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Für unsere Frauenwelt

Beilage zur Fuldaer Zeitung

Nr. 250 vom 28. OKI. 1926.

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Frauen meiner Kindheit.

Don F Schrönghamer-Heimdol.

Erinnerung mahnt mich, die liebliche Wahrheit zu sagen:

Wie Heilige waren die Frauen in früheren Tagen.

Bor meinen Knabenaugen steh'n sie noch immer 5n holder Reine Nur Apfelblüten haben noch gleichen Schimmer.

Was war ihr Leben? Ich sah sie immer nur lächeln Nach innen hinein — nach außen wehren und fächeln. Das war ihr Lieben? Ein einziges Sichoerfenken.

0 Frauen der Kindheit, wie harmooll muh ich euer gedenken.

D, feit ich selber, verlockt durch ein seltsam Geläute, Nn sündig und schuldig geworden mit Frauen von heute.

Vergaß ich das Leuchten der andern in jagenden Jahren,

Vergaß ich das Eiland der Mütter, die uns gebaren.

Zu Zeiten, wenn ich allein bin, faßt es mich heiß in der Seele:

O Frauen der Kindheit, wo seid ihr, ihr ohne Makel und Fehle?

Fröstelnd weiß es das Herz, daß sie verschollen wären. Verschollen, versunken, vergessen wie alle Wunder und Mären.

Die Mutter in der Erziehung.

Don Jos. Alb. Geige r-Tailfingen (Württemberg).

Wenn wir die Biographien großer Männer durch­schauen, finden wir fast regelmäßig an irgend einer Stelle den dankbaren Ausdruck der Liebe und Verehrung für ihre Mutter. Cs kommt damit der gewaltige Einfluß der Mutter auf den Charakter der Kinder zum Ausdruck. Eine gute und rechtschaffene Muller ist Kern und Stern aller Jugenderziehung. Kümmern sich die Müller wenig oder garnicht um die Erziehung ihrer Kinder, so kann man ruhig sagen, daß ein solches Volk dem Untergänge «ntgegengeht. „Wenn die Mütter versagen und nicht richtig mittun, wenn in ihnen die Mutterliebe nicht die Triebkraft ist zur rechten, treuen, kraftvollen Pflicht, «rfüllung, so wird nichts Gescheites trotz Jugendaus­schuß, Jugendpflege und Jugendverein. Wenn die Kim der in den ersten Lebensjahren verwahrlosen, wenn da nicht die Kräfte ihrer Seele geweckt, Fehler nicht zurück- gedrängt sind, so ist nachher die Arbeit an den Jugend­lichen leeres Stroh gedroschen." (Ant. Heinen „Schwal- benbüchlein S. 19.).

Frauen aber, die sich selbst aufopfern, um ihre Kin­der brauchbar fürs Leben zu machen, sind wahrhaft große Frauen, die unsterblich fortleben in der Geschichte des Volkes und Vaterlandes. Dr. Konstantin Holl, der verewigte Stadtpfarrer von Hechingen, hat uns in sei- nen beiden Büchern: „Die Jugend großer Männer" und „Die Jugend großer Frauen" glänzende Beispiele hier- für gegeben Wer erziehen will, muß noch mehr durch das eigene Beispiel, als durch gute Lehren erziehen. Die Mutter muß den rechten Geist und die echte Siebe in sich fragen, um die Kinderseelen zur richtigen Entfaltung zu bringen. Sie muß Ehrfurcht haben vor dem Kinde, Ehrfurcht vor dem Mutterberuf und Derantwortlichkeits- bewußtfein der Allgemeinheit gegenüber. Sie muß selbst konsequent im Reden und Handeln, in Lehr« und Bei- spiel fein. Sagte doch Herbart einmal: „Eine gute Mut- ter ist mehr wert, als hundert Schulmeister". Und er hak redjt. Das Verhältnis von Mutter und Kind ist viel natürlicher, dauerhafter, aufrichtiger, inniger. Freilich mufj sich auch dieses Verhällnis mit zunehmendem Alter ändern. Das darf von keiner Mutter übersehen wer­

den, soll ihre Erziehungsarbeit die gewünschten Früchte zeitigen.

Besonders bei den Töchtern muß die Mutter allmählich in die traute Freundin übergehen, vor der es keine Geheimnisse gibt. Nur so ist es möglich, die Tochter in den kritischen Jahren in die richtt- gen Bahnen zu lenken und so zeitlebens vor schweren «chäden zu bewahren. Wie schön schildert doch Heinrich Pestalozzi, der große Meister der Erziehungskunst das Verhältnis von „Mutter und Kind": (Wie Gertrud ihre Kinder lehrt 14, 7 ff.) „Mutter, wenn ich deiner ver- geffe, so vergesse ich Kott, lebe wie der Löwe für mich und brauche im Vertrauen auf mich meine Kräfte für mich gegen mein Geschlecht, dann ist kein Vafersinn mehr in meiner Seele, dann heiligt meinen Gehorsam fein göttlicher Sinn, und mein scheinender Pflichtsinn ist trügender Schein Mutter! Mutter! Wenn ich dich liebe, sa liebe ich Gott; Mutter und Gehorsam, Gott und Pflicht, Gottes Wille und das Edelste, Beste, das ich zu erschaffen vermag, ist mir ein und dasselbe".

„Welche Mutter wird nicht beim Lesen dieses hohen Liedes der Mutterliebe, wie es nur ein Pestallozzi singen konnte, mit freudigem Stolze und mit tiefer Ehrfurcht von der erhabenen Aufgabe der mütterlichen Erziehung erfüllt?"

Möge daher auch das kommende Pestallozzijahr 1927 wieder den echten Geist der Mutterliebe in deutschen Landen wachrufen, in der Jugend wahren Kindersinn erwecken, Ehrfurcht, Liebe und Treue den stets opfer- bereiten Eltern gegenüber einpflanzen und in unserem ganzen Volke den alten deutschen Familiensinn wiederum neu beleben Möge insbesondere die deutsche Frau stets ihrer hohen Erziehungsaufgabe eingedenk bleiben, so ihrer eigenen Vervollkommnung dienen und gleich, zeitig ihren Angehörigen den Weg zum wahren Glücke weisen, damit das hohe Lied der deutschen Frau wieder rein und. voll durch all die heimgesuchten deutschen Lande klinge!

Der modische Zchuh.

Don E m f i, Frankfurt a. M.

Das Hauptaugenmerk der neuzeitlichen Damenwelt muß sich heute auf eine zweckentsprechende kultivierte Fußbekleidung richten. Abseits jener Luxuspflanzen, die sich zu jedem Anzug die pasienden Schuhe leisten mögen, stehen die erwerbslosen, sparsamen, bescheide- nen Mittelstandsfrauen, die auch nicht gerade im halb- hohen Rahmenschuh mit Kreppsohle, ihrem Arbeitsschuh, die wenigen Feierstunden ihres Winters genießen möch. ten. Es gibt jetzt allerdings auch als Trotteurschuh recht nette Modelle, selbst mit niedrigem Absatz, die aus braunem, haselnußfarbenem ober schwarzem Boxkalf mit abstechsnden Lederabsätzen gearbeitet werden.

2Iud) der hohe Schuh versucht sich wieder einzubür- gern. Vorläufig benimmt er sich noch etwas zurückhal- tend und besteht aus hautdünnem, grauen oder braunen Wildleder mit Spiralverschnürung: Ein einziger Griff oder Druck genügt, um die Spirale in Bewegung zu setzen und damit dem ziemlich hohen Schuh selbsttätig zu öffnen und zu schließen. Alles lästige Knöpfen ober Schnüren fällt völlig aus: Hier haben also angeblicher Zeitmangel unb vorsätzliche Neuerungssucht einmal eine Neuheit erfunben, die sogar praktisch zu sein scheint!

Au ch die Verschnürung am Halbschuh taucht wieder auf und zwar am ausgeschnittenen Salonschuh in Art der ehemaligen Kreuzbandschnürung.

Der neueste Abendschuh heißt Richelieuschuh und gleicht in seiner kostbaren Ausführung wahrlich den Luxusschuhen aus der Zeit Richelieus. Die Form ist halbfpitz ober stumpf mit ziemlichem kurzem Dorberblott unb mittelhohem Louis Quinze-Absatz, der häufig be. walt, bestickt ober mit Perlen unb Straß benäht wirb. Auch die Spangen ober Doppelspangen (eine über dem Reihen, eine über dem Knöchel) glitzern von falschen

Juwelen! Brokat ist abgetan Statt feiner wählt man Gold oder Silberlame, ober Goldchevreauleder und Sil« bercheoerauleder. Doch gilt der schlichte schwarze Atlas- pump stets als vornehm und dezent, ebenso der Seiden- schuh, der genau in der Farbe des Abendkleides ge- halten ist, also grau, weiß, rosa usw.

Als Straßenschuh für bessere Zwecke fertigt man diesen Richelieuschuh nicht nur aus Eidechse, Krokodil oder Schlangenleder in Rotbraun, Haselnuß, Blond oder Champagner an, sondern stellt ihn jetzt auch in imitier­tem Reptilleder her, also bedeutend billiger, oft mit Chevreau verarbeitet, seltener in Schwarz-weiß.

Die grünen, roten unb blauen Schuhe scheinen sich erfreulicherweise nicht einzubürgern, sie geben ihrer Trö- gerin allzuleicht ben Anschein einer nicht immer zeit- gemäßen Maskerade.

Cm Kochbuch der Küchenlosen.

Leider gibt cs in unserer Zeit krasser Wohnungsnot viele junge Ehefrauen, die die Wohltat einer eigenen Küche entbehren müssen. Auf oft recht primitiven Koch- gelegenheiten muß das Mittagsmahl hergestellt werden unb bie bange Frage: „Was koche ich heute?" schreckt mehr wie einmal bie Hausfrau. Aber auch hier gibt es Rat! Unsere ftänbige Mitarbeiterin Magba Trott hat ein „Kochbuch der Küchenlosen" verfaßt, bas im Verlag Friedrich Bauer in Kirchberg an der Jagst erschienen. 206 erprobte Rezepte mit kurzer Kochdauer enthält, bie ungemein praktisch zusammengestellt unb als brauchbar erprobt sind. Das neue hübsch gebundene Kochbuch war eine Notwendigkeit unb stellt einen Manael ab, der von ben küchenlcsen Hausfrauen längst lästig empfunden wurde. Keines der Gerichte, von denen wir nachstehend einige Rezepte bringen, hat eine längere Kochdauer wie 30 Minuten.

Geriebene Teig-Suppe.

Man knetet aus Mehl unb Ei einen sehr festen Nu- besteig, der eine Stunde lang in einen warmen Ofen ge­bracht wird, damit er austrocknet. Nun macht man aus Brühwürfeln eine Suppe, läßt sie aufkochen und reibt in die Flüssigkeit auf der Reibe den Nudelleig hinein. Die Suppe muß etwa 20 Minuten kochen. Sie ist sehr sättigend und nahrhaft.

©ebünffete Leder-Suppe.

Die Leber wird geschabt, mit einer Zwiebel fein ge- wiegt, darauf in Fett gedünstet, mit Mehl bestäubt, daraus füllt man mit Wasser nach und läßt alles 15 Minuten lang kochen.

hechk blau gekocht.

Dazu verwendet man kleinere Hechte, schneidet sie in Stücke und legt sie in einen Tops. Man gießt einen Tassenkopf voll Essig über die Stücke, gibt Zwiebeln, Gewürz, Salz, ein Lorbeerblatt und etwas Dill hinzu, schüttet kaltes Wasser über den Fisch und die Gewürze und wartet bann, bis bas Wasser zu kochen beginnt. Dann nimmt man die Stücke heraus und serviert sie mit einer Tunke aus frischer Butter, gehackter Petersilie und Meerrettich.

Gefülller Hering.

Man legt die gut gereinigten Heringe in eine ausge­fettete Auflaufform, bestreicht sie mit Milch, in der man ein Gelbei verquirlt hat und bestreut sie mit geriebener Semmel. Dann setzt man Butterflöckchen auf und läßt die Heringe 25 Minuten bei schwacher Hitze im Ofen backen. Vor dem Einlegen in die Stuflaufform hat man die Heringe mit einem Kartoffelbrei gefüllt, ben man mit Pfeffer, Salz, fein gewiegter Zwiebel und etwa gehackter grüner Petersilie vermischt hat.

Blumenkohl mit Tomalenguß.

Ein großer Blumenkohlkopf wird geputzt und in nicht zu kleine Röschen zerlegt. Jetzt bringt man leicht gesalzenes Wasser zum Kochen und läßt darin die Stück­

chen weich werden. Inzwischen hat man 3—4 Tomaten in Scheiben zerschnitten und in sehr wenig Wasser zer­kochen lassen, woraus man sie durch ein feines Sieb streicht Aus 1 Eßlöffel Butter und zwei Eßlöffel Mehl bereitet man eine helle Mehlschwitze, die man mit Blu- menkohlwasscr, sowie dem Tomatenbrei aufzieht. Man läßt eine dickliche Tunke daraus kochen, die man nach Belieben mit einem Gelbei abzieht. Mit Salz unb Psei- fer abgeschmeckt, richtet man sie über den Blumenkohl an.

Liebe unb Glück.

Das unsere Dichter und Denker darüber zu sagen wissen. Zusammengestellt von Hermann Segnet.

Man schweigt zweimal in der Siebe, bas erste Mal aus Furcht, bas zweite Mal aus Vertrauen; das erstemal im stummen Vorfrühling bes Herzens, wo die Blicke noch zu laute Worte sind und wo jede Seele in ihrem dunklen Laube für die andere reift; bas anbere Mal im Nachsommer bes Herzens, wo 2 vertrauende Menschen schweigend erinnernd und genießend auf der erreichten stillen Höhe nebeneinander stehen, wie man im Frühling auf einem hohen Gebirge die Sonne über die glänzende Ebene aufgehen sieht, aber das Morgengeschrei der Vögel, die darin und darüber schweben, oben nicht ver­nimmt. Jean Paul.

Auch mit wenigem lebt man glücklich; zu verschmä­hen ben Reichtum ist auch Reichtum; nüchtern-sröhliche Armut machet nüchtern, tapfer unb fröhlich.

Herder.

Selig sind, bie Siebes tun auf Erben. Sie sind in Wahrheit bie einzigen Seligen. Wesendonk.

Alles Verständnis kommt uns nur durch die Siebe. Wagner.

Kein Gedanke macht uns einem Menschen gegenüber fröhlicher als der: Dir könnte ich gut fein. Für die Rein­heit unseres Glückes ist es ohne Belang, ab er erwidert wird. Bonseks.

Fordert das denn die Siebe, daß man werde wie der andere? Nein und tausendfach nein. Ist nicht dadurch der Bund zweier starker Menschen so reich unb so all- beglückend. daß beide herrschen und beide dienen in Schlichtheit und Friede und Freude unb stiller Genüg­samkeit. Mobersohn.

Frauenbücher.

Beyers Hochkunst in Bild und Film betitelt sich eine in Idee unb Ausführung ganz neue Serie von Koch­büchern, bie im Verlag von Otto Beyer, Leip­zig,'in Zusammenarbeit mit der Innung der Köche, Leip- zig, unb dem Internationalen Verband der Köche, Frank­furt a. Main, Zweigverein Leipzig, erschienen ist. Zum erstenmal ist hier der Film Lehrmeister auf dem Ge­biete der Kochkunst. Aus den Filmstreifen sind bie wichtigsten Aufnahmen zusammengefügt unb geben bie Arbeitsvorgänge bei der Bereitung eines Gerichtes klar unb lückenlos wieder. Die sechs Hefte, von denen jedes in sich abgeschlossen ist, geben nicht nur Aufschluß, wie Fische, Fleisch, Wild und Geflügel vorberettet, zubereitet, tranchiert und angerichtet werden, sie bringen auch eine Fülle von neuen erprobten Rezepten für süße Speisen und Torten, Suchen und Backwerk, verraten viele Kniffe aus der Konditorkunst und gewähren Einblick in das Ge­heimnis, wie man Gäste mit einfachen Mitteln ausge­zeichnet bewirtet. Die Hausfrau, die Braut, bie Koch­lernende und der Fachmann, die Wirtschafterin, wie die die erfahrene Köchin, sie alle werden diese ausgezeichne­ten Führer nicht nur um des billigen Preises willen, (90 Pfg. kostet jedes wunderhübsche farbige Heft nur, trotz der vielen guten Abbildungen), sondern auch weil sie zum ersten Male jeden praktischen „Kniff" im Bilde vor Augen sehen, nicht mehr missen mögen.

Unter falscher Flagge.

Roman von 3. Hohenfeld.

69] ----------

Giralba war zur Reise gerüstet. Madame Roger packte noch ein gutes Frühstück ein, wobei auch eine Flasche alten Weines nicht fehlte; dann bedeckt« sie die glimmenden Kohlen mit Asche und löscht« das Licht aus. Die Glastür wurde aufgeschlossen und die beiden ver­ließen klopfenden Herzens das Haus.

Cs war kein Stern am Horizont sichtbar; die ganze Umgebung des Schlosses lag in Finsternis gehüllt. Die beiden Flüchllinge schlichen sich leise nach den Stallungen.

..Es ist niemand hier," flüsterte die Haushällerin. „Die Manner sind drinnen beim Wendbrot."

Die Stalltür stand offen und der Raum war durch «ine große Laterne erleuchtet; die mutige Frau trat ein und sah die Pferde vor ihrer Krippe stehen.

Sie sattelte zuerst Giraldas Zulima und machte sich |bann daran, für sich ein Pferd, ein starkes, braunes Pony, zu satteln; daraus führte sie beide Tiere ins Freie.

Giralba schwang sich gewandt in den Sattel. Die .haushällerin folgte und beide ritten so leis« als mög­lich aus dem Hose, kreuzten die Wiese und ritten dann im Schallen eines Geb-.lzes. welches zwischen den Stäl­len und dem Wohnhaus« tag, weiter.

„Jetzt heißt es fest sitzen und eine sichere Hand haben. Fräulein Giralba," sagte die Haushällerin mit ge. bämpfter Stimme. „Der Weg, den wir jetzt einschlagen muffen,, ist steil und abschüssig und zwar in solchem Maße, baß niemand daran denken wird, daß wir ihn benutzen konnten. Ich ritt ihn einmal, als ich in furcht­barster Elle zu meiner sterbenden Schwester gerufen worden war. Er ist schwer zu passieren wegen der vie­len kleinen Bergströme."

‘ Der Pfad, so eng er auch war, war sehr rauh. Die Zweige und Aeste der nahe am Wege stehenden Bäume berührten oft unsanft die Reitenden, ja, sie kamen so flar dadurch in Gefahr, von den Pferden gerifjen»zu werden. Die Steigung war eine ziemlich bedeutende, baß es schwer hielt, eine gerade Haltung zu be­wahren.

I Nach und nach sanken die Abendschatten immer tie- fer, die Sterne gingen auf in voller Pracht und glänz- ten durch die klare, kalle Nacht.

„Ich glaube schon, daß wir auf diesem Wege sicher sind!" seufzte Giralba nachdem sie eine ziemliche Strecke zurückgelegt hatten. „Sie haben recht, Madame Ro­ger, sie werden uns sicher auf diesem Wege nicht ver­muten. Der junge Herzog von Peausort wollt« mir morgen früh einen Besuch im Schloss« machen!" „Was wird er sagen, wenn - er mich nicht mehr antrifft? Er wird in Angst geraten um mich! Ich wollte, ich hätte ihm eine Nachricht hinterlassen."

„Ihre Nachricht an ihn, Fräulein Giralba, würde zunächst dem Herrn Marquis überbracht worden fein,“ fagte die Haushälterin. „Es ist kein einziger unter ben Dienern im Schlosse, der um fein Leben den Bries be. fördert hätte. Sie alle fürchten den Zorn des Herrn Marquis! Sobald Sie bei Cecil« Rosseau sind, Frau- lein, können Sie einige Zellen an den Herrn Herzog schreiben. Ich bin fest überzeugt, daß er auf einem feiner Bollbluthengste bald den Weg nach der „Solitude" finden wird."

Der immer schlechter werdende Weg machte ein wei. tcres Gespräch unmöglich und es herrschte wieder tiefes Schweigen.

Giralba ließ die Erlebnisse des vergangenen Wend» noch einmal an ihrem Geiste vorüberziehen: — ihre Un­terredung mit dem Geliebten, die bann folgende Szene mit dem Todfeinde ihrer Familie, die sie jäh aus ihrem Glückshimmel riß und ihre ganze Zukunft in ein un- durchdringliches Dunkel hüllte, unb endlich ihre Versto­ßung festens des allen Marquis.

„Wird denn bie Lüge immer triumphieren?" sprach sie zu sich selbst, während sie einen flehenden Blick zu den Sternen erhob. „Sind Recht und Gerechtigkeit denn ganz zuschanden geworden in dieser Welt?"

Die Nacht brach vollends herein. Die Höhe, welche dem Schloß be Vigny gegenüberlag, war erreicht.

Die Flüchtlinge hielten ihre Rosse an unb sahen nach dem Schlosse zurück.

Lichter erglänzten in allen Fenstern des alten Land­sitzes-

„Sie haben bemerkt, daß wir auf Pferden entflohen > sind," sagte Madame Roger, „aber sie haben den Weg, den mir genommen, noch nicht entdeckt. Sie denken na- |

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tätlich, daß wir nach dem alten Kastell, „Adlershorst" geritten sind!"

Nur noch kurze Zeit ließen sie ihre Blicke ruhen auf dem weit hinter ü)nen liegenden Schloß«; bann wandten sie ihre Pferde wieder und fetzten ihren nächt- lichen Ritt fort.

Währenddessen kniete oben im Schlosse in Giraldas Zimmer der alle Marquis, rief sie unter den bittersten Tränen mst den zärllichsten Namen und flehte sie an, zu ihm zurückzukehren, weil er nicht leben könne ohne sie.

Und draußen auf wilden Bergpfaden ritt Graf Eugen in wilder Hast hin und her. Sein Herz war von grim­mem Haß für das Mädchen erfüllt dem er geschworen hatte, daß sie die Seine werden müsse um jeden Preis.

XXXX.

In weitem Umkreise der „Solitude" wuchs nichts als Ginster; der Boden war unwirtlich und hügelig. Rur feiten sah man eine bescheidene Blume neben den gelben 'Blüten des Ginsters heroordlicken. Die hauptsächlichsten Lebewesen dieser Einöde waren Schafe, welche in großen Herden dort weideten; auch Hasen unb Rebhühner wa­ren hier unter den üppig wuchernden Büschen hei- misch.

Inmitten dieser Einöde stand auf einem etwas höher gelegenen Platze, wo man eine prächtige Fernsicht ge­noß, eine einsame, kleine, aber niedlich« Hütte aus rohen Steinen, deren Dach ein großer, altmodischer Schornstein krönte.

Die Wohnung gehörte Cecile Rosseau, der früheren Geliebten Jaques Ricards.

Seitdem der Unwürdige ihr feine Treue gebrochen und sie verlassen hatte, war sie menschenscheu geworden. Sie lebte hier ganz allein; die wohlgepflegten wilden Rosenbüsche, welch« hinter dem Hause wuchsen, ließen erkennen, daß die Besitzerin des Hauses Naturschönhei­ten nicht abgeneigt war.

Auch wilder Wein umrankte die niedrigen Fenster; doch stand derselbe jetzt aller Blätter beraubt; nur unter bem Fenster streckten einige Frühlingsblumen neugierig die Köpfe heraus.

Hinter dem Haus« befand sich ein Stallgebäude, eben- falls aus rohen Steinen erbaut unb mit einem Strohdach versehen. Hier standen friedlich nebeneinander ein Esel und eine Kuh; has heißt, wenn das Wetter so ungün­stig war, daß sie nicht im Freien fein konnten.

। Salb nach Sonnenaufgang langten die beiden Flücht- linge vom Schlosse de Vigny in der Einöde, in deren

| Mitte die „Solitude" lag, an.

Sie fühlten sich sehr erschöpft. Ihr anftrengenbyr unb gefahrvoller Ritt hatte lange gebauert. Sie waren nur wenigen Leuten begegnet; nur einem Bauer, wel­cher um Mitternacht mit feinem Wagen nach Hause zu- rückkehrie, und fest ber Morgendämmerung zwei ober drei Arbeitern, welche an ihr Tagewerk gingen. Trotz­dem hatten sie sich nicht sicher gefühlt, aus Furcht, daß sie verfolgt würden.

„Sie sehen sehr angegriffen aus," sagt« Madame Roger, ihrem jungen Schützling in das bleiche Gesicht blickend. „Die Aufregung, ber scharfe Ritt in dieser Nacht, sind Ihnen zuviel gewesen. Wer wir sind gleich am Ziele, unb bei Cecile Rosseau sind Sie gesichert. Sie achtet bie de Vignys als bie angesehenste Familie in ber Welt. Es gibt nichts, was sie nicht tun würde für eine be Vigny. Sie hat gleich vielen nie an Arrnanb- Schukd gelaubt Sie hat manches liebe Wort unb man chen freundlichen Blick von ihm erhallen, als sie noch bei »ns auf dem Schlosse war. Er war bei allen beliebt, Fräulein. Cecile wird Ihre treueste Freundin werden und alles für Sie tun, was Sie auch von ihr verlangen, sobald Sie ihr sagen, daß Sie Armand be Vignis Toch­ter sinb!"

Während des letzten Gesprächs waren bie beiden Rei­fenden der Hülle so nahe gekommen, daß sie die offen- stehende Tür erkennen konnten. Ein leichter Rau-«» aus dem Schornstein zeigte an. daß Cecile mit der Be­reitung des Frühstücks beschäftigt war.

Madame Roger gab ihrem Pferde einen Schlag, daß dieses sich in Galopp setzte.

Giralba folgte ihrem Beispiel.

Als sie bem Hause ganz nahe gekommen waren, sahen sie bas Gesicht einer Frau hinter dem roeinumrantten Fenster neugierig hervorschauen: dasselbe verschwand jedoch sogleich wieder und sie hörten, wie drinnen im Hause offenbar hastig eine Tür geschlossen wurde.

Einige Minuten später hielten sie vor der Hütte und stiegen ab. Sie hatten kaum den Erdboden mit ihren Füßen berührt, als dieselbe Frau, welche sie vorhin hin­ter dem Fenster gesehen hatten, heraustrat. Ihr Aus. sehen schien ein wenig verstört zu sein.

Ä-ortiehuno total.)