Sonntag, 28. November 1926.
Sulöaer Zeitung
2. Blatt.
Druck der Fuldaer AcNendruckerei, Fulda
Kdvenl.
Das Kirchenjahr beginnt mit dem Advent, das heißt Ankunft. Wie das erste Hauptfest der Christenheit, das Oktoberfest, mit einer Vorbereitungszeit sinzeleitet wurde, so legte man auch vor das Weihnachtsfest, das im 4. Jahrhundert entstand, eine Vorfeier. Der Advent zeichnet also den Eingang des Weihnachtsfestes. Darum bildete er auch eine Fastenzeit, wenn auch das Fasten kein strenges Gesetz war, aber Bußgeist und Abtötung sollten uns ihm in den Herzen der Gläubigen Platz nehmen.
Rein geschichtlich betrachtet war diese Bußzeit von längerer oder kürzerer Dauer. Die griechische Kirche begann sie am 14. November, also 6 Wochen lang. Sn TaUien Hub sie mit dem Martinstage an und war eine Zeit strengen Fastens. Eine Erinnerung daran ist heute noch die Martinsgans, die wie Fastnacht vor der Fastenzeit noch einmal den Menschen in Lebenslust lassen soll. Man hatte für die Dauer der Adventszeit vier Wochen festgesetzt, ein Gebrauch, der nach und nach auf die ganze abendländische Kirche überging. Der Advent will also eine Zeit der Abtötung und Buße sein. Der andere Gedanke, der oft fast ausschließlich betont wird, als wäre er ein Abbild der 4000 Jahre vor Christus, in der die Menschheit sehnsuchtsvoll ausschaute nach dem Erlöser, hat in der Liturgie keine Stütze, er ist sinnig und geistvoll, aber tm Rahmen des Kirchenjahres ist er nicht gerechtfertigt. Zudem beginnt ja auch die Lesung des Breviers nicht mit der Genesis, der Erschaffung der Welt, was doch wohl geschehen mußte, wenn der Advent die Zeit vor Christus andeuten sollte, sondern mit dem Propheten Jsaias, der die Züchtigung und Verbannung des untreuen Israel voraussagt, aber auch die Herzen wunderbar tröstet, da er die freudige Heimkehr und das zukünftige glorreiche messianische Reich schildert.
Der Adoenr will die Vorbereitung sein auf hit leiblich-, Ankunft des Gotteskindes und im Auf» emr oes Kirchenjahres vorwärts schauen auf den Tag des glorreichen Abschlusses des Reiches Christi auf Erden mit der Vollendung dieses Reiches der i Gnade im Reiche der Glorie. Dann wird die Menschheit aufjubeln können in endlose Preise Mattes. Je in der leiblichen Ankunft Christi muß »ieser Jubel schon beginnen, denn die Menschheit kft befreit von dem Joch der Sünde, die auf ihr lastete. Gott selber, der seinen Sohn in der Gleich- peit des Fleisches der Sünde sandte, hat die Sünde Mn Fleische verdammt (Röm. 7, 23 ff.) Diesen Jubel wollen die Adventstage vorbereiten. Die Evan- gelienperikopen weisen hin auf die leibliche Ankunft Jesu aus Maria der Jungfrau, auf die Ankunft des öffentlichen Auftretens Jesu als Messias, auf seine Ankunft zum letzten Gericht und deuten damit sinnig das ganze Erlösungswerk an.
Ziel und Ende des menschlichen Lebens und Strebens ist vorgezeichnet; durch Betrachtung dieses Zieles will er Bußgeist wecken. Aber der Mensch fühlt seine Ohnmacht, kennt das Gesetz der Sünde in seinen Gliedern, da kommt ihm die verheißungsvolle, beglückende Hilfe von oben. Der Täufer und Vorläufer Jesu zeigt mit weisendem Finger hin auf den nahen Erlöser, dieser wird als das Lamm Gottes die Sünde der Welt hinwegnehmen. Erwartungsvolle Sehnsucht durchzittert da den sündigen Menschen und tiefer Dank schlummert schon im Herzen, weil der Erlöser erscheinen will, das Herz ist bereit, ihn aufzunehmen. Darum bilden die vier Sonntage des Advents diese Entwicklung der Adventsstimmung: hilfesuchendes Verlangen, herrschende Sehnsucht, zuversichtliches Bitten, harrendes Erwarten, das in der Vigil vor Weihnachten sich verströmt in dem demütigen Gebet: Komm Herr, ich bin bereit.
Der Ausblick auf den Endgerichtstag bildet auch im Brevier den Untergrund der Adventsfeier, darum hier der Gebetsruf des Priesters: „Den König, den Herrn, der da kommen will, lasset uns anbeten!" Denn bei der Geburt im Stalle von Bethlehem bemerken wir doch recht wenig von einem Mrsten und König, hier ist bloß Armut und Entbehrung. Der Hymnus des Landes weist sie auf den 2. Aufgang des Gestirns, der die Welt mit Entsetzen erfüllt, in der Vesper wird er als der große Weltenrichter vorgeführt. Gerade im Hinblick auf das letzte Gericht muß die Menschheit auf- schauen nach einem starken Helfer. Wenn ihn do alle Not umfängt ob des Bestehens vor dem allwissenden Auge Gottes, wenn Kleinmut und Angst sein Herz urnfahn, dann sieht er auf Weihnachten das Kind, das in Gehorsam zu seinem himmlischen
Rund um die Woche.
Ein unheimliches Gespräch. — Die verschleierte Erde. — Ein Kardinal über den Film. — Ein Kaufmann ahne Konkurrenz. — Der Kinderwagen der Zukunft.
Noch immer stehe ich unter dem Eindruck eines unheimlichen Gespräches. Es war mit einem Naturforscher, aber mit einem von der Art, wie Novalis und Franz von Baader es gewesen sind. Solche Forscher sehen nämlich nicht nur das Sichtbare, sondern im Sichtbaren auch das Unsichtbare. Dieser war so ein bißchen Goldmacher, Alchimist, Astrologe und Mystiker, und ich muß gestehen, vielleicht sogar ein bißen verrückt, wenn auch das Verrückte wieder so war, daß es gescheiter klang als mancherlei strenge Wissenschaft. Er sieht schon längst nicht mehr Stuhl und Bänke, sondern immer nur Raum in Raum. Wir gingen aus von den milden Wintern, die in der Tat ausfallend sind, und andererseits auch von der bekannten Welteislehre (ich sage bekannten), weil zweifellos kaum einer meiner Leser sie kennt, aber das ist bekanntlich heute die Bedeutung des Wortes bekannt). Er erzählte mir dann allerlei wunderbare Tatsachen, die mir manchmal sogar wunderlich schienen. Vor seinem Seherblick lagen die in unserem Jahrhundert der Erdbeben furchtbar rauchenden Riefenschlote der Erde, nämlich die Vulkane. Fortgesetzt steigen aus ihren brodelnden Tiefen ungeheure Staubmassen, die, von mehreren Tausend Grad Hitze hinaufgetrieben, in die fernsten Höhen der uns umgebenden Luftschicht gelangen. Dort sammeln sie sich und bilden mehr und mehr einen Staubschleier, den die irdische Riefenjungfrau offenbar in der Absicht um sich legt, um die Verbrechen, die heute auf -hr geschehen, den übrigen Sternen zu verhüllen. Dieser Staubschleier hemmt natürlich die Strahlen der Sonne, und ich fragte erschreckt: „O, da kommt ja wieder die Eiszeit", und ich bat schon im Stillen die große Natur, mir doch rechtzeitig einen soliden Eisbärpelz wachsen zu lassen, und ich dachte über« dem zu meinem Tröste, wie zweifellos alle Anforderungen an die Mode unserer Frauen sofort erfüllt würden, wenn einmal wieder eine Eiszeit über sie hereinbräche, die ja heutzutage beinahe im Sommer noch frieren. Aber mein Naturforscher beruhigte mich schnell. Er sagte nämlich, daß die Strahlung der Erde selbst durch diesen Staubschleier zurück- geworfen werde, und daß infolge dessen die Unmenge Wärme, die unsere mütterlidie Erde in ihrem Busen trägt, dadurch auf das Beste zusammengehalten wurde. So werde es denn noch viel wärmer werden, so daß man selbst für den Nordpol ein tropisches Klima erwarten dürfe. Außerdem würden diese starken Erdstrahlen, zu denen er auch die Radiostrahlen rechnet, die Gesundheit der Menschen sehr günstig beeinflussen, so daß wir das Durch- fchnittsalter eines Menschen mit Leichtigkeit wieder auf vier- bis fünfhundert Jahre festsetzen könnten, ein Prozeß, der übrigens schon angefangen habe, denn die meisten Todesfälle heute geschähen in den mittleren männlichen Jahren und seien mehr auf die Folgen des Krieges und der Unterernährung und dergleichen zufällige Umftänbe zurückzuführen. Was aber die Alten an betreffe, so zeige die Statistik, daß merkwürdig viele von ihnen jetzt bereits 80, 90 und 100 Jahre alt würden. Darauf muß ich eine Weile staunend schweigen und dachte mir, was das wohl würde in der Welt, wenn meine Professoren noch über 300 Jahre so weiterredeten, wie sie in meiner Jugend geredet haben, was natürlich auch für die Herren Abgeordneten gilt. Seit jener Stunde habe ich mir vorgenommen, doch ja der technischen Entwicklung der Dinge recht nahe zu bleiben, und lese nun alles auf das Sorgfäligste, was sich auf Automobil, Rundfunk, Kino, Luftschiff und Eisenbahn bezieht.
Was die Automobile betrifft, so ist in Amerika im letzten Jahre der Rekord von über 2000 Menschen erreicht worden, die durch Autos ums Leben gekommen sind Was das Kino angeht, so berichtet die Filmindustrie mit Freude einen Ausspruch des Kardinal-Erzbischofs von Paris, der den „Film für eine große und schöne Sache" hält, „er wird die mächtige Stimme sein, die zu den Menschen
Vater Menschennot und Sündenelend tragen will, dann weiß er, der Erlöser ist bereit, sich für den Sünder zu opfern. Allerdings muß er es freudig aufnehmen, denn ihm klingt entgegen: - „Allen aber die ihn aufnehmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden", Liebe, Ehrfurcht und Gehorsam muß
spricht; durch die die Welt besser werden kann. Hinzugefügt werden die Worte des bekannten katholischen Schriftstellers Pierre L'Eremite, der verschiedene seiner Romane zu sehr erfolgreicher Verfilmung hergegeben hat: „Warum befaßt sich die Kirche mit dem Film? . . . Ebenso gut könnte man fragen, warum die Kirche Telephon und flaut» sprecher benutze. In den ersten christlichen Jahrhunderten mutzte die Kirche die ewigen Wahrheiten durch das Wort verbreiten. Später machte sie sich die Buchdruckerkunst zunutze ... Die Zeitung hat anfänglich ein unverkennbares Mißtrauen bei der Kirche hervorgerufen; sie hat gezögert, sich die Preffe nutzoar zu machen und hat das in einer Zeit teuer bezahlt, in der die Presse Macht über die öffentliche Meinung hat. Diesen Fehler darf die Kirche beim Film nicht wiederholen. In einer Zeit, wo über kurz oder lang jeder sein Fernkino haben wird, wie er heute sein Radio hat, muß die Kirche sich die machtvolle Propaganda durch den Film zunutze machen." Alles hat sein Für und Wider, aber ich habe noch nie gehört, daß man schon dar- rum ein Baby ins Wasser wirst, weil vielleicht später ein Verbrecher daraus werden kann, ober gar nur darum, weil es so frühzeitig schon krumme Beine hat.
lieber die Eisenbahn müßte ich schon ausführlicher sprechen. Sie ist heute zweifellos das beneidenswerteste Geschäft auf Gottes Welt, denn welcher Kaufmann wäre wie sie ohne jegliche Konkurrenz? Man merkt auch, wie sie reich wird, hat sie doch bereits eine eigene Bank, die so stark geworden ist, daß sie gar nicht mehr daran denkt, nach der Pfeife des Herrn Dr. Schacht zu tanzen. Hier liegt ein großes Problem, was ich ober zurück- stellen will vor vielen kleineren. Ist es auch mit der Reinlichkeit besser geworden und gibt es in den D-Zügen sogar Seife und Handtuch, so sehe ich nicht em. warum man sich in einem Eilzug nicht waschen soll. Man könnte auch einige Staubsauger mehr einftellen und unter den Bänken und Röhren ein wenig damit wirken. Die Toilettenräume bei kleineren Bahnhöfen sind oft so primitiv und häßlich, daß man sich als Deutscher solcher Einrichtungen schämen muß. Jeder Beschreibung spotten die Trinkbecher, wie man sie auf mancher Station noch findet. Warum denn nicht überall schöne Sprudelanlagen, die den Becher überhaupt überflüssig machen? Irgendwo in Berlin hat man bereits damit begonnen. Ein Schreibzimmer in den großen D-Zügen wäre nicht weniger denkbar als ein Speise- oder ein Schlafwagen. Die Beleuchtung in vielen Abteilen ist soaar in manchen Fernzügen ganz unzureichend. Wieviel Zeit verliert man durch dieses schlechte flicht, und wie schädigt man seine Augen. Jener Amerikaner hat ganz Recht, der einmal die deutsche Bahn mit den amerikanischen verglich und noch ganz andere Ausstellungen machte. Ader dafür haben die Bahnen in Amerika auch Konkurrenz, die bei unterer Eisenbahn durch ein rein ethisches Ideal ersetzt werden muß. Ich will einmal auf spiritistischem Wegen den alten Philosophen Kant bitten, damit er seinen kategorischen Imperativ dieser jungen Firma zu Hilfe schicken.
Nock, ein Wörtlein über den Kinderwagen. Man hat ja schon bei uns auf manchem Zweirad vorn ein Moseskörblein angebracht und so das Kleine unter väterlichem oder mütterlichem Schutz, man kann auch sagen mit väterlichem oder mütterlichem Risiko spazieren geradelt. Eine englische Lady hat nun einen dreirädrigen Deloziped-Kinder- roagen entdeckt, und der wird sich nun wohl auch bei uns einbürgern. Auf solchem Triumph der Technik wird auch wohl die feinere Tarne es wagen, ihre Kinder selbst statt der Gouvernante zu begleiten. Die mütterliche Autorität aber wird ins Un- gemessene steigen, wenn Baby schon weih, daß Mama radeln kann.
Der Mann im Monde.
er ihm entgegenbringen. Der Advent will künden: Nur Glaube, der durch die fliehe wirksam ist, kann bas Bestehen vor dem Gerichte bewirken.
Hat der Mensch sich dann ganz und in Demut seinem Schöpfer hingegeben, dann kann er mit freudiger Zuversicht fingen: Tauet Himmel den Ge
rechten; Wolken, regnet ihn herab. Es öffne sich die Erde und sprosse den Erlöser hervor. (Graduale des 4. Adventssonntag). Das großartige Erlebnis, die Ankunft Christi im Fleische, tritt in nächste Nähe und es klingt bann die Postkummunio bes» selben Sonntag aus in bem Gebet: „Möchte doch mit ber wieberholten Feier bes Geheimnisses die Wirkung unseres Heiles sich mehren". Die Ankunftsfeier bei der Geburt des Heilandes wird bann zu einer Vorfeier ber letzten Ankunft Christi zum Gericht. ®-
Dreister Kaub in Berlin.
Ein breifter Raubüberfall erfolgte in einer Gemüse-Großhandlung in der Nähe des Alexanber- platzes. Als währenb ber Mittagszeit nur ein Angestellter im Kontor war, brangen plötzlich zwei Männer in ben Raum, debrohten ben Angestellten mit ber Pistole, setzten ihm einen Knebel in ben Mund und fesselten ihn. Darauf kamen noch zwei weitere Männer, bie alle Behältnisse durchwühlten. Den Räubern fielen 1000 Mark in bar und 800 Mark in Schecks in bie Hänbe. Die Polizei hat sofort die Verfolgung ausgenommen.
* Geständnis eines Seeräubers In H a m - m e r f e n hat ein auf dem Sterbebett liegender Mann eingestanden, daß er mit mehreren Komplizen die Mannschaft eines norwegischen Kutters auf offener See überfallen, erschlagen und ausge» raubt hat. Das Schiff wurde versenkt. Der Kutter, dessen Mannschaft aus drei Brüdern bestand, ist fei dem Frühjahr dieses Jahres verschollen.
wie wird das Wetter?
Ein über der südlichen Ostsee gelagerter Tieldruck- toirbel wird mit den bei England liegenden Druckstörungen in Verbindung treten und dabei auch vorübergehend auch unsere Witierung beeinflußen. Die Temperaturen werden dabei ;edoch nur wenig und nur vnrüvergehend anfteigen. Später ist mit erneuter Frostgefahr zu rechnen.
Aussichten für Sonntag: Zeitweise aufheiternd, meist trocken, erneute Nachtfrostgefahr.
Radio-Programm.
Sonntag, den 28. Itoo.
Frankfurt a. M. Welle 428,6 (9 kW.) Kassel. 1,5 kW) Welle 272,7. 8..30—9.30: Morgenseier unter Lei- hing von Pfarrer Taesler. 10—11: Volkslieder, gesungen vom Bund der Wandervögel und Pfadfinder. 11.15: Uebertragung der Eröffnungsfeierlichkeiten der neuen Besprechungsräume in Mannheim, Karlsruhe und Freiburg i. Br. (gemeinsam mit der Süddeutschen Rund- funkgesellschaft in Stuttgart) 12.30—1.30: Konzert des Künkelschen Doppelquarietts. 1.30—2: Elternstunde.
4—5: Die Stunde der Jugend (unter Leitung von Mit- telschulrektor K. Wehrhan): Aus dem deutschen Mär. chenborn, vorgetragen von der Märchentante — 1. Frau Holle — 2. Der gestiefelte Kater (für Kinder vom 4. Jahre ab.) 5—6: Konzert des Hausorchesters: Frankfurt- Kasseler Opernwoche. 6—7: Stunde des Rhein-Maini- schen Verbandes für Volksbildung: „Die Hugenottenbewegung in Frankreich", Votirag von Pfarrer Lic. Walläu. 7—7.30: „Die Sprache und die Dichtung",
Vortrag von Dr. Arno Schirokauer. 8—8 30: Stunde der Frankfurter Zeitung. 8.30—10.30: Konzert des
Hausorchesters. 1. Suppe: Duo. z. „Pique Dame" — 2. a) Blankenburg: „Deutschlands Ehre", Marsch für Xylophon — 3. Meißner: „Lied ohne Worte" für Piston — 4. Lincke: „Siamesische Wachtparode" — 5. Gounod: Fant. a. d. Oper „Margarethe" f. Xylophon — 6. Schmidt: „Die Teufelszunge", Polka für Piston — 7. Robrecht: Morsch-Potpourri. — 8. Lott: „Salut faoori", Mazurka f. Xylophon — 9. Dierig: „Auf der Wacht", Tongemälde für Piston — 10. Mamisred: „Der Spottvogel", parodistisches Potpurri. — 11. Knuth: „Ton- jeurs virement", Galopp für Xylophon — 12. Hoch: „Une perle de l’oean", Fant. f. Piston. Solisten: Emil Franz (Xylophon), Hugo Gläßner (Piston) Anschließend , bis 12.30: Uebertraguyg von Berlin: Tanzmusik der
Kapelle Kermbach.
Montag, 29. Jtoo.
Frankfurt a. M. Welle 428,6 (9 kW ) Kassel 1,5 kW) Welle 272,7. 3.30—4: Die Stunde der Jugend 4.30—5.45: Konzert des Hausorchesters: Neue Operetten. 5.45—6.05: Die Lesestunde (Die Novelle): „Die Marquise von O." von H. v. Kleist — Sprecher: O. W. Stubtmann. 6.15—6.45: „Die Kunst der Buschleute", Vortrag von Käthe Woldmann 6.45—7.15: Stunde des Kulturkartells der modernen Arbeiterbewegung. 7.15 bis 7.45: Englischer Sprachunterricht, erteilt von Stubien» rat Paul Olbrich. 8—815: Uebertragung von Kassel. 8.15: Sinfonie-Konzert. 1. Liszt Klavierkonzert Nr. 1 in Es-Dur — 2. Mahler: Sinfonie Nr. 4 in (B-Dur — Bedächtig — In gemächlicher Bewegung — Ruhevoll (Poco Adagio) — Sehr behaglich (Sopranfoto: „Wir genießen die himmlischen Freuden") — Musikat. Leitzing: Dr. Ludwig Rottenberg — Solisten: Elisabeth Kandt (Sopran), Theophil Demetriescu (Klavier). Anschließend: Neue Schallplatten.
Unter falscher Flagge
Roman von 3. Hohenfeld.
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Das Gesicht des Reiters war ihnen zugewandt und sie erkannten in ihm den Grafen von Lamartin.
■ Sie warteten, bis er wieder aus ihrem Gesichtskreise verschwunden war und traten erst dann aus ihrem Versteck heraus.
Giralda war leichenblaß geworden, aber sie erschien dennoch gefaßt.
„Wir müssen uns beeilen, nach dem Gasthof zu kommen", sagte Gilbert. „Sind wir erst dort, so kann er uns nichts mehr anhaben. Kommt!"
Sie kreuzten den Weg, eilten nach ber Stabt und erreichten den Gasthof.
Der Wirt war gerade im Begriff, die Tür zu schlie. feen. Er hatte bereits in Erfahrung gebracht, daß sein ®aft ein Edelmann und ein Bekannter der Familie von Thatrois sei. Sein Gasthof gehörte nämlich zum Prioat- ügentum der Komtesse und er mußte derselben Pacht Wen. Ihr Name war daher ein wohlbekannter, sowohl in der Gegend, als auch im Gasthof.
r „Diese junge Dame und der kleine junge Herr sind l~J*<tertBegs nach dem Gute der Komtesse von Chairois, £'rr Wirt," erklärte Gilbert. „Sie sind von ihr einge> Wien", sie morgen früh zu besuchen. Sie haben jedoch **** Malheur gehabt, so daß sie gezwungen wurden, ihren Weg zu Fuß fortzufetzen. Sie wünschen ein Paar inein- "ndergehende 3immer — die besten, welche Sie haben
und morgen früh um acht Uhr eine Chaise nebst Kutscher."
Ostraldas Aussehen genügte, um in ihr eine Dame nom Stande erkennen zu lassen. Der Wirt hielt sich u ~ ouch nicht mit Betrachtungen über ihre Ankunft fflifh rt w»nb 3U später Stunde auf, sondern nahm 1 Versicherung als durchaus glaubwürdig entge- " *u"9 Gilbert auch war, man konnte ihm doch
I y , daß er ein Ehrenmann sei, dessen Worten man vertrauen konnte.
< ricf ein Mädchen herbei und befahl ihr,
Dünung brächte, und bevor emg
halbe Stunde verging, lagen Giralda und Alfred im festen Schlafe.
Die furchtbare Aufregung, in ber sie sich befunden, seitdem Eugen sie aus Vernon fort und nach bem zwei- ten Gefängnis geführt hatte, wich einer völligen Abspannung. Die Natur machte ihre Rechte geltenb. Wußte Giralba sich boch jetzt beschützt vor ihrem Feinde, beffen Rachsucht sie nicht genug zu fürchten hatte. Hing boch Eugens ganze Zukunft von bem Gelingen seines Schurkenstreiches ab. Was würbe er tun, wenn er ihre Flucht entdeckte? Dieser sorgenschwere Gedanke spann sich fort in ihrem Traum und führte ihr wirre Bilder vor bie Seele. 11 i
Unb während alles im Hause im tiefsten Schlummer lag, postierte Gilbert von Beaufort sich vor Giralda» Schlafzimmer, um sie vor einem Ueberfall Graf Eugen» zu sichern, und verbrachte dort eine schlaflose Nacht, einer wachsamen Schildwache gleich nicht von der Stelle weichend und in jeder Minute bereit, Giralda vor ihrem Feinde zu schützen unb sei es selbst mit seinem eigenen Leben. '
LIV.
Eine bebcutenbc Veränderung hatte in dem Besin- den Jacques Ricards, welcher so lange seine Rolle als Diener Vernarb gespielt, stattgefunden.
Am Morgen des Tages, welcher demjenigen vorherging, an welchem Giralda aus ihrem letzten Gefängnis durch Gilbert befreit wurde, lag In dem kleinen iiin- terzimmer der Solitude auf einem sauberen Bette Jar- ques Ricard. Sein Lager war an eins der Fenster ge- rückt, so baß er hinaussehen konnte in bie mogenben Wellen bes üppig blühenden Ginsters unb auf die wei- dende Schafherde.
Das Zimmer war peinlich sauber. Die Medizinflaschen waren außer Sicht gebracht und einige spärliche Aprilblumen waren zu einem großen Bukett zusam» mengebunben unb in einer Vase am Fußenbe bes Bettes ausgestellt.
Der Arzt aus Vern cm war gerabe fortgegangen. Der Kranke hatte ihn mit seinen Blicken begleitet bis et ibn nicht mehr sehen konnte, und wälzte sich jetzt auf feinem Lager unruhig hin und her, die Augen auf das Nebenzimmer gerichtet. Er konnte Ceciles Stimme unb
ihre leichten Schritte hören, ja, er konnte sogar einen Teil ber Küche überblicken, die trotz bet vielen Mühe, welche ber Leibende seiner Pflegerin verursachte, immer in Ordnung war.
Er war gerade im Begriff, sie zu rufen, als er Schritte draußen vor ber Tür hörte unb gleich barauf bemerkte, wie ber Hirtenknabe Cecile winkte unb wie sie seinem Ruse Folge leistete, babei einen Blick in bas Krankenzimmer warf.
„Er schläft, Jules," sagte sie halblaut, boch so, baß Jacques Richarb es hören konnte. „Hast du bie Bot- schäft ausgerichtet?"
„Ja, Herrin," flüsterte ber Knabe, ebenfalls einen flüchtigen Blick in bas Krankenzimmer roerfenb. „Ich bin, wie Sie mir befohlen haben, von Vernon aus mit bem Zuge gefahren unb kam gestern mittag an mein Ziel. Gestern abend war ich schon wieder zurück unb seht komme ich zuerst hierher, um Ihnen zu erzählen, was ich gehört habe."
„Nun", fragte Cecile neugierig, „welche Nachrichten bringst bu mir? Ist bie Komtesse von Chatrois schon in Sanssouci?"
„Sie würbe gestern erwartet, Herrin," war bie Antwort. „Sie wirb eine bis zwei Wochen auf bem Landsitz verweilen."
„Das genügt," stimmte Cecile zu. „Der Himmel fügt alles zur rechten Zeit! Hier hast bu beinen Lohn für deine Mühe, Jules. Jetzt mache baß bu zu ben Schafen kommst."
Cecile nahm ihre Arbeit, bem Kranken bas Mittagessen zu bereiten, roieber auf.
Ricarb wälzte sich unruhig auf feinem Lager unb dachte darüber nach, welches Interesse Cecile an der Komtesse von Chatrois haben konnte. Außetstanbe, sich diese Frage zu beantworten, stieß er einen schweren Seufzer aus.
Augenblicklich war seine Pflegerin am Bett unb hielt seine Hänbe mit starkem Griff umschlossen.
Gie hatte sich in der kurzen Zeit, daß Ricard ihr Gast unk Patient war, sehr verändert.
Ihre Gesichtszüge waren weicher und angenehmer geworden; über ihre Lippen glitt öfter ein Lächeln und
es war etwas von ihrer früheren Fröhlichkett über {fe gekommen. \
Einige seidene Bänder im Haar und am Halse bezeugten, daß sie nicht abgeneigt sei, ihre wenigen körperlichen Vorzüge in ein gutes Licht zu stellen.
Jacques Ricard sah sie fremd, fast starr an. Es war das erstemal, daß er es wagte, ihr offen und voll ins Gesicht zu sehen. Bis jetzt war noch nicht ein einziges Wort über die Vergangenheit zwischen ihnen gewechselt worden. Sein Blick aber war ihr gefolgt von bem ersten Moment an, als ihn bas Fieber verlassen hatte, und es war nicht zu leugnen, baß er sie längst erkannt hatte. Trotzdem hatte er noch nicht ihren Namen genannt, ober irgend ein Wort bes Erkennens gesprochen.
„Was sagte ber Doktor heute morgen über meinen Zustanb?" fragte er plötzlich.
„Er sagte, baß du bem Grabe nahe gewesen, baß aber rechtzeitige ärztliche Hilfe unb sorgsame Pflege dich ge. rettet hätten nub baß bu jetzt außer aller Gefahr seiest. Das Fieber ist gehoben. Die Verletzungen waren nicht so schlimm, als es zuerst ben Anschein hatte. Mit einem Wort, wenn bu Verlangen danach hast, so kannst du heute aufstehen. In kurzer Zeit wirst bu soweit sein, daß bu roieber hingehen kannst, wo bu hergekommen bist." z
Jacques Ricard sah sich in bem kleinen, nieblichen Zimmer neugierig um und seufzte leise; er sah in das treue, ehrliche Gesicht seiner Pflegerin; bann streckte er seine Hanb aus unb suchte ihre Hand, bie harte, braune Hanb seiner früheren Geliebten, welche noch auf feinem Kiffen tag, zu erfassen.
„Cecile!" flüsterte er leise:
Die Angerufene schrak zusammen; ihre Sippen zitterten, boch sie sprach kein Wort.
„Cecile!" bat er unb alle Härte, welche bie traurigen Erlebnisse früherer Jahre seinem Gesicht eingeprägt hatte, machte einem milberen Zuge Platz, als er bewege fortfuhr? „Cecile, bu kennst mich — ich bin Jacques Ricarb!"
»Ich habe dich im ersten Augenblick erkannt, Jacques," antwortet sie ruhig, ihre Hand zurückziehend.
(Fortjetzung jolgQ ' *'''