Fuld aerZertung
Amklicher Anzeiger für den Kreis und die Stadt Fulda.
Nr. 2.
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Be,u°-vrew- 1.50 Mk.
Samstag, Z. Januar 1925.
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52. Zahrg.
Die Weltprobleme
VK Kote über die Kölner Sone.
lieber das Ergebnis der Botschasterkonferenz in Paris, die am Mittwoch nachmittag stattsand, wurde folgende amtliche Mitteilung ausgegel'en.
Die Dotfchafierkonferenz hat um 4.30 U.)r nachmittags unter dem Vorsitz von 2ules C ambon eine Sitzung abgehalten. Sie hat den alliierten Regierungen den Text der Not e, den sie nach ihren Instruktionen zwecks Mitteilung an die deutsche Regierung betreffs, der Kölner Sone »er» breitet hat. übermittelt. Die Uebermittlung an dideutsche Regierung wird durch Vermittlung der a l - liierten Regierungen m Berlin erfolgen. Die Rote wird erst veröffentlicht, nachdem die De» marche stattgefunden hat.
Wie Haoas weiter mitteilt, hat sich dre Bot- ,'chafterkonferenz .oh ne Sch wie r i g k e i t en' iiber den Text der Note geeinigt, die Anfang nächster Woche der deutschen Regierung übermittelt wird Da es sich um eine Entscheidung der alliierten Regierungen handele, würden diese die Kollektivnote der deutschen Regierung zustellen. Die Mitteilung sei sehr kurz und erkläre mit un- chiderleglicher Klarheit, daß die Räumung der Kölner Zone am 10. Januar nicht erfolgen könne, weil Deutschland seine Verpflichtungen aus dem Frie- oensvertrag, namenllich hinsichtlich der Entwaffnung, offenkundig nicht ausgeführt habe.
Englische Manderrmgsrvünsche.
wtb London. 2. 3an. (Sei.) Während der jjaifo Mall" aus Varis aetnetoef wird, daß die Mierte Roke über die Fraae der R ä u m n na der R 61 n e r .1 o tt e pon ben Botschaftern morgen der «eichsreaieruna überreicht werde, hält der -Daily Telearaph" eine weitere veriöaeruna für wahrscheinlich. Der diplomatische Berichterstatter des Blattes f <6 reibt: Ls fei wahrscheinlich, daß die alliierte Roke nicht vor einigen Zonen in Berlin einaehen werde. Sie werde von den alliierten Botschaftern gemeinsam unterbreitet. Der Wort- tauf der Rote werde wahrscheinlich in ihrer .Tafitma einioe 11 n f e r I <6 i e be gegenüber der von ber Sotschasterkonfereni am Mittwoch entworfenen note ausweisen. Ls werde stark die Auffafsuva wrtrelen. daß ble britische Regierung um weitere llbänderungen der Entwurfs vom Mittwoch .-rfuchen werde.
V , Baldwin und die Lage.
wtb London, 2. Ian. (Tel.) Vremier- -ninifler Baldwin ist geftem nach hier zurück-
am Jahreswechsel.
gekehrk. In bet für heute angesehken Kabinetts- sitzung wird laut .Telegraph" außer Churchills Variier Reise auch der Entwurf ber Roke der Bok- schafkerkonferenz an Deutschland, die in London eingetroffen ist, sowie die unmittelbare Z u k u n f k der deutsch-englischen Handelsbeziehun- gen erörtert. ..
Entlarvter Schwindel.
wtb Amsterdam, 2. Ian. (Tel.) Der Pariser »Matia" veröffentlichte vor einigen Tagen eine Meldung aus Holland, die aus sehr vertrauenswürdiger Quelle stammen sollte, in der mitgeieilt wurde, daß seit einiger Zeit bei ber Rotterdamer Werft Wilton Unterteile von Unterseebooten für Deutschland hergestellk würden, was als neuer Beweis für Deutschland» Bewaffnung gelten könne.
Die fiortefponbenfen mehrerer hiesiger Blatter, darunter des »Telegraph", zogen darauf bei der Direktion der Wilton-Maschinenfabrik und Schiffswerft zu Rotkerdam Erkundigungen nach ber Richtigkeit ber Nachricht des franz. Blattes ein. Das Ergebnis war, daß die Direktion bet Werft den Bericht des .Matin" als eine glatte Erfindung bezeichnete und hinzufügte, baß von einer derartigen Fabrikation niemals auch nur dis Rede gewesen sei. Die Korrespondenten wurden auch von bet Direktion direkt ersucht, die französische Meldung in ihren Bläkkem zu dementieren.
Die Kriegsschulden.
Englische Ansicht über Frankreichs Reichiu«.
„Daily Chronicle" schreibt in ihrem Leitartikel, Frankreich sei die reichste Nation des Kontinents. Während eS sich davon drückte, auch nur einen Pfennig seiner Schulden an Großbritannien zu bezahlen, habe es Geld für vermehrte Rüstungen einschließlich von Unterseebooten, Flug- Sgen und Flugplätzen ausgeschüttet, deren deut» e, wenn nicht einzige Zielscheibe Großbritannien sei.
Englische Aktion in Washington.
Einer Reutermeldung auS Washington zufolge wurde dort die Möglichkeit zugegeben, daß der Gouvet. neur der Bank von England, Montag» Norman sowie Sir Allan Anderson, einer der Direkioren der Bank, Konferenzen mit dem Staatssekretär Hughes oder dem Schatzsekretär Mellon oder sogar mit dem Präsidenten Coolidge haben werden. ES handelt sich auch hier um die Schuldenfrage.
Neujahrsbeglückwünschung in Berlin.
Reichspräsident Ebert empfing am Neufahrstage !r der üblichen Weise die Chefs der fremden diplomatischen Vertretungen. Die Glückwünsche des diplomatischen Korps brachte der apostolische Nim- tius Mons. P a c e l l i als Doyen mit folgender Ansprache zum Ausdruck:
„Als ich mich in den verflossenen Jahren des ehrensollen Auftrags entledigte, Ihnen die Glückwünsche des Diplomatischen Korps darzubieten, habe ich mich zum Dolmetsch der tiefen und peinlichen Sorgen der Stunde machen müssen und habe zugleich dem Wunsche Aus- druck gegeben nach einer besseren, nach einer von Nächstenliebe, Gerechtigkeit und Frieden erfüllten Zukunft, ein Wunsch, der von allen meinen hervorragenden Kollegen rm Herzen getragen wurde.
Ungeachtet der unablässig wieder austauchenden Schwierigkeiten und Hindernisse scheint es, al» ob dieser Wunsch sich zu erfüllen begonnen habe. Wir sind glücklich, die Morgenröte dieses neuen Jahres begrüßen zu können als eine Morgenröte des Wiederaufbaues und des Fortschritts. In dem Jahre, das soeben zur Neige gegangen ist, sind sehr ernste und schwierige internationale Probleme chrer Lösung näher gebracht worden. Mit neuer Kraft haben die Völker an die Arbeit gehen komren, die für die gesittete Welt ruhmvollen Glanz unb berechtigten Stolz bedeuten und in der gerabebieNation, deren höchstes Amt Sie, Herr Reichspräsident ausüben, sich hervorragend auszeichnet. So dehnt der Mensch, Erde, Wasser imd Lüfte meisterrw, die friedlichen Errungenschaften der Wissenschaft imb bte wunderbaren Fortschritte der Tech- nik auf alle Gebiete der Natur aus; die herrlichen Luftfahrzeuge der verschiedenen Länder erheben sich ohne Furcht in den Weltenraun^ c» schwindet die Entfernung zwischen den fernsten Böltern und Ländern. Möchten mit Hilfe der Forschung diese hervorragenden Erfolge das Unterpfand bilden für etnen engeren Zusammen h a l t, für eine nm'gere upd herzlichere Lrü- d-rlichkeit zwischen den Volkern, möchten sie das Wahrzeichen eines mächtigen Cmporstiegs der Seelen fein zu den höheren Regionen der Wahrheit, Gerechtigkeit und Güte. Don dielen Gedanken erfüllt, entbietet dos Bereinigte diplomaistche Km-ps g{,rer «nerfon und dem deutschen Volke die wärmsten Wünsche für Gedeihen und Glück."
Der Reichspräsident
erwiderte mit folgenden Worten:
„Nehmen Sie meinen aufrichtigsten Dank entgegen für die Glück- und Segenswünsä)«, die Sie im tarnen des diplomatischen Korps dem deutschen Volke und mir auszusprechen die Güte hatten. Es ist mir eine lebhafte Befriedigung, mit Ihnen feststellen zu tonnen, daß int vergangenen Jahre an der Behandlung schwerwiegender internationaler Fragen in einem Seifte gearbeitet worden ist, ber die Hoffnung aus eine ~o;ung hn Wege der Versöhnung und Verständigung neu oe- lebte. Möge der Wille zur Gerechtigkeit und bet Geist des Friedens auch tm kommenden Lahre bte Regierungen bei den noch der Lösung harrenden Enttchelbungen beseelen, und möge so das, was im vergangenen Jahre erfolgreich begonnen wurde, auch tm kommenden Jahre glücklich westergeführt «erden. Auch di- Fragen, deren
Regelung noch offen steht und deren Lösungen der nach- sten Zeit vorbehalten ist, sind von schwerwiegender und weittragender Bedeutung für die Zukunft nicht mir Deutschlands, sondern auch Europas und der Welt; es wird der Anstrengung aller Regierungen und aller Völker- bedürfen, um auch hier den Gei st des Recht» und der Friedens den Weg bestimmen zu lassen, auf dem die europäische Ordnung endgültig wieder hergestellt werden sott. Nur dann, wenn diese Aufgabe gelingt, wird auch in den Herzen der Völker der Friede tiefe und lebensstarke Wurzeln fassen können, nur dann werden bte Vorbedingungen geschaffen sein, die unerläßlich sind für den Wiederaufbau Europa» und einer Welt, in der friedliche Völker in edlem Wettstreit gemeinsam arbeiten am Fortschritt der Geistesbildung und einer in den Dienst des Friedens gestellten Technik. Das deutsche Volk ist gewillt, unter Einsetzung aller seiner Kräfte an diesem Wiederaufbau mitzuarbeiten, unb wünscht, dazu beitragen zu können, daß für die ganze Welt eine neue Aera des Fortschritts, der Freundschaft und des Friedens anbeben möge, die Sie, Herr Nuntius, für die Zukunft mit heißem Herzen erhoffen. Zum neuen Jahre spreche ich, zugleich im Namen des deutschen Volkes, Ihnen, Herr Ninttiue, und Ihnen, meine Herren, zugleich für Ihre Staatsoberhäupter, Regierungen und Völker meine herzlichsten und aufrichtigsten Wünsche aus."
Hierauf begrüßte der Reichspräsident die einzelnen Botschefter, Gesandten und Geschäftsträger und wechselte mit ihnen Neuiabrswünsche. Bei dem Empfang waren der Reichsminister Dr. S t r e s e- m a n n und die Staatssekretäre Dr. von Schubert und Dr. Meißner zuaesen.
Im Anschluß hieran wurden der Reichskanzler, die Reichsminister und die Staatssekretäre empfangen.
Ter Reichskanzler hielt folgende Ansprache:
„3um neue« Jahre entbiete ich Ihnen, Herr Reichspräsident, im Namen der ReichLuiinisier, die Sie nach dem Rücktritt de» Kabinetts mit der vorläufigen Weiter- tübnma der Geschäfte betraut haben, die aufrichtigsten Glückwünsche. Vor Jahrelfrift durfte ich hier den Wunsch aussprechen, das Jahr 1924 möge ein erfolgreiche» fetn für den Wiederaufstieg unsere» Volkes und Reiches. Dieser Wunsch bat sich wenrgsten» zu einem Teile erfüllt. Unsere Wirtschaft hat, wenn auch unter Uebrrwindung schwerer Krisen, wieder festeren Boden gewonnen, die Arbeitslosigkeit hat abgenommen und die Bevölkerung des besetzten Gebiete», deren Schicksal Sie, Herr Reichlpräfident, mit ganz besonderer Anteilnahme verfolgen, hat erfreulicherweise eine Erleichterung ihrer Sage erfahren. Leider scheinen die @rtoartun.itn, die wir nach dem Abschluß der Londoner Verhandlungen hegen durften, zu Beginn be» Jahre» 1925 zunächst nicht verwirklicht zu werden. Nach den uni vorliegenden Nachrichten müssen mir annehmen, daß die alliierten Mächte bett tm Versailler Vertrag für die Räumung ber ersten Nheinlandzone vorgesehenen Termtn, den 10. Januar 1925 nicht innehaiten wollen und zwar au» Gründen, die wir nicht anerkennen können. Diese» Unrecht tst für un» eine unerwartete Enttäuschung und schafft zweifelio» eine ernste Lage. Ich kann nur dringend ber Hoffnung AuSSruck geben, bafc au» die-
Die Reichspräsidentenwahl 1925.
Regierungskrise und Parlamentserössuung.
Die Lösung der Regierungskrise.
Die Frage der Regierungsbildung dürfte, wie die „Zeit" schreibt, von Freitag ab wieder aktiv ausgenommen werden. Man hofft, sie bald zu einem Ergebnis führen zu können. Eine Betrauung des bisherigen Reichskanzlers Marx mit der Regierungsbildung ift noch nicht erfolgt. Es bleibt abzuwarten, ob der Reichspräsident vielleicht noch versucht, die Vertreter der S o z i al d em o k r a t en und der Deutschnationalen über die Lage in dem Sinne zu befragen, ob sie eine Möglichkeit sehen, die Kabinettsbildung zu übernehmen. Wenn die Parteien auf ihren bisherigen Beschlüssen beharren, ift eine solche Bildung allerdings nicht möglich, da Zentrum und Deutsche Volkspartei ihre Ansicht jedenfalls nicht ändern werden. In diesem Falle ist jedenfalls damit zu rechnen, daß der Reichspräsident ein überparteiliches bürgerliches Kabinett bildet ohne Anlehnung an die Fraktionen.
Die Tagung der Parlamente
wird nun mit bem 5. Januar durch den gleichzeitigen Zusammentritt von Reichs- und Landtag beginnen. Die Jraktlonen werden zum Teil schon vor diesem Tage ihre Mitglieder nach Berlin berufen, um zu ber politischen Situation Stellung Si nehmen. Die offiziellen Beratungen innerhalb der eichSregierung wegen der Regierungsneubildung werden am 2. Januar wieder ausgenommen werden. Bis jetzt ist ein Fortgang im Stand der Regierungsbildung noch nicht zu verzeichnen. Auch über die Festtage haben die Bemühungen, hier eine Klarheit zu schaffen, nicht geruht, aber ein positi veS Ergebnis ist nicht erzielt worden. Die Deutschnationalen sind, offenbar angesichts der Entwickelung ber außenpolitischen Fragen, sehr zurückhaltend in ihren Forderungen dez. Beteilignug an der Regierung geworden und einem offiziellen Wink an die deutschnationale Presse entspricht es, daß auch dort starke Reserve geübt wird. So sehr er parteipolitisch zu wünschen wäre, daß die Deutschnationalen gerade auch mit ber Verantwortung für die kommenden außenpolitischen Entscheidungen belastet würden, ebenso sehr ergeben sich ai>er vom «llgemcivpolittschen Standpunkt au« gerade jetzt hier die stärksten Bedenken. Bei dieser Sachlage wird auch heute kaum eine andere Möglichkeit gegeben sein, als die, den Versuch zu machen trotz allem die bisherige Regierungsbasis aufrechtzuerhalten und es der fortschreitenden Entwickelung zu überlaffen, die positiven Kräfte an diesen parlamentarischen Kern anzuschließen.
Aus Anlaß der Eröffnung des Reichstages und des Preußischen Landtages findet am Montag, den 5. Januar 1925, vormittags 11 Uhr, in der St. HedwigSkirche (Unter den Sinnen am Kaiser» Franz-Jofeph-Platz) für die katlwlilchen Mitglieder beider Häuser ein feierlicher Gottesdienst statt.
Die Wahl des Reichspräsidenten.
3m Jahre 1925 wird die Wahl des Reichspräsidenten nunmehr vollzogen werden, nicht etwa als Folge des Magdeburger Prozesses, über den die Meinungen mit geringer Ausnahmen ziemlich einheitlich sind. Die Folge dieses Prozesses war ja, daß mitten aus dem Kabinett heraus und zwar von den rechtsstehenden Ministern Jarres und Grafen K a n i tz die Anregung zu einer Der- trauenskundgebung für den Reichspräsidenten hinsichtlich seiner gesamten bisherigen Tätigkeit wie auch für seine weitere Wirksamkeit gegeben wurde und daß sich alle anderen Minister anschlossen. Es muß dabei hervorgehoben werden, daß ja
das gegenwärtige Kabinett überhaupt kein Mit- glied enthält, das der Partei des Reichspräsidenten angehörte.
Die erste Reichsprasidentschaft ist bekanntlich ge> gründet worden durch die Reichsoerfassung vom 11. August 1919. Schon zuvor bestand ein Gesetz über die vorläufige Reichsgewalt vom 10. Februar 1919. Der auf Grund dieses Gesetzes von der Nationalversammlung mit 277: 51 Stimmen gewählte Reichspräsident sollte bis zum Amtsantritt des neugewählten Reichspräsidenten sein Amt verwalten.
Schon wiederholt hat der gegenwärtige Reiche Präsident selbst darum gebeten, dis Neuwahl zu ver anlassen. Teils geschah es aus eigenem Entschluß teils aber auch, um im Hinblick auf gewisse par lamentarische Aktionen der Oppositionsparteien ooi aller Oeffentlichkeit den Willen zu bekunden, das Amt selbstverständlich sofort zur Verfügung zu stellen. Schon als das Gesetz betreffend die Wahl des endgültigen Reichspräsidenten am 4. Mai 1920 vom Reichstag angenommen war, hat der Reichspräsident in einem Schreiben an den damaligen Reichskanzler Fehrenbach vom 25. Juni 1920 darum gebeten, den Wahltag durch den Reichstag bestimmen zu lassen. Das Gesamtkabinett hat damals den Reichspräsidenten im Hinblick auf die vorstehende Entscheidung wegen Oberscklesiens gebeten/ die Entscheidung bis zum Herbst vertagen zu dürfen. Nach der Abstimmung hat der Reichspräsident erneut den Wunsch auf Bestimmung des Wahltages geäußert und schließlich wurde auch der 3. Dezember 1922 dafür ausersehen. Inzwischen traten aber außerordentlich schwerwiegende Entscheidungen in außenpolitischen, namentlich in Re- parationsfragen an den Reichstag heran, sodaß aus feiner Mitte heraus und zwar gemeinsam von der Deuffchen Volkspartei, Bayerischen Volkspartei, dem Zentrum, den Demokraten und den Sozialdemokraten ein Gesetzentwurf eingebracht wurde, demzufolge der Reichspräsident fein Amt bis zum 30. Juni 1925 verwalten soll. 314 Abgeordnete von 391 stimmten diesem Entwurf zu. Damit wird also die Wahl des Reichspräsidenten vor dem 39. Juni 1925 stattfinden müssen, da der eben erwähnte Gesetzentwurf die Dauer der Amtszeit bis zu diesem Tage befristet. Ein deutschnationaler Antrag, gleichzeitig mit der Vornahme der Wahlen nach der ersten Auflösung des Reichstages im Mai auch die Präsidentenwahl vorzunehmen, wurde im Reichstag mit großer Mehrheit ab- gelehnt.
Die Vorbereitungen für die Neuwahl des Reichspräsidenten sind bereits nach der organisatorischen und technischen Seite von dem zuständigen Reichsministerium in Angriff genommen. Auch nach der politischen Seite hin haben sich bestimmte Vorbereitungen bereits herausgebildet, und bekanntlich ist ja in letzter Zeit der Name des jetzigen Innenministers Jarres als Kandidat der Deutschen Volkspartei genannt worden. Jarres selbst hat aber abgelehnt, mit diesen Dingen in Verbindung gebracht zu werden. Die Deutsche Volkspartei hat sich allerdings offiziell noch nicht mit diesen Fragen befaßt, auch andere Parteien nicht. Es sind ja schon verschiedene Namen genannt worden, so der des bisherigen Reichstagspräsidenten W a l l r a f, des Berliner Rechtslehrers Proseffor Dr. K a h l, und auch schon der Name des jetzigen Reichskanzlers Marx als eine für den Ausgleich besonders geeignete Persönlichkeit ist wiederholt nicht nur in der Oeffentlickckeit, sondern auch in politischen und parlamentarischen Kreisen genannt worden. Jedenfalls werden diese Dinge im Frühjahr rasch zu einer Klärung geführt werden.
fer Lage noch ein SuSmeg gefunden wird. Dies kann aber nur auf bem Wege gegenseitiger Verhandlung und Verständigung geschehen. Im kommenden Jahre muß deshalb dieser Weg der friedlichen Verständigung zwischen den Rationen, der in London mit Erfolg beschritten wurde, wieder gefunden werden. Möge aber auch da» deutsche Volk, dessen ganze Kraft in den Dienst be» Wiederaufbaues gestellt werden muß, sich nicht in unnötigen und vermeidbaren Parteikämp. fen entzweien. Dann werden die Schatten, die im Suaenblitt daS Jahr 1925 noch zu verdunkeln scheinen, wieder schwinden unb wir werden dem Ziele näher kommen, für da» Sie, hochverehrter Herr Reichspräsident, stet» Ihr beste» Können und Wollen eingesetzt haben: Ein einige» und freie» deutsche» Volk unb Reich inmitten einer friedlichen Europa»!"
Dee Reichspräsident erwiderte die an ihn gerichteten Glückwünsche mit Worten dcS Danke» und fuhr fort:
Da» abgelaufene, Jahr ist, wie ich mit Befriedigung am heutigen Tage feststellen kann, in jeder Beziehung ein Jahr fortschreitender Gesundung und Festigung für unser schwer geprüfte» Vaterland gewesen; unsere Nährung, unsere Staatkfinanzen, unsere Wirtschaft sind von den bösen Erscheinungen und Nachfolgen der Inflation befreit uno wieder auf feste und zuverlässige Grundlagen gestellt unb bas Leben unserer Volksgenossen im besetzten Gebiet ist erleichtert worden. Daß diese Fortschritte ^erreicht werden tonnten, verdankt Deutschland in erster Linie der Tatkraft in dem Derantwortlichkeitsbewußtsein, mit bem Sie, Herr Reichskanzler und Mrnisterkollegen Ihre hohen Semtrr verwaltet haben; e» ist mir eine lebhafte Genugiuun s, die» hier am heutigen Ta e im Befühl herzlicher Dankbarkeit und aufrichtiger Siner« kennnno auffpteeben zu 'önpen.
Die sprachen, Herr Reichskanzler, von der ernsten Sorge, mit ber bas neue Jahr beginnt, von dem mir den Anfang ber Befreiung des Rheinlandes erhoffen. Alle Deutschen, welcher Parteirichtung sie. auch angehören mögen, find hier einig in b»-* Gefühl Bit«
terer Enttäuschung und dem Bewußtsein eines uns angetanen neuen schmerzlichen Unrechts. Unter einer Begründung, die wir noch nicht kennen und noch nicht nachprüfen können, von deren Haltlosigkeit wir aber alle alle überzeugt sind, soll uns, bem einzig wirklich entwaffneten Volke in einem sonst noch maffenftarrenben Europa, das versagt werden, was in bem so unendlich harten Friedensvertrag allein zu unseren Gunsten enthalten ist; die Räumung besetzten beut« schen Bodens. Unser aller erster Wunsch am heutigen Neujahrstage ist der, daß der Geist der Gerechtigkeit und der Wille zur Verständigung der Völker obsiegen mögen über die Idee der Macht und Gewalt, und daß uns und unseren Brüdern an Rhein und Ruhr das i werde, worauf wir Anspruch haben: Recht unb
Freiheit!"
ES schlossen sich zahlreiche Beglückwünschungen, u. a. deS Reichstagspräsidiums und der Reichswehr an.
Kurland.
* Die Amnestie in Frankreich. Die französisch! Kammer bat das Amnestiegesetz mit Abänderung deS SenatsbeschluffeS mit 343 gegen 136 Stimmen angenommen. DaS Gesetz enthält auch die Amnestierung Caillaux, der nunmehr wieder seinen Wohnsitz in Paris nehmen kann.
* Pariser Abenteuer eines spanischen Schrift- st-llerS. Dem „Journal" zufolge wurde in bet Nacht auf den SamStag der in Paris lebende spanische Schriftsteller Carrelero, der unter dem P>en- donym „Caballero Audaz" schreibt, auf dem Boulevard Haußmann durch drei Unbekannte überfallen unb schwer verwundet. Die Täter sind geflüchtet. Carreieto glaubt, daß seine Angretfer panische Kommuntsten sind