Anzeiger für die Stabt und den kreis Fulda.
Nr. 268.
Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilage: .^Illustrierte Beilage" und „Buchenvlätte?'. Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9.
Monatlicher Bezugspreis 1,50 Mk
Samstag, 20. November 1926.
Amtliches kreisblatt.
Anzeigen»Preise: Kleinzeile <Colonel) lokal 0,15 XX, auswärts 0,20 XX. Reklamezeile: lokal 0,60 XX, yuswärts 0,80 XX. Pei Wiederholungen Rabatt. :< Postscheckkonto Frankfurt a. M. Nr 4051 :<
Zahra.53.
Militärkontrolle!
drosselt war. Immerhin genügte auch diese Maßnahme nicht, um die auf 1500 Millionen geschätzten Fälligkeiten des letzten Jul! zu meistern.
Es ist ein unbestreitbares Verdienst Poincares, daß er trotz dieser Lage ohne Inflation durchkam. Der bei den Großbanken aufgenommene Vorschuß von rund einer Milliarde genügte ,um die Lage auftechtzuerhalten. Unterdessen begannen die Imponderabilien zu wirken, die jeder starken Hand von selbst zueilen; der Bankvorschuß ist seither zurückgezahlt und das Tressort steht mit 1885 Millionen im Haben. Der im Juli auf Null zusammengeschmolzene Besitz an Devisen wurde derartig gesteigert, daß ein Großteil des Morganfvnds wieder vorhanden ist, ohne daß der Wechselkurs hier wesentlich beeinflußt wurde.
Auf der Aktivseite der Regierung muß auch das internationale Abkommen der Stahl- und Erzleute gebucht werden. Zurückgehend auf die ersten französisch-deutfchen Besprechungen im Herbst 1924 ist der Abschluß des Uebereinkommens durch di« außenpolitisch« Stellungnahme des Kabinetts zweifellos gefördert worden. Wenn sich auch in Konsumentenkreisen Stimmen dagegen erhoben, so muß doch andererseits das Zustandekommen als ein Ereignis fortschreitender deutsch - französischer Annäberunasvolitik gewertet werden. Daß diese Derständiaunaslinie durch die immer intensiver drohende Aggressivität Italiens mitbeeinflußt wird, ist natürlich nicht in Abrede zu stellen; an Stelle der „deutschen Furcht" tritt die „italienische Gefahr", bi« zwar nicht gefürchtet, aber erkannt wird.
Durch die Beschästigung mit den Staatsfinanzen und der Innenpolitik ist der Einfluß Poincares auf die Außenvolitik zurückgetreten, wenn auch natürlich dem Ministervräsidenten nickt entzogen.
Jnnerpolitisch ist zu sagen: Infolge des Ausgangs des radikalen Kongresses in Bordeaux scheint die Stabilität der Regierung für bi« nächste Zeit gesichert. Sobann erlitt bas Linkskartell ber Wahlen 1924 durch das Herüberziehen Her- riots und Painleves zum nationalen Block sein Ende. Poincare hat daher nicht nur wittschafts- volitisch, sondern auch varte i taktischunzweifel- haste Erfolge seiner Persönlichkeit davongetragen.
Immerhin: die Zukunft Poincares hängt vom Enberfvlg auf staatsfinanziellem Gebiet ab: dieser wird durch die Vorfrage: „Aufwerten oder Stabilisieren" beeinflußt werden. Hierzu muß Poincare zwei weitere Fraaen klären: Ratifizierung der beiden angelsächsischen Schuldenabkommen und Kredit«.
Die Stteitftage: „Mit dem Ausland" vd«r „durch eigene Krafts' hat Poincare bisher in der Linie der letzteren geführt; trotzdem scheint dies nur als Voraktion gedackt zu sein, um mtf staatsfinanziell konsolidierter Basis die Schulden- ratisizierung nicht mit der inneren Finanzvrdnung. sondern mit dem Kreditnehmen zu verknüpfen, weil die Kr«ditbedinqungen ganz zweifellos letzterenfalls ganz andere sein werden, als ersterenfalls.
Schuldenabkommen — das ist der Rubikon Poincares, den er überschreiten muß, um die „Frankenschlacht" wirklich zu gewinnen; dann hat er über die Sieger des Jahres 1924 auch innenpolitisch gesiegt; daran ist dann nicht zu zweifeln. Deutsche Bauarbeiten auf Reparationskonto.
Wie die Blätter melden, ist zwischen einem Konsortium deutscher Baufirmen und der französischen Regierung über die Ausführung von öffentlichen Arbeiten bei D e r d u n verhandelt worden. Es handelt sich um ein Objekt von 25 Millionen RM. Die Bezahlung soll zum Teil über Reparationskonto erfolgen. Gleichzeitig wird über die Ausführung von Mehrarbeiten an der Seine verhandelt. Die Blätter melden weiter, daß zwischen amerikanischen, englischen und französischen Banken und führenden deutschen und französischen Bau-Wirtschaftskreisen eine Reparations- Wirtschaftsbank mit dem Sitz in Paris gebildet worden ist, die den Zweck hat, den im allgemeinen 30prozentigen Anteil zu finanzieren, der nach dem Dawesplan für die Bezahlung öffentlicher Arbeiten durch Deutschland nicht in Frage kommt.
I Schluß mit der
Don besonderer Seite wird uns aus Berlin ge-
F schrieben:
Augenblicklich ist eine internationale Aussprache über die Frage der Militärkontrolle in Gang. Run t wird bekannt, daß die am 8. Dezember in Genf be- [ ginnende Ratstagung mit dieser Angelegen» V heit sich befassen und ihre endgültige Regelung F versuchen wird. Es ist zweifellos von großer Be- deutung, daß zu dieser Tagung die leitenden r Außenminister ber drei beteiligten Länder, und F zwar CHamberlain, Briand und S t r e s e- 5 mann persönlich erscheinen. Zwischenzeitlich hat r zwischen den beteiligten Kabinetten schon eine eingehende Fühlungnahme über diese Dinge stattgefunden und neuerdings ist eine Spezialerörterung zwischen Briand und Chamberlain im Gange. Man darf wohl annehmen, daß die beiden Außenminister eine Basis zu finden suchen, welche die Bereinigung dieser Frage nun endgültig gestattet. Der deutsche Außenminister würde nicht nach Genf gehen, wenn nicht Gewähr für eine derartige Er- Ldigung gegeben ist. Die Verhandlungen von deutscher Seite bewegen sich in der Linie, die schon bei den Besprechungen zwischen Briand und Stre- femann in Thoiry festgelegt worden ist. Für Deutschland kann nur die vollständige Abschaffung der Militärkontrolle in Frage kommen, andererseits würde sich Deutschland als Mitglied des Völkerbundes den Bestimmungen dessen Statuts unterwerfen, das eine Ueberwachung der militärischen Rüstungen zuläßt. Aber Deutschland würde sich mit keiner wie immer gearteten Ueberwachung abfinden, die seine Souveränitätsrechte behindern würde.
Wie die „Frankfurter Zeiftmg" erfährt, wird Anfang ber nächsten Woche der Generalsekretär des Völkerbundes, Sir Eric Drummond nach Berlin kommen. Seine Reise hängt mit den augenblicklichen Schwierigkeiten in der Militärkontra l l f r a g e zusammen.
vier Monate poinearö.
Von einer besonders unterrichteten Seite wird M, uns aus Paris geschrieben:
Während im Budget für 1926 die Einkommensteuern mit mehr als 5V- Milliarden veranschlagt waren, hatte der ftanzöfische Steuerapparat bis 31. Juli erst 7.36 Millionen, d. i. 13 Prozent hereingebracht. Per 30. August bezifferten sich die Steuereingänge auf 2.6 Milliarden; per 30. September auf säst 4,5 Milliarden, d. i. 82 Prozent. Das starke Anwachsen der Steuervorauszahlungen zeigt nicht nur die wiedererwachte Regierungsenergie, sondern auch ein allmähliches Wiederkehren des Vertrauens zum Staat.
Verglichen mit den korrespondierenden Ziffern des Jahres 1925 bieten die ersten 8 Monate des Jahres 1926 das Bild fast durchwegs bedeutender Steigerung der fiskalischen Einnahmen. Das Plus der Einkommensteuer gegenüber der gleichen Periode 1925 beträgt 604 Millionen, b. i. 22 Vroz. Die Steigerung der Stempeltaxen bettägt 31 Proz., die Eingänge aus indiretten Steuern 34 Prozent, ber Umsatzsteuern 45 Prozent.
Diese fiskalischen Fottschritte sind allerdings nicht ganz ungetrübt, wenn man bei dem Vergleich ber Ziffern bedentt, baß die höheren Einnahmen 1926 durchwegs in schlechteren Franken eingeflossen sind; die Mehreinnahmen ber Monopole trotz Inflation unb Preiserhöhungen mit zusammen 400 Millionen bezeugen, daß immerhin Einiges noch zu tun ist; immerhin ist die Feststellung bemerkenswett.
. daß die tatsächlichen Eesamteingänge ber ersten 8 Monate bie Budgetvorschläge um 559 Millionen, d. i. 27 Prozent 'übersteigen.
Von Bedeutung ist die Situation des Schatzes m der dritten Julidekade, daß diese Lage nunmehr klar veröffentlicht werden konnte, beweist, daß man die Gefahr als überwunden ansiebt. 1
Die Situation ergibt rückblickend folgendes Bild: am 22. Juli betrug die Disponibilität 188 Millionen; am 23. Jull 81 Millionen, am 24. Juli E (Amtsantritt Poincares) eine Million. Am 27. E Just betrug ber Kassastand wieder 10 Millionen; I an diesem Tage wurde der Rest des Morganfonds von 771 Millionen dem Treffort überschrieben; wie :■ man über diese Maßnahme auch denken mag — sicher ist, daß damit die Todesbahn des Franc g«-
Hus dem Reiche Mussolinis.
Wie der in Innsbruck erscheinende Tiroler An- leiget aus Südtirol melde', ist ein in Meran wohnender deutscher Maler wegen der angeblichen Aeußerung, er bedauere, daß die Kugel des Aiien- täiers Mussolini nicht getroffen habe, von F a s ch i st e n in die Passer geworfen worden. Seine Leiche konnte -Noch Nicht gefunden werden, lieber den Namen des Dialers tonnte noch nichts näbeies feftaefteUt werden.
fttn Senat in Rom hat der Jurist Senator Carofolo den KommissionSbericht übet die (Ein- iührung der Todesstrafe vorgelegt. In der n6d)(ten Woche wird bie Durchführungsverordnung übet bie Einsetzung des Sondergerichtes erscheinen, das nu- an einem Orte in Rom errichtet werde» wird. Dadurch wird das G setz ebenfalls in Kraft treten mit der Wirkung, daß die Verfahren über die bisherigen Attentate lofott an dieses Sondergericht übergehen.
* Botschafter Lindsay beim Reichskanzler. Der Reichskanzler Dr. Marx hat, wie bie Blätter erfahren, Freitag vormittag den englischen Botschafter ^empfangen.
klus Lateinisch-Amerika.
Amerikanische Intervention in Nicaragua.
Wie Reuter aus San Salvador meldet, sollen bie Vereinigten Staaten den Führer ber Aufständischen in Nicaragua aufgefordert haben, sich dem Präsidenten Diaz zu ergeben, da man ihm nicht gestatten werde, den Kampf gegen die Regierung fortzusetzen. *
Im Staate Rio Grande do Sul ist ein offener Aufstand ausgebrochen. Die Meuterer warfen von Flugzeugen aus Bomben auf die Stadt Santa Maria, wodurch eine Bank und ein großes Hotel zerstört wurden.
* Der rumänische Polfilter Konstaninesco oe- storben. Der Führer der Liberalen Partei Rnmö- niens, Alexander Konstchrtinesco, der feit 1909 al Minister allen liberalen Regierungen angehörte, ist im Alter von 67 Jahren an einet Lungenenizün düng gestorben.
* Heimreise der Königin von Rumänien. Nack einer Meldung der Associated Preß aus Louis eil le wird Königin Marie von Rumänien alsbald von dort abreifen und sich direkt nach Newyorl begeben, von wo sie mit dem ersten fälligen Damvser die Heimreise antieteo wird.
Vie Reform der Lrwerdslosen- unterstützung.
Das Arbettslosenversicherungsgesetz vom Reichsrat angenommen.
Der Reichsrat genehmigte in seiner öffentlichen Vollsitzung bas Arbeitslosenversickerungsgesetz, bas am 1. April 1927 in Kraft treten soll. Träger der Versicherung finb bie Krankenkassen. In bie Versicherung sollen auch Angestellte einbezoaen werben, bie nach bem Angestellten- versicherungsgesetz versicherunasvflichtig sind. Die auf 26 Wochen bemessene Unterstützungsdauer kann im Falle besonders ungünstiger Laae bes Arbeitsmarktes auf 39 Wochen ausgedehnt werden. Im Wege einer Krisenfürsorge können auch diejenigen untersteht werden, bie bie Anwartschaft noch nicht erfüllt haben ober bereits ausgesteuert sind. Mäbrenb sonst bie Kosten ber Versicherung nur von Arbeitgebern und Arbeitnehmern aufgebracht werden und das Reich nur int Notfall mit Darlehen ein tritt, sollen die Kosten der Krisenunterstützung nach den Beschlüssen des Reichsrates, die der Regierung nickt annehmbar erscheinen, zu acht Neuntel vom Reich unb zu ein Neuntel von ben Gemeinben getragen werden. Die Regierung will dieses Verhältnis in drei Viettel unb ein Mettel abqeändett wissen. Die Krisen- untetttützung ist von einer Bel^ürftigkeits- vrüfuna abhängig, nickt aber aufanmb bervon den Versicketten erworbenen Unterstützung. Die Beiträge und Leistungen der Dersickerunaen sind nach sieben Lohnklassen abgestuft. Die von den Ausschüssen heigefügte Kurzarbeiterversicherung wurde vom Plenum des Reichsrats auf Anttag der Regierung wieder beseitigt.
* Aus dem Freistaat Sachsen. Nack einer Blättermelduna aus Dresden bat der frühere fächsiiche Ministerpräsident und Kreishauptmann Buck, der als Vertreter der alten sozialdemokratischen Partei Sachfens gewählt worden ist, jetzt fein Landtagsmandat niedergelegt. An seine Stelle tritt der Hauptschriftletter der „Sächsischen StaatSzeituvg" _ Ethke.
Die «oalitionsverhandlunaen.
D'e Berliner Blätter betonen, baß bei den in dieser Woche erfolgten Besprechungen zwischen Der- tretern ber Fraktionen und der Reichsregterung bindende Vereinbarungen hinsichtlich der Bildung der Großen Koalition im Reiche nicht getroffen wurden, lieber die Haltung der Deutschen Dolkspartei zur Frage der Großen Koalition schreibt die „Tägl. Rundschau": Die Deutsche Volkspartei ist grundsätzlich bereit, mit ber Sozial- dernokratie zusärnmenzuarbeften. Sie legt aber wahrscheinlich entscheidenden Wert darauf, daß zunächst einmal die Voraussetzungen geklärt werden, unter denen ein Zusammenarbeiten mit den Sozialdemokraten möglich ist.
Demokratische Tagungen.
Am 27. 11. tritt im Reichstag der Vorstand unb am 28. 11. der Patteiausschuß der Deutschen Demokratischen Partei zusammen. In der Sitzung des Parteiausschusses wenden die Reichsminlstet Dr. Külz und Dr. Reinhold über die politischen unb gesetzgeberischen Arbeiten des Winters sprechen.
Die deutsche G'tmark.
Der deutsche W rhlsieq in Oberschlesien.
Den Blättern zufolge sind nach der vorlänfwen Zusammenstellung beiden oN-oher^cklesuckenGemeinde« Wahlen von den Deutscken 335 Mandate, van allen polnischen Parteien zusammen nut 265 Mandate in den Gemeindevertretungen errungen worden.
Rus der Rnaora-Türke'.
Rlandalsnieberlegung oppositioneller türkischer Abgeordneter.
wtb Paris, 19. Roo. (Eig. Funkm.) Rach einer im „Malin" veröffentlichten Meldung aus Angora [ haben 3 Abgeordnete der Opposition, und zwar die Generäle Rifat Pascha, Fuad Paicha und Karabekir Pascha ihre Mandate niedergelegt.
GW »iwbliMfon der dEnAMMm,
Wie amtlich mitgeteilt wird, steht nunmehr die Drucklegung ber endgültig letzten Bänderreihe der großen Aktenpublikation ber deutschen R°ichsregie, rung, bie die große Politik der eurovöischen Kabinette von 1871 bis 1914 umfaßt, unmittelbar vor der Beendigung. Die Schlustaruppe des Werkes ist besonders umfangreich». Sie umfaßt sieben Bände in zehn Teilen und bild-t die dritte Abteilung der fünften Gruppe der Gefamtpubli- fotion. Die neuen Bände werden die Deutsche Verlagsgelellschaft für Politik und Geschichte in Berlin noch in den letzten Tagen des November an den Buchhandel ausgegeben und umfassen dosDo- k u m e n t e n m a t e r i a ( bes deutschenA u s- wärtigen Amtes über bie auswärtige PolitikberIahrel912bisl914.
Sie schließen sich an das im Mai 1926 erschienene zweit- Drittes der fünften Reihe an und führen den Titel: Europa vor der Katastrophe. Mit ber letzten Gruppe wird das große deutsche Aktenwerk unmittelbar an d»n Weltkrieg herangeführt. Die letzte Abteilung behandelt die verhängnisvolle Periode der internationalen Verwickelungen und weltpolitischen Mißverständnisse, bie den Weltkrieg vorbereiteten. Das Doku
mentenmaterial ber Bände 34—40 gewinnt so unmittelbarste polttische Tagesbedeutung. Mit ihnen tut die Publikation als Ganzes den letzten entscheidenden Schritt auf ihr eigenstes Ziel' die Aufhellung der Ursachen des Weltkrieges zu. Nachdem jetzt die genaue Dändezahl der Schlußgruppe endgültig feststeht, läßt sich nunmehr auch der Plan und die genaue Einteilung bes großen deutschen Monumentalwerkes endgültig übersehen. Es besteht aus fünf Serien, die in 40 Bände zerfallen. 14 von diesen Bänden sind wegen ihrer Stärke nochmals in zwei selbständig gebundene Teile zerlegt, so daß die ganze große Aktenvubl:- kation in Wirklichkeit 54 selbständig gebundene Teile umfaßt. Mit den letzten setzt erscheinenden Bänden wird ber Anschluß des Aktenwerkes an die 1919 unter bem Titel „Die deutschen Dokumente zum Kriegsausbruch" von der Reichsreoierung bei der Deutschen Verlagsgesellfchaft für Politik und Geschichte in Berlin herausgegebene Urkunden- fammlung über die unmittelbare Vorgeschichte zum Weltkriege bergestellt. Damit ist bann gegen Jahresende 1927 die von der deutschen Regierung gewünschte breite Grundlage für die Klarstellung der Ursachen des Weltkrieges von deutscher Seite voll- ständig geschaffen.
Zwischenfall in Dresden.
Lin Geisteskranker belästigt den Reichspräsidenten.
Nach dem Festgottesdienst in Dresden eröffnete der Reichspräsident die Dresdener Jnfanterieschule durch eine kurze Ansprache. Im Anschluß begab er sich zu dem zur Erinnerung an die im Weltkriege gefallenen ehemaligen sächsischen Kadetten errichteten Denkmal, wo sich auch eine Abordnung ehemaliger sächsischer Offiziere eingefunden hatte. Am Fuße des Denkmals legte der Reichspräsident einen Kranz nieder. Auch Reichswehrminister Dr. Geßler und der Chef der Heeresleitung General Heye legten Kränze nieder, letzterer zugleich im Namen des Generalobersten v. Seeckt. Hierauf begab sich der Reichspräsident in den Vortragssaal des neuen Gebäudes. Hier sprach der Kommandeur der Infanterieschule Generalmajor v. Arnsberg den Dank der Infanterieschule für das Erscheinen des Reichspräsidenten aus und für das von ihm gestiftete Porträt, das von Professor Vogel gemalt ist unb ben Reichspräsidenten in Marschallsuniform darstellt. Sodann wurde im Speisesaal ein einfaches Frühstück eingenommen. Die Abfahrt bes Reichspräsidenten erfolgte gegen 4 Uhr.
Bei der Fahrt bes Reichspräsidenten durch die Königsbrückerstraße durchbrach ein Mann die Ab- fperung, sprang auf bas Auto bes Reichspräsidenten unb überreichte mit ben Worten: „Du bist mein Heilanb" einen Brief. Der Mann würbe feftge- pommen. Der Täter ist ber frühere Kellner Max Krause, ber bereits viermal wegen Epilepsie in der Heil- und Pflegeanstalt untergebracht war, am 14. Sept. d. I. aber entgegen dem Anraten ber Aerzte auf Bitten seiner Familie entlassen würbe. Krause wurde in die Anstalt zurückgebracht. Ein Attentatsversuch liegt nicht vor. Krause hatte weder Waffen bei sich, noch hat er den Versuch gemacht, sich an dem Herrn Reichspräsidenten zu vergreifen.
Der Reichspräsident ist wieder nach Berlin zurückgekehrt.
Der Kampf um Java.
Die holländische Regierung und die Bewegung in Vest-Zava.
Aus bem Haag wirb gemelbet: Ministerpräsident Dr. de Geer nahm in seiner anläßlich der Hausbattsberatungen in ber Zweiten Kammer gehaltenen Rede Bezug auf bie kommunistische Bewegung in West-Java. Er betonte hierbei, baß bie Regierung erst noch nähere Mitteilungen abwarten wolle, ehe sie endgültig Stellung dazu nehme. Sie fei jedoch bereits jetzt ber Meinung, daß das verbrecherische Auftreten ber tommunifti- schen Aufständischen auf bie denkbar kräftigste Weise unterdrückt werden müsse. Dennoch brauche diese Abwehr nicht zu einer Aenderung in dem neuen eingeschlagenen sozialen und politischen Kurs zu führen.
* Ter neue Dirigent ber Prcsseabteilnnz bei Reichsregierung. Wie wir erfahren, steht die Ernennung des Vortragenden Legations-RaieS von Baligand zum Dirigenten in der Prefseabteilung der ReichSregierung unmittelbar bevor.
* Ter Generalgouverneur bes irischen Freistaates, Healy, hat wegen mehrerer Proteste gegen eine von ihm gehaltene „politische Rede" sein Rücktrittsgesuch eingereicht, das bie Regierung aber nicht bewilligen will.
Der unsterbliche Streik.
AuS London melbet Reuter: Durch die Ablehnung der Regierungsvorschläge zur Lösung des Kohlenkonfliktes auf bem Wege von Bezirkeabkommen ist die Lage des Bergarheiterverbandes sehr schwierig geworden. Die Abstimmung hat eine Mehrheit von 100000 Stimmen gegen die Regierungsvorschläge ergeben, jedoch gibt die Abstimmung nicht bie Meinung aller Bergarbeiter wieder, da bet den Bezirksgewerk- febaften nicht einzeln abgestimmt wurde unb zahl- reiche Bergarbei ter, die die Arbeit wieder ausgenommen haben, an der Abstimmung nicht teilnahmen.