Fuldaer Zeitung
Lonrrtag, 19. Dezember 1926
Wir
Eine Fürsorgeschwester berichtet von einer alten Dame, die zwei schön möblierte Zimmer zu vermieten pflegte und von den neunzig Mark, die sic einbrachten, ihr kümmerliches Dasein fristete. Nun stehen die Zimmer schon lange leer, bis sich plötzlich ein neuer Mieter meldet. Er will zahlen, was man fordert, stellt aber die Bedingung, daß man ihm gestatten möge, abends nicht allein nach Hause zu kommen. Nun, ein Verhältnis, werden manche denken. Was kann man tun? Die alte Dame aber lehnt sein Ansinnen entrüstet ab und hungert seitdem weiter. Es ist das eine Geschichte von vielen, die uns sagen, daß es doch noch Charakterfestigkeit und Heroismus unter uns gibt. Alles ist denn doch noch nicht käuflich geworden. Ich könnte hier das Beispiel manches Buchhändlers anführen, der gewiß feinen schweren Kampf mit dem Leben zu kämpfen hatte, sich aber doch durch keine noch so so dringende Nachfrage und noch so lockenden geschäftlichen Aussichten dazu bewegen ließ, Bücher, die offenkundig unser Volk verseuchen müssen, ins Schaufenster zu stellen oder überhaupt auch nur zu führen. Viele Tausende hat er dadurch an Verlust erlitten und obendrein noch den Spott eines lachenden, leichtsinnigen Konkurrenten getragen. So etwas gibt es also heute noch, heute im Jahre 1926, wo viele Menschen soweit sind, daß sie keinem mehr trauen, an keinerlei Idealismus mehr glauben und den Untergang Europas für die nächste Zukunft erwarten.
Wieviel gesunder Sinn noch im Volke steckt, das steht man auch an den Massenversammlungen, die im Zusammenhang mit dem Schund- und Schmutz- aeietz in Köln, Koblenz und in manchen anderen Städten gehalten wurden. Wenn die Handhabung des Gesetzes vernünftig und loyal ist, dann kann es, wenn das ganze Volk sich dahinter stellt, tatsächlich noch etwas erreichen. Freilich, der Staat kann nicht das Innere der Menschen anders machen als es ist. Wohl aber kann er die Straßen sauber halten und auch die Verkaufsstellen der Bücher. Wir wollen uns in Deutschland ruhig gestehen, daß es mit der öffentlichen Sittlichkeit, namentlich in unseren großen Städten, bei uns weit schlechter bestellt ist als etwa in Amerika. Wir haben durchaus nicht mehr den Weltruf der Treue, der Redlichkeit und der Anständigkeit. Aber wir werden diesen Ruf wiederbekommen, wenn wir uns ein wenig darum bemühen. Jetzt heißt es vor allem, roas die Schmutzliteratur angeht, praktisch handeln. Wenn zum Beispiel Stadtverwaltungen Kioske vermieten ober die Eisenbahnoerwaltung ihre Bahnhofsbuchhandlung einrichtet, wie leicht ist es, schon durch den Kontrakt dafür zu sorgen, daß das Gemeine ausgeschlosien wird. Große Städte haben schon solcheWege mitErlolg beschritten. DasWichtigste aber bleibt, daß man sich nicht begnüge mit einem Schild „Verbotener Weg", sondern daß man nun positiv für das gute Buch arbeite.
H/er darf man vielleicht manchem Erzieher ins Gewißen reden. Es ist ja wahr, viele moderne Menschen, die mit der Jugend zu tun haben, sind jo überlastet, daß sie kaum je Zeit finden, noch ein Buch zu lesen. Und doch kann man in diesen Din- aen nicht erziehen, wenn man sich selber in keiner Weise darum kümmert. Das eine oder andere neuere Buch sollte jeder Erzieher lesen, während es heute praktisch so ist, daß die Jugend nicht selten von literarischen Neuerscheinungen mehr weiß als das reifere Alter. Es gibt doch auch so viele Zeitschriften, wie etwa die Volkskunst, die Bücherwelt oder den Gral, die über die wesentlichen Erscheinun- gen auf dem Büchermärkte zuverlässig unterrichten. Wir erinnern gerade vor Weihnachten noch einmal
* München hat die meisten «erzttnnen. In Deutschland ist die Zahl der weiblichen Aerzte oegen die Vorkriegszeit um das Zehnfache gestiegen. Bor dem Kriege gab eS 195 Aerz,innen. Mitte des Aabres 1926 zählte man 1627. Die meisten A"rzt» innen hat die Stadt München, wo auf 7976 Ein» toobner eine Aerztin kommt. (Berlin; 9964: 1) Dix einzige her 46 deutschen Großstädte ohne Aerztin ist Samborn.
daran, daß man doch seine Auswahl für Weihnachtsgeschenke vernünftig treffe.
Es muß eingeräumt werden, daß Anlaß genug vorhanden ist, den Glauben an die Menschheit zu verlieren. So mancher politische Traum sinkt dahin. Große Koalition oder stille Koalition, wie ganz verdeckt unter Fragezeichen sind diese schönen Worte! Der Kampf zwischen Reich und Ländern zieht herauf. Die Siedlungsfrage kommt nicht vom Fleck, und das Arbeitslosenproblem bedroht uns nach wie vor. Vier Außenminister haben den Friedenspreis erhalten, aber das täuscht nicht darüber hinweg, daß der Frieden der Welt noch lange nicht da ist. Peinlich berührt dabei vor allem, daß es nicht einmal die großen Fragen sind, die zwischen Völkern stehen, sondern daß man mit Nadelstichen, Jntri- guen, Geheimverträgen einander das Leben schwer macht. Sich ein Urteil über die politischen Verhältnisse bilden, wird mehr und mehr unmöglich. Je mehr man von der Verantwortlichkeit der Völker spricht und die demokratischen Grundsätze betont, umso mehr vereinigen sich die feingefoonnenen Fäden der Weltregierung in einigen Händen. Auch das kann man noch sagen, daß der unglüMche Friedensvertrag von Versailles sich jelänger je mehr als ein wahrer Dauerregen internationaler Konflikte erweist. Statt auf dem Boden der Gerechtigkeit und einer verzeihenden Großmut die Angelegenheiten Eurovas auf weite Sicht hin zu ordnen, hat man das Unrecht verewigt, und die Rache reden lassen. Unrecht wird aber nicht alt, so wenig eine Wunde heilt. Und so lange diese europäischen Wunden nicht wahrhaft geheilt werden, kann jederzeit ein neuer Fieberzustand und das Unberechenbare eintreten. Das alles, ich gebe es zu, ist wahr, sehr niederdrückend und doch wieder sind die Kräfte der Natur und die unverbrauchten Säfte eines gesunden Volkes stärker als alle Hirnprodukte. Man kann doch kommen, wohin man will, cs gibt noch in jedtzr Stadt aufrechte Männer und Frauen, und der gute Wille ist noch überall rege. Je mehr die öffentlichen Verhältnisse verfahren scheinen, umsomehr muß man sich erquicken an den Beispielen stillen Heldentums, die man wohl bemerkt, wenn man nur das Auge dafür öffnen will.
Da ist die Bahnhofsmission. Man muß einmal mit denen sprechen, die darin tätig sind. Sie erleben jeden Tag mehr, als in dickbändigen Romanen zu lesen ist. Da sind durchoebrannte Söhne und Töchter, die man glücklich auffischt. Da springt voll Erwartung ein junger Mensch aus dem Abteil, der der verschwundenen Gattin auf der Spur ist. Da treiben sich nachts in den Wartesälen zweifelhafte Existenzen mit Neulingen im Handwerk herum. Es ist schon ein ebenso interessanter wie trauriger Ausschnitt aus dem modernen Leden. Aber die Liebe wacht. Nicht alle, die in der Bahnhofs- mission tätig sind, haben das nötige Verständnis, und gerade hier sollten sich gebildete Menschen und ältere, die das Leben kennen, zur Verfügung stellen. Solche aber wirken dort oft Wunder der Nächstenliebe, und während draußen die Rangierer große Züge von einem Gleise auf das andere leiten, werden in der Bahnhofsmission nicht selten Weichen ae- stellt, die ein ganzes wertvolles Menschenschicksal auf die richtige Spur setzen.
Nun zünden wir das letzte Adventslicht an. Man kann es mit dem Abendstern vergleichen, der die Weihnachtssonne ankündiat, und während es langsam niederbrennt und schließlich ins Dunkel sinkt, fühlen wir es, daß aus dem Dunkel unserer Not die Hoffnung kommen muß. Wintersonnenwende nabt. In ihrer dunklen Tiefe steht das lächelnde Kind.
Der Mann im Monde.
14. Kapitel.
Öftertage mit festlichem Dreckfchippeu.
Selbstverständlichkeiten.
Aus parlamentarischen Kreisen wird uns geschrieben:
Der Parteiausschuß der demokratischen Partei fet vor einiger Zeit eine Entschließung gefaßt, in ^7 er unter anderem zum Ausdruck brachte, „daß er der Landtagefraktion der demokratischen Par- fCi in Preußen seinen Dank dafür ausspreche, daß sie in so energischer Weise gegen alle Maßnahmen sich gewehrt habe, die der preußische Wohlfahrts- minifter Hirtsiefer in Szene gesetzt, und die dazu führen, eine Verewigung der Hauszinssteuer zu schaffen." Diele ungewöhnliche Auslassung hat mit vollem Recht in der Zentrumspartei außer- - ordentlich verstimmt, und hat bereits eine entsprechende Zurückweisung erfahren. Wir freuen ans, feftftellen zu können, daß auch die demokra- tifche Partei in Preußen bei der Besprechung dieser Angelegenheit im Plenum ausdrücklich von diesem Beschluß a b r ü ck t e und der demokratische Finanzminister ausdrücklich bestätigte, daß, wenn überhaupt eine Politik zu erträglichen Zuständen sichren könne, dann sei es diejenige, die der preußische Wohlfahrtsminister auf dem Wohnungs- markte stets geführt habe.
Aber wir nehmen diese Gelegenheit zum Anlaß, um auf eine Tatsache hinzuweisen, die immer wieder zu ernsten Bedenken Anlaß gibt. Es ist natürlich schwer, auch einmal unpopuläre Politik zu machen, und da heute alle Politik Koalitionspolitik fein muß, so beobachtet man immer wieder die Tatsache, daß einzelne Parteien versuchen, die unbequemen Seiten dieser Politik auf andere ab= zuwälzen. Leider muß man dabei beobachten, daß öte Abwälzungen auch auf Koalitionsparteien versucht werden. Ein klassisches Beispiel Dafür bietet ja der Antrag der Demokraten, von dem wir oben gesprochen haben. Eine solche Handlungsweise ist natürlich aus politischen Gründen eine bare Unmöglichkeit. Wer sich in einer Koalition aus staatspolitischen Gründen mit anderen Parteien zusammenfindet, muß natürlich auf ein gut Stück Agitationsarbeit verzichten. Er muß manche billige Schlager opfern. Darin liegt ja gerade das Erzieherische der Koalitionsarbeit, daß sie die Partei zwingt, auf dem Boden nüchterner Tatsachen im Interesse des deutschen Volkes Politik zu machen.
Keine Partei ist in diesem Punkte mit Recht so empfindlich wie die Zentrumspartei, denn fie trägt von allen Parteien am längsten an der Verantwortung und ist daher, wenn man so will, am schwersten mit ihr belastet. Aber gerade aus diesem Grunde muß eine an alle Parteien, die mit ihr Zusammenarbeiten. das strikte V-rlanoen stellen, daß man aus selbstverständlichen Gründen den der Loyalität Koalitionsfragen eben mit besonderer Behutsamkeit behandelt. Gerade die Zentrumspartei, weil fie am längsten in der praktischen Arbeit gestanden hat, ist immer am sparsamsten mit Vorwürfen gegen andere gewesen. Und nirgendwo besteht ein so feines Gefühl für das, was in einer Koalitionspolitik getragen und was nicht getragen werden kann, wie im Zentrum.
Wir hoffen, daß die energische Abwehr, die die Partei, die man als die loyalste dem Staate gegenüber nennen kann, vollzogen hat, mit dazu beitragen wird. Erziehungsarbeit am deutschen Volke und an den Parteien in den Parlamenten zu leisten. Vor allem aus diesem Grunde und nicht lediglich aus der Tatsache heraus, daß diesmal das Zentrum der leidtragende Teil war, weisen wir mit aller Schärfe auf solche Mißstände hin, die sich aus der KoaliUonsarbeit hie und da ergeben. Jeder, der gerecht und vorurteilslos die Dinge abwägt, muß uns recht geben, und wird unsere energische Stellungnahme billigen.
i Am Karsamstag um 9 Uhr marschieren wir ab. ___
eine Meile weit den Weg zurück, den wir vor einigen Tagen gekommen sind, dann biegen wir nach Norden ein auf einen „Landweg". Gott sei Dank, daß ich heute nichts mit den Wagen zu tun habe. Wir selbst können uns kaum durch den Morast ooranarbei- sen: wie schwer muß es da erst für die Pferde werden! Doch nun ist wieder das ganze Bataillon beisammen und die Fahrer können sich gegenseitig helfen. Wir Naben heute nur 15 Kilometer Marsch, die man gut in 3 Stunden zurücklegen könnte. Wir brauchen 6 Stun- wn dazu. Als wir endlich unferm Ziele nahe sind, ist «e Holzbrücke, die am Ortseingang über ein Bächlein ’n>t steilen Ufern führt, zufammengebrochen. Es muß erst eine Brücke gebaut werden. Mühsam werden mit unfern kleinen Handbeilen ein paar große Erlen gefällt und die Stämme über den Bach gelegt. Allerlei krumme ®«fte, denn grabe gibt es nicht, werden quer über die Stämme gelegt. Darauf kommen Bretter, die man um T^nnherzig einem Bäuerlein von seiner Scheune ab- iprengt, und endlich wird alles mit Rasen und Erde bedeckt. Ein schauderhaftes Machwerk. Sogar die Pferde Schauern davor und wollen nicht hinüber. Als es erst rtnmal gelungen ist, einen leichten Wagen hinüberzu- J^mgen, folgen auch die andern Pferde und Wagen. "*QS ganze Bataillon muß in dem verhältnismäßig klei- Uen Ort untergebracht werden und es geht recht knapp lnn v* * 3 *” ber einstigen, jetzt verlassenen Dorfwirtschaft wu die Hälfte der 4. Kompanie untergebracht werden, r A .ich die Räume mit ihrem Mist, den zerbrochenen Fenstern und umherliegenden Flafchenscherben über» 1 jauc, erfaßt mich das Entsetzen. Mit den beiden Ge» jf"ien Jordan und Mack, den Sebensmittelempfängern, oaie ich mich auf die Suche nach einem Quartier. Drau» pj? fmben mir ein winziges Häuschen, dessen Strohdach tini °'s 6 7 8 * 10 an bi« Schultern reicht. Da hinein hat sich itr?' jemand gewagt. Die einzige Stube wird von ' »rauen bewohnt, Mutter und Tochter. Die Mut-
Rund um die Woche.
Es gibt noch Helden. — Die alte Dame und der Buchhändler. — Reinigung von Kiosken und Bahnkossbuch- handluugen. — Buch und Erzieher — Politische Elegie. — Bahnhoismijjion. — Das letzte Adventslicht-
Theater und Musik.
— Zusammenlegung des reußischen Theaters und des allenburgifd>en Landestheaters. Da der Fürst zu Reuß, der bisher das reußische Theater allein unterhalten hatte, dazu in der bisherigen Form nicht mehr in der Lage ist, h-wen die Intendanten des reußischen Theaters in Gera und des altenburgifchen Landestheaters den bereits von der thüringischen Regierung genehmigten ter ist wohl achtzigjährig und liegt zu Beit, die Tochter ist noch rüstig. Später entdecken mir, daß noch eine erwachsene Enkelin dazugehört. Der Krieg, die Not, vielleicht auch der Leichtsinn haben sie auf schlimme ®egc gebracht. Sie ist nächtelang nicht zu Hause und treibt sich bei dem Personal eines Feldlazaretts herum, das in einem benachbarten großen Hof untergebracht ist. Wenn sie gelegentlich einmal erscheint, um ihrer Mutter Fleisch, Brot und dergleichen zu bringen, das sie auf ihren Gängen erbeutet hat, fängt die alte Frau zu schelten an und macht ihrer Tochter die bitterften Vorwürfe.
Sn dieses Häuschen haben wir uns atfo verirrt, denn es ist genug Platz vorhanden für eine Streu, auf der 5 bis 6 Mann schlafen können. In der Tat kommt abends noch Kamerad Heu mit seinen Köchen, um bei uns zu schlafen. Aber die Köche entsetzen sich so sehr vor dem „Totenkops" der alten Frau, die allerdings nur noch ein Skelett ist, daß sie uns am Morgen zuschwören, nicht wiederzukommen. Sie haben auch ihr Wort gehalten. Wir aber fühlten uns bald ganz heimisch. Und damit wir nicht durch andere Kameraden belästigt würden, nagele ich einen Zettel an* die Haustür mit der Aufschrift: Belegt mit 11 Mann. Elf Mann in dieser Hütte? Diese Zahl genügte, um jeden abzu- schrecken. Es wurde Stroh herbeigeschafft für unsere nächtliche Streu, die jeden Morgen wieder weggeräumt wurde. Abends dauerte es oft lange, bis wir zur Ruhe kamen. Nicht daß uns die beiden Frauen in ihren Betten gestört hätten; über dieser Mack! Wie ein ftahn auf der Miste, so kratzte und wühlte er sich eine Mulde in die reichliche Streu. Und immer wieder kratzte und wühlte dieser zimperliche Mensch an seinem Strohlager. Und wenn wir ihn zur Ruhe mahnten, dann sagte er: „Ech leie noch net richtig. Wenn ech mei Federbett von derheim hält, bräucht ich net so ze wühle. Jeder Hund un jeder Has wühlt sich sei Säger; warum sollt' ich's net derfe!"
4. April (Ostersonntags. Gestern abend hat der Hauptmann wieder einmal zur Abwechselung einen er» schießen lassen wollen, dann hat er erklärt, die Unteroffiziere seien Sozialdemokraten; aber der Feldwebel hat sich diese Bezeichnung verbeten, da er seit 14 Jahren Staatsbeamter sei. Nun hat der Hauptmann Ar- beitsbienft angesetzt, nämlich „Dreckschippen" ober hoch- beutfd) gesprochen: Wegebau. Als wenn das hier in
Hessischer Landsturm
Von Fr. Donatus Pfannmüller.
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| Vertrag abgeschlossen, der die Fusion bei der Biih- n e n vorsieht. Man erhofft eine Aufrechterhaltung des Betriebes im bisherigen Umfange. Es soll ein Zuschuß von 500 000 Mark gewährt werden und zwar die eine Hälfte vom Fürsten von Reuß und die andere Hälfte vorn thüringischen Staate. Künstlerischer Leiter des ge- metnfamen Unternehmens wird Generalintendant Jltz- Gera und verwaltungstechnischer Leiter Generalintendant Berg-Ehlert in Altenburg.
dem völlig versumpften Gelände einen Zweck hätte. Man
könnte metertief graben, bis man auf festen Boden
tarne. Und die Leute haben doch nur ihre kurzstieligen Spaten. Am Ostersonntag zweckloses Dreckschaufeln!
Das wird den Geist der Truppe gewaltig heben. Als wir um halb 9 Uhr zum Arbeitsdienst antreten, schickt mich ber Feldwebel weg: „Was wollen Sie hier? Sie gehören doch zum Lebensmittelwagen." Ich bin also dienstfrei und gehe wieder heim. Wir haben hier das Pro- oiantamt nur 100 Schritte vom Quartier entfernt. Der Verpflegungsoffizier des Bataillons leitet den Empfang und ich habe gar nichts dabei zu tun. Aber zum Um« herstehen im Dreck, während sich die Mannschaften pla- gen, braucht man nicht alle Unteroffiziere. Daheim finde ich meine Quartierleute weinend. Ein Soldat hat ihnen ihr letztes Huhn gestohlen. Es war einer von drüben, Dom Feldlazarett. Aber dagegen kann ich nichts tun Ein anderes Mal an einem der folgenden Abende, als einer den Lattenzaun ber armen Leute zu Brennholz v-rwenben wollte, habe ich ihn tüchtig auf die Finger geklopft.
5. April. Gestern abend ist Unteroffizier Wille mit einem ganzen Wagen voll Post angekommen, es ist die rückständige Post von mehreren Wochen. Ich habe eine Menge Pakete und viele Briefe erhallen und konnte unsere armen Quartiersleute reich beschenken. Mein Rucksack wäre viel zu klein, um alles darin unterzubringen, was mir gute Freunde geschickt haben. — Die Kompanie Hal heute wieder Arbeitsdienst, d. h. Dreckschippen
6. April. Wiederum Arbeitsdienst. Ich aber sitze m meinem Quartier und schreibe Briefe. Dann habe ich auf eigene Faust Wegebau getrieben. Bor unferm Häuschen, die Straße entlang, liegen noch Berge von Schnee, die nun mit Macht schmelzen. Ich ziehe Gräben und leite das Wasser ab. Von der Beschaffenheit der hiesigen Wege kann man sich einen Begriff machen, wenn man, wie es heute geschah, einen Wagen mit etwa 400 Kommißbroten von zwölf Pferden mühsam zum Proviantamt schleppen sieht. Russische Gefangene haben von unferm Häuschen aus, wo der tiefe Morast beginnt, zum Provintamt hinab ein „Trottoir" gebaut aus dem Dach- ftroh einer abgedeckten alten Scheune. Aber auch dieses Trottoir ist schon wieder am Versinken. Von der Front her starker Kanonendonner. Es geht bas Gerücht, daß uns eine bayerische Division zu Hilfe gekommen sei.
3. Blatt.
Druck der Fuldaer Arttendruckerei, Fulda
Zahlreiche freiwillige Anerkennungen
7. April. Gegen Mittag, als ich vor ber ‘ Haustür stehe, kommt ein Feldgendarm mit zwei jungen Lurchen und bittet mich, die Burschen für eine Viertelstunde unter Aufsicht zu halten, da er schnell essen wolle. Er brauche die jungen Leute zur Arbeit. Die Ortsbewoh- ner sind Litauer und ich kann mich ein wenig mit ihnen verständigen. Als der Gendarm wieder kommt, geht er mit den Burschen zu einer Hütte hinüber, die ein wenig vom Wege abliegt. Dann sehe ich, wie große Bündel aus der Tür der Hütte geworfen werden und ich gehe hinüber, um zu sehen, was das zu bedeuten hat. In der Hütte wohnt ein Gerber und im Nebenraum hat er ein paar große Bottiche stehen. Der Mann klagt und jammert, denn man nimmt ihm alle feine einseitig gegerbten Schaffelle ab, wie solche zur Herstellung der Pelzjacken benötigt werden. Es sind 700 Felle. Ich kann mir nicht denken, daß dieser arme Teufel der Eigentümer der Felle ist, doch gebärdet er sich so. Er fleht, daß man ihm doch wenigstens die paar Reh- und Fuchsfelle laste, die dabei sind; allein es nützt nichts. Als ein Wagen die Felle fortfährt, sitzt der Mann in feiner armseligen Stube und meint. Die Entschädigung, die er dafür bekommt, wird wohl nicht weit her fein. Ich kann nicht begreifen, wie die Gendarmerie vom Vorhandensein der Felle Kenntnis erhielt. Es ist kaum an» bers möglich, als daß sich die Ortseinwohner gegenseitig verklatschen, um sich dadurch selbst beim Kommandanten einen Vorteil zu verschaffen.
8. April. Heute früh halb 7 Uhr hielt uns ein auf ber Durchreise befindlicher Feldgeistlicher ein Hochamt
mit Predigt. Fast alle Katholiken unter uns gingen zur Kommunion. Die hiesige Pfarrei ist verwaist, der Pfarrer gestorben. Der Ort gehört zur Diözese Sejm). —' Die Kompanie schippt Dreck, wie alle Tage.
10. April. Gestern sah ich viele Leute, besonders Frauen, im Sonnta-'-Naat zum Etappenkommandanten hon. Auf mein Befragen wurde mir erklärt, daß fie dort ein Schriftstück erhielten, welches ihr noch übriges Vieh vor der Beschlagnahme bewahre. In der Nacht heftiger Geschützdonner von der Front. Am Tage wieder Arbeitsdienst, wie bisher. Gegen Abend wird ’ier Befehl zum Abrücken für morgen bekannt gegeben. Wir sollen über Wilkowischki nach Schumsk marschieren, einem Ort nordöstlich von Mariampol, und mir werde- dort wieder Schützengräben beziehen.
(Fortsetzung folgt.)
Oetkers
Marmeladen
ab Geburtsteqsgeschenk besonders geeignet
Die Politik der wirlschaftspartei.
Man schreibt uns:
Unter obiger Ueberschrist berichtete die „Köln. Zeitung" (Nr. 923) über die in Berlin abgehastene Sitzung des Reichsausschusses der Wirtschafts- Partei des deutschen Mittelstandes und ließ hierbei den Parieivorfitzenden, Reichstaqs- abgeordneten Drewiz, unter anderem folgendes erklären: „Die Mechnachtsbeihilfe für die Beamten lehne die Wrrtschaftspartei ab, da das Geld für fie aus dem Mittelstand herausgepreßt werde."
Wir trauten unseren Augen nicht, als wir das lasen. Wußten wir doch, daß die Fraktion der Wirtschaftlichen Vereinigung, zu der die Wirt- schastspartei gehört, einen Antrag auf Gewährung der Weihnachtsbekhilfen für die Beamten im weite st gehendem Au smaß bereits mehrere Tage vorher unterschrieben hatte. Die Bedenken, welche die Zentrumsfraktivn veranlaßt hatten, im Interesse der höheren und höchsten Beamten selbst diesem Vorschlag ihre Zustimmung zu versagen, waren offenbar bei der Wirtschaftlichen Vereinigung nicht vorhanden gewesen. Wie konnte Herr Drewiz — die Richtigkeit obiger Meldung vorausgesetzt — seine Zuhörer in dieser Form bewußt in die Irre Mr en?
Wahrscheinlich ist dem Parteivorsitzenden aus den eigenen Reihen heraus alsbald der Kopf gewaschen worden; denn in einem weiteren Berichte über die am 12. ds, Mts. fortgesetzte Tagung der Wirtschaftspartei lesen wir in Nr. 924 der „Köln. Zeitung" folgendes:
„Der Reichsausschuß der Wirtschaftspartei hält die Weihnachtsbeihilfen nicht für glücklich und verlangt eine grundlegende Aenderung der Befoldungsordnung, die den berechtigten Wünschen der Beamtenschaft Rechnung trägt.' Damit jedoch einem vom Reichsparteiausschuß zur Zeit als schwer angesehenem Notstände abgehol'en werden kann, bittet er die Fraktion, sich für die nach Zeitungsnachrichten bereits von dem Reichs- und preußischen Finanzminifter zugesagte Weihnachtsbeihilse im Rahmen der Deckungsmöglichkeit einzusetzen." lieber Nacht war es also anders, geworden. Daß Herr Drewitz und die Seinen inzwischen die lieber» zeugung gewonnen haben können, daß das Geld für die Beamtenbeihilfen nicht „aus dem Mittelstand herausgepreßt werde" erscheint recht unwahrscheinlich. So etwas nennt man, wie die „Kölmschc. Zeitung" ihre zweste Meldung treffend überschreibt. ,Die Wahltaktik der Wirtschaftspartei'.
von den Hochschulen.
— Eine „Soziale Bereinigung“ ber Marburger Stu benlenfchast. Von Seiten ber Marburger Studentenschaft ist jetzt eine „Soziale Vereinigung" gegründet worden. Der Vorsitzende führte in der Gründungsver- fammlung u. a. aus, daß es für den Studenten "erfor- derlich sei, sich mit den wirtschaftlichen und sozialen Problemen unserer Tage auseinanderzusetzen. Einzelne Dozenten werden sich intensiv für diesen neuen Zweig studentischer Tätigkeit einsetzen.
Wissenschaft und Forschung.
— von ber brutschen Forschungsexpebition nach Süb- amerika. Die deutsche Expedition, die unter Führung von Krieg, Lindner und Kiefer den Gran Chao durchforscht, traf wohlbehalten in Buenos Aires ein. Die Expedition erreichte ihre wissenschaftlichen Ziele und bringt reiche Ausbeute beim. Sie tritt am 18. Dezember die Rückreise nach Hamburg an.