Fuldaer Zeitung
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nn kerzen an; dann schürte sie das Feuer zur Hellen Flamme
Er kann dich niemals wahrhast geliebt haben, wenn
und zog sich darauf zurück, den jungen Herzog mit seinen
Madame
Es war um die Zeit der Dämmerung.
Toussaint schloß die Fe-sterläden, lieh Ire Vorhänge I herunter und zündete die Hängelampe und einige Wachs. I
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wohin du gehörst. Und da war neulich ein Mann, einer von vielen, vielen. Ein Strolch hat lhn irgend eines niederträchtigen Verbrechens angeklagt, von dem nach kürzester, oberflächlichster Untersuchung auch nicht der Schein eines Verdachtes übrig bleibt. Man muß den Mann entlassen, aber man hat ihn seelisch gebrochen. Denn er war im Gefängnis, und das weiß die ganze Straße. 65 Jahre lang ein ehrenwertes Dasein, und dann ins Gefängnis . . . Sorge du aber, daß jeder, der mit dir spricht, wenn er dich verläßt, ein wenig Sonne mehr im Herzen hat als vorher. Wisse, daß kein Verbrechen der Verwandtschaft aller Menschen untereinander auizuheben vermag, und so sind sie alle deine Brüder und Schwe- st e rn, os sie hinter damastenen Vorhängen woh- nen oder hinter den Gittern eines Zuchthauses.
. Der Mann im Monde.
L. Blatt.
Druck der Fuldaer «cklendruckerei, Fulda
JVs 269.
Sonntag, 21. November 1926.
Neues aus SranKturt.
■= Aum ersten Mal ein Paradiesvogel im Frank- kurler Zoo. Ein echter Paradiesvogel und zwar die größte und berühmteste Art der Gattung Paradisea, der Göttervogel Paradisea apoda L.. ist kürzlich im Zoo an- gekommen. Es ist ein ausgefärbter männlicher Vogel, der jetzt, nachdem er sich von den Strapazen der weiten Reise einigermaßen erholt hat, sich gut einzugewöhnen scheint und besten herrliches Gefieder täglich an Schön- heit gewinnt. Die Paradiesvögel bilden eine besondere, zwischen den Pirolen und den Raben stehende Vogels samilie, deren Angehörige sich durch prachtvolle Schmuck- federn, bei den erwachsenen Männchen wenigstens, sehr auszeichnen, und die in zahlreichen Arten hauptsächlich Neuguinea und die nahegelegenen Inseln b-wohnen. Der Göttervogel insbesondere ist auf den Aru-Inseln und dem südlichen Neu-Guinea zu Hause. Seinen Haupt- schmuck bilden die lang herwallenden, wunderbaren, orangegelben Federn an den Brustseitcn. Der Renan '.ömmling ist der erste echte Paradiesvoael in unserem Zoo. Bisher sind nur zwei australische Verwandte, der Kragenoogel und der Laubenvogel, von dem auch augen- blicklick) ein weibliches Exemplar vorhanden ist, hier gezeigt worden. — Am Sonntag ist der Zoologische Garten und das Aquarium während des ganzen Tages zu halben E i n!t ritt s v re i s e n zugänglich. Nachmittas 4 Uhr und abends 8 Uhr finden Konzerte statt.
— Ueberfallen und der Barschaft beraubt. Der Schweizer Wilhelm Wagner wurde in der Muwgasss von zwei unbekannten jungen Leuten angefallen und unter Anwendung von Gewalt seiner Barschost von 140 Mark beraubt. Wagner batte, aus Darm'tadt zuriickge- kehrt, im Wartesaal aenächtigt und bei der Revision durch die Bahnbeamten seine Geldbörse gezeigt zum Beweis, daß er nicht ohne Barmittel ist. Das sahen zwei jung« Burschen die ebenfalls im Wartesaal waren. Sie gin- gen ihm bis zur Münzaasie nach und wahrend ihm der eine die Augen zuhielt, raubte ihm der andere das @Cl^ Ein rechtskräftiges Urteil. Wegen Vergehens qe. gen das Arbeitszeitgesetz verurteilte der E,n-elrichter, wie kürzlich berichtet wurde, den Personalchef einer Großbank zu 4000 Mark Geldstrafe. Dieses Urteil hat, wie wir hören, Rechtskraft erlangt.
wie wird das Wetter?
Der im Westen lieoende Tiefdruckwirbel hat sich noch weiter verstärkt. Unsere Wi'ternna wird daher in der nächsten Zeit noch unter Einfluß bon Druck- störun en stehen, sodaß auch weiterbin mit ^oridauei der unbeftänd'aen zu Niederschlä en neigenden Witterunc zu rechnen ist. Die Temperaturen neben zeitwei,, etwas zurück, bleiben jedoch bei westlichen bis südw st- Uchen Winden weite,bin mild.
Aussichten für Sonntag: Fortdauer der unbe- siändi en Witterung.
er dich einer solchen Tat für fähig halten konnte."
„Du vergißt, Rupert." versetzte Armand, „daß der Schein gegen mich war, daß ich in Wahrheit den Dolch in meiner Hand hielt, an dem sein B>ut haftete, und daß er mich in dieser Stellung ertappt hat. Er glaubt nur, was er mit seinen eigenen Augen gesehen hat! ilrrtj das ist in seinen Augen der offenbare Beweis meiner Schuld!"
„Und dennoch, Vater," antwortete der Jüngling fest, ,er hätte deine Verteidigung anhören müssen! Er hätte dich kennen und wissen muffen, daß du ganz unfähig bist, eine solche Tat zu vollbringen. Er hätte vermuten müf- fen, daß Graf Eugen den Plan geschmiedet hatte, um dich zu verderben!"
Armand lächelte trübe.
„Wenn alle Leute solche Liebe fühlten wie du, mein lieber, mutiger Junge," sagte er, „so würden wir nicht so viele Greueltaten m der Welt erleben!"
„Was den Polizisten anbelangt, Herr Gras", sagte Gilbert, „so möchte ich wissen, ob Sie sicher sind, daß er Ihnen nicht hierher gefolgt ist?"'
„Er folgte mir vom Palais Chatrois, wie ich es, als ich ihn sah, gleich vermutet hatte. Ich nahm eine Droschke und er nahm ebenfalls eine. Ich ging in einen Laden und verließ denselben am anderen Ende, während er vorn stand und Wache hielt. Dann stieg ich in einen Omnisbus und fuhr weit von meinem früheren Wohnorr fort. Ich kehrte nicht eher nach Haufe zurück, als bis es» völlig dunkel geworden war, und bin fest überzeugt, ihn diesmal gründlich von der Spur abgebracht zu haben Ich wagte es aber nicht, Paris in einem Eisenbahnz-g zu verlassen aus Furcht, mein Feind könnte an der Station fein und mich verfolgen. Deshalb nahm ich vor Tagesanbruch einen Wagen und fuhr mit Rupert nach dem Boulogner Gehölz. Don dort fuhren wir nach dem Hafen, von ws aus wir in einem Fischerboote hierher- kamen."
„Dann erscheint es ja fast unmöglich, daß Ihnen je mand bis hierher nachspürte," sagte Gilbert. „Abe- Sie werden gewiß beide vollständig erschöpft sein!"
Er klingelte nach der Haushälterin. Als Madame Toussaint erschien, bestellte er für sich und feine Gäste ein gutes Souper, welches bald aufgetragen und welchem von Gilbert und seinen Gästen fleißig zugesprochen wurde.
Gästen allein lastend.
Armand, der sich durch Gilberts freundliche Aufnahme schnell heimisch im Schlosse fühlte, erzählte, daß die Korn- teste nach Sanssouci gehen wolle, üm dort einige Wochen in Zurückgezogenheit zu leben und daß er, sobald er vor Entdeckung sicher sei, sie dort besuchen wolle. Er fügte hinzu, daß er nicht wisse, was er mit Giralda an- fangen solle, und ob es nicht am Ende das geratenste für ihn sei, mit ihr und den beiden Knaben auf Reisen zu gehen.
„Unser trautes Heim hat aufgehört, uns ein solches zu fein," sagte er. „Und unter den jetzigen Verhältnissen uns ein anderes zu gründen, scheint fast eine Unmöglichkeit. Giralda aber ist nicht früher vor dem Grafen Eugen gesichert, als bis sie verheiratet und Ihre Gattin ist", schloß er. „Ich zittere, wenn ich.nur daran denke, daß der Elende sie in Vernon aufspüren und wiederum entführen könnte!"
Gilbert befürchtete im stillen dasselbe, dennoch suchte er, um Armand nicht noch mehr mit Sorge zu belasten, besten Angst zu bannen, tnbem er es ihm ausmalte, wie lchön es sein würde, wenn erst die Wahrheit ergründet wäre und alle Geheimnisse aufgehört haben würden; wenn er nach dem langen Sturm endlich in den Frie- denshnfen eingelaufen sei und mit seiner treuen und ge- ’iebten Gattin und ihren Kindern vereint glücklich und froh leben könne, von jedermann geachtet und geehrt und von seinem alten Onkel wie einst herzlich geliebt.
Inzwischen war es spät geworden und Gilbert wies seinen Gästen ihre Gemächer an; dieselben stießen aneinander und mündeten auf den fiorribor. Dann ging auch er zur Ruhe und träumte von der glücklichen Zu- ’unft, die ihn erwartete in der Liebe Giraldas.
Am nächsten Morgen machte Gilbert sich auf den Weg nach Dernon, um Giralda dort aufzusuchen und in Sicherheit zu bringen, während seine Gäste in der Sicherheit des Kastells Adlershorsi ^zurückblieben.
Die Brust von Mut und Hoffnungen geschwellt, ritt Gilbert in den nebelgrauen Morgen hinaus.
LI.
Herzog Gilbert von Beaufort erreichte Dernon nur wenig später, als er berechnet hatte. Er begab sich zunächst nach einem Gasthof, um seine Toilette In Ordnung zu bringen, ehe er sich auf die Suche nach seiner Verlobten machte.
(Fortsetzung folgt.)
Die wunderbarsten Dinge werden von Harry H o u d i n i erzählt, den man den Entfesselungskönig genannt hat. Es gab kein Schloß, das er nicht hatte aufbrochen können, und keinen Käfig, aus dem er nicht in kürzester Zeit entschlüpft wäre. Man hat ihn in Kisten verpackt, man hat ihn mit eifernen Ringen an Gefängniszellen geschmiedet, man hat ihn sogar einmal in einem allseitig geschlossenen Glasgehäuse untergebracht, aber Hou- dini kam immer wieder heraus. Einmal sprang er, an Händen und Füßen wie ein Schwerverbrecher gefesselt, durch das Eis in einen tiefen Strom. Atemlos wartete am Ufer die Menge, was nun wohl geschehen würde, aber siehe da, auf einmal erscheint in dem Eisloch eine Hand mit den aufgelösten Fesseln, und dann der Kopf und der ganze Mann. Nun ist Houdini in Chicago gestorben, und man kann gespannt sein, ob er nicht nächstens auch aus diesem Gefängnis wieder auftaucht.
Dieser setsame Künstler könnte einem heute als Symbol des deutschen Volkes erscheinen. Sind wir nt-V aum u: Polmk und Wirtschaft uöer nr.d über gefesselt, durch jenes fürchterliche Eisloch des Versailler Vertrages In eine unheimliche Tiefe hinab gestoßen worden? Es gab wohl Leute bei uns und an den Ufern aller Kontingente, die sich dieses Schauspiel mit Grausen ansahen. Man meinte, wir kämen nie wieder hoch, und da sind m:" nun schon w*eder. Eine Fessel nach Der anutcen fällt ab, und die Wirtschaft regt ihre gewaltigen tchet- nen Flügel. Diese Wiederbelebung des nieder- gegangenen Riefen ist ein so ungeheures Ereignis, doß man meinen sollte, wir ständen in Ehrfurcht und Bewunderung da und dankten Golt. Stattdessen aber gestaltet sich unser politisches Tun immer kleinliche'. Was wir brauchten, das wäre eine einheitliche politische Willensbildung aller positiv gerichteten Kräfte des Staates. Sie will nicht zustande kommen. In diesem Deutschland, das sich seiner wieder kehren den Kräfte bewußt wird, scheint es unmöglich zu sein, das parteipolitische Denken in ein wirklich staatliches überzuführen. Das politische Parkett in unserer Hauptstadt wird nach und nach das schwierigste der Welt und nähert sich schon bedenklich polnischer Wirtschaft. Der Taktiker, der Tanzmeister herrscht. Die politische Ausgabe ist zum sportlichen Experiment geworden, wo es den" eilt, mit möglichster Pfiffigkeit von Fall zu F n paar Spieler hinter den jeweilig mit einer ®e,. .svorlage hingeworfenen Ball zu bringen und ihn mit den nötigen Fußtritten nach links und rechts ans Ziel befördern. Die Folge ist. daß das wahre Interesse für die Politik im Dolks- staate sinkt, und daß man sich daran gewöhnt, kerne Krise mehr ernst zu nehmen. Steht aber das Segel der Politik nicht mehr vor dem vollen Wind der Volksmeinung, so hängt es bald schlaff, und es kommt das ganze Schiff in das übelste Hin und und Her aller möglichen parteipolitischen Wetterfahnen.
• Als mildernden Umstand müffen wir freilich manches in Anrechnung bringen. Es ging zuletzt um die E r w e r b s l o f e n f r a g e. Os es von I allen schon in feiner ganzen Tragweite begriffen
Aus dem Nachbargebiet.
Hersfeld. Die Arbeitslosenziffer in der' Stadt und dem Kreis Hersfeld beträgt zur Qeit 678, auf die Stadt entfallen 302 Erwerbslose. 5 -- Butzbach. Auf eigenartige Weise kam «kn hiesiger Kaufmann wieder in den Besitz des wt einer Reche von Jahren verlorenen Gehörs. Am Sonntag abend stieß derselbe mit dem Hopf gegen den Schalter der elektrischen Leitung, gs gleichen Augenblick vernahm er wieder die Laute seiner Umgebung. Die Freude über dieses Mader war derart groß, daß der Kaufmann jetzt «st starkem Fieber barmeberfiegt.
X) Hanau. Der 20 Jahre alte Gärtnergehilfe ^nobler aus Blüdenhausen, ein vielfach vor- btftrafter Mensch, würbe vvm Amtsgericht Hanau pegen eines Fahrrabbiebstahls verurteilt. Ms bem Transport zum Gefängnis versuchte bet Verurteilte sich bte Pulsader zu öffnen, konnte jedoch im fetzten Augenblick von zwei Justizwacht- {neiftem an feinem Vorhaben gehindert werden. - — Offenbach. Aus dem Wege von Bürgel nach Offenbad) ftieft die Hausangestellte Auguste Mönkeberg aus Hameln mit ihrem Rade gegen die Straßenbahn, flog dabei vom Rade und stieß mit dem Schädel gegen die Vorderwand des Wagens, sodaß der Tod nach wenigen Augenblicken eintrat. . . „ _. ,
— Würzburg. Richt weniger als 52 D ieb« «äble von Blumenstöcken und Blumenkränzen wurden am letzten Allerheiligentage dem hiesigen Fsiedhofsamt gemeldet. Sogar ein Grab des Helden- ftiedhosS wurde seines Blumenschmucks beraubt.
= Wiesbaden. Redakteur Karl Etienne beging fein 25jähriges Jubiläum als Redakteur an der in Wiesbaden erscheinenden „Rheinischen Volkszeitung", nachdem er schon «rher acht Jahre an einem in Oestrich erschienenen, später mit der „Rheinischen Volkszeitung" verschmolzenen Blatte tätig war. Etienne, bet der Senior der Wiesbadener Journalisten ist, erstellt sich in allen Kreisen Nassaus und auch der benachbarten hessischen Telle großer Wertschätzung.
= Diez. Am Bußtag sand im großen Arbeils- faafe des Zuchthauses in Freiendiez zum zweiten Male ein großes Wohltätigkeitskonzert zum Besten einer Weihnachtsgabe für bte Zuchthäusler statt. Dem Konzert wohnten etwa 500 Personen bei, von denen viele die Gelegenheit benützten, um einmal freiwillig einen Blick hinter die Zuchthausmauern zu werfen.
— Limburg. Bei der Wahl des Ausschüsse der Allgemeinen Ortskrankenkasse des Kreises Limburg erhielt die von den Arbeitnehmern ein gereichte Sitte der Christlichen Gewerkschaften 434 Stimmen (20 Sitze) und die der Freien Gewerk- schäften 203 Stimmen (10 Sitze). Die Wahldelelll- gung betrug keine 10 Prozent.
= Wind-ck-n. In der letzten Stadtverorbneten- betfommlung wurde zur Ausführung der Nidda- regulierung die Aufnahme eines Darlehens in Höhe von 63800 Mark aus der produktiven ErwerbSlofensürsorge beschloßen.
— Aschaffenburg. Zt der Brandkatastrophe in Mainbernheim wird weiter bekannt, daß ins- gesamt 13 G bände eingeäjchert bezw. stark beichädigt wurden. Ter Schaden ist sehr beveulend und nur mehr oder weniger durch Versicherung geb ckt. Dte Vermutung, daß Branvsttftung vorliegt, wird immer noch gehegt. __________________
Rund um die Woche.
Ein Zauberer. — Tanzmeijier der Politik. — Zwei gebrochene Rippen. — Das gefallene Mädchen. Bruder Men.ch im Zuchthaus.
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wird? Millionen Menschen gibt es bei uns, die der Staat ernähren muß, ohne daß er dafür eine Gegenleistung erhielte. Es ist auch einstweilen nicht abzusehen, wie man diese Zahlen wesentlich herabdrücken kann. Der Bergbau z. B. wird beftimnit nicht dazu imstande sein, die einst in ihm unter- gebrachten Massen wieder aufzunehmen. Was soll nun geschehen? Gewiß wird man Mitleid mit diesen Erwerbslosen haben» die vielfach an ihrem Mißgeschick nicht schuldig sind. Aber diese Liebe muß sich doch von innen heraus wieder bestimmte Grenzen setzen. Leicht führt sie dazu, in Millionen von Menschen die Lust am Existenzkampf und den Sinn für seine Notwendigkeit abzuschwächen. Man darf vor allem nicht das Gefühl dafür verlieren, oaß man selber es sein mutz der durch Aufbietung aller Energie sich eine neue Existenz schasst. Ich weiß wohl, daß die traurige Lage unseres Arbeitsmarktes auch die verzweifeltsten Anstrengungen vieler Erwerbslosen vergeblich macht. Ich weiß auch, daß der Staat, der an der Inflation so ungeheure Summen verdient hat, das ©einige zu leisten verpflichtet ist. Aber ich weiß auch, daß es unmöglich ist, Hunderttausenden von Menschen, in denen der Lebenswille langsam verkümmert, durch staatliche Luftzufuhr am Leben zu erhalten. Wer immer mit Arbeitslosen zu tun hat, der möge die Notwendigkeit, daß jeder so viel wie möglich seine letzte Energie für eine neue Arbeit einsetzte, immer wieder betonen. Dauern kann dieser Zustand ja nicht, und es steht an seinem Ende ein drohendesGespenst. Eines Tages wird der Staat oder die Wirtschaft es einfach nicht mehr tragen können. Die mächtigen Dämme des Tarif- wesens der in sozialen Kämpfen gesteigerten Arbeitsbewertung und so vieles, was zur Hebung des Arbeiters geschehen ist, werden durchbrochen werden, und die arbeitende Klasse wird wieder da sein, wo sie vor Jahrzehnten gewesen ist. Darum beurteile man einer billigen Popularität zuliebe diesen und jenen Wirtschaftspolitiker nicht zu hart, der da weiß, daß Liebe ohne Vernunft und Mitleid ohne Strenge nicht selten das Gegenteil von dem hervorbringen, was man gewollt hat.
Jene Kreise ober, die Brot und Arbeit haben, sollten wahrhaft aroßmaig zu helfen, suchen. Das gehört schon in das Gebiet des sozialen Verständnisses hinein und des wahren christlt- cyen Mitleids. Da wird vor einiger Zeit in ein Gefängnis ein Mädchen eingetefert. Es ist eine alte Geschichte: Ein Schwindler, der alles verspricht. Ein Kind. Verzweiflung. Wasser. Anklage. Gefängnis, nun ja, sind es nickt immer 14 Stationen; aber ist einer nach zweien schon gekreuzigt worden. Dieses Mädchen war mehr unglücklich gewesen als schlecht. Aber die menschliche Gesellschaft, die oft vor denen tief den Hut abnimmt, von denen sie weiß, daß sie tausendmal schlechter sind als jenes Mädchen, diese heuchlerische Gesell- fchaft, von denen so viele nur dadurch vor dem Gefängnis geschützt sind, daß die Polizei es nicht weiß, die schlägt dem armen Kinde- jede Tür vor der Role zu. Was geht das uns an! Du bist im Gefängnis gewesen, geh zurück auf die Straße,
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Eins stand fest: Armand de Vigny hatte in seinem I Sahne Rupert einen Freund gefunden, der unter allen I Umständen zu ihm hielt, der ihm vertraute und der an seine Unschuld glaubte.
Armand fing den Blick Gilberts auf und ein glück- liches Lächeln glitt über feine ernsten Züge.
„Rupert weiß alles, Gilbert," saAe er, mit einem liebevollen Blick auf seinen Sahn. „Ich habe ihm die ganze Geschichte erzählt. Er würde mit der größten Freude meine Derteidigung übernehmen, aber ich kann auf seine Verschwiegenheit bestimmt rechnen und mich auf seine Vorsicht verlassen. Sie können also ganz frei und affen mit mir über alles reden!"
„Sie sagten, Sie waren im Palais Chatrais? fragte der Herzog erstaunt.
Armand nickte.
„Ja, ich war dort," sagte er. „Ich hatte mich als Musiklehrer verkleidet und hatte mit Komtesse Gabriele eine lange Unterredung Als ich sie verließ, traf ich in der Halle mit ihrem Vater, dem Grafen von Chatrois, mit meinem Onkel, dem Marquis de Vigny, und mit bem Polizeispion zusammen, den Gras Eugen non La- martin beauftragt hat, mich auszuforschen. Aber ich hatte nur Augen für meinen alten Onkel. Wie hat er sich verändert in den achtzehn Jahren!"
Und über Armands Gesicht legte sich eine düstere Wolke.
„Hat er gar keinen Argwohn geschöpft, als er Sie sah?"
„Ich glaube nicht, Gilbert!" entgegnete der lange Totgeglaubte. „Er starrte mich freilich an, als ob er eine Erscheinung vor sich sähe. Ich fürchte, ich habe seinen Blick zu auffällig erwidert! Als ich ihn aber so unerwartet vor mir sah, da stürmten tausend Erinnerungen auf mich ein. Ich erinnerte mich all seiner guten und edlen Eigenschaften und vergaß darüber seine Feh- lerl Nur eines einzigen Wortes von ihm hätte es be- durst und ich wäre ihm zu Füßen gefallen, ihm alle seine Härte freudigen Herzens vergebend!"
Rupert schien mit seinen Gefühlen zu kämpfen, mit der zärtlichen Liebe für seinen Vater und dem Haß gegen deflen erbittertsten Feind.
Er war dem alten Marquis sehr ähnlich von Charakter, aber er war sorgfältig erzogen, so daß er nicht ben Irrtum begehen könnte, welcher das Leben seines Großonkels zunichte gemacht hatte.
„Vater," sagte er erregt: „ich könnte dem Marquis niemals vergeben, wenn ich am deiner Stelle w 're, bis er nicht auf seinen Knien vor mit Abbitte getan hätte.
Unter falscher Flagge.
Roman von 2. H 0 h e n j»1 d.
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W Der alte Herr entfernte seine Brille, richtete seine gebeugte Gestalt in die Höhe und blickte Gilbert mit seinen treuen blauen Augen an, sodaß derselbe bestürzt einige Schritte zurückwich.
.Graf Armand de Vigny!" rief er freudig er«W aus, beide Hände des Vaters Giraldas ergreifend „Mela, eine Freude ist das für mich, umsomehr, als sie so unerwartet kommt! Es kam mir wirklich ferne Ahnung, daß ich unter dieser Verkleidung Sie suchen könnte, Herr
Gras!" , ,
„Sie glaubten uns sicher geborgen auf Ihrem fernen
Lk Landsitz, junger Freund," erklärte der Graf. „Ich
fürchtete aber, man habe uns dort ausgespurt; dec-halb ' machte ich mich mit Rupert auf bft Reife nach Pans, : wo ich mir meine jetzige Verkleidung verschaffte. Wir - sind auf einem großen Umweg« hierher gekommen und t ich glaube zuversichtlich, daß wir jetzt sicher sind vor Ent- H bedang." _
Der Herzog rückte einen Armstuhl ans oeuer und nötigte Armand, darauf Platz zu nehmen.
„Wir haben Alfreds Aufenthalt entdeckt, sagte Ar- ... wand, während er es sich in dem Sessel bequem machte und sich der angenehmen Ruhe hingab. „Er ist bet Giralda!" . ,
„Ich weiß es", erklärte Gilbert. „Ich habe soeben «inen Brief von Giralda erhalten!"
! Er reichte Armand den Brief herüber, der ihn, noch, bem er ihn gelesen hatte, schweigend an Gilbert zurück- gab.
„Wie haben Sie es erfahren?" fragte Gilbert, indem »r ben Brief wieder in die Brusttasche steckte.
„Ich war gestern im Palais Ehatrois, war die Antwort. „Komtesse Gabriele hatte foeben einen Dries von Giralda bekommen."
Der Herzog wars einen schnellen Blick auf Rupert, welcher in einem Sessel auf der andern Seite des Ka- mins Platz genommen hatte; er faß regungslos und blickte nachdenklich ins Feuer.
Der Jüngling hatte sich sehr verändert; er war weit männlicher geworden in diefen wenigen Ieigen der schweren Prüfungen. Er blickte ernst und nachdenkWh darein, doch lag eine gewisse Festigkeit auf feinen Zügen. Gilbert bemerkte, daß aus feinen dunklen Augen eine große Zärtlichkeit glanzte, sobald sie seinen. Vater «nblickten.
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