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Sulöaer Zeitung

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Das war in der guten alten preußischen Stadt Aus dern Bahnhofsgebäude heraustretend,

Fragen, wie sie jetzt gelöst werden müssen, etwa gerade die von Reich und Ländern, können nur aus einer geschichtlichen Schau begriffen werden, die eine ungewöhnliche Bildung voraussetzt. Es geht hier wirklich nicht bloß um Finanzen, Eisenbahnen, Militär, sondern um das Wesen des deutschen Vol­kes und die diesem Wesen entsprechende Staatssorm. Dabei soll man auch wieder die Rolle der Geschichte nicht übertreiben, denn sie hindert auch leicht dos Verständnis für neu Gewordenes. Eine Industrie, wie wir sie jetzt haben, Arbeiter- und Bauernver­bände, die über das ganze Reich gehen und so vie­les, vieles andere, was in dem alten Ständehaus nicht Platz hatte, will lebendig einbezogen werden, und nichts anderes ist F ö r d e r a l i s m u s , als eine sinngemäße Einbeziehung der in der Gegen­wart lebenden Kräfte in das Ganze des Staates.

Daß der politische Himmel im November klarer geworden wäre, kann man nicht sagen. Man muß vielinehr von einer reinen Selbstmordstimmung sprechen, wie sie denn an nebligen Herbsttagen so manchen Menschen beschleicht. Verweilen wir nicht dabei und horchen wir lieber auf die freundlichen Glöcklein, die schon aus märchenhaft winterlicher Gegend klingen, da, wo Sankt Nikolaus wohnt und das Chriftkindlein. Ich glaube, er zieht eben den Esel aus dem Stall und redet dem Knechte Ruprecht wacker zu. Der möchte nm liebsten Ruten schneiden und einmal richtig die Welt verpriigeln, meint er doch, eher würde es nicht besser werden Aber St. Nikolaus hält es doch mit den vergoldeten Nüssen und mit den Worten der Liebe und streichelt immer wieder seinen Bart, damit er recht väter­lich schön herabhänge. Vor den Fenstern der Kauf­leute sieht man schon die Kinder sich sammeln, denn es steht allerhand darin, was für einen Wunschzettel wohl geeignet wäre. Namentlich, wenn die Abend- belcuchtung alles magisch verklärt, dann sieht es beinahe aus, als hätte das Fest schon begonnen. Freilich liegt zwischen all den schönen Dingen und den kindlichen Augen der Neugierigen immer ein merkwürdiges Hindernis. Es ist die kalte, harte Scheibe, die nicht warm wird von den Lichtern drinnen und auch nicht warm wird von der Sehn­sucht draußen. Diese harte, egoistische Scheibe, die nur ihren Kram bewacht und wohl beisammen hält. Diese heuchlerische Scheibe, die alles anpreist und aufglitzern läßt, aber doch niemals auch nur ein Stücklein herausgibt. Ständen solche Scheiben nur vor den Schaufenstern, dann ginge es noch. Aber sie stehen auch um die Herzen mancher Menschen herum, und darum sind diese Menschen so kalt und verschlossen.

Der November ist ein stiller, ernster Monat,den man lieb hat, wie man zu Zeiten wohl die eigene Schwermut lieben kann. Aber man hält es nicht lange dabei aus. Dieses ewige Grau des feuchten Nebels, bas allen Häusern, wenn man einmal die Poesie davon läßt, etwas Langweiliges und Schmu­tziges gibt, das ist doch nicht die rechte menschliche Augenweide, und Raben und Krähen, das gibt doch nicht die richtige Musik. Wenn aber am ersten Adventssonntag das Rorate coeli wieder aus der Tiefe des Gewölbes hervordringt und schmerz­lich und sehnsuchtsvoll nach der Sonne ruft, wie einst die Jahrtausende nach dieser Sonne gerufen haben, dann ist es, als regten Farbe und Schön­heit irgendwo ihre himmlischen Flügel. Die Tore des neuen Jahres der Kirche fliegen weit auf, und neu erscheint das alte Reich des immer Kommenden.

Der Mann im Monde.

fentlich erfüllt auch der imitierte Seal denselben Zweck, denn gerade die Frauen, die am fleißigsten sind, können sich meistens nur enen Seal-Kanin- oder einen Seal-Electric-Mantel leisten — und wie. viele können auch das nicht einmal. . .

Grete Nobel-Berlin.

zum Weihnachtsgeschäft. Da ist es besonders der Pelzhandel, der sich zum Feste außer der großen Kälte auch große, gefüllte Geldbeutel für die Kund­schaft wünscht. Ist doch der größte Wunsch fast einer jeden Frau: ein Pelzmantel!

Schon im Mittelalter hatte der Pelz eine große Bedeutung. Daniols wurde er „Kürsch" genannt, woraus sich das Wort „Kürschner" für den Pelzver­arbeiter gebildet hat. Aus den Pelzen schnitt man Wappen und und nagelte sie auf den Schild der Ritter. Ueberhaupt galt und gilt stets der Pelz als besondes vornehm und als Zeichen von Reich­tum und Wohlhabenheit. Im 11. Jahrhundert schrieb Adam von Bremen: „Wir streben nach einem kostbaren Marderkleid wie nach der höchsten Sc'ig- fcit." Man trug die Bälge der Zieselsmaus, Veh- bauch genannt, die Felle des grauen Eichhörnchens, Grauwerk geheißen, schätzte am höchsten Zobel, Biber und Hermelin, welch letzterer verbunden mit Purpurseide Kaiser und Könige Jahrhunderte hin­durch als Ausdruck höchster Wurde und Schmuckes trugen. Schon damals verstand man sich auf das Zusammenletzen verschiedener Pelzsorten zu „Pelz- inosast" Man trieb großen Luxus mit Pelzen und die höfische Chronik des französischen Mittelalters berichtet voller Entrüstung, daß Philipp der Kühne von Burgund im Jahre 1340 in drei Mäntel von Brabanter Tuch 1000 Felle des grauen Eichhörn­chens und 1200 Vehbäuche verarbeiten ließ . . .

Auch heute noch sind Veh und Hermelin in ho­her Mode: desgleichen Hamster, Chinchilla, Dachs, Biber, Bisam, Seehund, Persianer, Breitschwonz, Opossum und Gazelle. Der größten Verbreitung aber erfreut sich wohl Seal, das sich daher auch in den manigfaltigsten Verarbeitungen findet. Auch der Seal hat gleich anderen Pelzen seine Bedeutung und gilt als Schicksalsvermittler: Veh lockt den Mann, Hemelin stärkt den Stolz, Hamster bezeich- r.et die Sparsamkeit, Persianer regt die Männer zur Ehe art und Seal unterstreicht den Fleiß der Frau! Also, wer unermüdlich arbeiten will, der hülle sich in einen Sealmantel oder -Jacke! Hof-

Mannes. Glücklicherweise hatte er noch keine Pil­len

Spezialität: TKeifte dauofeie chßmkeinj fuc turnen-, fymn-imb Kinde eingerichtet mitten----a~1

ÄrerkMnt tadellose

M 281.

Sonntag, 5. Dezember 1926.

schwand dann in einer Seitengasse, zur großen Er­leichterung des Beschnüffelten. Ein anderer be­suchte ein Cafe und konnte sich auf allen Stühlen breit machen, denn die Gäste nahmen bei feinem Kommen sofort Reißaus. Ein dritter wählte den besten Teil, er lief in einen Fleischerladen und räumte hier gründlich aus, während ein anderer sich in ein Schlafzimmer im zweiten Stockwerk ver­irrte und das schlafende Ehepaar zur plötzlichen Unterbreck»>.T<g des Schlummers und Flucht'durch das fünfter veranlaßte.

Reise und Wanderung.

— Wiens Zreinde"verkehr. In den ersten in Mo naten 1926 find doppelt soviel Amerikaner nackt Miet gekommen a'6 im ganzen Jahre 1912 Dte Gesamtzah der in den ersten zehn Monaten dieles Jahres in Wier gemeldeten Fremden ist 459 073, wovon rund 66 Proz auf Ausländer der Rest auf Fremde aus den BundeS- ländern entfallen. Aus Deutschland sind in den erste» zehn Monaten diese? Jahres J23 Prozent mehr Fremd« als im ganzen Vorjahre nach Wien gekommen.

Technik und verkehr.

— Magnesium al» zingzeng-vaumateriat Vor de' Royal Aeronautieal Society in London stellte W. R D. JoneS in einem Vortrag in Aussicht, daß bald dal Magnesium dem Siamiaium nicht nur der Qualität sondern auch dein Preise nach wirksame Konkurrenz alt Fluozeug-Baumaterial machen werde. Der Preis fe1 zwar noch beträchtlich, verfolge aber fallende Tendenz die durch stärkere Verwendung beschleunig werde» könne. Die Verwendung magnesiumhaltioer Verbin« düngen durch dte deutsche Fluazeuniadustrie, auch burd die Zeppelinwerke, hat in England bereits anregen) gewirkt.

3. Blatt.

Druck der Fuldaer AcNendruckerei, Fulda

so Mode gewordenen ungarischen Zigeunerkapellen: hier fühlt sich der Berliner!

Dieser Verschiebung des Schwerpunktes des Ber­liner Pergnügungswesens nach dem Westen der Stadt, sucht nun aber die Ctiy zu begegnen. So entstanden auch im Innern der Stadt, in der Fried- richsstadt fabelhafte Nett- und Umbauten, die nicht weniger groß, schön und elegant sind: die gleicher­weise das Publikum locken und jedem verwöhnten Geschmack gerecht werden. Da ist vor allem das vor dem Kriege auf dem ganzen Kontingent be­rühmt gewesene, und dann die Kriegs- und Nach­kriegszeit über geschloffen gewesene „Palais de danse". Nunmehr ist es mit dem „Pavillon Mas- cr.tte" zufammenaefchlolfen morden und erhebt den Anspruch, die fdjönfte Tanzstätte Europas zu sein! Außerordentliche Geldsummen, vor allein auslän­disches Kapital sind in diese Unternehmen gesteckt worden, so daß in der Tat jeder Luxus, jede Laune, gepaart mit gutem Geschmack und Eleganz zusam­menwirken, um dem internationalen tanzlustigem Publikum den Aufenthalt im „Palais be danse" zu einem Erleben zu gestalten. —

Man nennt Berlin eine fleißige Stadt. So kommt es, daß der Berliner erst spät abends Zeit für fein Vergnügen findet Selten fängt ein Ball oder eine Festlichkeit vor 10 Uhr abends an Und gar der Betrieb in den großen Lokalen beginnt erst in den letzten Abendstunden, um sich dann, dank der verlängerten Polizeistunde bis in den Morgen hinzu­ziehen? So muß man Berlin halt auch eine „späte Stadt" nennen.

3ft nun, wird man fragen, die Hoffnung auf Füllung all tiefer neuen Gaststätten berechtigt?? Jedenfalls werden Samstags und Sonntags' die Lokale, vor ollem die Tanzstätten derart „gestürmt", daß die Besitzer zeitweilig die Türen schließen müs­sen Jeder Unternehmer erzählt, wie in Berlin so- fort öas Ansteigen der Wirtschaftskurve, Borsenhausse oder -baisse auffallend zu fpüren ist

Besonderen Vorteil hofft dieses Jahr die Ge­schäftswelt von der Besserung des Wirtschaftslebens

Zweiter fldoentsfonntag.

„Was seid ihr hinauSgeganzen zu sehe» '• 15’0.

O ja, es ist ein Leichtes, in der Leute Mäuler 311 komme». Man braucht nur, wie weiland der Heide Alkibiades seinem vielumwunderten Rassehunde den Schwanz abzuschneiden. So billig tute die Menge

Dagegen ist es immer sehr schwer gewesen, der Menschen Sinne zu fesseln, wenn es sich um e r n ft e Dinge handelte. Umso größer steht Johannes der Düstenprediger da. Aber dennoch, es war wohl auch dabei dem Heilande nicht ganz sicher, daß alle dumme Neugier und jedes Bedürfnis nach Kitze! gefehlt hätte. Jedenfalls sehen die Worte, die er über Johannes fügt, ganz wie eine Warnung aus: Vertut euch nicht. Das ist keiner von denen, die heute so herum und morgen anders herum tanzen, damit ihr eine Abwechslung hättet, ist keiner, der alle Tage neue Moden aufbringt, daß immer etwas zu gaffen fei. Dieser da ist ein Großer, hinter dem ein ganz Großer steht. Nehrnts nicht nach eurer Gewohnheit wie eine Kirmes. Machet das Heilige nicht zur Sensation!

Wie gut können mir die Warnung auch heute noch gebrauchen. Ist unsere Zeit nicht auf dein besten Wege, das Weihnachtsfest zu einer Art Win­terkirmes zu machen? Wo läßt man etwa den Ernst des Festes noch gelten, so gelten, daß auch der Sldvent unter diesem Ernste stünde? Ein che- sinnlicher Christ sieht da eine Aufgabe, die er zu­nächst erst einmal bei sich selber anzufassen hätte.

I 0 d 0 k u s.

Berliner Brief.

Cie vielen neuen Lokale. — Der Pelzlux,is. — veh ober hermeiin?

ybetei und dxem'Reiniqungsa.'tstait

^Eduard JJnaenlhol

— Teilzahlungen gestattet. —

»iiHiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiniiiiiiiiiniiiiflniiiHiHiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiniiiiiiiiiiii'

* Radio als Lebensretter. Ein Bürger Lon­dons, der sich gelegentlich eines kurzen Aufent­haltes in Birmingham eine Schachtel feiner Mei­nung nach unschädlicher Pillen hatte anfertigen las­sen, hat sein Leben dem Radio zu danken. Der Apotheker hatte die bei Herstellung der Pillen zu verwendende Dosis eines scharfen Giftes, wie er nachträglich feststellte, zu stark genommen, er hatte auf dem Rezepte die vor der Ziffer stehende Null übersehen. Da der Mann alsbald nach London zurückgekehrt war, konnte er ihn nicht mehr benach­richtigen und warnen. Er wandte sich darum an eine Gesellschaft für Radiosendungen, der mehr als eine Million Menschen, darunter (zufällig) auch der Mann, der die Pillen erhalten hatte, ange­schlossen sind. Der Bericht wurde drahtlos weiter­gegeben, und kam so zur Kenntnis des bedrohten

Deutschlands Versorgung mit slcrzten

Auf je 10000 Einwohner Deutschlands kommen Aerzts in: Ostpreußen 5,07, Grenzmari Posen-Westpreußen 4,48, Brandenburg 5,74, Groß- Berlin 13,73, Pommern 5,56, Niederschlesien 6,43 Oberschlesien 4,04, Sachsen 5,71, Schleswig-Holstei» 7,23, Hannover 5,80. Westfalen 5,45, Hessen- Nassau 9,36, Rheinprovinz 6,95, Hohenzoller» 4,46, Preußen 7,00, Bayern 7,52, Sachsen 6,31 Württemberg 6,35, Baden 8,59, Thüringen 6,24 Hessen 7,86, Beide Mecklenburg 7,10, Oldenbur, 5,04, Braunschweig 7,65, Anhalt 6,09, Beide Lipp- 6,14, Waldeck 9,33, Hamburg 10,76. Bremen 10,30 Lübeck 10,86, Saargebiet 4,70. Die Gesamt­zahl der deutschen Aerzte beträgt 44 715. das er gibt auf je 1400 Einwohner einen Arzt! Im deut scheu Staatsdienst sind insgesamt 1675 Aerzte be ichäftigt. Die Zahl der leitenden Aerzte an Kran­kenhäusern beträgt 1404, die Zahl derAssistenten uni Volontäre 4500. In 9000 Krankenhäusern uni Heilanstalten stehen 830000 Betten zur Ver fügung! ______________________

suche ich als dort wildfremder Mensch irgend einen Halt und eine Auskunft. Richtig, da grüßt ja eine Pickelhaube, darunter ein Korporalgesicht aus der Zeit des alten Dessauer, und eine Figur, eingehüllt in das etwas schäbige Blau des militärifch-polizei- lichen Alltags. Ich wage mich nach einigem Zögern bis unter das Auge des Gestrengen und frage knie- schlotternd: „Wißen Sie am Ende hier Bescheid?" „Was?" gab er zurück, „ich soll nicht Bescheid wis­sen? Das fehlte nun gerade noch. Wir sind doch die Polizei! .... Er ivußte tatsächlich gut Bescheid und ging in meiner Phantasie, als ich ihn längst verlassen hatte, noch wie ein gepanzerter Schutz­engel neben mir her. Was mir so gefiel an ihm, das war die selbstverständliche Volksweisheit, daß jemand, der ein Amt innehat, auch in der betref­fenden Sache Bescheid wissen müsse. Wenn doch, so dachte ich mir, alle Stellen in Deutschland mit so sachverständigen Leuten besetzt wären, wie jener Blaue in der alten, guten preußischen Stadt einer mar. Aber schau einmal um. Wie entwickelt sich in der menschlichen Gesellschaft, ehe man sichs ver­sieht, immer wieder die Vetternwirtschaft. Man kommt in ein Amt, weil man den Reffortchef zum Onkel hat, weil man von einer Cousine, die gestern mit der Tante des Direktors beim Kaffee­kränzchen war, empfohlen wurde. Das Ganze wäre harmlos, und ein gut Stück Vetternwirtschaft ist beinahe unlöslich und geradezu tragisch mit unseren Verhältnissen verbunden. Aber zuviel ist doch zuviel. Man vergesse nicht, daß wir in Deutschland trotz aller Fortschritte noch nicht am Ziele sind. Gerade in diesem Augenblick muß überall der r e ch te Mann an die rechte Stelle, und der rechte Manü ist immer der Sachverständige und nicht der beste Vetter.

Viel wird noch immer geschrieben über die Er­gebnisse der letzten britischen Reichskonferenz, die uns jedenfalls eines gezeigt hat, was wir auf uns anwenden dürfen. Bon vorne herein wurde an die Spitze aller Erwägungen der eine gemeinsame Pro­grammpunkt gestellt: Die Einheit des briti­schen Weltreiches über alles. Das könnte für jeden Deutschen heute die rechte Losung sein, wo der Ausgleich zwischen Reich und Ländern vor uns steht. Nachdem wir die Reichseinheit glücklich durch den Krieg gebracht, wäre es doch schade darum, wenn sie irgendwie wieder lockerer werden sollte. Dann würde deutsche Zwietracht zerstören, was zu zer­stören der ganzen Welt nicht möglich gewesen ist.

Es ist für diese und viele andere Fragen höchst bezeichnend, was wir vor kurzem in den Ausein­andersetzungen über das Schmutz- und Schundgefetz erleben mußten. Im Grunde war sich das ganze Volk darüber einig, daß irgend etwas geschehen müsse. Aber bei der Ausführung ergab sich dann ein verhängnisvoller Zwiespalt. Man konnte zwei Lager unterscheiden. In dem einen sehen wir die Parteien und in dem anderen, sagen wir einmal Menschen des reinen Dildungsstand- punktes. Man hat nicht den Eickdruck, als ob die Vertreter des Geistes und die Führer der Politik sich geaenseitig befragten, verständigten und förder­ten. Im Gegenteil, zahllose Gebildete sehen nur verächtlich auf das politische (Betriebe herunter, halten die dort Beschäftigten für Tagediebe, Ge­schäftemacher und ziemlich unnützes Volk, während umgekehrt die Politiker nur selten daran denken, sich bei den Männern des Geistes Rat zu erholen. Wie notwendig wäre es, daß beide Seiten beim Wiederaufbau Deutschlands zur Geltung kämen.

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Der Schöpfer der Belga»

Gelegentlich des Rücktritts des belgischen Fi­nanzministers Francqui, des Reorganisators der belgischen Währung, bringen die Brüsseler Zeitun­gen Einzelheiten aus dem Leben dieses Mannes, der im politischen und wirtschaftlichen Leben Bel­giens seit langem eine bedeutende Rolle spielte. Leopold der Zweite, der mit seltener Menschen­kenntnis begabte Fürst, wurde zuerst auf Francqui aufmerksam. Als der Monarch die ersten Weg­bereiter für den Kongostaat suchte, wies ihn jemand darauf hin, das Francqui möglicherweise nach Afrika gehen würde. Leopold der Zweite ließ ihn rufen und besprach mit ihm seine kolonialen Pläne. „Wollen Sie nach dein Kongo gehen?" fragte ihn zuletzt der Fürst, der in einftüntrigem Gespräch den Eindruck erhalten hatte, daß Francqui Energie be- sitze. „Ja, Sire," ivar die Antwort. „Wann kön­nen Sie abreifen?" fragte der König. „Morgen", war Francquis Entgegnung. Und der Mann, der später während der deutschen Besetzung Belgiens Präsident des National-Komitees werden sollte, um endlich als Finanzminister Belgiens zerrüttete Nach, kriegsfinanzen in Ordnung zu bringen, reifte vier­zehn Tage nach jener Unterredung mit dem König nach dem Kongostaat ab, um dessen Finanzen und Wirtschaft auf eine gesunde Basis stellen zu Helsen

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genommen.

Abenteuer mit Löwen. Bor kurzem entspran­gen einem Wanderzirkus in Valenciennes acht Löwen und versetzten das ganze Städtchen in Auf. regung. Einer der Löwen gesellte sich auf die Straße zu einem Fußgänger, beroch ihn und ver-

tDie w'rd das Wetter?

Das nordwestliche Tiefdruckgebiet ist rasch bis zur Nordsee vorgedrungen, sodaß der Einfluß seiner Aus­läufer sich auch auf unser Gebiet erstreckt. Die westliche Windsträinung wird auch weiterhin anhalten, sodaß in der nächsten Zeit mit sehr unbeständiger und regnerischer Witterung zu rechnen ist.

Aussichten für Sonntag: Fortdauer der unbeständi­gen, zu Niederschlägen neigenden Witterung, bei west- l'chen Winden. Temperaturen wenig geändert.

neuen Kinopalast „Capitol"), das „Palais am der Neubau des Weinhauses „Kempinski", ^E?teubau der „Tonndorf-Diele", der Erweite-

>bau des lururiösen „Edenhotels", (von dessen deckten, Wintergarten im sechsten Stock, zum nhrtee von der voinehmen Welt besonders ge- ein herrlicher Blick auf die feenhaft crlench- btraßenzüge gegeben ist), die neuen Restau- e-Patrizier" und „Burgkeller", das Tanzpalais und „Rialto" ufw. All das find Unter- ^»7üngen, deren Bau und Einrichtung viele Hun- ieft.n°Ura Mark verschlungen haben. Im gewähl-

। Geschmack ausgebaut, mit bemalten Seiden- rj» wundervollen Möbeln und Sp'tzengardi- raffinierten Beleuchtungskörpern u. schwe-

^ppichen geschmückt, echtes Porzellan, Kristall, c u.rtb duftende Blumen auf den Tischen, dazu

rt9en oder schwermütigen Weisen der jetzt 1

M Bersi/, geht wieder cur Flink hat sich Gast- Wirtsgrwerbe und Berg'-.wungsindt,brr ver« enterten Vage angepaßt Viele Million Mark sind m der letzten Zeit für Neugrimdungeu, Vergröße- tungen und Umbauten von Kaffees, Bierhausern, Svcink'tafen. Tanzstätter., Bars und Kinos auf.’.e» Tenhet worden. Abgesehen von dem neuen Sjod)» *)ang gegenüber dem Anhalter Bahnhof, ‘ Waus", in dem, außer dem 800 Per

»n. „Münchener Hofbräu" bereits zwei andere ^«ailstäften aufgetan find und nun gar noch ein

*®|ino im ersten Stock und ein Kasseehausunter- "eymen mit 2500 Sitzplätzen in Kürze eröffnet

— ist es vor allem der Westen, die Gegend »unbegrenzten Möglichkeiten", der die Optimi-

£.n unter den Gastwirten zu immer neuen Plänen H|- Hier ist es der bekannte Kurfürsten dämm, ^Mdem sozusagen über Nacht neue Lokale entftan«

imd: Das große „Cafe am Zoo" (in dem eben-

Rund um die Woche.

Dec Blaue. — Vetternwirtschaft — Die deutsche Einheit über alles. — Föderalismus — St. Nikolaus. — Rorate coeli

Eine fürstliche Erbschaft.

; Als im Jahre 1829 der Fürst Garazoli du Bo- reno in Neapel starb, erhoben außer dem ein­zigen Neffen noch weitere 500 mehr oder weniger weit verwandte Mitglieder der Familie Ansprüche auf die fünf Millionen Lire betragende Erbschaft. Sie sollten ihrer nicht froh werden, denn der Pro­zeß dauerte fast hundert Jahre, ging erst Mitte 1826 zu Ende Inzwischen war der Neffe gestor­ben, die 500 Verwandten tot, aber deren Nachfah­ren hatten sich auf mehr als 700 vermehrt, wäh­rend die Erben des Neffen ebenfalls die Zahl 40 schon erreicht hatten. Doch auch die fürstliche Erb­schaft wußte, was sie schuldig war und vermehrte sich insgeheim auf 15 Millionen. Mehr als 20 An­wälte, die die Sache bearbeiteten, haben bereits das Zeitliche gesegnet, einer soll darüber tiefsinnig geworden sein, vier Erben, die sich gegenseitig des Betrugs bezichtigten, sind vor 20 Jahren im Duell gefallen. Nunmehr gelangte die Erbschaft zur Aus­zahlung. Von den 15 Millionen (die heute nur mehr 2,5 Millionen Mark wert sind) erhielt die Partei des Neffen die Hälfte, während der Nest unter die 700 Nachkommen der anderen Erben geteilt wurde. Vorher aber hatten sich die 50 Anwälte und deren Nachkommen einen erheblichen Teil ihrer Bemühun­gen abgezogen. So haben also Hunderte von Men­schen viele Jahrzehnte gekämpft, damit am Ende die Erben der Erben auch nicht mehr viel bekamen. Denn was die einzelnen Glücklichen wirklich erhiel­ten, mußten sie fast bis auf den letzten Pfennig an den italienischen Staat als Prozeßgebühren abfüh­ren.