Nr. 253
Sonntag, 3L Oktober 1926
Zahrg. 53.
Das Kabinett Marx und die Lage, i
ßit der Besprechung deS Reichskanzler? mit Haupt aus der P a r t e i p o l i t i k herausliehen und
den er dem Grabe des Propheten abstattet.
Vas deutsche Danzig.
* Der Wiederznsammentritt de? französischen I Parlaments. Die Havas-A'entur glaubt mitteile» j
Die wickelte
Ausbleiben einer Regenzeit die meisten Elsässer, ötc Baumwolle pflanzten, ihr Kapital verloren. Weniger gefährlich sind kleine Küstenvflanzungen, »nrc?Cem ®ummi und Hanf, den die Deutschen vor 30 Sohren nach Afrika importiert haben. Heute fteht Sisal an erster Stelle der Produktion Ost- cfrAfasA« Seine Exportziffer betrug 1924 fast eine halbe Million Pfund Sterling gegen 370 000 für Baumwolle und 350 000 für Kaffee. Endlich tön- "en 'ich die kleinen Pflanzungen mit Mais bei ungünstigem Wetter stets über Wasser halten.
Die Aussichten für Kolonisten in Ostafrika sind durchaus nicht schlecht, und einen Borteil hat dieses Land noch vor allen anderen, auch dem anschie- ßenden Kenya gegenüber: die billigen Arbeits- kräfte. Sie erhalten selten mehr als 18 Schilling Auch in einem Kilogramm Baumwolle steckt nicht mehr als eine Erntearbeit von 3 Pfg. Dabei wird Kaffeepflücken ufw. von Kindern erledigt, und die Anwendung von Traktoren macht die Pflanzungen von Saisonarbeitern unabhängig. Diese immer mehr in Anwendung kom- wenden landwirtschaftlichen Maschinen sind ein ebenso großes Feld für die deutsche Industrie wie die Einführung von Motoren. Gegenwärtig wer- den die meisten Maschinen in Sisal- und Baum- wollwerken noch mit Holz geheizt. Da aber mit dem Augenblick, da dieses weiter als 6 Kilometer herantransportiert werden muß, der Motor billiger wird, so werden früher oder später alle Maschinen darauf umgestellt werden müssen. Es besteht zurzeit Mangel an unbedingt nötigen Vertretungen für die Beschaffung von Ersatzteilen. Leider reagieren bisher noch keine deutschen Firmen auf diese Anregung von deutsch-afrikanischer Seite.
Es sind nicht nur wirtschaftliche Gründe, die Ostafrika zu einem bevorzugenswerten Lande machen. Zwar gibt es eine strenge Absonderung nach In- dern, Negern und Weißen, aber zwischen den wenigen Europäern selbst bestehen keine sozialen Unterschiede. Für die Schwarzen bleibt jeder „Mzungu" der „Bwana Mkubwa", der „große Herr". Ein Europäer, der sich einmal hier eingewöhnt hat, ist der ungekrönte Herr seines Distrikts und wird ihn nie mehr für dauernd verlassen wollen: denn Afrika ist das Land der unbeschränkten Individualität.
sie dadurch stöben, daß das ganze Volk unberech- ;aten Forderungen entgegentritt, aber auch bered), tigten Verständigungen zum Siege verhilft, indem es die Freiheit höher stellt als materielle Opfer, die dafür gebracht werden müssen . . . Ich lese in den lebten Tagen im übrigen, daß die Politik von Tboiry vollkommen zusammengebrochen sei, und daß alles sich im Nebel auflöse, was in jenem kleinen Iuradorf zwischen dem französischen Außenminister und mir besprochen worden ist. Ich habe nach meiner Rückkehr von Genf davor gewarnt, das Inkrafttreten umfassender Gedanken in einer schnellen Zeitspanne zu erwarten, und habe diese Warnung in Köln wiederholt. Ebenso aber verwahre ich mich gegen das Gerede, daß man jetzt, weil solche Dinge nicht in sechs Monste» reifen, sie als unausführbar glaubt hinstellen zu können. Diese Auffassung widerspricht all den Nachrichten, die ich selber habe und die auf eine gewisse Authentizität Anspruch haben können ... Die Konsolidierung (her Außenpolitik) und die sich daraus ergebende Wiederherstellung unsrer Souveränität im Innern, der Aufbau unserer Wirksamkeit nach au- sten können nur möglich sein durch zähe, ziel- betäubte, klare Arbeit, die die Unpopularität des Tages nicht scheut, weil sie sich verläßt auf das Urteil der Geschichte.
Zu der Besprechung de? Reichskanzlers mit Vertretern der s oziald em okra tischen Reicbs-
Wie der Brüsseler „Etoile Beige" mitteilt, bereitet man im Außenministerium eine ganze Reihe von Handelsverträgen vor, die Belgien mit anderen Ländern abzuschließen gedenkt, u. a. mit Südslawien, Mexiko, Griechenland, der Türkei Frankreich und Spanien. Da auch der belgischdeutsche Handelsvertrag Anfang nächsten Jahres abläuft, wird man sich sehr bald mit seiner Erneuerung oder Abänderung beschäftigen müssen.
ni-taen- DreUei »leintdlr'GoloneD ofa< 0.1b RelckSmar auswärts 0,20 Reichsmark. Steffameieile- lokal 0.6f RetchSmari auswärts 0.80 Reichsmark.
Bei W'eberboUinaei Rabatt Rolt'-b-ckkontn "krantlur' a m>. 40M
taasfroktivn über die Frage der Verbesserung der Erwerbslosensürsorge schreibt eine sozialdemokratische Korrespondenz, daß die sozialdemokratischen Vertreter die von der Regierung vorgeschlagene Lösung für un genügend halten.'
Der auswärtige Ausschuß.
Entgegen den Gerüchten, daß die für Anfang nächster Woche anberaumte Sitzung des Auswärtigen Ausschusses mit Rücksicht auf das Befinden D r. Stresemanns verschoben werden soll, erfährt eine Korrespodenz, daß eine Vertagung nicht in Frage kommt. Das Befinden Dr. Stresemanns hat sich inzwischen soweit gebessert, daß mit seiner Teilnahme an der Sitzung des Ausschusses gerechnet werden darf.
Strefcmann zur Außenpolitik.
Reichsaußenminister Dr. Stresemann, durch Krankheit verhindert, in einer Dresdener Wahlversammlung der Volkspartei zu sprechen, hat als Ersatz an den Kultusminister Dr. Kaiser und seine Parteifreunde einen Brief gerichtet, in dem es unter anderem heißt:
Es schmerzt mich umsomehr, in Dresden nicht sprechen zu können, als ich dadurch auch der Möglichkeit verlustig gehe, all dem Unsinn entgegenzutreten, der jetzt über unsere Außenpolitik gesagt wird. Was soll denn das heißen, wenn von einem deutschnationalen Abgeordneten davon gesprochen wird, daß der „Glaube an eine internationale Jnteresiensolidarität der Völker und der Wirt- lchaft eine Auffassung sei, die womöglich noch verhängnisvoller sei als der marxistische Irrtum einer internationalen Solidarität der Arbeiterschaft". Ist denjenigen, die etwas derartiges sagen, nicht bekannt, daß das internationale Eisenkar- t e (( der deutschen Großindustrie mit Frankreich, Belgien und Luxemburg seine Entstehung einem deutscknationalen führenden Mann der Wirtschaft, wie Fritz Thyssen, mit verdankt? Weiß man nicht, daß das internationale Kaliabkommen von Persönlichkeiten abgeschlossen worden ist, die nur rechtsstehenden Kreiserr «nnekören? Schließlich kommt es darauf an, daß all diese Wege internationaler Zusammenarbeit dem nationalen Ausbau dienen sollen. Das ist das Entscheidende . . . Der Weg der deutschen Außenpoli- tif kann nur der nationale Wiederaufbau Deutschlands sein. Die Methode, um hierzu zu kommen, 'st diejenige internationaler Verständigung. Wir brauchen den Frieden, weil mir nur in einer Periode friedlicher Entwicklung wieder hochkommen können, jeder einzelne und das Volk und fianb im ganzen. Ich sehe mit Genugtuung, daß Persönlichkeiten, die früher der Methode der deut- sthen Außenpolitik ablehnend gegenüberstanden, wehr und mehr dieser Erkenntnis Ausdruck geben. 3d) wünsche mir als deutscher Außenminister nur das eine, daß wir die deutsche Außenpolitik über-
Erscheint sechsmal wächentlich. Wochenbdlanen- Illustrierte Sei- age" und Buchend!Stier" Rotationsdruck und Verlag der
lluldaer Aetiendruckeret in Jul da lllernsvrecher Nr 9.
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* Der König der HedschaS, Ibn Saud, ist mit yierolqe nach Medina abgereist. Dies ist bet erste Besuch, den er dem Grabe des Propheten abstattet.
neue Danziger Regierung ent- im Volkstage ihr Programm. Hauptaufgabe des neuen Staates werde sein, eine Gesun - bung der Staatsfinanzen herbeizusühren und die Selbständigkeit und Freiheit der Stadt Danzig und ihren deutschen Charakter zu wahren. Die Beziehungen zum Völkerbund will auch der neue Senat in Offenheit und Vertrauen pflegen. Auf dem Boden, der zwischen Danzig und Polen bestehenden Verträge erstrebt die neue Regierung mit Polen eine verständnisvolle Zusammenarbeit, namentlich auf wirtschaftlichem Gebiet. Auf größte Sparsamkeit in den Staatsausgaben wird die neue Regierung achten. Zur vollen Durch- . r < ...............- > führung der Finanzreform soll der neuen Regierung
der Zusammernrttt des Parlament« ' ich Ermächtigungsgesetz dienen. Fenier soll hoLstwahrichemlich am 9. November erfolgen i die Zahl der Mitglieder des 'Volkstages und des weide. j Senates berataei'etck toerberu
Lhina.
Die Kantonregierung und England.
Der Minister des Auswärtigen der Kantonregie- rung teilt dem britischen Generalkonsul in Kanton mit, daß seine Regierung, um den Besitz und Handel zu schützen und jede ungesetzliche Tätigkeit zu verhindern, ein Inspektorenkorps gebildet habe, daß die von den in Kanton verkehrenden Zügen beförderten Reisenden einer Warenprüfung unterziehen und alle in dem Bezirk von Kanton befindlichen Schiffe Überwachen werde.
Freilassung des Bischofs Scott.
Der anglikanische Bischof Scott ist, wie aus Peking gemeldet wird, wieder frei gelassen worden.
Die Feindschaft gegen die Ausländer.
Wie der „Chicago Tribüne" aus Hankau gemeldet wird, find 30 Ausländer, hauptsächlich englische Missionare, aus der Ortschaft Siuyang in der Provinz Honan von Farmern und Studenten vertrieben worden. Sie mußten, ohne ihr Eigentum mitnehmen zu können, 30 Meilen zu Fuß zurücklegen. Alle Ausländer mit Ausnahme der Amerikaner in der Provinz Scetschwan fini bedroht.
* Bestechungen bei der tschechoslowakischen Bodenreform? In einer Meldung des .Vorwärts' aus Prag wird die Affäre des Anwalts Dr. Norbert Eisler, des Rechtsvertreters des Prinzen Cyrill von Koburg, in Zu-ammenhang gebracht mit großen politischen Beftechun gen, um den Rieienbesitz des Prinzen Cyril von der Bodenreform auszunehmen. Hierbei sollen Bestechungen eine Roll« gespielt haben, die zu enter direkten Beeinflussung der GeseUaebung gedient haben tollen
Deutsche in Gftcchika.
Von Wolfgang Weber.
Wie weit die Eingeborenenbewegungen im Innern Afrikas vorgeschritten sind, zeigen die Beobachtungen unseres Mitarbeiters, der die erste deutsche Expedition nach dem Kriege durch Sudan und Kongo geleitet hat.
Das erste Jahr ist vergangen, seitdem Ostafrika ven Deutschen wieder zugänglich gemacht wurde. Drei Gründe haben ihnen die Pforten geöffnet: die Zahl der hier lebenden Weißen hat sich währentz des Krieges von 4500 auf 2000 verringert. Ein 2. Grund liegt darin, daß die den Deutschen weg- genommenen, vom Staat verkauften und von Griechen und Indern fast kostenlos erworbenen Besitzungen überall verkommen, wo den neuen Eigentümern die Mittel zur Bepflanzung eines zu großen Besitztums fehlen. Endlich war die Oefsnung aber auch ein staatswirtschaftlicher Schachzug. Während die hier lebenden Farmer jeden erübrigten Pfennig aus Afrika fort nach Hause schicken, lassen die Deutschen ihr Geld in den Pflanzungen arbeiten, vergrößern sie womöglich, und das Kapital bleibt so Afrika erholten.
So beginnen die Deutschen wieder eine Rolle zu spielen. Fast ausschließlich handelt es sich um erfahrene Vorkriegspflanzer, die überall gern gesehen werden und die in den meisten Fällen zunächst in einer der fremden Farmen tätig sind, um sich in die neuen Verhältnisse einarbeiten zu können.
Die einschneidendste Veränderung liegt in der Zusammensetzung der Bevölkerung. Die Hauptvolle svielen nicht Engländer oder Deutsche, son- hern Inder und Griechen. Im Sudan und im Kongo liegt der Handel in den Händen der Griechen. In Ostafrika dagegen, wo die kaufmännische Klasse von den Indern vertreten wird, nehmen sie eine mehr und mehr dominierende Stellung unter den Plantagenbesitzern ein. Man kann den Griechen eine gewisse Berechtigung ihrer Ansiedlung nicht absvrechen. Sie waren die ersten, die sich am • Kilimandscharo angepflanzt haben, und sie arbeite» ten vor dem Kriege an der Kultivierung berientaen Gegenden, an denen sich keine Deutschen ansiedeln wollten. Der billige Verkauf deutschen Eiaentums hatte auch weniger neue griechische Ansiedestmoen afa vielmehr nur eine Erweiterung der bestehenden zur Folge.
Neu sind dagegen die indischen Pflanzun- geu. Die Inder — vor allem Goanesen — waren 5trr-r schon vor d->m Kriege Vertreter des Handels an der ganzen Ostküste, aber es ist noch nicht lange her, daß sie sich bis weit ins Innere ausdehnten, freute reicht ihr Einfluß bis an die Grenze des Kongostaates und in Uaanba sorgen sie durch Scknll-n und Wanderprediger für die Einführung und Befestiguno ihrer eigenen Kultur. Daß ebe- mats deutsche Pflanzungen in indischen Besitz ubergegangen sind, ist sehr bedeutsam für die Entwicklung dieser Rasse in Afrika.
Damit ist die „ostafrikanische Völkerbowle", wie Chamberlain sie kürzlich taufte, noch lange nicht erschöpft. In den Händen der Norweger liegt die Verwertung des Mahaaoni- und' Tiekholz-s, Schweizer betrachten den Sisal als ihr Ressort, und nun beginnt mitten unter diesen Rassen noch eine andere hervorzutreten, die vielleicht die meiste Berechtigung hat, in wfrifa gehört zu werden. Cs flud die Neger selbst, die lange genua mit ausländischen Elementen zusammermelebt haben, um auch für sich Selbständigkeit zu fordern. England flicht den Bewegungen dadurch die Svitze abzilbr-- d;en, daß es für die Eingeborenen Reservate schafft, in denen sich Asiaten und Europäer nicht ansiedeln dürfen. Allerdings sind die kleinen Einaeborenen- pflanzungen vom wirtschaftlichen Standpunkt aus vollständig unrentabel, aber den Negern bleiben die Auaen vor Europa geschlossen, und damit ist der Kweck erreicht.
Mit dielen Reservaten, die ebenfalls aus deutschem Grund und Boden bestehen, ist auch das letzte Stück Erde aufgeMift. Alle ihre heutigen Be- fiher, und alle die, die sich als die neuen Herren des Landes betrachten, sind nicht besonders entzückt, wenn unter den Deutschen auch die vielen erfahrenen Vorkriegspflanzer zurückkebren. Umso roefent« Itdjer ist es für diese, daß sie seitens der Engländer nicht nur keine Schwierigkeiten in den Weg gelegt sondern auch nach Möglichkeit unten finkt werden. Man behandelt die D-utschen im Gegensatz zu allen anderen Rassen als aleichberech- tigt und spricht mit obiektivem Intereesse und mit unverhohlener Bewunderung über die Leistungen der deutschen Truppen.
Die heutigen Ankaufsverhältnisse haben sich gegenüber den früheren sehr verändert. Fertige Kaffeeplanlagen sind so gut wie nicht zu haben, da alles in festen Fänden ist und die Preise im Der- Verkaufssalle sehr hoch sind. 15 Pfund für den •fjeftar oder gar zwei Schilling für den Strauch finb keine Seltenheit mehr. Leichter kann man noch unbepflanzten Boden bekommen, der sich für Kaffee eignet. Er erfordert schwere Arbeit: aber gerade der berühmte Kilimandscharo-Kaffee bebeu- tet Kapitalanlage in einem erstklassigen Objekt. Ebenso öffnet sich ber europäische Markt für bie (Sorte Tanganyika und für anbere Arten, währenb er früher bem afrikanischen Kaffee völlig ablehnenb gegenüber staub. Das hängt mit ber Verbesserung ber Qualität buxch Mobernisierung der Anlagen unb größerer Sorgfalt bei Pflanzungen und Ernte zu ammen. Die Produktion, die 1924 170 000 Sack betrug, ist heute auf 450 000 gestiegen.
. Weniger günstig ist die Lage für Baumwolle, mindestens für kapitalschwache Ansiedler. Diese pflegen sie deshalb zu bevorzugen, weil man bei ihr nach fünf Monaten bereits ernten kann und auch Dom ©ouDernement Boden zu pachten bet' -mt. :ue Nachteile liegen in ber Abhängigkeit r ber Witterung. Erst im Jahre 1925 haben bu. das
Tupen-Malmedy.
Die belgische Telegraphenageittur meldet aus Brüssel: Vanbervelde versammelte Pressevertreter bei sich, um vor ihnen gegen einen Artikel des ,,Nieuwe Rotterdanffche Courant" über den niederländisch-belgischen Vertrag Einspruch zu erheben. In dem Artikel wird behauptet, daß während der Besprechungen über Eupen-Malmedy Belgien b en Deutschen vorgeschlagen hätte, eine sehr weitgehende Begünstigung des Antw erpener fräsens unter ihre Gegenleistungen cmszunehmen. Vanbervelde erklärte, es hätte niemals öffentliche Besprechungen zwischen Deutschland und Belgien über Eupen-Malmedy gegeben. Auch wäre niemals weder offiziell noch offiziös die Frage einer Begünstigung des Antwerpener Hafens erörtert wor- dm Besprechungen, die ohne Beteiligung bet Regierung stattgefunden hätten, sei eine derartige Sache niemals erwähnt worden. Vcmdervelde fügte hinzu, er stelle dies alles entschieden in Abrede. Der Minister sagte bann, daß die Besprechungen über den belgisch-chinesischen Vertrag weitergeführt werden.
Segen den Kriegs-Schwindel.
Der sozialistische Sohn und Erbe des Bischofs von Bedford, Marquis Tavistock, hielt, wie aus London gemeldet wird, in ber St. Martinskirche in Birmingham vor einer zahlreichen Versammlung eine Ansprache, in ber er sich gegen bie englischen Propaganbafalfchmeldungen währenb bes Krieges monbte, wie zum Beispiel bie angebliche Prägung einer Denkmünze in Deutsch- lanb zur Erinnerung an bie Versenkung ber Lust- tania, bie „Kadaverfabrik" unb anbere berartige Berichte. „Daily Expreß" zufolge erklärte er, die englische Propaganba im Kriege war skrupellos. Dle Behauptung zum Beispiel, bie Deutschen hätten bte Leichen von Kriegsaefallenen zur Fettgewinnung verarbeitet, war eine freie Erfinbung. Ich habe vor kurzem einen Mann getroffen, ber mir sagte, baß diese Idee von ihm stammte. Er wurde in der Propaganda verwandt und seine Worte zu mir waren: Ich wurde bezahlt, um solche Ideen hervorzubringen, und ich brachte sie hervor.
Schwindel unb Lüge gehören eben notwenbig Zum Krieg wie Pulver unb Blei.
* Einführung der Militärdienstpflicht in Persien. Durch ein königliches Dekret ist bie Militärdienst, pflicht in Persien mit sofortiger Wirkung ein» erführt worden. Die Rekrutierung wird am 7. November beginnen.
Ein ftaatsbürgerli^es Problem.
In den „Sozialistischen Monatsheften" (Nr. 9) befaßt sich Max Schippe! eingehend mit ber Sil- verbergrebe auf ber Dresdener Tagung des Reichsverbandes ber Deutschen Industrie und ber Haltung, bie bie ihm rwhestehenbe Sozialbemo. t r a t i e in ihrem radikalen Teil zu derselben eingenommen hat. Er siebt in ber Rebe in den maß- gebenben Kreisen ber Inbustrie anhebenbe „U m - geftaltungen unb Umstellungen, bie trotz aller superklugen Einwänbe auf die Dauer und auf lange Frist unaufhaltsam finb."
Umgekehrt spottet er über bie in seiner Partei üblichen „angsthasenherzigen Fluchtversuche, in welche unsere zwar nicht wett-, wohl aber trommel- unb zwerchenfellerschütternben Revolutionäre jedesmal verfallen, wenn sie gar zu höherer produktiven Mitarbeit, zur Wirtschaftsdemokratie in bes Wortes tiefster Bebeutung heran» gezogen werden könnten". Weiter heißt es sodann: „Mit unferm fortgesetzt betonten Wirtschafisdemo- kratismus befinden wir uns heute erst da, wo sich ber alte politische Radikalismus Deutschsands befand, als er zunächst jedwede Wahlbeteiligung ab- lehnte, weil man im Falle der Beteiligung den Scheindemokratismus ber Verfassung bes Norb- brutschen Bunbes unb ber Reichsverfassung nicht mehr genügend brandmarken könne: als er weiterhin jedweben Parlamentarismus verwarf, weil nar» lamentarische Verhandlungen mit gegnerischen Parteien immer gleich Preisgabe ber eigenen Grund- fätze seien: als er schließlich wenigstens noch immer bi» Teilnahme an jebweber zunächst benk- baren Regierung verfemte, weil man bei jeber Mehrbkitsre-nerun" sich einem von anber»r S<üte mitbeeinstußten Willen unterwerfe, anstatt sich ausschließlich von den letzten Sonberzielen ber eignen Klasse leiten zu lassen. Aber wer würbe heute in diese politischen Eierschalen zurück- kriechcn wollen? Wer würbe Heute, um an gleichartig» wi-lschas'lichsoziale E--sahrungen zu erinnern, vor Tarifverträgen zurückschrecken, weil seinerzeit der immer gleich weitblickende Radikalismus jeden Anhänger ber Tarifvertragspolitik als „nicht auf dem Stanbvunkte ber modernen Arbeiterbewegung stehend" betrachtete und ohne Gnade und Barmherzigkeit aus feinen Reihen mit Schimpf unb Schande auefchlosi?"
Man wird erwarten dürfen, baß bie Sozial- bemofratie, bie den Anschluß an den nationalen Staat gefunden hot, nach und nach zu ber Wirtschaft ein vernünftigeres Verhältnis eingehen wirb. Das wirb allerbinos bebeuten. daß sie manches Schlagwort fahren läßt, bas Heute nock in ihrem politischen Agitationsmaterial eine große Rolle spielt.
Kabinett Seipel vor dem Bundesrat.
Das österreichische Kabinett Seipel hat sich dem Bundesrat vorgestellt. Bundeskanzler Dr. Seipel hielt eine längere Rede, in der et zunächst auf die Notwendigkeit einer Reinigung des öffentlichen Lebens und der öffentlichen Meinung über die parlamentarischen Körperschaften hinwies und weiter erklärte, das färbetatftie System verlange von der Regierung ständige Bemühungen, um mit den Ländern die richtige Fühlung herzustellen. Das in Sturmzeiten geborene Werk der österreichischen Verfassung weise noch Lücken auf, die zu schließen die wirtschaftliche Not der Zeit bisher verhindert häbe. Der Bundeskanzler ging dann auf bte Verhandlungen mit den Bundesbeamten ein, die zu der Hoffnung Anlaß gäben, daß diese Frage zur Befriedigung der Beamtenschaft unb der Bevölkerung friedlich gelöst werde. In O fern Zusammenhang betonte er wettet die Notwendig- kett, Sparsamkeit in den Ausgaben und Zurück- Haltung in der Steigerung ber Steuereinnahmen zu beweisen. ____________
FuldaerZeüung
Anzeiger für die Stadl unb den Kreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.