M 295.
Sonntag, 19. Dezember 1926.
Vierter Adventssonntag.
- »Das Wort des Herrn et«inn an Johannes.- Ev.
Was ist das für eine seltsame Feierlichkeit in bem Evangelium des vierten Sonntags im Advent! Kaiser und Könige. Bierfürsten, Landpfleger und Hohepriester marschierten auf. Und keiner marschiert nrr ihnen her .sondern sie selber sind Bortrab, Dortrab für einen, dessen Kamelhaargewand ihres Prunkes spottet. Aber dieser eine ist wichtiger als sie alle, denn an i h n erging das Wort des Herrn. Und er redet und seine Rede klingt wie der Ton einer tiefen, festlichen Posaune: „Bereitet den Weg des Herrn.'
Bom Herrn berufen sein, der Welt ein Wort zu sagen, welch hohe Erwählung ist das! Der adligste Purvur ist das, der verliehen werden kann.
Und wenn ich nun sage, daß w i r a l l e berufen sind, der Welt ein Wort zu saaen? Welch kühne Behauptung ist das! Und doch ist sie wahr. Es ist wirklich so, daß ein jeder von uns der Welt ein Wort schuldig ist. Wir brauchen uns der Welt ein erinnern, daß man auch durch sein Tuen, durch sein 1 Leben sprechen kann Und solch ein Leben kann ein sehr eindringlich Wort an die Welt fein, wenn es inmitten allen Hochmuts bescheiden, inmitten aller Härte gütig, inmitten allen Neides wohlwollend, inmitten alles Geizes freioebig, inmitten aller Unzucht rein, inmitten aller Böllerei mäßig, inmitten oller Habsucht enthaltsam, inmitten alles Verrates treu ist. O. das kann ein Leben ein Wort von ganz erstaunlicher Gewalt sein, selbst wenn es nie den Bann eines weltverlorenen Dörfleins überschritte.
Wie nun aber, wenn dein Leben keine Täufer- pcediat. sondern eine Teufelspredigt wäre?
I »Alles Fleisch soll das Hcil Gottes schauen." Es ist nicht gleich, ob du das deine dazu tust, - der nicht.
Jodokus.
Preußischer Landtag.
Der Preußische Landtaq beschäftigte sich am Frei- ' tag zunächst mit der Besprechung der Ausschußbe- richte? über die Hannoversche ThphuSepidemie. Bei der Abstimmung über einen sozialdemokratischen Abänderungsantrag ergab sich die Beschlußunfähigkeit des HauseS, sodaß der Gegenstand erledigt war. In der lotort anberaumten neuen Sitzung wurde die Aussprache zum Etat fortgesetzt. Der Haushalt wurde schließlich dem Hauptausschuß überwiesen. Die nächste Sitzung wurde auf de» 18. Januar anberaumt.
Heues aus Frankfurt.
Fuldaer Zeitung
s. Blatt.
Druck der Fuldaer Acltendruckerel, Fulda
Ein neuer krlatz zur Zahlung her PerlmgetHteuer- rate vom 15. November 1926.
Bon Dr. Jacobs-Berlin.
. Am 13. Dezember 1926 hat der Reichsfinanz- Minister eine neue Verordnung über die Zahlung der Vermögenssteuerrate vom 15. 11. 1926 erlassen. Dies ist die dritte Verordnung, die sich mit der Novemberratenzahlung befaßt. Durch diese drei Verordnungen sind in die landwirtschaftlichen rC,Jellrttlaicheit und Zweifel hineingetragen, als daß sie zur Klärung beigetrogen hätten.
^.m . D ® r 9o n ge n en Herbste sind die Schwierigkeiten bei den Herbstratenzahlungen nicht so sehr in Erscheinung getreten, weil nach den Be- stimmungen des Steuerüberleitungsgesetzes die am 15. 11. 25 fälligen Einkommensteuer-Vorauszahlun- gen nicht mehr nach dem Vermögen berechnet werden sollten, sondern nach dem Ergebnis des Wirtschaftsjahres 1924/25, und weil wegen der Ber- zögerung der Borbereitungen durch Verordnung vom 28. 10. 1925 die Zahlung vom 15. November 1926 verlegt wurde.
Bei der Vorbereitung der diesjährigen Beranlagung gab der Regierungsoertreter im Steuerausschuß des Reichstages eine Erklärung- ab dahingehend, daß die durch das Zusammenfallen der Zahlungstermine offensichtlich gegebenen Härten auf dem Verordnungswege beseitigt werden sollten. Danach hätte die Landwirtschaft eine zinslose Stundung der Dermögenssteuer- rate etwa bis zum Januar 1927 erwarten können. Statt dessen erfolgte die unzureichende Regelung durch den Erlaß des Reichrfinanzministers vom 1. 1 1. 19 2 6, der für die Landwirtschaft eine Enttäuschung war, da die Steuerstundung von der Zustellung des Steuerbescheides abhängig gemacht wurde, so daß alle Landwirte, die ihren Dermögenssteuerbescheid am 15. 11. bereits erhalten hatten, von dem Erlaß überhaupt nicht betroffen wurden. Daher folgte am 18. 11. ein Erlaß betreffend Stundung der Vermögenssteuer in Fällen wirtschaftlicher Notlage, in dem betont wurde, daß über Stundungsgesuche letzterer Art unter Berücksichtigung der besonderen Verhältnisie des einzelnen Falles mit wirtschaftlichem Verstand- nis entschieden, und durch Stundung oder Zubik- ligung von Teilzahlungen unbillige Härten vermieden werden sollen.
Die Folge dieser beiden Erlaße war die, daß bei den Finanzämtern eine große Zahl von Anfragen und Stundungsgesuche ein. gegangen ist, deren Erledigung im einzelnen die Finanzämter an dringend notwendigen anderen Arbeiten hindern muß. Mit Rücksicht auf diese Unklarheiten und zur Entlastung der Finanzämter erklärt sich der Reichsfinanzminister in der neuen Verordnung vom 13. 12. damit einverstanden, daß in den Fällen, in denen der Steuerpflichtige die von ihm zu leistende Vermögens st euerrate bis zum 2 4. 12. 1926 entrichtet, von der Erhebung von Verzugszuschlä- gen und Verzugszinsen Ab st and genommen wird. Dies gilt also bei Steuerpflichtigen, denen der Bescheid bis zum 15. 11. zugestellt worden ist, für die Zahlungen, die sie auf Grund des Bescheides für die Jahre 1925 und 1926 noch zu entrichten haben, bei Steuerpflichtigen, denen der Bescheid erst nach dem 15. 11. zugestellt worden ist, für die Zahlungen, die sie auf Grund des Bescheides für die Jahre 1925 und 1926 noch zu entrichten haben, bei Steuerpflichtigen, denen der Bescheid erst nach dem 15. 11. zugestellt wurde, für die an sich am 15. 11. zu entrichtende Vorauszahlung.
In den Fällen, in denen hiernach Verzugszinsen zu erheben sind (weil die Zahlung erst nach dem 24. 12. erfolgt), sind im Interesse der Einfachheit die für die Zeit vom 15. 11. bis zum 30. 11. zu erhebenden Verzugszuschläge (die für die Zeit vom 1. 12. an durch die Verzugszinsen ersetzt werden) nur in Höhe der Verzugszinsen zu berechnen.
Diese Regelung auf dem Derordnungswege ändert an dem durch das Gesetz festgelegten Tatbestands der Häufung der Zahlungstermine für die Landwirtschaft gegen Ende des Jahres nichts. Man kann nicht erwarten, daß in den nächsten Jahren die Verhältnisse am gleichen Zahlungstermin sich anders gestalten als in diesem Jahre. I m I n - teresse der Landwirtschaft und ebenso sehr zur Erleichterung der Verwalt ungsarbeiten der Finanz. Ämter wäre eine Aenderung der gesetzlichen Bestimmungen dringend erwünscht.
den am 16. Dezember 1926 von der Schlichtungskammer des Reichsarbeitsministeriums gefällten Schieds- fpruch abzu lehnen und zur Abwehr der teilweife unter Vettragsbruch von den Arbeitnehmern ergrisfe- nen Kampsmatznahmen die <8 e n e r a l a u s s p e r r u ng durchzuführen. Zu diesem Zwecke wird einheitlich von sämtlichen Derbondsbetrieben am Mittwoch, den 22. De- zeniber 1926 die Kündigung der Arbeitnehmer mit Wirkung zum 8. Januar 1927 ausgesprochen.
wie wird das Wetter?
Die Zyklonentätigkeit über Nmdeuropa bat sich verstärkt. Damit bat auch der Emfluß der Tiefaus» laufet auf unsere Witterung zugenommen. Bei west» heben Wmden liegen die Temperaturen in unserem Bezirk Uber dem Gefrierpunkt. Mit Anhalten der Westströmung sowie der Niederslbläge ist zu rechnen.
Aussichten für Sonntan: Wolkig bis bedeckt, einzelne Niederschlä ie, Temperaturen zunächst wenig geändert, später aber wieder zurück lehcnd.
Radio-Yroqramm.
Montag, 20. Dezember 1926. Frankfurt a. M. Welle 428,6 (9 kW). Kassel Welle 272,7 (1,5 kW). 3.20—4.00: Die Stunde der Jugend (unt-r Leitung von Mittelschulrektor K. Wehrhan): Nektar Wchrhan erzählt vom Struwwelpeter und anderen Kinderfreuden in der Weihnachtszeit. 4.30—5.45: Konzert- des Hausorch-sters: Operettenmusik. 1. Stolz: „Glücksinädel"-Marsch. — 2. Lehar: Potp. aus „Mo die Lerche singt". — 3. Granichstaedten: a) Zigar tttenlied, b) „Wandte, mein Herzchen" aus „Der Orlow". — 4. Eysler: Walzer aus „Die ober keine". — 5. Jessel: Potp. aus „Die Postmeisterin". — 6. a) Kal mann: „Komm, Zigany" aus „Gräfin Mariza", b) Künnecke: „In der Taverne zum Pelikan" aus „Lady Hamilton". — 7. Lehar: „Pariser Pflaster", Marsch aus „Eoa". — Mitvirkung: Alois Resni (Tenor). — Musikai. Leitung: Tr. R. Merten. 5.45—6.05: Die Lese stunde (Die Novelle): Aus der Novellcnsammlung „Der .Hungerkünstler" von Franz Kafka. — Sprecher: O. W. Studtmcmn. 6.30—7: Vortragszyklus der Industrie- und Handelskammer Frank- furt a. M.-Hanau: „Die Werberäume und Wohnungs- zwangSwitffchaft", Vortrag von Dr. Schmalz. 7.00— 7.30: Beamtenfortbildungskursus: „Die deutsche Währung in Gegenwart und Zukunft", Vorttag von Dr. Friß Neumark. 7.30—8.00: Englischer Sprachunterricht, erteilt von Studienrat Paul Olbrich. 8.00—8.15: Englische Literaturproden, voraetragen von Studienrat Paul Olbrich. 8.15: Sinfonie-Konzert. 1. G. F. Händel: Concerto grosso op. 3 Nr. 5 in T-Moll. — 2. P. Hindemith: Kammermusik Nr. 4 op. 36 Nr. 3 für Solovioline und Orchester. — 3. A. Bruckner: Sinfonie Nr. 2 in C-Moll. — Musikalische Leitung: Dr. Ludwig Rottenberg. — Solist: Sicco Amar.
Auszug ans den Wittern öes SkaMsanils Ma
Sterbefälle vom 10. bis 17. Dezember 1926.
--- Am den Landeshauptmann. Die sozialdemokratische Fraktion des nassauischen Kommunallandtags hat nunmehr den hiesigen Stadtrat Dr. Schlosser als Kandidaten für die am 19. Januar in Wiesbaden zu er- folgende Wahl des Landeshauptmannes präsentiert Dr. Schlosser, der früher praktischer Arzt in Frankfutt war, ist fest sechs Jahren besoldeter Stadttat und hatte das Dezernat für Gesundheitswesen inne.
— kleine Chronik. Aus einem Delikatessengeschäft im Webend stahlen nachts Einbrecher für mehrere Tausend RM. Lebensrnittel, Weine nud Rauchwaren. Zur Fort- schaffung des umfangreichen Diebesgutes haben die Einbrecher einen Wagen benutzt — Der 26iährige Handlungsgehilfe Joseph Goldenberg war sest Monaten Spe- zialist für Einbrüche in Parterrewohnungen, in die er vom Garten her durch die offenen Fenster stieg. Dieser Tage wurde er auf frischer Tat ertappt und festgenommen. Dem jungen Manne wurden zahlreiche schwere Einbrüche der geschildetten Art nachgewiesen. — Schwindler sammeln augenblilich in angeblichem Auftrage Weihnachtsliebesgaben für Kriegsblinde, nennen, den die Erträgnisse für sich. Die Gauner konnten ttotz
scharfer Ueberwachung bis jetzt noch nicht ergriffen werden.
— Herabsetzung der Aukodroschkenlarlfe. In absehbarer Zeit tritt hier ein neuer Kraftdroschkentarif in Kraft, der eine Herabsetzung der Grundtaxe bis zu 70 Pfennig bringt. Nur über die Zoneneinteilung ist noch keine Einigung zwischen Magistrat und Polizei erzielt worden. Ferner hat die Polizei die Einführung von Kleinautos beschlossen. Dos Droschkengewerbe hat gegen diese Neueinführung Einspruch erhoben. Die Zahl der Autodroschken soll für Frankfurt zunächst 200 nicht überschreiten.
Gewerkschaftliches.
— Dankbelrieb und Betriebsräte. Die neueste Nummer der „Bankbeamten-Wacht, des Organs des Deut- fchen Bankbeamten-Vereins E. D. (Bau Südwestdeutsch- lond. gibt Kenntnis von dem Ergebnis einer Erhebung, die der Deutsche Bankbeamten-Derein in den Bankbe-
trieben Südwestdeutschlands über die Zusammensetzung der Betriebsvertretungen in den südwestdeutschen Danken und Banksirmen durchgeführt hat. Von dieser Erhebung wurden 155 Bankbetriebe an 23 Plätzen ersaßt. In diesen Betrieben gehören von 364 Setriebstoertre- tungsmitgliedern Betriebsräte und Betriebsobleute) 299 Mitglieder dem Deutschen Bankbeamten-Derein, 2 Mitglieder dem Allgemeinen Verband der deutschen Bankangestellten, 1 Mitglied dein Oberbeamtenverein im Bank- gewerve, 8 Mitglieder dem Deutschnationalen Hand- lungrgehilfen-Verband, 28 Mitglieder als Vertreter b»r gewerblichen Bankangestellten dem Bankkaisenbotenverband an, während 26 Mitglieder organisattonslos sind.
wirtschaftliche Nampsbewegungen.
= Generalaussperrung In der Schuhindustrie. Die am 17. Dezember 1926 in Frankfurt a. M. tagende außerordentliche Mitgliederversammlung des Derbandes der Deutschen Schuh- und Schästesabrkanten beschloß,
10. Fabrikarbeiter Josef Desoi, Mittettalback, 30 I. 9 M. 4 T. 10. August Arndt, Haimbach, 2 I. 11 M. 6 T. 14. Schreiner, Witwer Pbilipv Huff aus Oden, sachsen, 73 I. 4 M. 20 T. 14 Ebefrau Theresia Licht geb. Diel, Stellberg, 38 I. 2 M. 22 T.
Sei vernünftig!
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Das Räksel des Heidegrabes.
Roman von Ernest Becher.
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Der Gehilfe kletterte etwas mühsam empor und nahm Carstens da» Seilende ab, das dieser bis dahin gehalten ^atte. Der Arzt lieh chn ein wenig zu Atem kommen, dann sagte er:
.Achtung! — Los! — Langsam und gleichmäßig Ziehen!'
.Der ist schwer!' preßte der Kirchendiener hervor.
-Eine srifche Leiche ist auch nicht schwererl'
Carstens hatte eines der schmalen Bretter gefaßt und schob es unter die Sargmitte, als der Sarg in Randhohe angelangt war. Ebenso schnell wurden von zu- fchauenden Männern zwei andere Bretter unter dem 2opf. und dem Fußende untergeschoben.
Als der Sarg sicher stand, trat 6er Arzt zurück.
»Rastet einen Augenblick!' sagte er, auf den schworen Kasten zutretend. Er schlug dessen Deckel zurück, i Östliche Instrumente wurden sichtbar. Carstens nahm eine größere Knochenzange heraus.
.Nun schiebt den Sarg heriiber zu dem da!" gebot auf den leeren Sarg weisend.
ÄrJ113 i>*e ®är0e nebeneinander standen, befahl bet
Hebt den Deckel!' ’ .......
Der Kirchendiener und Petersen ergriffen die Spaten.
| - »Wenn der Deckel herunter ist, dann tretet fofort zu- W,- ordnete Carstens noch an. „Gefahr ist keine, aber !JWr wollen den Modergeruch erst ein bißchen entweichen «ff en!'
Die beiden Arbeiter nickten, dann setzten sie an den E^igegengesetzten Enden sorgfältig die Spaten an.
Friedel kniete zu Häupten des Sarges, zwei Schritt l®Don entfernt, nieder und faltete die Hände. Die Zu- SutüiT a‘otIten herandrängen, aber Carstens wies sie
flänike hatte sich, mit dem Rücken gegen die Särge, bin'6n- B"chenstamm gelehnt. Sein Antlitz war toten- mi>ie.2tu9en Welt er mit der rechten Hand bedeckt. »Bergib, Helga," flüsterte er, „ich kann nicht hin-
8u dir — dein Bild, ich kann -s mir nickt trüben, W*» entstellen taffen!"
Leichtes Krachen wie von splitterndem Holz erscholl, die Arbeiter hatten den Deckel aus dem Falz gehoben, er lag nur mehr lose auf hem Unterteil. Petersen hob ihn vollends ab und legte ihn auf den Erdboden. Ungehindert drang das Sonnenlicht in den Sarg.
Ein mehrstimmiger Schrei erscholl. Carstens, der sich leicht vorgebeugt hatte, fuhr wie vom Schlag getroffen zurück.
Friedel unterbrach fein Gebet und blickte in den Sarg Jeder Tropfen Blutes wich aus feinem Antlitz, er wankte und wäre nach vorn gestürzt, wenn nicht der Kirchen diener rasch hinzugesprungen wäre und ihn gehalten hätte.
„Leer!' ftommelte der Jüngling. .Seer!*
Irr blickte er um sich und dann wieder in den Sarg.
" »Leer!' rief Carstens ihm geistesabwesend nach.
Die fremden Leute ließen sich nicht mehr zurückhai- ten, sie drängten sich dicht um den Sarg. Rufe de» Staunens, des Entsetzens wurden laut.
Hinter der Buche kam Christian Jänike hervor, ei hotte Carstens Ruf gehört. Wie gebannt blickte er m den Sarg.
„Helga, Helga"! rief er mit heller, durchdringender Stimme. Dann sank er neben Friedel in die Knie.
Der Jüngling zitterte wie Espenlaub im Winde.
„Mutter! Mutter! Wo bist du?' rang es sich schluchzend von seinen Lippen.
Carstens hatte sich wieder gefaßt.
„Es ist unmöglich!" murmelte er. „Es ist unmög* kich! Eine Sinnestäuschung, ein Trugbild, ein Gauket- spiel erregter Nerven!'
„Mutter!" rief Friedel lauter, Verzweiflung in bet Stimme. „Wo bist bu? Wo bist bu?"
Jänike faßte Friedel am Arm, ber Jüngling aber riß sich von der Hand des Alten los. Er sprang auf, brach durch den Kreis der Umstehenden und lief in wahnsinniger Hast gegen die Stabt, wobei er fortwährend schrie:
„Mutter, Mutter, wo bfft bu, wo bist bu?*
„Christian, auf, ihm nach!" rief ber Arzt. „Er ist irrsinnig! Ich muß hier bleiben — halte bu ihn auf, daß er sich kein Leid tut!'
Der alte Lehrer fuhr in die Höhe und lief hinter dem Jüngling her, o schnell ihn seine Füße tragen woll- j ten. Aber er konnte Friedel nicht einholen, immer wer- I
ter blieb er hinter dem Dorausstürmenden zurück. Friedel hatte schon längst die ersten Häuser der Stadt erreicht, als Christian noch immer auf ber Heide dahin- keuchte.
Der Jüngling lief an den Leuten vorbei, die dem Rasenden bestürzt auswichen, ihm nachblickten und dann die ganze Jütlandstraße hinter ihm breinliefen.
Er merkte es nicht, er lief geradeswegs nach Hause, er stürzte in die Stube, wo der Großvater zwischen den brennenden Kerzen aufgebahrt tag, er kümmerte sich nicht um die Leute die gekommen waren, den Toten noch einmal zu sehend und von ihm Abschied zu nehmen, er stürzte auf den Entschlafenen zu, faßte deffen erkaltete Hand und rief:
„Großvater, die Mutter ist fort! Großvater, wo ist die Mutter?'
Friedlich tag der Alte da, das flackernde Kerzenlicht fiel auf fein Antlitz, es huschte über feine Züge — fast schien es, als spiele ein leises, freudiges Lächeln um des Toten Mund.
Betreten, bestürzt, verwirrt wichen die Fremden zurück. . ... . .
Friedel rief noch einmal:
„Großvater, wo host du die Mutter?"
Plötzlich durchzuckte ihn ein Gedanke: Der Großvater hatte sich in feiner Sterbestunde abgequält, ihm etwas zu sagen, Friedel glaubte das Wort „Schrift" verstanden zu haben — hatte der Großvater aufgefchrt». den, was er nicht mehr hatte sagen können?
Der Jüngling konnte den Gedanken nicht ausdenken, der Aufregungen waren in den letzten zwei Tagen zu viele gewesen. Es wurde ihm schwarz vor den Augen, er hörte ein fernes Sausen und Klingen — jählings warf er die Anne in die Luft, er wankte, drehte sich haiv um sich selbst und schlug bann neben dem Sarg schwer auf die Diele.
Das war ein Tag, an dem Handel und Wände» in Gjelstedt stockten. Die Gesellen entliefen dem Meister aus der Werkstatt und er lief hinter ihnen her, aber nicht, um zu schmälen und sie zurArbeit zurückzuholen, sondern um selber zu hören, zu schauen und weiterzutragen, ma» er soeben vernommen. Der Kaufmann sperrte seinen Laden und eilte in die nächste Straße um mit dem Gevatter Fleischer die unalaublicbe Neuigkeit ru besprechen.
Doch zu seinem Mißvergnügen fanv er, daß auch der Fleischerladen gesperrt war, und verdrießlich begab er sich zu feinem Geschäft zurück. Aber vor der versperrten Türe stand der Geoattersmann nud bliette mißmutig spähend die Straße entlang. Und es stellte sich heraus, daß der Fleischer hier durchaus nicht zufällig wartete, sondern die löbliche Absicht gehabt hatte, dem Gevatter Kaufmann das Allerneueste zu erzählen, falls es dieser noch nicht wissen sollte. Auf dem Weg zu ihm hatte der Fleischer bloß einen kleinen Abstecher in em Nebengäß- chen gemacht, um sein Gedächtnis bei Mutter Jämt, ber Gemüsehänblerin, auszusrischen unb babei vielleicht auch noch eine bisher unbekannt gebliebene, aber boch wich tige Kleinigkeit zu erfahren.
Wunberdar schnell kamen bie Mägde vom Markt- gang heim, sodaß jede Hausfrau vor Berwunderung die Hände über bem Kops zusammenschlug unb vollenbs sprachlos wurde, als sich herausstellte, daß die Magd trotz der Eile nichts zu besorgen vergessen hatte. Doch schnell sand die Hausfrau die Sprache wieder, als die Magd mit ihrer Neuigkeit losplotzte. Lebhafte Fragen und ent- fetzensvolle Ausrufe schossen hin und her, die Augen ber Hausfrau würben größer und größer.
Nie noch hatten bie Wirte in Gjelstebt ein so groß artiges Geschäft gemacht wie heute, die Schenkstuben waren überfüllt.
Am aufgeregtesten aber ging es auf bem Marktplatz Zu. Dort summte es wie in einem ungeheuren Bienenkorb, Hänbe fuchtelten in ber Luft umher, Leute, bie einanber sonst in großem Bogen auswichen, tauschten lebhaft Rebe unb Gegenrebe unb wurden nicht einmal grob, wenn sich herausstellte, daß die Mitteilungen unb auch bie Meinungen nicht übereinstimmten.
Die Frau bes Kirchenbieners war schon vom Marktplatz heimgekehrt gewesen, als ihr Gatte mit der ent« setzensoollen Neuigkeit heimkam. Die Haare hatten sich :hr aus dem Haupt gesträubt, trotz ihres Schauderns aber war ihr, als der Mann mit feiner Erzählung fertig gewesen, noch eingefallen, daß sie Zwiebeln zu kaufen vergessen hatte. Unter diesem Vorwand war sie auf den Marktplatz zurückgeeilt unb ftanb nun Inmitten einer Haufens Weiber, bie sie umringten wie die Biene: iö-e Königin.
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