Anzeiger für die Stadt und den kreis Fulda. Amtliches kreisblatt.
Nr. 266
Htiftrootf), 17. November 1926.
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Fuld aer Z ertung
Aus den Ländern der Diktatoren.
Die Diktatur Riveras in Spanien.
Hermann Wilhelm Neuß, Hamburg.
Es liegt im Wesen der Diktaturen, bah sie viel von sich reden machen: einmal, weil der vorherr- schende Typ moderner Regierungsformen die parlamentarische Demokratie in der Form der Republik oder der konstitutionellen Monarchie ist und diesem Typus gegenüber die Diktatur einen die Regel durchbrechenden Sonderfall: dann — und vor allem — wegen der Methoden, deren sich eine herrschende Diktatur bedient.
Die Diktaturen, die wir heute vor Augen haben, verdanken alle ihr Dasein einem Staatsstreich, also der Gewalt. Und ganz dem Worte Macchiavellis gemäß, daß eine Regierung nur von den Mitteln leben könne, die sie geschaffen habe, lebt auch die Diktatur von Gewalt, der sie meist eine legitime Grundlage unterzuschieben versucht. Einer gewaltsam regierenden Herrschaftsform aber muß notwendigerweise Opposition erwachsen. Da Diktaturen aber ihre Macht dazu mißbrauchen, den ruhigen Gedankenaustausch unter den Bürgern zu unterbinden, indem sie die Freiheit der Dresse knebeln, muß notwendigerweise an der Stelle der Opposition des Wortes die Opposition der Tat tre- ten. Diese Opposition der Tat. die sich in Attentaten und Revolten äußert, rückt die Diktatur naturgemäß in den Mittelpunkt des öffentlichen Mteresses und gibt sie umsomehr dem Gerede der öffentlichen Meinung preis, je weniger eine verantwortungsbewußte Preße unkontrollierbare Ge- «. rüchte sofort richtigstellen oder wirksam ersticken f kann. Nichts gibt der politischen Phantasie mehr Spielraum als eine Diktatur, die ihre Presse knebelt.
Aber nicht nur diese nach Ursache und Wirkung im Innern des Landes sich absvielenden Ereignisse lassen den Diktaturen erhöhte Aufmerksamkeit zu- kommen, nein — um die im Innern des Landes häufig drohend werdenden Spannungen von einer gefährlichen Entladung gegen den Gewalthaber zurückzuhalten, nehmen autokratische Regierungen immer wieder ihre Zuflucht zu einer außenpoliti- chen Prestiqesucht, die unmittelbar die Interessen der anderen Völker bedroht.
So hat auch Spanien, wenngleich in geringerem Maße als Italien, erst in der lebten Jahreshälfte in die internationalen Beziehungen ein ernstes Moment der Unruhe hineinaetraaen, indem es eine Einverleibung Tangers in die spanische Marokko- zone verlangte und wegen seiner Forderung auf einen ständigen Ratssik im Völkerbund schließlich fern „Desinteressement" an dessen Arbeiten erklärte. Und merkwürdiger, oder vielmehr durchaus erklärlicherweise fiel diese Epoche außenpolitischer Aktivität gerade in jene Zeit, da die Diktamr im Landesinnern durch die Unruhen im Artilleriekorps aufs äußerste belastet wurde.
Diese Unruhen der Artillerieoffiziere waren eine der ernstesten Erschütterungen, die Drimo de Ri- veras Diktatur im Verlaufe ihres nunmehr drei- fahrigen Bestehens bedrohte: es war eine Militär- revolte gegen den Militärdiktator.
Primg de Rivera war bekanntlich bis zu dem Tage, an dem er sich zum Diktator machte, Generalkapitän von Katalonien, also Militäraouverneur in dem unruhigsten Winkel von Spanien. Dort sah er unmittelbar von seinen Auaen Terroris nus und Separatismus immer mehr überhand nehmen und die Gefahr anarchistischer Zustände in b-drob- liche Nähe rücken. Dazu trat der unglückliche Stand der Marokkofrage, die fortschreitende Geldentwertung, Teuerung und Korruption in der Verwaltung, kurz eine Fülle von Problemen, denen aeaen- über die parlamentarische Regierung fast völlig versagt hatte. Diese unstreitig mangelhafte Handhabung der Regierungsgewalt durch die damalige parlamentarische Regierung ließ Primo de Rivera zu der Meinung kommen, daß das varlamenta- rifche System als solches und nicht nur feine hak' maligen Repräsentanten unzulänalich feien. So fuhr er denn — durch Mussolinis Marsch auf Rom angefeuert — am 13. September 1923 von Baice- lona nach Madrid, rief sich, gestützt auf das Militär, zum Militärdiktator aus und erreichte, was Musiolini vom König Viktor Emmanuel ebenfalls erreicht hatte, daß nämlich König Alfons XIII. von Spanien den gelungenen Staatsstreich feines Generals als vollendete Tatsache hinnahm und billigte. Das Militär stand hinter ihm und nur die Schicht der Literaten lehnte von Anfana an die Gefolgschaft ab. Die große Masse des spanischen Volkes aber stand dem politischen Geschehen inte« reffelos gegenüber. So herrschte denn ohne wesentliche Hemmnisse der Militärbiktator über ein im großen ganzen politisch duldsames Volk. Ueber ein solches Volk zu herrschen, ist keine schwierige j Aufgabe. Dieser Meinung war Drimo de Rivera selbst, denn er erklärte am 21. Auaust 1925: „Um ein Land zu regieren, genügt ein Dußend bescheidener fleißiger Männer von praktischem Sinn. Die Geschickten, die allzu Klugen, die Schönredner, das sind die Kleidermotten der Nationen, die das Volk zugrunde richten." Dazu kam. haß her Diktator nicht ohne staatsmännische Klugheit zu Werke ging. Er Hat has parlamentarische Stiftern zwar beseitigt, sich aber wohl gehütet, hie Gemeinbe- a u t o n o m ie anzufasten. Daburch ließ er ben t»on persönlicher Freiheitsliebe beseelten Spanier iene ftaatsfreie Sphäre, bie nötig war. um bie Tatsache her Diktatur nicht mehr als nötig zum Bewußtsein zu bringen.
Da aber bie einzige Stüde feiner Macht bas Militär war, wäre er her Laune feiner Generale ju sehr ausgeliefert gewesen unh arünbete. um 'einem Regime ein festeres Funbament zu geben, Eine der Faschistenvartei ähnliche Organisation, bie „Union Patriotica", beren Zweck er mit ben Wor- L? umschrieb, sie sei „zur Verteibiguna von Altar. h • n 2*nb Eigentum" ins Geben getreten. Diese Union vatriotica Hat zwar nicht bie SrnnvafHie her aronen Massen qefunben. gleichwohl aber gehieh 6es Diktators eigener Protektion zu einem volituch, verwertbaren Instrument heran unh hat fchon bet manchem Anlaß ihre Nützlichkeit erwiesen. Sie soll auch vor allem nach Prima he Riveras eigenen Worten bie Brücke fein, über bie er Spanien wieder normalen Verhältnissen entaegenfüh- ren will. Denn er selbst hat ganz im Gegensatz zu MusioliNt nur ein begrenztes Vertrauen in bie
Dauer seiner Herrschaft unb sich beshglb iebesmal, wenn es im Gebälk her Diktatur knistert, veranlaßt. ihr Enbe anzukünben.
Schon jetzt ist mancher Bruch in bem anfangs fo stattlichen Gebäube her Diktatur unverkennbar. Anfänglich fehte sich nämlich bas Kabinett, auf bas sich her Militärbiktator stützte, nur aus Generalen zusammen. Am 3. Dezember vorigen Jahres aber iah sich her Militärbiktator zu einer Umwanblunq feiner Herrschaft ir »nie Zivilbiktatur genötigt, inbem er ein sog. gemischtes Kabinett bildet», bas ungefähr zur Hälfte aus Militär unb Zivil, aus „Uniform unb Gehrock" besteht. So will sich Primo he Rivera aus her immer unerauicklicher roerbenben Stellung langsam zurückzieben, ohne iedoch an ein Wieberaufleben her früheren Zustände zu denken. „Ich bin her Meinung." sagt» er, „haß bas parlamentarische Regime gescheitert ist . . . Niemavb (??) wirb baran henken, in Spanien bas alte Regime wieher aufzurichten. Andererseits aber erscheint es nicht klug, bie oberste Nationalversammlung zu entbehren, in welcher in natürlicher Gewichtsverteilung alle Klasieninteres- fen vertreten sinh unb bie in bestimmten Fällen ihre Initiative unb ihre Zustimmung zu ben Re- gierungsverhanhlungen auszuüben hat. In ihr würde auch her König gegebenenfalls bie hervor- ragenbsten Persönlichkeiten antreffen unb bie erforderlichen Männer zur Beratung, wenn es sich darum handelt, eine neue Regierung zu bilden."
Er scheint also nach allem, was man über feine Pläne erfahren konnte, an eine Art „Ständepar- lament" mit vorwiegend beratender Funktion zu denken. Dieser Plan wird aber ziemlich allgemein abgelehnt, selbst seine nächste Umgebung st»Ht ihm skeptisch gegenüber, weil die Mitglieder dieser ..beratenden Kammer" nicht auf dem üblichen Wege gewählt werden und nicht die üblichen Funktionen des Gesetzesbeschließung haben, allo her spezifische Abgeordnetenstellung entbehren sollen.
Die neuesten Meldungen bringen denn auch immer wieder ein Hinausschieben des Termins für ben Zusammentritt dieses Parlaments.
Zu allen diesen Maßnahmen sähe sich her Diktator nicht genötigt, wenn er noch das ’Wifär fest in der Hand hätte. Diese Säule seiner Macht aber ist stark ins Wanken aeroten. Eine Sevtember- revolte der Artillerieoffiziere bat bas beutlich gezeigt. Eine amerikanische Meldung fchilberte diesen Artillerieputsch mit folgenden Worten: ..Das Dekret, das bie Absetzung aller Artillerieoffiziere bestimmte, wurde am Sonntag Morasn um 4 Uhr unterzeichnet. Drimo de Rivera ließ sogleich den General Haro, Kommandanten der Artillerie kommen und teilte ihm mit, baß er sich in Arrest befinde. Anstatt hem Befehl bes Diktators zu gehorchen, begab sich her General in bie Artillerie- faferne unb fetzte bie Offiziere non hem Befehl in Kenntnis. Diese legten fohann ihre Parabeuniform an unb versammelten ihre Truppen. Unter dem größten militärischen Apparat wurde das Dekret des Diktators feierlich verlesen. Die Soldaten entschieden sich mit großer Begeisterung, ihren Führern zu folgen. Man befestigte sogleich die Kasernen. die Kanonen wurden in Komnfst»lluaa gebracht. Trotzdem hatte sich um 7 Uhr desselben Tages bie ganze Artillerieaamison von Madrid in Stärke von vier Regimentern ohne einen Schuß ergeben, unb zwar soll diese« schnelle Einlenken durch persönliches Eingreifen des Königs möglich geworden fein."
Das geschah gerade um die Zeit, zu her die Diktatur ihren dritten Jahrestag festlich heqehen wollte. Es war daher erklärlich, daß der Diktator an das Zinilvolk appellierte, indem er zwischen dem 11. und 13. September durch seine Union Patriotica eine Abstimmung zu seinen Gunsten inszenierte. Diese Abstimmung brachte ihm zwar 6 Millionen Stimmen ein, aber hie Freiheit der Dahl mar in keiner Weise garantiert. Gerade durch den Mangel an Freiheit bei her Wahl bekundete sich bie schwankende Grundlage der Diktatur sehr d»nt- lich. Denn Drimo de Rivera scheute einen Ab- stimmunasmodu«. her bie wahre Meinung bes Volkes ungehinhert Hätte zum Ausdruck bringen können.
Mussolini und Frankreich.
Mattn veröffentlicht ein Interviews feines bekannten Mitarbeiters Sauerweins mit Mussolini. Hinsichtlich der italienisch-französischen Zwischenfälle erklärte er. jetzt sei alles geregelt. Die antiftanzösischen Kundgebungen verurteile er. Er Habe die strengsten Maßnahmen getroffen, damit derartige Vorkommnisse sich nicht wiederholten. Dafür übernehme er hie Garantie. Tie Stimme des italienischen Volkes richte sich gegen Frankreich, weil es die Heimat aller Verschwörer gegen das faschistische Regime sei. Er achte das Asylrecht und wache darüber selbst in Italien. Aber man dürfe es nicht verwechseln mit hem Mißbrauch des Asylrechts.
Sicherlich genüge eine einfache verwaltungstechnische Polizeimaßnahme, um diese Unruhestifter zum Schweigen zu bringen. Eine übergroße Empfindlichkeit habe stets zwischen Frankreich unb Italien gerade wegen ihrer Beziehungen unb großen Sympathie für einander bestanden. Der Einfluß der Zeitungen eines anderen Landes, z. B. Deutschlands, sei in Italien gleich null, aber die in Paris erscheinenden Zeitungen hätten stets einen tiefgehenden Widerhall gefunden. Hinsichtlich des Tangerstatuts seien die Schwierigkeiten auch beseitigt. Die englische Regierung habe darauf bestanden, daß Italien dem Tangerstatut beitrete. Die vorgesehene Lösung gebe Italien volle Genugtuung.
Mussolini schloß, er hege keinen Zweifel, daß nach den letzten Zwischenfällen Frankreich und Italien in eine Periode ausgezeichneter Beziehungen eintreten würben. Er habe niemals eine gesunde europäische Politik ohne eine enge fran- zösisch-italie nische Entente ins Auge gefaßt. Er habe angeordnet, daß die Polemiken in den Zeitungen eingestellt werben. Es werde im Parlament zum Ausdruck bringen, was er gegenüber Frankreich fühle. Er werde habet erklären, daß bie Politik Bricmds von einem feinfühligen
sympathischen Verstehen für die Bestrebungen und bie Bedürfnisse Italiens beeinflußt gewesen sei.
Italien und der Valkan.
Die italienisch-jugostawischen Beziehungen.
In einem bem Vertreter der Wiener amtlichen Nachrichtenstelle gewährten Interview äußerte sich der italienische Eesanbte in Belgrad, Bodrero folgendermaßen über bie Beziehungen zwischen Italien und Jugoslawien:
Die Beziehungen zwischen beiden Regierungen sind bie besten. Wie bei allen Staaten mit gemeinsamen Grenzen sind Differenzen wie in ben letzten Tagen unvermeidlich. Solche Differenzen werden aber im Sinne einer vollständigen Ueber« einftimmuna beigelegt. Ich Farm versichern, bas Ziel her Politik Mussolinis auf dem Balkan ist der Friede, da bie wirtschaftliche Entwickelung nicht nur des Balkans, sondern überhaupt, durch friedliche Verhandlungen gesichert wird. Die Instruktionen unserer Regierung selbst dienen alle der Erhaltung des Friedens und der Ruhe. Die wirtschaftlichen Beziehungen der beiden Länder sind die besten und der Handel, der wirkliche Inder der wirtschaftlichen Beziehungen, ist im ständigen Steigen begriffen. Nach dem Pakt von Rom, der das Werk Mussolinis unb bestimmt ist, die Beziehungen zwischen beiden Ländern zu verbessern, haben wir einen Handelsvertrag und sehr wichtige Niederläsfungs- und Konsularkonventionen, die schon ratifiziert sind, abgeschlossen. Jetzt handelt es sich um die Approbierung der zahlreichen, von ben beiderseitigen Bevollmächtigten in Nettuno unterfertigten Konventionen, die als Ergänzung der ersteren zu betrachten sind, die Frucht mühevoller Verhandlungen darstellen unb für beide Länder gleich nützlich und von gleichem gegenseitigen Interesse sind. Diese Konventionen werden demsiächst ratifiziert sein und bann werden die Beziehungen der beiden Länder nicht nur gut, wie sie jetzt find, sondern geordnet und stabilisiert sein aufgrund der vollständigen Legalisierung.
Die Ueberschichten im Kuhrbergbau.
Beim Oberbergamt in Dortmund fanden am Montag nochmals Verhandlungen mit ben Bergarbeiterorgan isationen über die Frage bet Ueberschichten im Ruhrbergbau statt. Als Ergebnis dieser Verhandlungen wurden jetzt vom Oberberg« amt, dem Vorwärts zufolge, an die Zechen strenge Durchführungsbestimmungen erlassen, die bie Frage der lieber- und Neben- schichten regeln sollen.
Nach Ansicht des Gesundheitsbeirats sind Neben- schichten, falls sie in der Regel einmal in der Woche und zwar vor einem Feiertag gefahren werden, nicht als gesundheitsschädlich änzusehen, desgleichen Ueberschichten, wenn sie nur zweimal in der Woche in einer Dauer von nicht mehr als 4 Stunden eingelegt werden. Die 8 stündigen Schichten (Dop- velschichten) sind dagegen als gesundheitsschädlich zu bezeichnen unb nach Möglichkeit zu vermeiden.
Krad) im Kabinett poincarö.
Auf einem Bankett her republikanischen Der- einigung hat her französische Pensionsminister Louis Marin eine Rede gehalten, bie zunächst keine besondere Beachtung gefuiiben hatte, in her sich aber eine Stelle befanb, in her bas Kartell her Linken unb bie von ihm betriebene Politik in heftiger Weise angegriffen werben. Der rabikale „Quobitien" nennt biefe Erklärung eines Ministers, her mit fünf radikalen Ministern in einem Kabinett sitze, unerträglich, besonders da Marin bie Methoben her rahikalen Partei als eine Schonhe vor her Geschichte bezeichnet Haben soll. Auch bie „Ere Nouvelle" stellt bie Frage, welche Antwort die Radikalen auf bie Beleibigun- gen des Ministers erteilen sollten. Das „Journal des Debats" behauptet, es herrsche eine befonbere Erregung wegen bes Inhalts her Rebe Marins. Nach bem „Paris Soir" haben sich bie Dinge to entwickelt, baß her Parteivorstanb her Rabikalen für Mittwoch zusammenberufen würbe, um über bie Haltung der radikalen Minister innerhalb des Kabinetts zu beschließen. Die Frage/ bie her Par- teivorstanb zu erörtern haben wirb, wirb in her „Ere Nouvelle" wie folgt festgelegt: Die von Marin beleibigten Minister können unter biefer Beschuldigung nicht ruhig bleiben. Es ist dies eine Frage elementarer Würde. Außerdem muß man die Frage erörtern, was Poincarß als Ministerpräsident zu tun gedenkt, denn er kann Beleidigungen gegen Mitglieder feines Kabinetts nicht mit Stillschweigen hinnehmen. a
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Der radikale Abgeordnete Hulin hat eine I n - terpellation über die vom Pensionsminister Louis Marin am letzten Samstag gehaltene Rede, in der er die Politik des Linkskartells angegriffen hot, eingebracht. Nach Havas scheint es nicht zweifelhaft zu fein, daß bie Regierung, wie bei allen anberen Interpellationen, auch bie Vertagung dieser Interpellation bis nach Verabschiedung des Budgets fordern werde.
Das „trockene" Kmerika.
Aus Washington wird gemeldet: Die Vorräte an Whisky für medizinische Zwecke für 5 Jahre betragen nur schätzungsweise 700 000 Hektoliter. Der Leiter der Regierungsorganisation zur Durchsetzung der Prohibition, General Andrews, ist der Meinung, daß der Kongreß gewisse Firmen bevollmächtigen könne, eine bestimmte Menge Alkohol für medizinische Zwecke zu destillieren, um einer Erschöpfung her Vorräte vorzubeugen.
vom Völkerbund.
Wie Reuter erfährt, wird Chamberlain die Führung der englischen Delegation bei der am 6. Dezember beginnenden Ratstagung übernehmen. In London ist nicht bekannt, ob Briand und Stre- femann nach Gens gehen werden. Es wird jedoch als wahrscheinlich betrachtet.
Im englischen Unterhaus erklärte Austen Chamberlain, bie Regierung beabsichtige, keine Aende- rung in ihrer Politik der Zusammenarbeit mit her Mandatskommission des Völkerbundes eintreten zu lassen. Die Regierung habe an den Völkerbund wegen des Verfahrens der Mandatskommission ein Schreiben gerichtet, das zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlicht werde.
„Osservatore Romano" erklärt in einer Aeüße- rung zu den in her ausländischen Presse verbreiteten Nachricht über die angebliche Schaffung einer internationalen katholischen Or- ganifation beim Völkerbunde in Genf, bei dem Heiligen Stuhl sowie allen übrigen m Betracht kommenden Stellen sei von einem derartigen Projekt nichts bekannt.
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Sämtliche in Genf anläßlich her Tagung des vorbereitenden Ausschusses für die W eltw irt- schaftskonferenz anwesenden dem Verband der im Völkerbund beglaubigten Journalisten angehörenden PressevertrÄer haben an den General- sekretär ein Schreiben gerichtet, in bem sie gegen bie zum 1. November erfolgte Aushebung her feil Bestehen des Völkerbundes gewähren Presse- erleichterungen im internationalen Telephonverkehr Protest erheben und die Wiederherstellung dieser Privilegien fordern.
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Der Mandatsausschuß des Völkerbundes hat in geheimer Sitzung ben endgültigen Bericht der französischen Regierung über die Verwaltung Syriens und des Libanon im Jahre 1925 unb über die Ursprung der Verantwortlichkeit des Drusencnifstandes behandelt. Der Ausschuß, der bereits im Februar d. Js. in Rom einen provisorischen Bericht der französischen Regierung ezit- gegengenommen hatte, beschränkte sich, wie es in der Mitteilung des Generalsekretärs heißt, darauf, von de Craix, dem früheren Generalsekretär und französischen Oberkommissar in Syrien unb von Clauzel, dem Leiter der Abteilung für den Völkerbund am Quai d' Orsay, Ergänzungen über die Handhabung des Gerichtswesens und über bie Grenzziehung zwischen dem Irak und Syrien, über die Vereinbarungen von Angora und über die Lage her armenischen Flüchtlinge in Syrien einzuholen. De Craix, der außerdem allgemeine Angaben über die gegenwärtige Lage in Syrien machte, erfiärte, daß Frankreich die von de Jouvenel unb vom Mandatsausschuß genehmigte Politik in Syrien fortsetzen werde.
Quebegeeft, Generalsekretär her Internationalen Gewerkschaftszentrale in Amsterbam, begrün» bete abenbs vor einigen Pressevertretern die von Iouhaux gemachten Vorschläge in Bezug auf bas Programm her kommenden W e lt wi r ts ch a fts- konferenz. Er betonte, daß nach Auffassung der Internationalen Gewerkschaftszentrale di« Möglichkeit der Arbeitsbeschaffung nicht gebessert werden kann, ehe nicht die Währungsftage geregelt ist und damit Kaufkraft und Verbrauch wieder vermehrt werden. Die nationalen und internationalen Kartelle, die vom Standpunkt des Erzeugers vorteilhaft, aber vom Standpunkt des Ver- brauchers unvorteilhaft feien, müßten im Interesse des Verbrauchers durch Garantien gegen eine preisfteigernbe Wirkung vervollständig werden. Auf dem Gebiete der Handelsproblem"verlangten die Gewerkschaften dieBeseitigungderZojl- schranken, die nicht nur gegen die Interessen der Verbraucher, sondern auch her Erzeuger seien. Ohne Niederreißung feiner Zollmauern werde sich Europa nicht non Amerika unabhängig machen können. Zur Sicherung her Weltwirtschaftskonferenz begründete Quedegeest schließlich bie Vorschläge Iouhaux auf Schaffung eines ftänbigen wirtschaftlichen Instituts, bas durch bie periobische Abhaltung von Wirtschaftskonferenzen bie normale Auswirkung her Beschlüsse her Wirtschaftskonferenz zu gewährleisten hätte und daburch bie Fortsetzung ber Arbeiten her Konferenz burch häufiges Zusammentreten befonbers bes internationalen Wirtschafts- rates, dem Vertreter ber Industrie, ber Lanbwirt- schaft, bes Handels, ber Finanz, ber Arbeiter unb Verbraucher angehören, ermöglichen würde.
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Der Vorsitzende ber Interalliierten Kontrollkommission in Deutschland, Divisionsgeneral Walch, ist für bie Dauer seiner Tätigkeit mit bem Rang unb ben Befugnissen eines Armeekorps- kommanbanten beleihet worden.
Politische Montags-Prügelei.
Am Sonntag haben sich bie Rechts- unb Links- rabifalen in Neu-Kölln (früher Rixborf) geprügelt. Aber auch am Mon ta g abenb kam es zwischen ben gleichen Richtungen im Bannkreis ber Stabt Berlin, disemal in Treptow, zu heftigen Zusammenstößen. Mehrere Iungdoleute würben burch Steinroürfe erheblich verletzt. Dor einem Lokal, in bem bie Völkischen einen Werbe- abenb veranstalteten, kam es ebenfalls zu wüsten Schlägereien mit Linksrabikalen. bei benen mehrere Personen verletzt würben. Die Polizei nahm eine Reihe von Verhaftungen vor. Als einige her Festgenommenen zu fliehen versuchten, machten bie Polizeibeamten von ihrer Waffe Gebrauch, ohne daß jeboch jemanb verletzt würbe. In später Abenbstunbe dauern bie Schlägereien noch an.