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Sonntag, 31. Oktober 1926.

Fuldaer Zeitung

s. Blatt.

Druck der Fuldaer Acliendruckerei, Fulda

Erfurt.

Von unserem besonderen Vertreter:

Im Jahre 742, unter der Regierung des Pap­stes Zacharias, errichtete Bonifatius, der große deutsche Apostel, in Erfurt ein Bistum. Jahrhun­derte hindurch war Erfurt Mittelpunkt des leben­digsten Katholizismus. In der Zeit seiner Hoch­blüte, um die Wende des 15. Jahrhunderts, hatte Erfurt 37 Kirchen und Kapellen und 14 Klöster. Dann kam die Zeit der Reformation und der Tätig­keit Luthers in Erfurt, wo er als Mönch in den Jahren 1505 bis 1511 im Augustiner-Kloster weilte. 1631 zog der Schwedenkönig Gustav Adolf in Er­furt ein. 1757 nimmt Friedrich der Große vor der Schlacht bei Roßbach in ihr Quartier. Eine wech- felvolle Geschichte, die Erfurt einmal an Preußen, einmal an Frankreich, dann wieder an Preußen bringt, entwickelt sich in der Folgezeit, in der Er­furt zur Großstadt herangedeiht. Heute zählt es 140 000 Einwohner. In der politisch-religiösen Ge­schichte des deutschen Volkes hat es wiederholt eine große Rolle gespielt. Man erinnere sich nur an die im Jahre 1886 erfolgte Gründung des Evangeli­schen Bundes in Erfurt und an das Erfurter Pro­gramm der Sozialdemokratie vom Jahre 1891.

3n der „Stadt der Kirchen und Türme", die heute noch 14 katholische und 11 protestantische, fast durchweg ehemals ebenfalls katholische Kirchen, dazu noch ein Dutzend Ruinen und Trümmer ehedem katholischer Kirchen enthält, und trotzdem eine Stadt der Diaspora ist, in der nur knapp 10 Prozent der Bevölkerung Katholiken sind, tagte nun der Reichsparteiausschuß der Deutschen Zentrumspartei. Anfänglich gedacht als eine interne Veranstaltung, die sich lediglich mit or- ganifatorischen Fragen beschäftigen sollte, die den Stand und den gesamten Organismus der Partei in Stadt und Land zu prüfen und zu vervollkomm­nen hatte, wuchs das Programm der Tagung je­doch weiter über dieses ursprünglich gesetzte Ziel

Bedingt durch wichtige außen- und innen­politische Vorgänge der letzten Zeit, namentlich ver­anlaßt durch Erörterungen auf verschiedenen Par- teitagen anderer Parteien, sah sich die Zentrums­partei gezwungen, auch ihrerseits bei dieser Ver­anlassung zu den schwebenden großen politischen Fragen Stellung zu nehmen. Als zielweisend hier- für sind die Ausführungen des R e i ch s k a n z l e rs, Zugleich Chef der Gesamtpartei ist, anzusehen, die ihre Ergänzung nach der innenpolitischen Seite durch die programmatische Rede des Abgeordneten oo s und nach der außenpolitischen Seite hin durch die außerordentlich bedeutsamen Darlegungen des Abgeordneten K a a s erfahren.

So wird Erfurt in der Geschichte der Deutschen Zentrumspartei eine wichtigen Markstein bilden.

Die Forderungen der Standesherren. Die vertretet der ehemaligen Standesherren und der so- genannten depossedierten Fürsten in Preußen sind laut,B. an das preußische Staatsministerium 'Uft dem Ersuchen um V erhandlungen über bnndunqsansprüche heranqetreten, die die chemaligen Steuer- und Abgabenrechte, die auf den Staat ubergeaangen sind, betreffen.

* Nachfolger in Königsberg. General- major Freiherr o. Esebeck, bisher Jnfanterie- fuhrer 3, ist vorn Reichspräsidenten zum Komman­deur der 1. Division und Befehlshaber im Wehr­ders I ernannt worden. Der in der Presse als Nachfolger des Generalleutnant Heye genannte Generalleutnant Reinicke ist in seiner Stellung als Chef des Heeresperfonalamts noch nicht entbehrlich.

* Millionenstrafe für einen Spritschniugglcr. Die Hamburaer Strafkammer verurteilte den bis. herigen Geschäftsführer der Hrnnburg-Altonaer Wirte« Einkaufsgenossenschaft, der 60000 Liter Feinsprit aus dem Freihafen geschmuggelt hatte, zu fünf Monaten Gefängnis und 1,3 Millionen Mark Geld- strafe. In den letzten Monaten sind von Hamburger Gerichten gegen Spritschmuqgler insgesamt Geld- strafen in Höhe von 20 Millionen Mark verhängt worden.

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Rund um die Woche.

Das schielende Fräulein. — Die Jungfrau mit den adjt Seligkeiten. — Miautse. — Abendland und Abendländerei. — Genies und Plaitköpse der Naturwissenschaft.

Von einem Fräulein soll heute gesprochen wer­den, von einem Orientalistenkongreß und von einer naturwissenschaftlichen Sache. Das hängt zwar mit­einander zusammen wie Strumpf und Bändel, wo­mit nicht gesagt sein soll, daß das Fräulein ein Blaustrumpf war. Aber dafür habe ich doch auch eine Disposition, und die ist im Lande der Schul­meister immer noch unerläßliche Bedingung eines guten Aufsatzes. Also zunächst von dem Fräulein, das neben verschiedenen guten Eigenschaften, die sie besaß, eine sehr merkwürdige hatte. Gute Eigen­schaften an ihr waren ein paar schöne braune Au­gen, so richtige Rehaugen, eine energische Figur, ferner der Umstand, daß sie verlobt ist und endlich überhaupt eine gewisse Solidität, die trotz großer Neigung für Schokolade und Konfekt sich immer siegreicher durchsetzt. Die merkwürdige Eigenschaft an ihr, das war aber, wenn ich es so nennen soll, ein ständiges Schielen nach oben. Sie sitzt da zum Beispiel und näht an der Aussteuer. Dabei denkt sie, abgesehen von dem Bräutigam, an den sie immer denkt, oder vorsichtiger gesagt, dem sie dauernd erklärt, daß sie einzig an ihn denke, was in diesem Falle übrigens nicht etwa an die a r m e n Leute, die heute überhaupt keine Aussteuer mit in die Ehe nehmen können, und die das Allernotwen­digste aus dem gewöhnlichen Tuch zusammenschnei­dern, sondern sie denkt vielmehr immer an die bes­sere und beste Gesellschaft, an die feinsten Stoffe, an die zartesten Federn, an die teuersten Möbel und an die kostbarsten Spiegel. Nun muß Tafel­geschirr eingekauft werden. Bestes Fräulein, schau nach unten, wo es blecherne Töpfe gibt, Tassen aus Steingut, Teller aus minderwertigem Porzel­lan, aber hör um Eatteswillen auf zu schielen nach dem glitzernden Kristall, das dir ja doch eines Ta­ges die „Perle" zerbrechen wird. (Was vom Fräu- lein gilt, gilt übrigens auch von vielen Frauen!) Dieses Schielen nach oben ist heute geradezu eine Epidemie geworden, wobei denn das Elend da unten fo_ leicht übersehen wird. Von den ganz Rei­chen hoffe ich einstweilen, von einigen ehrenwerten Ausnahmen abgesehen, nicht gar viel für die ganz Armen. Der Weg vom einen zum anderen ist zu weit. Aber der gute deutsche Bürger st and, der in der Mitte steht, der könnte noch wohl helfen. Da kenne ich eine Frau, die nun ihren letzten Jun­ten versorgt hat. Sie ist das Sorgen gewöhnt und kann ohne dem gar nicht mehr leben. Was tut sie nun? Sie ist in der Bahnhofsmission tätig, sie be­sucht arme Familien, macht bedrängten Müttern Mut, sammelt etwas Geld für sie bei ihren Be­kannten, hilft Strümpfe stricken und Hemden nähen und gibt bei all dem manch gutes Wort dazu. Den Segen verspürt sie zunächst selber, denn erstens bleibt sie jung, zweitens ist sie innerlich immer froh und drittens wird sie niemäls zu jenen unglück­seligen alten Jungfern gehören, die alle acht Seligkeiten der Bergpredigt zu verspüren almchen, wenn sie an ihrem Kaffeetisch sitzen und in aller­christlichster Nächstenliebe die ganze Nachbarschaft durchhecheln.

Und nun zum zweiten Punkt meiner Disvosi- tion, zum Orientalistenkongreß, ber' vor einiger Zeit in Hamburg stattfand. Ich bitte — ba sinb 25 Männer in einem Saal, jeder ein ver­dienstvoller Gelehrter, und diese 25 Menschen brüt« fen sich 20 Minuten bis eine halbe Stunde scheu an den Wänden herum und wagen kaum zu flü­stern, weil der „P r o m i n e n t e" zufällig in einem Zespräch ist und sich nicht setzt. Endlich ist bas Gespräch zu Enbe. Der Mann sieht auf. Alles macht Kotau. Wieber und wieder, daß die Frack­schwänze sich bewegen wie der Schlußteil einer Bachstelze. Es ist noch die g u t e a l t e Z e i t. Man wäre versucht, Perrücken zu kaufen. Dabei sind es wirklich brave Gelehrte. Der eine hat 20 Jahre lang nicht anderes getan als irgend einen chinesi- scheu Dialekt betrieben. Dabei hat er sich auf das Strengste an fein Fach gehalten und fühlt heiligste Verantwortung für diese seine kleine Provinz. Du

fragst ihn nach Miautse und Pau, was nämlich südchinesische Dialekte sind. Da lächelt er und gibt herrlischen Bescheid. Lolo aber, das gehört schon nicht mehr zu seinem Fach, darüber weiß er nichts, ja, er würde sich ja unsterblich blamieren und sei­nen ganzen Rus als Fachgelehrter aufs Spiel se­tzen, wenn er etwas wüßte, was nicht zu seinem Miautse gehört. „Nun bin ich bald 50 Jahre", wird er sagen, „und bin die ganze Zeit meinem Miautse treu geblieben. Soll ich so spät noch Ver­rat an meiner Siebe üben, indem ich mich heute in der Welt auch nur einen Augenblick lang mit et­was beschäftige, was nicht Miautse ist?" Allerdings, als Professor Zenker, ein Mann der echten alten Schule, Wissenschafter, Politiker, Kunstenthusiast, Kavalier, ein wirklich feiner alter Herr, mit Pro­fessor Florenz in einen Disput geriet, da wurde man für vieles entschädigt, denn da war auf einmal Geist, Sprache, höchst kultivierte Bildung, Wissen und Menschlichkeit. Aber alles in allem gehörte doch dieser Kongreß mehr ober weniger zu den vie­len allzuüberflüssigen, die heute gehalten werden. Will man Europa bauen, so fange man doch nicht immer beim Dache an, sondern auf dem Boden, dem heimischen Boden der guten, lieben, nahrhaften mütterlichen Scholle. Abendland? Es ist für den einfachen Bauern doch zunächst der Grund und Bo­den, auf dem feine Familie vielleicht tausend Jahre schon sitzt. Man lasse den Luftikus aus so ernsten Dingen, der aus dem großen Gedanken des Abend­landes im Handumdrehen jene sensationelle Abend­länderei macht, die letzten Endes nicht mehr ist als eine sehr dünne öffentliche Suppe, auf ber viel- leikt ein paar Fettaugen für zweifelhaftes Litera­tentum schwimmen. Es gibt Familienväter, bie ihre vaterländische Rolle auf Kosten ihres eigenen Heims und der Erziehung ihrer Kinder spielen und sich noch einbilden, große Idealisten zu sein. Dem Vaterlande wäre aber besser gedient, wenn sie die näheren Pflichten nicht über den ferneren vergessen wollten, und so dient man auch Europa nicht mit einem inhaltslosen Weltbürgertum und sonstigen internationalen Luftblasen. In Genf hätte es am Ende genügt, wenn nur Stresemann und Briand ihr heimliches Frühstück genommen hätten, was sie genau so gut im Hotel Adlon in Berlin hätten be­sorgen können, denn was außerdem dort geredet und getanzt wurde, war doch vollkommen belanglos. Soll Deutschland und Europa wieder hochkommen, so verzichtet es besser auf kostspielige Sensationen, die mit der Inflation ihrer Rethorik nur den Man­gel an Substanz verhüllen.

Und nun tarne ber brüte Punkt: Es hat näm­lich ber bekannte Schriftsteller Granbmaison, einer der Schriftleiter ber Etubes, eine Runbfrage an jene weltberühmten Naturforscher gesandt, bie bei französischen Akademie angehören. Es wurde barir gefragt, ob ein W4 de r s p ruch bestehe zwischer dem Ehristenium und ben neuesten Errungenschgf ten ber Wissenschaft, mit anberen Worten zwischer Glauben unb Wissen. Die über 20 gefragten „Un sterblichen" gaben jeber für sich bie einmütige Ant wort, daß sie einen solchen Widersvruch i p keine, Weise anerkennen könnten. Wie sich doch bi« Zeiten geänbert haben! Auch bas muß man sehen damit man nicht Pessimist werbe. Vor einem hal­ben Jahrhunbert hätten nämlich diese Herren wahr­scheinlich überhaupt nicht geantwortet, ober sie hät­ten, wie unser Haeckel in seinen Welträtseln, im Namen ber Naturwissenschaft jealiche Religion ver­lacht unb verhöhnt. Unb heute? Die „Unsterblichen' der Wissenschaft erklären sich wieber für bie 9ie. Ii.fi ton, was sich vor allem jene Plattköpfe bet wissenschaftlichen Mittelmäßigkeit bei uns merken sollten, bie immer noch glauben unb in ihrer billi. gen Freibenkerweisheit behaupten, bie freie Wissen­schaft von heute könne mit dem „Köhlerglauben" des Volkes nicht bestehen, und es gehe sozusagen jedesmal ein Altarlicht aus, wenn die moderne Physik ein neues Laboratoriumlicht ansteckt. Nur friedlich, ihr Herren: die Altarlichter haben etwas

von den ewigen Sternen, die auszublasen euer Löschhorn nicht reicht, und wenn ihr auch den mit­ternächtlichen Glanz eurer Bogenlampen noch im­mer erhöht, es wird die Sonne doch eurer lachen und in jedem Frührot das Benedicite der Schöp­fung anstimmen.

Der Mann im Monde.

Gewerkschaftliches

— Forderung nach einem Nolgefeh zur Wiederher­stellung des Achtstundentages. Der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund, der Gewerkschaftsring Deutscher Ar­beiter-, Angestellten- und Beamtenverbände und der Allgemeine Freie Angestelltenbund haben in einer am 28. Oktober abgehaltenen Konferenz eine Entschließung angenommen, in der es u. a. heißt: Die unterzeichneten Spitzenverbände weisen auf den Gegensatz zwischen dem ileberstundenwesen und der Arbeitslosigkeit vonMillionen hin und warnen vor dem System der Arbeitszeit­verlängerung. Dienstverkürzung der derzeitigen Arbeitszeit ist die Borbedigung für die Rückführung des Arbeitslosenheeres in die Betriebe. Es bedarf sofortiger gesetzlicher Maßnahmen, um der gegenwärtigen Not zu steuern. Aus diesem Grunde fordern die unterzeichneten Spitzenorganisationen die sofortige Abänderung der gel­tenden Arbeite,Zeitbestimmungen im Wege eines Notge- fetzes zur Wiederherstellung des Achtstundentages.

Neues aus Frankfurt.

— Unfallchronik. In der Friedensstraße geriet eine bis jetzt noch unbekannte Frau unter den Motorwagen eines Straßenbahnzuges. Sie wurde in bewußtlosem und schwerverletztem Zustande im Krankenhaus einge­liefert. — Im Stadtwald hat ein hiesiger Kaufmann Selbstmord verübt. — In der Arnsburgerstraße stürzte ein Invalide ein Treppenhaus hinunter und brach sich die Wirbelsäule. Er war sofort tot.

— Ausstellung „Alte Baukunst in Hessen-Nassau". In den Räumen der Staatlichen Baugewerkschule zu Frankfurt a. M. findet vom 31. Oktober bis 7. Novem- ber eine Ausstellung von Photographien, Zeichnungen, Bildern und maßstäblichen Aufnahmen von Bürgerhäu­sern aus fünf Jahrhunderten statt, die am 31. Oktober er­öffnet wird und täglich unentgeltlich zu besichtigen ist. Es sind mit großem Fleiße die hervorragendsten Sau«, ten auf diesem Gebiet aus Frankfurt, Hanau, dem Rheingau, von der Lahn, dem Westerwald, aus Her­born, Marburg, Fritzlar, Frankenberg, aus den Werra- ftäbten Mendorf, Wanfried, Witzenhausen, aus Kassel, kurz aus der ganzen Provinz Hessen-Nassau zusammen­getragen.

— Eröffnung des Selbstanschlußamtes Earolus. Die Einschaltung des Selbstanschlußamtes Carolus erfolgt in der Nacht vom 30. zum 31. Oktober. Vom Augenblick der Inbetriebnahme gelten außer den fünfstelligen An­schlußnummern die neuen Bedienungsvorschriften.

wie wird das Wetter?

Auf der Südseite einer breiten, sich von der Biskaya nach Finnland sich erstreckenden Tiefdruckrinne herrscht auch in unserem Gebiet meist trübes, regnerisches, aber mildes Wetter. Da sich über Südwesteuropa immer wieder neue Druckstörungen ausbilden, so ist auch bei uns mit Fortdauer der Niederschläge zu rechnen.

Witterungsaussichten für Sonntag: Fortdauer der zu Niederschlägen neigenden Witterung.

Hessischer Landsturm.

Von Fr. Donatus P f a n n m ü l l e r

1. Kapitel.

von Darmstadt nach Masurien.

-heim es dem Esel zu wohl ist, geht er aufs Cis. — über nein, so war's gar nicht. Jedem sind seine Wege vorgezeichnet und er wird sie gehen, ob er will oder nicht.

Schon bald nach Kriegsbeginn, am 13. August 1914, batten sie mich einberufen zum „Bahnschutz". Sieben lange Wochen saß ich als „Wachthabender" am Kaliwerk zu Neuhof. Drei tapfere Männer standen unter meiner tapferen Führung, und wir vier gaben uns die größte Mühe, uns nicht zu langweilen. Allein es gelang uns i O’drf- Die Sprengstoffe, die wir zu bewachen hatten, L logen mehrere hundert Meier tief im Schacht eingcschlos- L fen und kein Mensch hätte sie da stehlen können, schon W allein der erstickenden Gase wegen, die da drunten W herrschten. Das Werk lag ja still.

Endlich wurde die Wache ausgehoben und ich erhielt I eine neue Wache zum Schutz der Bahn bei Tiefe igruben. | Auch das war langweilig. Wir waren an fleißige Ar- t beit gewöhnt und mußten hier die Zeit vertrödeln, denn | hier im Innern des Landes schien uns ein Bahuichutz | unnötig. Ich schämte mich fast vor meiner gutherzigen E Quartierroirtin in Tiefengruben, daß ich mich für mein | zweckloses Herumlungern auch noch von ihr ernähren I lassen mußte.

Endlich, wir schrieben schon November, brachte der U den Abschnitt befehligende Leutnant die Kunde, daß aus | bem Abschnitt eine größere Anzahl Leute angcforbert - seien zur Aufstellung einer mobilen Truppe. Da mel- r bete ich mich freiwillig für die neue Formation. Zwei : Gedanken bewogen mich dazu: Einmal kam ich aus die­sem Bummelleben heraus und zweitens ersparte ich durch Mein eigenes Eintreten wahrscheinlich "wem ;-.aini{ien> »ater einstweilen den bitteren Abschied. Von meiner Wache wurden übrigens mehrere Leute eingez igen.

Es erfolgte die übliche ärztliche Untersuchung und, * wenn ich mich recht erinnere, auch eine Impfung gegen öen Heldentod. Bestimmt will ich's nicht behaupten, denn die Impfungen waren ja säst so zahlreich wie die Löhnungsappelle. Jedenfalls fand aber jcho» ;> Tage ... jväter in Darmstadt eine zweite Jmvkuna statt. Än

diese erinnere ich mich deswegen so genau, weil ch bei derselben „muckte" und dem Doktor die Nadel an ,einer Spitze abbrach.

Am 10. November fuhr unser Transport, c:wa 100 Mann, dazu 3 Unteroffiziere, nach Hanau, wo unsere Kompanie zusammengestellt werden sollte.. Es traf sich, daß wir 3 Unteroffiziere, darunter unser Kompanie- feldwebel, im Abteil zusammensaßen. Er fragte uns, ob wir bei Einteilung der Kompanie besondere Wünsche hätten. Wir hatten einen: Keiner wollte womöglich eine Korporalschaft haben. Da wurde mein Kamerad zum Kammerunteroffizier und ich zum Schießunteroffi- zier ernannt. Am liebsten wäre es mir aber gewesen, ich hätte mich in Reih und Glied zwischen die Landstür- mer stellen dürfen, beim diese sind für nichts nmtraört­lich, als für sich selbst.

In Hanau wurden wir verlesen und erhielten bann unsere Ouartierzettel. Ich kam mit einem Kameraden aus Hainzell zu einem Professor ins Quartier. Am >1. marschierte bie nun vollzählige Kompanie unter Voran- tritt ber Regimentsmusik ber „Eisenbahner" zum Bahn- Hof. Eine große Schar von Frauen unb Kinder gab uns das Geleite. Und viele Tränen flössen. Die mei­nen Leute waren ja verheiratet unb ftanben im Alter von 40 bis 44 Jahren. Ja, einige Zugführer des Ba- taillons, dem wir eingegliebert wurden, waren bis zu 60 Jahren alt, so der „alte Fey" unb Feldw.-Leutnmt Bartholmä. Aehnlich war es mit unseren Offizieren.

Nach ber Ankunft in Darmstadt marschierten wir so- gleich nach dem Griesheimer Barackenlager. Dieser Weg ist besonders denen recht sauer geworden, die von ihren besorgten Frauen allzureichlich mit Fourage versehen worden waren und nun unter ber Last ihrer Koffer unb Schachteln seufzten. Dann ftanben wir lange, lange auf dem Appellplatz und ließen bas Einteilen ber Kompanie über uns ergehen. Eine Ahnung ber nun beginnenden Mühsale mag manchem aufgebämmert sein bei biefem ersten „Antreten". Die zivile Gemütlichkeit, in jer bie meisten von uns ruub unb bick geworden waren, begann rasch vor dem Ernst der Lage zu verblassen. Das einzige, was uns noch ein wenig Trost verhieß, war bie rund­liche Gestalt und ber gemütliche Ton unseres reuen Kompanieführers, eines Professors aus Darmstadt. Lei­ber haben wir ihn nicht lange behalten.

Nach dem Einteilen wurden wir in unsere Quartiere geführt, unfreundliche, oerroetterte Baracken, in denen es furchtbar eng herging.

Die nun folgenden Tage waren einfach fürchterlich. In sieben Tagen sollten drei Bataillone kriegsmäßig

ausgerüstet werden, und das erforderte eine'heillose Ar­beit. Ja, wenn bas alles normale Menschen gewesen wären! Für solche ist jebe Regimentskammer glänzenb eingerichtet, und bie Ausrüstung geht glatt vor sich Da sehe ich noch heute ben Lanbsturm vor einem Haufen in allen Farben schillernben nagelneuen Manchesterhosen stehen unb verzweifelt barin wühlen. Um bie Länge brauchte ja keiner bange zu sein, aber bie W e i t e! Kopfschüttelnb wirb eine Hose nach ber anberen wieber hingelegt; es geht nicht, es hat gar keinen Zweck, zu pro­bieren. Ein Witzbolb stöhnt:

„Die Bäuch', bie Bäuch', bie bitte Bäuch', Die Bäuch' sinb unser Schabe.

Viel besser wär' es, sag' ich euch, Der Lanbsturm hätte gar fei Bäuch', Kei Backe un tei Wabe." —

Da enblich fährt ber Feldwebel mit einem Bonner- roetter drein. Sie sollen sich Hosen unb Röcke verpas­sen, und was nicht paßt, sollen die Handwerker ändern.

Da unten irgendwo in einem Gebäude hausten Schnei- der, Schuhmacher, Sattler, wer weiß was alles. Die hatten in jenen Tagen nicht über Arbeitslosigkeit zu ttagen. Röcke, Hosen, Leibriemen und besonders die Tragriemen ber Tornister verlangten Erweiterung ober Verlängerung. Auch ich mußte' wiederholt ben Bitt- gang bahin unternehmen, benn wenn auch Rock unb Hose feiner Erweiterung beburften, Tornisterriemen unb Kop­pel mußten unbedingt verlängert werden, schon mit Rück- fitht darauf, daß sie latb über bem Mantel getragen werden mußten,

Unb diese Mäntel! Von Farbe waren sie schwarz ober braun, stammten aus einem Frankfurter Ramschgeschäft und waren aus Altwolle angefertigt. Das einzige Mili- tärische an diesen schoflen Zivilmänteln waren zwei rote Läppchen vorn am Kragen. Nachdem wir sie vier Wo- chcn getragen hatten, sahen mir aus wie eine zerlumpte Zigeunerbande, so daß wir schon im Januar nach etwa 7 bis 8 Wochen, neue Mäntel bekamen. 2lber auch diese waren vom gleichen Fabrikat.

Ganz anders war es mit den Stiefeln. Jeder konnte sich ein Paar nagelneue Kommißstiefel verpassen und wählte sie vernünftigerweise nicht zu klein. Es hätte auch nicht der dringenden Mahnung des Kompaniefüh- rers bedurft, bie Stiefel gut zu schmieren. Wir befan­den uns alle in bem Alter, in bem man keine nassen Füße mehr vertragen kann. Ich schmierte so grünblich wie möglich. Diese Prozedur wollte ich täglich wieber- holen, bis zu unserem Abrücken. Aber ich mußte mei­

nen Vorsatz aufgeben. Am zweiten Morgen mußte ich schon zwei Paar Strümpfe anziehen, nach bem zweiten Schmieren verlangten die Stiefel zu ihrer Füllung be­reits drei Paar. Um nicht schließlich mit Elefanten- süßen ausrücken zu müssen, ließ ich es bei zweimaligem Schmieren unb zwei Paar Strümpfen beroenben, ein Paar saubere Strümpfe wollte ich wenigstens noch im Tornister haben.

Trotzbem ober gerabe weil ich keine Korporalschaft zu führen unb auch vorläufig noch keine Gewehre zu verwalten hatte, gab es für mich doch keinen Augenblick Ruhe. Es regnete Kommandos von allen Seiten. War ich aber einmal ein wenig frei, dann mußte ich auf bie Schreibstube und dem Schreiber, der die Stammrolle an­zufertigen hatte, diktieren. Einmal diktierte ich bis nachts ein Uhr unb hatte dann meine liebe Not, meine Baracke zu finden. Eine sah ja aus wie bie andere und die Nummer konnte ich in ber Dunkelheit nicht lesen. An ein Kommando erinnere ich mich noch recht gut. Ich mußte mit einem Wagen nach Darmstadt fahren und in einem Depot Fahrräder holen, sechs Stück. Als ich sie pflichtgetreu dem Feldwebel abliefern wollte, „hauchte" der mich an: „Was soll ich damit? Bewahren Sie sie auf!"

Wo soll nun ein armer Unteroffizier sechs Fahrräder aufbewahren, da er auf Gottes weiter Erde kein Plötz- chen sein eigen nennt? Tagelang ftanben bann die Ma- chinen vor meinem Bett, so daß ich abends „vom Fahr­rad aus" ins Nest stieg, nachdem ich vorher erst unter ber Decke meine Ausrüstungsstücke heroorgeholt hatte, bie tagsüber barunter verborgen lagen. —

Zwischen all ben (Empfängen ber vielen Kleinigkeiten, die einen feldmarschmäßigen Soldaten ausmachen, gab es auch eine Anzahl Appelle Dabei muhten wir bald die Wahrnehmung machen, daß es unsere vierte Kom­panie beim gestrengen Herrn Bataillonsführer, einem noch sehr rüstigen Oberstleutnant, arg verdorben hatte. Der Herr Oberstleutnant dachte sich nämlich ein Land- turmbataillun genau so, wie ein aktives Bataillon. Allein die steifen Bauernknochen und bie abgearbeiteten Kör­per der über vierzigjährigen Arbeiter hatten ihre Elassi- zität längst verloren. Das sah auch unser dicker Kom­panieführer ein unb nahm darauf Rücksicht. Aber ge­rade weil er dies tat, war ihm ber Bataillonsführer nicht grün. So lange biefer bas Bataillon führte, glück- licherweise nicht lange, wurden stets die schwierigsten und gefährlichsten Aufträge ber 4. Kompanie zugeweisen.

(Fortsetzung folgt)