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Ainewer für die Sfahf und den Kreis ,^ulda. Amfliches Kreisbfafk.

Nr. 254. |

S'Wint sechsmal wSckientlich. SPodjenbefTogetf Illustrierte Bet- a«e" und Buch end'Stter" Rotationsdruck und Verla« der Fuldaer Actiendruckerel in Fulda. Fernsvrecker Nr 9.

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Mittwoch, 3. November 1926.

'lnreigeu» vre'ie! ikleinzeile «Colonel) okoi ll.lb Re>ch«mar luSwlirtS 0.20 Reichsmark. Reklame,eile- lokal 0.6( Reichs mar! auswärts 0.80 Reichsmark.

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3ahrg. 53.

Thoiry.

In der Montags-Sitzung des sogenannten T h o i r y - A u s sch u sse s des Reichskabi- n e t t s, der aus dem Reichsminister des Aeußeren. dem Reichsfinanzminister und dem Reichswirt­schaftsminister besteht, erstatteten die Minister Be­richt über das Ergebnis der Beratungen zwischen den einzelnen Ministerien.

Der Auswärtige Ausschuß des Reichs­tages trat am Dienstag vormittag unter dem Bor­sitz des Abgeordneten Hergt zusammen, um Be- svrechungen über Thoiry weiter fortzusetzen. Der Reichsaußenminister Dr. Stresemann behan­delte in ausführlichen Darlegungen diese Frage.

Der Finanzausgleich.

Die Finanzminister der deutschen Länder, die am Dienstag die angekündigte Besprechung mit dem Reichsfinanzminister Dr. Reinhold über den Finanzausgleich haben werden, waren bereits am Montag zu einer Vorbesprechung in Berlin zu­sammengetreten, in der sie sich über ihre Wünsche aussprachen, die einige Abweichungen je nach dem finanziellen, wirtschaftlichen oder industriellen Cha­rakter der Länder zeigen. Dor allem gehen die Wünsche der Länder dahin, daß anstelle der Ueber- weisung von 75 Prozent aus der Einkommensteuer, 90 Proz. den Ländern überwiesen werden. Die Reichsregierung nimmt hier einen ablehnenden Standpunkt ein. Eine weitere Forderung der Län­der betrifft die Auftechtechaltung der Reichs­garantie für die Umsatzsteuer, trotz der Senkung dieser Steuer, die den Reichsfinanzminister veranlaßte, die Garantie von 1500 Millionen auf 900 Millionen herabzusetzen. Ferner ist vom Reichs- finanzministerium der Wegfall des § 35 des Fi­nanzausgleichgesetzes vorgesehen, der die besondere, Garantie für das Kopfaufkommen aus der Einkommen- und Körperschaftssteuer gewährt.

* Wegen Beleidigung des Reichspräsidenten und wegen Vergehens gegen das Republik-Schutzgesetz wurde von dem Großen Schöffengericht Berlin der verantwortliche Redakteur der .Roten Fahne*, Haus- wirth, zu neun Monaten Gefängnis verur- teilt. Die beiden Vergehen wurden von dem Gericht in dem im Juli d. I. erschienenen GedichtAchtung Hunde! eine Tierfrage aus dem Hundereich" erblickt.

D r Kchtstundentag.

Die deutschen Unternehmeroerbände zur Frage der Arbeitszeit.

Die deutschen Unternehmerverbände verbreiten als Erwiderung auf die von den Spitzenorganisa- tionen der deutschen Arbeitnehmer veröffentlichte Entschließung, in der zur Behebung der Ar­beitslosigkeit die sofortige Wiederherstellung des Achtstundentages im Wege eines Notgesetzes verlangt wird, eine Erklärung, in der sie ausfüh­ren, daß ein solcher Eingriff in die Produktions­grundlagen der deutschen Wirtschaft nach der wirt­schaftlichen Seite hin eine Verminderung der Pro­duktionsleistung und damit eine P r e i s ver­te u er u n g mit allen ihren verhängnisvollen Fol- gen nach innen und außen nach sich ziehen müßte. Dieser Schritt würde die jetzige Arbeitslosigkeit nur noch verstärken. Die Unternehmerverbände wen­den sich warnend sowohl an die Reichsregierung als auch an die politischen Parteien mit der dringenden Ditte, das dem gesamten Volke drohende Unheil abzuwehren.

wtb. Genf, 2. Roo. (Eig. Funkm.) Der Direk­tor des internationalen Arbeitsamtes, Albert Thomas, ist von London zurückgekehrt, wo er mit Vertretern der meisten britischen Domi­nions zusammengekommen ist, welche bekanntlich Mitglieder der internationalen Arbeits - Organisa- tton seit ihrer Gründung sind. Infolge des bun­desstaatlichen Charakters ihrer Verfassungen konnten die Dominions bisher nur einen kleinen Teil der Arbeitsübereinkommen ratifizieren. In Kanada und A u st r a l i e n haben die Bundes­regierungen die Abkommen-Entwürfe offiziell den Bundesstaaten mit einer besonderen Empfehlung zugestellt mit dem Erfolg, daß in zahlreichen Ein» zelsta a t e n die Bestimmungen in Kraft ge - treten sind._________

Das Reichsschulgesetz vor dem Reichsrat. Wie zuverlässig verlautet, wird daS Reichsschulgesetz noch in der ersten Novemberhälfte vor den Reichsrat ge» langen und wahrscheinlich in allernächster Zeit dem Kabinett vorliegen.

* Albanische Regierungsbildung. Einer Blätter­meldung auS Tirana zufolge ist der albanische Ge­sandte in Belgrad, Cena Beck, berufen worden, die neue albanische Regierung zu bilden.

Das Ergebnis der Sachsenwahlen.

wachsen noch röter als bisher.

Wenn je eine Reichs- oder Landtagswahl seit 1908 alle Kombinationen über den Haufen gewor­fen hat, so ist es, wie das sächsische Zentrumsblatt schreibt, die jetzige Wahl zum sächsischen Landtag. In diesem Ausmaß hätte kaum jemand das Resul­tat Voraussagen können. Wenngleich man damit rechnen, mußte, daß die Rechtsparteien mit bedeutenden Verlusten aus dem Kampf hervorgehen würden, so hätte man solche Verluste doch nicht erwartet. Die Deutschnationalen, die bei den Reichstagswahlen 1924 ganz bedeutenden Zuwachs erhielten, haben jetzt geradezu k a t a st r o- p h a l abgeschnitten. Ihre Stimmenzahl ist von 546 946 auf 341 065 gesunken. Im Verhältnis zu den Landtagswahlen von 1922 ist natürlich der Stimmabfall nicht s o gewaltig. Aber immerhin sin­ken sie von 19 Abgeordneten auf 14. Aehnlich lie­gen die Dinge bei der Deutschen Volkspar - t e i. 1924: 409 721 Stimmen, heute: 292 079. Sie haben von 19 Abgeordneten nur 12 erhalten kön­nen. Am katastrophalsten ist die Wahl für die D e - mokraten ausgegangen. 1924: 192 032 Stim­men, heute: 111351, sie erhalten von 8 Abge­ordnetensitzen noch glücklich 5.

Aus all diesen Verluststimmen der drei genann­ten Parteien haben sich die neuen: die Wirt­schaftspartei und die Partei für Aufwer­tung ausbauen können. Während die Wirtschafts. Partei 1922 nur ein paar tausend Stimmen auf­bringen konnte, kam sie 1924 bereits auf 124198 unö heute auf 237 462. Das ist ein ganz gewaltiges Anwachsen, sie rücken zum erstenmal in den Land­tag und erhalten sogleich 10 Sitze. Die Aufwer- tungspartei, die 1922 noch gar nicht, 1924 mit nur 18 926 Stimmen auf den Plan trat, hat es jetzt auf 98 258 Stimmen gebracht. Säe erhalten 4 Mandate. Die Nationalsozialisten (Hltlergruppe) traten 1922 überhaupt noch nicht auf, hatten dann aber 1924 bereits 67 703 Wähler, und heute sind sie wieder auf rund die Hälfte der Stimmen (37 736) herabgesunken. Sie rücken mit nur 2 Ab­geordneten in den Landtag.

Zum erstenmal sind in diesem Wahlkampf die Sozialisten getrennt marschiert: die 23 gemä­ßigten Sozialdemokraten, die eine eigene Partei unter dem NamenAlte sozialdemokratische Partei (A.S.P.D.)" gegründet hatten, und die 17 Radi­kalen unter dem Namen Sozialdemokratische Par­tei (S.P.D). Zusammen hatten diese beiden Par­teien 1922: 1060 247 Stimmen, 1924: 936 206 und heute: 856 168 (davon die A.S.P.D. 98 026 und die S.P.D. 758 142). Auch die Sozialdemokraten ha­ben also in bezug auf ihre früheren Ergebnisse Ver­luste erlitten. Die A.S.P.D. wird mit 4 und die S.P.D. mit 31 Sitzen vertreten fein, während sie bis jetzt zusammen 40 Sitze hatten. DieSommu« nisten haben von den Parteien, die bis jetzt im Landtag waren, den einzigsten und größten Erfolg zu verzeichnen. Während sie 1922 266 864 und 1924 294 458 Stimmen zählten, brachten sie jetzt 342112

Stimmen auf. Ihre Abgeordnetenzahl war bisher 10, nunmehr 14.

Und das Zentrum? Auch dieses Mal ist kein Zentrumsabgeordneter in den Landtag hin­eingekommen. Es hat sich u m r u n d 5 0 0 S t i m- men gehandelt, um die die Gesamtzisser der Zen­trumswähler hinter der auf einen Abgeordneten entfallenden Wahlziffer zurückliegt. Die Wahlziffer (bekanntlich jene Zahl, die man erhält, wenn die Gesamtsumme aller abgegebenen Stimmen durch die Anzahl der Abgeordnetensitze im Sächsischen Landtag 96 geteilt wird) beträgt 24 558 und die Zahl der Zentrumsstimmen 24 059. Wie ist dieses Resultat zu beurteilen? Ist es entmutigend für das Zentrum in Sachsen überhaupt? Wird es sich noch lohnen, und hat es in Zukunft überhaupt noch einen Zweck, für die Partei der Mitte zu propagieren und kandidieren? Offenbar wird sich die Wählerschaft diese Frage vorlegen.

Die Antwort kann nur der gewinnen, der sich die nackten Zahlenoerhältnisse der verschiedenen Jahre vorlegt. Im Jahre 1920, als Heßlein kan­didierte und wirklich in den Landtag gewählt wurde, brachte das Zentrum 22 731 Stimmen auf. Im Jahre 1922, als Wels kandidierte, und kein Ab­geordnetensitz errungen wurde, kamen 22 611 Stim­men zusammen. Während der letzten Reichstags- wähl 1924: 25 893 Stimmen. Und jetzt: 24 059. Die Reichstagswahlen von 1924 kann man für das Zentrum schlecht als Vergleich heranziehen, denn da­mals kandidierte der deutsche Reichskanzler Marx und dessen Name, der in der Oeffentlichkeit stark propagiert wurde, hat offenbar eine gewisse Wäh­lerzahl herangezogen, die sich sonst gar nicht zum Zentrum rechnen. Man kann also nur einen wirk­lichen Vergleich mit 1922 machen. Und in diesem Sinne hat das Zentrum jetzt VA tausendStim- men gewonnen. Das bedeutet gegenüber den anderen Parteien, den Deutschnationalen, der Volkspartei und den Demokraten ein wahrscheinlich nicht zu unterschätzendes Prestige, denn diese drei Parteien haben ja (auch im Vergleich zu 1922) bis zu 40 Prozent ihrer Wählerschaft verloren. Die Zen­trumspartei ist von den früheren im Landtag ver­tretenen Parteien (abgesehen von den Kommuni- ften) die einzige Partei, die nicht nur ihren Stand wahrte, sondern ihn sogar überflügelte. Wir ha­ben sogar noch 1300 mehr als seinerzeit im Jahre 1920 bei der Wahl Heßleins, der wirklich in den Landtag hineinkam. Die Wahlbeteiligung ist jetzt im Verhältnis hoch gewesen und somit stieg auch die Zahl, die das Zentrum erreichen mußte, um einen Kandidaten durchzubringen.

Aus dieser Wahlstatistik zieht das sächsische Zen­trum den Schluß: nun e r ft recht gearbei­tet! Das nächste Mal m u ß es klappen.

Die sächsische bürgerliche Presse kommt in ihren Wahlbetrachtungen vielfach zu dem Schluß, daß die Tage eines selbständigen Landes Sachsen gezählt seien und Sachsen besser fahren würde, wenn es sich alsReichsland erklärte.

Ein Knabe schießt auf Mussolini.

Das vierte Attentat hat am Sonntag abend der italienische Diktator Mussolini glücklich überstanden. Er hatte in Bologna ein Stadion eingeweiht und war auf der Fahrt nach dem Bahnhof. Da fiel ein Schuß aus der Spalier bildenden Menge. Die von dem Attentäter auf den Ministerpräsidenten abgefeuerte Kugel zerriß dis grüne Schärpe des Großkordons des Mauritius-ordens und die Uniform Mussolinis und durchschlug dann den Aerrnel des neben Mussolini sitzenden Bürgermeisters von Bo­logna, Puppini.

Nach den später eingecyangenen Meldungen ist das Revolverattentat auf Mussolini von einem fünf­zehnjährigen Knaben mimens Anteo Zamboni verübt worden. Der Täter wurde auf der Stelle durch 14 Dolchstiche vonoen Faschisten getötet.

Der 15jährige Zamboni stammt aus einer der besten Bologneser Famllren. Sein Vater ist der angesehene Drucker ei besitzer Zamboni. Der Attentäter trug ein Schwarzhemd und einen roten Gürtel und hatte sich hinter den Spalier bilden­den Truppen versteckt. Im Laufe des kurzen Hand­gemenges, bei dem Zamboni erstochen wurde, sol­len noch 2 Faschisten verwundet worden sein. Wie man sagt, hat der junge Zamboni aus persönlicher Initiative feine Tat begangen. Die Polizei soll aber vor der Ankunft Mussolinis in Bologna Ma­nifeste beschlagnahmt haben, in denen es hieß:Der Duce wird aus Bologna nicht lebend herauskom- men.* Infolgedessen hat die Polizei weiter strenge Maßnahmen ergriffen und wie man sagt, 2000 Verdächtige provisorisch in Haft genommen.

Der französische. Außenminister B r i a n d hat an Mussolini anläßlich des Mißlingens des gegen ihn gerichteten Attentats ein Glückwunsch­telegramm gerichtet.

Montag abend sand in Rom auf der Pizza Co­lonna eine große faschistischeKundgebung statt, bei der Mussalini lang anhaltende Ovationen dargebracht wurden. Der Generalsekretär der fa­schistischen Partei, T u r a t i, hielt von dem Balkon des Hauses der Pressevereinigung eine Rede, in der er erklärte: Die Faschisten wollen die Todesstrafe nicht nur für den, der das letzte Attentat verübt hat, sondern auch für Die, die ihn dazu verleitet haben. Turati fügte hinzu, er werde im Großen faschisti­schen Rat fordern, daß die Todesstrafe auch sofort auf Zamboni, Capello und Luretti Anwendung finde. Die Faschisten nähmen alle Gesetze und jeden Richter an, unten: der Bedingung, daß der Urteils­spruch auf Todesstrafe laute. Zum Schluß erklärte Turati, daß die Faschisten dem Duce er­klären würden,, daß sie bereit seien, ihm zu gehor­chen, unter beir Bedingung, daß er nicht vergesse,

daß in seinem Leben die Größe, Gerechtigkeit und Macht der Nation vereint sei.

*

Der Generalsekretär der Faschistischen Parte! hatte mit dem Innenminister eine längere Unter­redung. Für den 5. November wird der große R a t einberufen. In Rom ist die Legion der Mi­liz mobilisiert worden.

Erst jetzt wird bekannt, daß in Bologna außer gegen die Redaktion und Druckerei desMondo" und desVoce Republicana" auch andere Aus­schreitungen vorgekommen sind. So wurden u. a. die Wohnung des Leiters desMondo" und die Parteilokale der Maximalisten, der Unitarier und Republikaner verwüstet. In Mailand wurde die Druckerei desAvanti" und derHnita" zerstört sowie ein Redakteur verprügelt. Die fa­schistischen Führer erließen sofort einen Aufruf, welcher jede Gewalttat verbietet und für den Fall von Ausschreitungen mit dem Ausschluß der Partei und gerichtlicher Verfolgung bedroht. Das fran­zösische Konsulat wurde streng bewacht. In Mai­land und in anderen Städten haben große Freu­denkundgebungen aus Anlaß der Errettung Musso- linis stattgefunden. In $ e n t i m i g l i e an der französisch-italienischen Grenze kam es zu Streitig- teilen mit französischen Eisenbahnern und zu Kund­gebungen gegen Frankreich.

DieTribuna" berichtet u. a. noch folgende Ein­zelheiten über das Attentat in Bologna: Nachdem der Urheber des Anschlages gelyncht war, wollte eine Gruppe Faschisten den Leichnam an einer L a- ferne aufhängen, was vom Unterstaatsfekre- tär Balbo verhindert wurde. Die Leiche wurde dann zur Polizei übergeführt. Die gesamte Fa­milie des Attentäters wurde festgenommen. Man hält persönliche Initiative des Attentäters für aus­geschlossen.

DasJournal d' Italia" berichtet von weit­gehenden Sicherungsmaßnahmen, die aus Anlaß des Besuches Mussolinis in Bologna getroffen wa­ren: Alle in den von dem Ministerpräsidenten zu passierenden Straßen gelegenen Häuser waren durchsucht worden. Keiner der Bewohner konnte an dem Tage der Anwesenheit des Duce Be­suche empfangen, die nicht von der Polizeimiliz ge­nehmigt worden waren. *

Wie verlautet, ist dem Chefredakteur desMon­do" die Erlaubnis, feine Tätigkeit auszuüben, ent­zogen worden. Gleiche Maßnahmen sollen in anderen Städten getroffen werden.

Ir. Wer zu den Landsberger Prozessen.

Schwärze Reichswehr, flrbeitsftommanöos und Zeitfreiwillige.

Im Anschluß an den Landsberger Prozeß hat Reichswehrminister Dr. Geßler Veran­lassung. gemwunen, imB. T." die Begriffe Schwarze Reichswehr", Arbeitskommandos und Zeitfreiwillige in kurzen Ausführungen zu klären. Der Minister schreibt u. a.:

Es hat niemals eine Schwarze Reichswehr gegeben, d. h. eine zweite Armee oder besondere Formation neben der durch den Vertrag von Ver­sailles fcftgelegten Reichswehr, die von der Reichs­regierung oder vom Reichswehrministerium als solche anerkannt oder gefördert worden wären. Wohl aber hat es '«die Schwarze Reichswehr gegeben, als Idee, als Plan, und vor allem als Propa­ganda bestimmter '.Kreise in Deutschland, die von der Ueberjeugung aus,gingen, daß die gegenwärtigen, durch den Versailler Vertrag festgelegten Machtmit­tel weder zur Verteidigung des Vaterlandes nach außen, noch zur Abwehr großer Erschütterungen im Inland genügend seien. Sowohl der General v. Seeckt wie ich selbst haben immer uns mit der größten Bestimmtheit öffentlich und dienstlich g e gen diese Idee gewehrt, weil sie abgesehen von ihrer Illegallität militärisch gesehen ganz un­möglich ist. Infolgedessen hat die Bewegung auch nie irgendeine Unterstützung der Reichsregierung bekommen.

Arbeitskommandos sind etwas durchaus Legales, im Vertrag von Versailles Vorgesehenes. Wir beschäftigen ständig eine zahlreiche Arbeiter­schaft in allen Heeresbe trieben. Die Eigenart der im Jahre 1922-23 ein getrifteten Arbeitskommandos beruhte vor allem darauf, daß unsere Festungen im Osten, die als System nach dem Versailler Ver­trag ausdrücklich zugelassen sind, wieder instand ge­setzt werden mußten. Diese Arbeitskommandos wurden teilweise mit Ceutien aus dem soeben aufge­lösten oberschlesischen Selb st schütz ausge­füllt. In den sogenannten sensationellen Eröff- ungen über Zusammenwirken zwischen Reichsregie­rung und preußischer Regierung ist nur das richtig, daß sie sich allerdings gemeinsam um die Unter­bringung dieser Leute bemüht haben und inso­fern ein Zusammenwirken der beiderseitigen Behör­den erfolgte. Den Minister Seoering in einem an­deren Zusammenhang mit diesen Sachen in Ver­bindung zu bringen, ist lächerlich. Diese Ar- beitskvkmmandos sind in keiner Verbindung mit der Truppe gewesen. Soldaten sind die Angehöri­gen der Arbeitstruppe nie gewesen, weder in dis­ziplinarischer noch in militärisjchstrafrechtlicher Hin­sicht. Daß sie auf dem ihnen übertragenen beson­

deren Arbeitsgebiet Ausgezeichnetes geleistet Haber.» hervorzuheben, ist meine Pflicht.

Etwas ganz anderes find die sogenannten Zeit, f r e i w i 11 i g en gewesen, d. h. Leute, die im Jahre 1923 eingestellt wurden, aber nicht, wie dies im Vertrag von Versailles vorgesehen, auf zwölf Jahre, sondern für kurze Zeit, mindestens fünf bis sechs Monate. Viele Kommandeure stellten damals Leute für kurze Zeit ein, um wenigstens einiger­maßen die Verwendungsfähigkeit ihrer Truppe in den damals kritischen Zeiten aufrechtzuerhalten. Mit meiner Zustimmung geschah dies, als im Sommer 1923 sich die Dinge in Deutschland zum Bürger­krieg zuzuspitzen drohten, und der Chef der Hee­resleitung die Auffassung vertrat, daß bei einem großen Bürgerkrieg die Kräfte der Reichswehr nicht ausreichend feien. Die Zahl von 100 000 Mann ist nie überschritten worden. Die alliierten Mächte konnten sich der Notwendigkeit dieser Maßnahme im Hinblick auf die innere Lage Deutschlands nicht verschließen. Ihre Aushebung erfolgte, als die Vor­aussetzungen hinfällig wurden. Ich habe diese Dinge vor Jahr und Tag im Reichstag ganz offen besprochen und trage dafür die Verantwortung vor der Geschichte.

töas Seoering sagt.

3m Landsberger Fememordprozeß hatte der An­geklagte Oberleutnant Schulz die Behaup­tung ausgestellt, daß auch der preußische Innen­minister Seoering von den Arbeitskommandos ge­wußt und ihre Tätigkeit gebilligt hätte. Die Redaktion desMontag Morgen" hat Seoering ge­beten, zu diesen Angaben Stellung zu nehmen. Se» vering hat demMontag Morgen" eine Antwort gesandt, in der es heißt:

Wenn die Schulzschen Behauptungen von den Zeitungen richtig wiedergegeben sind, daß die von Schulz geleiteten Arbeitskommandos mit Wissen des preußischen Ministers aufgestellt oder aufgefüllt worden seien oder daß der preußische Innen­minister an dem Zustandekommen der Geheimorga­nisationen beteiligt gewesen sei, dann brauche ich der Kennzeichnung dieser Aeußerung durch den Amtlichen Preußischen Pressedienst nichts hinzuzu- fügen. Wenn irgendeine Amtsstelle in Deutschland bemüht gewesen ist, den Grundsätzen Achtung zu ver­schaffen, daß nur derjenige Waffen tragen soll, der nach den Bestimmungen der Verfassung und der Gesetze dazu berufen ist, dann war es das Preußische Innenministerium. Es darf gesagt wer­den, daß der Küstriner Putsch nicht'zuletzt um deswillen mißlang, weil die Arbeitskommandos