empörung über die rechtswidrige Nichträumung der Kölner Zone ist die Welt hinaus. Wir verstehen die Gleichgültigkeit der gesamten Kulturwelt gegen diesen neuen Gewaltakt nicht. Wir fordern von der Reichsiegie- rung tatkräftigste Anwendung aller verfügbaren Maßnahmen, um die Befreiung unseres Rbein- landes yerbeizuführen. In einem weiteren Telegramm an den Oberbürgermeister Kölns, Aien- auer, wird die aufrichtigste Anteilnahme der Ber- sammelten an der Zukunft des Rheinlandes tnb der innigste Dank für die Treue und das unn- fchütterliche Ausbarren der rheinischen Bevölkerung beim deutschen Daterlande ausgedrückt und versichert, daß das freie Deutschland allezeit zum Rheinland stehen werde.
Die Ziele (Europas.
Garvin schreibt im „Observer", das nächste Z i e l der britischen Regierung müsse die Regelung der Frage der französischen Schuld an Großbrstan- nien sein, der zweite Schritt der Abschluß eines Sicherheitspakies mit Frankreich und Belgien. Hieran müßte sich gleichzeitig die Räu- m ung Kölns und des Ruhrgebiets an- fchließen. Rur so werde das Hauptproblem Europas geregelt werden können, welches die endgültige Versöhnung zwischen Großbritannien, Frankreich und Deutfchland fei.
* Landtagswahl in Lippe-Detmold. Nach einer Meldung aus Drtmol d hatten die lippische Land- tagswahlen folgendes Ergebnis: ES erhielten: Sozialdemokraten 8 Mandate. Deutsch-Nationale 6, Deutsche Dolkspartei und Zentrum je drei. Christi. Gewerkverein, Kommunisten, Demokraten und Wirtschaftliche Vereinigung je ein Mandat.
Kurland.
* Handelspolitik der Angora-Türken Auf Anregung von Angora wurde in Konstantinopel eine neue Seehandelskammer gegründet. Ihre Ausgabe ist, verschiedene Informationen zu erteilen, insbesondere über die Bewegung der Seeschiffe, Ta- rife und Zölle, ferner die Streitfragen zu regeln und überhaupt für den Wiederaufbau des Schiffs- und Handelsverkehrs mit allen Nationen zu sorgen.
— Prälat Skala f. Aus Bautzen kommt die Kunde, daß im 74. LebenSjabr der Domdekan und Protonotar Jakobus Skala sanft im Herrn entschlafen ist. Prälat Skala, der in Kürze fern goldenes $ rieftet« jubiläum pefeiert haben würde, erwarb sich proße Der« bienfte um die Wiedererrichtung des Bistums Meißen.