Anzeiger für die Stabt und den kreis Fulda.
Nr. 302.
Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilage: ^Illustrierte Beilage" und BuchendlStter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. x Monatlicher Bezugspreis 1,50 Ml x
Freitag, 31. Dezember 1926.
Amtliches krelsblalt.
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Jahrg.S3.
Sfioberschlefifcher.
' Es kommt sehr oft unter den Menschen vor, daß sie auf das am meisten stolz sind, was sie am wenigsten besitzen. Und was den Menschen gilt, gilt auch sehr oft bei den Völkern und Staaten. So hat Polen den Stolz, ein polnischer Nationalstaat zu sein, und wo es fühlt, daß dieser Stolz nicht ganz begründet ist, wenigstens den Ehrgeiz, diesen „Mangel" vor sich und der Welt zu verhüllen. Der Nationalhaß wird in Polen in einer Weise gepflegt, daß er älteren Staatsgebilden geradezu als dumm vorkommt. Es ist diesem Volk nicht möglich, sich mit der geschichtlichen Tatsache abzufinden, daß es reine Nationalstaaten nie gegeben hat und nie geben wird, und daß insbesondere Polen selbst diesen Zustand nicht erreichen wird, da einmal die Art und Weise des Zustandekommens des neuen polnischen Staates, dann aber auch die wirtschaftlichen Verhältnisse an seiner West- grenze das verhindern.
Aber wie gesagt, Polen hat seinen Stolz, etwas zu scheinen, was es nicht ist, und dem müssen sich eben die Tatsachen beugen. Am 14. November dieses Jahres haben in Ostoberschlesien Gemeindewahlen stattgefunden, die für die polnische Regierung eine unangenehme Ueberraschung bedeuten insofern, als die Stimmen, die auf deutsche Listen entfielen, wider polnisches Erwarten sehr hoch waren. In den beiden großen Städten Sotto« witz und Königshütte, wie auch in zahlreichen Landgemeinden hat sich eine deutsche Mehrheit ergeben, die jetzt offen aller Welt verkündet, daß Ostoberschlesien weit davon entfernt ist, polnisches Land zu sein, die auch unzweifelhaft dokumentiert, Haß es den polnischen Nationalisierungsbestrebungen bisher nicht gelungen ist, das Deutschtum in Ostoberschlesien auszumerzen, ja auch nur in seinem Wachstum aufzuhalten.
Die Tatsachen sprechen also sehr deutlich. Sie veranlassen aber die polnischen Behörden keineswegs, sich mir ihnen abzufinden und ein erträgliches Zusammenleben mit den Deutschen auf Grund des Genfer Protokolls zu erstreben, im Gegenteil, diese Tatsachen möglichst zu beseitigen. So ist denn jetzt in Ostoberschlesien eine neue Zeit polnischen Terrors angebrochen. Es mehren sich die Meldungen von Gewalttätigkeiten, mit denen man die deutschen Mehrheiten in den einzelnen Gemeinden mürbe machen will. An manchen Orten hat man wohl auch Neuwahlen ausgeschrieben, die aber das erste prodeutsche Ergebnis nur verstärkt Haden. Da die terroristischen Methoden in den beiden Städten Kattowitz und Königshütte so leicht nicht anwendbar sind, erwarten die Deutschen dort, daß die polnischen Minderheiten die Stadtverwaltungen durch Obstruktion lahmlegen werden mit der begründeten Hoffnung, daß dann die Wojowodschaft die Stadtverwaltungen auflösen und an ihre Stelle Verwaltungsausschüsie einsetzen werden, die natürlich dann eine polnische Mehrheit besitzen sollen. Das Ergebnis der Wahlen vom 14. November ist bisher noch nicht amtlich bekannt gegeben worden, ein Beweis dafür, wie sehr sie den polnischen Nationalstolz verletzt haben, und wie sehr man sich bemüht, diese Unannehmlichkeit vor sich selber und vor aller Welt zu v e r h e i m l i chen. Es ist lächerlich und dumm, aber es hat Methode.
Auf derselben Ebene der Tatsachenvertuschung liegt die Ungültigkeitserklärung von rund 7000 An. Meldungen, die für das am 1. September begonnene Schuljahr für die deutschen Minder- h e i t s s ch u l e n erfolgt war. Die polnischen Behörden verfolgen damit die Absicht, das ganze deutsche Schulwesen in Ostoberschlesien iahmzule- gen. Diese Ungültigkeitserklärung geschah aufGrund von Untersuchungen, die in 67 Gemeinden vorgenommen wurden, die aber in der Art ihrer Durchführung in offenem Widerspruch zu den Bestimmungen des Genfer Abkommens standen. Wegen dieser Ungültigkeitserklärungen hat der Deutsche Dolksbund Beschwerde bei Ealonder, dem Präsidenten der Gemischten Kommission für Ober» schlesien eingelegt, die in diesen Tagen beantwortet worden ist. In einer sehr umfangreichen Entscheidung hat Ealonder der Beschwerde des Deutschen Volksbundes recht gegeben und sich gegen die polnischen Ungültigkeitserklärungen ausgespro- chen. Er bat darüber hinaus auch das Beschwerde- recht der Minderheitenverbände anerkannt, das die polnische Reaierung im März 1924 ihrerseits aller- dinqs auch schon zugegeben hatte, während sie neuerdings wieder Vorbehalte zu machen versucht hat. Von den 7114 durch die polnischen Behörden als ungültig erklärten Schulanmeldungen hat Präsident Ealonder nur bei 600 den polnischen Behörden Zugeständnisse gemacht, allerdings auch hier teilweise nicht ohne Vorbehalt. Bei 5205 Anmeldungen wurde die Ungültigkeitserklärung non ihm als direkt unzulässig bezeichnet, weil sie auf einer Nachprüfung beruhten, die nicht statthaft war. Bei diesen Anmeldungen sowohl wie bei den 1307 Kindern, deren Väter der polnischen Untersuchungsaufforderung überhaupt nicht Folge geleistet hatten, ordnete der Präsident an, daß sie schort den deutschen Schulen zuzuführen seien. Eine ganze Reihe von Strafmandaten waren den Eltern der Kinder zugeoangen, die sich um die polnische Un- gültigkeitserklärung nicht gekümmert hatten, sie sollen nach dem Verlangen des Präsidenten zurück- gezogen werden. Die polnische Regierung hat zu dieser für sie sehr peinlichen Entscheidung Ealonders noch keine Stellung genommen. Das Schuljahr hat wie gesagt am 1. September begonnen. Jetzt sind schon vier Monate lang viele Tausend Kinder ohne Schulunterricht, andere sind zum Besuch der pol- Nischen Schule gezwungen. Wir vermuten sehr, daß es der polnische Nationalstolz nicht zuläßt, daß nun der gerechten Entscheidung des Präsidenten der Gemischten Kommission Genüge getan wird.
Der deutsch-italienische vertrag.
w Der Wortlaut. *WK
Die Unterzeichnung des deutsch-italienischen Ausgleichs- und Schiedsgerichtsvertrages erfolgte am Mittwoch in schlichter Form im Arb eitszimmer Mussolinis. Dieser unterzeichnete als erster und nach ihm der deutsche Botschafter Freiherr v. Neurath. Der Unterze'.ch- nung wohnte bei der Unterstaatssekretär Grandi.
Wörtlich heißt es in der Einleitung: Der Vertrag enthält 16 Artikel. Die vertragschlietzen- den Parteien verpflichten sich darin, etwa zwischen ihnen auftretende Streitfälle, die nicht auf dem gewöhnlichen diplomatischen Wege freundschaftlich deigelegt werden können, zum Gegenstände eines AuSglÄchSverfahrenS zu machen. Zu diesem Zwecke wird eine ständige Ausgleichskommission eingesetzt. Für den Fall, daß das Ausgleichsverfahren nicht zum Ziele führt, tarnt der Streitfall Schiedsrichtern oder dem Haager Gerichtshof unterbreitet werden. Der auf zehn Jahre abgeschlossene Vertrag setzt genau die in Betracht kommenden Verfahren fest.
Wörtlich heißt e§ in der Einleitung:
„Der deutsche Reichspräsident und der König von Italien, von dem Wunsche erfüllt, die zwischen ihren beiden Ländern bestehenden freundschaftlichen Beziehungen zu befestigen und zur Au fr echt- erhaltung des allgemeinen Friedens beizutragen, haben beschlossen, einen Vergleichsund Schiedsgerichtsvertrag abzuschließen. Zu diesem Zwecke haben sie zu Bevollmächtigten ernannt: (folgen die Namen der beiden Bevollmächtigten), die, nachdem sie ihre Vollmachten geprüft und In guter und gehöriger Horm gefunden haben, über folgende Bestimmungen übereingekommen sind."
V-T — • -r- che -r '-.3^.S.-
Die Nachricht von der Unterzeichnung des deutsch-italienischen Schiedsvertrages hat in P a - r i s insofern überrascht, als man auf Grund der Meldungen aus Rom und Berlin damit nicht vor Ende Januar gerechnet hatte. Dagegen registriert man sowohl in den politischen Kreisen wie an zuständiger Stelle in Paris mit großer Genugtuung die Tatsache, daß im Gegensatz zu den ursprünglichen Dispositionen der Austausch der Unterschriften ohne jede Formalität erfolgt ist, und daß von beiden Regierungen jede Geste vermieden worden ist, die zu Mißdeutungen Anlaß und dem Abkommen den Charakter eines gegen eine dritte Macht gerichteten politischen Vertrages hätte geben können.
Den Meldungen aus Rom, wonach Strefemann den Gedanken einer Begegnung mit Mussolini nicht aufgegeben habe, sondern seine Reise nur mit Rücksicht auf die innerpolitische Krise in Deutschland verschoben hat, mißt man hier keinerlei Bedeutung bei. Man erkennt vielmehr an, daß sich Deutschland unter Ablehnung der sehr viel weitergehenden italienischen Vorschläge bei dem Abschluß des Schieds- Vertrages strengimRahmenderdurchdie Abmachung von Locarno gezogenen Grenzen gehalten und damit einen neuen, nicht hoch genug zu bewertenden Beweis von der Loyali- tat und der Aufrichtigkeit feines Wunsches gegeben hat, mit Frankreich sich zu verständigen.
Ätzung der votschafterkonferenz.
Die Botschaslerkonferenz hat am 29. Dezember eine Sitzung abgehallen, in der sie sich nach dem offiziellen Kommun quee mit der Erledigung laufender Angelegenheiten befähle.
Die Lage in Nicaragua.
Wie Hovas aus Managua meldet, sollen 400 Mann der konservativen Truppen den Rückzug der RegierungSstreiikräfie nach der kürzlich erlittenen Niederlage decken. Viele seien gefallen, die meisten seien gefangen genommen worden. 600 Mann der auf dem Rückzüge sich befindlichen Truppen ziehen sich nach El Bluff zurück, wo sie von den amerikanischen Marinemannschasien entwaffnet werben, da Admiral Latimer hier eine neutrale Zone er. richtet hat. Bei den letzten Kämpfen sind die Liberalen den Konservativen zahlenmäßig überlegen gewesen, denen noch außerdem Munition gefehlt hat und die an Artillerie schwächer gewesen find.
* Neuer Unfall des preußischen Min'sterpräst- benfen. Ter preußische Ministerpräsident Braun, der von seinem vor kurzem erlittenen Unfall noch nicht völlig wiederhergestellt war, bat sich erneut durch einen Fall eine schmerzhafte Quetschung der linken Hüfte zugezogen und muß insolgedeffen daS Bett hüten.
• Das richterliche Disziplinarverfahren. Der Preußische Richterverein tritt in einer Mitteilung über feine Stellung zur Reform deS richterlichen DiSzips narrechtS für die öffentliche Verhandlung vor dem Disziplinargericht ein, soweit die Allgemeinheit ein In eresse daran hat.
* Prälat Dr. Schöler, der schon geraume Zeit an Gelenkrheumatismus erkrankt ist, befindet sich ml bet auf bem Wege der Bessern ng. Ter Rekonvaleszent konnte bereits wieder daS Bett verlaffen. Er bedarf noch geraume Zeit strengster Schonung.
Der Staatsstreich in Litauen.
Die vier Kommunisten in Litauen doch erschossen.
AuS Memel meldet em Funkspruch:
Wie nunmehr aus einer amtlichen Mitteilung aus Kowno hervorgeht, find die vier vom Feldgericht zum Tode verurteilten Kommunisten doch erschossen worden. • - '
Segen die „Kleine Rechte".
Gegen den vom Reichs-Bürgerrat geförderten Plan, Deutschnationale, Deutsche und Bayerische Volkspartei mit Dr. Scholz als Reichskanzler an die Regierung zu berufen und das Zentrum zu veranlassen, dieses Minderheitskabinett der „kleinen Rechten" zu „tolerieren", schreibt die „Germania":
„Don den innenpolitischen llmnöglichkeiten, vor die sich das Kabinett der kleinen Rechten gestellt sähe, wollen wir einmal schweigen. Daß man aber glauben könne, das Zentrum würde die Geschicke Deutschlands einer Regierung überlassen, in der die Gegner des Völkerbundes und unserer Außenpolitik die Mehrheit haben, zeugt doch von einer Verkennung der Gesamtsituation. Westarp zum maßgebenden Mann der deutschen Politik zu mn= chen, hieße: Poincare stärken, bedeutete eine Gefährdung aller Erfolge, die die deutsche Außenpolitik in den letzten Jahren erzielt hat, ist überhaupt in dem Jahre der von uns erhofften Rheinlandräumunq eine glatte Unmöglichkeit. Das Zentrum würde einfach seine Politik verkennen, wenn es auch nur indirekt die Regierung der kleinen Rechten unterstützen wollte.
Dieses Experiment darf nicht gemacht werden. Dann ist es schon besser, daß der Reichstag gleich aufgelöst würde. Denn die Regierung der „kleinen Rechten" dürfte den ersten Tag im Reichstage nicht über- leben. Wenn Herr von Loebel aus Presseäußerungen der letzten Zeit die Hoffnung schöpft, daß sich in der Auffassung des Zentrums über ein Zusammengehen mit den Deutschnationalen ein Wandel der Anschauungen vorbereite, so überschätzt er die Bedeuwng von Auslassungen einiger Zentrumsblätter, die meinen, es könne nichts schaden, wenn das Zentrum einmal Gewehr bei Fuß die Krise ausgehen lassen würde. So verführerisch dieser Gedanke ist, so unpolitisch ist er auch. Wir schlie- ßen uns der Meinung der „Iremonia" an. daß das Zentrum sich wieder an der Regierung beteiligen müsse, und daß die Führung nur bei der Mitte liegen kann. Voraussetzung ist, wie das schon häufig bargelegt worden ist, daß vorher völlige Einigung über den Regierungskurs erzielt wird."
Das Berliner Zentrumsblatt nimmt weiter Bezug auf die auch hier veröffentlichte Zuschrift aus der Reichstagsfraktivn des Zentrums, wonach trotz der Scheidemann-Rede ein Zusammenwirken mit der Sozialdemokratie erstrebt werden müsse, nährend die Deutschnationalen auch weiterhin in der Opposition den vaterländischen Interessen besser dienen können, als in der Regierung. „Im Rahmen diefts'-Prvgkmnms wird sich," so erklärt die „Germania^, „die Zentrumspartei halten."
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Rach einer Mitteilung des sozialdemokratischen Parteivorstandes ist die Sitzung des Parteiausschuffes vom Dienstag den 11. Januar auf Montag den 10. Januar verlegt worden.
Die Landestrauer in Japan.
Amtlichen Telegrammen aus Japan zufolge ist die Trauer für den verstorbenen Kaiser auf ein Jahr festgesetzt worben. Sie zerfällt in drei Teile. Der erste Teil von SOtägiqet, der -weite ebenfalls von SOtägiaet und der dritte von 265iägtaet Dauer. Vom 23. Dezember bis zu dem für die Beerdigung festgesetzt n Tage weben die japanischen Flaggen auf den Botschaften und den Regierungsämtern auf Halbmast. Die Mitglieder der japanischen Kolonien in der ganzen Welt tragen um den linken Arm eine schwarze Binde. Das getarnte Hofleben ruht vom 26. Dezember auf fünf Tage und ebenso am Beerdigungstage, desgleichen die Arbeit in ben Gefängnissen, alle Hinrichtungen, sowie Musik- und Taiizvergnügungen.
AuS Berlin wird gemeldet: Kaiser Hirohito von Japan hat dem Reichspräsidenten für daß Beileidstelegramm zum Tode des Kaisers Jo- schibito telegraphisch seinen aufrichtigen Dank aus- gesprochen.
* Selbstmord eines Bolschewisten-FührerS. Nach einer Meldung deS .Vorwärts' hat das Mitglied des Allrussischen Zentral Vollz ugS ko miteeS Markowitsch Selbstmord verübt. Auf dem letzten Kongreß der Gewerkschaften in Moskau hatte Markowitsch oppositionelle Ansichten vertreten. Wegen der ihm deswegen gemachten Vorhaltungen ist er in den Tod gegangen.
* Der indische Nationalkongreß. Au» Gaubat! (Affam) wird gemeldet: Ter indische Nationalkon. greif ist beendet. Au» den Entschließungen ergibt sich eine teilweise Rückkehr zu den Grundsätzen deS naiionalistischen Führers Gandhi, der für den ausschließlichen Gebrauch von indischen Baumwollerzeugnissen und den Boykott ausländischer Baumwollerzeugnisse eintritt"
Die Entsetzung von SUmfu.
Einer Reutermeldung auS Schanghai gutolge kpiellen sich erschütternde Szenen ab, als die Streit- macht Fengyusiaugs, daS von einem der Generale WilpeisuS seit sieben Monaten belagerte Siarnfu, bet Hauptstadt der Provinz Sensi, entsetzte. Tau- sende von Menschen nahmen an den Toren der Stadt unter Freudentränen Karrenladungen mit Lebensmittel entgegen. Seit mehr als einem Monat starben täglich mehr als 500 Menschen an Hunger um Kälte. Die Todesfälle während der Belagerung werden auf 15000-20000 geschätzt. Außerdem mußten die Kaufleute und die übrigen Einwohner den Militärbehörden noch übet 2 Millionen Dollar abliefetn. _____________
* Petersen wieder Hamburger Bürgermeister. Der Hamburger Senat hat für das Jahr 1927 Bürgermeister Dr. Petersen zum ersten und Bürget- meiftet Dt. Schramm zum zweiten Bürgetmeistet wiederLewählk.
Lin Zahr türkische Politik.
Von Thomas I. W e 11 m a n n - Konstantinopel.
Das Jahr 1926 ist für die Türkei in politischer Hinsicht äußerst geschäftig gewesen. Es hat wieder den unumstößlichen Beweis geliefert, daß die heutigen Lenker ihres Geschickes vollkommen auf der Höhe der ihnen zustehenden Aufgaben find, daf sie mit zu den besten heutigen Politikern gerechnet werden müssen und der Staat izpn ihnen sicher und geschickt einer bedeutungsvollen Zukunst entgegen, geführt wird.
Eingeleitet wurde das Jahr durch die Ende Dezember 1925 auf der Bölkerbundsratsitzung stark gefährdete M o s s u l f r a g e. Der kluge Artikel 3 des Lausanner Friedensvertrages hatte gerade t*iefe Angelegenheit, die nur die Türkei und England anging, auf später verschoben; Lord Eurzon hatte damals aber wohl kaum gedacht, daß Angora so zähe auf feine Lösung im türkischen Sinne warten würde. Um so größer ist das Verdienst Tevfik Rüschdi Beys, dem es schließlich doch gelang, das verwünschte Ergebnis herbeizuführen. Am 5. Juni wurde das türkisch-englisch-mesopvtamische Abkommen vollzogen. Außer einer günstigen Grenzregulierung sicherte es der Türkei während eines Zeitraumes von 25 Jahren einen Gewinnanteil an der Petroleum-Ausbeute der Mofful-Gebiete.
War „Mofful" ein Problem, dem eine gewisse Weltbedeutung anhaftete, so bildete der „Bevöl- kerungs-Austau sch" eine Angelegenheit, die ausschließlich die Türkei und Griechenland betraf und erst in zweiter Linie auf die Großmächte des Abendlandes eine Wirkung ausübte. Aber auch sie durfte nicht vernachlässigt werden, konnte zu einem neuen Balkanbrand Veranlassung geben. Die Griechen gingen gar oft zu weit in ihren Anmaßungen. Kenner des nahen Ostens sahen dem Ausgange dieser Verhandlungen mit Bangen entgegen Doch hier fand gleichfalls ein rastloses Streben türkischer Männer'— wie Saradschoglu Schükri Bey und Dschewad Bey, des türkischen Gesandten in Athen — einen glücklichen Ausgang, indem sie am 1. Dezember einen endgültigen Vertrag zwischen beiden Ländern zustande brachten.
Dieses Abkommen war eine unbedingte Notwendigkeit für den Orient und den Balkan. Denn des öfteren tönte Säbelgeraffel von Athen nach Angora hinüber und brachte fo den schwer erworbenen Frieden nahe dem Abgrunde. Griechenland schien sich besondrs mit Krisgsgedanken abzugeben, denn dadurch glaubte man, das unzufriedene Wühlen im Volke auf andere Bahnen zu lenken. Größtes Aufsehen erregte die Erklärung des gestürzten Pan- galos, daß er die Absicht gehabt habe, im Bunde mit einer Balkanmacht gegen die kleinasialische Re- publik tatsächlich das Schwert zu ziehen.
Dies und die recht zweideutigen Reden Mussolinis, dem eine Ausdehnung des italienischen Einflusses im Orient vor Augen schwebt, rüttelten Angora gewaltig auf. Die türkische Regierung sah ein, daß sie sich nicht nur den friedlichen Werken von Kultur und Zivilisation widmen durfte, um der Achtung abendländischer Politik teilhaftig zu werden. Das Volk mußte auf feine Rüstungen bedacht sein, auf feine politische Rüstung. Die schönen Worte des italienischen Gesandten Orsini - Daroni konnten nicht das aufgefauchte Mißtrauen verwischen. Das Gerücht von einem italienisch-ariechischen Bündnis und die italienisch-albanischen Abmachungen, sowie die Besprechungen betreffs Abtretung des syrischen Mandates an Italien ließen die immer noch bestehenden Ansprüche Roms auf Adalia und Mersina nicht vergeffen.
Das Verhältnis zu Italien ist deshalb, fo- lange Mussolini am Ruder bleibt, recht gespannt. Daran ändert auch kein Handelsvertrag etwas, auch nicht der „ballon d' effai" hinsichtlich eine« türkischrömischen Bündniffes, von dem der „Popola b' Italia" im Juni schrieb. Daran ändert auch nicht das trotz der Bouvet» und Lotusaffaire verhältnismäßig gute Vernehmen mit Frankreich, mit bem die syrische Grenzfrage glatt erledigt wurde. Das alles bestimmte vielmehr die Türkei, sich ernsthaft der großen Politik zuzuwenden. Diese große Politik heißt Vorsorge und Fürsorge, Anschluß und Deckung. So wurde denn wieder Angora in die Arme Moskaus gedrängt. So kam aber auch stärker denn je die Erkenntnis in Anatolien auf, daß man sich nach Osten orientieren, daß dort Stütze gefunden, dort Stütze geschafft werden müsse.
Im August sprach man von einem türkisch, russisch-persischen Bündnis, und eine Meldung der „Times" vom 2. Sept, stellle dies bereits als eine vollendete Tatfache hin. Noch schien die Tragweite einer solchen Bereinigung nicht ganz eingeschätzt zu werden. Die abendländischen Gesandten und Botschafter, die immer noch ihren Sitz in Konstantinopel beibcchielten, konnten die so geschaffene neue Lage nicht gehörig überschauen, um- somehr, als sie wohl im allgemeinen die politischen Fähigkeiten des neuen Türkenstaates trotz feiner mehrfachen Erfolge nicht richtig einschätzten. Es hätte ihnen aber doch aufallen muffen, daß zwischen Angora—Teheran—Kabul und Moskau etwas vorging.
Man gab wohlwollend zu verstehen, daß die Tür- keit in den Völkerbund ausgenommen werden könne, allerdings ohne Ratssitz,was dem heutigen kleinasia- tifchen Staate, dem natürlichen Wortführer aller muselmanischen Länder, nicht paffen konnte. Da tarn die Meldung wieder — und diesmal mit großer Sicherheit — von einem türkisch-russisch-persisch- afghanischen Staatenblock, und auf einmal Ichrie man in die Welt hinaus: ein asiatischer Völkerbund sei im Entstehen. Das veranlaßte hie unerwartete Reise des türkischen Außenministers Tevfik Rüschdi nach Odessa zu einer Besprechung