Ur. 252
Samstag, 30. Oktober 1926
Zahrg. 53.
Der deutschen Einigkeit steht niemand mehr im Weg als die Deutschnationalen.
’nteiflen-$reHe Äletniellr <Go!onel) okai 0,lk> ReichSmar auswärts 0,20 Reichsmark. Reklame,eile- lokal 0.6' ReichSmaii auswärts 0.80 Reichsmark.
TOfph(>r6oT„n»f>i 'Oflbntf ToO,*»ifFo’'to Olrankkur* n. <w. 40^1
Die Lage in Syrien.
wtb. London, 29. Okt. (Eiq. Funkm.) „Times" meldet aus Haifa, privaten Meldungen aus Beirut zufolge herrscht in französischen Kreisen die Ansicht, daß Abul Chaffar Beys Besuch in Sweida als Einleitung für den Abschluß eines endgültigen Friedens anzusehen ist, der die Unterwerfung des Sultans Atrasch, des Hauptführers der Drusen unter ehrenhaften Bedingungen herbeiführen dürfte.
Die wirren in China.
Wie die Agentur Judo Pacific aus Schang. 6 a i berichtet, ist der Aufstand in der Provinz Tschekiang enogültig unterdrückt und zwar von Haut-Ehuan-Fau, dessen Truppen in der Gegend ^"E'Ehane den Kantontruppen siegreichen Widerstand leisteten. ’
Die Landsberger Fememordprozesse
Unglaubliche Roheiten festgestellt.
Erschein« sechsmal wöchentlich. WochenbeUmew Illustrierte Bei- läge" und Buchenblätter" Rotationsdruck und Verlag der
Ninldaer Actiendriickerei in Nulda. Iernsvrecher Nr. 9.
"•"nrrntOibor ..«io «"f.
Mussolinis Manifest.
Bei der Feier, die in ganz Italien aus Anlaß des Jahrestages der faschistischen Revolution stattfanden, verlasen Mitglieder der Regierung und der Behörden eine Botschaft Mussolinis, in der es heißt:
"Das Regime steht fest. Dagegen vermögen weder der Groll der Enteigneten noch die Anschläge der Verräter oder die Verleumdungen der Ohnmächtigen etwas. Das Regime enthafte auf allen Gebieten eine belebende Tätigkeit. Die Gesamtheit der Wehrmacht der Ration ist vollkommen bereit, und allen Eventualitäten gewachsen. Die Lira wird weiter verteidigt werden. Durch das Gesetz über die Gesamtorbeitsverträge wurde der demagogisch- liberale Zustand der gewerkschaftlichen Erscheinun- gen endgültig begraben. Auch auf kolonialem Ge- btet hat das Regime großartiges geleistet, ebenso rote auf dem Gebiete der auswärtigen Beziehungen, rote die Schuldenregelung mit den Vereinigten Staaten und England. Unsere Gegner versuchen vergebens, die Bedeutung dieser Taten herabzu» setzen.
_ 2Bir sind kaum über den Anfang hinaus und muffen noch große Opfer bringen. Rach der Re- form unserer Gesetzgebung muß die Reform unfe« re-r t.e n faschistische Revolution
wird Itali-n grcß machen "
Schluß heißt cs: „Wie vor vier Jahren, fo lieht Ihr auch heute in Waffen. Zu hundert- tausenden stellen sich Eure Basonette nicht nur vor bas Reaime. sondern vor das ganze italienische Volk.! ^ie faschistische Revolution ist in das moralische- Erbgut des ? tallenischen Volkes über- gegangen und wird Italien groß machen. Der Ruf, ben heute Eure Massen erheben, ist unverändert der gleiche Ruk unserer ersten Tage und unserer ersten Verbände: Für hie Zukunft der faschistischen Revolution! Für die Macht des Vaterlandes' Sie seien unser!"_____________
Cisenbahnfraaen und Völkerbund.
E London, 29. Okt. (Eig. Funkm.) „Daily News zufolge wurde gestern im Verkehrsministe- rium eine Tagung des Eisenbahntransport-Unterausschusses der Völkerbunds-Kommission für Der- kehr und Durchfuhr eröffnet, auf der unter anderem Groß-Britannien. Italien, Frankreich, Deutsch- land und die Schweiz vertreten sind. Auf der Tagung soll die Aufgabe der Eisenbahnen und anderen Transvortorganisationen Europas bei der Aufrechterhaltung des'Friedens im tJalle einer Kriegsgefahr behandelt werden.
Das br tische Reich und Locarno.
Der diplomatische Berichterstatter des „Daily Telegraph" vermutet, daß die Premiermini- fter Australiens und Neuseeland ihren Parlamenten die Annahme des Locarno- Paktes empfehlen würden. Nicht aber die Premierminister Kanadas, Südafrikas und des syrischen Freistaates.
Reuter erfährt auf Anfrage in verschiedenen gut unterrichteten Kreisen, daß die bemerkenswerte Besserung der Beziehungen in der g e- samten europäischen Politik, wie sie von den Premierminister der Dominions in ausführ- lnhen offenen Erklärungen dargelegt fei, einen tiefen Eindruck auf alle gemacht habe, die die über diese Frage gehaltenen Reden anhörten. Bezüglich der Andeutungen, als ob die'notwendigerroeise beobachtete Geheimhaltung dieser Darlegungen gewisse ausländische Kreise zu der Ansicht veranlassen konnte, daß irgendwelche unbefriedigenden Umstände zu verbergen wären, erfährt der Vertreter Reuters, daß dies keineswegs der Fall fei. Es verlaute, daß die Besserung in den internationalen Beziehungen Europas im Vergleich zu den Verhält- siffsen, wie sie auf der Reichskonferenz von Lord Eurzon vor drei Jahren auseinander gesetzt wurden, allen eine vollkommen neue, aus den Abmachungen von Locarno entstandene politische Atmosphäre gezeigt habe. Unter diesen Umständen, jo werde erklärt, sei es nicht überraschend, daß die Dominions die Locarnopolitik billigen. Es werde erkannt, daß dies zurückzuführen fei auf bte allmähliche Ersetzung einer Atmosphäre des Mißtrauens und Abseitsstehens durch eine Aimo- sphäre des Friedens und der Freundschaft in Europa. In diesem Zusammenhang könne gesagt werden, daß, welche Entscheidungen auch immer schließlich bezüglich des formellen Beitritts der Dominions zum Pakt getroffen würden — eine Srage, die von den in Betracht kommenden Parlamenten noch nicht erörtert worden ist und schließlich von ihnen geregelt werden muß — es eine feststehende Tatsache sei, daß die Politik von Locarno, worüber die Ueberfeeregierungen in jedem Stadium der Verhandlungen telegraphisch unterrichtet wurden, durch die Premierminister der Dominions von ganzem Herzen unterstützt werde.
Die VMMWkmftskonferenz
Die vorbereitenden Arbeiten für die bevorstehende Wel,Wirtschaftskonferenz find laut ,Voss. fitg.' aus deutscher Seite im wesentlichen abgeschlossen. Ueber Maschinenbau, Elektrotechnik, Chemie und Kali haben die deutschen Fachgruppen dem Völkerbund Denk- toriften eingereicht. Zu den vom Völkerbund vor- oekgten Arbeiten über die Kohlen-, Eisen- und Stahl», Schiffswerft- und Baumwollindustrie haben die beteiligten Fachgruppen eraänzende Berichte geliefert. Ueber die ausländische Gesetzgebung auf dem Gebiete der Kartelle und Syndikate hat der Vor- sitzende des Enquete-Ausschusses ein Sondergutachten erstattet.
Ein harter Ringen.
Der Kamps um Thoiry tritt jetzt nach einem an sich schon schwierigen Vorgevlänkel in die entscheidende Etappe ein. Es handelt sich um nichts Geringeres als darum, ob die mit Genf und Thoiry verknüpfte Politik aufrecht erhalten und weiter geführt werden kann oder nicht.
Soweit die deutsche Reichsregierung in Frage kommt, besteht der absolute und 'feste Wille, an dieser Politik festzuhalten und sie zur Auswirkung zu bringen. In Frankreich darf man diesen Willen bei Briand ebenfalls als durchaus vorhanden annehmen. Als. ein Zeichen dafür wird in Kreisen der Reichsregierung die Erklärung angesehen, die Briand dieser Tage gegeben hat und in der es km wesentlichen heißt:
,.Wesentliches ist erreicht: Frankreich und Deutschland arbeiten auf völlig gleichem Fuß im Völkerbund zusammen und sind beide besten Willens, die Schwierigkeiten zu überwinden. Wenn es auf einem Wege nicht geht, so werden sie eben einen anderen suchen, ohne je das Ziel aus dem Auge zu verlieren, das in der Gesamtlösung aller, ja aTIet Fragen besteht. Die Experten sind, wie in Thoiry ausgemacht, zur Prüfung der Einzelfragen an der Arbeit. Besprechungen mit dem deutschen Botschafter haben eingesetzt, viele andere werden noch folgen. Im Dezember gedenke ich Stresemann in Genf zu treffen. Dann werden wir das Terrain zusammen wieder überschauen. So kämen wir Schrift für Schritt vorwärts, ohne uns durch Geschrei von Leuten, die aus wer weiß welchen Gründen, sicher nicht immer den edelsten und des- interessiertesten, plötzlich eine gar große Ungeduld an den Tag legen, aus der Ruhe bringen zu lassen."
Ob aber Briand sich durchsetzen wird, ist im Augenblick noch keine entschiedene Sache. Freilich kennt man diesen entschlossenen Politiker und weiß, daß er auch schwere Hindernisse zu nehmen b.?r?eht. Die schwierigste Hemmung, die die französische Politik jetzt auszuräumen hat, besteht darin, baß Frankreich das Washingtoner Schuldenabkom- men ratifizieren muß, wenn die Mobilisierung der deutschen Eisenbahnobligationen, die von Frankreich selbst angeregt wurde, durchgeführt werden soll. Es liegt also gar nicht mehr letzten Endes an Deutschland, ob die Politik von Thoiry durchgeführt werden kann, sondern an Frankreich. Und dort sind unzweifelhaft jetzt Kräfte am Werk, die sich gegen oteje Ratifizierung des Schuldenabkommens zur <2ehr setzen und welche die leitenden Politiker ber französischen Regierung nach einer anderen Richtung hin drängen möchten. Es liegen auch Anzeichen dafür vor, daß selbst in maßgebenden französischen Regierungskreisen, und vielleicht nicht zuletzt in der Umgebung Po incares, der derartige Bestrebungen nicht ungern sehen möchte, Tendenzen am Werk sind, die auf diese Weise eine Veränderung der Grundlage von Thoiry herbeifüh- ren möchten. Da gilt es, auf beiden Seiten sich zur Wehr zu fetzen. Wir in Deutschland haben insbesondere das stärkste Interesse daran, daß .Frankreich das Schulden abkommen ratifiziert und damit die feste Basis für die Mobilisierung der .Eisenbahnobligationen schafft, weil die deutsche Reichsregierung mit ihrer Politik ohne weiteres in einen Gegensatz zu Amerika gedrängt würde, wenn sie diese Mobilisierung auf anderem Wege als dem der vorgesehenen; korrekten Erledigung der Schuldenfrage zwischen Frankreich und Amerika bewerkstelligen wollte.
Jedenfalls darf die deutsche Politik unter gar keinen Umständen sich dazu hergeben, um den Preis eigener Interessen derjenigen Gruppe in der französischen Politik und Wirtschaft Konzessionen zu machen, die immer noch der Meinung ist, daß f Frankreich gegenüber Deutschland als Diktator sich aufspielen müßte. Diese Zeiten sind ein für alle Mal vorbei.
Wie sehr dieser ganze Kamps um Thoiry mit Zwischenfällen gepflastert ist, zeigen ja auch die letzten Vorgänge über neue Pläne bezüglich der Militärkontrolle und dergleichen mehr. Wir sind noch lange nicht über den Berg hinweg. Es wird noch ein zähes und hartes Ringen geben, aber gerade weil das zu erwarten ist, müssen wir in Ruhe und Festigkeit all diesen Dingen gegenüberstehen. Die Linie der Politik ist vorgezeichnet, sie zu verlassen ist für keinen der Beteiligten mehr möglich. Ob das Ziel selbst erreicht wird, hängt neben der Schwierigkeit der politischen Entschlußkraft auch von dem guten Willen ab, und soweit Deutschland in Frage kommt, kann und darf an diesem guten Willen nicht gezweifelt werden.
Der Oberste Krte(>srat.
Der Oberste Kriegsrat hat in Paris unter dem Vorsitz des Präsidenten der Republik Doumer- gue eine Sitzung abgehalten.
v. Hoesch wieder bet Brtanö.
Wie seinerzeit bekannt gegeben wurde, war bei der Unterredung, die Botschafter v. Hoesch letzte Woche mit Außenminister Briand hatte, vereinbart worden, daß eine weitere Besprechung in der zweiten Hälfte dieser Woche stattsinden sollte. Diese Besprechung wurde Donnerstag nachmittag abgehalten. Sie dauerte fast 1% Stunden. Es wurden in ihr die gesamten Probleme der deutsch-fran- zösischeu Verständigung, um die es sich bei der Besprechung von Thoiry gehandelt hatte, durchgesprochen Es wurde dabei der Schwierigkeiten, die die Lösung derartig schwieriger Probleme mit sich bringt, gedacht und zugleich die Möglichkeit der Verwirklichung und die Methoden, zu einer solchen Verwirklichung zu gelangen, erörtert. Gs wurde vereinbart, daß eine weitere Unterredung in der ersten Hälfte der nächsten Woche stattfinden ivlle.
Der vierte Landsberger Fememordprozeß, über des- fen Beginn am Donnerstag wir bereits berichteten und bei dem es sich um die Ermordung des Zeitfreiwilligen Groeschke handelt, brachte bereits am ersten Tage ffbroer belastendes Material gegen den Oberleutnant Schulz und enthüllte ein furchtbares Bild von den Zuständen, die damals bei dem Küstriner Arbeitskom- mnnbo geherrscht haben. Wie sich aus der Verhandlung ergab, ist der ermordete Paul Groeschke aus Frankfurt a. d. Oder, der am 11. Juni 1923 in die Abteilung K. In Küstrin eintrat, schon bald nach seiner Ausnahme in den Verdacht geraten, ein kommunistischer Spitzel zu sein. Er wurde deshalb nach dem Fort Gorgast gebracht und bereits in der ersten Nacht furchtbar mißhandelt. Der auffichtsführende Fähnrich Becker, der zu den Mißhandlungen hinzukam, hielt den Zeitfreiwilligen Grätz ab, mit dem Gewehrkol- ben auf Groeschke, der nur mit Hose und einigen Hemdsetzen bekleidet, im Gesicht stark blutend dastand, einzuschlagen und meldete den Vorfall sofort dem Angeklagten Raphael, der Groeschke in Arrest bringen ließ. 3n feiner Arrestzelle erschien nach zwei Tagen der Oberleut, nartt Raphael mit zwei Mann. Er befahl seinen zwei Begleitern, dem Groschke die Kleider auszuziehen und schlug ihn dann mit einer Hundepeitsche, um eine Aussage von ihm zu erpressen. Noch wiederholt wurde Groeschke in ähnlicher Weise vernommen und Immer wieder von neuem geschlagen. Der Angeklagte Schiburr bearbeitete ihn mit einem Ochsenziemer, während der Angeklagte Grätz einen Gummiknüppel benutzte. Auf Grund dieser Mißhandlungen hat Groeschke schließlich eingestanden, kommunistischer Spitzel zu sein. Ueber die Aussage wurden mehrere Protokolle ausgenommen, die dem Oberleutnant Schulz nach Küstrin gesandt wurden.
FuldaerZeüung
______ Nrnemer für hic Sfahf und den.Areis ^ufbeu Ämkches fircisbfnfL
Ueber letzteren sagt der Angeklagte und frühere Föhn- rid; Becker sehr Belastendes aus. Er erzählt Don einem Gespräch, das er gemeinsam mit Oberleutnant Schwenk und dem Angeklagten Schulz gehabt habe. Dabei habe Schulz ihn ganz unvermittelt gefragt, ob er chon einmal einen Menschen umgebracht habe und ob es in seiner Heimat nicht Moorlächer gebe, in denen man einen Menschen verschwinden lassen könne. Auch von Gift sei gesprochen worden. Aus die Frage des Vorsitzenden gesteht Becker, daß er sich gedacht habe, daß an ben Verrätern das Urteil gesollt werden würde. Auf welche Weise dies geschehen würde, habe er nicht gewußt. Als er Schulz auf dessen Frage geantwortet hohe, noch niemals einen Menschen getötet zu haben, hätte Schulz erwidert: „Nicht zu gebrauchen!" Am Schlüsse der Vernehmung fragt der Vorsitzende den Becker: „Hatten Sie also den Eindruck, daß Schulz den Groeschke umbringen lassen werde? Ia oder Nein" Becker zögerte eine Weile, dann bejaht er bie Frage. Danach l gefragt, ob er bie Empfindung gehabt habe, daß Schulz
* Der Termin der Veröffentlichung des Hohen- zollernndfindungsgefetzes. Entgegen einer Blättermeldung erfahren wir, daß das vom preußischen Landtag angenommene Gesetz über die vermögensrechtliche Auseinandersetzung zwischen dem preußischen Staat und dem ehemaligen Königshause in der am Samstag, den 30. Oktober, erscheinenden preußischen Gesetzessammlung veröffentlicht wird. Damit treten bestimmte Abmachungen des Vertrages sofort in Kraft.
Die englisch-deutsche Verständigung.
Der Reichsverband der deutschen Industrie ist zu Besprechungen non dem Verband der britischen Industriellen nach London eingeladen worden. „Westminster Gazette" will wissen, daß die Kon- sercnz in London sich in der Hauptsache mit den Möglichkeiten eines Zusammenwirkens zwischen den führenden Export- und Finanzhäusern der beiden Länder auf den Märkten, wo ein gemeinsames Vorgehen zum gegenseitigen Vorteil sein wurde, befassen werde. Die Frage des Han- Bels mit Rußland werde, rote man erwarte, eingehend aennift und insbesondere die Bildung einer deutsch-englischen Handelsge- ellschaft nach lieberroindung der noch bestehenden beträchtlichen Hindernisse erwogen werden.
vor Kämpfen im Reichstag.
Die innerpolitischen Erörterungen haben in ben letzten Tagen sich recht erheblich zu gespitzt. Vor allem sind es Ausführungen auf deutschnationalen Versammlungen gewesen, die von der Presse dahin gedeutet werden, daß eine schroffe Opposition der Rechten in ben demnächst wiederzu- iainmentretenbcn Parlamenten zutage treten wirb. In ber „Berliner Börsenzeitung" wird im Hinblick auf solche Möglichkeiten ausgesprochen: „Wir würden es begrüßen, wenn die Einbeziehung der Rechten in die Regierungen des Reichs und Preußens recht bald ohne den drohenden Kampf im nationalen bürgerlichen Lager erfolgen würde."
In der „Deutschen Zeitung" heißt es: „Rechts ober links wird sich Herr Marx unb werden sich bie Seinen jetzt zu entscheiden haben. Und diese Entscheidung wird ihm kaum sehr leicht fallen. Westarp kündigt an, was wir seit Jahr und Tag gefordert haben. Mißtrauensvoten und Oppositionsreden sind zwecklos, wenn man in ber parlamentarischen Arbeit bie bekämpfte Regierung von Fall zu Fall stützt."
Auf alle Fälle scheint es, als wenn jetzt bie Deutschnationalen bie Frage einer Regierungsbeteiligung nicht mehr auf bem Wege des Wunsches, sondern durch das Mittel ber Forderung zur Geltung bringen wollen. Dahin wird die dieser Tage von dem Grafen Westarp in Leipzig gehaltene Rede gedeutet, bie u. a. folgenben Passus enthält: „Wenn bie jetzt regierenbe Minderheit glaube, der Wahl zwischen Sozialdemokraten und Deutschnatio- nalen ausweichen zu können, und nach wie vor mit wechselnder Unterstützung von rechts und links regieren zu können, so werde sie sich davon überzeugen müssen, daß auf diese Weise weder feste Regierungsverhältnisse geschaffen, noch positive Erfolge erzielt werden könnten."
Hergt.
Auf einer deutschnationalen Tagung in Lieg- n i tz sagte der deutschnationale Abgeordnete Staatsminister a. D. Hergt zur Frage des Regie- rungsbeitritts der Deutschnationalen:
Wir verfolgen eine praktische Politik. Wir drängen uns dazu, praktisch an der Regierung mit- zuarbeiten. Es ist die Tragik des deutschen Volkes, daß wir, die wir von Opfermut miv^mtttrmalem Willen erfüllt sind, während ber letzten acht Jahre mit nur ganz geringen Ausnahmen nicht haben pcklitisch mithelfen können. Gerade die Entwicklung der letzten Monate gibt uns die Hoffnung, daß bie nationale Kraft der gemeinsamen Linie in diese Politik eingeschaltet werden kann. Locarno trennte uns und mußte uns trennen. Thoiry und der ganze Fragenkomplex, der hinter Thoiry steht, braucht uns nicht zu trennen. Hier bietet sich die Möglichkeit des gemeinsamen Zusammengehens. Wir wollen a b ro a r t e n, was sich aus den Verhandlungen ergibt. Wir find aber, was wir auch auf dem Kölner Parteitag erklärt haben, zu jeder Mitarbeit im nationalen Sinne bereit. Der Optimismus, ben heute viele schon ben politischen Ge- schehnissen entgegenbringen, können wir nicht mitmachen. Wir suchen Realitäten. Der Redner kommt zu dem Schluß, daß, wenn aus den Thoiry- Verhandlungen sich nichts Reales ergebe, ein anderer Weg gefunden werden müsse. Das sei ein Ap- pell an die Mittelparteien, dem deutschnationalen Weg zu folgen, ben bie Partei seit Jahr unb Tag gewiesen habe. In feinen weiteren Ausführungen behandelte der Redner die Probleme der Innenpolitik und schloß mit einem Appell an die deutsche Einigkeit.
ifjn mit ber Ermordung beauftragen wollte, erwidert er. daß er sich nicht darauf besinnen könne
Darauf unterbrach der Vorsitzende die Vernehmung Werfers um bem Angeklagten Schulz Gelegenheit zu geben sich über bte vorgebrachten belaftenben Aussagen äußern. Schulz bestreitet bps ihm vorgehaltene Ge- wruch nut Schwenk unb $(?(fer enprgjf(f) un[> be„id)net btefe Aussagen als Rache ber Großgrundbesitzer bes Kreises Königsberg (Neumark), mit denen er auf ge- (panntem Fuße stehe. 1 b
Darauf wurden noch der Arbeiter Fricke und Willi Kiapproth, em Bruder des berüchtigten Erich Klapp- roth oernommen, der in der Mordnacht Posten gestanden h->"e. Er behauptete, daß er von ber Sache nichts rotffe unb auch fern Bruder unschuldig sei. Ein llnbe- tannter habe ihm später erzählt, daß Groeschke erschoß fen worben sei. Der Feldwebel Büsching habe das auf eigene Kappe gemacht. Schulz hätte davon nichts ge. wutzt. ö
Betveisanfräge ber Berfeiblger.
3n der Nachmittagssitzung beantragte Rechtsanwalt Sack als Verteidiger des Angeklagten Schulz, bie Denkschrift bes Reichswehrmini st er» als ;öeroetsmtttel anzuerkennen. Bewiesen soll wer- ben: Die Arbeitskommandos sinb im Einverstänb- " •’ m * f dem Wehrkreiskommando 3 aufge« ffeUt. Sie waren außeretatlich ausgestellt unb sollten Deshalb auf Wunsch bes Wehrkreises 3 vertraulich be- handelt werben. Sie leisteten nicht nur Arbeitsbienst, lonbern würben auch militärisch ausgebilbet, soweit bies gur Ausübung ihres Dienstes notroenbig war. Das Wehrkreiskommando 3 gab über den Reichswehrminister bem preußischen Minister des Innern Severinq Kenntnis. Ein beauftragter Vertreter bes bamaligen Reichswehrministers hat Anfang August 1923 in Begleitung von zwei Gewerkschaftssekretären in Spandau den bärtigen Arbeitstrupp besichtigt unb Einblick in besten Tätigkeit genommen. Dem Leiter bes Polizeibezirks Ber- fin war vom Wehrkreiskommanbo 3 ausbrücklich und wiederholt die Besichtigung des Arbeitskommandos an« heimgeftellt. Darauf wurde von diesem Anerbieten im Mai 1923 durch den Besuch ber Zitabelle Spandau Gebrauch gemacht. Beweismittel: Denkschrift des Reichswehrministers, das Zeugnis des Generalleutnants von Horn, des damaligen Chefs des Wehrkreiskommandos 3, des Generalleutnants von Hammerstein, bes jetzigen Chefs des Wehrkreiskommanbos 3.
Zu ber Frage ber Denkschrift erklärt ber Amtliche Preußische Pressedienst: 1 Eine Denkschrift bes Oberleutnants a. D. Schulz ist im preußischen Ministerium des Innern nicht eingegan- gen und auch sonst gänzlich unbekannt. 2 Es 'st unwahr, baß bie van Schulz geleiteten Arbeit«, kommanbos mit Wissen des preußischen Ministers des Innern ausgestellt ober auf. gefüllt worden sind.